Impressionen der letzten Wochen oder Nicht so geboren

Bevor ich meins schreibe, möchte ich aus dem Buch von Paul Auster 4 3 2 1 zitieren, das ich Zurzeit voller Begeisterung lese. Auster ist ein grandioser Erzähler (immer wieder). In diesem Buch verfolgt er konsequent die Idee, bzw. die Frage: Was wäre gewesen wenn…

Irgendwann werde ich einmal mehr dazu schreiben, jetzt nur ein Absatz, den ich auf Seite 751 fand, die Zeit ist 1965, der Ort New York – Morningside Heights:

… Auf den dreckigen Gehsteigen lag nicht abgeholter Müll, und die Hälfte der Leute, denen man begegnete, waren nicht ganz richtig im Kopf oder kurz davor, den Verstand zu verlieren, oder sie erholten sich gerade von einem Nervenzusammenbruch. Das Viertel war Sammelpunkt aller verlorener Seelen in New York, und täglich kam Ferguson an Männern und Frauen vorbei, die sich intensiv und unverständlich mit unsichtbaren anderen unterhielten, Leuten, die nicht existierten…

Paul Auster, 4 3 2 1

ISBN 978 3 498 00097 4  1. Auflage Februar 2017  Copyright © 2017 by Rowolth Verlag



Meins:

Gegenüber des Weihnachtsmarktstandes, an dem ich für drei Wochen eine Freundin unterstütze, ist eine Bushaltestelle, notdürftig überdacht, acht Sitzplätze auf der mir zugewandten Seite, acht Sitzplätze auf der anderen Seite, daneben steht ein Mülleimer, der, so alles gut geht, zweimal am Tag geleert wird. Wenn alles gut geht, geht aber nicht und am Sonntag sowieso nicht. Am frühen Morgen kommen dunkelhäutige Männer, die mit Stäben die Tonne nach Pfandflaschen durchsuchen, sie tragen Handschuhe, andere nicht, sie wühlen mit ihren nackten Händen zwischen Essensresten, Pappbechern und Zigarettenkippen nach Brauchbarem.

Vor dem Stand stehen die mehr oder minder Gutbetuchten, bewundern die reinen Wollpullover, kaufen Mützen, Schals, Handschuhe oder eben Pullover, Jacken oder Mäntel. Sie zucken zusammen, wenn wieder einmal der Mann, der mit sich selber spricht, auftaucht und lauthals beginnt zu deklamieren. Dabei hält er meist seinen Kopf zur Seite gewandt und spricht mit dem, den nur er sieht und dem er vieles zu sagen hat, nicht immer nur freundliches. Überhaupt ist er nicht immer nur freundlich, manchmal will er töten, oder Augen blau schlagen, ein anderes Mal ist er Gott und wir alle sollen uns vor seiner Rache in acht nehmen, denn die wird gar fürchterlich werden.

An vielen Morgenden ist er noch ruhig, dann hilft er mir die schweren Klappen des Standes hochzuhieven und zu halten, bis ich sie eingehakt habe, an anderen Morgenden kann er mich noch nicht einmal anschauen, wenn ich ihm einen „guten Morgen“ wünschen möchte.

Wo schläft er in der Nacht?

Der Mann, der mit sich selber spricht, ist Einer von Einigen, die dort, an eben dieser Bushaltestelle sich hinsetzen, mit sich allein oder auch in Ausnahmen mit anderen sprechen, die ihr Bier oder ihren Wein, ihren Schnaps trinken oder auch mal einen Joint rauchen, um dann in Tränen auszubrechen. Wie vor ein paar Tagen die dünne Frau, die noch am Anfang der Sitzung die „Jungs“ aufmunterte, bis dann eben dieser Joint die Stimmung kippte. „Ich fühl mich auch oft einsam, Mädchen. Nun komm, Kopf hoch“, tröstet einer der Jungs lauthals und schwankt dabei vor und zurück, während sie immer weiter unter ihrer großen Kapuze verschwindet.

Wo schläft sie in der Nacht?

Dann der dünne Mann, der immer telefoniert, dabei hält er seinen Zeigefinger ans Ohr und spricht sehr leise, lauscht und spricht. Aber manchmal scheint das unsichtbare Gegenüber etwas zu sagen, das er nicht hören will, dann wird er lauter, allerdings nicht verständlicher, aufgeregt streicht er sich die Haare hinters Ohr, sein sonst blasses Gesicht verfärbt sich rot, bis der Druck zu groß wird, er springt auf und rennt rastlos hin und her. Der Mann wird wieder blass, setzt sich erneut, flüstert erneut in sein nicht vorhandenes Telefon und…

Wo schläft er in der Nacht?

Zwei ältere Damen stehen am Stand und schauen sich die bunten Tücher an, als der Mann, der mit sich selber spricht, laut wird, sie schauen ihn an. Die eine Dame schaut mich an:

„So, wird niemand geboren.“

Wie gut mir dieser Satz tut. Ich habe schon ganz andere Sätze gehört, die ich nicht beantwortet, nicht kommentiert habe, mit der Dame kam ich ins Gespräch.


Künstler *in unbekannt

Weihnachtsmarkt, Dideldumm, Glühweinstände, Lachsbrätereien, Lebkuchenherzen, Anisbonbons, Eierlikörpunsch, Lakritze, Pommes mit Mayo, Fisch oder Wildschweinbratwurst im Brötchen, viele sehr dicke Menschen essen viel Fettiges. Kerzen, Glöckchen, Kunsthandwerk und Zeug, was eigentlich niemand wirklich braucht, aber eben doch gekauft wird. Am Rand der Massen knien Menschen auf dem Bürgersteig, einen leeren Pappbecher vor sich. Auf dem Weg zum Parkhaus entdecke ich einen Schlafsack auf einem Lüftungsschacht, darin eingewickelt ein Mensch.

Die Armut ist auch in Deutschland nicht neu, aber sie ist sichtbarer und größer geworden. Die Schere öffnet sich immer weiter, auch die in meinem Kopf.

Wenn ich könnte, würde ich jedem und jeder einen dieser feinen Wollpullover schenken, dazu einen Schal oder eine Mütze, ein Paar Handschuhe oder ein Paar Stulpen, bis der Stand leer wäre, dann würde ich den Freund, der so wunderbare Geschichten erzählen kann, bitten mit all diesen Menschen eine seiner Geschichten zu teilen und dann würde ich ihn unterhaken und mit ihm zum Parkhaus gehen und lächeln…



In diesem Zuhammenhang möchte ich euch noch einen Link zu tikerscherks Artikel „Lamettalos“ senden: https://kreuzbergsuedost.wordpress.com/2017/12/08/lamettalos/

Auch Irgendlink hat gestern einen Artikel mit ähnlichem Inhalt veröffentlicht: http://irgendlink.de/2017/12/11/bahngleisgossenhamlet/

Die Springerin hat vor einigen Wochen sehr berührende Fotos von Menschen auf der Straße gemacht, leider kann ich sie nicht finden…

Liebe Springerin, falls du dies hier liest, wäre ich dir dankbar, wenn du einen Link zu deinen Bildern in den Kommentarstrang schreibst, dann füge ich ihn hier ein – herzliche Grüße und danke –

P.S. Nun hat die Springerin den Link gesendet, die Serie heißt: heimliche Lehrer – secret teachers, es entstanden 6 Bilder, sie hat den Link zum ersten geschickt, wenn euch mehr interessiert, dann könnt ihr den Titel dieser Serie in ihre Suchmaschine eingeben, nochmals meinen herzlichen Dank an dich!

Heimliche Lehrer / Secret Teachers (1)

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Heilig

Was ist den Menschen heute noch heilig, im Sinne von etwas Besonderem, etwas Verehrungswürdigem, was ist überhaupt noch heil in unserer Welt und woher kommen alle diese Heilsversprechen, weil eben nichts mehr heil ist?

Mir ist vieles heilig. Ich lebe mit dem Satz, dass das Heilige und Profane zwei Seiten einer Münze sind. Dennoch→ Sonntagnacht war ich wieder einmal bestürzt, als ich ein Bild im www fand, auf dem die verkohlten Reste einer Holzskulptur zu sehen waren (aufgenommen in Myanmar). Leider wurde der Fotograf/die Fotografin nicht genannt. Aber ich habe mir erlaubt das Foto herunterzuladen und auf meine Art weiterzubearbeiten und meinen Fragen zu lauschen, ohne Antworten zu haben und schon gar keine Lösungen…

draufklick = großes Bild

Was bedeuten Menschenrechte, was Religionsfreiheit, was die Freiheit der Andersdenkenden? Wie könnte ich nicht traurig werden beim Anblick von so viel Zerstörungswut? Was treibt sie an, sie, die anderen…?


Es liegt mir nichts daran Urheber*innenrechte zu verletzen, man kann sich bei mir melden, gerne füge ich dann den Namen der Fotografin/des Fotografen ein oder nehme das Bild ganz heraus, wenn gewünscht!

Weit

Diana veröffentlichte gestern auf ihrem Blog „Verssprünge“  eine „mallorquinische skizze“, es war das Ende, das sich in mir festsetzte:

fasziniert stehen wir außen vor und ahnen nicht mal, wie weit weite wirklich ist.

Kein Fluss, kein Stau, nur aufsteigen und absteigen, nur atmen … ein und aus und ein und auf und aus und ab. Ein Herz wird Liebe, weit und licht – ein und aus und ein und auf und aus und ab … der Blick in die Weite erinnert uns wie weit wir einst gewesen, wie wir es noch immer sind, in der Tiefe verborgen, beschützt, gehütet … Sehnsucht wandert vom Bauch ins Herz zum Geist, ein und aus und ein und auf und aus und ab … ein weiter Geist schützt sich nicht unnütz, ein weites Herz verströmt sich ohne Schaden.


Liebe Diana, ich danke dir für diese Inspiration!

Folgen

Seit Tagen bin ich sehr berührt. Noch immer tätigt das Memorandum für unsere Großmütter Folgen.

Ich habe nur eine sehr kleine Familie im Hintergrund und von den meisten Cousinen und Cousins weiß ich wenig bis gar nichts. Nun gibt es eine Cousine, die schon lange in den USA lebt, sie hat meinen Blog in der Weite der virtuellen Welt gefunden und somit auch das Memorandum. Zuerst nahm eine ihrer Töchter mit mir Kontakt auf, was mich damals sehr berührte, zumal sie mir Facetten aus unserer Familie beschrieb, die ich so noch nie gehört hatte. In dieser Woche kam ich in Kontakt mit meiner Cousine und es macht mich einfach nur glücklich.

Sie schickte mir dieses Foto, es zeigt das Haus in dem meine Großmutter wohnte, wenn sie nicht bei uns oder bei ihren anderen Kindern gewesen ist. Im Memorandum schrieb ich:

Ich hatte keine rechte Erinnerung mehr an das Haus, als ich jetzt dieses Bild bekam wusste ich plötzlich warum ich solche Häuser mag! Ich bin wirklich dankbar, dass wieder ein Puzzlesteinchen zu mir zurück gekommen ist!

Ich denke darüber nach was Familie für mich persönlich heißt und spüre meinem Glücklichsein über diesen Kontakt nach, vielleicht ist ja Blut doch dicker als Wasser?

Schreiben gegen rechts

Ende September erinnerte ich an die Blogparade 2016: Schreiben gegen rechts, nun geht es weiter, wenn auch anders. Anna möchte zusammen mit Vielen ein Buch der Zuversicht erstellen. Schau doch einmal hier:

https://annaschmidt-berlin.com/2017/10/08/schreiben-gegen-rechts-ein-buch-der-zuversicht/

Z = Zuversicht, damit beendete ich das Alphabet der mutigen Träume, erinnerst du dich noch…

https://cafeweltenall.wordpress.com/2017/01/31/z-zuversicht/

Es gefällt mir genau hier den Faden wieder aufzunehmen. Ich bin sehr auf die Geschichten und Essays gespannt.

Drei und Fünf

Nominiert wurde ich von Geistesgewitter. Dort findet ihr auch die Regeln…  Ich freue mich und danke sehr herzlich!

Drei Dinge über mich

  1. Ich gewinne im Handumdrehen die Herzen von Kindern und Jugendlichen, so schnell, dass ich manchmal selbst staune und mich auch schon das eine und andere Mal fragte wieso das so ist; ja, ich ahne es.
  2. Ich war schon seit 11 Jahren nicht mehr beim Frisör, ich schneide mir meine Haare selbst, nur hinten muss manchmal noch meine Tochter ran.
  3. Es ärgert mich, dass es immer noch Menschen gelingt mich einzuschüchtern.

Fünf Fragen an die Nominierten

  1. Hattest du als Kind ein Lieblingsbuch, einen Lieblingsfilm (-serie) und einen Lieblingssänger (-sängerin, -gruppe)? Und wie sehen deine heutigen drei Favoriten aus?
  2. Wie stehen deiner Meinung nach deine Chancen, 100 Jahre alt zu werden?
  3. Hast du irgendeine Art von Phobie?
  4. Was ist für dich ein Glücksmoment?
  5. Gibt es eine Speise, bei der du dich noch nicht überwinden konntest, sie zu probieren?

zu 1.

Mein Lieblingsbuch war von Michael Ende: Jim Knopf, beide Bände, die ich bestimmt während meiner Kindheit dreimal gelesen, und später meinen Kindern vorgelesen habe. Ich schaute mir sehr gerne die Augsburger Puppenkiste an, liebte „die kleinen Strolche“ und „die Kinder aus Bullerbü“.

Musikalisch war ich schon immer sehr breit aufgestellt, sodass ich nichts über Lieblingsbands zu berichten habe, das hat sich bis heute nicht verändert, ich höre genauso gerne klassische Musik,

wie auch Blues, Jazz, Funk, HipHop, Punk, Raga, Rock und Elektro, nicht zu vergessen Weltmusik und Liedermacher*innen. Ähnlich ist es mit Filmen, es gibt einfach zu viele, um nur einen oder zwei herauszupicken, aber dieser hier gehört auf alle Fälle zu den Lieblingsfilmen der letzten Jahre:

Antonias Welt

leider gab es den Trailer nicht in deutscher Sprache, aber es ist auch so zu verstehen, oder?!

zu 2.

Ich glaube nicht, dass ich so alt werde, und ich will es auch gar nicht mehr. Ich wünsche mir geistig und körperlich fit bis zu meinem natürlichen Ende zu leben, wie es sich wohl auch die meisten anderen Menschen wünschen.

zu 3.

Ja, ich habe Höhenangst, ganz schlimm sind Gittertreppen, die hoch hinauf führen, da darf ich nicht hinunterschauen.

Als ich letztens im Arp-Museum noch einmal die Betonsäulen im Treppenschacht fotografierte bekam ich je weichere Knie, je höher ich gestiegen bin; da hilft nur immer wieder sehr bewusst zu atmen und der Realitätencheck…

zu 4.

Einen generellen Glücksmoment kann ich nicht benennen, aber ich erinnere mich immer wieder an einen Moment in den Bergen, oberhalb des Gardasees, mein damaliger Partner und unser Sohn schliefen noch, ich ging einen kleinen Pfad hinauf, um meine Morgentoilette zu verrichten, zarte Nebel stiegen vom See in die Berge hinauf, ein Hahn krähte, die Sonne ging auf und da hockte ich, atmete Frieden und war einfach nur glücklich!

zu 5.

Es gibt einige solcher Speisen, alle haben etwas mit Fleisch zu tun, ganz schlimm ist Wurstsuppe und sind jegliche Form von Innereien.



Ich habe immer Mühe mit den Nominierungen, an drei Frauen denke ich, wer sich außerdem gerufen fühlt, möge sich die Fragen mitnehmen und sie beantworten.

Es bleibt bei den drei ersten Fragen, wichtig dabei ist, dass es drei Dinge sind von denen du meinst, dass sie noch keiner von dir weiß und dies trotzdem in die Öffentlichkeit darf. Meine fünf Fragen sind diese:

  1. Was ist dein Antidot gegen die Schwere des Lebens?
  2. Was möchtest du in deinem Leben nicht missen?
  3. Wenn Geld keine Rolle spielen würde, was würdest du dann jetzt sofort tun oder dir anschaffen oder wen unterstützen?
  4. Gibt es etwas was du ganz anders machen würdest, wenn du heute auf dein Leben zurück schaust?
  5. Was möchtest du auf alle Fälle noch in deinem Leben machen/verwirklichen?

Marie

Gerda

die Springerin

Bitte nicht das Titelbild und den Hinweis wer dich nominiert hat vergessen, und bitte denke an die Regeln (s.o.).

Danke und viel Spaß!

Größe

Sinngemäß

Wenn Sie mich fragen woran ich die Größe eines Künstlers erkenne, dann nicht weil er ein guter Zeichner, Maler oder Bildhauer ist, sondern an der Größe seiner Menschlichkeit.

Henry Moore

 

A = Anstand

In der jetzigen Ausgabe der „Zeit“ gibt es ein langes Essay von Axel Hacke über den Anstand. Wieder einmal dachte ich auch an das Alphabet des freien Denkens von Gerda und dem Alphabet der mutigen Träume von mir, die wir Ende letzten, Anfang diesen Jahres geschrieben haben; ich dachte erneut über ethische Werte nach.

Anstand ist ein Wort, ähnlich wie Demut, dem viele erst einmal ablehnend gegenüber stehen, vielleicht fielen in der Kindheit zu oft die ermahnende Sätze: „Benimm dich anständig“ oder „So etwas tut man nicht, das gehört sich nicht, etc.“

Axel Hacke schreibt:

Anstand ist eine Sache jedes Einzelnen und damit eine Sache von uns allen. Menschen können nur im Zusammenleben mit anderen existieren. Unsere Gesellschaft tendiert dazu, das zu vergessen. Wir ziehen uns in die Sicherheit der eigenen sozialen Schicht zurück. Verlieren uns in der Arbeit an der eigenen Performance. Wir basteln immerzu am Ego und viel zu selten am Wir …

Anständig zu sein bedeutet, so fand ich, Rücksicht auf andere zu nehmen, und zwar auch dann, wenn einem gerade nicht danach zumute ist, also: in der Trambahn für ältere Menschen aufzustehen, auch wenn man selber müde ist; einen kranken Freund zu besuchen, auch wenn man eigentlich keine Zeit hat; sich in einer Schlange nicht vorzudrängeln, auch wenn man es eilig hat …

Herr Hacke zitiert den Germanisten Gert Ueding:

Wenn die Regeln des Umgangs nicht nur Vorschriften einer konventionellen Höflichkeit oder gar einer gefährlichen Politik sein sollen, so müssen sie auf die Lehren von Pflichten gegründet sein, die wir allen Arten von Menschen schuldig sind. Das heißt: ein System, dessen Grundpfeiler Moral und Weltklugheit sind, muss dabei zum Grunde liegen.

Und genau bei dieser Art von Formulierung wird es für mich schwierig! Ich möchte gerne das Wort Moral durch Ethik ersetzen und ich weiß auch nicht ob irgendein Mensch jemand anderem etwas schuldig ist. Weiterhin kommt dazu, dass sich ethische Richtlinien (Moralvorstellungen) wandeln: war es noch in meiner Kindheit verpönt, dass sich Liebende in der Öffentlichkeit küssten oder gar knutschten, so ist dies heute in unserer Welt normal und niemand nimmt Anstoß. Warum nicht das Ganze vereinfachen, im Sinne von Kant (ebenfalls von Herrn Hacke zitiert):

Teilnehmen an dem Schicksal anderer Menschen.

Es ist ja keine Frage, ob oder dass wir in einer gespaltenen Welt leben, auf der einen Seite erleben wir eine zunehmende Verrohung, zu der auch der jetzige amerikanische Präsident gehört, der von Anstand gegenüber Frauen, Andersdenkenden und anderen Ethnien nichts mitbekommen zu haben scheint und derjenigen Menschen, die aufrichtig bemüht sind Gutes in die Welt zu säen und zu leben. Wieder einmal denke ich an den Satz: Wir wirken weniger in der Welt durch das, was wir tun, als dadurch wer wir sind; es ist die Haltung hinter unserem Handeln, die trägt; falsche Freundlichkeit wird schnell entlarvt, Gefühlsduselei lässt sich von echtem Mitgefühl unterscheiden.

Was ist nun Anstand? Spontan fielen mir folgende Begriffe dazu ein: Mitgefühl, Loyalität, Hilfsbereitschaft und Kompromissfähigkeit. (Ich freue mich, wenn ihr mir schreibt was für euch Anstand ist!)

Wir alle kennen die Rüpel*innen der Straße, wir kennen die Rücksichtlosen, die Egoist*innen, die Ignorant*innen, was aber wenn wir selbst ihnen freundlich begegnen? Das hat schon zu mancher Überraschung geführt und ich kann dazu nur ermutigen!

Hierzu möchte ich noch eine Geschichte von diesem Sommer mit euch teilen, die ich schon am Sonntag Marie im Kommentarstrang erzählte: … ich hatte im Sommer einen dreizehnjährigen Jungen in meiner Gruppe, der sehr aggressiv war, gleichzeitig war er derjenige, der sehr feine Zeichnungen machte, tolle Ideen einbrachte und sehr besondere Erfahrungen machte; ich erkannte seine Not hinter der Aggression – als ich dann am Ende (nach vier Tagen) die gute Fee gespielt habe und aus allem, was sie selbst erfahren und erkundet hatten, meine guten Wünsche für sie gewebt habe, saß er sehr verkrampft neben mir, bis er an der Reihe war, ich spürte seine Angst und dass die Aggressionen Thema werden könnten, aber ich war ja die gute Fee und wie bei allen anderen hatte ich seine Erfahrungen und Erlebnisse in die guten Wünsche gewebt, die Aggressionen ließ ich bewusst außen vor, zumal er das ja schon längst kennt; es war so berührend danach sein Ausatmen zu spüren und die Tränen in seinen Augen zu sehen! Diesem Junge wünsche ich noch viele solcher Erfahrungen in denen er in seinen Qualitäten wahrgenommen wird und dafür eine Anerkennung bekommt. Denn genau daran mangelt es ihm, so meine Wahrnehmung, wie sonst soll ich mir seine Tränen erklären. Er durfte dieses Jahr eine Erfahrung machen, dass er für das, was unter seiner Aggression liegt gewertschätzt wurde, möge ihn diese Erfahrung durch dieses Jahr tragen. Ich hoffe sehr, dass er auch im nächsten Jahr wieder in meinem Zelt sitzen wird!

Für mich gelten weiterhin folgende Begrifflichkeiten aus meinem Alphabet der mutigen Träume im Umgang mit anderen, die meines Erachtens zu einem rücksichtvollerem und friedlicherem Miteinander führen (die Liste ist nicht vollständig, wer mehr erfahren will, der kann die Suchmaschine bemühen) und für mich auch zum Anstand gehören:

D = Demut

G = Güte

H = Hilfe

K = Kommunikation

L = Liebe

M = Mitgefühl

P = Prudentia/Klugheit



Anmerkung

Die obige Fotomontage ist ebenfalls zu dem mutig erträumten Alphabet entstanden, E = Einigung, ich schrieb dazu:

„Die obige Fotomontage macht deutlich, dass jede Einigung zwischen zwei verschiedenen Parteien zu einer neuen Farbe/einem neuen Gedanken führt. Die Gräben, die Zwistigkeiten und Meinungsverschiedenheiten ausheben, können so wieder geschlossen werden. Einigung geht über den Kompromiss hinaus, Einsicht gehört für mich zur Einigung hinzu.“ Heute denke ich, dass der Kompromiss zum Wohle aller mit zum Anstand gehört, Kompromiss steht noch vor der Einsicht und dem Zulassen von neuen Gedanken.