Licht – 16 –

Herbst-Wehen

Vor dem Winter

Ich mach ein Lied aus Stille
Und aus Septemberlicht.
Das Schweigen einer Grille
Geht ein in mein Gedicht.

Der See und die Libelle
Das Vogelbeerenrot.
Die Arbeit einer Quelle.
Der Herbstgeruch von Brot.

Der Bäume Tod und Träne.
Der schwarze Rabenschrei.
Der Orgelflug der Schwäne,
Was es auch immer sei,

Das über uns die Räume
Aufreißt und riesig macht
Und fällt in unsre Träume
In einer finstren Nacht.

Ich mach ein Lied aus Stille.
Ich mach ein Lied aus Licht.
So geh ich in den Winter;
Und so vergeh ich nicht.

Eva Strittmatter

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Nachdenkliches oder über degenerierte Zeiten

Patrul Rinpoche’s few personal belongings. Photo by Matthieu Ricard.

Patrul Rinpoche war ein Yogi, der von 1808 – 1887 lebte. Man spricht von ihm u.a. als Wandermönch, einige seiner Lehren kann man heute in Buchform nachlesen.

Auf dem diesjährigen Sommercamp hörte ich einen Vortrag über seinen Text: Heilsam am Anfang, in der Mitte und am Ende (Bücher s.u.).

In diesem Text spricht er über die degenerierten Zeiten, vielleicht nahm er damals schon Bezug auf seine aktuelle Zeit, vielleicht aber war es auch ein Blick in die Zukunft.

Degeneration wird mit einer vom ursprünglichen Zustand abweichenden negativen Entwicklung erklärt, man spricht von einem körperlichen oder geistigen Verfall, einem Abstieg, z. B. durch Zivilisationsschäden.

Ich spreche oft von dem kranken Zeitalter in dem wir leben, andere von einem dunklen Zeitalter, gleichzeitig stecken genau in diesen Zeiten unglaublich viele Möglichkeiten, die mir Licht schenken.

Wie auch immer noch wir diese Zeit benennen, die Alletage zeigen, dass viele Menschen aus ihrer Verbundenheit herausgefallen sind, da sie sich nicht mehr als Teil der Natur begreifen. Die Natur ist etwas, das man bekämpfen muss, die furchterregend ist, die man zähmen muss, die man ausbeutet, in die man seinen Müll schmeißt. Das gilt für die Wildnis, wie für die in jedem Menschen innewohnende Wildnatur. Macht, Geld und Haben sind für viele wichtiger als Mitmenschlichkeit, Bescheidenheit, Verbundenheit, Solidarität und Teilen.

Patrul Rinpoche sagte:

In Zeiten der Degeneration ist es selbst verwirklichten Meistern und Meisterinnen nicht möglich die Menschen zu erreichen, sie begreifen nicht.

Er fragt sich, ob man überhaupt anderen helfen kann und kommt für sich zu dem Schluss, dass die Menschen „dich“ und „deine“ gute Motivation missverstehen, dass es soweit gehen kann, dass sie „dich“ belächeln, „dich“ nieder machen.

Wenn du die Wahrheit sagst, werden die Menschen wütend, du wirst als Feind behandelt. Sie machen dich schlecht, halten dich für einen Betrüger. Die Allgemeinheit verachtet dich. Viele sind Schwindler und Lügner, trickreiche Gauner, sie benutzen süße Worte, dahinter aber steckt nur Eigennutz. In diesen Zeiten lohnt es nicht, sich über Politik zu unterhalten, weil du in diesen Zeiten nichts ändern kannst; lebe zurückgezogen, allein und sei frei.

Bei all dem, wo wir andere entlarven, geht es auch immer darum sich selbst, das eigene Handeln und die eigene Motivation zu überprüfen.

Patrul Rinpoche empfiehlt alleine in den Bergen zu leben, an der eigenen Entwicklung zu arbeiten, zum Wohle aller. Hierbei muss man allerdings seine Zeit bedenken, sowie, dass er eben in Tibet lebte, sich zurückzog, wanderte und lehrte. In Tibet gehörte es seit Jahrhunderten zur Tradition sich in einer Höhle in den Bergen zurückzuziehen, um zu meditieren und wenn es gut ging, durchaus auch die Erleuchtung zu erfahren.

Ich denke oft in diesen Wochen über diese Worte und Empfehlungen nach. Es ist für mich kein Zweifel, dass die Welt voll von Gaunern, Betrügerinnen und Betrügern ist, dass gelogen wird, sich selbst und den anderen gegenüber, dass Wahrhaftigkeit, liebende Güte und Mitgefühl fast so selten wie vierblättrige Kleeblätter sind.

Schon oft habe ich mich gefragt wen ich erreiche, wenn ich über politische Tagesthemen schreibe, wenn ich mich mit Themen ums Menschsein beschäftige und komme doch meist zu dem Ergebnis, dass mich nur die lesen, die wie ich auf dem Weg sind, die ähnlich bis gleich empfinden. Ich erlebe oft ein Gefühl der Vergeblichkeit, bin zornig oder traurig über das, was in dieser Zeit, auf dieser Welt geschieht, ob nun auf der menschlichen Ebene oder in Bezug auf die Natur. Daneben mache ich aber auch andere Erfahrungen, dass ich mit meinen Bildern und Gedanken inspirierend wirke, dass sich manches von dem, was ich vermittel, bei anderen Menschen fortsetzt, also auf fruchtbaren Boden fällt. Das ist wohl der Grund warum ich mich nach diesem Vortrag fragte, ob es für mich eine Lösung sein kann in die Wildnis zu ziehen, ob ich dort überhaupt alleine überleben könnte und wem dies schlussendlich dienen würde.

Davon einmal ganz abgesehen, dass wahre Wildnis immer rarer wird, ich kenne sie nur aus schwedisch Lappland (zur Erinnernung, ich gehöre nicht zu der Spezies der Weitgereisten) und auch dort wird sie immer begrenzter. Die Profitgier stoppt vor keinem Ort, solange dort etwas zu „ernten“ ist, dort heißt das Objekt der Begierde Erz und Wasser.

Doch zurück zu meiner Frage, hin zu meiner (vorläufigen) Antwort, nein, ich kann und will das nicht, nicht jetzt und nicht für immer. Jetzt will ich weiter Samen streuen, will an mir und meiner Entwicklung arbeiten und weiter von einem Jahr Auszeit in Lappland träumen, von Mittsommer zu Mittsommer, ohne Internet, ohne Handy (nur für Notfälle), ohne Freundinnen und Freunde, mit nur wenigen Büchern, aber vielen Leerbüchern und Stiften.

Die letzten Wochen haben mir eins gezeigt: ich möchte leiser werden, möchte wahrnehmen was ist, ohne übereilte, emotional durchtränkte Beiträge zu schreiben, denn damit ändere ich nun wirklich nichts! Und ich möchte viele Stunden vor der Türe verbringen, in Stille, in der Natur, auch wenn sie kaum noch wild zu nennen ist.



Ich möchte noch auf einen Beitrag auf hikeonart verweisen, den ich gestern las, Heike schreibt auf ihre Art und doch fand ich so viele Parallelen (gedanklich, gefühlsmäßig zu meinem heutigen Beitrag, den ich schon vor einigen Tagen vorbereitet habe →

https://hikeonart.wordpress.com/2018/09/18/beuys-du-fehlst/



Buchempfehlungen

Das Herzjuwel der Erleuchteten: Die Übung von Sicht, Meditation und Verhalten. Eine Abhandlung heilsam am Anfang, in der Mitte und am Ende – mit Texten von Dilgo Khyentse und Patrul Rinpoche – erschienen im Theseus Verlag

Die Worte meines vollendeten Lehrers von Patrul Rinpoche – erschienen im Arbor Verlag

Auf dem Weg

Licht und Schatten auf dem Weg

Grenzgebiete – zwischen Wildwuchs und Zivilisation

-1-

-2-

Kulturland, wohin ich auch schaue

Alte Weiber spinnen unbeirrt ihre Netze

It is time we truly recognize that the era of the hunter is past.
This should be a more “feminine” era – an era when women make greater contributions to society. If we continue to devalue what women have to offer, we will continue harming women and continue overlooking and devaluing these virtues that are considered “feminine.” And these are precisely the virtues that the world needs more now.

Worte des 17. Karmapas, genannt Gyawang Karmapa, Ogyen Thinley Dorje

Alles fließt, alles ändert sich, immerfort –

Ich möchte Zöpfe flechten aus Altbewährtem und Neuem

die Bilder werden groß, wenn du sie anklickst



Diese Bilder habe ich am Sonntag von einem langem Spaziergang mitgebracht. Einem Spaziergang, der bei allem wunderbaren Septemberlicht und der immer wärmer werdenden Sonne nicht unbeschattet gewesen ist.

Die Schatten nehmen überhand in den letzten Wochen und Tagen, das Säbelrasseln wird immer lauter, das Schweigen auf fb und twitter dazu könnte ich jetzt also als beredt bezeichnen? Wieso wird jetzt und hier nicht zu einer Massendemo z.B. in Berlin aufgerufen und ist Chemnitz stattdessen immer noch Thema?

In Bloghausen haben einige nicht geschwiegen:

11/9. Das große Spiel spitzt sich zu. Was tun? Sag NEIN!

https://redskiesoverparadise.wordpress.com/2018/09/11/1-handlungen-die-geeignet-sind-und-in-der-absicht-vorgenommen-werden/

nachdenkenswert:

https://redskiesoverparadise.wordpress.com/2018/09/11/nichteinmischung-nichteinmischung-nichteinmischung-nichteinmischung-nicht-einmischen/

Ein Putsch jagt den anderen!

Sachlichkeit statt Polemik

Aus der Serie #die andere Seite – eingestellt am 02.09.2015 auf pixartix © Ulli Gau

Heute möchte ich zwei Artikel verlinken, die ich am Samstagabend im Netz fand:

https://www.zeit.de/wissen/geschichte/2018-09/chemnitz-weimarer-republik-nazizeit-vergleich-rechtsextremismus

https://www.dw.com/de/nicht-nur-sachsen-alte-und-neue-rechtsextreme-in-deutschland/a-45365550

Ein Beitrag über Höcke und seine Machenschaften und seiner verbalen Gewalt ist hier zu finden: Gegen die Alternative für Deutschland hat ein neues Foto zu dem Album „Höcke, die Seele der AfD“ hinzugefügt. Wenn du auf „Höcke, die Seele der AfD“, und dann auf das Bild „Die Zeit des Wolfes ist gekommen“ klickst, kannst du den Beitrag lesen. Eine andere Verlinkung hat leider nicht geklappt. Nun habe ich außerdem erfahren, dass Höcke die Reden von Goebbels sehr eingehend studiert hat und diese in leicht abgeänderter Form, aber in selbiger Intention, veröffentlicht, mit dem Erfolg von viel Jubel – mir wird Angst und Bange –

Ich schätze Sachlichkeit, besonders bei politischen Themen und Stimmungen. Davon aber finde ich gerade im www nur wenig, besonders wenn ich mich z.B. auf Kommentare auf dem einen und anderen fb- oder twitter-Account einlasse. Oftmals fehlen Argumente und Aussagen, stattdessen wird sich verbal „ausgekotzt“ (sorry, aber so nehme ich es wahr), dabei spielt die politische Ausrichtung leider keine Rolle (Ausnahmen bestätigen die Regeln).

Zu meinem Artikel >Von Symbolen< schrieb Xraypics:

Hi, Ulli,
QUOTATION: “When I use a word,” Humpty Dumpty said, in rather a scornful tone, “it means just what I choose it to mean—neither more nor less.” “The question is,” said Alice, “whether you can make words mean so many different things.” “The question is,” said Humpty Dumpty, “which is to be master—that’s all.”
(LEWIS CARROLL Through the Looking-Glass,1872.)
Words are just as much a symbol of an idea as the picture you posted above. By the choice of those who appropriated it the swastika shifted from a Sanskrit good luck charm to a symbol of abomination. Now the symbol is our master it takes over part of our mind when we look at it.
As I write this, I take over and control a small part of your mind, you are reading this and it is me occupying your brain making it follow these words for this instant. So it is with the symbol be it a swastika or a cross, a flag, or a hammer and sickle, it is the master of us.
So a symbol like a word can have different meanings at diverse times, who knows if or when the swastika will ever shift back to its positive meaning?
Best wishes,
Tony

Worte haben, wie Symbole auch, Kraft und Macht, sie sind eine andere Form der Symbole. Und weil das so ist, ist mir an einer sachlichen Sprache gelegen. Wenn ich mich von Rechtsextremistinnen und Rechtsextremen abgrenzen will, dann ist Sprache ein Mittel meiner Wahl. Mir liegt nichts daran mich auch nur im kleinsten Detail mit ihnen gemein zu machen.

Das ging mir im übrigen schon in den frühen 1990er Jahren so, als ich mich, zusammen mit einigen Freundinnen und Freunden, dem aufkommendem Rechtsextremismus entgegenstellten. Als ich dann erlebte, dass Bekannte von uns sich ebenfalls mit Baseballschlägern bewaffneten und auch nicht davor zurückschreckten diese auch einzusetzen, zog ich mich zurück. Gewalt erzeugt Gegenwalt, es ist ein Ping-Pong-Spiel, niemand und nichts zwingt mich oder eine/einen anderen mitzuspielen!

Letztens fragte ich mich, wie vernünftig ist es, immer vernünftig zu sein? Ich kam zu dem Schluss, dass mich in vielen Feldern emotionale Reaktionen nicht weiter bringen, sachliche Argumente aber schon!

Ich bin nicht frei von Emotionen, ich reagiere nicht immer und überall sachlich, ich übe und es ist und bleibt ein Ziel, ich bleibe dran.

Noch etwas fällt mir immer und immer wieder in Diskussionen auf, ob nun hier oder in anderen sozialen Netzwerken oder auch im realen Leben, manchen geht es anscheinend nur darum Recht zu haben/im Recht zu sein. Ich vermisse Weite und Offenheit den Menschen gegenüber, die eine andere Meinung vertreten. Solange eine andere Meinung nicht menschenverachtend, rassistisch oder sexistisch geprägt ist, kann ich zuhören, hinspüren, nachspüren was mir mein Gegenüber gerade mitteilen will, wenn vielleicht auch nicht in wohlfeilen oder studierten Worten. Vielleicht ist mein Gegenüber simpel gestrickt, ist nicht geübt in Wortwahlen und „Wohlfeilem“ – nachfragen hilft, statt gleich zu beurteilen oder gar zu verurteilen, weil ein Schlagwort fällt.

Es stimmt einfach nicht, wenn immer wieder gebetsmühlenartig wiederholt wird, dass jede und jeder sich schlau machen kann. Dazu braucht es mehr als nur die Möglichkeiten, die es zweifelsohne gibt. Bildung und damit die Fähigkeit zu differenzieren, zu hinterfragen ist nicht jeder und jedem gegeben (worden), mit ein Grund warum ich mich auch für Bildung einsetze und Anna nur zustimmen kann, wenn sie schreibt, dass Bildung ein Recht und kein Privileg ist.



Gerda hat am Samstag folgenden Beitrag auf ihrem Blog veröffentlicht → https://gerdakazakou.com/2018/09/08/meute-und-hetzjagd-klaerung-der-wortbedeutung/, wie man im Kommentarstrang nachlesen kann, bin ich nicht mit allem einverstanden, aber insgesamt stimme ich Gerda zu, wenn es um die Wortwahl geht. Es ist mir wichtig, wer welche Worte wann benutzt und warum – ob und was sie/er damit beeinflussen, implizieren will. Das gilt für alle politischen Strömungen!

Mir geht es nicht um recht und links, mir geht es um Menschlichkeit, um Freiheit und Geschwisterlichkeit, um Solidarität und Offenheit der/dem anderen gegenüber, diese Haltung lebe und vertrete ich und diese Haltung wünsche ich auch mir und meinen Meinungen gegenüber. Ich schrieb es schon oft: ich lerne gerne dazu, aber ich nehme mir auch das Recht zu sagen, dass ich mit dem einen und dem anderen nicht einverstanden bin. Im Vordergrund steht dabei immer die Sache, um die es gerade eben geht und nicht die Person.

Aus der Serie #die andere Seite – Dialog – eingestellt am 06.03.2015 auf pixartix © Ulli Gau



Anmerkung

Wie auf den Zeilen unter den Bildern zu lesen ist, handelt es sich um zwei Bildern von neun aus der Serie #die andere Seite, die 2015 auf „pixartix“ veröffentlicht wurde. Teilgenommen haben Fotografinnen und Fotografen, Künstlerinnen und Künstler unterschiedlichster Coleur.

pixartix war eine Initiative von Sofasophia und Irgendlink. Die Seite wurde von ihnen (und später auch anderen) von Januar 2012 bis Juni 2016 moderiert. Die Anzahl der Bilder je Thema variierte, wie die Themen selbst auch. Neben ihnen gab es Zeiten für Intermezzi. Alle Themen, Bilder und Links zu den Teilnehmenden kannst du auf der Pixarix Seite finden → https://pixartix.wordpress.com

Moritz Neumeier zu Chemnitz

 

Vielleicht stöhnt ihr jetzt auf: „Schon wieder Chemnitz“! Ja, schon wieder Chemnitz! Und nicht weil ich glaube oder denke, dass alle Menschen, die in Chemnitz wohnen faschistisch wären oder weil ich glaube, dass nur Chemnitz ein Problem mit faschistisch denkenden Menschen hätte, sondern weil ich mich dagegen wehre, dass nun Berichte und Videos auftauchen, die so tun, als hätte es die hasserfüllten Faschisten nicht gegeben und nun versuchen die Situation so darzustellen als wären die Bilder von den „Glatzen“ (wir nannten sie früher Skinheads) Lügen oder um es neudeutsch zu nennen als handele es sich hier um fakenews.

Moritz Neumeier spricht für mich das aus, was ich eben auch denke und ich kann und will es gerade auch nicht lassen dazu aufzurufen, sich dem Hass entgegen zu stellen!

Ja, es bleiben viele Fragen offen. Ja, es gibt eine sehr seltsame Berichterstattung, aber die gab es auch schon vor Chemnitz. In diesem Zusammenhang möchte ich euch auf zwei Beiträge aufmerksam machen.

  1. von Bludgeon, der aus meiner Sicht gute Fragen stellt → https://tokaihtotales.wordpress.com/2018/09/01/recherche-fehlanzeige/
  2. von Red Skies over Paradise, der ein Buch vorstellt, bei dem es um Berichterstattung geht, insbesondere der der Tagesschau, mit der Frage: „Was habt ihr dagegen gemacht“ → https://redskiesoverparadise.wordpress.com/2018/09/01/was-habt-ihr-dagegen-gemacht/

Übrigens … ich war gerade auf twitter – den heutigen Trauermarsch hat Herr Höcke angeführt – noch Fragen?

Tucholsky und mehr

aus dem Netz gefischt

Ich fand bei Ule Rolff im Kommentarstrang dieses Gedicht von Tucholsky, das ich heute mit euch teilen möchte, er schrieb es 1930.

Deutschland erwache

Daß sie ein Grab dir graben,

dass sie mit Fürstengeld

das Land verwildert haben,

dass Stadt um Stadt verfällt …

Sie wollen den Bürgerkrieg entfachen –

(das sollten die Kommunisten mal machen!)

dass der Nazi dir einen Totenkranz flicht –:

Deutschland, siehst du das nicht –?

Daß sie im Dunkel nagen,

dass sie im Hellen schrein;

dass sie an allen Tagen

Faschismus prophezein …

Für die Richter haben sie nichts als Lachen –

(das sollten die Kommunisten mal machen!)

dass der Nazi für die Ausbeuter ficht –:

Deutschland, hörst du das nicht –?

Daß sie in Waffen starren,

dass sie landauf, landab

ihre Agenten karren

im nimmermüden Trab …

Die Übungsgranaten krachen …

(das sollten die Kommunisten mal machen!)

dass der Nazi dein Todesurteil spricht –:

Deutschland, fühlst du das nicht –?

Und es braust aus den Betrieben ein Chor

von Millionen Arbeiterstimmen hervor:

Wir wissen alles. Uns sperren sie ein.

Wir wissen alles. Uns läßt man bespein.

Wir werden aufgelöst. Und verboten.

Wir zählen die Opfer; wir zählen die Toten.

Kein Minister rührt sich, wenn Hitler spricht.

Für jene die Straße. Gegen uns das Reichsgericht.

Wir sehen. Wir hören. Wir fühlen den kommenden Krach.

Und wenn Deutschland schläft –:

Wir sind wach!

 

Theobald Tiger

Arbeiter Illustrierte Zeitung, 1930, Nr. 15, S. 290.


Bei meinem vorletzten Beitrag „Ich habe Bauchschmerzen“ hatte ich so viele Kommentare wie wohl noch nie. Ich danke euch allen dafür!

Mir ist noch einmal bewusst geworden wie komplex das Thema ist. Es ist nicht damit getan, die Eskalationen in Chemnitz zu verurteilen. Dass es soweit kommen konnte hat Gründe, die zahlreich sind. Die meisten haben mit einer verfehlten Politik zu tun, einer Politik, die Handlangerin von Wirtschaftskonzernen ist, die sich nicht um die Ängste und Nöte der Menschen kümmert, die durch die Maschen gefallen sind oder Angst haben, dass es passieren könnte. Einer Elite, die auf Kosten von vielen kleinen, schuftenden Menschen in Saus und Braus lebt, sowie von Bildern in Filmen im TV und anderen Medien, die Neid schüren, um nur einige, wenige Gründe zu nennen.

Im Kommentarstrang haben Einzelne und ich uns Gedanken darüber gemacht was es zu tun gibt, was es braucht, um die rechte Bewegung, die immer größer wird, aufzuhalten. Es ist für mich keine Lösung nach einem starken Staat zu schreien oder nach noch mehr Polizei, das heißt für mich die Verantwortung abzugeben und wieder nur darauf zu hoffen, dass „Die“ es schon richten werden.

Demokratie heißt für mich auch, dass jede und jeder mitverantwortlich ist, dass es nicht reicht hier und da das eigene Kreuzchen zu setzen. Eine lebendige Demokratie fordert dazu auf, dass man sich engagiert, statt zu jammern und zu schreien oder gar zu hetzen und zu verurteilen.

Ja, es ist schwer nicht zu werten, vor allen Dingen nicht abzuwerten, wenn sich Bürgerinnen und Bürger von Parteien und Bewegungen angesprochen fühlen, die mit ihren Parolen suggerieren, dass sie die Nöte und Ängste ernst nehmen würden. Es ist schwer mit Menschen zu reden, die einfach gestrickt sind, die erst einmal flugs auf Parolen und Überschriften der Boulevardpresse hereinfallen, die leichtgläubig sind. All das hat Gründe, niemand wird so geboren!

Carolin Emcke schreibt in ihrem Buch Gegen den Hass:

Der Hass bricht nicht plötzlich aus, er wird gezüchtet.

Statt zu urteilen und zu verurteilen ist es wichtiger denn je das Gespräch zu suchen, ist es wichtiger denn je sich mit den eigenen zur Verfügung stehenden Mitteln einzusetzen, sich einzumischen, wenn man im öffentlichen Raum mit Übergriffen konfrontiert ist. Ja, das braucht Mut! Ja, es braucht auch Besonnenheit und die Einschätzung der eigenen Möglichkeiten und Kräfte, ich stelle mich auch nicht einem durchtrainiertem Zweimetermann entgegen, dem der Hass in den Augen steht. Manchmal ist es mutig zu bleiben und einzuschreiten, manchmal das Weite zu suchen.

Jede und jeder kann immer nur bei sich selbst anfangen, sich selbst überprüfen wie friedlich sie/er ist, wie es um die eigenen Vorurteile steht, um die eigene Solidarität, den Respekt den Anderen gegenüber und um die eigene Toleranz. Aber hier darf man meiner Meinung nach nicht stehen bleiben.

Sicherlich fragt sich jetzt die eine und der andere was ich denn tue. Ich schreibe, ich fotografiere, ich kreiere Bilder, ich arbeite mit Jugendlichen und Kindern und nehme gerade dort Sätze und Worte auf, die sie „nachplappern“, ich diskutiere mit ihnen, versuche ihnen andere Wege aufzuzeigen als sie sie vielleicht in ihren Elternhäusern, in ihrem sozialen Umfeld vorfinden. Ich bemühe mich um eine friedliche und wertschätzende Haltung und Kommunikation und säe immer weiter die Samen des Friedens, der Liebe und der Schönheit, weil ich nicht nur glaube, sondern auch weiß, dass sich alles in der Welt auswirkt.

Resignation ist für mich keine Option. Sätze, wie: „das hat doch eh alles keinen Zweck“, DIE sind doch eh stärker und machen was sie wollen“, etc., bringen uns als Menschheit nicht weiter, im Gegenteil, diese Sätze und die damit verbundene Haltung dahinter geben die Macht an die Umstände und die politischen Eliten weiter, machen sie noch mächtiger, verhindern echte Veränderung. So werden die alten Muster von Tätern und Opfern verfestigt. Ich will neue Muster weben, dazu gehört auch, mir diese Welt als einen friedlichen Ort vorzustellen und diesen Frieden und solch eine Welt nicht nur zu visualisieren, sondern all das auch zu fühlen und zu spüren. Alles hat eine Wirkung, weil alles mit allem verbunden ist!


Mehr zu letzterem und zur Schönheit ein anderes Mal.

Ich habe Bauchschmerzen

aus dem Netz gefischt

Ich schrieb es gerade auf fb, hier die Kopie:

Seit gestern habe ich Bauchschmerzen und das meine ich nicht bildlich, ich habe sie! Mir ist schlecht, wenn ich die Bilder aus Chemnitz sehe und Sätze lese, wie: Chemnitz ist unsere Stadt, wer ist „uns“. Wie kann eine Stadt überhaupt jemanden „gehören“? Gleichzeitig habe ich eine Entscheidung gefällt, ich werde keine Bilder mehr mit glatzköpfigen Menschen und ihren Hassparolen teilen, was mich nicht davon abhalten wird, meine Meinung zu ihnen und ihrem Verhalten zu teilen. Auch meine Angst will ich nicht verbergen. Hier ist Ungeheuerliches passiert! Es gilt die Wiederholung der Geschichte mit allen zur Verfügung stehenden Kräften zu unterbinden. Gewalt habe ich dabei nicht im Kopf!

Was gestern und vorgestern in Chemnitz passierte hat nichts mit aufrichtiger Trauer zu tun. Ja, es gab Menschen, die Blumen legten, die es ehrlich meinten, diese sind nun hinter dem braunen Mob und ihrer ausgeübten Gewalt unsichtbar geworden.

aus dem Netz gefischt

Die Wellen schlagen hoch in den sozialen Netzwerken und ich bin erschüttert was ich dort zu lesen bekomme, neben dem, was mich den Kopf nicht in den Sand stecken lässt – es gibt viele aufrichtige Menschen und es gibt sehr viele, die noch immer den friedlichen Weg gehen wollen und es tun, aber es gilt auch das auszusprechen, was nicht stimmt in unserem Land und über seine Grenzen hinaus. Die rechte Bewegung, Rassismus und menschenverachtendes Verhalten ist nicht nur eine deutsche Angelegenheit! Aber ich finde immer noch, dass wir Deutschen, aufgrund der unsäglichen Geschichte von 1933-45 eine besondere Verantwortung tragen, damit sich so etwas nicht wiederholt.

Ja, mir macht die Entwicklung in Deutschland, in Europa, in den USA Angst! (Diesen Dämon kann ich nicht füttern … )

https://www.huffingtonpost.de/entry/rechte-gewalt-in-chemnitz-das-marchen-der-besorgten-burger-ist-auserzahlt_de_5b84dcfae4b0162f471be3de?utm_campaign=Echobox&utm_medium=Social&utm_source=Facebook#Echobox=1535444909

aus dem Netz gefischt


sollte ich mit der Verbreitung der Bilder Urheberrechte verletzt haben, bitte ich mir dies mitzuteilen, ich werde sie dann sofort löschen, danke.

Dämonen

© Susanne Haun

In anderen Traditionen werden die Dämonen äußerlich verjagt, doch in meiner Tradition werden sie mitfühlend angenommen.

Machig Labdron

„Ich bin ein kleiner Stern, mit meinem Licht erhelle ich dein Dunkeltal.“

Ich kenne es schon gut, mein Dunkeltal, seine Felsvorsprünge, Höhlen, Bäume, Moose und steinigen Wege, jedoch nicht gut genug, ohne meinen kleinen Stern wäre ich verloren.

Er beleuchtet meine Wege, beleuchtet die Höhlen, Nischen und Stolperfallen, gemeinsam sind wir auf Dämonensuche.

Ich will sie umarmen, will sie nähren, will ihnen meine Liebe schenken; ohne sie wäre ich arm.

Im gleißenden Sommermittagslicht wirft mein Stern keine Schatten. Er scheint für mich im Dunkeltal und beleuchtet die Dämonen.

Hübsch sind sie nicht, auch nicht gemütlich, groß sind sie und furchterregend. Bei ihrem Anblick werde ich klein. Das freut sie. Das nährt sie.

Von Zeit zu Zeit steige ich in mein Dunkeltal, manchmal falle ich hinein, während gleißend heller Sommermittagszeiten, wenn mein Stern keine Schatten wirft. Es gilt die noch unbekannten Dämonen zu finden.

In manchen Jahren bin ich erfolgreich, in anderen nicht, in den letzten zwei Jahren sehr. Dies ließ meinen Stern heller leuchten. Furchterregende Gestalten begegneten uns auf unserem Weg.

Erst wurde ich klein, weil es sie nährte, dann umarmte ich sie, dann flüsterte ich ihnen meine Zuneigung ins Ohr, sie verwandelten ihre Gestalt.

Ich bin eine glückliche Frau!

Ich habe einen hell leuchtenden Stern. Ich habe ein Dunkeltal und eine Schar gewandelter Dämonen.

Folge deinem Stern


Die oberste Zeichnung ist von Susanne Haun (wenn du auf den Link klickst, erfährst du mehr). Die Zeichnung stammt aus dem Buch: Dämonen, das 2013 erschien. Susanne illustrierte ein Gedicht von Diarmund Johnson, übersetzt von Peter Busse –

Ich lebe unter Dämonen

Dort, wo die glatten* Leute nicht hinkommen,

Aber in jedem steckt ein Dämon

In einer der lichtlosen Ecke seines Herzens.

 

Die glatten Leute kommen nie zur Ruhe

Glatt fühlt er sein Gehen

Sie sitzen nicht am Rande der Klippe

Um den Abgrund des Meeres zu bewundern.

 

Sie folgen dem großen, glatten Weg

Wo das Licht des Fleißes ihr Herz erleuchtet

Ihre Dämonen bedrohen sie nicht tagsüber

Dämonen erwachen nur kurz in der tiefsten Nacht.

 

So ein glatter Mensch war auch ich

Normalerweise schlief ich wenig

Aber meine Beine ermüdeten auf dem langen Weg

Die Schlaflosigkeit hat meine Gedanken gelöscht.

 

Ich war damals einer der glatten Leute

Nun saß ich am Klippenrande, um in den Schlund des Meeres zu starren

Jetzt wohne ich am verborgenen Ort der Dämonen

Der Dämonen Atem entfacht in mir das Feuer des Denkens.

 

Auf blanken Brettern wie Dämonen schlafe ich jetzt

Ein Dämon werde ich, sobald ich erwache

Und mich wird die glatte Menge verfolgen

Die glatte Menge verfolgt jeden,

 

in dem ein Dämon steckt.

Diarmuid Johnson

* Die „normalen“, „nicht singenden“, „gesanglosen“ oder eben „glatten“ Leute …


Das obige Zitat stammt aus dem Buch von Pema Chödron – Gehe an die Orte, die du fürchtest ISBN 9 783936 855678 – Arbor Verlag


Pema Chödrön über Machig Labdron – sie lebte vom Ende des 11. Jahrhundert bis in den Anfang des 12. Jahrhunderts und hinterließ u.a. eine Meditationspraxis, die Chö genannt wird und bis heute praktiziert wird – sie gilt als eine der weisen Frauen Tibets

über Chö


Eine weitere Buchempfehlung – Tsültrim Allione – Den Dämonen Nahrung geben – arkana Verlag – ISBN 978-3-442-33830-6