Gute Nachrichten

Auf Schwarz

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Die Polarität meiner Empfindungen habe ich versucht in diesem Bild auszudrücken. Hier die helle Freude, das Sonnige des Vorfrühlings dieser Tage, dort das Dunkle in der Welt, durchwebt von hellen Linien, die das Dunkel erhellen.

Das ist das eine.

Das andere ist, dass ich meinen großen Dank an Euch sagen möchte. Eure Bereitschaft mich zu unterstützen ist eine riesige Freude, die mich wärmt. So schön, dass es Euch alle gibt ❤ ❤ ❤

Kurzer Zwischenpiep

Der Blog ist voll ausgeschöpft, um ihn auf profesionell zu stellen fehlt mir das Geld. Und um einen neuen einzurichten schlichtweg die Kraft. Wie mir immer wieder zu fast allem die Kraft fehlt. Zwischendurch gibt es ein, zwei gute Tage, das sind die Highlights, ansonsten rudere ich weiter. Die Ärzteschaft rätselt. Manchmal überlege ich alles zu lassen, aber dann merke ich, dass ich das doch nicht will.

So bleibt es bei meiner Pause.

Miss you all. Trotzdem.

Mein Trost ist das Neuerwachen der Natur und die eine und andere Freundin, der andere und andere Freund, meine Familie. Insgesamt aber haben mein Mut, mein Glauben tiefe Risse bekommen und nicht erst seit diesem unsäglichen Krieg.

Bedrohlich …

… das Weltgeschehen und meine Gesundheit

Verzeiht, ich kann mich gerade kaum um Bloghausen kümmern. Ich kümmere mich um mich und um meine Gesundheit, die nach wie vor bedenklich ist. Eine Ursache wurde gefunden: mein Blutdruck spinnt, vor allen Dingen der untere Wert ist viel zu hoch und damit steigt die Gefahr für einen Schlaganfall oder Herzinfarkt. Ich stehe unter ärztlicher Beobachtung und tue das, was ich tun kann. Wenig Aufregung (was seit heute wieder schwierig ist), viel Bewegung an frischer Luft (nur bedingt möglich, geht nur kurz, weil ich immer noch schnell erschöpft bin), wenig Fett (mache ich eigentlich eh schon lange), kein oder wenig Alkohol (auch das mache ich schon lange), bleiben die Zigaretten, die ich nun eben reduziere.

Atmen, meditieren, ja, das geht. Zuversichtlich bleiben, das geht mal besser, mal schlechter.

Zum Krieg der Russen gegen die Ukraine möchte ich mich nicht weiter auslassen, ich bin ein politischer Naivling. Was mich aber dann doch umtreibt ist die Flüchtlinsgpolitik in D – hier werden gerade Tür und Tor für ukrainische Geflüchtete geöffnet, was ja nicht verkehrt ist, aber seit Jahrzehnten werden Menschen aus anderen Kriegsgebieten abgewiesen oder gar nicht erst hinein gelassen. Das kann und will ich nicht verstehen!

Kleine Vogelkunde

Ein Goldammerweibchen

Schon seit Tagen fällt mir dieses schöne Vögelchen auf, eine Twitterbekannte konnte mir mit der Bestimmung helfen. Schön ist das!

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Eine der kleinen Freuden in diesen stürmischen Tagen. Hier ist schon ein großer Ast von der Weide gegenüber dem Fenster gekracht, das Vogelhäuschen der Nachbarin vom Baum geweht, Ästchen liegen viele rum.

Bahndammkellerkind

Eine Collage aus Miniaturen, Texten und Neuem

Neubau 1955, ein Eckhaus, vier Stockwerke hoch, schmale Balkone, darüber ein Speicher für die Wäsche, ein Keller für Kartoffeln und Eingemachtes, Fahrräder, Schlitten und was man sonst noch im Keller aufbewahrte. Für uns Kinder war der Keller Spielraum und Begegnungsstätte, Abenteuer und Bastelstube, Reparaturwerkstatt und für mich der Ort für den ersten heimlich peinlichen Kuss.

Aber auch der Ort meiner Angst, die ich versuchte wegzupfeifen, wenn ich mich alleine wähnte. Ein schiefes Lied gegen das laute Pochen in meiner Brust. Dort, allein im Keller mit seinen vielen Winkeln und Verschlägen, seinen Kartoffeln, dem Eingemachten und Ausrangiertem, um etwas zu holen, das Mutter brauchte. Im Keller wohnte auch der Buhmann. Ein finsterer Geselle mit Kohlenstaub an Händen und im Gesicht, der auf die unartigen Kinder wartete. Er erwischte mich nie. Buhmänner mögen keine schief gepfiffenen Lieder.

Ein Eckhaus, drei Häuser zur linken Seite, drei Häuser zur rechten Seite, nahtlose Übergänge, dann Lücken. Neubauten in den 1960er Jahren kamen linkerhand dazu, die rechte Häuserreihe endete in einer Nische, an einer Brandmauer. Von der Straße aus ging es weiter. Zweistöckige Backsteinhäuser, vom Krieg unversehrt geblieben, in dem einen ein Blumenladen im Parterre, im anderen das Kino, dann nichts mehr. Erst nach ein paar Metern, das Büdchen, die Straßenbahnendhaltestelle, dahinter der kleine Bahnhof für die S-Bahn nach Essen oder Düsseldorf Hauptbahnhof.

Der Bahndamm daneben, er lief zu den Schrebergärten und weiter, immer weiter bis Essen oder bis der Weg für uns Kinder endete. Ein weiterer Spielraum meiner Kindheit. Züge fuhren selten. Gleise zum balancieren oder für die Ohren. Stilles Lauschen, bis leichte Vibrationen den herannahenden Zug ankündigten, Zeit aufzuspringen und sich in Sicherheit zu bringen.

Unregelmäßigkeiten im Dammbau durch Regen und Wind, sowie der eine und andere Strauch boten Verstecke, waren Kulisse für Räuber- und Gendarm-, für Cowboy- und Indianerspiele. Das waren die harmlosen Spiele. Heftig wurde es während der Karnevalstage, wenn die großen Jungs Ernst machten. Bis aufs Blut. Nur einmal war ich dabei, dann nie wieder. Mein großer Freund Toni hatte mich gerettet.

Doch zurück zum Eckhaus, dritter Stock, die mittlere Wohnung, die, die um die Ecke ging, mit dem langen Flur. Schräg gegenüber der Wohnungstür das Wohnzimmer mit Gummibaum und Ecksofa, Sesseln, Rauchtischchen, goldenem Aschenbecher zum runter drücken und der immer gefüllten goldenen Zigarettendose. Astor rauchte der Vater, Astor rauchte der Onkel. Ein Wohnzimmerschrank mit Sammeltassen, Wurzelholztüren und versteckter Bar, dem Silberbesteck und dem guten Geschirr für besondere Gelegenheiten. Es ging also schon besser.

1956, als ich geboren wurde, war der Krieg elf Jahre vorbei, die Hungerjahre noch nicht ganz so lang, der Aufschwung war in voller Fahrt.

In der Mitte der Hausreihen ein großer Spielplatz mit Plattenwegen, Bonsaihügeln mit Wiese, einem Schotterplatz, zwei Toren, einem Sandkasten, einem Klettergerüst und drei Schaukeln für fünfzig Kinder in allen Größen. Dort wuchs ich heran.

Wir spielten Murmelspiele, Hinkekästchen, wilde Jagden, Fuß-, Brenn- und Völkerball, Ochsenberger-eins-zwei-drei, Mutter-Mutter-wie-weit-darf-ich-reisen, Vater-Mutter-Kind.

Viele Mütter, viele Väter, viele Kinder, ehrliches Brot, gesunder Stolz und am Samstag großes Reinemachen. Der Sonntag- und der Satansbraten, Montagnudeln, Dienstageinerlei, Mittwochstampfkartoffeln-mit-Sauerkraut-und-Bratwurst, Donnerstagreste, Freitagfische, Samstageintopf, Woche für Woche, Jahr für Jahr, Rhythmus, Fleiß und Wiederaufbauschweiß. Keiner hat nie etwas gewusst und jetzt war es ja vorbei. Als gäbe es eine Endgültigkeit, ein Ab-ins-Meer-und-weg-damit. Als gäbe es Teppiche fürs Drunterkehren, als wäre Schweigen stumm. Als hätten sie sich neu erschaffen können, den Göttern gleich. Als hätten sie das Ende und das Wie in ihren Händen gehalten.

In der Erinnerung spielt Kindheit mit nackten Beinen. Nackte Beine hüpfen in Hinkekästchen, schießen Bälle ins Tor, drehen Pirouetten auf Rollschuhen, tanzen Gummitwist, springen Seil. Nackte Arme lassen rote Bälle fliegen, hin und her. Hätte es nicht auch die roten St.-Martins-Äpfel gegeben, den vollen Schuh am Nikolausmorgen und die Kerzen am Weihnachtsabend, wären die Beine wohl immer nackt geblieben. Schmelzende Eiskugeln würden stetig auf Sonntagskleider tropfen und Deckenhöhlen auf Baumschatten stehen. Immer würde die Amsel singen, die Spatzen tschilpen, die Knie zerschunden sein. Eine Sommerkindheit.
Unbeschwert, unverdorben, unschuldig. Kindheit erkundete fremdes Land. Ferienzeit. Nackte Füße im Bergbach, Kieselsteine ertastend. Das Mädchen war Suleika, ein Jahr später Tom Sawyer, die Freundin Huckleberry Finn, im katholischen Mädchen-Ferienlagertheater im Allgäu.

Vanillepudding mit gezuckerten Johannisbeeren auf seinem Grund war die Mahlzeit im Freibad. Haare und Röcke wehten im kühlenden Wind auf rotem Fahrrad, auf dem Weg dorthin. Goldgelbe Getreidefelder standen am Rand, von Kamille, Kornblume und Klatschmohn weiß-rot-blau getüpfelt.
Unbeschwert. Unverdorben. Unschuldig. Viele Albernheiten, viel Lachen, Tränen auch. Eben. Nicht immer war Sonnenschein, nicht immer Sommer und schon gar nicht immer Ferienzeit. Anderes schob sich darunter.

Erinnerungen liegen nicht chronologisch in den Fächern. Am Anfang jedoch zogen weiße Wolken über Azur, Schwalben im Geleit. Lagerfeuer am Abend. Lauter Gesang, leises Gebet. Schwimmen im Fluss, im See, durch den Teich, das Becken, den Kanal. Zuerst waren viele Freunde und Freundinnen, gemeinsame Abenteuer, Streiche und Spiele.

Das Andere legte sich darunter. Leicht, leichter am leichtesten bildeten die Spitze, schwer, schwerer, am schwersten den Grund.

An den Sonnenscheintagen meiner Kindheit sammelte ich weiße Kieselsteinchen am Rhein, während Ausflugsdampfer tuteten und Wellen für die Wassertänzerinnen hinterließen. Menschen winkten und lachten. Blaue Libellen schwebten über Mondfalterbach. Schmetterlingsleichte Gedanken ließen sich nicht fangen. Kirschen prall und süß, bunte Blumenwiesen zu Kränzen geflochten.

Erinnerungen werden durch Gerüche geweckt. Ich denke an die zwei Eisdielen mit den zwei Düften. An die kleine, mit der uraltfaltigen Frau, sie roch nach kühler Milch mit Vanille. Die großdunkelschummerige nach Wärme, Vanille, Erdbeer und Zitrone. Eine dritte, die kam, als die Uraltfaltenmilchfrau gegangen war, roch modern – nach Plastikstühlen. Dort ging ich selten hinein.
Eine Kugel Eis ein Groschen, eine Straßenbahnfahrt fünf Pfennig, eine Karussellfahrt zwanzig oder fünfzig. Manches erinnert sich schlechter als anderes.
In den Gärten meiner Kindheit gab es Kartoffel- und Gemüsebeete, Erdbeeren, Hühner- und Kaninchenställe, lebten Tauben auf dem Dach des Gartenschuppens, flogen Mai- und Kartoffelkäfer, aber Sonnenschirme oder Hollywoodschaukeln standen dort nicht. Die waren den Reichen vorbehalten, wie die dicken Teppiche und Kricketrasen. Bei den Reichen wurden andere Spiele gespielt. Leisere. Gezähmtere. Nicht wirklich lustigere. Manchmal wurde ich eingeladen, von Unwohlsein begleitet. Dort gehörte ich nicht hin. Fremdsein.

Die Erinnerung beginnt mit dem Duft von Vanillezucker in kalter Milch. Sie wandert weiter zu den Deckenburgen, zu eisgekühlten Hagebuttentees mit Zitrone und Zucker, hin zum Klingeln des Eismanns, dem Lumpensammler mit seiner Flöte und dem Einmannorchester an der Ecke der kleinen Stadt. Zitroneneis und Wasser, Butterbrote mit Salz, Lakritzschnecken und Salmiakpastillen, zwei Kirschlutscher für einen Pfennig, ein Colalutscher für fünf. Aber kaum Berge, kein Meer, viel Wiese, kaum Mutter, viel Freundin und Freund. Viel Tante, Cousinen und Cousins, viel Lachen und immer Schmerz und Tränen, wenn es Nachhause ging.
Dasselbe Stampfen der Dampflokomotive begleitete abwechselnd das Leichteste und Schwerste. Hinein in die Ferienzeit, hinaus. Hinein. Hinaus. Hinein. Hinaus. Hinein. Hinaus.
Im Hinaus wohnten andere Freundinnen, andere Freunde. Im Hinein verschwanden Tom und Huck wieder hinter den Buchdeckeln, gesellten sich zu Jim Knopf und Lukas, dem Lokomotivführer, zu Inga, Lisa, Britta, Kerstin, Lasse, Bosse und Ole, zu den fünf Freunden und den sieben Fragezeichen, zu Trotzkopf und zu Hanni und Nanni ins Internat.

Ich frage nicht nach den Häusern, ob sie noch stehen oder nicht, ob sie neue Farben bekamen oder nicht. In meiner Erinnerung stehen sie unverwittert, vierstöckig mit grauer Fassade und ich werfe wieder rote Bälle an ihre Wände.

Wenn ich an Maiglöckchen rieche, habe ich wieder Geburtstag in Tantes Garten, violetter Fliederduft gesellt sich hinzu. Gärten und Häuser, die verschwanden oder auch nicht, sie alle hatten einen Keller, ihre Wände erkannten mich an meinem Pfeifen. Kartoffeln, Eingemachtes, Schlitten und Fahrräder überall, in manchen auch Kohlen und Feuersalamander, aber es gab nur einen für den ersten peinlich heimlichen Kuss.

Meine Generation lernte die Not aus den erzählten Geschichten, weit weg von uns und den immer voller werdenden Geschäften. Seelennot, die lernten wir auch, aber Hunger gab es nicht, wenn uns auch nicht alles schmeckte und das Brot, vor der Brust geschnitten, mit einem Segenskreuz verziert, täglich und selbstverständlich auf dem Esstisch lag. Unser Hunger hieß nicht Brot. Er hieß Leben, Liebe, Lust, Leidenschaft und Wahrheit. Abenteuer winkten überall, nur nicht in den Wohnzimmern voller Gummibäumen und anderem Gewächs. Nackte Füße steckten in Sandalen, ob es sich geziemte oder nicht. Röcke verloren ihre langen Säume, Wind fuhr durch offen getragene Haare, Bärte wuchsen, Kreuze mussten brennen.

Der Rhythmus des Rock’n Rolls lag schon bei meiner Geburt in der Luft, bewegte die Atmosphäre, veränderte Blickwinkel. Frauen zeigten ab den frühen 1960er Jahren Bein, Peter Kraus sang von Motorbienen, Rita Pavone: Wenn ich ein Junge wär. Andere sangen von Freiheit, Liebe und Frieden. Männer und Jungs posierten mit Schmalzlocke, Bluejeans und Lederjacke, auch wenn in meinem Zuhause zunächst noch das Ave Maria, deutsche Schlager, Heimatlieder und katholischer Kirchgang angesagt waren, sowie Röcke, die gleich über dem Knie zu enden hatten.

Mit Kindern und Jugendlichen wurde damals nicht viel geredet. Wir sollten glauben, nicht fragen. Wir sollten gehorchen, sonst nichts. Und ich war ein Mädchen, dann ein Fräulein (wie albern das doch klang und klingt!), dann eine junge Frau; ich hatte nichts über das Frausein gelernt, nichts was ich hätte gebrauchen können. Die Kittelschürze war nicht für mich.

Die Werte der Familie und der Kirche gehörten schnell nicht mehr zu mir, aber erst einmal sickerten sie ein. Sie rochen schlecht, sie schmeckten bitter. Ich fragte, ich rebellierte, ich las, ich verließ das Haus.

Niemand hatte mit mir je über Liebe, Lust und Leidenschaft gesprochen. Aber die Sünde und die sündigen Leiber waren in aller Munde, so, wie die Huren und die Gosse, das billige Flittchen, das Fegefeuer und die Hölle. Der erhobene Zeigefinger richtete sich gegen mich. Lange wollte ich ein Junge sein!

Das Kreuz war massiv. Das Kreuz hieß Frau, hieß Sünde, Todsünde, Erbsünde, Eva und der Apfel, hieß Schuld, hieß sündiger Leib. Und dann erwachten mein Körper und die Lust. Nur schon meinen nackten Körper im Spiegel zu betrachten war eine Todsünde, hieß Fegefeuer und ab dafür. Wenn ich Lust hatte, mich nackt im Spiegel zu betrachten, wenn ich Spaß daran hatte mich zu berühren, galt dasselbe. Sünde, Sünde, hundert Jahre in der Hölle schmoren. So hatten sie es mir beigebracht. Das war meine Geißelung.

Der liebe Gott, von mir auf die Probe gestellt, verlor mit den fortschreitenden Jahren immer öfter, der Heilige Geist war eine Enttäuschung.

Ich war verwirrt. Ich wollte das Reh sein, aber ich war ein rasender Stier im Schildkrötenkostüm.

Mutter und ich waren weitergezogen. Kein Bahndamm, keine fünfzig Kinder, kein Vater, kein Großvater und keine Großmutter mehr und der große Bruder schon längst in der weiten Welt unterwegs, da blieben nur noch Zwei. Schon länger hatten wir uns nichts mehr zu sagen, Mutter und ich.

Das Bahndammkellerkind wurde zur Straßengöre, aber die Straße kannte kein Pardon.

Ich verbrannte mich. Ich wurde das Flittchen. Später kamen andere, die es ernst mit mir meinten, ich erkannte sie nicht, aber ich nahm ihre Hände. Ich war nicht mehr allein und hatte mein kostbarstes Gut doch schon längst verloren.

Ich lief durch die Welt, klein, dick, dumm, hässlich, weder richtig, noch liebenswert. Wir hatten viel zu tun, die Freundinnen, ich und mein Schutzengel. Der war mir geblieben, wenn auch ohne Flügel.

Ich habe solange an Mimosen und Rosen gerochen, bis der Gestank verflogen war. Die bittere Galle habe ich ausgekotzt. Ich baute mir ein neues Haus und manchmal fand meine Stummheit einen Trost.

Lange nicht alles war zerbrochen, lange nicht alles war beschmutzt, in mir keimte ein Lotus. Die Leidenschaft nahm sich ihren Raum.

Dann brannten die Kreuze. Lichterloh.

für Margarete

Blaue Wunder sind rar

Die Erde schmatzt im wendischen Land. Das blaue Wunder war vorgestern. Jetzt wieder Pfützenbildung im Hof. Ohne Gummistiefel gehe ich nicht raus. Rutschpartie vor der Türe. Weitergehen, einmal ganz ums Haus, über den Hof, über die Pfütze springen oder mittenmang hindurch, Tür auf, Licht an, Skala ablesen, der Ofen will Nahrung und ich brauche keine Splitter.

Ameisen in der Küche ohne Straße, sie haben die Mäuse abgelöst. Fünf habe ich lebend gefangen und zu einer Strohmiete gebracht. Mückenstiche im Februar. Die wendischen Wassergräben sind gut gefüllt. Am Vogelhaus tummeln sich unverdrossen Meisen und Spatzen unterschiedlichster Art, Buchfink, Rotkehlchen, Eichelhäher, Buntspecht; ein Dompfaff ist nur ab und an zu sehen, wie der Silberreiher am Teich und der Mäusebussard auf der Wiese, die Wildgänse über dem Haus. Ebenfalls unverdrossen krähen die Wachtelhähnchen und ein Hahn bei Tag und bei Nacht auf dem Nachbargrundstück, ohne dort wohnende  Nachbarn. Ich denke an falsche Haltung und an den Tierschutzverband, noch zögere ich. Es ist nicht meine Art. Aber die Tiere dauern mich.

Die Unaufgeregtheit der Landschaft, die beschaulichen Städtchen, die Elbe, die Jeetzel, die Göhrde, der Gain, der oder das Drawehn, der Gartower See und Forst, der weite Himmel, die Alleen, die alten Eichen, die vielen Birken, meine Freundinnen und Freunde, das sind die Freuden; der schneelose Winter, der ewige Grauhimmel, die Langsamkeit der Ärzteschaft meine Herausforderungen. Mit einzelnen Ameisen, Weberknechten, Spinnen und den nun verschwundenen Mäusen kann ich leben, mit der mich umgebenden Stille auch.

Andere Themen sind meine Verarmung, die Bonsairente, Scham, Vergangenheitsbewältigung und meine Gesundheit. Tiefe Prozesse im schneelosen Winter 2021/22.

Abenteuer Wendland

Am Montag, 07.02.2022

Eigentlich wollte ich ja nur mal eben von hier nach dort. Aber dort war nicht da, wo ich dachte, also fragte ich das Navi. Jaha, das kannte den Weg, aber bitte, hier soll ich reinfahren? Das ist doch nur ein Waldweg, ich nahm die Straße, die Dame tönte, bitte wenden, dann scharf links. Oookay, dann also doch.

Warum höre ich eigentlich auf mein Navi und nicht auf meine Intuition? Weil ich unbelehrbar bin? Weil ich abenteuerlustig bin? Wahrscheinlich von beidem ein bisschen.

Anfangs ging es ja noch, mit dem Waldweg. Aber es hat hier wochenlang geregnet und in den letzten Tagen auch gestürmt, wie auch heute wieder, soll heißen, der Weg war von tiefen Pfützen durchzogen, Äste lagen quer, die ich aus dem Weg räumen musste und dann wurde es irgendwann dermaßen heftig, dass ich alle Schutzgeister und -engel dieser Welt anrief. Zum einen, dass ich nicht stecken blieb, zum anderen, dass ich heile und mein Auto unversehrt da wieder herauskommen mögen. Und ja nicht in den tiefen Spurrillen fahren!

Alle waren mit mir.. Tausend Dank!

Als ich am Ort ankam, hatte ich allerdings so zittrige Beine, dass an einen Gang nicht mehr zu denken war. Nur ein kleines Stück. Und dann war ja da auch noch der Sturm und ich nicht wirklich windfest angezogen, sodass ich nur flugs ein paar Fotos von einer umgefallenen Birke machte und dann Nachhause fuhr.

Merksatz eins an mich selbst: wenn mir ein Weg nicht geheuer ist, fahre ich ihn nicht, egal, was das Navi erzählt.

Merksatz 2: Abenteuer müssen nicht riskant für Leib, Leben oder Auto sein.

Birkenliebe

Die Birke ist eindeutig weiblich. Ihr seht doch auch die Frauengestalt?

Birkenland

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Sonntagsbild 05 2022

Das Wassertigerjahr hat begonnen

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Entspannt schreitet der Tiger zum Wasser, sein Spiegelbild zu betrachten.



WILLIAM BLAKE

The Tyger.

Tyger Tyger, burning bright,

In the forests of the night;

What immortal hand or eye,

Could frame thy fearful symmetry?

In what distant deeps or skies.

Burnt the fire of thine eyes?

On what wings dare he aspire?

What the hand, dare seize the fire?

And what shoulder, & what art,

Could twist the sinews of thy heart?

And when thy heart began to beat,

What dread hand? & what dread feet?

What the hammer? what the chain,

In what furnace was thy brain?

What the anvil? what dread grasp,

Dare its deadly terrors clasp!

When the stars threw down their spears

And water ’d heaven with their tears:

Did he smile his work to see?

Did he who made the Lamb make thee?

Tyger Tyger burning bright,

In the forests of the night:

What immortal hand or eye,

Dare frame thy fearful symmetry?

(1794)

Der Tiger

Tiger, Tiger, flammend hell

In den Wäldern der Nacht,

Welch unsterbliche Hand, welches Auge

Konnte dein erschreckendes Ebenmaß formen?

In welch fernen Tiefen oder Himmelsweiten

Entfachte er das Feuer deiner Augen?

Auf was für Flügeln wagte er sich daran?

Was für eine Hand wagte, zu greifen nach dem Feuer?

Und welcher Schöpfer, welche Kunst

Konnte deines Herzens Sehnen verknüpfen?

Und als dein Herz zu schlagen begann,

Wie ehrfurchtgebietend waren Hand und Fuß?

Was war der Hammer? Was die Kette?

In welchem Ofen war dein Gehirn?

Was war der Amboss? Was für ein erhabener Griff

Wagt es, seine tödlichen Schrecken zu umschließen?

Als die Sterne Lichtspeere herniederwarfen

Und den Himmel benetzten mit ihren Tränen –

Hat Er gelächelt beim Anblick seines Werkes?

Hat Er, der das Lamm erschuf, dich gemacht?

Tiger, Tiger, flammend hell

In den Wäldern der Nacht,

Welch unsterbliche Hand, welches Auge

Konnte dein erschreckendes Ebenmaß formen?