Schwanenwege

Für Gerda

Schwanenwege

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Als ich an Schwanenwege denke, denke ich daran, wie die Schwäne ganz nah über dem Wasser fliegen, wie schön sie sind und hässliche Entlein, wie sie im Sonnenschein gleiten-

als ich an die Goldmarie denke, finde ich auch wieder einen Brunnen und als ich wieder an die Goldmarie denke, finde ich viel Gold in meinen Archiven und denke an solche und solche Zeiten.

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Schwanenwege – Im Brunnen

Für Gerda

Gestern schrieb Gerda in ihrem Beitrag „Schwanenwege „Im Brunnen“ folgendes:

Dieses Stück meines Romanfragments „Schwanenwege“ veröffentliche ich in Resonnanz mit Ullis heutigem Beitrag hier.  Ich füge jetzt keine Bilder hinzu. Vielleicht magst du, liebe Ulli, mir eine Collage dazu machen?

Voilà, liebe Gerda – Als Swantje in den Brunnen fiel

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Und wer jetzt neugierig geworden ist, der und dem empfehle ich auf Gerdas Seite zu gehen (Link s.o.) und selbst zu lesen, was Swantje passierte, als sie in den Brunnen fiel…

Coolsein war gestern

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Wie cool er ist, wie beschäftigt! Wie er immer nur zustimmt und Phrasen drischt, unzugänglich, eingekapselt- ein Junge gefangen in einer Blase unter dem Eis. Sein Grönland unter der warmen Sonne Italiens.

Schranken – beschränkt – eingeschränkt – in Schranken also, wer zieht sie, hat Gott an Schranken gedacht? Gott kam an seine Grenzen, er musste ruhen, man könnte behaupten, wie es erst kürzlich jemand getan hat (wer war das nur?), dass am siebten Tag, als Gott ruhte, der Beelzebub die Bühne betrat.

Irgendwas ist ja immer. Packeis in Italien, Geschrei am stillen Sonntagnachmittag, der Hahn um fünf Uhr in der Früh, ein Graureiher am Karpfenteich und wenn das nicht genug ist, kann man ja das Radio einschalten oder auf dem Smartphone Nachrichten lesen. Twitter, Ticker, weiterklicken, lesen, erschauern. In solchen Zeiten braucht es Zueinanderstehen, Austausch, zarte Reibung, Pausen zwischen den Sätzen, offene Ohren, Poren und Herzen, Wärme. Coolsein war gestern!

Über das Ganze einen Schleier legen, es quasi polstern, Hartes an den Kanten brechen … wahr ist das nicht, es ist eine watteweich umnebelte Facette. Er nickt, schmaucht seine Pfeife. Ich denke an Schaumgummimatrazen und frage mich, warum manches so arm-selig sein muss. So arm an Seele, an Mitgefühl, so eingekapselt, so beschränkt.

Es gibt Italien ohne Grönland, es gibt Grönland als Grönland und es gibt Grönland inmitten von Italien.

Jedes Wort ist ein Herantasten, jede Träne eine zu viel, jeder fehlende Augenblick ist einer zu wenig. Ihn zu trinken, einen nach dem anderen, jeden zu sich nehmen, halten, nichts festhalten, es wartet schon der nächste und ich habe nichts zu sagen, nicht mehr.

Alle Warnungen in den Wind geschrien, er stürmte davon. Alles Schöne in eine rote Lackschachtel gepackt. Für die Betrachtung, später, vielleicht…

Als würde die Traurigkeit warten, als würde ein Schatz ewig auf dem Meeresgrund liegen. Schwere Beine, kein Glanz in den Augen, ein Lichtblick kommt nicht von allein. Keine Schuld, nur gegenseitige Bedingtheit, wie konnte die Hoffnung so lange wirken?

Die magischen Momente, die Warnungen nichts als Schilder, wie Straßenschilder, die man sieht und dann doch nicht beachtet, als wären sie für alle anderen gemacht, nur ich selbst bin die Meisterin der Haarnadelkurve. Dann ist es zu spät.

Stolz ist auch eine Spielart der Angst, als hätte er wirklich etwas zu verlieren. Ein Gesicht bleibt ein Gesicht, trotz aller Verluste. Ergänzung wäre schön gewesen, statt Recht, Schuld und verdeckte Karten. Vollmond bringt alles ans Licht, Schwarzmond weist neue Wege.

Dass ich so lange gewartet habe, dass ich so lange an festgerosteten Schrauben drehte, die Vergeblichkeit in den Wind schrie, bis sie ein Sturm wurde, es nichts mehr festzuhalten gab. Alles für ein Bild, die Erfüllung meines Hollywoods, ein Happy-end wäre schön gewesen. Als gäbe es eine Filmklappe, ein Wir-machen-das-jetzt-noch-einmal-von-vorne-und-klar…besser; bei jeder Klappe immer noch besser, bis echt über die Leinwand flimmert, was am Ende doch nur ein Spiel ist, ein Schau-spiel.

Die Verstellung, die alles aufdeckt, wie jede coole Geste auch.

Manchmal hätte ein Gänseblümchen gereicht!

Jeder Jammer ein Schiff, das seinem Leben als Wrack auf dem Grund entgegenfährt. Jeder Schrei, dessen Echo von den Bergen widerhallt, bis er den Weg ins All findet, das ihn aufnimmt und verteilt, bewegt und zerkleinert, schwarze Löcher sind gefräßig.

Nun gut, dann eben keine Hand auf meinem Fuß. Der Felsen scheint nur hart, der Berg nur unbezwingbar, das Meer ist die eigentliche Option. Es zerreibt die dicksten Steine zu Sand. Korn für Korn schimmert in der Mittagssonne. Ich singe ein Ave Maria und bete den Rosenkranz, für eine Erkenntnis, einen Schutz oder wenigstens einen Fitzel Mut.

Schaut doch auch einmal hier

Am 17. Februar startete Julia Feller auf ihrem Blog „Ästhetische Erziehung“ eine neue Serie mit dem Titel „The past was also female“. Ihr Porträtreigen von großartigen Frauen begann mit Frida Kahlo, siehe hier →

http://aesthetische-erziehung.de/2017/02/17/the-past-was-also-female-frida-kahlo-illustration/

Es folgten Porträts von Hanna Arendt, Sophie Scholl und Sylvia Plath. Eine Serie, die mich so begeistert, dass ich mir wünsche, dass sie Viele anschauen!

Ich wünsche euch einen schönen Abend und Freude mit den Zeichnungen von Julia Feller.

Der Brunnen

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Ob ich sie oder ihn, Mauer oder wahlweise Abgrund, geflissentlich übersehen habe, sprich ob sie, oder wahlweise er, immer schon anwesend, nur getarnt und somit unsichtbar war, die Frage stellt sich, auch wenn sie müßig ist. Weil sie  j e t z t  da ist, er auch, Mauer und Abgrund.

Die eine zu hoch, um herüber zu kommen, der andere zu tief, seine Kanten zu weit auseinander, als dass ich einen Sprung wagen könnte. Bleibt ein Entlangwandern. Die Lücke oder ein Ende von Mauer und Abgrund sind wahrscheinlich. Was allerdings nichts über ihre Entstehung sagt, nur etwas von einer Möglichkeit der Überwindung.

Gegenseitige Bedingtheit und ich mittendrin. Ich kann umkehren oder der Lücke, dem Ende entgegenwandern. Wenn ich mich umkehre, von außen nach innen, wo ist dann die Mauer, der Abgrund?

Ein stiller, tiefer See in dem sich das Mond- und Sternenlicht spiegelt- ein bellender Fuchs in der Ferne, ein Bussard im Wäldchen, ein Uhu am Straßenrand. Auf dem Grund des Brunnens treffe ich immer nur mich, Licht und Neumonddunkel, Vollmond und die Sonne, um zwölf Uhr mittags das Ave-Maria-Geläut. Jeden Mittag Ave Maria, wer weiß das schon?

Das Elfuhrgeläut galt früher den Bauersfrauen. Es mahnte sie in die Küche zu gehen, ein Mahl zu bereiten, das Pferd vor den Wagen zu spannen, die heißen Töpfe sicher darauf zu verstauen und mit Hü und Ho zu den Leuten aufs Feld zu fahren. Wie Willkommen sie war!

Vielleicht … gerade jetzt, an einem anderen Ende der Welt, zieht ein Pferd, ein Muli oder Esel einen Wagen mit heißen Töpfen auf ein Feld. Mit Hü und mit Ho.

Den Blick abwenden oder umkehren, es braucht Mut dazubleiben. Es braucht Mut den Moment der Vergeblichkeit zu erkennen. Manches ist keine Flucht, es ist eine Notwendigkeit.

Von hier geht die Traurigkeit ein Stück mit auf dem Weg. Traurigkeit will keinen Trost, sie will traurig sein.


Diesen Text schrieb ich vor ein paar Tagen, ja, aus Gründen. Heute fand ich in dem Literaturmagazin „poet“ nr. 19 folgendes Gedicht:

Jan Wagner

im brunnen

 

sechs, sieben meter freier fall

und ich war weiter weg

als je zuvor, ein kosmonaut

in seiner kapsel aus feldstein,

betrachtete aus der ferne

das kostbare, runde blau.

 

ich war das kind

im brunnen, nur die moose

kletterten am geflochtenen

strick ihrer selbst nach oben,

efeu stieg über efeuschultern

ins freie, entkam.

 

ab und zu der weiße blitz

eines vogels, ab und zu

der weiße vogel blitz. ich aß,

was langsamer war. der mond,

der sich über die öffnung schob,

ein forscherauge überm mikroskop.

 

gerade, als ich die wörter assel und stein

als assel und stein zu begreifen lernte,

drang lärm herab, ein hasten, schreie,

und vor mir begann ein seil.

 

ich kehrte zurück ins läuten der glocken,

zurück zu brotgeruch und busfahrplänen,

den schatten unter bäumen,

gesprächen übers wetter, kehrte

zurück zu taufen und tragödien,

den schlagzeilen, von denen

ich eine war.

 

Doppelblindversuch

Dem Wasser und Himmel entgegen, dem Klang nach, so sind diese Fotos entstanden, die ich heute auf meinem Spaziergang machte- weite Strecken ging ich entweder mit geschlossenen Augen oder mit Blick nur vor meine Füße, um zu hören und zu spüren- mal war es der Klang von Wasser, mal eine veränderte Temperatur auf meiner Haut, mal der Wind, vorbeifahrende Autos, einmal der Glockenschlag. Ich habe blind meine Kamera in die Richtung gehalten, manchmal, wenn etwas sehr leise war, habe ich blind herangezoomt, manchmal habe ich wohl vergessen einen Moment für die Scharfeinstellung abzuwarten. Ich hatte die Kontrolle über Licht und Schärfe abgegeben, das kam dabei heraus:

Mein Lieblingsfoto – Dem Klang nach – die Kirchturmglocke schlug die Viertelstunde

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Himmel und Wind

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Wasser

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dem Klang nach

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Das wiedergefundene Licht #2

Zitate aus dem Buch von Jaques Lusseyran „Das wiedergefundene Licht“

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War ich abends im Bett und ganz allein, schloss ich die Augen. Ich ließ die Augenlider sinken, wie ich es einst, als sie noch meine leiblichen Augen bedeckten, getan hatte. Ich redete mir ein, dass ich hinter diesem Schleier das Licht nicht mehr sehen werde. Aber es war immer da, es war ruhiger denn je…

Dennoch gab es Zeiten, in denen das Licht nachließ, ja, fast verschwand. Das war immer dann der Fall, wenn ich Angst hatte (…) Was der Verlust meiner Augen nicht hatte bewirken können, bewirkte meine Angst: sie machte mich blind.

Dieselbe Wirkung hatten Zorn und Ungeduld, sie brachten alles in Verwirrung. (…) Wenn mich beim Spiel mit meinen Kameraden plötzlich die Lust ankam zu gewinnen, um jeden Preis als erster ans Ziel zu gelangen, dann sah ich mit einem Schlag nichts mehr. Ich wurde buchstäblich von Nebel, von Rauch umhüllt.

Die schlimmsten Folgen aber hatte die Boshaftigkeit. Ich konnte es mir nicht mehr leisten, mißgünstig und gereizt zu sein, denn sofort legte sich eine Binde über meine Augen, ich war gefesselt, geknebelt, außer Gefecht gesetzt; augenblicklich tat sich um mich ein schwarzes Loch auf, und ich war hilflos. Wenn ich dagegen glücklich und friedlich war, wenn ich den Menschen Vertrauen entgegenbrachte und von ihnen Gutes dachte, dann wurde ich mit Licht belohnt. Ist es verwunderlich, dass ich schon früh die Freundschaft und Harmonie liebte? (S.22-23)

Wie hatte ich leben können all die Zeit, ohne zu wissen, dass alles auf der Welt eine Stimme hat und sprechen kann? Nicht nur die Dinge, denen man eine Sprache zugesteht, nein, auch die anderen: die Torwege, die Mauern der Häuser, die Balken, die Schatten der Bäume, der Sand und das Schweigen. (S.25)

Die einzige Art, eine vollständige Heilung von der Blindheit zu erreichen – ich meine hier eine soziale Heilung -, ist, sie nie als Verschiedenheit zu behandeln, als Grund zur Absonderung, als Gebrechen, sondern als ein zeitweiliges Hindernis zu betrachten, wohl als Eigenheit, doch als eine vorübergehende, eine Eigenheit, die man heute oder spätestens morgen überwinden wird. Die große Heilung besteht darin, von neuem – und ohne zu zögern – in das wirkliche Leben einzutauchen, in das schwierige Leben, dass heißt hier, in das Leben der anderen. (S.37/38)

Die Musik ist für einen Blinden eine Nahrung, wie es für die, die sehen, die Schönheit ist. Er braucht sie, er muss sie regelmäßig erhalten wie eine Mahlzeit. (S.91)

Hier ende ich, obwohl ich noch vieles mehr notiert habe, aber ich will ja nicht ein Buch abschreiben, sondern euch nur einen Eindruck vermitteln, alles andere liest sich am besten selbst!

Ich frage mich, wie es um mein eigenes inneres Licht bestellt ist und ob nicht auch für mich und alle anderen gilt, was für Jaques Lusseyran galt, dass Angst, falsches Streben und Boshaftigkeit zu Verdunkelungen führen?


Jaques Lusseyran – Das wiedergefundene Licht – Klett-Cotta im Ullstein Taschenbuch – ISBN 3 548 39029 3 Nov. 1983 – 30.-35. Tsd.

Wenn das Eis bricht

Ein wenig Sonne, und der Schnee schmilzt.

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Ein wenig Wärme, und das Eis bricht.

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Ein wenig Güte, und wir Menschen tauen auf.

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Petrus Ceelen


Petrus Ceelen wurde 1943 geboren, er ist belgischer Geistlicher, Psychotherapeut, Autor und Aphoristiker, arbeitete als Gefangenenseelsorger und ist seit 1992 Aids-Pfarrer in Stuttgart

Das wiedergefundene Licht #1

Eine Rezension: Jaques Lusseyran „Das wiedergefundene Licht – Die Autobiographie eines Menschen, den seine Blindheit sehen lehrte“

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Das ist mir selten passiert, dass ich ganze Abschnitte, ja, ganze Seiten in einem Buch hätte anstreichen wollen! Ich habe mich entschieden dieses Buch in zwei Teilen zu besprechen bzw. sprechen zu lassen: nach dieser Einleitung folgt nun gleich die eigentliche Buchbesprechung, plus Zitaten aus dem letzten Drittel des Buches. In Teil #2 werde ich an den Anfang des Buches zurückgehen und nur Zitate einstellen, in denen Jacques Lusseyran seinen Weg und seine Erfahrungen der Möglichkeiten von Wahrnehmung teilt.

Selten habe ich mir so intensiv gewünscht, dass möglichst Viele dieses Buch lesen: für eine Blickwinkeländerungen auf Menschen mit einer sogenannten Behinderung, als Mutmacher, dass egal was passiert, die Liebe nicht verloren gehen kann, wenn man es nicht zulässt, aber auch als Antidot für Depressionen!

ob_d29b31_imagesJacques Lusseyran wurde am 19. September 1924 geboren, er lebte mit seinen Eltern in Paris, beide waren Musiker und galten als Antroposophen.

Er beschreibt sich als glückliches und geliebtes Kind. Er war aufgeweckt, ein guter Schüler, wurde von seinen Eltern gefördert, hatte Freunde, nur ein bisschen kurzsichtig war er. Dafür gab es Brillen. Und genau diese wurde ihm zum Verhängnis: ein etwas heftiger Knuff, ein unglücklicher Fall und die Brillenbügel bohrten sich in seine Augen. Der kleine Jacques war acht Jahre alt und erblindete.

Was immer er von sich und seinem Leben erzählt, er vergisst dabei nie die Anderen und besonders Jene nicht, die nicht wie er gefördert und unterstützt wurden. Jacques Lusseyran weiß um sein Privileg Eltern gehabt zu haben, die ihn nicht bestimmten, sondern ihn begleiteten und unterstützten.

Vieles aber hatte er sich und seinen Gaben/Veranlagungen zu verdanken, seinem neugierigen, offenen und wissbegierigen Wesen. Er lernte hören, spüren und sehen. Er liebte- nicht nur das Leben selbst!

Er erkannte schon bald, wenn er aufhörte seinen Blick nach außen zu richten, ihn statt dessen nach innen wandern ließ, dass dort Licht war. Ein helles, warmes Licht, das je nach Stimmung und Gegenüber noch heller, aber auch dunkler wurde. So stellte er fest, dass Angst verdunkelte, Freude erhellte. (In Teil #2 werde ich darauf zurückkommen.)

Wieder und wieder stellte er sich und seine Wahrnehmung auf den Prüfstand und spielte dabei mit den Anderen, ihren Vorurteilen und seiner Blindheit.

Er hatte Freunde, viele Freunde und besonders einen: Jean. Was Jean nicht sah, sah Jacques, was Jacques nicht sah, sah Jean. Alles was sie verband war Ergänzung und nicht nur in Bezug auf sehend oder blind sein.

Das Buch teilt sich für mich in zwei große Kapitel. Die Zeit seiner Kindheit, Schulzeit, hinein in seinen Reifeprozess. Jacques Lusseyrans Leidenschaft galt dem Gebiet der Geisteswissenschaften.

Aber neben seiner persönlichen Welt gab es die Welt, die er mit allen teilte. Der zweite Weltkrieg begann, die Deutschen marschierten in Frankreich ein, die Zeit ihrer Besatzung und ihrer Greueltaten begann sich nun auch hier auszuweiten. Lusseyran nahm Paris und die Menschen darin als in einem Schockzustand gefangen wahr, während sich bei ihm ein immer stärker werdender Widerstandsgeist zu regen begann.

Er war 17, als er sich seinen engsten Freunden anvertraute und ihnen seine Haltung darlegte, dass sie mit den Mitteln, die ihnen zur Verfügung standen, Widerstand gegen die Nazis leisten, und das französische Volk informieren müssten, was jenseits von kontrollierter Presse und Radiosendungen in der Welt wirklich geschah. Von anfänglich 4 Mitgliedern wuchsen sie zu einer Bewegung, die innerhalb einiger Monate 600 Mitglieder zählte.

Ihre Gruppe, die sich „Volontaires de la Liberté“ nannte, fand Verbündete in der „Défense de la France“. Diese Gruppe hatte die Mittel, die ihnen fehlten: Räume und Maschinen, um eine Zeitung zu drucken. Aus einem simplen Faltblatt wurde eine richtige Zeitung, die gen Ende Auflagen von 250.000 Stück und mehr erreicht hatte, die nicht mehr nur in Paris verteilt wurde, sondern in weiten Teilen Frankreichs.

Das blieb natürlich nicht unbemerkt.

Ihr Potential war ihre Jugend, das wussten sie und gleichzeitg wussten sie von Anfang an wie gefährlich ihre Arbeit war. Es gab kein leichtfertiges, unbedachtes Handeln, dafür allein sorgte schon Jaques Lusseyrand selbst, der als „Chef“ anerkannt war und ohne ihn und sein Urteil niemand in die Gruppe aufgenommen wurde.

Ihm mussten sich interessierte Menschen vorstellen. Er konnte an den Stimmen erkennen, ob sie falsch oder echt waren. Er spürte die Menschen, sah sie auf seine Art, nahm jede noch so kleine Regung an ihnen wahr. Kamen die leisesten Zweifel auf oder verdunkelte sich sein Licht, dann war die Entscheidung gefallen. Bis auf einmal…

Es war die Zeit, als „Volontaires de la Liberté“ und „Défense de la France“ schon zur Résistance gehörten, als sich Lusseyran gegen alle Zeichen für einen Mann entschied, der sie kurze Zeit später an die SS verriet. Es folgten Verhaftungen, Verhöre, Aufenthalte in Fresnes, Folterungen und die Transporte in das KZ Buchenwald e(Siehe dazu auch oben den Link zur Person Jacques Lusseyran)

Jacques Lusseyran hat Buchenwald überlebt, nicht zuletzt auch, weil er seinen Blick nach innen gerichtet hat, weil er liebte und weil er glaubte. Er hatte eine starke Verbindung zu Gott, ohne sich einer christlichen Kirche zu verpflichten oder zugehörig zu fühlen.

Viele seiner Freunde kamen in Buchenwald um. Sein Freund Jean starb auf dem Transport von Fresnes nach Buchenwald.

Hier nun die Zitate aus dem letzten Drittel des Buches,

Im Gefängnis muss man mehr als je in sich selbst leben. Und wenn es einen Menschen gibt, den man nicht – wirklich nicht – entbehren kann (zum Beispiel ein Mädchen irgendwo außerhalb der Mauern), mache man es, wie ich damals: man schaue sie mehrmals am Tage lange Zeit an. Aber man versuche nicht, sich sie dort, wo sie im Moment ist, vorzustellen, dort, wo es überall freie Luft und offene Türen gibt; denn es wird einem nicht gelingen, und es tut weh. Man betrachte sie in sich selbst. Man schneide von ihr alles weg, was Raum ist. Man übergieße sie mit all dem Licht, das man in sich birgt. Man braucht keine Angst zu haben, es zu erschöpfen: Liebe, Gedanken und Leben besitzen dieses Licht im Überfluss. So wird man die Mutter, die Geliebte oder die Kinder gut sehen können. Und einen langen Augenblick wird man nicht einmal merken, dass man im Gefängnis ist. Man glaube mir: das ist es, was das innere Leben zu einem Wert macht. (S. 239)

Es gibt keine „Wahrheit“ über „das Unmenschliche“, so gut wie es keine Wahrheit über den Tod gibt. Auf jeden Fall gibt es sie nicht auf unserer Seite, unter uns Menschen. (S. 250)

… Doch viele starben ganz einfach vor Angst. Angst ist der echte Name für die Verzweiflung. (S. 256)

… Es war der einzige Kampf, den ich zu führen hatte – ein schwerer und wunderbarer Kampf zugleich – : ich durfte nicht zulassen, dass die Angst meinen Körper überfiel. Denn Angst tötet, Freude aber schenkt Leben. (S. 259)

Vergessen: das war das Gesetz. Man musste all das vergessen, die nicht da waren: die Kameraden in Gefahr, die Familie, die Lebenden und die Toten. Selbst Jean musste man vergessen. Nicht, um sich Schmerz zu ersparen – der Schmerz hatte sich ohnehin erbarmungslos bei uns eingenistet -, sondern um sich die Lebenskraft zu bewahren. Erinnerungen sind zu zart, zu dicht an der Angst, sie verzehren die Energie. Man musste in der Gegenwart leben, jede Sekunde mit Haut und Haar verschlingen, sich an ihr sättigen. (S. 266)

Eintausendsiebenhundert Offiziere und Soldaten der SS, die von der amerikanischen Armee gefangengenommen worden waren, waren in einem Block des Lagers untergebracht und ganz unserer Gnade und Ungnade ausgeliefert worden. Eine Tatsache, die erwähnenswert ist: es gab nicht einen Racheakt. Nicht ein SS-Mann wurde von einem Häftling getötet. Es gab nicht einmal Schläge oder Beschimpfungen. Man ging gar nicht zu ihnen hin. (S. 283)

Der allerletzte Abschnitt, beim Epilog angekommen:

Und warum hat nun dieser Franzose aus Frankreich sein Buch in den Vereinigten Staaten geschrieben und legt es heute seinen amerikanischen Freunden vor? Deshalb, weil er seit drei Jahren Amerikas Gast ist. Weil er dieses Land liebt. Weil er ihm seine Dankbarkeit zeigen wollte und kein besseres Mittel sah, sie auszudrücken, als in diesen beiden Wahrheiten, die keine Grenzen kennen und die ihm so vertraut sind: Die Freude kommt nicht von außen; es ist in uns selbst, selbst wenn wir keine Augen haben.

Jaques Lusseyran starb am 27. Juli 1971 bei einem Autounfall in Ancenis, zusammen mit seiner dritten Frau Marie.


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Und immer wieder dachte ich auch an den Film: Das Leben ist schön – ein italienischer Film von Roberto Benigni aus dem Jahr 1997, er führte Regie, schrieb beim Drehbuch mit und spielte die Hauptrolle.

Und immer wieder denke ich auch darüber nach wo wir heute stehen, was seit Jahren geschürt wird. Ich kann nicht mehr sagen: wehret den Anfängen, die Anfänge sind längst vorbei…

Anmerkung

Jaques Lusseyran – Das wiedergefundene Licht – Klett-Cotta im Ullstein Taschenbuch – ISBN 3 548 39029 3 Nov. 1983 – 30.-35. Tsd.

Porträtfoto Jaques Lusseyran:

© https://www.google.de/search?q=Jacques+Lusseyran&client=firefox-b&tbm=isch&tbo=u&source=univ&sa=X&ved=0ahUKEwjizP2FppDSAhVMWCwKHV39B0EQiR4Ifg&biw=1280&bih=652#imgrc=pGYXEgNVJrqXmM:

Foto – Buchenwald:

© https://www.google.de/search?q=Jacques+Lusseyran&client=firefox-b&tbm=isch&tbo=u&source=univ&sa=X&ved=0ahUKEwjizP2FppDSAhVMWCwKHV39B0EQiR4Ifg&biw=1280&bih=652#imgdii=Nb7B6WZ21gJFIM:&imgrc=WWtZYkaGqzLsvM: