Etüde 011 2019

Miniatur 010 2019

An den Zähnen wirst du sie erkennen“, sagten sie und die Freundinnen damals, als eine der ersten Krankenkassenreformen eintrat. Sie war sich so sicher gewesen, dass sie nicht dazu gehören würde. In ihrem Mund hatte vorwitzig ein Goldzahn geblitzt. Lang ist’s her. Gleitend gingen die Jahre vorbei und sie hatte so vieles verloren. Ihren sicher geglaubten Job, ihre Gesundheit, ihren Goldzahn und nicht nur den. Heute lacht sie lieber mit der Hand vor dem Mund. Das Leben hatte sie torpediert, sie war getroffen worden und nun rang sie um ihre Würde. Ihr blieben die Pinsel und der Malkasten, manchmal verkaufte sie ein Bild, viel zu wenige, um sich davon mehr als ein Kassengebiss leisten zu können.

Weitergehen“, murmelte sie sich zu, ich will und es muss ja weitergehen, irgendwie …

132 Wörter



Heute also eher wieder eine Miniatur zu dem Etüdenprojekt, das Christiane nun schon so lange und so liebevoll begleitet. Die Wortspende stammt dieses Mal von dergl und ihrem Team.

Herzlichen Dank an euch beide.

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Etüde 010 2015

Katrin fährt sinnierend die Landstraße entlang, im Rückspiegel sieht sie die Katzenaugen rot aufleuchten, wenn sie vor den Kurven kurz abbremst. Sie mag das und schaut dann gerne zurück. Ein bisschen kurios ist das schon, denkt sie. Sie, die lieber vorwärts als rückwärts blickt. Ja schon, sie liebt Rot, gerade in den letzten Wochen wieder. Rot schenkt ihr Kraft, stärkt ihren Willen und die Lebensfreude, aber das hier ist mehr. Die roten Katzenaugen im Spiegel sind auch die Versicherung, dass ihre Rücklichter funktionieren, dass wenigstens ein Minimum in ihrem Leben rundläuft.

Manchmal fühlt sie sich wie Hagazussa, die alte Zaunreiterin, die zwischen den Welten balanciert, ohne je die Bodenhaftung zu verlieren.

-Bodenhaftung?

-Ich?

-Nee, ich bin keine Hagazussa, ich bin eher ein Segelschiffchen im Wind, immer froh, wenn mal für einen Moment Flaute ist, dann kann ich durchatmen, ansonsten muss ich schauen nicht zu kentern.

Da ist sie wieder, diese hauchdünne Linie, die alles voneinander trennt, den Wahnsinn vom gesundem Geist, die reale Welt von der Anderswelt, das Leben vom Tod und alles greift ineinander und ist miteinander verbunden.

Manchmal ist ihr alles zu groß, zu viel, dann wünscht sie sich einen stillen See mit sanften Gestaden und Seerosen.

Tuuut, Katrin schreckt aus ihren Grübeleien auf. Herrjeh, das ist noch einmal gut gegangen! Ein Riesenelli rauscht an ihr vorbei. Ohne sein Gehupe …

223 Wörter



Wieder bin ich gerne der Einladung von Christiane gefolgt, habe die drei Wörter, die Katha gespendet hat, genommen, sie in den hohlen Händen geschüttelt und dann vor mir auf den Tisch purzeln lassen und schwupps fügte sich eins zum anderen. Manchmal staune ich selbst 😉

Herzensdank, Christiane, für die Einladung und die Einladungskarte, die ich sehr mag und auch an dich, Katha, für die drei inspirierenden Wörter!

Etüde 009 2019

Maria hatte ein drittes Mal geheiratet, den Sepp, den Depp, wie ihn Ursula heimlich nannte. Ursula war vierzehn Jahre alt und ging damals schon oft ihre eigene Wege, die Mutter ging ihre. Und jetzt sollte sie also „Vati“ sagen. Sie würde zu niemanden Vati sagen, niemals.

Ihren Vater hat sie nie kennengelernt, er fiel, als sie im Bauch von Maria heranwuchs.

-Du kannst froh sein, dass dein Vater gefallen und nie zurückgekehrt ist, war die Standardantwort, wann immer Ursula Maria nach ihm gefragt hatte.

Als Ursula eingeschult worden war, kam Onkel Willy in ihr Leben. Auch ihn hatte sie nie gemocht, seine plumpen Witze, seine anzüglichen Bemerkungen, wenn sie mit ihm alleine gewesen war und er versucht hatte ihren Po zu tätscheln, wenn sie an ihm vorbei musste. Ursula hatte schnell gelernt ihm aus dem Weg zu gehen. Am Abend war ja Mutter da und musste sich dann von ihm betatschen lassen. Ursula ekelte es noch heute. Wie froh sie gewesen war als er nach drei Jahren Maria verließ.

Jetzt also Sepp und seit Wochen nur noch Fleisch in den Töpfen, mit viel Soße und Kartoffeln oder Semmelknödeln, sonst nichts, weil er es so wollte. Das Fleisch bekam am Ende immer der Hund. Seppdepp ging es nur um die Soße und Mutter ließ sich bevormunden. Alle Lieblingsessen hatte sie von der Speisekarte gestrichen. Wenn Ursula einmal nachfragte, seufzte Maria.

-Du weißt doch wie er ist.

Ursula hat sich damals geschworen, dass sie sich niemals so behandeln lassen würde. Das war doch keine Liebe!

Zwei Jahre später, Ursula lebte mittlerweile mit ihrer besten Freundin Ellen zusammen, musste sie Maria retten. Sepp hatte sich zum Schläger entwickelt. Ursula hatte das schon immer geahnt. Nun war auch er weg.

Es dauerte nicht lange und Maria lebte vegan. Sie liebte jetzt Johannes.

298 Wörter



Dieses Mal also eine zweite Etüde zu Christianes Projekt, das einst Ludwig Zeidler ins Leben gerufen hat und der Wortspende von Agnes Podczeck.

Etüde 008 2019

Eine neue Etüdenrunde startete am Sonntag. Christiane hat wieder dazu eingeladen, die Wortspende stammt dieses Mal von Agnes Podczeck.

Wie immer herzlichen Dank an dich, Christiane, für deine Unermüdlichkeit, die feinen Bilder und an dich, Agnes, für die Wörter, die ich sofort toll fand und die nun ganz anderes hervorbringen als ich zunächst dachte.

Hier nun also meine (erste) Etüde.

Sie dreht den Satz in ihrem Mund, wie eine heiße Kartoffel. Wort für Wort, Biss für Biss.

Es kann gut sein, dass er sie für anzüglich halten wird. Viele Männer sehen sich noch immer als Eroberer. Undenkbar, dass der zu erobernde Kontinent, nämlich sie, den ersten Schritt tut. Sie aber will es, sie will auf ihn zugehen und ihm ins Ohr flüstern: Ich will mit dir schlafen. Jetzt.

Sie will seine Reaktion sehen, das wird alles entscheiden. Wie herrlich es in ihr kribbelt!

Die Kartoffel ist abgekühlt, zerkaut, runtergeschluckt und fährt nun als Kartoffelbrei durch ihren Verdauungskanal. Sie schaut auf die Uhr.

-Wieder Einer, der nicht pünktlich sein kann! Noch fünf Minuten, dann bin ich weg.

Erotik verwandelt sich in Ungeduld und Frust. Gleichmäßig tickt der Zeiger seine Runden.

Als sie ihn in der Ferne mit wehendem Mantel näherkommen sieht, dreht sie auf ihrem Absatz um. Die fünf Minuten sind um, fünfunddreißig sind zusammenkommen. Sie geht die Treppen zum U-Bahnhof hinunter.

-Ich lasse mir meine Zeit nicht mehr stehlen! Ich lasse mich nicht mehr bevormunden! Sex hin oder her.

Sie streichelt über ihren Bauch. Die Schmetterlinge sind ausgeflogen, sie lacht in sich hinein, über sich, die Welt und alle Eroberer in Einem. In ihrem Bauch wächst ein Kartoffelbaby.

208 Wörter

Etüde 007 2019

Heute ist es eine kleine Reim-Etüde, alle anderen Entwürfe habe ich verworfen.

Die Wortspende

– Tulpenzwiebel

– kurzweilig

– auferstehen

ist dieses Mal von Veronika → https://vrojongliert.wordpress.com/. Und Christiane hat das Bild dazu gemacht. Herzensdank an euch beide.

Die Reim-Etüde

Es war einmal ein Adrian,

der sich die kostbaren Tulpenzwiebeln nahm.

Damit ging er in die Welt,

versenkte sie in manch‘ Blumenfeld.

Nach der Starre erstehen sie wieder auf,

so ist das Spiel im Jahreslauf.

Kurzweilig kommt das frühe Jahr daher,

der Adrian, der lebt nicht mehr.

47 Wörter

Etüden 006 2019

Nun aber schnell, schon läuft die 13. Woche ihrem Ende entgegen, die Einladung von Christiane mit einer Dreiwortespende von Rina P. sind schon bald zwei Wochen raus und meine drei Miniaturen verharren ungelesen in meiner Kladde.

Auf gehts … viel Spaß

Miniatur 007 2019

Es ist ein Hauen, Stechen und Beißen in der Welt! Hannah legt die Zeitung weg. Jetzt ist ihr der Morgen verdorben. Ist er das? Was, wenn sie aufsteht, ihre Rechnung zahlt, das Café verlässt und in den azurblauen Tag hineinspaziert? Na eben.

Miniatur 008 2019

Schon wieder hat im Kiez ein neues Café eröffnet. Wieviele denn noch, wenn sie sich wenigstens unterscheiden würden! Gleichschaltung, wenn A mit c so gut verdient, kann das B auch – unendliche Ketten. Kultur ist sub oder super quality, sie beißt nicht, sie verdirbt nicht den Spaß, den alle haben wollen, weil sie so freudlos sind.

Miniatur 009 2019

„Die ist ein ganz verdorbenes Mädchen“, sie stach mit ihrem verknotetem Zeigefinger in die Luft, „ich will nicht, dass du mit so einer verkehrst! Wir sind anständige Leute und sitzen nicht am helllichten Tag im Café am Kirchplatz und machen einen auf Gräfin Cox.“ Sie atmete schwer, biss wütend in ihr Brötchen. Die Krümmel fielen auf ihre Brust, auf den Tisch, auf den Boden. Sie sah sie nicht. Sie kaute, starrte mich an, ihr Blick irrte, suchte, fand mich nicht. Sie seufzte: „Wer bist du nochmal?“ Mutter wurde immer dementer.

insgesamt 198 Wörter

Etüde 005 2019

Zwei Miniaturen*

-1-

Weißt du noch … Wie wir durch den Nieselregen wanderten? Es dämmerte schon. Hier und da stiegen Nebel aus den Wiesen, schwebten feengleich. Wir verirrten uns. Ein bisschen liefen wir im Kreis. Dann erinnerte ich mich. Du folgtest zögerlich.

-2-

Weißt du noch … wie wir auf Regen warteten? Das hätten wir uns nicht gedacht. Auf Regen warten die Menschen in Afrika, in Südeuropa, in … Wir haben an Vieles nicht gedacht. Nicht so. Nicht im Irrgarten der Jugend.

Und dann war er da. Endlich! Ein köstlich weicher Nieselregen, der leise und zart die trocken gewordene Erde durchweichte, Schicht für Schicht, von Würzelchen zu Wurzeln. Erst viel später war er zu einem Pladder geworden. Blasen tanzten auf der Straße.

zusammen 121 Wörter


Dies ein Beitrag zu dem Etüden-Projekt von Christiane, einst von Ludwig Zeidler ins Leben gerufen, dieses Mal mit einer Wortspende von Natalie/Fundevogelnest – Herzlichen Dank, dass es immer weitergeht!


*Miniatur 006 2019

Etüde 04a Februar 2019

Miniatur 005 2019

Es ist die Zeit der Astscheren und kreischenden Motorsägen. Alles was altersschwach, krank oder morsch ist muss weg. Es ist die Zeit, in der die Lesezeichen in den Büchern verharren, die Lesenden treibt es hinaus. Sie folgen dem Klang der Schneeglöckchen. Kinder hüpfen und singen, eine Melodie schwebt in der Luft. Noch zart, noch zögernd, bald tirillierend: Frühling, Frühling wird es nun bald.

63 Wörter



Dies ist ein Beitrag zum abcEtüden-Projekt von Christiane, mit einer Wortspende von wortgeflumselkritzelkram.

Etüde 04 Februar 2019

Miniatur 004 2019

Ein aufgemaltes Hinkekästchen auf dem Trottoir lässt ihr altersschwaches Herz vor Freude hüpfen. Erinnerungen an längst vergangene Kindertage steigen hoch. Hinkekästchen, die gehörten in die ersten warmen Tage, wie rutschende Kniestrümpfe, anstelle von kratzenden Wollstrumpfhosen, wie Rollschuhfahren, wie das Säckchen mit den Murmeln in den Hof tragen. Als stecke ein Lesezeichen in ihren inneren Erinnerungsseiten, die sich von allein aufschlagen, beim Anblick eines selten gewordenen Hinkekästchen auf dem Trottoir.

69 Wörter



Dies ist ein Beitrag zum abcEtüden-Projekt von Christiane, mit einer Wortspende von wortgeflumselkritzelkram.

Etüde 003a 2019

Miniatur 003 2019

Winterreifen, Winterreifen, Winterreifen,

eifersüchtig, eifersüchtig,

stolpern –

über einen Satz, einen Gedanken,

über einen s-pitzen S-tein,

in eine für andere gegrabene Grube hinein.

Plumps.

Liebeskummer lohnt sich nicht.

Eifersucht ist nicht gleich Eifersucht

und Winterreifen braucht es ab Oktober.

38 Wörter


geschrieben für das abc Etüden Projekt von Christiane, mit drei Wörtern, die dieses Mal Petra Schuseil gespendet hat → https://365tageasatzaday.wordpress.com/2019/02/03/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-06-07-19-wortspende-von-petra-schuseil/comment-page-1/