Bahndammkellerkind

Eine Collage aus Miniaturen, Texten und Neuem

Neubau 1955, ein Eckhaus, vier Stockwerke hoch, schmale Balkone, darüber ein Speicher für die Wäsche, ein Keller für Kartoffeln und Eingemachtes, Fahrräder, Schlitten und was man sonst noch im Keller aufbewahrte. Für uns Kinder war der Keller Spielraum und Begegnungsstätte, Abenteuer und Bastelstube, Reparaturwerkstatt und für mich der Ort für den ersten heimlich peinlichen Kuss.

Aber auch der Ort meiner Angst, die ich versuchte wegzupfeifen, wenn ich mich alleine wähnte. Ein schiefes Lied gegen das laute Pochen in meiner Brust. Dort, allein im Keller mit seinen vielen Winkeln und Verschlägen, seinen Kartoffeln, dem Eingemachten und Ausrangiertem, um etwas zu holen, das Mutter brauchte. Im Keller wohnte auch der Buhmann. Ein finsterer Geselle mit Kohlenstaub an Händen und im Gesicht, der auf die unartigen Kinder wartete. Er erwischte mich nie. Buhmänner mögen keine schief gepfiffenen Lieder.

Ein Eckhaus, drei Häuser zur linken Seite, drei Häuser zur rechten Seite, nahtlose Übergänge, dann Lücken. Neubauten in den 1960er Jahren kamen linkerhand dazu, die rechte Häuserreihe endete in einer Nische, an einer Brandmauer. Von der Straße aus ging es weiter. Zweistöckige Backsteinhäuser, vom Krieg unversehrt geblieben, in dem einen ein Blumenladen im Parterre, im anderen das Kino, dann nichts mehr. Erst nach ein paar Metern, das Büdchen, die Straßenbahnendhaltestelle, dahinter der kleine Bahnhof für die S-Bahn nach Essen oder Düsseldorf Hauptbahnhof.

Der Bahndamm daneben, er lief zu den Schrebergärten und weiter, immer weiter bis Essen oder bis der Weg für uns Kinder endete. Ein weiterer Spielraum meiner Kindheit. Züge fuhren selten. Gleise zum balancieren oder für die Ohren. Stilles Lauschen, bis leichte Vibrationen den herannahenden Zug ankündigten, Zeit aufzuspringen und sich in Sicherheit zu bringen.

Unregelmäßigkeiten im Dammbau durch Regen und Wind, sowie der eine und andere Strauch boten Verstecke, waren Kulisse für Räuber- und Gendarm-, für Cowboy- und Indianerspiele. Das waren die harmlosen Spiele. Heftig wurde es während der Karnevalstage, wenn die großen Jungs Ernst machten. Bis aufs Blut. Nur einmal war ich dabei, dann nie wieder. Mein großer Freund Toni hatte mich gerettet.

Doch zurück zum Eckhaus, dritter Stock, die mittlere Wohnung, die, die um die Ecke ging, mit dem langen Flur. Schräg gegenüber der Wohnungstür das Wohnzimmer mit Gummibaum und Ecksofa, Sesseln, Rauchtischchen, goldenem Aschenbecher zum runter drücken und der immer gefüllten goldenen Zigarettendose. Astor rauchte der Vater, Astor rauchte der Onkel. Ein Wohnzimmerschrank mit Sammeltassen, Wurzelholztüren und versteckter Bar, dem Silberbesteck und dem guten Geschirr für besondere Gelegenheiten. Es ging also schon besser.

1956, als ich geboren wurde, war der Krieg elf Jahre vorbei, die Hungerjahre noch nicht ganz so lang, der Aufschwung war in voller Fahrt.

In der Mitte der Hausreihen ein großer Spielplatz mit Plattenwegen, Bonsaihügeln mit Wiese, einem Schotterplatz, zwei Toren, einem Sandkasten, einem Klettergerüst und drei Schaukeln für fünfzig Kinder in allen Größen. Dort wuchs ich heran.

Wir spielten Murmelspiele, Hinkekästchen, wilde Jagden, Fuß-, Brenn- und Völkerball, Ochsenberger-eins-zwei-drei, Mutter-Mutter-wie-weit-darf-ich-reisen, Vater-Mutter-Kind.

Viele Mütter, viele Väter, viele Kinder, ehrliches Brot, gesunder Stolz und am Samstag großes Reinemachen. Der Sonntag- und der Satansbraten, Montagnudeln, Dienstageinerlei, Mittwochstampfkartoffeln-mit-Sauerkraut-und-Bratwurst, Donnerstagreste, Freitagfische, Samstageintopf, Woche für Woche, Jahr für Jahr, Rhythmus, Fleiß und Wiederaufbauschweiß. Keiner hat nie etwas gewusst und jetzt war es ja vorbei. Als gäbe es eine Endgültigkeit, ein Ab-ins-Meer-und-weg-damit. Als gäbe es Teppiche fürs Drunterkehren, als wäre Schweigen stumm. Als hätten sie sich neu erschaffen können, den Göttern gleich. Als hätten sie das Ende und das Wie in ihren Händen gehalten.

In der Erinnerung spielt Kindheit mit nackten Beinen. Nackte Beine hüpfen in Hinkekästchen, schießen Bälle ins Tor, drehen Pirouetten auf Rollschuhen, tanzen Gummitwist, springen Seil. Nackte Arme lassen rote Bälle fliegen, hin und her. Hätte es nicht auch die roten St.-Martins-Äpfel gegeben, den vollen Schuh am Nikolausmorgen und die Kerzen am Weihnachtsabend, wären die Beine wohl immer nackt geblieben. Schmelzende Eiskugeln würden stetig auf Sonntagskleider tropfen und Deckenhöhlen auf Baumschatten stehen. Immer würde die Amsel singen, die Spatzen tschilpen, die Knie zerschunden sein. Eine Sommerkindheit.
Unbeschwert, unverdorben, unschuldig. Kindheit erkundete fremdes Land. Ferienzeit. Nackte Füße im Bergbach, Kieselsteine ertastend. Das Mädchen war Suleika, ein Jahr später Tom Sawyer, die Freundin Huckleberry Finn, im katholischen Mädchen-Ferienlagertheater im Allgäu.

Vanillepudding mit gezuckerten Johannisbeeren auf seinem Grund war die Mahlzeit im Freibad. Haare und Röcke wehten im kühlenden Wind auf rotem Fahrrad, auf dem Weg dorthin. Goldgelbe Getreidefelder standen am Rand, von Kamille, Kornblume und Klatschmohn weiß-rot-blau getüpfelt.
Unbeschwert. Unverdorben. Unschuldig. Viele Albernheiten, viel Lachen, Tränen auch. Eben. Nicht immer war Sonnenschein, nicht immer Sommer und schon gar nicht immer Ferienzeit. Anderes schob sich darunter.

Erinnerungen liegen nicht chronologisch in den Fächern. Am Anfang jedoch zogen weiße Wolken über Azur, Schwalben im Geleit. Lagerfeuer am Abend. Lauter Gesang, leises Gebet. Schwimmen im Fluss, im See, durch den Teich, das Becken, den Kanal. Zuerst waren viele Freunde und Freundinnen, gemeinsame Abenteuer, Streiche und Spiele.

Das Andere legte sich darunter. Leicht, leichter am leichtesten bildeten die Spitze, schwer, schwerer, am schwersten den Grund.

An den Sonnenscheintagen meiner Kindheit sammelte ich weiße Kieselsteinchen am Rhein, während Ausflugsdampfer tuteten und Wellen für die Wassertänzerinnen hinterließen. Menschen winkten und lachten. Blaue Libellen schwebten über Mondfalterbach. Schmetterlingsleichte Gedanken ließen sich nicht fangen. Kirschen prall und süß, bunte Blumenwiesen zu Kränzen geflochten.

Erinnerungen werden durch Gerüche geweckt. Ich denke an die zwei Eisdielen mit den zwei Düften. An die kleine, mit der uraltfaltigen Frau, sie roch nach kühler Milch mit Vanille. Die großdunkelschummerige nach Wärme, Vanille, Erdbeer und Zitrone. Eine dritte, die kam, als die Uraltfaltenmilchfrau gegangen war, roch modern – nach Plastikstühlen. Dort ging ich selten hinein.
Eine Kugel Eis ein Groschen, eine Straßenbahnfahrt fünf Pfennig, eine Karussellfahrt zwanzig oder fünfzig. Manches erinnert sich schlechter als anderes.
In den Gärten meiner Kindheit gab es Kartoffel- und Gemüsebeete, Erdbeeren, Hühner- und Kaninchenställe, lebten Tauben auf dem Dach des Gartenschuppens, flogen Mai- und Kartoffelkäfer, aber Sonnenschirme oder Hollywoodschaukeln standen dort nicht. Die waren den Reichen vorbehalten, wie die dicken Teppiche und Kricketrasen. Bei den Reichen wurden andere Spiele gespielt. Leisere. Gezähmtere. Nicht wirklich lustigere. Manchmal wurde ich eingeladen, von Unwohlsein begleitet. Dort gehörte ich nicht hin. Fremdsein.

Die Erinnerung beginnt mit dem Duft von Vanillezucker in kalter Milch. Sie wandert weiter zu den Deckenburgen, zu eisgekühlten Hagebuttentees mit Zitrone und Zucker, hin zum Klingeln des Eismanns, dem Lumpensammler mit seiner Flöte und dem Einmannorchester an der Ecke der kleinen Stadt. Zitroneneis und Wasser, Butterbrote mit Salz, Lakritzschnecken und Salmiakpastillen, zwei Kirschlutscher für einen Pfennig, ein Colalutscher für fünf. Aber kaum Berge, kein Meer, viel Wiese, kaum Mutter, viel Freundin und Freund. Viel Tante, Cousinen und Cousins, viel Lachen und immer Schmerz und Tränen, wenn es Nachhause ging.
Dasselbe Stampfen der Dampflokomotive begleitete abwechselnd das Leichteste und Schwerste. Hinein in die Ferienzeit, hinaus. Hinein. Hinaus. Hinein. Hinaus. Hinein. Hinaus.
Im Hinaus wohnten andere Freundinnen, andere Freunde. Im Hinein verschwanden Tom und Huck wieder hinter den Buchdeckeln, gesellten sich zu Jim Knopf und Lukas, dem Lokomotivführer, zu Inga, Lisa, Britta, Kerstin, Lasse, Bosse und Ole, zu den fünf Freunden und den sieben Fragezeichen, zu Trotzkopf und zu Hanni und Nanni ins Internat.

Ich frage nicht nach den Häusern, ob sie noch stehen oder nicht, ob sie neue Farben bekamen oder nicht. In meiner Erinnerung stehen sie unverwittert, vierstöckig mit grauer Fassade und ich werfe wieder rote Bälle an ihre Wände.

Wenn ich an Maiglöckchen rieche, habe ich wieder Geburtstag in Tantes Garten, violetter Fliederduft gesellt sich hinzu. Gärten und Häuser, die verschwanden oder auch nicht, sie alle hatten einen Keller, ihre Wände erkannten mich an meinem Pfeifen. Kartoffeln, Eingemachtes, Schlitten und Fahrräder überall, in manchen auch Kohlen und Feuersalamander, aber es gab nur einen für den ersten peinlich heimlichen Kuss.

Meine Generation lernte die Not aus den erzählten Geschichten, weit weg von uns und den immer voller werdenden Geschäften. Seelennot, die lernten wir auch, aber Hunger gab es nicht, wenn uns auch nicht alles schmeckte und das Brot, vor der Brust geschnitten, mit einem Segenskreuz verziert, täglich und selbstverständlich auf dem Esstisch lag. Unser Hunger hieß nicht Brot. Er hieß Leben, Liebe, Lust, Leidenschaft und Wahrheit. Abenteuer winkten überall, nur nicht in den Wohnzimmern voller Gummibäumen und anderem Gewächs. Nackte Füße steckten in Sandalen, ob es sich geziemte oder nicht. Röcke verloren ihre langen Säume, Wind fuhr durch offen getragene Haare, Bärte wuchsen, Kreuze mussten brennen.

Der Rhythmus des Rock’n Rolls lag schon bei meiner Geburt in der Luft, bewegte die Atmosphäre, veränderte Blickwinkel. Frauen zeigten ab den frühen 1960er Jahren Bein, Peter Kraus sang von Motorbienen, Rita Pavone: Wenn ich ein Junge wär. Andere sangen von Freiheit, Liebe und Frieden. Männer und Jungs posierten mit Schmalzlocke, Bluejeans und Lederjacke, auch wenn in meinem Zuhause zunächst noch das Ave Maria, deutsche Schlager, Heimatlieder und katholischer Kirchgang angesagt waren, sowie Röcke, die gleich über dem Knie zu enden hatten.

Mit Kindern und Jugendlichen wurde damals nicht viel geredet. Wir sollten glauben, nicht fragen. Wir sollten gehorchen, sonst nichts. Und ich war ein Mädchen, dann ein Fräulein (wie albern das doch klang und klingt!), dann eine junge Frau; ich hatte nichts über das Frausein gelernt, nichts was ich hätte gebrauchen können. Die Kittelschürze war nicht für mich.

Die Werte der Familie und der Kirche gehörten schnell nicht mehr zu mir, aber erst einmal sickerten sie ein. Sie rochen schlecht, sie schmeckten bitter. Ich fragte, ich rebellierte, ich las, ich verließ das Haus.

Niemand hatte mit mir je über Liebe, Lust und Leidenschaft gesprochen. Aber die Sünde und die sündigen Leiber waren in aller Munde, so, wie die Huren und die Gosse, das billige Flittchen, das Fegefeuer und die Hölle. Der erhobene Zeigefinger richtete sich gegen mich. Lange wollte ich ein Junge sein!

Das Kreuz war massiv. Das Kreuz hieß Frau, hieß Sünde, Todsünde, Erbsünde, Eva und der Apfel, hieß Schuld, hieß sündiger Leib. Und dann erwachten mein Körper und die Lust. Nur schon meinen nackten Körper im Spiegel zu betrachten war eine Todsünde, hieß Fegefeuer und ab dafür. Wenn ich Lust hatte, mich nackt im Spiegel zu betrachten, wenn ich Spaß daran hatte mich zu berühren, galt dasselbe. Sünde, Sünde, hundert Jahre in der Hölle schmoren. So hatten sie es mir beigebracht. Das war meine Geißelung.

Der liebe Gott, von mir auf die Probe gestellt, verlor mit den fortschreitenden Jahren immer öfter, der Heilige Geist war eine Enttäuschung.

Ich war verwirrt. Ich wollte das Reh sein, aber ich war ein rasender Stier im Schildkrötenkostüm.

Mutter und ich waren weitergezogen. Kein Bahndamm, keine fünfzig Kinder, kein Vater, kein Großvater und keine Großmutter mehr und der große Bruder schon längst in der weiten Welt unterwegs, da blieben nur noch Zwei. Schon länger hatten wir uns nichts mehr zu sagen, Mutter und ich.

Das Bahndammkellerkind wurde zur Straßengöre, aber die Straße kannte kein Pardon.

Ich verbrannte mich. Ich wurde das Flittchen. Später kamen andere, die es ernst mit mir meinten, ich erkannte sie nicht, aber ich nahm ihre Hände. Ich war nicht mehr allein und hatte mein kostbarstes Gut doch schon längst verloren.

Ich lief durch die Welt, klein, dick, dumm, hässlich, weder richtig, noch liebenswert. Wir hatten viel zu tun, die Freundinnen, ich und mein Schutzengel. Der war mir geblieben, wenn auch ohne Flügel.

Ich habe solange an Mimosen und Rosen gerochen, bis der Gestank verflogen war. Die bittere Galle habe ich ausgekotzt. Ich baute mir ein neues Haus und manchmal fand meine Stummheit einen Trost.

Lange nicht alles war zerbrochen, lange nicht alles war beschmutzt, in mir keimte ein Lotus. Die Leidenschaft nahm sich ihren Raum.

Dann brannten die Kreuze. Lichterloh.

für Margarete

Zu Myriades Impulswerkstatt 4 2022

Fensterln

Myriades 3. Bild, mein vierter Beitrag zur Impulswerkstatt Jänner/Februar 2022.

Als ich dieses Bild sah, dachte ich sofort an einen Abendspaziergang durch eine kleine Stadt im Südschwarzwald im Winter. Nun musste ich nur noch das Jahr bestimmen. Nicht immer ganz so einfach. Aber ich bin fündig geworden.

Fensterln also … ich habe zig Aufnahmen von Fenstern, gerne fotografiere ich Schaufenster, in denen sich plus der Auslage die Welt drumrum spiegelt. Bei diesem Gang aber ging es mir nicht um Spiegelungen, sondern um den Versuch die richtige Ausleuchtung auf meiner Kamera zu finden, um die abendlich beleuchteten Fenster abzubilden.

Und immer bleibt die Frage, was sich hinter den Fenstern abspielt. Bürofenster sind noch relativ eindeutig, aber all die heimelig wirkenden Fenster in den Straßen und Gassen, was spielt sich dort ab? Ist es traute Behaglichkeit oder wohnen dort Drama oder Tragödie, Freude oder Trostlosigkeit, Gemeinsamkeit oder Einsamkeit, Geselligkeit oder Sozialphobie, Liebe oder Hass oder alles nebeneinander und umeinander rum?

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Vielleicht

Vielleicht möchten „wir“ jetzt keine Bilder sehen, wie das Bild „Puppets in the streets 03 2021“.

Vielleicht möchten „wir“ jetzt ein bisschen Glanz und Tand, ein bisschen heile Welt und heile, heile Gänschen.

Die Gänschen landen gebraten auf zig Weihnachtstafeln, zuvor wurden sie gemästet, auf Teufel komm raus. Wer will das wissen? Wer will wissen, dass gleich nebenan Menschen an Grenzen (er-)frieren, auch auf Deutschlands Straßen, wo ihnen die Zugänge zu Bahnhöfen verwehrt werden? Jetzt …

Gleich nebenan hungern Menschen, fliehen Menschen, hoffen Menschen und scheitern an der Festung Europa.

Ja, auch ich backe Plätzchen, auch ich packe Päckchen, verschicke Karten mit guten Wünschen, weil ich weiß, dass sich am anderen Ende jemand freut. Ich mag Freude bereiten und teilen. Immer schon.

Ja, ich gehe in den Wald und hole Kiefernzweige, die auf dem Waldboden liegen und kann die Augen nicht davor verschließen, dass es ein kranker Wald ist.

Ja, ich freue mich auf die Wintersonnenwende, an der für mich das „Neue Jahr“ beginnt, aber freue ich mich auf das neue Jahr? Wie könnte ich dies unbeschwert, bei all den ungelösten Problemen, bei all dem Wissen, dass es so vielen anderen Menschen schlecht geht, dass die Diskriminierung des „Andersseins“ kein Ende findet, dass es seit vielen Jahren immer mehr Kraft für die Zuversicht braucht.

Ich lebe mit einer Schere im Kopf und das nicht erst seit diesem Jahr. Hier die Wünsche und Träume, das kleine persönliche Glück und Unglück, die winzigen Samen, die ich streue und die auch hier und da aufgehen, Begegnungen von Herz zu Herz, ob virtuell oder real – dem gegenüber steht die politische Realität und die denkt nicht an die Armen und Ärmsten, die will den Kapitalismus retten, der längst verloren hat, die will keine offenen Grenzen, die will keine Freiheit des Einzelnen, nicht wirklich und schon gar nicht in allerletzter Konsequenz. Wer fragt schon nach Beweggründen? Wer lässt wirklich die/den Anderen anders sein?

Und seien „wir“ doch einmal ehrlich, was hat sich WIRKLICH verändert. Man gab dem Volk Weißbrot, Kaviar und Champagner von Billigdiscountern, Spargel und Erdbeeren im Winter, zum Fest. Dahinter bleibt es wie es war und ist: hier die Reichen und Mächtigen, diejenigen, die mit einem golden Löffel in ihrem Allerwertesten geboren wurden und dort das Volk, das nichts von seiner Kraft je wirklich verstanden hat. Nicht hier, nicht jetzt.

Mein Bild „Puppets in the streets 03 2021“ ist ein Ausdruck, ein Denken an die Menschen, die sich nach einem sicheren Ort sehnen, einem Dach über dem Kopf, denen Worte nicht helfen. Worte, die wie ein Wirbelwind um sie herum schwirren, die nichts halten und auch nichts versprechen, die nichts für sie verändern.

Ja, ich freue mich auf die Weihenächte mit der Tochter, den Enkelkindern und Freundinnen und Freunden. Ja, wir werden erzählen, lachen, es heimelig haben, aber vergessen kann ich die andere Seite nicht und will es auch nicht.


Mein Lehrer „Kyabje Chime Rinpoche“, der in Tibet geboren, als Tulku erkannt wurde, eine profunde Ausbildung zum Lama = Lehrer erhalten hat, in den 1950er Jahren aus Tibet vor der chinesischen Invasion floh, zunächst in Indien, später, bis heute in England seine neue Heimat gefunden hat, sagte vor einigen Monaten sinngemäß, dass wir in einem sehr dunklen Zeitalter leben, dass er weiß, dass auch dieses vorüber gehen wird, aber dass er dafür betet, dass es schnell vorüber gehen möge.

Ich bete mit ihm.

Puppets in the streets 03 2021

Ohne Worte – without words

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Das Original wurde mir freundlicher Weise von Kaffeesatzleser – https://twitter.com/cafesatz zur Verfügung gestellt. Herzlichen Dank!

Das Foto ist für mich eine Collage der realen Welt und doch reizte mich diese Puppe sie noch einmal anders in Szene zu setzen.

 

 

Mutter tanze, dann bist du schön

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Seit drei Tagen hat Frau Graugans, aka Margarete Helminger, ihre Blogpforten für die „Mutmaßungen über meine Mutter“ geöffnet. Heute erschien mein Beitrag. Schaut doch mal selbst https://www.graugans.org/24-t-mutmassungen-ueber-meine-mutter-tag-3-ulli-gau/

24 T gleich 24 Türchen, 24 Mutmaßungen, 24 Facetten, Blickwinkel auf die jeweils eigene Mutter – ich bin sehr gespannt!

Dank dir, liebe Frau Graugans, dass du wieder einmal zu einem Projekt der Mutmaßungen aufgerufen hast und danke auch an alle Mitwirkenden.

Fragment 17

Für dich schlachte ich eine Ziege.

 

Der Frieden vom Berg ist ein trügerischer. Einer, der seltsam erstarrt und unlebendig ist, der sich an sie hängt und mit klebrigen Fäden umwickelt. Wie oft sie von woanders kam, belebt, lebendig, manche Falte wieder geglättet, munter und voller Tatendrang! Es währte nie lang. Was war, was ist, was zieht, zusammen und runter?

Sie hört sich noch sagen, sie hört ihn noch fragen, all die Jahre hindurch.

Nairobi musste durchs Dunkeltal, musste der Schneeeule folgen. Bärin trug sie durch altes Land. Sie lauschte den Liedern der singenden Schwäne und saß am breiten Ufer ihres Bruders. Zwei Fische, aus Weidenzweigen geflochten, nahm er auf, einen kleinen und einen großen, die trug er zum Meer.

Ist ein Meer nicht alle Meere, ist ein Fluss nicht alle Flüsse und ist sie nicht alle Menschen?

War sie nicht einst die Goldmarie? Und das Findelkind im Mooskörbchen? War sie nicht auch das hässliche Entlein und das Mädchen, dem die Mutter starb, das gequält und verhöhnt von Stiefmutter und deren hässlichen Töchtern zu Baba Jaga gehen musste, zu Frau Holle in den Brunnen? Und war sie nicht auch das Mädchen mit der roten Kappe gewesen und das Mädchen, das am Weihnachtsabend die Schwefelhölzer entzündete, mit Blick in den Sternenhimmel? Und war es nicht der Himmel und seine Weite, die ihr Verheißung auf ein Wiedersehen gewesen sind?

Für dich schlachte ich eine Ziege. Mit dir fahre ich um die ganze Welt. Mit dir kenne ich die Angst nicht mehr.“ Sätze zu Staub, Asche im Wind.

Wenn Nairobi alle Menschen ist, dann ist sie auch alle Engel und Dämonen, alle Feen, Hexen, Elfen, Elben, Zauberinnen und eine kleine Frau. Dann ist sie Königin im Schwanenkleid. Eine, die auszieht, um Kaiserin in ihrem Reich zu werden, dem Reich Überall-im-Irgendwo. Dem Land, in dem sie das weiße Rentier auf seinen Rücken nimmt, sie über alle Mauern und Abgründe trägt, während sie das Lied Ohne-Anfang-und-ohne-Ende singt. Begleitet von dem tiefen A in Moll – so, wie alle Schiffe tuten, das nur Johnny so auf dem Tenorsax blasen kann.

Knotenpunkte, Knoten aller Art und Seemannsgarn, Nairobi hat es geliebt das Akkordeon zu spielen, den Wind in den Haaren, das Meer im Blick.

Wenn das eine Leben alle Leben ist, dann ist es ein nackter Dada, ein Diddeldaddeldumm.



Diesen Text habe ich vor einiger Zeit schon einmal geblogt, nun habe ich ihn überarbeitet. Ich habe einige Passagen gestrichen, Neues hinzugefügt und ihn den Fragmenten zugeordnet.

Nischenliteratur II

Zwei Frauen, zwei Bücher, die ich empfehlen möchte.

Wie das Cover von Annette van den Bergh schon sagt: acht Menschen und acht Leben. Kurze Geschichten mit großen Sätzen – oder wie auf dem Klappentext zu lesen ist: „8 Menschen, 8 Leben, 8 Fiktionen! Fiktive Lebens-Protokolle, das Ich zwischen Freiheit und Determination tappend und immer suchend.“

„Für ein Glück, das mich selbst meint, muss ich nicht büßen!“

Am Tag bin ich, je nach Stimmung, ein Mann oder eine Frau und nur dann allein, wenn ich es will. Einsam bin ich immer, jedoch ohne ein Leid an diesem Zustand zu empfinden. Einsamkeit kann auch Raum bedeuten, für die Freuden einer Erfüllung anderer Art.

Ich weiß nur um unterschiedliche Existenzformen. Wenn es die Freiheit gibt, gibt es keine eine Form, es gibt nur Findungen und Erfindungen in die Form hinein, in denen wir leben. Nur wenn wir zu lange in einer Form stecken bleiben, glauben wir an diese Form, als das unsrig Vorgegebene. Das aber ist eine Illusion.

Sabine Schildgen schöpft Wortbilder, zart, kraftvoll und melodiös. Gerne stelle ich hier eins ihrer Gedichte ein. Ein schönes Geschenk für sich selbst und/oder für einen geliebten Menschen.

In Leuchtturms Armen

Einsam streift dein Licht durch dunkle Nacht –

gib acht, gib acht,

der Seemann beißt ins kalte Nass,

das Schiff, die Welt verlass,

ins kalte Wasser gleitet er,

sieht’s Licht nun nimmer mehr.

 

Einsam streift dein Licht durch dunkle Nacht –

sieht Sonnenhauch und Wolkenwacht,

lauscht Meeresrauschen, Wellenpfad,

weckt Gefühle, rosig-zart.

Einzigartig Wind und Duft,

einzigartig ist die Luft.

 

Einsam streift dein Licht durch dunkle Nacht –

zu End‘ ist nun die Sonnenschlacht,

Lyriden blitzen auf am Firmament,

blitzen auf nur den Moment.

Und wenn am Himmel Sterne schweifen,

lernst du Unendlichkeit begreifen.

Für die Impulswerkstatt von Myriade

Myriades Impuls

Nummer drei soll meine Nummer eins sein.

Zu jedem der eingestellten Bilder von Myriade fiel mir gleich ein bildliches Pendant ein. Das ist das eine, das andere ist der heutige Beitrag von Gerda und ihren Arbeiten zu dem Doppelgesicht.

Jede und jeder ist Viele, in uns wohnen viele Anteile, das Kind, die Jugendliche, die Heranwachsende, die Mutter, die Lehrende, die Lernende, die Ängstliche neben der Mutigen, die Wilde neben der Schüchternen, die Närrin neben der Miesmacherin … mein Boot hat viel Passagiere.

Sehr verbunden bin ich mit meinem inneren Mädchen. Vor einigen Jahren gestaltete ich ein Bild von uns Zwei.

Unsere Ahnen leben in uns weiter – im Guten, wie im Schlechten – und sind weitere Anteile, die in uns leben.

Meine Großmutter und ich

Die Bilder wie wir gerne wären, versus wer und wie wir sind.

Eine Vision von mir im Alter:

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