Etüdensommerpausenintermezzo 02 2019

Weiter geht es mit meinen Lieblingsetüden, mit einem lieben Gruß an Christiane, die sich immer wieder etwas Neues einfallen lässt und nicht müde wird die Etüden zu betreuen. Herzensdank dafür und auch an alle Mitschreibenden!

Im September 2018 gestaltete schon Christiane die Einladungskarten. Ludwig Zeidler, der den Anstoß für die Etüden gegeben hatte, sie moderierte und die Einladungskarten dazu gestaltete war 2018 schon nicht mehr dabei (s. vorherigen Beitrag). Ich finde es noch immer schade, dass er nicht mehr blogt und auch sonst gerade nicht mehr im Netz zu finden ist.

Sein Same aber ist aufgegangen, die Etüden leben noch immer, dank Christianes Engament.

Die Etüde

Sie trägt einen alten Koffer in der Hand, einen Rucksack auf dem Rücken. Heute hat sie sich ein rotes Kleid gekauft. Rot, das ist neu. Mit geradem Rücken schreitet sie die Gangway des Kreuzfahrtschiffes hinauf. Sie dreht sich nicht um. Ihr Blick geht geradeaus.

Sie mag keine Kreuzfahrtschiffe, wollte nie mit einem fahren, aber jetzt. Weil jetzt alles anders ist. Sie hat sich rote Stöckelschuhe gekauft, gerade so hoch, wie sie noch in ihnen laufen kann. Wie gut es tut den geraden Rücken zu spüren, das rote Kleid umspielt die nackten Beine, die roten Stöckis tragen.

Rot liegt sie an Deck im Liegestuhl. Möwen kreisen. Bronzen schimmert ihre Haut, roter Stift auf schmalen Lippen, Spiegelsonnenbrille. Mehr Zeichen setzt sie nicht. Kein Koffer, kein Rucksack, keine Kamera, kein Buch, kein Getränk, keine Zigarette, kein Heft, kein Stift, keine Bewegung. Das Zwerchfell hebt und senkt sich. Vorüberschlendernde werfen kurze Blicke, dann schlendern sie weiter. Sie sieht sie. Sie sehen sie nicht. Sie spiegeln sich in ihren Sonnengläsern.

Wie manche herumstelzen, als gehöre ihnen die ganze Welt! Diese ganze gemeingefährliche Touristenbande!

Wieso denkt sie das jetzt? Sie kennt keinen von ihnen, sie will auch niemanden kennenlernen. Nicht jetzt und auch nicht morgen. Sie will nur weg, weit weg. Die Anderen anders sein lassen. Aussteigen wird sie wenn der Ort stimmt, vielleicht in Island. Keine Pläne, raunt sie sich zu. Es kommt was kommt und ich werde wissen, wenn es stimmt. Jetzt erst einmal kreuz und quer.

Rot steht sie an der Reling, inmitten von grau, beige, blau, weiß und schwarz. Sie raucht. Möwen kreisen.

Sie wird freundlich sein im fremden Land, mehr nicht. Sie will alleine sein, nichts müssen, sich selbst eine gute Freundin sein, mehr nicht.

Nun hat sie doch einen Plan. Sie lächelt. Land in Sicht.

297 Wörter


Der Text ist Teil aus meiner Novelle: Die kleine Blaue Frau träumt Meer, allerdings habe ich ihn für die Etüde etwas abgewandelt. Ich habe diese Etüde vor allen Dingen aus dem Grund ausgesucht, weil sie bei ihr Ersterscheinung (s.Link unten) kontrovers aufgenommen wurde. Nun bin ich gespannt wie sie dieses Mal auf wen wirkt.

Da ich nun in Lothringen bin, kann ich eure Kommentare frühestens ab Sonntag, 04.08. moderieren, sorry. Aber dann … ich freu mich drauf!


Der ursprüngliche Beitrag → https://cafeweltenall.wordpress.com/2018/09/28/eine-etuede-sept-2018/

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Von den Steinwesen

Es war einmal …

-Bilder werden groß, die Galerien öffnen sich, wenn du ein Bild anklickst-

Es war einmal ein schöner Spätsommertag, als ich in einer Gartenzeitschrift einen Artikel über einen Odenwälder Gärtner las, der sogar Ingwer und andere „Exoten“ erfolgreich anbaut(e). Ich erfuhr, dass er mit seinen Pflanzen und den Tieren in seinem Garten sprach, ebenso mit den sogenannten „Schädlingen“ und auch damit erfolgreich war, keine Plagen, keine Verluste, das Gleichgewicht hielt. Er berichtete außerdem, dass er mit Steinen spricht (sprach).

„Der spricht mit Steinen“, rief ich erstaunt meiner Tochter zu, „mir rollen die höchstens mal über den Fuß …“, mir war aber tatsächlich noch nie ein Stein über den Fuß gerollt.

Seit meiner Jugend schwatze auch ich mit Pflanzen und Tieren, die Pflanzen danken es mir, manche Tiere auch, andere hören mich nicht, wie zum Beispiel die diesjährigen Kartoffelkäfer … da muss ich noch eine Sprache finden – doch zurück zu den Steinen.

An diesem Spätsommernachmittag machten sich meine Tochter und ich auf, um eine Runde durch den Wald zu gehen. Wie so oft, hier im Schwarzwald, gerieten wir auf einen Weg, der im Nichts landete, na gut, nicht Nichts, aber Wildnis und Geröllhalde. Ach, die schaffen wir doch mit Links. Gesagt, getan, wir machten uns langsam und vorsichtig auf den Abstieg über die Geröllhalde, rutschig war´s.

Ahnt  ihr es schon? Na klar, irgendwann stützte ich mich an einem recht großem Stein ab, der nur vermeintlich in der Erde lag, lag er nicht und was machte er, klar, er rollte mir über den Fuß und das tat weh, richtig weh, so mit Sternchenguck und Atemnot. Dann aber musste ich lachen und versprach fortan auch mit Steinen zu sprechen, was ich seitdem bei Gelegenheit auch tue. Ja, sie antworten mir auch, aber dafür brauche ich gaaanz viel Geduld und Zeit, die ich mir nicht immer nehme oder habe.

Während meiner kurzen Auszeit im Juni in Ligurien traf ich viele wunderschöne Steine, große und kleine, bunte und zweifarbige, mit und ohne Linien und einer war schöner als der andere. Die Enkelkinder fanden das auch und sammelten Steine was das Zeug hielt. Ich hielt manche mit meiner Kamera fest und einige wenige landeten auch in meiner Hosentasche.

Große Steine …

… bunt bemalte Steine …

… ein ZenStein …

… und kleine Steine –

 

Und dies erlebte „die kleine blaue Frau, als sie sich auf den Weg machte, das Lied der Steine zu lernen:

(manche von euch werden diesen Abschnitt schon kennen, andere nicht …)

Zusammen stehen die Alte mit den sieben Schneenamen und die kleine blaue Frau vor der Türe, sie singen den Wind. Es kommt das weiße Rentier auf seinen durchsichtigen Schwingen heran. Es flüstert die Alte:

„Mirandash pyree ist sein Name, seit dem Anfang der Zeiten.“ Es schaut das weiße Rentier mit den durchsichtigen Flügeln die kleine blaue Frau, es spitzt die Ohren, bläht die Nüstern. Es hört und riecht die kleine blaue Frau. So geht das eine lange Weile.

„Du hast die Lieder der Toten gelernt, du hast die Tänze der jungen Frau getanzt, du hast das Sommermädchen wach geträumt, du hast das Ist getanzt. Du bist nicht allein. Dein Volk steht in deinem Rücken, die Alte mit dem erdigen Gesicht wohnt in deinem Herzen, gleich neben dem geheimen Gedicht. Du hast deinen Platz gefunden, du hinterlässt keine Spuren. Du singst dein Lied leise. Du hast dein Gesicht gefunden und deinen geheimen Namen, alle Masken brannten. Du hast das Lied der Erde gelernt und das von der Wiederkehr, nun gehe und finde das Lied der Steine.“

„Nur still und stumm kenne ich die Steine, vielleicht, dass mir mal einer über den Fuß rollt“, wundert sich die kleine blaue Frau. Da war Mirandash pyree schon auf dem Weg zurück in sein Sonnenland.

Die Alte mit den sieben Schneenamen lacht, ein alter Büffel steht an ihrer Seite. Jetzt erkennt die kleine blaue Frau seine Spuren. Da lacht sie auch.

Die Alte reicht der kleinen blauen Frau einen neuen Mantel. Grünblau schillert sein Gewebe, ein roter Faden schlängelt sich hindurch. Sie weist der kleinen blauen Frau den Weg.

Ein erster Frost liegt auf den Wiesen, Morgennebel steigen auf, sie muss sich sputen! Den Rucksack lässt sie neben der Tür, sie singt das Lied der Wiederkehr. Mit schnellen Schritten eilt sie dem Felsenmeer entgegen. Die kleine blaue Frau ist jetzt wieder allein. Brombeerranken liegen über ihrem Weg. Sie stolpert, sie strauchelt, sie stürzt, sie stützt sich ab an einem Stein, der löst sich aus dem Grund. Er rollt ihr über den Fuß. Die kleine blaue Frau sitzt auf dem Weg und erholt sich von dem Schreck. In der Ferne heult ein Coyote. Sie versteht, sie lacht und sagt:

„Ihr habt mich also gehört!“ Und plötzlich hat sie keine Eile mehr. Schritt für Schritt, ohne einen auszulassen, erreicht sie das Felsenmeer. Sie geht und klettert über die Steine und Felsen, über die großen und die kleinen. Sie kommen aus allen Zeiten. Die einen sind aus dem Feuer gekommen, die anderen aus dem Meer. Lange wandert die kleine blaue Frau zwischen ihnen herum und lauscht, aber sie hört nur ihren eigenen Schritt und Atem. Nach einer langen Weile entdeckt sie zwischen den vielen Steinen einen, der ist schwarz und flach, er hat ein zerknautschtes Gesicht, das streckt sich ihr entgegen. Sie setzt sich ihm gegenüber und spricht:

„Ich bin die kleine blaue Frau mit dem geheimen Namen. Mirandash pyree schickt mich euer Lied zu lernen.“

Es bleibt still. Es hält die Welt den Atem an. Es ist, als würde sie sich nicht mehr drehen und kein Mond um die Erde herum. Stumm, leer, nichts. Nichts, leer, stumm und dann ein Summen. Tief schwingt es. Mit ihm beginnt sich die Welt erneut zu drehen, atmet ein und aus, Mond dreht sich wieder um die Erde, die Erde um sich selbst. Aus dem tiefen Summen werden Töne, sie formen sich zu Silben, Silben zu Worte, Worte zu Sätzen. Die kleine blaue Frau muss jetzt sehr geduldig sein. Es dauert die halbe Nacht:

„ Unsere Zeit währt lang, die eure kurz. Wir kennen eure Eile nicht und ihr nicht die Achtsamkeit. Es scheint, als wäret ihr aus der Zeit gefallen, seid stets voraus oder zurück, wann ist bei euch jetzt?“

Dann schläft die kleine blaue Frau. Sie hat ihr Ohr auf den Mund des schwarzen Steins mit dem zerknautschten Gesicht gelegt, der Mantel ist ihre Decke, der Stein ist ihr Kissen. Er singt das Lied der Steine in ihren Traum hinein. Sie nimmt es in ihr Herz. Am Morgen küsst sie seinen schwarzen Mund. Sie geht zurück, sie schaut sich nicht um. Leise summt sie das Lied der Steine. Sie trägt das Lied zu der Alten mit den sieben Schneenamen. Die wartet schon auf sie, Büffel steht an ihrer Seite.

Auf dem Herd köchelt eine Suppe, Kerzen stehen auf dem Tisch, gedeckt ist für zwei. Lange liest die Alte die Augen der kleinen blauen Frau, lauscht sie dem stillen Lied der Steine. Sie lässt es bei der kleinen blauen Frau. Zusammen essen sie die Suppe, brechen sie das Brot, trinken sie das Wasser aus der Quelle. Später löschen sie die Kerzen, sie gehen zu Bett. Gesprochen haben sie nicht. Das war nicht nötig.

Manchmal geht die kleine blaue Frau zum See, dort hackt sie Löcher ins Eis. Sie will auf seinen Grund sehen. Von Zeit zu Zeit schwimmen zwei Fische vorbei, ein kleiner und ein großer. Dann weiß sie: sie ist am richtigen Ort, zur richtigen Zeit. Sie ist nicht voraus und nicht zurück. Sie kennt keine Eile mehr. Sie hat das Lied der Steine gelernt. Die Zeit ist jetzt.

© Ulli Gau

Ping Pong 034 und heute ein bisschen mehr

PING 033

GERDA AN ULLI → IM HÄUSCHEN AM RANDE DES WALDES …

PONG 033

ULLI AN GERDA → … WOHNT DIE ALTE MIT DEN SIEBEN SCHNEENAMEN

PING 035

ULLI AN GERDA → NICHTS GEHT VERLOREN UND …

draufklick = große Bilder – please click to enlarge

„Die Alte mit den sieben Schneenamen“ ist eine Zeichnung, die ich in dieses bearbeitete Bild eingefügt habe, bei ihr verbringt „Die kleine blaue Frau“ den Winter und wieder lernt sie Vieles … (s.u.)

Dieses Mal habe ich bei meinem Ping an Gerda in meine Mottenkiste gegriffen, es ist eine Zeichnung mit Ölkreiden und Bleistift aus dem Jahr 1999, ich mag sie noch immer sehr und vieles geht mir dazu durch den Kopf, aber im Vordergrund steht noch immer der Tag, an dem ich dieses Bild gestaltet habe, es war ein sehr schöner Tag!

Woran du wohl denkst, wenn du es betrachtest?

Nun bin ich, wie immer, auf deins und auf Gerdas Pong dazu gespannt.



WAS BISHER GESCHAH → https://cafeweltenall.wordpress.com/galerien/ping-pong/

DIE IDEE→ https://cafeweltenall.wordpress.com/2019/02/05/ping-pong-001-2019/



FÜR MEINE NEUEN LESER*INNEN → LINKS zur KLEINEN BLAUEN FRAU und EIN AUSSCHNITT AUS MEINER NOVELLE „DIE KLEINE BLAUE FRAU TRÄUMT MEER“ (Die leider immer noch nicht veröffentlicht ist) – HIER ZU DER ALTEN MIT DEN SIEBEN SCHNEENAMEN und EIN ÄLTERES BILD DAZU.

Die Alte mit den sieben Schneenamen sagt nie ein Wort zu viel und nie eins zu wenig. Ruhig ist ihr Gang und Wirken. Sie sagt zur kleinen blauen Frau:

„Es gibt keinen Grund zur Euphorie und keinen für die Depression.“ Sie essen die Suppe, sie löschen die Kerzen, sie gehen zu Bett. Am nächsten Morgen begrüßt die Alte die kleine blaue Frau mit einem Lied:

Wir sind Sterne, die singen können. Wir singen unser Licht. Wir sind Feuervögel. Wir fliegen über den Himmel. Wir alle sind wie der Wind, eingehüllt in leuchtende Flügel. Unser Licht ist eine Stimme. Wir bauen eine Straße des Übergangs für die Seelen, die gegangen sind…“

(frei übersetzt nach dem Lied von Dead can dance: Song of the stars)

Ein letztes Mal hackt die kleine blaue Frau das Holz, schürt sie das Feuer, kocht sie die Suppe, da hört sie das Eis krachen. Leise singt sie ihr Leben, träumt sich leuchtende Flügel. Sie wird gen Osten ziehen. Ein warmer Wind schiebt den winterlichen Nebel über den See zurück, erste Sonnenstrahlen wärmen ihr nacktes Gesicht.

Zusammen stehen die Alte mit den sieben Schneenamen und die kleine blaue Frau am nächsten Morgen vor der Türe und singen den Wind. Es kommt das weiße Rentier Mirandash pyree auf seinen durchsichtigen Schwingen heran. Es schaut die kleine blaue Frau, es spitzt die Ohren. Es hört und riecht die kleine blaue Frau. So geht es eine lange Weile, bevor es spricht:

„Du hast die Lieder der Toten gelernt, du hast die Tänze der jungen Frau getanzt, du hast dein Sommermädchen wachgeträumt, du hast das Ist getanzt. Du bist nicht allein. Dein Volk steht in deinem Rücken, die Alte mit dem erdigen Gesicht wohnt in deinem Herzen, gleich neben dem geheimen Gedicht. Du hast deinen Platz gefunden, du hinterlässt keine Spuren. Du singst dein Lied leise. Du hast dein Gesicht gefunden und alle Masken brannten. Du hast das Lied der Erde gelernt, das von der Wiederkehr und das der Steine. Du kennst jetzt keine Eile mehr. Du bist genügsam geworden und zufrieden mit dem was ist. Du hast gelernt für dich und andere zu sorgen, hast das Holz gehackt, das Feuer gehütet, die Suppe gekocht, den alten Büffel gefüttert. Du hast gehandelt und gedient, du hast geträumt und gesehen, gehört und nachgedacht. Nun trage ich dich über den See Richtung Osten, zur Schwarzen mit dem ewigen Gesicht.“

Die kleine blaue Frau nimmt ihren grün-blauen Mantel vom Haken, der rote Faden ist ein Stück weiter durchs Gewebe mäandert. Sie nimmt den Rucksack, der steht schon neben der Tür.

Vor der Tür steht die Alte mit den sieben Schneenamen, sie trägt ihre Kappe mit dem Geweih, der alte Büffel steht an ihrer Seite. Noch einmal schauen sie sich an, eine Wiederkehr ist ungewiss. Dank nickt die kleine blaue Frau ihnen zu. Dann steigt sie auf den Rücken von Mirandash pyree. Es breitet seine durchsichtigen Flügel aus, sie fliegen über den See Richtung Osten.

© Ulli Gau

https://cafeweltenall.wordpress.com/2015/01/16/nicht-identisch/

https://cafeweltenall.wordpress.com/2015/02/14/die-kleine-blaue-frau-und-die-welt/

https://cafeweltenall.wordpress.com/2015/01/26/die-kleine-blaue-frau-iii/

Abschied …

… und ein Wiedersehen

Gedankenfäden 006

Stelle dir die chinesische Mauer vor. Sie ist 21.196,18 km lang. Am östlichen Ende steht eine Frau, Marina Abramović, am westlichen Ende steht ein Mann, Ulay (Uwe Laysiepen). Neunzig Tage gehen sie aufeinander zu, um sich nach je 2.500 km und 12 Jahren intensiver Liebesbeziehung und gemeinsamer Arbeit voneinander für immer zu verabschieden. Das war 1988. Wiederum 12 Jahre später sehen sie sich während einer Performance von Marina Abramović im MoMa in New York wieder. Marina Abramović wusste nicht, dass sich Ulay ihr als Einer von Vielen gegenüber setzen würde.

Ich kann dieses Video nicht anschauen, ohne zu weinen. Tiefe Seelenberührung. Ich weiß nicht, ob ich sie Trauer nennen kann.


Viele Kilometer sind auch wir gegangen, voneinander weg. Abschied ist schmerzhaft. Immer. Wann wir uns wiedersehen? Wer weiß das schon. Noch gehe ich der Mündung entgegen. Wohin dein Weg dich führt liegt für mich im Dunkeln. Keine Worte. Jetzt. Ein Gefühl. Viele Gefühle. Kein Stachel mehr. Die neue Haut wächst langsam. Lebewohl sagen heißt dem anderen Wohl in seinem Leben wünschen. Das ist wieder keine unserer Fragen.

In ihrem Neu steht das alte Schatzkästchen. Das, mit dem roten Band darin. Erst wenn sich die Erinnerungen abgenutzt haben, wird sie es öffnen. Erst dann wird sie noch einmal dem roten Band folgen, vom Rot des Inkarnatklees bis zu dem Haus mit dem Garten. Bis dahin wird sie das Kästchen von Zeit zu Zeit abstauben, es von hier nach da rücken, in ihrem Neu. Manchmal wird sie in Versuchung geraten. Sie wird warten, bis es nicht mehr schmerzt.

Es geht nichts verloren.“ Die kleine blaue Frau steht auf, sie lacht. Sie lacht und lacht. Rot und blau tanzt sie durch den Wald, aus seinen Wurzeln steigt das Lied vom Leben und Sterben. Die kleine blaue Frau vergräbt die Schachtel mit dem roten Band unter den Wurzeln der uralten Buche, sie lauscht dem Gesang des Himmels. Jetzt ist ihr Mädchen zu neuem Leben erwacht. Es tanzt rot mit ihr durch die Sommerbäche.

Ausschnitte aus: Die kleine blaue Frau träumt Meer © Ulli Gau

Auf dem Weg haben sich Schemen gezeigt, sie sind Figur geworden. Ich singe mein Lied.



MenschSein -eine ART wie man sich selbst begegnet

Eine Etüde Sept. 2018

Heute folge ich nach langer Zeit wieder einmal einer Schreibeinladung von Christiane → https://365tageasatzaday.wordpress.com/2018/09/23/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-39-40-18-wortspende-von-visitenkartemyblog/

Herzlichen Dank, Christiane, für die Einladung und die Gestaltung und herzlichen Dank an Anna-Lena → https://visitenkartemyblog.wordpress.com/  für die Wortspende!

Die Rahmenbedingungen seht ihr auf der obigen Einladungskarte, alles andere könnte ihr bei Christiane nachlesen.

Ich habe einen Text aus meiner Novelle „Die kleine blaue Frau träumt Meer“ als Ausgangspunkt genommen, habe sie aber umgeschrieben und das Wort Fähre mit Kreuzfahrtschiff ersetzt.

Die Etüde

Sie trägt einen alten Koffer in der Hand, einen Rucksack auf dem Rücken. Heute hat sie sich ein rotes Kleid gekauft. Rot, das ist neu. Mit geradem Rücken schreitet sie die Gangway des Kreuzfahrtschiffes hinauf. Sie dreht sich nicht um. Ihr Blick geht geradeaus.

Sie mag keine Kreuzfahrtschiffe, wollte nie mit einem fahren, aber jetzt. Weil jetzt alles anders ist. Sie hat sich rote Stöckelschuhe gekauft, gerade so hoch, wie sie noch in ihnen laufen kann. Wie gut es tut den geraden Rücken zu spüren, das rote Kleid umspielt die nackten Beine, die roten Stöckis tragen.

Rot liegt sie an Deck im Liegestuhl. Möwen kreisen. Bronzen schimmert ihre Haut, roter Stift auf schmalen Lippen, Spiegelsonnenbrille. Mehr Zeichen setzt sie nicht. Kein Koffer, kein Rucksack, keine Kamera, kein Buch, kein Getränk, keine Zigarette, kein Heft, kein Stift, keine Bewegung. Das Zwerchfell hebt und senkt sich. Vorüberschlendernde werfen kurze Blicke, dann schlendern sie weiter. Sie sieht sie. Sie sehen sie nicht. Sie spiegeln sich in ihren Sonnengläsern.

Wie manche herumstelzen, als gehöre ihnen die ganze Welt! Diese ganze gemeingefährliche Touristenbande!

Wieso denkt sie das jetzt? Sie kennt keinen von ihnen, sie will auch niemanden kennenlernen. Nicht jetzt und auch nicht morgen. Sie will nur weg, weit weg. Die Anderen anders sein lassen. Aussteigen wird sie wenn der Ort stimmt, vielleicht in Island. Keine Pläne, raunt sie sich zu. Es kommt was kommt und ich werde wissen, wenn es stimmt. Jetzt erst einmal kreuz und quer.

Rot steht sie an der Reling, inmitten von grau, beige, blau, weiß und schwarz. Sie raucht. Möwen kreisen.

Sie wird freundlich sein im fremden Land, mehr nicht. Sie will alleine sein, nichts müssen, sich selbst eine gute Freundin sein, mehr nicht.

Nun hat sie doch einen Plan. Sie lächelt. Land in Sicht.



297 Wörter sagt die Zählmaschine. Puh, so gerade eben …

Schaukel

Die kleine blaue Frau sitzt auf der Schaukel, vor und zurück, vor und zurück. Sie wundert sich, sie ist traurig, wütend auch. Es schien doch alles einmal gut. Damals, als sie zurück zum Hafen ging. Sie erinnert sich:

Der Hafen ist von hier nicht weit. Sie hört schon Schiffe tuten. Sie erkennt das alte Lied in Moll der Abfahrt und Ankunft, der Reisen mit und ohne Wiederkehr. Die kleine blaue Frau hat den grünblauen Mantel mit dem rot mäandernden Faden angezogen, darunter leuchtet das rote Kleid. Ihren Rucksack trägt sie auf dem Rücken. Mit geradem Rücken schreitet sie die Gangway der Fähre hinauf. Sie dreht sich nicht um. Ihr Blick geht geradeaus, ihre Zeit ist jetzt. Sie singt das Lied der Alten mit den sieben Schneenamen:

Wir sind Sterne, die singen können. Wir singen unser Licht. Wir sind Feuervögel. Wir fliegen durch den Himmel. Wir alle sind wie der Wind, eingehüllt in leuchtende Flügel. Unser Licht ist eine Stimme. Wir bauen eine Straße des Übergangs für die Seelen, die gegangen sind, für die Seelen, die gegangen sind.“

(frei übersetzt nach dem Lied von Dead can dance: Song of the stars)

Vor und zurück, vor und zurück. Sie schaut noch immer nach vorne, aber schwer ist wieder ihr Schritt. Sie will sich erinnern, auch an all die Lieder, die sie einst gefunden hat:

Zusammen stehen die Alte mit den sieben Schneenamen und die kleine blaue Frau am nächsten Morgen vor der Türe und singen den Wind. Es kommt das weiße Rentier Mirandash pyree auf seinen durchsichtigen Schwingen heran. Es schaut die kleine blaue Frau, es spitzt die Ohren. Es hört und riecht die kleine blaue Frau. So geht es eine lange Weile, bevor es spricht:

„Du hast die Lieder der Toten gelernt, du hast die Tänze der jungen Frau getanzt, du hast dein Sommermädchen wachgeträumt, du hast das Ist getanzt. Du bist nicht allein. Dein Volk steht in deinem Rücken, die Alte mit dem erdigen Gesicht wohnt in deinem Herzen, gleich neben dem geheimen Gedicht. Du hast deinen Platz gefunden, du hinterlässt keine Spuren. Du singst dein Lied leise. Du hast dein Gesicht gefunden und alle Masken brannten. Du hast das Lied der Erde gelernt, das von der Wiederkehr und das der Steine. Du kennst jetzt keine Eile mehr. Du bist genügsam geworden und zufrieden mit dem was ist. Du hast gelernt für dich und andere zu sorgen, hast das Holz gehackt, das Feuer gehütet, die Suppe gekocht, den alten Büffel gefüttert. Du hast gehandelt und gedient, du hast geträumt und gesehen, gehört und nachgedacht…

Wieder hat die kleine blaue Frau ihre Lieder leise gesungen, das vom Leben und Sterben und von der Erde zuerst, dann das der Steine.

Auf ihrem Weg über die Ebenen hat sie noch andere Lieder gelernt: das von den sieben Richtungen, den acht Winden und den fünf Elementen, dem Oben und Unten und das von der Mitte. Sie hat das Lied der Schmetterlinge gelernt und das der Bärin, das weise Lied der Raben und das Lied von der Maus, die auszog die heiligen Berge zu finden.

Sie hat das Wacholderlied gelernt und das Lied der Birken, das der Goldrute und der Engelwurz und viele andere mehr. Sie hat mit den Winden getanzt, sie singt alle ihre Lieder, eins nach dem anderen inmitten der weißen Kieselsteine, umringt von den unsichtbaren Namen. Nur das Lied der Wiederkehr tönt doppelt aus ihr heraus, in einer hohen und in einer tiefen Lage.

(Ausschnitte aus: Die kleine blaue Frau träumt Meer)

Vor und zurück, vor und zurück, sie springt von der Schaukel und geht weiter. Sie dreht sich nicht um. Ihr Blick geht geradeaus, ihre Zeit ist jetzt.


Anmerkung

Ich habe zwischen den Jahren das obige Bild: „Alle Masken brannten“, überarbeitet und auch noch einmal meine Novelle „Die kleine blaue Frau träumt Meer“. In der nächsten Woche werde ich den Schritt wagen und mich schlau machen, wieviel ein Eigendruck kosten wird, um dann hundert Stück drucken zu lassen und zum Verkauf anzubieten. Die Verlage beißen nicht an und mir ist das ganze Gewese auch zunehmend suspekt. Ich mag diese Geschichte und möchte sie gerne in der Welt wissen.

Warum ich dies schreibe? Weil ich gerne wüsste wieviel Interesse hier, in diesen Kreisen, an der Novelle besteht, danke für eine Rückmeldung, egal, wie sie ausfallen wird!

Boot und Fährfrau

für Gerda und Bruni,

weil ihr mich an „meine“ Fährfrau und an „Die kleine blaue Frau“ erinnert habt – danke dafür…

„Die kleine blaue Frau singt sich zum See. Ungerufen kommt die alte Fährfrau, sie rudert die kleine blaue Frau zur Insel. Hier hüten Bärin und Rabe das Tor zum Wald, neckt der Rabe die Bärin, winkt die Bärin der kleinen blauen Frau.

Viele Jahre schon rudert die alte Fährfrau hin und her, mit und ohne Passagiere, mit und ohne Mond. Sie kennt keine Angst und keinen Tod. Ihr Herz ist Liebe geworden, in all den Jahren des Hinundwiederzurücks. Sie schenkt der kleinen blauen Frau das Lied der Wiederkehr.“



„Die kleine blaue Frau wäscht ihr Kleid am Fluss, als ein leeres Boot an ihr vorübergleitet. Sie sieht keine Ruder, keine Frau und keinen Mann. Zarte Schleier umwehen das Boot. Die kleine blaue Frau hört einen leisen Gesang, schwimmt zum Boot und nimmt es an die Leine, sie zieht es bis zum Strand. Dort setzt sie sich hinein.
Die Sonne geht unter, die Sonne geht auf, die Sonne geht wieder unter. Die kleine blaue Frau sitzt in dem ruderlosen Boot und lauscht seinem leisen Gesang. Sie lernt die Totenlieder. Die Sonne geht auf. Jetzt erhebt sich die kleine blaue Frau, sie trägt die Lieder zur Alten mit dem erdigen Gesicht. Die nimmt die Lieder in ihr Herz, dann lässt sie sie wieder frei. Da wird es still. Zarte Schleier wehen ins Blau des Morgenhimmels.“

Textausschnitte aus „Der kleinen blauen Frau“ copyright Ulli Gau

Sonntagsbilder

0003 Spinne und roter Faden

Ich schrieb es schon: die Novelle „Die kleine blaue Frau träumt Meer“ ist abgeschlossen. Nun habe ich ein Exposé geschrieben und es an einen Verlag gesendet, der wunderbare Bücher macht und verlegt. „Machen“ bezieht sich in diesem Fall auf das Design. Ich muss geduldig sein. Sie müssen sich durch Vieles lesen. Zeit, um noch das eine und andere Bild mit der kleinen blauen Frau zu kreieren.

Die kleine blaue Frau sitzt in der Stube. Grüne und blaue Schiffchen gleiten über goldgelbe Kettelfäden. Alte Spinne kommt aus ihrer Ecke, sie schenkt ihr einen roten Faden, dann kehrt sie um. Sie wartet auf die letzte Fliege, November steht auf dem Kalenderblatt. Goldene Blätter wehen über Wege und Wiesen. Die Schiffchen tanzen auf und ab, grün und blau in unregelmäßigem Wechsel, ein rotes kommt hinzu. Es schlingert durchs Gewebe.

© Ulli Gau

Und weil ich ab morgen für eine längere Weile nicht hier sein werde, möchte ich euch noch ein paar Lieblingsbilder aus dem Februar zeigen. Doch zuvor wünsche ich euch allen eine gute Zeit. Danke für eure vielen Kommentare und Likes in den vergangenen Wochen, für so manch tolles Projekt, auch hinter den Kulissen.

Wir lesen uns im Frühling wieder – am 20. März hält er Einzug, ich jubiliere!

001 Gesicht

Rostliebe

0095ab 28.02.16 begegnung

Mit oder ohne?

0036 24.01.16 die Alte

„Die kleine blaue Frau geht zum See, sie hackt neue Löcher in das Eis, sie will auf den Grund sehen. Heute schwimmen keine Fische vorbei, kein kleiner und kein großer. Jetzt ist es also bald soweit. Als sie sich umdreht, sieht sie die Alte mit den sieben Schneenamen in die Hütte gehen, auf dem Kopf trägt sie die Kappe mit dem Geweih.“

aus meiner Novelle: Die kleine blaue Frau – copyright Ulli Gau

Nun ist es fast getan, noch ein Kapitel, dann folgt die Überarbeitung und dann die Verlagssuche. Aber will ich das wirklich? Noch einmal?

Und will ich die Novelle bebildern oder nicht? Es gibt noch viel zu denken und zu entscheiden …

Rückblick – 11 –

Ein Phoenix wurde geboren

Wüstengeburt

Erst war der Kokon, dann ein goldenes Ei in der Wüste. Dann ein Phoenix.

Ein Schmetterling überlebt den Winter nicht, sagte letztens Gerda Kazakou in einem Kommentar an mich. Ein Phoenix müsste das schaffen.

(Ich höre ein Geräusch aus der Ferne… Kann ein Phoenix lachen?)

Der November war reich. Ich schrieb an der Geschichte der kleinen blauen Frau und schrieb mich dem Finale entgegen. Wandel und Verwandlung sind grosse Themen der kleinen blauen Frau. In der Welt sind sie es sowieso. Immer!

Hierzu passt jetzt das Horoskop für 2016 von Luisa Francia →

Der November hatte viele Gesichter und war noch lange ungewöhnlich golden und bunt.

Bei allen persönlichen Freuden und dem Phoenix und überhaupt, es gab auch den 13. November – der Tag der Anschläge von Paris – spontan wollte ich nur noch säckeweise Liebessamen säen.

Dass nun deutsche Soldaten in Syrien sind, dass dieses ganze Säbelrasseln weitergeht, das muss ich nicht sagen … dass ich dagegen bin, wohl auch nicht.

Ich werde nicht müde werden, mich für den Frieden in der Welt einzusetzen, wenn ich ihn vielleicht auch in meinem Leben nicht mehr erleben werde. Resignation ist für mich keine Lösung. Resignieren hiesse für mich der anderen Seite eine Macht geben, die sie zwar faktisch hat, die ihr aber nicht gebührt! Wie war das noch gleich? „Keine Macht für niemand!“ Da komme ich her, daran halte ich fest, Wandel hin oder her. Nenne mich konservativ …

In diesem Zusammenhang möchte ich euch auf zwei Beiträge aufmerksam machen:

I. Bei Graugans fand ich am 14. Dezember einen wunderbaren Beitrag über HAP Grieshaber und sein Projekt: „Der Engel der Geschichte“. Auch so Einer, der mir einfach Mut macht immer weiterzumachen und mich dabei immer und immer wieder für eine gerechtere Welt einzusetzen. Verschiedene Menschen haben verschiedene Talente und Ressourcen- die einen haben Worte, die anderen Bilder, die nächsten Musik, die übernächsten Tatkraft, die überübernächsten sind die TräumerInnen, die VisionärInnen, ZauberInnen, Närrinnen und Narren und … Für den Wandel in der Welt braucht es alle Medizinen! Stark wird, was genährt wird.

II. SalvaVenia schreibt über den Islam → ja, das braucht Zeit, aber es lohnt sich! Bis heute, 14.12. sind schon 4 Artikel dazu erschienen. Ich habe bislang den ersten gelesen, der mir viel Gedankenfutter schenkte. Die nächsten lese ich, wenn ich meine persönlichen Rückblicke abgeschlossen habe. Bald!

Zurück zum November: die alte Fährfrau aus meiner Geschichte der kleinen blauen Frau bekommt eine erstaunlich junge Gestalt→

Sie segelt wider jeglichem Hass, denn ihr Herz ist Liebe geworden, in all den Jahren des Hinundwiederzurücks. Leise singt sie ihre Lieder durch die Nacht. Sie kennt keine Angst und keinen Tod.

Wider jeglichem Hass


Phoenix gross © Beautiful-phoenix-designed-in-Photoshop-by-digital-fantasy-artist-Sandara -Ich bedanke mich