Schreiben gegen rechts

Ende September erinnerte ich an die Blogparade 2016: Schreiben gegen rechts, nun geht es weiter, wenn auch anders. Anna möchte zusammen mit Vielen ein Buch der Zuversicht erstellen. Schau doch einmal hier:

https://annaschmidt-berlin.com/2017/10/08/schreiben-gegen-rechts-ein-buch-der-zuversicht/

Z = Zuversicht, damit beendete ich das Alphabet der mutigen Träume, erinnerst du dich noch…

https://cafeweltenall.wordpress.com/2017/01/31/z-zuversicht/

Es gefällt mir genau hier den Faden wieder aufzunehmen. Ich bin sehr auf die Geschichten und Essays gespannt.

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Fluss

die Galerie öffnet sich, wenn du ein Blid anklickst

Ich habe noch immer den Fluss auf meiner Haut – das Gefühl seiner weichen Tonerde an den Füßen – ein heißer Tag liegt auf der Haut, abgekühlt im Fließen des grünen Wassers. Vertraute Wege hin und her – zurück fahre ich mit dem untergehendem Mond – Freundinnenworte im Ohr – Kinderjauchzen auch – Leichtigkeit, Selbstverständlichkeiten, Vertrauen und Wohlwollen.

– Four monthes and you will feel homy. Sterne blinken, Eulenkind ruft, eine Fliege brummt durch die nächtliche Stunde. Meine Nachtdecke ist gewebt aus Flusswasser, Tonerde und Sonnenschein. Drei Muscheln lagen klein und weiß auf dem Grund – drei Muscheln, immer noch klein, dann braun, als ich sie hob. Dreizehn Stecken brannten, das Alte darf gehen, das Neue sich Raum nehmen. Stille …

Kartoffelernte und Wichtelleuchten

Das Zimmer färbt sich rosa. Ich steige auf den Stuhl und schaue aus dem Dachfenster in die Weite. Ja, die Sonne geht gerade unter, irgendwo im Westen, dort wo der Berg dazwischen ist und etwas weiter der Atlantik seine Wellen an die Strände von Sand und Felsen wirft. Drei Pferde stehen auf der Ostseite auf der Weide, der Wald ist die Grenze. Noch sind die Schwalben hier. Sie kreisen eine spätabendliche Runde über die Weite gen Süden. Es riecht nach Feuer. Gestern auch. Gestern ernteten wir die Kartoffeln, die Enkelkinder und ich. Wir haben sie auch zusammen gesetzt! Aber wieviel spannender doch so eine Ernte ist … boah Oma guck mal, ist diiie groooß! Stimmt, so viele dicke Kartoffeln und so viele mit lustigen Formen. Die Sonne stieg hoch, wir schwitzten und machten unter dem Hollerbusch eine Pause, es gab Apfelsaft mit Kranewasser und für mich einen Tee, eine Zigarette. Der Enkelsohn hatte seinen Traktor mitgebracht, mit Hänger, klar … wir luden die erste Fuhre auf und er, ganz der Bauer (Oma, ich werde Bauer – große Glanzaugen) fuhr sie vom Garten den langen Schotterweg vor die Treppe. Dann füllten wir noch zwei kleine Eimer, die die beiden tragen konnten und ich schleppte den großen Korb hinunter. Was aus fünfzehn kleinen Kartoffeln geworden ist, kann ich selbst kaum fassen. Sooo viiiele Kartoffeln und so viele dicke, ich muss wirklich eine dumme Bäuerin sein und lache. Jetzt geht es ans versorgen, damit sie noch lange halten. Eine Ladung wird für den Abend in einen Topf gefüllt. Mittagsschlaf für den stolzen, kleinen Bauern. Die Große und ich sitzen auf der Terrasse, sie möchte schreiben, sagt Worte wie Stern, wie Mama, Papa, Oma, Opa und Namen. Ich zeige ihr die Buchstaben, manche kennt sie schon, weil sie die von ihrem Namen kennt, sie macht das wunderbar. Nur das S ist und bleibt eine Schlange. Am Nachmittag kommt die Frau Mama mit Quark und Salat und Tomaten. Die Kartoffeln kommen aufs Feuer, der Quark wird angerührt, klar mit frischen Kräutern aus dem Garten, dann der Salat. Es kommt J. mit ihren drei Kindern und plötzlich ist hier richtig viel Leben. A., die nette Nachbarin, hat zwei Riesenzucchinis in der Hälfte durchgeschnitten und höhlt diese nun mit den Kindern aus, es gibt lustige Wichtelgesichter, am Abend beleuchten sie den Tisch.Wie wunderbar das alles ist, wie ich das genieße! Und dann sitzen sieben Erwachsene und vier Kinder, ein Baby auf Mamas Schulter um den großen Tisch, das Feuer lodert wieder auf, alle essen, trinken und haben Spaß. Die Sonne ist untergegangen, müde und glückliche Kinder halten nach den ersten Sternen Ausschau. Und dann bye, bye, bis bald. Drei Große bleiben übrig, noch ein Bier und dann auch gute Nacht, slaap goed…

Stadt, Land, Fluss

Als ich noch das Mädchen gewesen bin lebte ich am Rand einer Stadt, ich fuhr durch Wiesen und Wälder mit der Straßenbahn in die Stadt hinein. Als ich die Heranwachsende gewesen bin lebte ich sehr ländlich, woran ich mich gewöhnen musste. Als ich noch die junge Frau gewesen bin, zog ich in die Stadt und fuhr oft hinaus aufs Land. Als ich später in den schwarzen Wald gezogen bin, besuchte ich immer wieder große Städte.

Sonntagsbild #29

puppets in the streets #13 – oder lost in memories

draufklick = großes Bild – please click to enlarge

Nein, lost in memories ist nicht dasselbe wie lost memories … ich widme dieses Bild Mützenfalterin und ihrer grandiosen Serie „lost memories“, aber schaut mal selbst → https://muetzenfalterin.wordpress.com/2017/07/19/lost-memories-18/ es ist schon das 18. Bild ihrer Serie, runterscrollen lohnt sich!

Ansonsten wünsche ich euch allen einen erholsamen Sonntag.

Du-Land

Und plötzlich sind wir wieder im Du-Land. Hier duzt jede jeden und umgekehrt und dann och noch auf Berlinerisch! Wie jerne ick dette höre!

Und alle helfen. An den ersten beiden Schleusen muss der gerade geborene Kapitän noch n´büschen üben, is noch n`büschen grrrün de Jong, nech?!

Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft, Herzlichkeit und eine Prise Humor bei Regenwetter beim Hin und Her auf den Kanälen und Seen ist eine kleine Freiheit…

Und plötzlich sind wir den Enten und Schwänen ganz nah.

 

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(für Gerda…)

1. Mai – eine Erinnerung

Alle hier gezeigten Bilder stammen aus der Broschüre des Berlin Kreuzberger Bildarchivs „Umbruch“

Das Schöne am Umziehen ist nicht nur, dass man neue Felder betritt und gestaltet, sondern auch, dass man nahezu jedes Teil, jedes Buch in die Hand nimmt und so manches, nahezu Vergessenes, wiederfindet: hej, das habe ich ja auch noch! So ging es mir mit der Broschüre meiner Freunde aus dem Bildarchiv „Umbruch“ zum 1. Mai 1987 – 1992.

Gerade hatten wir am Feuer über diesen 1. Mai gesprochen, den 1. Mai 1987, als ich zwei Tage später die Broschüre wiederfand. Wir teilen eine Erinnerung, zwei Menschen, zwei Geschichten, ein Tag.

Gestern las ich einen Artikel bei der Dame von Welt über den 1. Mai 1987, ich kommentierte: dass sie es fast richtig dargestellt hat und dann revidierte ich auch schon wieder, wie soll es hier ein Richtig und ein Falsch geben (wenn man mal von Springerpresse und Konsorten absieht)? Jede und Jeder berichtet aus der eigenen Perspektive und von dem Ort aus, wo er/sie gerade gewesen ist. Nun also meine Erinnerung:

1.Mai 1987

Es war ein herrlich sonnig warmer erster Maifeiertag, wie eigentlich immer in Berlin am 1. Mai, wir waren am frühen Nachmittag auf dem Lausitzer Platz, wurden Teil von einem bunt fröhlichen Straßenfest von Jung und Alt und Menschen aus vielen Ländern, die bunte Mischung Kreuzberg jener Tage eben.

Wir, das waren meine damals noch kleinen Kinder (viereinhalb und siebeneinhalb Jahre alt), zwei Freundinnen aus Westdeutschland (so hieß das damals) und mein damaliger Lebenspartner. Wir hörten von der Durchsuchung des Mehringhofs (ging gar nicht!) und schlossen uns einer spontanen Demo „Dagegen“ an. Weit kamen wir nicht. Rund um den Lausitzer Platz waren „Wannen“ (Mannschaftswagen der Polizei) aufgefahren. Zunächst entdeckten wir sie auf der Skalitzer Straße: dann eben in die andere Richtung, aber auch dort waren sie mittlerweile angekommen, sämtliche Zufahrtsstraßen zum Lausitzer Platz wurden von ihnen blockiert. Wir entschieden uns zu einer Sitzblockade und versperrten somit und wiederum den sogenannten Ordnungshütern den Zugang zum Straßenfest, das immer noch bunt und lebensfroh war, die meisten BesucherInnen hatten überhaupt noch nicht mitbekommen, was sich im Hintergrund zusammenbraute.

Durch die Sitzblockade sah sich die Gegenseite zu einem Rückzug gezwungen. Unvergessen ist der Augenblick, als ein sichtlich nervöser „Wannenfahrer“ rückwärts setzte und dabei ein parkendes Auto nach dem anderen schrammte. Es wurde gejohlt und „Zugabe“ gerufen, noch war es lustig, aber dann ging alles sehr schnell. Von irgendwo kamen Flaschen geflogen (später hieß es, dass es „Zivis“ gewesen wären – denk- und vorstellbar war das) und genau darauf hatte „man“ wohl gewartet? Die Antwort waren Tränengaspatronen von allen Seiten auf ein bunt fröhliches Straßenfest mit Jung und Alt und Menschen aus vielen Ländern.

Das war der Moment, als ich mit meinen Kindern Nachhause rannte. Meine zwei Freundinnen waren schon dort. Ich hielt es nicht lange in der Wohnung aus, ich musste wieder raus, musste sehen, hören, spüren, was dort passierte. Meine Freundinnen blieben bei den Kindern und ich versprach aufzupassen und schon war ich wieder auf der Straße.

Kreuzberg im Ausnahmezustand, der Volkszorn entludt sich und es war wirklich das Volk, nicht nur die sogenannten Autonomen und Linken, ein bunt fröhliches Straßenfest mit Tränengas zu bombadieren ging dann eben doch Vielen zu weit, man wehrte sich und das nicht zu knapp. Schon konnte die U-Bahn (hier Hochbahn) nicht mehr fahren, die Polizei konnte nicht für Nachschub und Verstärkung sorgen, auf den Zufahrtsstraßen zum Kiez brannten Barrikaden. „So nicht“ – „Es reicht“ – „Haut ab“, das war die einhellige Meinung von Jung und Alt und Menschen aus vielen verschiedenen Ländern.

Soweit so gut, dass dann später Läden geplündert wurden und Bolle (eine Berliner Supermarktkette) brannte, steht auf einem anderen Blatt.

Nun tobte der Straßenkrieg und ich kümmerte mich um eine Frau, die nahe einem Nervenzusammenbruch gewesen ist, ließ mir eine Packung Kippen von einer Plünderin schenken, zusammen mit einer Freundin reichten wir Wasser für die Tränen, von überall tönten Trommeln, mir war unheimlich zumute und dann kamen sie eben doch: mit Räumfahrzeugen und noch mehr Tränengas, Zeit Nachhause zu gehen.

Nun gab es viel zu verdauen und zu überdenken.

Wie oben geschrieben: am 1. Mai 1987 gab es einen konkreten Anlass für den Unmut des Volkes, dass es dann aber „Alle Jahre wieder“ hieß, konnte ich nicht teilen und wahrlich nicht nur ich…

Protest und Empörung ist legitim und es gab und gibt genügend was nicht stimmte und nicht stimmt, aber Gewalt und Plünderung von kleinen Läden, willkürlich Autos anzuzünden, nein, das ist nicht meine Welt. Ich schätze bunten und phantasievollen Widerstand, wie es das Büro für ungewöhnliche Maßnahmen ab Juni 1987 so wunderbar initiierte…

Ob heute wieder 15.000 Menschen und mehr unterwegs gewesen sind, um gegen die Missstände in unserem Land und in der Welt zu protestieren und wird der Sound am Abend wieder, wie jedes Jahr in Kreuzberg, Lalülala sein?

Dreißig Jahre ist es her, Kreuzberg hat heute ein anderes Gesicht, die Gentrifizierung schreitet voran, Gründe für Unmut gibt es immer noch genügend, sei es nun brauner Terror, der nicht geringer, sondern größer geworden ist oder die Machenschaften des Kapitals oder eben der Umbau von Kreuzberg … möge es friedlich, bunt und phantasievoll zugehen!

Schreiben hilft #3

Fortsetzung

Ich nehme meine neuen Räume ein. Ganz. Das erste Mal: keine Mutter, kein Bruder, keine Frau Maria Brehm, keine Freundinnen und Freunde, keine Kinder, kein Mann. Ich werde den Platz mit mir und meinen Geschichten füllen; die Tür wird unabgeschlossen sein.

Es wird keine blinden Flecken geben, ich will mich an keiner Ecke stoßen, ich will wieder an meinem Schreibtisch unter dem Fenster sitzen und schreiben.

Die Kompassnadel in meiner Hand zittert, sie richtet sich neu aus. Die schwarzen Tücher habe ich verbrannt, die Bilder aus dem alten Haus zu anderen gelegt. Aufrichtung und Weitergehen werden erneut wichtig. Meinen Faden lasse ich nicht mehr los, es ist meiner geworden, der kein Du mehr an seinem anderen Ende braucht, um mich zu halten. Unabhängigkeit ist ein großes Wort und eine Illusion. Mit Selbständigkeit ist es anders, sie schenkt Halt. Wieso sollte ich mich jetzt verlieren, wo ich mich doch erst in den letzten Jahren gefunden habe; hier, in diesem alten Haus, wo ich dich verlor…

Was ist das für eine Geschichte, die sich fortschreibt, weg von dir und mir, hin zu … ja, wohin? Was, wenn der Faden mich einwickelt, sich verknotet, klebrig wird, wie von einer Spinne gezogen? Was aber kann überhaupt geschehen, wenn ich den Faden in der Hand halte, die Richtung bestimme, den Weg und auftauchende Hindernisse im Blick? Wie sollte ich noch in einen Brunnen stürzen?

Egal wie abstrakt noch immer vieles ist, die Zeit läuft ab, ich verlasse dieses alte Haus; schon bald.

Tomas Espedal schreibt

Es ist immer schwierig, ein neues Leben zu beginnen. (…) Manchmal denke ich, wir sollten an einem ganz anderen Ort wohnen, in einem anderen Haus, wir könnten ein ganz anderes Leben leben; doch sobald ich den Kiesweg hochgehe und die Tür aufschließe, bin ich unendlich froh, zu Hause zu sein. (S.191/192)

Hier endet das Buch, hier beginnt mein neues Leben in einem neuen alten Haus mit meinem alten Namen; hin- und herpendelnd zwischen Ulli und Ulrike, stetig bleibt mein Familienname, wie unstet auch die Familie war. Machen Mutter und Tochter schon eine Familie aus? Ich hätte darauf bestanden. Meine Mutter wechselte lieber ihre Familiennamen, bis sie wieder bei ihrem Geburtsnamen landete. Ich bleib in diesem Punkt stabil.

Ich teile nicht das Los der Töchter, die nie werden wollten wie ihre Mütter, um dann später mit ihren Zungen zu sprechen. Ich sehe die Erbanlagen, ich hörte auch schon hin und wieder Worte der Mutter aus meinem Mund, aber einmal hat immer gereicht, um mich zu besinnen. Ich habe eine Familie, ich habe Freundinnen und Freunde, ich habe Spaß; ach Mutter…

Ich stelle mir Fragen, du singst. In manchen Momenten bin ich lieber wütend als traurig.

Es wird nicht der letzte Umzug sein, aber es werden auch nicht mehr sehr viele folgen. Vielleicht nur noch einer und dann der letzte vom Leben in die ewige Stille, was auch immer noch dann sein wird. Kann überhaupt Jemand Ewigkeit denken oder Unendlichkeit? Ich nicht. Ich kann sie nur hinnehmen, weil ich sie angenommen habe.

Ich bin nicht bereit ohne einen Boden unter den Füßen von hier wegzugehen. Ich war nicht auf das letzte Wort gefasst, noch auf Endgültigkeit vorbereitet, obwohl dann ich es war, die beides in den Raum zwischen uns stellte. Nun stehe ich dazu. Es hat lange gedauert.

Zu lang, zu kurz gehört in die Schublade der Müßigkeit, wie alle Entscheidungen, die es hinzunehmen gilt, wenn man sie gefällt und somit angenommen hat. Zurückdrehen, zurückkehren sind keine Optionen, Aufrichtung und weitergehen schon. Dazwischen ist die Zwischenzeit, sind die Wunden, die ich sauber lecke, mich in mir auf meinem Bett eindrehe und der Schlaf ein freundlicher Bruder ist.

Wenn ich nicht mehr warte, wenn ich lieber schweige als rede, wenn ich froher mit mir selber bin…

Die Geschichte schreibt sich seit mehr als dreißig Jahren vor und zurück, jetzt schreibt sie sich ihrem Punkt entgegen. Punkt, Null, Nichts, der kurze Stillstand, die Welt hält den Atem an, wer es nicht weiß, wird nichts bemerken.

Die arme Poetin stellt ihr Bett in einen anderen Raum, Regenschirme darüber hat es nie gegeben. Die arme Poetin muss und wird weiterschreiben. Sie wird sichtbar sein.

Kreise müssen sich schließen, sonst ist es keine Geschichte, ob mit oder ohne offenem Ende.

Mich schmerzt, dass du mich nicht lesen gelernt hast. Bei keinem und nie zuvor war ich ein offeneres Buch. Hätte ich geheimnisvoller bleiben müssen? Hätte, hätte, Fahrradkette… Ich war, ich bin, ich werde sein, basta. So oder gar nicht! Gerade eben schaue ich der Vergeblichkeit in die Augen, selbständig, unabhängig, soweit Unabhängigkeit noch keine Illusion ist.

Weich besiegt hart, weich kann hart sein oder werden, hart, weich; geballte Weichheit ist Wucht. Weder steter Tropfen, noch ein Samtläppchen für den letzten Schliff will ich sein. Ich nehme das Stachelkleid nicht mit ins neue/alte Haus. Dort ist Platz, ich kann dort tanzen! Es gibt keine Ecken an denen ich mich stoßen kann, die Tür bleibt unverschlossen.

(Fortsetzung folgt)


Anmerkung

Tomas Espedal – Wider die Kunst – ISBN 978-3-518-46752-7 – Suhrkamp Verlag – erste Auflage 2017

Schreiben hilft #2

Bevor es jetzt hier mit der Fortsetzung weitergeht, möchte ich sagen, dass mir diese Texte wirklich sehr geholfen haben. Dunkeltal war gestern, langsam wird es wieder bunt in mir und trotzdem möchte ich diese Texte mit euch teilen. Längst haben sie sich in meinem Notizbuch weitergeschrieben, dazu kommen andere, aus anderen Zeiten. Ich habe die wage Idee, dass dies ein Anfang für ein neues Buch ist. In dieser Woche stelle ich hier die Fortsetzungen 2-4 vor und dann soll wieder Raum für anderes sein!

Ich danke euch allen, die ihr mit mir fühlt und mich bestärkt, mir Schönes sendet, auch das hilft mir sehr und empfinde ich in keinster Weise als selbstverständlich. Darum nochmals meinen Herzensdank an euch.

Fortsetzung

Ich wollte immer nur schreiben. Egal, was ich sonst noch tat, irgendwas habe ich immer aufgeschrieben: einzelne Sätze, Gedichte, Flüche, Verwünschungen, Briefe, Liebesschwüre und Essays; Tage, Stunden und Augenblicke, die ich vergessen hätte, gäbe es nicht meine Notizbücher, die sich vermehren wie die Karnickel.

Selbst wenn ich tagelang malte, durch die Welt stromerte oder später in all dem Berliner Taumel, wenn ich fotografierte, an meinen Collagen arbeitete, am sichersten war und bin ich, wenn der Füller übers Papier glitt und gleitet oder meine Finger über Tastaturen huschen. Als ich zehn Jahre alt war bekam ich meine erste Schreibmaschine zu Weihnachten, weil ich sie mir wünschte.

suetterlin-alphabetMit acht Jahren lernte ich Sütterlin schreiben und lesen, weil ich es wollte. Weil mich nichts mehr beruhigte als Buchstaben, egal ob ich sie übte, malte oder schrieb, ob sie zu Worten und Sätzen wurden, oder ob ich sie in Büchern fand. Mit fünf Jahren konnte ich lesen- weil ich es wollte.

Das meiste in meinem Leben schrieb ich in meine Notizbücher, in Briefe und auch auf Karten, am liebsten in meinem Bett. Mein Bett ist zu manchen Zeiten Schreib- und Lesestube, Kinosaal und Schlafstätte. Ich habe es dann nicht weit, wenn die Müdigkeit kommt.

Tomas Espedal schreibt in seinem Buch WIDER DIE KUNST

Wenn man an einem Ort lange genug unglücklich gewesen ist, kann es passieren, dass man sich an diesen Ort stärker gebunden fühlt als an andere. Es kann passieren, dass du von einem falschen Glück beschwert wirst, das dich stärker an dieses Haus bindet als an andere; auf einmal willst du nicht mehr ausziehen. Jeden Tag, von Anfang an, seit dem ersten Tag in diesem Haus auf Askøy, habe ich mir gewünscht, hier wegzukommen, doch heute, nach all diesen Jahren, da ich gezwungen bin auszuziehen, da ich endlich an einen anderen Ort ziehen kann, will ich nicht, ich will nicht ausziehen. (S.140)

Nicht nur, dass mich Zurzeit reihenweise die Bücher finden, die mir mein Jetzt, meine Gefühle und Gedanken darin spiegeln, auch ich muss nun ausziehen. War es bis vor kurzem Wunsch und Traum, ist es nun eine Notwendigkeit. Das alte Haus soll umgebaut werden. Ich kehre danach nicht zurück. Ich gehe nie zurück, an keinen Ort. Als Besucherin, vielleicht… Ich erkenne den Sinn nicht und es hat auch noch nie eine Notwendigkeit dafür gegeben.

Nirgendwo habe ich mehr geschrieben als in diesem alten Haus. Ich schrieb in meiner Kemenate in meinem Bett, ich schrieb an meinem Schreibtisch und hackte Wörter in die Tastatur. Ich veröffentlichte ein Kinderbuch, dass äußerst eigene Wege geht und eröffnete diesen Blog. Ich schrieb die Novelle der kleinen blauen Frau, bei der kein Verlag anbeißen mag, was mich fuchst und ich sammle die Miniaturen, die kurzen Zeilen und Geschichten, die blauen Stunden, meine Gedichte.

Ich schrieb und schreibe und werde immer schreiben, weil ich will, weil ich muss.

Tomas Espedal schreibt hierzu:

Ich muss mich konzentrieren zu schreiben. Zuerst schreibt man, um ein Buch veröffentlichen zu können, um sich Schriftsteller nennen zu können, doch irgendwann schreibt man, um Geld zu verdienen, man schreibt, um eine Arbeit zu haben, und man schreibt, um besser zu schreiben, immer bessere Bücher, jedes Buch muss besser sein als das davor, das ist die Regel, die es fast unmöglich macht, Bücher zu schreiben. Ein Schriftsteller, schrieb Thomas Mann, ist ein Mann, dem das Schreiben schwerer fällt als allen anderen Leuten. Doch nach vielen Jahren und etlichen Büchern denkt man weniger ans Geld und die Bücher, es ist eine Notwendigkeit geworden zu schreiben, eine Lebensnotwendigkeit, man könnte nicht leben, ohne zu schreiben. (S.144)

Das alte Haus und mein Füller auf dem Papier, die Kemenate, das Bett, manchmal knackt die Trommel an der Holzschwartenwand. Heiliges verweigert sich der Kameralinse; später zeigt sich nur eine nichtssagende Oberfläche. Die Fotos aus dem alten Haus, dem, vor diesem hier, tun mir weh. Da war noch alles gut mit dir und mir. Auch von dort wollte ich immer nur fort, aber mit dir! Wir zogen in das neue/alte Haus, dann entfernten wir uns, nun ziehe ich alleine weiter. Du singst als wäre nichts geschehen. Wie machst du das nur?

Ich habe seit meinem Wegzug von der Mutter immer in alten Häusern gewohnt. Vielleicht weil ich mit ihr in Neubauten leben musste, die hatten keinen Stallgeruch. Sie waren nackt und lernten erst noch leben. Wie anders es in den Häusern und Wohnungen der Tanten und Großeltern, den Frauen Becker und Eysopp gewesen ist! In alten Häusern leben Geschichten zwischen den Wänden, Decken und Böden; in diesem hier keine guten. Ich hätte es spüren müssen, ich spürte etwas, aber ich ließ mich betören von den gelben Rosen vor der Haustür und dem weiten Blick. Nie lebte ich mehr in meinem Bett, nirgendwo. Es wird Zeit!

(Fortsetzung folgt)


Anmerkung

Tomas Espedal – Wider die Kunst – ISBN 978-3-518-46752-7 – Suhrkamp Verlag – erste Auflage 2017