Aufrichtung

075 08.06.15 aufrichtung

Ein Leben lang. Du und ich, das ist zumindest eine lange Geschichte. Und ein bezeugtes Ja. Versteckte Bangigkeit, beherzter Kuss, ab jetzt ein Leben lang. Als ob ich tot sein müsste, wenn du es wärest oder die Geschichte oder du, wenn ich es wäre. Als gäbe es kein Leben mehr und schon gar kein langes, wenn du und ich aus dem Wir gefallen wären. Wenn deine Hand meine nicht mehr hielte. Das Wir, das Verwirrte, wenn nicht gar Verirrte. Das Ja, das Nägel in Kreuze schlägt.

Du und ich teilen das Brot am Abend, ich in meiner Gestalt, du in deiner. Kein konturloses Wir, wie ein geschmolzener Käse über dem Abendessen. Berge und Täler dazwischen, Drifteis auch, jede und jeder auf der eigenen Scholle. Nordostpassage. Um durchs Nadelöhr zu schlüpfen braucht es die Stille der Nacht, ihr Überleben. Weitergehen. Miteinander. Jede und jeder für sich. Miteinander. Aufrecht.

Du und ich, jetzt fast schon ein Drittellebenlang, jede und jeder in der eigenen wachsenden Gestalt.

Altes neu aufgelegt – 1 –

Gestalt

098  26.06.15 aus alt mach neu

(Ölkreide und Bleistift auf Papier – draufklick = gross)

Nein, es geht jetzt nicht um das Labyrinth der Erinnerungen. Ich bin noch nicht alt genug, um nur noch durch diese mäandernden Gänge zu irren und hier und da ein Erinnerungstürchen zu öffnen und zu seufzen: hach, waret schön oder nix wie weg oder ach, du wieder …

Es geht um das Neu im Alt. Die Idee wächst. Noch ist nichts entschieden, aber der Gedanke treibt mich um, mich auf der Edith Mayron Bildhauerkunstschule in Freiburg – Munzingen http://www.bildhauer-kunststudium.com zu bewerben und dort das vierjährige, berufsbegleitende Studium zu absolvieren.

Der Reiz liegt darin, dass ich noch einmal fundierten Kunstgeschichtsunterricht hätte, dass ich nicht nur Steine oder Holz forme, sondern auch mit Ton und Gips arbeiten werde, mit Papier und Pappe, Metall und allem, was man in der Natur findet, sowie Porträtzeichnen lerne und …

Mir gefällt das Konzept, mir gefällt der Ort und mir gefällt es dies mit einer Freundin zusammen zu tun, die jetzt gerade angenommen wurde. Ich sehe mit dem, was ich ihnen von mir zeigen kann, eine Chance. Ein grosser Traum würde dann doch noch wahr, nachdem ich in jungen Jahren an zwei Kunstschulen abgewiesen wurde, weil ich dann eben nicht gut genug war. So eine Art Heilung für damals empfundenes Unrecht. Es kratzte und trotzdem habe ich weitergemacht. Weil ich nicht anders konnte?

Trotz-Dem

Mal abgesehen davon, dass man ja nicht mehr so genau weiss was denn nun Kunst ist und was Handwerk und was eigentlich nichts (die Diskussion mögen andere führen), schrieb ich ja vor einigen Monaten, dass ich einen Anteil in mir habe, den ich Künstlerin nenne. Dieser Anteil musste lange darben. In den letzten zehn Jahren nahm er sich mehr und mehr Raum.

Der Künstlerin in mir Raum zu geben schenkt mir Prozesse, Weite, Neuland, Abenteuer, Befriedigung, Spannung, Gespräche, neue Geschichten und bereitet mir zudem Freude während des Schaffens und auch danach. Diese Freude schwabbt dann in die Welt und erreicht mal die, dann den. Mit Betroffenheiten verhält es sich anders, aber das ist jetzt nicht das Thema. Was will ich mehr? Nüscht! Es geht nicht um Ruhm und Ehre, sondern ums Tun. Punkt.

Okay, es geht auch immer um das Brot auf den Tisch. Aber habe ich mich jetzt nicht lange genug gesorgt und abgestrampelt und das Spiel, soweit ich es eben kann und konnte mitgespielt? Ist es jetzt nicht einfach mal dran kompromisslos meins zu leben? Ja. Höre ich. Herzklopfen. Schüchternes Lächeln.

Prolog Ende

Der Kurzroman

Ich habe in den alten Mappen gewühlt für eine neue und habe ein paar Bilder abfotografiert.

Die nächsten Tage zeige ich euch, unter obiger Überschrift, je ein Bild, neugierig darauf was diese bei euch bewirken und wenn es nichts ist, ist es eben nichts. Keine Angst vor wahren Worten!

1. Kindheit und der rote Ball von 2004
098abcdef  26.06.15 kindheit - der rote Ball

(Farbpigmente in Speiseöl gelöst, auf Karton – draufklick = gross)

Marlene Dumas – The Image as Burden

Marlene Dumas

geboren 1953 in Kapstadt – Südafrika – dort aufgewachsen, dort studiert. Seit 1976 lebt und arbeitet sie in Amsterdam

Foundation Beyeler 31.05 – 06.09.2015

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(bitte klicke die Bilder und Galerien an, dann werden die Bilder gross)

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Frau Dumas benutzt häufig Fotografien, eigene, aus Zeitschriften oder von FreundInnen. Sie sind Vorlagen für ihre Porträts … das ein und andere Foto wurde in der Foundation separat gezeigt, wie zum Beispiel die Fotografie des Mädchens, das sich in dieses Bild verwandelte:

The painter

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Die Witwe

 Die weisse Krankheit

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Warten auf Sinn

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Trauer

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Dies ist meine kleine, persönliche Auswahl von Bildern, nachdem ich in der Ausstellung war. Eine Ausstellung, die mich nicht mehr loslässt, wir schreiben Tag Zwei danach und noch immer bin ich mit den Werken von Marlene Dumas beschäftigt.

Es ist lange her, dass mich eine Künstlerin so nachhaltig beeindruckt hat. Wieder und wieder schauen mich ihre Gesichter an. Gesichter, die mich auch an Otto Dix denken lassen: Dix allerdings bewegte sich im “Milljöh”, Dumas in der Welt und häufig in der Welt von Schwarz und Weiss. Gemeinsam ist ihnen die Porträtkunst, das Nicht-zwingend-schöne. Durch die Überzeichnung fallen die Schleier des alltäglichen Maskenspiels. Eine Form der Nacktheit, die ich als mutig empfinde, die nichts ummäntelt, nichts schönmalt, die Fragen stellt, ohne Antworten parat zu haben oder gar einzufordern.

Bilder, die weh tun, die mich bannen, aber auch solche, die mich lachen lassen (leider habe ich diese Beispiele nicht fotografieren können). Manche lassen mich nicht los, schon in einem anderen Saal angekommen, gehe ich noch einmal zurück und verweile erneut. Ich sah Bilder, die erschüttern in einem gefällig gewordenen Kunstraum. Mehrmals sah ich Besucherinnen, die ihre Hand an der Kehle hielten. Ja, bei manchen Bildern wird es einem eng!

Natürlich frage ich mich, wie es ist, wenn man in Südafrika als Weisse unter Schwarzen geboren und aufgewachsen ist, in einer Zeit als Apartheid herrschte und auch heute noch, nach ihrer “Abschaffung” nicht aus den Köpfen verschwunden ist. Die Sicht von Marlene Dumas kommt meiner nah.

Ich denke an Malcolm X, der im Kontrast zu Martin Luther King, gegen das Gleichmachen war: “Lebt die Differenz”, war eine seiner Botschaften.

Schwarz ist nun einmal nicht Weiss. Die Differenzen der Kulturen, der Religionen in gegenseitiger Wertschätzung gelebt, könnte den Raum für das Verbindende öffnen, könnte eine Antwort bzw. Auflösung von Rassismus und Diskriminierung sein. Dumas malte auf dem Bild, “Die Witwe” (siehe oben), die zwei vorderen Begleiter mit weissem Gesicht, sie bleiben schwarz …

wie dieser Mann, den ich 1996 fotografierte

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“Sie sagte: Durch alle Narben schlägt ein Rosa durch” (s.o.)

Leben und Tod, schwarz und weiss, das ist das Spannungsfeld. Das Gefäss, so erscheint es mir, heisst Liebe.

Und ich denke an zwei Bücher, die ich gerne empfehle … auch hier geht es um Schwarz und Weiss aus schwarzer Sicht:

– Der Klang der Zeit von Richard Powers

– Open City von Teju Cole

Menschen, Tiere, Pflanzen – bretonische Impressionen

Am Strand

Während die einen sich schon entblössen, stakt der andere noch mit Mütze und Jacke durchs Watt

Paul Gauguin malte die Tangsammler

bretonische Tangsammler- Gauguin eMuseumPlus

(Gauguins Bild aus dem Netz gefischt: Folkwang Museum)

Auch heute noch wird Tang gesammelt, er düngt die bretonischen Felder. Das sahen wir nicht, aber Muschelsammler im Watt –
 Ich liebe Hühner und Hähne, nur wie manche gehalten werden macht mich traurig, ich glaub dieser Hahn war es auch …

012 leben

Möwen … manche kommen nah, andere schaukeln lieber auf den Wellen
Die unbenannte Pflanzenwelt:

095  23.06.15 fremde gewächse

Es ist nicht das erste Mal, dass ich das Pflanzenbestimmungsbuch daheim liegen gelassen habe, aber ob es mir bei diesen Blüten geholfen hätte? Ich wage es zu bezweifeln. Es stimmt schon und auch wieder nicht, Namen sind Schall und Rauch, ich aber weiss gerne wen ich vor mir habe.

An dieser Stelle enden vorerst die bretonischen Reiseberichte, auch wenn es noch das eine und andere zu zeigen gibt, aber gerade eben überholt das Jetzt meine Ferienerinnerungen, mehr dann bald …

Bretagne urban – 2 –

Das Hotel von gegenüber – eine Filmkulisse

(ein Bild anklicken, dann öffnen sich die Galerien)

 

Tür und Tor

Lachen und Lächeln sind Tor und Pforte, durch die viel Gutes in den Menschen hineinhuschen kann.
Christian Morgenstern

 

Früher, so las ich, war es in der Bretagne üblich das Haus offen zu lassen, für welchen Fischer, welchen  Wanderer und welche Wanderin auch immer noch. Man durfte eintreten, sich einen Kaffee machen, sich trocknen, aufwärmen oder einfach nur ausruhen. Früher, das ist noch nicht sooo lange her! Und was in der Bretagne galt und vielleicht auch noch hier und dort anzufinden ist, galt und gilt auch in Lappland, im Wendland und … hoffentlich noch lange! Wir allerdings wurden von der Vermieterfreundin gewarnt, bitte keine Schuhe oder ähnliches vor der Türe stehen zu lassen. Manchmal käme etwas weg.

Zwischen Meer und Fluss

Der Fluss setzt seinen Weg zum Meer fort, ob das Rad der Mühle gebrochen ist oder nicht.
Khalil Gibran

030 urban bre

Am Wasser … das heisst in der Bretagne nicht unbedingt nur am Meer zu sein. Viele Flüsse fliessen zum Meer. Flüsse, die ebben und fluten. In denen es Lebewesen gibt, die weder im reinen Salz- noch im reinen Süsswasser überleben könnten, nur in diesem Gemisch von süss-salzig haben sie sich entwickelt und zeigen einmal mehr die Anpassungsfähigkeit der Lebewesen, an das was ist.

Die Geschichte von dem kleinen Hund

Vor dieser Kulisse war er, der kleine Hund. Schwanzwedelnd lief er im Wasser auf und ab und ab und auf, den Blick nicht von der Wasseroberfläche hebend. Manchmal sprang er, tauchte den Kopf unter Wasser, tauchte wieder auf, ohne Fisch … oder was jagte er dort? Wir schauten eine Weile, bis der kleine Kerl zu unserer Verblüffung an Land ging, kurz pieselte und dann zurück ins Wasser sprang. Wer pinkelt auch schon in die eigenen Jagdgründe!

Viel später war es, als er uns tropfnass und sichtlich erschöpft noch einmal begegnete. Kein Schwanzwedeln mehr und immer noch keinen Fisch. Das nenne ich Jägerpech.

Kleine Hunde, das war dann noch ein anderes Thema. In unserer Ferienwohnung gab es eine kleine, aber sehr feine Bibliothek. Unter anderem fand ich dort einige Romane von Georges Simenon, nein, keine Maigretkrimis. Das erste Buch, das ich auswählte, war: Der Mann mit dem kleinen Hund. Georges Simenon … gerade richtig für lange Ferienabende!

Blicke in die unmittelbare Nachbarschaft zur frühen und zur späten Stunde

Stell dir vor ein Tag geht zu Ende, die Sonne ist im Meer versunken, noch malt das Abendlicht Rosa über Himmel und Häuserwände. Kein Wind. Nicht heute. Ein Glas Cidre steht vor dir (übrigens das Nationalgetränk der BretonInnen), du sitzt mit dem Liebsten auf dem Balkon, das Meer ebbt, zwei Menschen gehen am Strand …

 

alte Rechnungen

395 07.11.12 blue moon

Es gibt keine alte Rechnungen, nur ein Stück gemeinsamen Weg und das ist lange her. Grosse Lieben wurden klein bis nichts, junge, schlanke Männer alt und dick.

Ich, die einst junge Runde, ist noch immer rund, nicht mehr jung, nur ein kleines bisschen kleiner. Und all das Runde war nie dick, aber das habe ich erst sehr spät verstanden.
Wir haben darüber gelacht. I. und ich am Telefon. Dann erzählte sie mir vom alt und dick gewordenen Prinzen.

Der Prinz, der sich selbst Wrack nannte. Kein Prinz, kein Wrack, ein Geht-nicht, ein Stimmt-nicht und immer wieder Luft anhalten. Das Herz schlug dumpf hinter den Ketten von nein und klein und ja und viel zu gross. Damals.

Heute … ist der Prinz eine Erinnerung, eine dick gewordene. Wiedersehen ist nicht möglich. Kein Geplauder über die Zeiten von Bühnen und Musikern, von Bühnen und Tänzerinnen, von Festen mit Liebe in der Badewanne und dem, als ein Klavier im Garten brannte.

Meine Tür habe ich nie verschlossen. Er hat eine leise hinter sich zugezogen. Ein Morgen graute, eine allerletzte gemeinsame Tasse Kaffe, bevor die Kinder erwachten, Schwere und Traurigkeit zwischen den Küchenwänden.

Trotzdem … ich bin dankbar für ihn in meinem Leben und seine Hand, die er mir damals reichte, um mich einzuführen in die Welten von Kunst und Kultur. Das hätte ich ihm gerne einmal gesagt.

Kein Anschluss unter dieser Nummer …

Er hat es so gewollt. Ich habe nicht geweint und es gibt keine alte Rechnung, die es zu begleichen gilt. Nur Erinnerungen.