Zu Myriades Impulswerkstatt 4 2022

Fensterln

Myriades 3. Bild, mein vierter Beitrag zur Impulswerkstatt Jänner/Februar 2022.

Als ich dieses Bild sah, dachte ich sofort an einen Abendspaziergang durch eine kleine Stadt im Südschwarzwald im Winter. Nun musste ich nur noch das Jahr bestimmen. Nicht immer ganz so einfach. Aber ich bin fündig geworden.

Fensterln also … ich habe zig Aufnahmen von Fenstern, gerne fotografiere ich Schaufenster, in denen sich plus der Auslage die Welt drumrum spiegelt. Bei diesem Gang aber ging es mir nicht um Spiegelungen, sondern um den Versuch die richtige Ausleuchtung auf meiner Kamera zu finden, um die abendlich beleuchteten Fenster abzubilden.

Und immer bleibt die Frage, was sich hinter den Fenstern abspielt. Bürofenster sind noch relativ eindeutig, aber all die heimelig wirkenden Fenster in den Straßen und Gassen, was spielt sich dort ab? Ist es traute Behaglichkeit oder wohnen dort Drama oder Tragödie, Freude oder Trostlosigkeit, Gemeinsamkeit oder Einsamkeit, Geselligkeit oder Sozialphobie, Liebe oder Hass oder alles nebeneinander und umeinander rum?

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Vielleicht

Vielleicht möchten „wir“ jetzt keine Bilder sehen, wie das Bild „Puppets in the streets 03 2021“.

Vielleicht möchten „wir“ jetzt ein bisschen Glanz und Tand, ein bisschen heile Welt und heile, heile Gänschen.

Die Gänschen landen gebraten auf zig Weihnachtstafeln, zuvor wurden sie gemästet, auf Teufel komm raus. Wer will das wissen? Wer will wissen, dass gleich nebenan Menschen an Grenzen (er-)frieren, auch auf Deutschlands Straßen, wo ihnen die Zugänge zu Bahnhöfen verwehrt werden? Jetzt …

Gleich nebenan hungern Menschen, fliehen Menschen, hoffen Menschen und scheitern an der Festung Europa.

Ja, auch ich backe Plätzchen, auch ich packe Päckchen, verschicke Karten mit guten Wünschen, weil ich weiß, dass sich am anderen Ende jemand freut. Ich mag Freude bereiten und teilen. Immer schon.

Ja, ich gehe in den Wald und hole Kiefernzweige, die auf dem Waldboden liegen und kann die Augen nicht davor verschließen, dass es ein kranker Wald ist.

Ja, ich freue mich auf die Wintersonnenwende, an der für mich das „Neue Jahr“ beginnt, aber freue ich mich auf das neue Jahr? Wie könnte ich dies unbeschwert, bei all den ungelösten Problemen, bei all dem Wissen, dass es so vielen anderen Menschen schlecht geht, dass die Diskriminierung des „Andersseins“ kein Ende findet, dass es seit vielen Jahren immer mehr Kraft für die Zuversicht braucht.

Ich lebe mit einer Schere im Kopf und das nicht erst seit diesem Jahr. Hier die Wünsche und Träume, das kleine persönliche Glück und Unglück, die winzigen Samen, die ich streue und die auch hier und da aufgehen, Begegnungen von Herz zu Herz, ob virtuell oder real – dem gegenüber steht die politische Realität und die denkt nicht an die Armen und Ärmsten, die will den Kapitalismus retten, der längst verloren hat, die will keine offenen Grenzen, die will keine Freiheit des Einzelnen, nicht wirklich und schon gar nicht in allerletzter Konsequenz. Wer fragt schon nach Beweggründen? Wer lässt wirklich die/den Anderen anders sein?

Und seien „wir“ doch einmal ehrlich, was hat sich WIRKLICH verändert. Man gab dem Volk Weißbrot, Kaviar und Champagner von Billigdiscountern, Spargel und Erdbeeren im Winter, zum Fest. Dahinter bleibt es wie es war und ist: hier die Reichen und Mächtigen, diejenigen, die mit einem golden Löffel in ihrem Allerwertesten geboren wurden und dort das Volk, das nichts von seiner Kraft je wirklich verstanden hat. Nicht hier, nicht jetzt.

Mein Bild „Puppets in the streets 03 2021“ ist ein Ausdruck, ein Denken an die Menschen, die sich nach einem sicheren Ort sehnen, einem Dach über dem Kopf, denen Worte nicht helfen. Worte, die wie ein Wirbelwind um sie herum schwirren, die nichts halten und auch nichts versprechen, die nichts für sie verändern.

Ja, ich freue mich auf die Weihenächte mit der Tochter, den Enkelkindern und Freundinnen und Freunden. Ja, wir werden erzählen, lachen, es heimelig haben, aber vergessen kann ich die andere Seite nicht und will es auch nicht.


Mein Lehrer „Kyabje Chime Rinpoche“, der in Tibet geboren, als Tulku erkannt wurde, eine profunde Ausbildung zum Lama = Lehrer erhalten hat, in den 1950er Jahren aus Tibet vor der chinesischen Invasion floh, zunächst in Indien, später, bis heute in England seine neue Heimat gefunden hat, sagte vor einigen Monaten sinngemäß, dass wir in einem sehr dunklen Zeitalter leben, dass er weiß, dass auch dieses vorüber gehen wird, aber dass er dafür betet, dass es schnell vorüber gehen möge.

Ich bete mit ihm.

Puppets in the streets 03 2021

Ohne Worte – without words

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Das Original wurde mir freundlicher Weise von Kaffeesatzleser – https://twitter.com/cafesatz zur Verfügung gestellt. Herzlichen Dank!

Das Foto ist für mich eine Collage der realen Welt und doch reizte mich diese Puppe sie noch einmal anders in Szene zu setzen.

 

 

Mutter tanze, dann bist du schön

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Seit drei Tagen hat Frau Graugans, aka Margarete Helminger, ihre Blogpforten für die „Mutmaßungen über meine Mutter“ geöffnet. Heute erschien mein Beitrag. Schaut doch mal selbst https://www.graugans.org/24-t-mutmassungen-ueber-meine-mutter-tag-3-ulli-gau/

24 T gleich 24 Türchen, 24 Mutmaßungen, 24 Facetten, Blickwinkel auf die jeweils eigene Mutter – ich bin sehr gespannt!

Dank dir, liebe Frau Graugans, dass du wieder einmal zu einem Projekt der Mutmaßungen aufgerufen hast und danke auch an alle Mitwirkenden.

Fragment 17

Für dich schlachte ich eine Ziege.

 

Der Frieden vom Berg ist ein trügerischer. Einer, der seltsam erstarrt und unlebendig ist, der sich an sie hängt und mit klebrigen Fäden umwickelt. Wie oft sie von woanders kam, belebt, lebendig, manche Falte wieder geglättet, munter und voller Tatendrang! Es währte nie lang. Was war, was ist, was zieht, zusammen und runter?

Sie hört sich noch sagen, sie hört ihn noch fragen, all die Jahre hindurch.

Nairobi musste durchs Dunkeltal, musste der Schneeeule folgen. Bärin trug sie durch altes Land. Sie lauschte den Liedern der singenden Schwäne und saß am breiten Ufer ihres Bruders. Zwei Fische, aus Weidenzweigen geflochten, nahm er auf, einen kleinen und einen großen, die trug er zum Meer.

Ist ein Meer nicht alle Meere, ist ein Fluss nicht alle Flüsse und ist sie nicht alle Menschen?

War sie nicht einst die Goldmarie? Und das Findelkind im Mooskörbchen? War sie nicht auch das hässliche Entlein und das Mädchen, dem die Mutter starb, das gequält und verhöhnt von Stiefmutter und deren hässlichen Töchtern zu Baba Jaga gehen musste, zu Frau Holle in den Brunnen? Und war sie nicht auch das Mädchen mit der roten Kappe gewesen und das Mädchen, das am Weihnachtsabend die Schwefelhölzer entzündete, mit Blick in den Sternenhimmel? Und war es nicht der Himmel und seine Weite, die ihr Verheißung auf ein Wiedersehen gewesen sind?

Für dich schlachte ich eine Ziege. Mit dir fahre ich um die ganze Welt. Mit dir kenne ich die Angst nicht mehr.“ Sätze zu Staub, Asche im Wind.

Wenn Nairobi alle Menschen ist, dann ist sie auch alle Engel und Dämonen, alle Feen, Hexen, Elfen, Elben, Zauberinnen und eine kleine Frau. Dann ist sie Königin im Schwanenkleid. Eine, die auszieht, um Kaiserin in ihrem Reich zu werden, dem Reich Überall-im-Irgendwo. Dem Land, in dem sie das weiße Rentier auf seinen Rücken nimmt, sie über alle Mauern und Abgründe trägt, während sie das Lied Ohne-Anfang-und-ohne-Ende singt. Begleitet von dem tiefen A in Moll – so, wie alle Schiffe tuten, das nur Johnny so auf dem Tenorsax blasen kann.

Knotenpunkte, Knoten aller Art und Seemannsgarn, Nairobi hat es geliebt das Akkordeon zu spielen, den Wind in den Haaren, das Meer im Blick.

Wenn das eine Leben alle Leben ist, dann ist es ein nackter Dada, ein Diddeldaddeldumm.



Diesen Text habe ich vor einiger Zeit schon einmal geblogt, nun habe ich ihn überarbeitet. Ich habe einige Passagen gestrichen, Neues hinzugefügt und ihn den Fragmenten zugeordnet.

Nischenliteratur II

Zwei Frauen, zwei Bücher, die ich empfehlen möchte.

Wie das Cover von Annette van den Bergh schon sagt: acht Menschen und acht Leben. Kurze Geschichten mit großen Sätzen – oder wie auf dem Klappentext zu lesen ist: „8 Menschen, 8 Leben, 8 Fiktionen! Fiktive Lebens-Protokolle, das Ich zwischen Freiheit und Determination tappend und immer suchend.“

„Für ein Glück, das mich selbst meint, muss ich nicht büßen!“

Am Tag bin ich, je nach Stimmung, ein Mann oder eine Frau und nur dann allein, wenn ich es will. Einsam bin ich immer, jedoch ohne ein Leid an diesem Zustand zu empfinden. Einsamkeit kann auch Raum bedeuten, für die Freuden einer Erfüllung anderer Art.

Ich weiß nur um unterschiedliche Existenzformen. Wenn es die Freiheit gibt, gibt es keine eine Form, es gibt nur Findungen und Erfindungen in die Form hinein, in denen wir leben. Nur wenn wir zu lange in einer Form stecken bleiben, glauben wir an diese Form, als das unsrig Vorgegebene. Das aber ist eine Illusion.

Sabine Schildgen schöpft Wortbilder, zart, kraftvoll und melodiös. Gerne stelle ich hier eins ihrer Gedichte ein. Ein schönes Geschenk für sich selbst und/oder für einen geliebten Menschen.

In Leuchtturms Armen

Einsam streift dein Licht durch dunkle Nacht –

gib acht, gib acht,

der Seemann beißt ins kalte Nass,

das Schiff, die Welt verlass,

ins kalte Wasser gleitet er,

sieht’s Licht nun nimmer mehr.

 

Einsam streift dein Licht durch dunkle Nacht –

sieht Sonnenhauch und Wolkenwacht,

lauscht Meeresrauschen, Wellenpfad,

weckt Gefühle, rosig-zart.

Einzigartig Wind und Duft,

einzigartig ist die Luft.

 

Einsam streift dein Licht durch dunkle Nacht –

zu End‘ ist nun die Sonnenschlacht,

Lyriden blitzen auf am Firmament,

blitzen auf nur den Moment.

Und wenn am Himmel Sterne schweifen,

lernst du Unendlichkeit begreifen.

Für die Impulswerkstatt von Myriade

Myriades Impuls

Nummer drei soll meine Nummer eins sein.

Zu jedem der eingestellten Bilder von Myriade fiel mir gleich ein bildliches Pendant ein. Das ist das eine, das andere ist der heutige Beitrag von Gerda und ihren Arbeiten zu dem Doppelgesicht.

Jede und jeder ist Viele, in uns wohnen viele Anteile, das Kind, die Jugendliche, die Heranwachsende, die Mutter, die Lehrende, die Lernende, die Ängstliche neben der Mutigen, die Wilde neben der Schüchternen, die Närrin neben der Miesmacherin … mein Boot hat viel Passagiere.

Sehr verbunden bin ich mit meinem inneren Mädchen. Vor einigen Jahren gestaltete ich ein Bild von uns Zwei.

Unsere Ahnen leben in uns weiter – im Guten, wie im Schlechten – und sind weitere Anteile, die in uns leben.

Meine Großmutter und ich

Die Bilder wie wir gerne wären, versus wer und wie wir sind.

Eine Vision von mir im Alter:

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Fragment 16

Zwischen Himmel und Erde

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Nairobi sitzt zwischen Himmel und Erde. Ein breiter Fluss durchschneidet das Land. Vielleicht heißt er Okavango. Die zwei Alten auf der Bank vor ihrem windschiefen Haus lächeln zu ihr hinauf. Sie murmelt: „Alles ein Geist, nur die Formen ändern sich. Alles nur eine Zeit, alles immer da und nicht.“

Die Alte zündet sich eine Pfeife an, ihr Blick ist weit wie das Land. Manchmal noch sitzt sie mit der Löwin am Feuer, krault sie hinter den Ohren, die Kinder spielen im Dämmerungslicht, nur das Kleinste schläft schon auf Großmutters Schoß. Der Alte schlägt leise den Blues auf den Boden unter seinen Stiefeln. Nairobi sinnt über die Lieder der Zuversicht. Noch stellen sich keine Töne ein. In Dunkelzeiten werden die Lieder sanfter. Und leiser. Ein Feuer brennt in der Ewigkeit. Geschichten werden erzählt, Lieder gesungen, Tänze und Trommeln um das Feuer herum. Das hat der weiße Mann nicht zerstören können. Was heilig ist, bleibt heilig. Der weiße Mann klärte auf, er verklärte und vernebelte die Wirklichkeit. Er fühlte sich im Recht.

Als die flinke Reiterin naht, springt Nairobi von ihrem Baum und läuft ihr lachend entgegen. Die zwei Alten haben Sterne in den Augen.