Reisenotizen – 3 – Hannah Höch in Mannheim

Bauzaun um den Neubau der Mannheimer Kunsthalle herum

(draufklick = groß = es lohnt sich, allein wegen der ganzen Länge und der Sätze)

Der andere Bauzaun -eine Diashow

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Endlich habe ich den Weg nach Mannheim zur Ausstellung von Hannah Höch gefunden. Schon im Mai las ich bei Birgit von Sätze und Schätze darüber, es war ein Muss für mich. Am 14. August endet die Ausstellung, ich habe es also so eben noch geschafft.

Hannah Höch begegnete mit vor einigen Jahren, während ich an meinen Bildern zu „Der kleinen Stadt und der Närrin“arbeitete (siehe oben in meiner Galerienleiste). Immer mal wieder wurden meine Arbeiten, besonders während der ersten Phase, im Kommentarstrang mit ihren Werken oder denen von Kurt Schwitters verglichen. Lassen wir die Vergleiche, von denen ich keine Freundin bin! Aber so begann ich mich mit dem Werk von Hannah Höch auseinanderzusetzen, viel kannte ich bis dahin nicht.

Die Ausstellung empfinde ich als Geschenk, neben der Inspiration und den Fragen, die ich mir zu stellen begann. Doch dazu ein anderes mal.

Ein Buch, ein Bild und viele Worte von Hannah Höch selbst, aus denen ich hier zitiere-

DSC02395
(alle Bilder können zur größeren Ansicht angeklickt werden)

Lebensbild Hannah Höchentstanden 1972-73

In der Folge zeige ich keine Collagen, sondern gemalte Bilder, die mich besonders fesselten und fesseln, die nicht unbedingt mit den gewählten Zitaten korrespondieren.

Ich habe alles gleich einbezogen, schon ganz früh, da brauchte ich nicht erst alt zu werden.

DSC02393SATURN – 1922 – Öl auf Leinwand

Ich glaube, dass jeder phantasiebegabte Künstler von gewissen, immer wiederkehrenden Ideen besessen ist.

DSC02392DER MENSCH SCHREIT -1928

Ich möchte die festen Grenzen auswischen, die wir Menschen mit einer eigensinnigen Sicherheit um alles, was in unseren Bereich kam, gezogen haben. Ich will aufzeigen, dass klein auch groß sein kann und groß auch klein ist; allein der Standpunkt, bei dem wir bei unserem Urteil ausgehen, muss anders gewählt werden. Ich würde heute die Welt aus der Sicht einer Ameise wiedergeben und morgen so, wie der Mond sie vielleicht sieht.

DSC02391STURM 1935 – Gouache

Wir machen Aufnahmen von Menschen, in (…) jeder Lebenslage. (…) Wir fangen ein den Mikrokosmos und das Licht, den Stein, das Weltall, vergangene Kulturen, den Krieg, den Staub auf dem Mond, Formeln, Kernspaltung (…). Dies ist die Grundlage, auf der die Fotomontage und parallel zu ihr die Collage entstehen m u s s t e.

Der Raum hier reicht lange nicht aus, um alles zu zitieren, was von Hannah Höch zu mir spricht. Ich bedauere sehr, dass ich nicht mit ihr an einem Tisch sitzen und reden kann. Ich stelle mir vor, wie sie heute auch an einem PC sitzen würde, um weiter an ihren Fotomontagen und Collagen zu arbeiten. Ich sehe sie in ihrem großen Garten in Berlin Heiligensee. Ich denke an sie im Zusammenhang von zwei Weltkriegen, an ihre klugen und seherischen Fähigkeiten, neben der vielzitierten Ironie und ihrem Humor, den man auch in ihren Bildern und Collagen entdecken kann. Ich sehe vor allen Dingen eine ernsthafte, tatkräftige und gespürige Frau, die sich ihrer Zeit gestellt hat und auch den Grausamkeiten, die diese Zeit ausmachte. Dazu schreibt sie in ihrem Tagebuch am 27. Januar 1946:

(…) Ich schreibe alle diese Dinge auf in der Hoffnung, dass dieses Buch auch nach meinem Ableben erhalten bleibt und vielleicht doch von diesem oder jenem gelesen wird, der dann erinnert werden soll:

K R I E G bedeutet: Tod, Jammer, Abschied, Verzweiflung, Schmerzen, Heimatlosigkeit, Verarmung, Kälte bis zum Erfrieren, Kälte bis zum VERhungern, un – sprech – liches – Elend.

Ich werde versuchen vieles festzuhalten, rückzuerinnern was sonst die Zeit aus dem Gedächtnis auslöscht, aus diesen verzweiflungsvollen 12 Jahren.

Berlinische Galerie, Archiv Edition – Band III – 1946-1978 Abteilung, Nr. 46.71

Und DADA … ja DADA, klar DADA, aber bitte wer weiß schon so genau was DADA wirklich war? DADA ist nicht GaGa. DADA war vor allen Dingen eine Bewegung, ein Protest gegen den herrschenden Kunstmarkt und die damaligen Gesellschaftsstrukturen, ihrer Moral und ihren Gepflogenheiten.

DADA

…sagte einst Hans Arp – ich fand diese Postkarte in einem Museumsshop, leider habe ich nur diese Seite abfotografiert und sie dann verschickt, sodass ich nur vermuten kann, dass das Urheberrecht dieser Karte beim Hans Arp Museum – Rolandseck liegt.
DADA a
Wer will kann dazu auch hier lesen → oder noch besser sich in einschlägiger Literatur schlau machen.

Während ich durch die Ausstellung gehe, vor einigen Bildern lange stehen bleibe, wie zum Beispiel bei dem oben gezeigten Bild „Sturm“, fällt mir ein Satz eines jungen Künstlerfreundes ein: „Es gibt keine Bewegung mehr.“ Wir leben in einer Zeit da scheint alles möglich, zumindest was die Gestaltung von Bildern anbelangt und doch überwiegt so viel Gefälliges, so viel Schön-schön … und der Kunstmarkt? Ach, lassen wir das! Ja, ich wünsche mir auch (eine) Bewegung und nicht nur in der Kunst. Zeit wäre es…

Ich fand in Hannah Höchs Bildern erschreckend viel Aktuelles und wieder dachte ich, dass sich die Geschichte einfach nicht wiederholen darf!

Später fragte ich mich noch, ob jede Zeit ihre eigene Symbol- und Formensprache hat? Ich kam auf die Frage, weil ich in ihren Bildern Linien, Formen und Aufbauten sah, die mich an Paul Klee, Feininger, Max Ernst, Hans Arp denken ließen. Ich tendierte zu einem Ja, erinnerte mich an die eine und andere Kunstgeschichtsstunde. Als ich die Ausstellung verließ, fiel mein Blick als erstes auf diesen Satz:

015 H.H.

Sag ich doch! (Wenn doch immer die Antworten so prompt, schlicht und klar daherkämen… )

Zum Schluss möchte ich noch einmal Hannah Höch mit einem Satz sprechen lassen, der in mir brennt:

Man ist immer gehetzt. Gepeitscht von den aktuellen Ereignissen. (…) Von dem eigenen Schaffenstrieb, der so lange unterdrückt vegetierte und nicht zu bändigen ist.

Hannah Höch in einem Brief an Richard Huelsenbeck, 1951

Anmerkungen

Die hier gezeigten Bilder habe ich aus dem Ausstellungskatalog abfotografiert und unterliegen dem Urheberrecht:

DSC02390von Inge Herold und Karoline Herold zusammengestellt ISBN 978-3-86228-139-8

Zitate aus dem Buch: Das Lebensbild von Hannah Höch – eine visuelle Autobiografie – von Alma-Elisa Kittner – ISBN 978-3-941644-81-6

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42 Gedanken zu „Reisenotizen – 3 – Hannah Höch in Mannheim

  1. Auf eine feine Reise nimmt mich dieser Beitrag mit und eröffnet den Blick auf vergangene Zeichen und legt Spuren in under heute und das morgen. Sehr toll. Ohne das vergangene idt wohl das zukünftige nicht lebbar. Dankeschön.

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    • „Ohne das vergangene idt wohl das zukünftige nicht lebbar“ schön gesagt, alles baut aufeinander auf und mäandert umeinander herum-
      ich freue mich, dass ich auch dich mitnehmen durfte!
      herzliche Grüsse
      Ulli

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  2. ein wunderbarer reisebericht!
    mit engagement und aufmerksam schreibst du über engagement und eben zweiteres.
    “ Ich würde heute die Welt aus der Sicht einer Ameise wiedergeben und morgen so, wie der Mond sie vielleicht sieht.“ …. diese nur als eine zeile unter all den anderen, die so viel aussagen.
    ja, kunst hat eben doch etwas zu sagen….
    und das feiere ich!
    danke für den tollen text ulli 🙂

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  3. Die gezeigte Kunst der 20er und 30er Jahre hat eine starke Ausstrahlung, auch wenn zu diesem Zeitpunkt andere Bilder den allgemeinen Geschmack trafen. Mein Urgroßvater erhielt 1935 den Deutschen Kunstpreis, malte aber nicht so avantgardistisch, doch gerade solche Bilder hätten dem Bauhaus in Dessau gut getan, weshalb Walter Gropius auch in die USA auswanderte und diese Institution 1933 geschlossen wurde. Danke für deinen tollen Beitrag liebe Ulli!

    Gefällt 3 Personen

    • DADA war natürlich nicht „die“ Kunst, die der/die Normalbürger_in sehen wollte oder verstand, was ja auch nicht ganz einfach ist und war. Man muss schon durchdringen wollen und hinterfragen und forschen. Aber so ist und bleibt es mit avandgardistischen Formen, sie sind sperrig, weil sie mit Seh- und Hör- und Lesgewohnheiten brechen.
      Bauhaus … das ist noch einmal ein anderes Thema, lieber Arno, wenigstens für mich, die ich keine wirkliche Freundin davon bin.
      Danke für deins und herzliche Grüsse
      Ulli

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  4. Viel, viel Arbeit liegt in Deinem wundervollen Text mit den vielen Zitaten, liebe Ulli.
    Und es liegt auch viel Liebe darin und ein so genaues Hinsehen, wie ich es nur habe, wenn ich alleine oder in Begleitung eines ebenso kunstbegeisteren Menschen bin und die Kunstbegeisterung muß sich auch in Geduld ausdrücken und darf kein ständiges Weitergehen sein… *hüstel*, wie es so viele tun. Dafür ist die Ausstellung zu vielschichtig und vielseitig.

    Na gut, ich habe doch viele ihrer Zitate und Bilder, vor allem natürlich auch ihre besonderen Collagen gesehen, bewundert, mir genau betrachtet und mich so klein wie ein Däumelinchen gefühlt, weil ich vor so Großem stand. Vor einer so großen Künsterin, wie ich selten eine sehen kann, obwohl es so viele gibt.

    Löst sich ein Künstler von sämlichen Gruppen- und aktuellen Strömungszwängen, hat er es nicht einfach und dann kommen bei einer Frau auch meist noch die zwischenmenschlichen,vielen Lieben dazwischen, die weinende Kunst produzieren. (In Heiligensee vereinsamte sie)
    Das las ich und wunderte mich, denn sie muß wie der Phönix aus der Asche wieder auferstanden sein, liebe Ulli, denn danach ging es weiter mit ihrem Kunstschaffen und es wurde nicht weniger gut, sondern erheblich weiter, immer offener, sie blieb niemals stehen, auch nicht in einer Einsamkeit, die sie selbst vielleicht gar nicht empfand ( so schien es den anderen nur- vielleicht ist es so, ich weiß es nicht).

    Mit anderen Worte, ich war so beeindruckt wie Du und ich glaube auch, meine Worte zu ihr wären noch gekommen, nach einer Zeit… Ich verarbeite in sehr anderer Weise als Du. Entweder geht es ruckzuck mit den Worten, sie sind da und drücken sich aus, oder sie lassen mir viel Zeit zum Luftholen und das tat sich wohl immer noch ein bissel 🙂 .
    Wie schön, daß Du mich aufschreckst, die ich hier sitze und mich mit einem Katzenbaby beschäftige, das viel Zuwendung braucht, weil es noch sehr krank ist und entsprechend Arbeit macht.

    Eines der Zitate am Bauzaun habe ich mir gemerkt, weil ich es so genial und richtig fand:
    * Kunst ist die Tochter der Freiheit *

    Wobei ich in die Kunst auf jeden Fall viel mehr mit einbeziehe als einen Künstler, der in Galerien ausstellt , dessen Werke hohe Summen kosten und der sich etabliert und anerkannt fühlt.

    Da lobe ich mir den Dadaismus, der auf die Schippe nahm und die Wichtigkeit des Üblichen, Schönen infrage stellte und sie genüßlich zerrupfte – auf köstlich künsterliche Art

    DADA
    WA
    ZUERST
    DA (nur sinngemäß)

    Hannah Hösch – eine Künsterin, die ich fast vergessen hätte, wäre da nicht jemand auf mich zugekommen wäre, der nicht in der Nähe wohnt und hätte mich erinnert:
    Hach, das ist doch was!!!

    Danke, liebe Ulli, daß Du mich aufmerksam gemacht hast auf diese tolle freiheitlich denkene und künstlerlich hochkarätige Frau, die schon so lange tot ist und doch nicht aus unseren Gedanken geriet…

    Herzlichst am Regenmorgen von Bruni an Dich

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    • Liebe Bruni, ich freue mich darauf, wenn auch bei dir die Worte zu der Ausstellung und zu Hannah Höch selbst aus deinem Innen wachsen werden. Alles braucht seine Zeit, nicht wahr?!
      ich freue mich sehr über deinen Kommentar, allein schon deshalb, weil du siehst, dass es Arbeit war. Solch einen Artikel schüttel ich mir nicht so einfach aus dem Ärmel und auch jetzt noch empfinde ich ihn als halb. Es gäbe noch so vieles dazu zu sagen.
      Ich habe allerdings sehr absichtlich ihr Liebesleben weggelassen, da weiss ich nämlich nie was so hineininterpretiert wird, hierzu würde ich lieber Hannah Höch selbst lesen wollen. Ich überlge ja mal ins Berlin Archiv zu gehen, um in ihren Tagebüchern zu blättern, ob das überhaupt geht?
      Ich habe in Mannheim viel an dich gedacht und ein bisschen bedauert, dass wir es nicht gemeinsam geschafft haben. Zwar gehe ich gerne alleine durch Ausstellungen, dann bin ich nicht abgelenkt, aber genauso gerne tausche ich mich hinterher darüber aus. Aber nun machen wir das auf diesem Wege, auch gut!
      Ich grüsse dich sehr herzlich
      Ulli

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      • Das Doofe ist, daß ich mich MA nicht wirklich zugehörig fühle, sondern HD und deshalb nicht so sehr auf die Ausstellungen und Aufführungen in MA achte und seitdem die Kunsthalle nur halb existiert, meide ich sie nach Möglichkeit und hoffe, daß sie in neuem Glanze in der Zukunft erstehen wird.
        Eigentlich weiß ich erst durch Dich von der Ausstellung und dann der Bauzaun…
        Auch da hast Du mir die Augen geöffnet, daß ich ihn mir nochmal genau ansehen sollte. Klar, ich habe gesehen und gelesen u. jetzt weiß ich erst, daß ich ihn genauer hätte betrachten sollen.
        Aber Du weißt, die Begleitung macht es manchmal etwas schwieriger, als es sein sollte…

        Die Ausstellung an sich hat mich mitgerissen und das heißt bei mir ziemlich viel, denn ich bin keiner, der sofort und direkt Hurra schreit. Ich sehe genau hin und will wissen, was ich da zu erkennen meine.
        Du wärst die richtige Partnerin gewesen. Aber scheinbar sollte es nicht sein. Manchmal ist Family wichtiger.

        Ich fand es wundervoll, nun Deine Sicht zu lesen und ich sehe, Du siehst wie ich und gräbst noch tiefer und das ist gut!
        Der 14. ist der letzte Ausstellungstag und da kann ich auf keinen Fall nochmal hingehen, auch wenn ich es zu gerne tun würde. Vielleicht kann ich ein Abstecherlein machen, ein kurzes, zum Ringsum dort, bevor alles verschwindet, was mit dieser Frau zu tun hat. Ich versuche es mal, wenn ich das Enkelchen abhole…

        Dein Text über sie war wundervoll, liebe Ulli. Er steift ihr Profil sehr gut und mehr kann es kaum sein bei einem Besuch einer Ausstellung über sie.

        Liebe Gutenachtgrüße von mir zu Dir

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      • Das ist wirklich schade, liebe Bruni, dass wir die Ausstellung nicht haben zusammen anschauen können. Ich hätte sie wohl auch nicht mitgekriegt, wenn nicht Birgit darüber geschrieben hätte … gut, dass es Bloghausen gibt!

        Du hast Recht, um wirklich in die Tiefe zu gehen, wäre es ein „Referat“ geworden und das will ich hier Niemanden zumuten 😉 – ist ja schon so sehr viel Text!

        Was nun das genaue Hinschauen anbelangt, das habe ich wohl der jahrzehntelangen Fotografie zu verdanken, als ich in S. war und einen Freund besuchte, entdeckte ich auf seinen Treppenstufen versteinerte Schneckenhäuser, er hatte sie noch nie gesehen, wohnt dort aber schon 2 Jahre und ist gelernter Fotograf, lach … wenn ich alleine unterwegs bin, ist mein Auge viereckig 😉

        sei von Herzen gegrüsst und hab einen schönen Tag mit dem Enkelchen
        Ulli

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  5. Liebe Ulli, wie lebendig du mir diese große Künstlerin wieder machst! Ich kenne fast nur die Fotomontagen und kaum Originale, daher freue ich mich besondersw, dass du Öl- und Gouachebilder zeigst.
    Du vermisst eine „Bewegung“ in der heutigen Kunst. Vielleicht gibt es sie, aber wir können sie nicht erkennen? Es ist ja ein gewisser Abstand nötig, damit sich ein Fließen als Fluss, als Strom erkennen lässt. Die Gegenwart, in der man steckt, ist schwer zu sehen. Nicht mal bei sich selbst kann man (kann ich) den „optischen Winkel“ justieren. Er hüpft in alle Richtungen, wie eine verrückt gewordene Kompassnadel. Bei einem abgeschlossenen Werk ist es immerhin leichter, das Einheitliche im Wollen des Künstlers, seine besondere Weise, die Welt anzusehen, zu erkennen. .
    DaDa war, wie du zitierst, eine anti-bürgerliche Bewegung, die vom Kunstmarkt wunderbar ausgeschlachtet wurde. Das Anti ist das Salz in der Riesenspekulation rund um die Kunst. Wie schnell wurde der geniale und unglückliche Jean-Michel Basquiat verbraucht und aufgezehrt! Für mich (und, alas! für den Kunstmarkt) ist er einer der Künstler, die eine unserer Gegenwart entsprechende Sprache buchstabieren.
    Schau doch mal, ob du die Bewegung erkennen kannst von der deutsch-zentrierten (Höch) zur gesamtmenschlichen Optik in der Kunst (Basquiat)?
    Diese meine Gedanken sind noch ganz vorläufig, tastendes Resultat deiner schönen Präsentation.

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    • Liebe Gerda, wie froh mich deine ergänzenden Gedanken (mal wieder) machen! Basquiat war auch Thema zwischen mir und meiner Freundin. Wir haben 2012 eine Ausstellung in Bonn besucht: Basquiat, sein „Gönner Warhol“ und Clemente- die Bilder von Basquiat waren für mich eine Herausforderung an meine Sehgewohnheiten und gerade deswegen habe ich ihn nicht mehr vergessen. Clemente war eine weitere Entdeckung für mich, hier gibt es Bilder on der Ausstellung zu sehen: https://www.google.de/search?q=Warhol,+Basquiat+und…+in+Bonn&client=firefox-b&tbm=isch&tbo=u&source=univ&sa=X&ved=0ahUKEwiV6NWv07vOAhXqLsAKHbwTD2YQsAQILA

      „Verbraucht und aufgezehrt“ das scheint mir sehr passend in diesem Zusammenhang, ebenso die Ausschlachtung des DADAs und der „Neuen Wilden“
      Wenn ich sage, dass mir eine Bewegung fehlt, dann meine ich vor allen Dingen eine gemeinsame Bewegung, der Zusammenschluss von Künstlerinnen und Künstlern, die gegenseitige Protektion und der gemeinsame Blick nach vorne und nach innen, vielleicht sogar ein Manifest. Ach Gerda, auch ich stümpere so vor mich hin und taste nach den Worten, suche nach Lösungen für das, was mich zwickt. Ich fühle mich inmitten eines Prozesses, von dem ich noch nicht weiss wohin er mich führen wird, schauen wir mal-

      für jetzt höre ich hier auf und grüsse dich sehr herzlich
      Ulli

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      • Da mir der Name Basquiat erst mal kein Begriff war, mußte ich nachschauen und siehe da, so ganz und gar unbekannt ist er mir doch nicht und die Art seiner Kunst schon gar nicht.
        Straßenkunst ist mir schon lange ein Begriff. Hier verbirgt sich so viel Kreativität und Gestaltungsfreiheit, daß ich voller Hochachtung bin, auch wenn ich mir nicht alles in meine Räüume hängen würde *g*. Meist ist es auch zu groß, zu umfangreich. Erst vor 3 Wochen ging in HD ein Festival der Straßenkünstler zu Ende und bei der Abschlußveranstaltung konnte ich viele Details fotografieren und hörte viel Wissenswertes über Planung und Ausarbeitung. Nicht alles fand ich gut, aber bei vielem wußte ich, hier ist einer am Werk, der kann und tut es auch, wie er es sich vorstellt und die Stadt sponserte mit einem großen Betrag, denn Farben sind teuer.
        Basquiat hatte das Glück, einen großen Namen als Gönner zu finden. Das haben die wenigsten der jungen Künstler heute. Ihre Unbeirrtheit, ihrem Weg zu folgen, ist bewundernswert.

        Mein Enkelchentag war lange und ich bin ziemlich müde, liebe Ulli. Aber nach sehr vielen Jahren bin ich mit dem knapp 7jährigen nun mal wieder Autoscooter gefahren u. da er nicht an das Pedal heranreichte, war ich dann doch der Fahrer u. siehe da, es machte mir so großen Spaß, daß Enkelchen voller Bewunderung für die Oma war *lach*

        Gute Nahacht!

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        • Ja genau, Basquiat hatte Glück, dass Warhol ihn entdeckte und das zu einer Zeit, als Strassenkunst generell als Schmiererei galt- illegal ist es meist immer noch! Neben Basquiat bin ich grosser Fan von Banksy- es gibt noch mehr, aber deren Namen sind mir nicht so präsent.
          Liebe Grüsse, geniesse den Sonn(en)tag
          herzlichst Ulli

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      • Liebe Ulli, liebe Bruni, nun muss ich mich doch noch mal einmischen. Basquiat ist kein Straßenkünstler, er hat sich sein kurzes Leben lang dagegen gewehrt, als Graffiti-Künstler bezeichnet zu werden. Ich hatte das große Glück, vor Jahren in Athen eine ausgezeichnete Ausstellung von ihm zu sehen – Leinwände manchmal gewaltigen Ausmaßes – und war zugleich verstört und gepackt von dieser Mischung aus wilden Masken, Schriftzeichen, Symbolen, von dem expressiven Farbauftrag, dem Unbändigen seiner Kunst. Dies war eine eigene, eigenwillige, nie zuvor gesehene Bildsprache. Ich verstand überhaupt nicht, was er von Warhol erwartete, der meines Erachtens schon mehr tot als lebendig war, als die beiden sich kennenlernten. Warhol war zum Vermarkter seiner selbst degeneriert und dabei steinreich und schrecklich arm geworden. Basquiat war ein junges von Einfällen überschäumendes Genie. Die gemeinsamen Arbeiten der beiden gefallen mir nicht, das ist Krimskrams, gut für das, was Warhol am besten verstand: sich zu vermarkten. Warhol und seine Welt war für Basquiat eine Falle, keine Hilfe. Es ist ein Jammer, dass er so jung starb.

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        • Liebe Gerda, war es denn nicht so, dass er von Warhol als Strassenkünstler entdeckt wurde? So wenigstens habe ich es verstanden…
          Ansonsten kann ich dir nur in allem zustimmen, ganz besonders dem, was du zu Warhol selbst schreibst, der mich nicht berühren konnte und kann.

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          • Lies doch mal nach bei Wikipedia. Ein guter Artikel. Er beginnt: „Jean-Michel Basquiat (* 22. Dezember 1960 in New York City; † 12. August 1988 ebenda) war der erste afroamerikanische Künstler, der den Durchbruch in der hauptsächlich weißen Kunstwelt schaffte. Der gängigen Einordnung als Graffiti-Künstler widersprach Basquiat „Ich bin kein Teil der Graffitikunst.“[1] Bis heute polarisiert Basquiat bei der Bestimmung seines Stellenwertes in der Kunstgeschichte.[2] Um Basquiats Bilder zu verstehen, schreibt die afroamerikanische Essayistin bell hooks, müsse man bereit sein, die tragische Dimension des schwarzen Lebens zu akzeptieren und bezieht sich dabei auf James Baldwins Essay The Fire Next Time (1963), „dass es für die Schrecken des schwarzen Lebens keine Sprache gibt.“ Basquiats Arbeit gebe diesem Schrecken einen künstlerischen Ausdruck.[3]“

            Ich bin auch mit dieser Einordnung nicht ganz einverstanden, denn wieder wird seine Kunst auf seinen Rasse-Status in den USA reduziert. Er selbst wehrte sich dagegen, daher auch sein Widerspruch gegen seine Einordnung in die Graffiti-Kunst (Graffiti = Niggerkunst). Warhol hat ihn nicht entdeckt, er war bereits bekannt, seine Bilder verkauften sich sofort nach Entstehen. Aber Basquiat erhoffte sich wohl durch diese Beziehung, als vollwertiger Künstler vom weißen Kunstestablishment anerkannt zu werden. Das gelang ihm sogar zeitweilig. Als er starb, hat dieses sich seiner über 1000 hinterlassenen Werke gerne angenommen und sich an ihm bereichert.

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      • Es muß nicht illegal sein, das hat die Heidelberger Gruppe geschafft, denn sie holen sich Genehmigungen bei den Eigentümern und es entstehen tolle Formen, Farben und Gegenständliches http://www.metropolink-festival.net/ an den Häuserwänden.

        Außerdem kam ich früh damit in Berührung, weil der Sohn eines Freundes in dieser Szene aufging und sich dann einen Namen machte https://de.wikipedia.org/wiki/Reso

        Eine hochinteressante Kunstgfattung, die zu Unrecht schnell als Schmiererei abgetan wird.
        Es gibt die Schmierfinken dazwischen, Basel kann ein Lied davon singen, aber da sind auch ernstzunehmende Künstler, wie Partick Jungfleisch, der heute Kunstlehrer und noch viel mehr ist.

        Liebe sonntägliche Grüße von mir

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      • Jetzt weiß ich gar Nichtwissen ich mit diesem Kommentar Lande. Ich antworte auf Bruni u teils auf Ulli. Mir geht es nicht um den Status von Strassenkunst, gegen die ich nichts habe (wer liebte nicht Banky?)! Mir ging es um die Formen-Sprache, die Basquiat entwickelt hat und die ich mit der von Hanna Höch vergleichen wollte. Die Fotomontage war die von ihr gefundene Formensprache, in der sie die Thematiken ihrer Zeit und Umwelt am besten ausdrücken konnte. Sie schaufelte damit einen Weg frei. In diesem Sinne mein Vergleich mit dem Künstler Basquiat, der einer anderen Zeit und einer anderen Welt die angemessene Formensprache abringt. Diese Sprache ist nicht europäisch, sondern umfasst die gesamte Erde, mit dem nicht zufälligen Zentrum NY. Hier treffen alle Rassen und Klassen der Welt aufeinander, und statt des Gestammels des DaDa und der Fratze des europäischen Schlachtfestes hört man den Aufschrei und sieht den rabiaten Zustand der gesamten gemarterten Menschheit.

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      • Liebe Gerda,
        ich las den Namen Basquiat und Schleusen wurden in mir frei.
        Ich wollte nicht vergleichen. Hannah Hösch ist eine gänzlich andere *Nummer* und was sie zur neuen Kunst gesagt hätte, weiß ich nicht. Aber sie wäre vermutlich frei und offen gewesen.
        Es liegt daran, daß ich wohl die Antwortfunktionen nicht so genau einhalte und dann gerät alles durcheinander, was wohlgeordnet ankommen sollte.
        Deinen Kommentar hab ich natürlich auch gelesen und bei für mich neuen Namen werde ich immer ganz neugierig und eifrig. Pardon, wenn ich alles durcheinander gewirbelt habe.
        Das wollte ich nicht.

        Lieber Gruß von mir

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        • Liebe Bruni, ich wollte vergleichen – die damalige Zeit und die Sprache, die Hanna Höch für sie fand (Fotomontage) und Basquiat. Ich hätte auch mit der seriellen Kunst von Warhol vergleichen können, die ebenfalls eine sehr spezifische Antwort auf die Zeit gibt. Aber Warhol ist mir zu affirmativ. Basquiat schreit Nein – und das tut Hanna H eben auch, mit ihren Mitteln.

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      • Liebe Gerda,
        jetzt habe ich mal bei Wiki nachgelesen, das tönt ja wirklich ganz anders, als die wenigen Infos, die ich bislang hatte. Danke dafür!
        Auch mir erging es in Bonn so, als ich zum ersten Mal Bilder von ihm sah, dass sie mich verstörten, an mir rüttelten, dass ich nicht wusste sie einzuordnen, sodass ich mich erst einmal spontan in die dort gezeigten Werke von Clemente verliebte, den ich bis dahin auch nicht kannte, Warhol lies ich so ziemlich links liegen. Aber später wühlten eben die Bilder von Baquiat in mir und ich schaute mir noch mehr von ihm im Netz an. Es ist etwas daran, wenn du sagst, dass es hier um eine neue Formensprache geht, eine die noch nicht ausgeschöpft ist, eine die auf Aufbrüchen basiert, wie jedes Neu, die auch DADA und Hannah Höch heissen.

        Liebe Bruni,
        noch kurz zur Strassenkunst, ich mag wirklich die freie wilde Strassenkunst, die nun oft legalen Wände sprechen oft nicht zu mir, sie sind schon wieder so glatt und oft nur dekorativ, aber natürlich gibt es auch hier Ausnahmen.

        Ihr Lieben beide, ich möchte graben und lernen und am liebsten jede Woche eine andere Stadt besuchen und mich tummeln, Wissen und Bilder sammeln und nun überlge ich einmal wie ich meinen Hunger am besten stillen kann, so als Low-Budgerin

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  6. Ich bin ein großer Fan von Bauhauskunst, Sie waren ihrer Zeit weit voraus, so finde ich!
    Es ist wichtig, dass in der Kunst alles erlaubt ist oder sie es sich herausnimmt, denn nur so kann auch der Zeitgeist, ihr Unrecht und der Wandel gezeigt werden!

    Ein sehr guter informativer Beitrag liebe Ulli! Danke!

    LG Babsi

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  7. Wie schön, dass Du es zur Ausstellung geschafft hast – und was Du daraus alles geschöpft hast. Ein toller Beitrag, aus voller Künstlerseele geschrieben…
    Und ja, an dem Bauzaun blieb ich auch hängen: Der war schon ein gelungener „Einstieg“. Schön, dass Du ihn so würdigst – ausgerechnet Laszlo Moholy-Nagy bin ich dieser Tage in Sachen Bauhaus wieder begegnet. Viele Grüße von Birgit

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    • Ich habe in Mannheim immer wieder einmal an dich gedacht, ich war dir so dankbar für diesen wertvollen Tipp!
      Ich muss gestehen, dass ich Laszlo Moholy-Nagy und seine Kunst gar nicht so gut kenne, sein Name taucht halt immer wieder auf, das ist für mich ein neues Forschungsfeld, darauf freue ich mich! Ach Birgit, die Welt ist so voller guter Bilder, Statuen, Bauwerken, Musik und natürlich Büchern, das kann man in einem Leben überhaupt nicht alles erfassen und durchdringen. Das Gute ist, es hört nie auf spannend zu sein!
      herzliche Grüsse an dich
      Ulli

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  9. Pingback: Mörderische Klischees | GERDA KAZAKOU

  10. A ja, jetzt erinnere ich mich natürlich wieder. Es gab so vieles zu sehen, und anderes war eindrucksvoller, blieb haften. auf der Lebensbildercollage erkenne ich vor allem Portraits, außerdem auch Kakteen. sonst nicht viel. Ist wohl zu klein. danke für den Link.

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    • Ja Gerda, das ist die Krux, dass solche grossen Collagen kaum auf dem PC darstellbar sind, dann erscheint vieles zu klein, zu fisselig, man neigt dazu vieles zu übersehen, ich wenigstens.
      Ich lese auch nochmal was es mit den Kakteen auf sich hat … und schreib es dir dann-

      Gefällt 1 Person

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