Fragment 17

Für dich schlachte ich eine Ziege.

 

Der Frieden vom Berg ist ein trügerischer. Einer, der seltsam erstarrt und unlebendig ist, der sich an sie hängt und mit klebrigen Fäden umwickelt. Wie oft sie von woanders kam, belebt, lebendig, manche Falte wieder geglättet, munter und voller Tatendrang! Es währte nie lang. Was war, was ist, was zieht, zusammen und runter?

Sie hört sich noch sagen, sie hört ihn noch fragen, all die Jahre hindurch.

Nairobi musste durchs Dunkeltal, musste der Schneeeule folgen. Bärin trug sie durch altes Land. Sie lauschte den Liedern der singenden Schwäne und saß am breiten Ufer ihres Bruders. Zwei Fische, aus Weidenzweigen geflochten, nahm er auf, einen kleinen und einen großen, die trug er zum Meer.

Ist ein Meer nicht alle Meere, ist ein Fluss nicht alle Flüsse und ist sie nicht alle Menschen?

War sie nicht einst die Goldmarie? Und das Findelkind im Mooskörbchen? War sie nicht auch das hässliche Entlein und das Mädchen, dem die Mutter starb, das gequält und verhöhnt von Stiefmutter und deren hässlichen Töchtern zu Baba Jaga gehen musste, zu Frau Holle in den Brunnen? Und war sie nicht auch das Mädchen mit der roten Kappe gewesen und das Mädchen, das am Weihnachtsabend die Schwefelhölzer entzündete, mit Blick in den Sternenhimmel? Und war es nicht der Himmel und seine Weite, die ihr Verheißung auf ein Wiedersehen gewesen sind?

Für dich schlachte ich eine Ziege. Mit dir fahre ich um die ganze Welt. Mit dir kenne ich die Angst nicht mehr.“ Sätze zu Staub, Asche im Wind.

Wenn Nairobi alle Menschen ist, dann ist sie auch alle Engel und Dämonen, alle Feen, Hexen, Elfen, Elben, Zauberinnen und eine kleine Frau. Dann ist sie Königin im Schwanenkleid. Eine, die auszieht, um Kaiserin in ihrem Reich zu werden, dem Reich Überall-im-Irgendwo. Dem Land, in dem sie das weiße Rentier auf seinen Rücken nimmt, sie über alle Mauern und Abgründe trägt, während sie das Lied Ohne-Anfang-und-ohne-Ende singt. Begleitet von dem tiefen A in Moll – so, wie alle Schiffe tuten, das nur Johnny so auf dem Tenorsax blasen kann.

Knotenpunkte, Knoten aller Art und Seemannsgarn, Nairobi hat es geliebt das Akkordeon zu spielen, den Wind in den Haaren, das Meer im Blick.

Wenn das eine Leben alle Leben ist, dann ist es ein nackter Dada, ein Diddeldaddeldumm.



Diesen Text habe ich vor einiger Zeit schon einmal geblogt, nun habe ich ihn überarbeitet. Ich habe einige Passagen gestrichen, Neues hinzugefügt und ihn den Fragmenten zugeordnet.

Für Myriades Impulswerkstatt II 12 2021

Bänke

Eine Bank vor einem Haus, eine Bank in einem Wald, eine Bank an einem Wegrand, wo auch immer noch eine Bank auftaucht, ist sie eine Einladung auszuruhen, zu sitzen und zu schauen.

Ich möchte euch zwei Bänke von meinen Erkundungsgängen im für mich noch neuen Land als Antwort auf Myriades 2. Impuls zeigen.

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Freude oder …

Wenn ich bunte Post im Briefkasten finde

Die Künstlerin Manuela Mordhorst hat zehn ihrer zauberhaft gestalteten Karten ausgeschrieben. Gewinnen konnte man eine der zehn Karten, wenn man einen Kommentar unter ihren Aufruf schrieb. In dieser Woche veröffentlichte Manuela die Namen der Gewinner=innen. Jui! Ich war dabei. Schon am Donnerstag lag ihre Post in meinem Briefkasten. Welch eine Freude! So viel Liebevolles, Freudiges, Leuchtendes! Das war nicht nur bunte Post, das war ein Gefühl wie … ja, wie Weihnachten … vielleicht. Weihnachten als Kind.

Meinen herzlichen Dank, liebe Manuela für diese große Freude!

Du hast mich zusätzlich inspiriert es dir einmal gleich zu tun. Wann auch immer noch.

Nischenliteratur II

Zwei Frauen, zwei Bücher, die ich empfehlen möchte.

Wie das Cover von Annette van den Bergh schon sagt: acht Menschen und acht Leben. Kurze Geschichten mit großen Sätzen – oder wie auf dem Klappentext zu lesen ist: „8 Menschen, 8 Leben, 8 Fiktionen! Fiktive Lebens-Protokolle, das Ich zwischen Freiheit und Determination tappend und immer suchend.“

„Für ein Glück, das mich selbst meint, muss ich nicht büßen!“

Am Tag bin ich, je nach Stimmung, ein Mann oder eine Frau und nur dann allein, wenn ich es will. Einsam bin ich immer, jedoch ohne ein Leid an diesem Zustand zu empfinden. Einsamkeit kann auch Raum bedeuten, für die Freuden einer Erfüllung anderer Art.

Ich weiß nur um unterschiedliche Existenzformen. Wenn es die Freiheit gibt, gibt es keine eine Form, es gibt nur Findungen und Erfindungen in die Form hinein, in denen wir leben. Nur wenn wir zu lange in einer Form stecken bleiben, glauben wir an diese Form, als das unsrig Vorgegebene. Das aber ist eine Illusion.

Sabine Schildgen schöpft Wortbilder, zart, kraftvoll und melodiös. Gerne stelle ich hier eins ihrer Gedichte ein. Ein schönes Geschenk für sich selbst und/oder für einen geliebten Menschen.

In Leuchtturms Armen

Einsam streift dein Licht durch dunkle Nacht –

gib acht, gib acht,

der Seemann beißt ins kalte Nass,

das Schiff, die Welt verlass,

ins kalte Wasser gleitet er,

sieht’s Licht nun nimmer mehr.

 

Einsam streift dein Licht durch dunkle Nacht –

sieht Sonnenhauch und Wolkenwacht,

lauscht Meeresrauschen, Wellenpfad,

weckt Gefühle, rosig-zart.

Einzigartig Wind und Duft,

einzigartig ist die Luft.

 

Einsam streift dein Licht durch dunkle Nacht –

zu End‘ ist nun die Sonnenschlacht,

Lyriden blitzen auf am Firmament,

blitzen auf nur den Moment.

Und wenn am Himmel Sterne schweifen,

lernst du Unendlichkeit begreifen.

Für die Impulswerkstatt von Myriade

Myriades Impuls

Nummer drei soll meine Nummer eins sein.

Zu jedem der eingestellten Bilder von Myriade fiel mir gleich ein bildliches Pendant ein. Das ist das eine, das andere ist der heutige Beitrag von Gerda und ihren Arbeiten zu dem Doppelgesicht.

Jede und jeder ist Viele, in uns wohnen viele Anteile, das Kind, die Jugendliche, die Heranwachsende, die Mutter, die Lehrende, die Lernende, die Ängstliche neben der Mutigen, die Wilde neben der Schüchternen, die Närrin neben der Miesmacherin … mein Boot hat viel Passagiere.

Sehr verbunden bin ich mit meinem inneren Mädchen. Vor einigen Jahren gestaltete ich ein Bild von uns Zwei.

Unsere Ahnen leben in uns weiter – im Guten, wie im Schlechten – und sind weitere Anteile, die in uns leben.

Meine Großmutter und ich

Die Bilder wie wir gerne wären, versus wer und wie wir sind.

Eine Vision von mir im Alter:

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Fragment 16

Zwischen Himmel und Erde

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Nairobi sitzt zwischen Himmel und Erde. Ein breiter Fluss durchschneidet das Land. Vielleicht heißt er Okavango. Die zwei Alten auf der Bank vor ihrem windschiefen Haus lächeln zu ihr hinauf. Sie murmelt: „Alles ein Geist, nur die Formen ändern sich. Alles nur eine Zeit, alles immer da und nicht.“

Die Alte zündet sich eine Pfeife an, ihr Blick ist weit wie das Land. Manchmal noch sitzt sie mit der Löwin am Feuer, krault sie hinter den Ohren, die Kinder spielen im Dämmerungslicht, nur das Kleinste schläft schon auf Großmutters Schoß. Der Alte schlägt leise den Blues auf den Boden unter seinen Stiefeln. Nairobi sinnt über die Lieder der Zuversicht. Noch stellen sich keine Töne ein. In Dunkelzeiten werden die Lieder sanfter. Und leiser. Ein Feuer brennt in der Ewigkeit. Geschichten werden erzählt, Lieder gesungen, Tänze und Trommeln um das Feuer herum. Das hat der weiße Mann nicht zerstören können. Was heilig ist, bleibt heilig. Der weiße Mann klärte auf, er verklärte und vernebelte die Wirklichkeit. Er fühlte sich im Recht.

Als die flinke Reiterin naht, springt Nairobi von ihrem Baum und läuft ihr lachend entgegen. Die zwei Alten haben Sterne in den Augen.