Erinnerungen

Vor ein paar Tagen bin ich auf diesen Text von mir gestoßen, den ich im Juli 2015 geschrieben habe. Nun habe ich ihn leicht korrigiert. Wen es interessiert, so habe ich ihn damals illustriert → https://cafeweltenall.wordpress.com/2015/07/07/alt-und-neu-und-nichts-altes-mehr-neu-aufgelegt/

Manchmal staune ich, wie leicht ich schon schreiben konnte, es will mir so nicht mehr gelingen. Und ich hoffe sehr, dass dies nur eine Phase ist, die nun allerdings schon fast zwei Jahre anhält -m-

Eine Art Finale einer kurzen Serie von Altem, das ich neu auflegte und dadurch kein bisschen neuer wurde, nur Erinnerung mit der ich gerade zu tun habe.

Als ob es so muss, dass plötzlich nur noch Erinnerungen zählen, in der sie Gesicht und Worte einfordern und dabei jedes Jetzt überlagern, mich nicht wissen lassen, was ich gestern tat, dafür umso besser, was vor dreißig Jahren. Dass Erinnerungen ihre Türen und Fenster öffnen und Damalswinde Jetzträume durchwehen, mit Gerüchen, die alt erscheinen und gleichzeitig wohlbekannt. Nicht immer wohlig, nicht immer benannt in ihrem Duft, weil ein Erinnerungsduft sich zusammensetzt aus Kohlen im Keller, Kartoffeln, Feuersalamandern und meiner Angst.

Die Angst, die ich versuchte wegzupfeifen. Ein schiefes Lied gegen das laute Pochen in meiner Brust. Dort, allein im Keller mit seinen vielen Winkeln und Verschlägen, seinen Kohlen, Kartoffeln und Feuersalamandern, um etwas zu holen, das Mutter brauchte.

Die Gläser mit Eingemachten zählen nicht, geruchlos standen sie in Reih und Glied auf den Bretterregalen, die sich gefährlich bogen. Vielleicht roch noch das rote Gummi, das alles verschloss. Aber so wirklich interessierten sie nicht. Auch nicht heute, nicht in diesem Keller. Später, in einem anderen Keller ohne Winkel und Verschläge, ohne Kartoffeln, Kohlen und Salamandern lockten die Birnen. Da war ich nächtliche Mundräuberin, riss an den Gummis, aß ganze Gläser leer. Ich rieche die Birnen noch.

Aber jetzt will ich keine alten Orte aufsuchen, will nicht auf meinen Spuren wandern, will neue in den Sand vor mir setzen. Ich weiß vom Wind, der sie zerweht, ob früher oder später. Viele hat er schon mitgenommen. Meine Füße hinterlassen keine Abdrücke in Stein und das, was damals war, ist in mir. Die Häuser, ob sie noch stehen oder nicht, ob sie neue Farben bekamen oder nicht, bedeuten mir nichts. Sie stehen dort vierstöckig mit grauer Fassade, ich werfe rote Bälle an ihre Wände und will nicht mehr dorthin zurück. Keinen Weg von damals will ich noch einmal gehen.

Ich rieche an Maiglöckchen und habe wieder Geburtstag in Tantes Garten. Gärten und Häuser, die verschwanden, aber nicht in mir. Sie alle hatten einen Keller und alle ihre Wände erkannten mich an meinem Pfeifen, Kartoffeln und Kohlen überall. Feuersalamander nicht, Eingemachtes schon.

Wir lernten die Not aus den erzählten Geschichten, weit weg von uns und den immer voller werdenden Geschäften. Seelennot, die lernten auch wir, aber Hunger gab es nicht, wenn uns auch nicht alles schmeckte und das Brot, vor der Brust geschnitten, mit einem Segenskreuz verziert, täglich und selbstverständlich auf dem Esstisch lag. Unser Hunger hieß nicht Brot, er hieß Leben, Liebe, Lust und Leidenschaft, Abenteuer winkten überall, nur nicht in den Wohnzimmern voller Gummibäumen und anderem Gewächs. Kittelschürze war nicht unser Kleid, nackte Füße steckten in Sandalen, ob es sich geziemte oder nicht. Röcke verloren ihre langen Säume, Wind fuhr durch offen getragene Haare, Kreuze brannten.

Daher kommen wir. Zeiten, die jetzt von dem einen und der anderen aufs Papier gebannt werden, die ich lese, die meine Erinnerungsräume öffnen, die Spiegel der Zeit sind und vielleicht die eine und andere Spur zu sich selbst, warum man wurde, was man ist und vielleicht noch werden kann …

Ich verschließe Türen und Fenster, fege Spinnweben von altersschwachen Erinnerungswänden, streiche weiße Farbe über alte Bilder, die am Ende nichts verbirgt.

Als ob es müsste, weil man es so sagt, als hätte Alter kein Jetzt und als bliebe kein anderer Weg. Als müsste ich schon satt sein und mich nur noch an den alten Wegen laben, ihren Brotkrumen darauf. Ein Krückstock sagt noch nichts über die Augen! Das Neu hat immer auch das Alte im Gepäck, sowieso.

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Etüde 003 2019

Ja.

Ja, ich bin eifersüchtig. Hannah sagt es laut. Hannah spürt nach. Das innere Feuer knistert noch, es lodert nicht mehr.

Noch einmal.

Ja.

Ja, ich bin eifersüchtig. Das Feuer ist zu vielen schwarzrot glimmenden Holzkohlestückchen verbrannt.

Noch einmal.

Ja.

Ja, ich bin eifersüchtig. Hannah sieht Asche, sie spürt ihre Restwärme. Gut. Sie verlässt den Platz. Ihren Platz, unter einer Gruppe Birken, auf einer Magerwiese mit Felsen, ohne Vieh.

Jetzt bloß nicht stolpern! Das wäre ein schlechtes Ohmen. Hannah wird jetzt ohne Winterreifen über die zwei Zentimeter Neuschneedecke Nachhause fahren. Sie wird dreißig, dreißig, dreißig singen, ihr Wintereinbruchmantra, mit dem sie noch immer heile hin und her gekommen ist.

Soll er doch laufen oder bei Linda schlafen! Sie ist ja sowas von interessant und klug … zack, Hannah stolpert. Sch-sch-sch … Hannah schreit:

Ja verdammt!

Ja, ich bin eifersüchtig. Unglaublich wie still die Welt sein kann! Hannah gleitet Nachhause.

149 Wörter



geschrieben für das abc Etüden Projekt von Christiane, mit drei Wörtern, die dieses Mal Petra Schuseil gespendet hat → https://365tageasatzaday.wordpress.com/2019/02/03/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-06-07-19-wortspende-von-petra-schuseil/comment-page-1/


Da ich ab heute am späten Nachmittag wieder auf dem alten Berg ohne Internet sein werde, kommen meine Antworten auf spätere Kommentare erst ab Sonntagabend.

Momentaufnahme Januar 2019

Versuch eines Rückblicks in Worten – Januar 2019

Erfüllt mit glänzender Stille, flüsternden Sternennächten und winterblauen Bergweitsichten begann in diesem Jahr der Januar. Kein Streit, kein Hader, keine schlechten Nachrichten. Das Leben darf leicht sein. Ich darf leicht sein und ich darf sowieso glückliche Tage leben – sie sind so rar. Nicht, dass alle anderen Tage zwingend Unglückstage sind, mehr wohl Traurigtage, Grübeltage, Zaudertage, Schwerebeinetage, Hängebäckchentage.

Die Leichtglücklichtage kommen in die rote Lackschachtel. Die anderen Tage werden durchlebt. Mit allem Licht, mit allem Dunkel, mit allem Traurigem, Grübeligem, Zauderigem … alles dreht sich immerzu, weg oder zueinander hin. Nichts schwebt im luftleerem Raum. Alles hat Wurzeln. Sie halten sich mit ihren kleinsten, feinsten Armen. Sie flüstern miteinander. Schneedecke lässt keine Untererdelaute durch. Ungehört auch die Mäuse unter ihr. Grundfrost hält den Lauch im Garten fest. Buntspecht am Meisenknödel verwackelt. Januartage sind auch Spurentage.

Und Ofentage. Jeden Morgen anfeuern. Manche Morgende Schnee schippen. Jeden Tag Holz holen. Wie jeden Tag aufstehen, Kaffee kochen, wach werden, Träumen hinterherschauen, waschen, anziehen, weitermachen, was und wie auch immer noch. Schön, wenn es mit einem Lächelgesicht geschieht. Schön, wenn im Laufe des Tages die Geh- und Sitzbeine zu Tanzbeinen werden.

Spazieren mehr Innen als Außen, viel in den Archiven. Zusammenlegungen, Ordnungen, kein Ende in Sicht. Herauskristallisationen von Bewahrenswertem und Daskannweg. Winter in den Bergen braucht Mut, braucht Zähigkeit, braucht Ausdauer, die hohe Zeit der Gehörnten in den Felswänden. An Verzagtheitstagen fahre ich kein Auto.

Alles fließt – immer. Gedanken, wie Gefühle und Emotionen, wie Blut und Lymphe, wie Wasser vom und unter dem Himmel, in verschiedensten Aggregatzuständen. Ich mäander durch erneute Arbeitslosigkeit – Grübel-, Zaudertage, je länger der graue Himmel blaues Weit bedeckt und der Januar dauert. Ich schenke mir Trostpflästerchen. Und viele Eis- und Wasserfotos, neue Fotomontagen, lese manch gutes Buch, schaue manch guten Film und freue mich über manch nährenden Austausch.

Tag um Tag mit Inhalt füllen, mal mehr, mal weniger erfolgreich. Zufriedenheit am Abend stellt sich nicht unweigerlich ein. Atmen, lauschen, dem zunehmendem Licht zuschauen, stille Freuden nähren, Zärtlichkeitsblicke entdecken Schönheiten; kleine und große. Im Januar ist Eulenzeit.

Und jetzt kommt der Schnee.

Etüde 002b 2019

Unruhig rutschte Hannah auf ihrem Stuhl vor der Tür hin und her. Sie ermahnte sich ruhig zu bleiben, zu vertrauen, zu atmen, jetzt bloß keine Schwächen zeigen, die waren hier, in diesem Glasbetongemisch, fehl am Platz.

Man hatte sie gebeten vor der Türe Platz zu nehmen und sich einen Moment zu gedulden. „Man“ waren drei geschniegelte Herren in Maßanzügen, sportlich, attraktiv und sehr smart. Von ihnen hing alles ab.

Auch Hannah hatte sich nicht lumpen lassen, sie war beim Friseur gewesen, hatte sich ein sündhaft teures Kostüm mit passender Bluse gekauft, ihre Füße steckten in schwarzen High Heels. Sie hatte Zuhause geübt, so, dass es aussah, als wäre sie nie in anderen Schuhen über Flure und Straßen gegangen. Ihr Make-up war perfekt. Ihre Haltung suggerierte Selbstbewusstsein. Ja, auch das hatte sie geübt, Frau Z. hatte sie gecoachet, nach dem Motto, was es braucht, um erfolgreich in dieser Welt zu sein. Wochenlang hatte sie kaum Kohlehydrate gegessen, ihre Salatschüssel hingegen war immer gut gefüllt gewesen. Sie fröstelte.

Leise seufzte sie, es ging doch nur um einen Job als Buchhalterin, allerdings mit einem Spitzengehalt.

Endlich öffnete sich die Tür. Einer der Aalglatten bat sie wieder einzutreten und Platz zu nehmen.

Fräulein Schikowsky … äh, Entschuldigen Sie bitte … Frau Schikowsky, natürlich“, verbesserte er sich mit Blick auf ihre unberingten Finger, „leider muss ich Ihnen mitteilen, dass wir Sie nicht übernehmen können …“ Mehr hat Hannah nicht mehr gehört, er redete noch eine Weile, sie aber hörte nur Rauschen im Kopf, gab sich einen Ruck, stand auf und verließ türeknallend den Raum. Auf dem Flur schleuderte sie diese scheißunbequemen High Heels von sich, öffnete die zwei obersten Knöpfe ihrer seidigen Bluse und konnte endlich wieder frei atmen. Wie ist sie nur auf die saudumme Idee gekommen, sie könnte eine andere sein.

298 Wörter



geschrieben für das Etüden-Projekt → https://365tageasatzaday.wordpress.com/2019/01/20/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-04-05-19-wortspende-von-myriade/

Etüde 002 2019

Die zweite Etüdenrunde in diesem noch neuem Jahr.   Christiane hat uns wieder eingeladen. Von ihr ist auch diese schöne Einladungskarte, die Wörter hat Myriade vorgeschlagen.

Herzlichen Dank und liebe Grüße an euch beide!


Miniatur 002 2019

Sie stocherte in ihrer Salatschüssel herum. Noch immer war Essen allein an manchen Tagen mehr Pflicht als Lust. Mahlzeit kommt von „vermählen“, hatte einst ein Lehrer gesagt. Die Vermählung war lang her und hatte nicht getragen. Stachelige Erinnerungen, seidig gebliebene Haut. Der Rucksack war schon leichter geworden. Man muss nicht alles übernehmen, nicht alles bewahren, man darf Ballast abwerfen und Ballaststoffe essen. Für eine gute Verdauung. Appetit kommt beim Essen. Lust beim Streichen über seidige Haut.

76 Wörter

Bussard

Lagerkoller

Ich muss hier raus! Die Magie von Wintersonnenwende und Raunächten ist endgültig vorbei. Die Wärme des Ofens ist zu warm geworden. Ich brauche Luft, frische Luft, Wind um meine Nase, Matsch unter meinen Füßen. Es ist nichts passiert. Gar nichts. Kein Konflikt, keine Unbill, nur ich mit mir. Das ist nicht immer komfortabel, nicht zwingend gemütlich, bereichernd oder gar erholsam. Zu viel – zu wenig. Bewegung braucht es. Grünes sehen, Wind atmen.

Der Bussard fliegt so nah über das Auto, dass ich bremse, er dreht ab. Einige Kurven später fliegt er parallel zu meiner Fahrtrichtung, landet auf einem nahestehendem Baum. Wieder einige Kurven später kreuzt er erneut meinen Weg, dieses Mal fliegt er höher, eine Kollision ist ausgeschlossen.

Was will er mir nur sagen?

Der Bussard

Sieh den Bussard.
Wie kann es gelingen,
ohne Halt im Winde
Halt zu fassen
schwebend
ausgesöhnt mit allen Dingen,
und sich so mit aufgespannten
Schwingen
stürzend, stürzend, stürzend
tragen zu lassen?

von Friedrich Hofmann 1914

D a s will mir der Bussard sagen – ausgesöhnt sein mit allen Dingen, ohne Halt im Winde Halt fassen, stürzend mich tragen lassen.

Etüde 001 2019

Neues Jahr, neues Etüdenglück, zu denen auch in diesem Jahr wieder Christiane einlädt. Von ihr stammt auch diese wunderbare Gestaltung.

Dieses Mal hat die 3 Begriffe Ludwig Zeidler gespendet, der einst die abcEtüden ins Leben gerufen hat.

Herzlichen Dank und herzliche Grüße an euch beide!


Manni hat heute ein besonderes Glück, ein Abfallglück.

Heute arbeitet wieder Yussuf im Supermarkt und der weigert sich heimlich, still und leise am Abend den Müllcontainer mit einer Eisenkette und einem Vorhängeschloss zu sichern. Er tut nur so als ob. Und das weiß Manni. Und Yussuf weiß, dass Manni weiß. Und das ist gut so. Gut für Manni und für einige andere, die sich aus diesem Container Yoghurt, Milch, Quark und ähnliches fischen, das dem Verfallsdatum zum Opfer gefallen ist.

Verfallsdatum! Was kümmert das Manni? Es kümmert ihn auch nicht, dass der Paragraph „Mundraub“ schon vor vielen Jahren abgeschafft worden ist. Lieber Nahrungsmittel auf den Müll, anstatt zu verschenken? Das hat nichts mit schuldig oder unschuldig zu tun!

War Manni Schuld daran, dass er erst arbeitslos und später dann auch wohnungslos wurde? Schuld daran, dass er den Druck und das ewige Gerenne nicht mehr ausgehalten hat? Alle haben doch getrunken oder Pillen genommen oder Kette geraucht, um mithalten zu können! Dann verlor er das Maß. Was langsam begonnen hatte, endete im Desaster.

Es ist besser geworden. Mittlerweile schreibt er für die Straßengazette  kleine Artikel, verdient sich ein minikleines Zubrot zu seiner Stütze durch ihren Straßenverkauf dazu, gehört zu einer Gruppe, hat jetzt wieder ein Dach über dem Kopf und hat es geschafft dem Alk zu widerstehen. Zwei Jahre schon. Jetzt. Jetzt hat Manni wieder Pläne und heute ein besonderes Glück, ein Abfallglück. Danke Yussuf!

235 Wörter



P.S. gerade fand ich bei Ralpf Butler einen Beitrag zu Lebensmittelverschwendung, der Link ist wegen seiner Überschrift etwas irreführend, führt aber zu eben benanntem Artikel und weiter … → https://daoweg.wordpress.com/2019/01/09/akupunktur-kleine-nadeln-gegen-grosse-krankheiten/