Der Versuch einer Buchbesprechung

Sansibar oder andere gebrochene Versprechen von Elke Engelhardt

Vor ein paar Wochen fand ich in meinem Briefkasten das neue Buch von Elke Engelhardt – Sansibar oder andere gebrochene Versprechen.

Dieses Buch beinhaltet drei Gedichtzyklen:

Sansibar

Einige sehr kurze Geschichten vom Glück, die kleine Frau zu sein

Die Lumpen meiner Erinnerung

Zunächst lag dieses Buch neben meinem Bett. Ein kleiner Schatz, so vermutete ich, den ich noch hütete. Aber dann trieb mich die Neugierde und ich begann zu lesen. Ja, von vorne, nämlich in dem Zyklus „Sansibar“. Schnell wurde mir klar, dass dieses Buch kein kleiner, sonder ein großer Worteschatz ist. Ich las und las, bis ich am Ende von Sansibar angelangt war. Aber was rede ich? Ein Anfang, ein Ende?

Physisch schon, aber inhaltlich? Sansibar schreibt sich von einem Gedicht zum nächsten fort. Ich nehme einen roten Faden wahr und ich lerne Sansibar ein bisschen kennen. Oder erahne ich ihn mehr, so wie ich die Schreiberin dahinter wieder ein Stückchen tiefer in ihrem Denken und Spüren erahne?

Ihr lest es, es stellen sich mir Fragezeichen in den Weg. Wie auch das folgende – Wie soll ich überhaupt dieses Buch besprechen? Ich müsste mir Gedicht für Gedicht, Seite für Seite vornehmen. Das kann und will ich nicht. Das kommt dem Buch nicht nahe, den Gedichten sowieso nicht. Alles wäre auch nur ein Spiegel meiner Empfindungen, meiner Sichtweisen, wie bei letztlich jeder Interpretation. Und mag ich Interpretationen? Nicht wirklich!

Ich mag rote Fäden, die ich auch bei der Kleinen Frau und in Den Lumpen der Erinnerung fand, filigrane, rote Fäden.

Filigran ist ein Wort, dass aus meiner Sicht zu dem neuen Buch von Elke Engelhardt passt. Es sind die feinen, leisen Töne und die vielen Zwischenräume, die mich an filigran denken lassen. Nach jeder Seite kann ich weiterdenken und Tiefes spüren, mir wird nichts in den Mund gelegt, nur ins Herz und in meine eigene Schreibeseele hinein.

Mehr mag ich nicht schreiben, nur einige wenige Passagen aus Sansibar zitieren, um euch Lesende neugierig auf dieses Buch zu machen, damit ihr Lust auf die Lyrik von Elke Engelhardt bekommt. Lyrik ist lange nicht gleich Lyrik und lesenswerte Lyrik ist lange nicht so reich gesät, wie es manchmal erscheinen mag – aus meiner Sicht.

Ich kann die Tage rückwärts zählen

und andere von mir erzählen lassen

Solche die behaupten

etwas zu verstehen

von meinem durchsichtigen Leben

 

Jeder der an Dinge denken kann

die es nicht gibt

kann mich erkennen

 

Sansibar mag Flüsse

das Wasser das unter

der Schneedecke fließt

wie diese Gedanken die keiner versteht.

 

Als Kind wollte ich Räuber werden

sagt Sansibar

Die guten Worte stehlen und die schlechten vergraben

die einen wachsen und die anderen verblühen

Aber dann wurde ich ein Held

Ich ließ meinen Schatten hinter mir zurück

Ich vergaß meine Zukunft

Und folgte dem Wort

Nur ab und zu verberge ich mich

In den Falten aus denen Geschichten sind

 

Lieber Gott

sagt Sansibar

Lange habe ich das Wort nicht mehr

an dich gerichtet

Wir haben diese Tage in Stummheit verlebt

Ob du mich manchmal vermisst hast

mich und mein unlauteres Gebet


Elke Engelhardt – Sansibar oder andere gebrochene Versprechen – Eilif Verlag – ISBN 978-3-946989-32-5


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Tucholsky und mehr

aus dem Netz gefischt

Ich fand bei Ule Rolff im Kommentarstrang dieses Gedicht von Tucholsky, das ich heute mit euch teilen möchte, er schrieb es 1930.

Deutschland erwache

Daß sie ein Grab dir graben,

dass sie mit Fürstengeld

das Land verwildert haben,

dass Stadt um Stadt verfällt …

Sie wollen den Bürgerkrieg entfachen –

(das sollten die Kommunisten mal machen!)

dass der Nazi dir einen Totenkranz flicht –:

Deutschland, siehst du das nicht –?

Daß sie im Dunkel nagen,

dass sie im Hellen schrein;

dass sie an allen Tagen

Faschismus prophezein …

Für die Richter haben sie nichts als Lachen –

(das sollten die Kommunisten mal machen!)

dass der Nazi für die Ausbeuter ficht –:

Deutschland, hörst du das nicht –?

Daß sie in Waffen starren,

dass sie landauf, landab

ihre Agenten karren

im nimmermüden Trab …

Die Übungsgranaten krachen …

(das sollten die Kommunisten mal machen!)

dass der Nazi dein Todesurteil spricht –:

Deutschland, fühlst du das nicht –?

Und es braust aus den Betrieben ein Chor

von Millionen Arbeiterstimmen hervor:

Wir wissen alles. Uns sperren sie ein.

Wir wissen alles. Uns läßt man bespein.

Wir werden aufgelöst. Und verboten.

Wir zählen die Opfer; wir zählen die Toten.

Kein Minister rührt sich, wenn Hitler spricht.

Für jene die Straße. Gegen uns das Reichsgericht.

Wir sehen. Wir hören. Wir fühlen den kommenden Krach.

Und wenn Deutschland schläft –:

Wir sind wach!

 

Theobald Tiger

Arbeiter Illustrierte Zeitung, 1930, Nr. 15, S. 290.


Bei meinem vorletzten Beitrag „Ich habe Bauchschmerzen“ hatte ich so viele Kommentare wie wohl noch nie. Ich danke euch allen dafür!

Mir ist noch einmal bewusst geworden wie komplex das Thema ist. Es ist nicht damit getan, die Eskalationen in Chemnitz zu verurteilen. Dass es soweit kommen konnte hat Gründe, die zahlreich sind. Die meisten haben mit einer verfehlten Politik zu tun, einer Politik, die Handlangerin von Wirtschaftskonzernen ist, die sich nicht um die Ängste und Nöte der Menschen kümmert, die durch die Maschen gefallen sind oder Angst haben, dass es passieren könnte. Einer Elite, die auf Kosten von vielen kleinen, schuftenden Menschen in Saus und Braus lebt, sowie von Bildern in Filmen im TV und anderen Medien, die Neid schüren, um nur einige, wenige Gründe zu nennen.

Im Kommentarstrang haben Einzelne und ich uns Gedanken darüber gemacht was es zu tun gibt, was es braucht, um die rechte Bewegung, die immer größer wird, aufzuhalten. Es ist für mich keine Lösung nach einem starken Staat zu schreien oder nach noch mehr Polizei, das heißt für mich die Verantwortung abzugeben und wieder nur darauf zu hoffen, dass „Die“ es schon richten werden.

Demokratie heißt für mich auch, dass jede und jeder mitverantwortlich ist, dass es nicht reicht hier und da das eigene Kreuzchen zu setzen. Eine lebendige Demokratie fordert dazu auf, dass man sich engagiert, statt zu jammern und zu schreien oder gar zu hetzen und zu verurteilen.

Ja, es ist schwer nicht zu werten, vor allen Dingen nicht abzuwerten, wenn sich Bürgerinnen und Bürger von Parteien und Bewegungen angesprochen fühlen, die mit ihren Parolen suggerieren, dass sie die Nöte und Ängste ernst nehmen würden. Es ist schwer mit Menschen zu reden, die einfach gestrickt sind, die erst einmal flugs auf Parolen und Überschriften der Boulevardpresse hereinfallen, die leichtgläubig sind. All das hat Gründe, niemand wird so geboren!

Carolin Emcke schreibt in ihrem Buch Gegen den Hass:

Der Hass bricht nicht plötzlich aus, er wird gezüchtet.

Statt zu urteilen und zu verurteilen ist es wichtiger denn je das Gespräch zu suchen, ist es wichtiger denn je sich mit den eigenen zur Verfügung stehenden Mitteln einzusetzen, sich einzumischen, wenn man im öffentlichen Raum mit Übergriffen konfrontiert ist. Ja, das braucht Mut! Ja, es braucht auch Besonnenheit und die Einschätzung der eigenen Möglichkeiten und Kräfte, ich stelle mich auch nicht einem durchtrainiertem Zweimetermann entgegen, dem der Hass in den Augen steht. Manchmal ist es mutig zu bleiben und einzuschreiten, manchmal das Weite zu suchen.

Jede und jeder kann immer nur bei sich selbst anfangen, sich selbst überprüfen wie friedlich sie/er ist, wie es um die eigenen Vorurteile steht, um die eigene Solidarität, den Respekt den Anderen gegenüber und um die eigene Toleranz. Aber hier darf man meiner Meinung nach nicht stehen bleiben.

Sicherlich fragt sich jetzt die eine und der andere was ich denn tue. Ich schreibe, ich fotografiere, ich kreiere Bilder, ich arbeite mit Jugendlichen und Kindern und nehme gerade dort Sätze und Worte auf, die sie „nachplappern“, ich diskutiere mit ihnen, versuche ihnen andere Wege aufzuzeigen als sie sie vielleicht in ihren Elternhäusern, in ihrem sozialen Umfeld vorfinden. Ich bemühe mich um eine friedliche und wertschätzende Haltung und Kommunikation und säe immer weiter die Samen des Friedens, der Liebe und der Schönheit, weil ich nicht nur glaube, sondern auch weiß, dass sich alles in der Welt auswirkt.

Resignation ist für mich keine Option. Sätze, wie: „das hat doch eh alles keinen Zweck“, DIE sind doch eh stärker und machen was sie wollen“, etc., bringen uns als Menschheit nicht weiter, im Gegenteil, diese Sätze und die damit verbundene Haltung dahinter geben die Macht an die Umstände und die politischen Eliten weiter, machen sie noch mächtiger, verhindern echte Veränderung. So werden die alten Muster von Tätern und Opfern verfestigt. Ich will neue Muster weben, dazu gehört auch, mir diese Welt als einen friedlichen Ort vorzustellen und diesen Frieden und solch eine Welt nicht nur zu visualisieren, sondern all das auch zu fühlen und zu spüren. Alles hat eine Wirkung, weil alles mit allem verbunden ist!


Mehr zu letzterem und zur Schönheit ein anderes Mal.

Schaukel

Die kleine blaue Frau sitzt auf der Schaukel, vor und zurück, vor und zurück. Sie wundert sich, sie ist traurig, wütend auch. Es schien doch alles einmal gut. Damals, als sie zurück zum Hafen ging. Sie erinnert sich:

Der Hafen ist von hier nicht weit. Sie hört schon Schiffe tuten. Sie erkennt das alte Lied in Moll der Abfahrt und Ankunft, der Reisen mit und ohne Wiederkehr. Die kleine blaue Frau hat den grünblauen Mantel mit dem rot mäandernden Faden angezogen, darunter leuchtet das rote Kleid. Ihren Rucksack trägt sie auf dem Rücken. Mit geradem Rücken schreitet sie die Gangway der Fähre hinauf. Sie dreht sich nicht um. Ihr Blick geht geradeaus, ihre Zeit ist jetzt. Sie singt das Lied der Alten mit den sieben Schneenamen:

Wir sind Sterne, die singen können. Wir singen unser Licht. Wir sind Feuervögel. Wir fliegen durch den Himmel. Wir alle sind wie der Wind, eingehüllt in leuchtende Flügel. Unser Licht ist eine Stimme. Wir bauen eine Straße des Übergangs für die Seelen, die gegangen sind, für die Seelen, die gegangen sind.“

(frei übersetzt nach dem Lied von Dead can dance: Song of the stars)

Vor und zurück, vor und zurück. Sie schaut noch immer nach vorne, aber schwer ist wieder ihr Schritt. Sie will sich erinnern, auch an all die Lieder, die sie einst gefunden hat:

Zusammen stehen die Alte mit den sieben Schneenamen und die kleine blaue Frau am nächsten Morgen vor der Türe und singen den Wind. Es kommt das weiße Rentier Mirandash pyree auf seinen durchsichtigen Schwingen heran. Es schaut die kleine blaue Frau, es spitzt die Ohren. Es hört und riecht die kleine blaue Frau. So geht es eine lange Weile, bevor es spricht:

„Du hast die Lieder der Toten gelernt, du hast die Tänze der jungen Frau getanzt, du hast dein Sommermädchen wachgeträumt, du hast das Ist getanzt. Du bist nicht allein. Dein Volk steht in deinem Rücken, die Alte mit dem erdigen Gesicht wohnt in deinem Herzen, gleich neben dem geheimen Gedicht. Du hast deinen Platz gefunden, du hinterlässt keine Spuren. Du singst dein Lied leise. Du hast dein Gesicht gefunden und alle Masken brannten. Du hast das Lied der Erde gelernt, das von der Wiederkehr und das der Steine. Du kennst jetzt keine Eile mehr. Du bist genügsam geworden und zufrieden mit dem was ist. Du hast gelernt für dich und andere zu sorgen, hast das Holz gehackt, das Feuer gehütet, die Suppe gekocht, den alten Büffel gefüttert. Du hast gehandelt und gedient, du hast geträumt und gesehen, gehört und nachgedacht…

Wieder hat die kleine blaue Frau ihre Lieder leise gesungen, das vom Leben und Sterben und von der Erde zuerst, dann das der Steine.

Auf ihrem Weg über die Ebenen hat sie noch andere Lieder gelernt: das von den sieben Richtungen, den acht Winden und den fünf Elementen, dem Oben und Unten und das von der Mitte. Sie hat das Lied der Schmetterlinge gelernt und das der Bärin, das weise Lied der Raben und das Lied von der Maus, die auszog die heiligen Berge zu finden.

Sie hat das Wacholderlied gelernt und das Lied der Birken, das der Goldrute und der Engelwurz und viele andere mehr. Sie hat mit den Winden getanzt, sie singt alle ihre Lieder, eins nach dem anderen inmitten der weißen Kieselsteine, umringt von den unsichtbaren Namen. Nur das Lied der Wiederkehr tönt doppelt aus ihr heraus, in einer hohen und in einer tiefen Lage.

(Ausschnitte aus: Die kleine blaue Frau träumt Meer)

Vor und zurück, vor und zurück, sie springt von der Schaukel und geht weiter. Sie dreht sich nicht um. Ihr Blick geht geradeaus, ihre Zeit ist jetzt.


Anmerkung

Ich habe zwischen den Jahren das obige Bild: „Alle Masken brannten“, überarbeitet und auch noch einmal meine Novelle „Die kleine blaue Frau träumt Meer“. In der nächsten Woche werde ich den Schritt wagen und mich schlau machen, wieviel ein Eigendruck kosten wird, um dann hundert Stück drucken zu lassen und zum Verkauf anzubieten. Die Verlage beißen nicht an und mir ist das ganze Gewese auch zunehmend suspekt. Ich mag diese Geschichte und möchte sie gerne in der Welt wissen.

Warum ich dies schreibe? Weil ich gerne wüsste wieviel Interesse hier, in diesen Kreisen, an der Novelle besteht, danke für eine Rückmeldung, egal, wie sie ausfallen wird!

Schön hier!

Am Samstag war es soweit, die Anthologie: Schön hier! Lieblingsplätze und Herzensorte in Westfalen, lag in meinem Postkasten.

Herausgeber sind Matthias Engels, Thomas Kade und Thorsten Trelenberg, denen ich an dieser Stelle noch einmal herzlich für ihr Engagement danken möchte.

Ich wurde durch einen Artikel bei Matthias auf das Projekt aufmerksam, schrieb eine Geschichte und sandte sie ihm zu. Ich habe mich sehr gefreut, dass sie einen Platz in dieser Anthologie gefunden hat.

Vielleicht fragt sich jetzt die Eine oder der Andere wie ich dazu komme eine westfälische Geschichte zu schreiben. Das ist einfach, am Rande des Ruhrgebiets geboren und aufgewachsen, hatte ich Verwandte im Pott, bei denen ich mich immer mehr Zuhause fühlte als in meiner Heimatstadt. Später zog die Familie an den Rand des Ruhrgebiets und somit an die Grenze von Pott und Westfalen und so heißt auch meine kleine Geschichte: Ickern// Kindertage zwischen Pott und Westfalen

Matthias schrieb am 19. Juni 2017 in seinem Blog:

…Von da an ging es fix…28 Autorinnen folgten unserem Aufruf und lieferten wunderbare Texte.

Wir hatten nach ganz persönlichen, völlig subjektiven Lieblingsorten in der Region gefragt und jeder der angesprochenen Autoren konnte nach einigem Überlegen letztlich einen oder sogar mehrere solcher Orte benennen. Die Gestaltung der Texte war -bis auf eine gewisse Längenvorgabe- völlig frei: so erhielten wir wunderbare Gedichte, tolle Geschichten und andere interessante Texte.
Genauso breit gefächert wie die Formen sind die regionale Lage und die Art dieser besonderen Orte: von der Bank am Kanal in Münster über den Ostmarkt in Bielefeld bis zum eigenen Bett in Lünen ist alles vertreten. Viele Autoren steuerten außerdem sehr charmante eigene Fotos der ausgewählten Orte bei.

Die offizielle Präsentation des ca. 200 Seiten starken Buches findet am 26.08. im Rahmen der Auftaktveranstaltung des Literaturfestivals hier! des Literaturlandes Westfalen statt.
Erhältlich wird es allerdings schon früher sein. Wir geben Bescheid!

Mit dabei sind und einen herzlichen Dank haben verdient:

Heide Bertram, Thorsten Trelenberg, Marion Gay, Hans- Ulrich Heuser, Patricia Malcher, Artur Nickel, Gottfried Schäfers, Jürgen Flenker, Ulrike Gau, Eva von der Dunk, Peter Gallus, Josef Krug, Antonia Kruse, Maike Frie, Andreas Laugesen, Thomas Kade, H.D. Gölzenleuchter, Matthias Engels, Torsten Reters, Hans Lüttmann, Hermann Borgerding, Annette Gonserowski, Viktor Sons, Sabine Lipan, Anne-Kathrin Koppetsch, Claudia Hummelsheim,
Angelika Ahlmann

Das Cover wie das Layout stammen von Manuela Dörr, der wir ebenfalls zu Dank verpflichtet sind.


Hier folgt nun der erste Teil meiner Geschichte:

Kindertage zwischen Pott und Westfalen

Sechs Kinderbeine mit herunter gerutschten Kniestrümpfen rannten aus der Siedlung hinaus den Bergen entgegen. Es rannten zwei Jungs und ein Mädchen. Abenteueralter. Sie waren Tom Sawyer und Huckleberry Finn, waren Goldmarie und Suleika.

Die Berge, wildzerklüftet, zwischen ihnen gähnten wassergefüllte Abgründe, Frösche quakten. Jungs fingen Frösche, sie sah sich um; Frösche werden nun einmal nicht zu Prinzen, wenn man sie aufbläst. Sie entfernte sich, erklomm die Höhen, schritt durch die Senken, nahm die letzten Felsen, sie schaute von oben auf den Rhein-Herne-Kanal hinab. Schiffe schleppten Frieden von Herne zum Rhein, von der Quelle zur Mündung. Schiffe schlugen Wellen für die Kinder, die in ihnen sprangen und schwammen.

Die Familie zog um. Die Zechen waren jetzt weiter weg, der Garten kleiner. Einen Innenhof gab es nicht mehr, auch keine zwei Schweine mehr im Stall, die an roten Kinderpantoffeln knabberten, keine Hasen, keine Hühner mehr, nur die Tauben waren geblieben und Wellensittich Peterlieb. Noch. Er sollte bald einen Ausflug machen, aber das wusste noch keiner. Keiner wusste, dass er für eine lange Weile aus dem Fenster hinaus, in die weite Welt hinein fliegen und mit dem knallgelben Kanari zurückkommen würde. Es war Peterliebs Geheimnis. Er sollte es auflösen, später…

Die Familie hieß Palewski, so, wie viele Familiennamen hier auf lewski, lawski, lowski endeten. Anfang der Neunzehnhunderterjahre waren sie von Polen in den wachsenden Pott gekommen, um das schwarze Gold aus der Erde zu puhlen. Das schwarze Gold, das dann seinen Wert verlor. Zechen schlossen, Kulturlandschaften wuchsen, Kohlepfennige wischten Augen. Die Law-Lew-Lowskis rauchten, husteten, fütterten gurrend ihre Tauben. Kinder schwammen in den Wellen der vorbeiziehenden Frachtschiffe, fuhren auf zu großen Fahrrädern und fielen sich schwarze Schlackesteinchen in die Knie…


Wer nun neugierig geworden ist und ein Exemplar erwerben möchte, kann sich über den Kommentarstrang gerne bei mir melden oder über meine Mailadresse, zu finden in euren Kommentarsträngen, ansonsten ist das Buch ebenfalls im Handel für 12,50€ erhältlich: ISBN 978-3-945238-17-2 , wir danken…

Wir sind noch nicht sehr weit gekommen

karin-kneffel-watercolours-2012© Karin Kneffel – watercolours 2012 – entdeckt bei Mützenfalterin

Am Morgen lasse ich meinen Blick über die Buchrücken neben meinem Bett wandern, er bleibt an dem hellgrünen Band von Marguerite Duras hängen: „Das tägliche Leben“. Ich lese ihren Essay „Das Haus“.

„Verzeihen Sie uns, dass wir so oft davon reden.

Wir sind da, wo unsere Geschichte sich vollzieht. Nirgends sonst. Wir haben keine Liebhaber, außer im Traum. Wir haben keine menschlichen Sehnsüchte. Wir kennen nur das Gesicht der Tiere, die Gestalt und die Schönheit der Wälder. Wir fürchten uns vor uns selbst. Wir haben kalt. Wir bestehen aus Kälte, Angst, Sehnsucht. Man verbrannte uns. Man tötet uns noch heute in Kuwait und in den ländlichen Gebieten…“

© Marguerite Duras

Sie schrieb dieses Essay 1986, wie sie stelle ich, dreißig Jahre später, fest: wir sind noch nicht sehr weit gekommen, zwar weiter, aber nicht weit; nicht als Frau und Mann, nicht mit dem Wert der Frau an sich und nicht mit dem Wert ihrer Arbeit im Haus und mit den Kindern. Noch immer ist vieles Selbstverständlichkeit und somit kaum einer Würdigung wert. Es geht mir um Gesellschaft, nicht um Einzelfälle, nicht um wenige Ausnahmen. Noch immer töten Männer Frauen. Sie werden gesteinigt, ertränkt, ausgestoßen, verstümmelt an Leib und Seele.


Ein anderer Morgen, ein anderes Buch, Anne Sextons Gedichtband (s.u.):

Hausfrau

„Manche Frauen heiraten Häuser.

Es ist eine andere Art Haus, es hat ein Herz, einen Mund, eine Leber und Stuhlgang.

Die Wände sind rosa und dauerhaft.

Schau, wie sie den ganzen Tag auf Knien rutscht,

sich treu ergeben runterspült.

Männer dringen gewaltsam ein, es zieht sie wie Jonas zurück

in ihre fleischigen Mütter.

Eine Frau ist ihre Mutter.

Das ist die Hauptsache.“

© Anne Sexton


Miniatur – Treppe

Sie schreit: „Ich bin nicht deine Mutter!“ Das stille Dorf wirft keine Echos, er verlässt das Haus. In der Nacht kehrt er zurück; zum Haus, zur Mutter, zu den Kindern. Schwere Träume färben rosa Wände grau, die eng und enger stehen. Er findet die Treppe nicht.

Die Frau wurde Mensch aus Männers Gnaden. Wir waren die Schlampen, die Huren, machten wir den Mund auf, standen wir allein.

Die Kinder, das Haus, leise Sohlen, wenn…

Die Kinder, das Haus, lauter Gesang und Gelächter ohne ihn.

Er sagt, was er seit Jahrhunderten sagt: „Alles nur für euch, nehmt, schweigt, seid zufrieden.“ Still soll sie sein, weich und gefügig. Er weint, wenn sie vor ihm stirbt. Schon am Grab schaut er sich um.

© Ulli Gau – Miniatur – Treppe


Als hätte Eine die Andere zuvor gelesen. Immer wieder denke ich in den letzten Wochen an das Bild von Karin Kneffel (s.o.), jetzt auch in Verbindung mit der Zeile aus Anne Sextons Gedicht : „Schau, wie sie auf Knien rutscht…“

Verzeiht auch mir, dass ich von Zeit zu Zeit von uns, den Frauen, rede und davon, dass wir nicht sehr weit gekommen sind, weiter, ja, aber nicht weit.


Ich spreche mit der Sekretärin des buddhistischen Zentrums hier in meiner Nähe. Ich frage sie, ob es viel Mühe macht „Liebe Freundinnen und Freunde“ zu schreiben, dass ich mich nicht angesprochen fühle, wenn auf den Rundbriefen „Liebe Freunde“ steht. Ich bin kein Freund, sowenig wie die Frau vor mir ein Sekretär ist oder die Lehrerin ein Lehrer. Die Sekretärin seufzt. Sie zuckt mit den Schultern, sie findet das nicht so wichtig. Schade!

Mir liegt nichts daran alle Wörter mit der Endung -er in -in zu verwandeln, für mich gibt es keine Weckerin, Wecker, bleibt Wecker, solange er bimmelt! Auch muss ich nicht die Sternzeichen verweiblichen, Wassermann darf Wassermann bleiben. Aber ich staune, dass wir immer noch darüber reden müssen, ob ich eine Freundin oder ein Freund bin, eine Diskussion mit uraltem Zopf, die sich für mich längst überholt hat, wie sich zeigt aber noch immer keine Selbstverständlichkeit ist, sondern eher in die Kategorie „lästig und kleinkariert“ gepresst wird. Schade, ja!

Es gab und gibt die Frauen, die mir zu radikal waren und sind. Ich war nie eine Freundin der „Schwanz-ab-Fraktion“ und ich wollte auch nie die Machtverhältnisse einfach nur umdrehen. Mich interessierten und interessieren die Eigenarten der Geschlechter, jenseits der üblichen Zuschreibungen. Mich interessieren die Momente zwischen Männern und Frauen, in denen Begegnung möglich und Verbindendes spürbar ist.

Immer noch haben wir nicht viele Vorbilder, weder wir Frauen, noch die Männer, wenn es darum geht in einer anerkannten Geschlechterdifferenz respektvoll miteinander zu leben.

„Frauen verhalten sich wie kühle rationalistische Männer oder aufgeblasene Machos, und Männer mimen den emotionalen Vamp oder die launische Frau. Auch hier zeigt sich, dass man den mittleren Weg nicht auf Anhieb und über geduldiges Nachdenken findet, sondern nur durch das experimentelle Ausloten der Extreme. Geduld auf allen Seiten und eine gute Portion Humor sind sicherlich hilfreicher als die hämische Arroganz über ungeschicktes Verhalten und die einfallslose Beschwörung eingefahrener Geschlechterrollen.“

© Sylvia Wetzel


„Man sagt mir, ich übertreibe. Man sagt mir die ganze Zeit: Sie übertreiben. Glauben Sie, das ist der passende Ausdruck? Sie sagen: Idealisierung, ich idealisiere die Frau? Möglich. Wer sagt das? Der Frau schadet es nicht, wenn man sie idealisiert.

Sie können von dem, was ich da erzähle, halten, was Sie wollen. Ich spreche für Sie wohl eine unverständliche Sprache, da ich von der Arbeit der Frau rede. Das Wichtigste ist, von ihr und ihrem Haus zu reden, vom Wirkungskreis der Frau, von ihrem Umgang mit dem Hab und Gut.

Mann und Frau unterscheiden sich immerhin beträchtlich. Mutterschaft ist nicht Vaterschaft. Als Mutter überlässt die Frau ihren Körper dem Kind, den Kindern, diese tummeln sich auf ihr wie auf einem Hügel, wie in einem Garten, verschlingen sie, trampeln auf ihr herum, schlafen auf ihr und sie lässt sich verzehren und schläft manchmal, während die Kinder auf ihrem Körper sind. Nichts dergleichen geschieht in der Vaterschaft…“

© Marguerite Duras


„Frauen hingegen passen sich ihrer Umgebung gerne einfühlsam an und „haben“ einfach keine aggressiven Gefühle. Und wenn sie sie spüren, trauen sie sich oft nicht, sie auszudrücken. Aus Angst vor Liebesverlust und Zurückweisungen scheuen sie offene Auseinandersetzungen, bringen negative Gefühle nicht zum Ausdruck und weichen so letztlich dem Leben aus. Unerkannte Ablehnung führt zu Energieabfall; daher fühlen sich viele Frauen antriebsschwach, niedergeschlagen und müde. Angenehme und unangenehme Gefühle gehören zum Leben. Verdrängen wir sie, verlieren wir unsere Vitalität. Wenn wir mit ihnen arbeiten wollen, müssen wir sie erst einmal spüren…“

© Sylvia Wetzel


Und warum schreibe ich nun all das? Weil die Zu- und Missstände in der Welt der Frauen und in den Beziehungen zwischen Frauen und Männern mein Motor für die „Miniaturen“ sind, die von Selbsterlebtem und von dem handeln, was mir meine Freundinnen/Klientinnen/Bekannte erzähl(t)en oder dem, was ich beobachte und lese.

Weil ich immer noch ein großes Ungleichgewicht sehe, wenn es um die Entlohnung für die selbe Arbeit geht, wenn es um den Prozentsatz der erfolgreichen Künstlerinnen im Vergleich zu erfolgreichen Künstlern geht, u.s.w., und natürlich geht es mir auch um die Wertschätzung für die Frau und ihrer Arbeit im Haus, mit den Kindern und hinter den Kulissen. Mir ist ebenfalls sehr viel daran gelegen, dass sich in der Politik, auf den Arbeitsstellen, in der Gesellschaft weibliche Strukturen etablieren. Es ist kein Geheimnis, dass die Strukturen noch immer patriarchal sind, mir ist nach mapatrichial. Es liegt noch viel Weg vor uns!

 

Zitate aus folgenden Büchern:

Marguerite Duras – Das tägliche Leben – Suhrkamp Verlag – ISBN 3-518-11508-1 (1200)

Anne Sexton – All meine Lieben – Lebe oder Stirb – Gedichte – S. Fischer – ISBN 3-10-072510-7

Sylvia Wetzel – Das Herz des Lotos – Frauen und Buddhismus – Spirit Fischer – ISBN 3-596-14254-7

Zum Thema Verstümmelung/Beschneidung das wohl eindrücklichste Buch, das ich je las:

El Saadawi Nawal – Ich spucke auf euch -Übersetzung aus dem Englischen von Anna Kamp – Frauenbuchverlag: München 1984 – Signatur: Lit Afr 169

Die Geschichte der springenden Maus – Ende

lappland-heiliger-berg

Dieser Berg ist in schwedisch Lappland und wird von den dort lebenden Samen der „Heilige Berg“ genannt

Fortsetzung:

Springende Maus lebte wieder unter seinem Volk, aber er konnte seine Vision von den Heiligen Bergen nicht vergessen. Die Erinnerung brannte im Geist und im Herzen von Springende Maus. Eines Tages ging Springende Maus bis zum Rande des Ortes der Mäuse und blickte auf die Prärie. Er blickte hoch, um nach den Adlern zu sehen. Der Himmel war voll von Flecken, jeder einzelne ein Adler. Aber er war entschlossen, zu den Heiligen Bergen zu gehen. Er sammelte all seinen Mut und lief, so schnell er konnte, auf die Prärie. Sein kleines Herz hämmerte vor Aufregung und Angst.

Er lief, bis er zu einer mit Salbei bewachsenen Stelle kam. Er rastete und versuchte wieder Luft zu schöpfen, als er eine alte Maus sah. Der Flecken Salbei, auf dem Alte Maus lebte, war ein Zufluchtsplatz für Mäuse. Samen waren reichlich vorhanden und es gab Nestmaterial und auch sonst viele Dinge, um sich zu beschäftigen.

„Hallo“, sagte Alte Maus. „Willkommen.“ Springende Maus war erstaunt. So ein Platz und so eine Maus. „Du bist wahrhaftig eine große Maus“, sagte Springende Maus mit allem Respekt, den er aufbringen konnte. „Dies ist wahrhaftig ein wunderbarer Platz. All die Adler können dich hier auch nicht sehen“, sagte Springende Maus.

„Ja“, sagte Alte Maus, „und man kann von hier alle Wesen der Prärie sehen: den Büffel, die Antilope, den Hasen und den Coyoten. Man kann sie alle von hier aus sehen und ihre Namen kennenlernen.“„Das ist wunderbar“, sagte Springende Maus. „Kannst du auch den Fluss und die großen Berge sehen?“

„Ja und nein“, sagte Alte Maus mit Überzeugung. „Ich weiß, dass es den großen Fluss gibt. Aber ich befürchte, dass die großen Berge nur eine Sage sind. Vergiss deine Sehnsucht danach, sie zu sehen und bleib hier bei mir. Hier gibt es alles, was du möchtest und es ist ein guter Platz zum Leben.“

Lappland - heilige Berge

„Wie kann er so etwas sagen?“, dachte Springende Maus. „Die Medizin der Heiligen Berge ist nicht etwas, das man vergessen kann.“

„Ich danke dir sehr für das Mahl, das du mit mir teiltest, Alte Maus und auch dafür, dass du dein großes Heim mit mir geteilt hast“, sagte Springende Maus, „aber ich muss die Heiligen Berge suchen.“„Du bist ein dummer Mäuserich, wenn du von hier fortgehst. Es ist gefährlich auf der Prärie! Sieh nur dort oben!“, sagte Alte Maus mit noch mehr Überzeugung. „Sieh all diese Flecken! Es sind Adler und sie werden dich erwischen!

Es war schwer für Springende Maus fortzugehen, aber er sammelte seinen ganzen Willen und lief schnell weiter. Das Gelände war rauh. Aber er krümmte seinen Schwanz und lief mit aller Kraft. Er konnte die Schatten der Flecken auf seinem Rücken fühlen, während er rannte. All diese Flecken! Endlich lief er in eine Gruppe von Wildbeerensträuchern hinein. Springende Maus konnte kaum seinen Augen trauen. Hier war es kühl und sehr geräumig. Es gab Wasser, Beeren und Samen zu fressen, Gräser zu sammeln für Nester, Löcher zu erforschen und viele, viele andere Beschäftigungen. Und da gab es auch eine große Menge von Dingen zum Sammeln.

Er war dabei, seine neue Domäne zu erforschen, als er ein sehr schweres Atmen hörte. Er forschte rasch nach dem Geräusch und entdeckte seinen Ursprung. Es war ein großer Hügel aus Haaren mit schwarzen Hörnern. Es war ein großer Büffel. Springende Maus konnte kaum die Größe des Wesens glauben, das er dort vor sich sah. Er war so groß, dass Springende Maus in eines seiner Hörner hätte hineinkriechen können.

„So ein prachtvolles Wesen“, dachte Springende Maus und schlich sich näher heran. „Hallo, mein Bruder“, sagte Büffel. „ich danke dir für deinen Besuch.“„Hallo, großes Wesen“, sagte Springende Maus. „Warum liegst du hier?“„Ich bin krank und sterbe“, sagte Büffel, „und meine Medizin sagt mir, dass nur das Auge einer Maus mich heilen kann. Aber kleiner Bruder, so etwas wie eine Maus gibt es nicht.“

Springende Maus war erschüttert. „Eines meiner Augen!“, dachte er. „Eines meiner winzigen Augen.“ Er huschte zu den Wildbeerensträuchern zurück. Aber das Atmen wurde schwerer und langsamer.

„Er wird sterben“, dachte Springend Maus, „wenn ich ihm nicht mein Auge gebe. Er ist ein zu großes Geschöpf, um ihn sterben zu lassen.“ Er ging dorthin zurück, wo der Büffel lag und sprach: „Ich bin eine Maus“, sagte er mit zitternder Stimme. „Und du, mein Bruder, bist ein großes Wesen. Ich kann dich nicht sterben lassen. Ich habe zwei Augen, also kannst du eins davon haben. „

Im gleichen Augenblick, als er dies sagte, flog Springende Maus Auge aus seinem Kopf heraus und der Büffel war geheilt. Der Büffel sprang auf und erschütterte die ganze Welt von Springende Maus. „Ich danke dir, mein kleiner Bruder“, sagte der Büffel. „Ich weiß von deiner Suche nach den Heiligen Bergen und von deinem Besuch am Fluss. Du hast mir das Leben geschenkt, sodass ich den Menschen Gaben machen kann. Ich werde für immer dein Bruder sein. Lauf unter meinem Bauch und ich werde dich bis zum Fuß der Heiligen Berge bringen und du brauchst dich nicht vor den Flecken zu fürchten. Die Adler können dich nicht sehen, während du unter mir läufst. Alles, was sie sehen werden ist der Rücken des Büffels. Ich stamme aus der Prärie und würde auf dich fallen, wenn ich versuchen würde, auf die Berge hinauf zu gehen.“

Kleiner Mäuserich lief unter dem Büffel, geschützt und versteckt vor den Flecken, aber mit nur einem Auge war es erschreckend. Die großen Hufe des Büffels erschütterten die ganze Welt jedes Mal, wenn er einen Schritt machte. Endlich kamen sie zu einem Platz und Büffel blieb stehen.

„Hier muss ich dich verlassen, kleiner Bruder“, sagte der Büffel. „Ich danke dir sehr“, sagte Springende Maus. „Aber weißt du, es war sehr beängstigend unter dir mit nur einem Auge zu laufen. Ich war ständig in Angst vor deinen erderschütternden Hufen.“„Deine Angst war umsonst“, sagte Büffel, „denn meine Art des Gehens ist der Sonnentanzweg und ich weiß immer, worauf meine Hufe fallen werden. Ich muss nun in die Prärie zurückkehren. Du kannst mich dort immer finden.“

Springende Maus begann sofort, seine neue Umgebung zu untersuchen. Da waren sogar noch mehr Dinge als an den anderen Plätzen, mehr Beschäftigungen und eine Vielfalt von Samen und anderen Sachen, die Mäuse mögen. Bei der Untersuchung dieser Sachen stieß er plötzlich auf einen grauen Wolf, der da saß und absolut nichts tat.

„Hallo, Bruder Wolf“, sagte Springende Maus. Die Ohren des Wolfes wurden aufmerksam und seine ‚Augen leuchteten. „Wolf! Wolf! Ja, das ist es, was ich bin, ich bin ein Wolf!“ Aber dann erblasste sein Gesicht wieder und es dauerte nicht lange, bis er wieder still da saß, ohne sich zu erinnern, wer er war. Jedes Mal, wenn Springende Maus ihn daran erinnerte, wer er war, wurde er durch die Mitteilung angeregt, vergaß es aber bald wieder.

„So ein großes Wesen“, dachte Springende Maus, „aber er hat kein Gedächtnis.“ Springende Maus ging zum Mittelpunkt dieses neuen Ortes und war still. Er lauschte sehr lange dem Pochen seines Herzen. Dann war er plötzlich entschlossen. Er huschte dorthin zurück, wo der Wolf saß und sprach:

„Bruder Wolf…“, sagte Springende Maus… „Wolf! Wolf!“, sagte der Wolf… „Bitte, Bruder Wolf“, sagte Springende Maus, „bitte höre mich an. Ich weiß, was dich heilen wird. Es ist eines meiner Augen. Ich möchte es dir geben. Du bist ein größeres Wesen als ich. Ich bin nur eine Maus. Bitte nimm es an.“

Als Springende Maus aufhörte zu sprechen, flog sein Auge aus seinem Kopf, und der Wolf war geheilt. Tränen flossen die Backen des Wolfes herab, aber sein kleiner Bruder konnte sie nicht sehen, denn er war jetzt blind.

„Du bist ein großer Bruder“, sagte der Wolf, „denn jetzt habe ich mein Gedächtnis. Aber nun bist du blind. Ich bin der Führer zu den heiligen Bergen. Ich werde dich hinbringen. Dort ist ein großer Medizinsee. Der schönste See der Welt. Die gesamte Welt spiegelt sich darin. Die Menschen, die Zelthäuser der Menschen und all die Wesen der Prärie und des Himmels.“

„Bitte bring mich hin“, sagte Springende Maus. Der Wolf führte ihn durch die Tannen zum Medizinsee. Springende Maus trank das Wasser aus dem See. Der Wolf beschrieb ihm die Schönheit.

„Ich muss dich hier verlassen“, sagte der Wolf, „ denn ich muss zurückkehren, damit ich andere führen kann, aber ich werde so lange bei dir bleiben, wie du es wünschst.“

„Ich danke dir, mein Bruder“, sagte Springende Maus, „aber obwohl ich Angst davor habe, allein zu sein, weiß ich, dass du gehen musst, um anderen den Weg zu diesem Platz zu zeigen.“ Springende Maus saß da und zitterte vor Angst. Es war sinnlos zu laufen, denn er war blind, und er wusste, dass ihn hier ein Adler finden würde. Er fühlte einen Schatten auf seinem Rücken und hörte das Geräusch, das Adler machen. Er spannte sich für den Schlag. Und der Adler traf! Springende Maus schlief ein.

Dann wachte er auf. Die Überraschung, noch am Leben zu sein, war groß, aber jetzt konnte er sehen! Alles war verschwommen, aber die Farben waren wunderschön.

„Ich kann sehen! Ich kann sehen!“, sagte Springende Maus immer wieder. Eine verschwommene Form kam auf Springende Maus zu. Springende Maus kniff die Augen fest zusammen, aber die Form blieb verschwommen.

„Hallo Bruder“, sagte die Stimme, „willst du etwas Medizin?“ „Etwas Medizin für mich?“, fragte Springende Maus. „Ja! Ja!“ „Dann duck dich so tief du kannst“, sagte die Stimme, „und springe so hoch du kannst.“

Springende Maus tat, wie man ihn geheißen hatte. Er duckte sich so tief er konnte und sprang! Der Wind fing ihn auf und trug in höher.

„Hab keine Angst“, rief ihm die Stimme zu. „Klammere dich an den Wind und hab Vertrauen!“ Springende Maus tat es. Er schloss seine Augen und klammerte sich an den Wind und der trug ihn höher und höher. Springende Maus öffnete seine Augen und sie waren klar. Je höher er kam, desto klarer wurden sie. Springende Maus sah seinen alten Freund auf dem Seerosenpolster auf dem wunderschönen Medizinsee sitzen. Es war der Frosch.

„Du hast einen neuen Namen“, rief der Frosch. „Du bist Adler!“

ENDE

Anmerkung

Das Buch „Die sieben Pfeile“ von Hyemeyohsts Storm erschien 1980 im Wilhelm Fink Verlag – ISBN3-7705-1932-9

Die Geschichte der springenden Maus

 

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Für Madame Filigran, Arno von Rosen und alle, die gerne Geschichten lesen!

Die Geschichte der springenden Maus ist aus dem Buch „Sieben Pfeile“ von Hyemeyohsts Storm. Da sie sehr lang ist, werde ich sie hier in zwei Teilen einstellen.

Aus dem Klappentext: „Man probiere einmal die Rolle der tapferen, opferbereiten und zugleich in der Selbstsuche nicht nachlassenden „Springenden Maus“ als eine Form der Identitätsfindung.“

 

Es war einmal ein Mäuserich. Er war ein vielbeschäftigter Mäuserich, der überall herum suchte, das Gras mit seinen Barthaaren betastete und alles betrachtete. Er war vielbeschäftigt, wie alle Mäuse, beschäftigt mit Mäusesachen. Doch dann und wann hörte er ein merkwürdiges Geräusch. Dann erhob er seinen Kopf, kniff die Augen fest zusammen, sträubte seine Barthaare und wunderte sich.

Eines Tages eilte er zu einem benachbarten Mäuserich und fragte ihn: „Mein Bruder, hörst du auch das Rauschen in deinen Ohren?“

„Nein, nein“, antwortete der andere Mäuserich, ohne seine vielbeschäftigte Nase vom Boden zu heben. „Ich höre nichts. Ich bin jetzt beschäftigt. Sprich später mit mir.“

Er stellte einem anderen Mäuserich die gleiche Frage, doch dieser sah ihn ganz seltsam an. „Bist du nicht richtig im Kopf? Was für ein Geräusch?“ fragte er und schlüpfte in ein Loch im Stamm eines umgestürzten Baumes.

Der kleine Mäuserich zuckte mit seinen Barthaaren und beschäftigte sich wieder, fest entschlossen, die ganze Sache zu vergessen. Aber da war schon wieder dieses Rauschen. Es war undeutlich, sehr undeutlich, aber es war da! Eines Tages entschloss er sich, dieses Geräusch ein wenig zu erforschen. Er verließ die anderen vielbeschäftigten Mäuse, lief ein kurzes Stück und horchte wieder. Da war es! Er horchte angestrengt, als ihn plötzlich jemand grüßte.

„Hallo kleiner Bruder“, sagte die Stimme, und der Mäuserich sprang vor Schreck fast aus seiner Haut. Er krümmte Rücken und Schwanz und wollte davonlaufen.

„Hallo“, sagte die Stimme wieder. „Ich bin es, Bruder Waschbär.“ Und tatsächlich er war es! „Was machst du denn hier ganz alleine, kleiner Bruder?“ fragte der Waschbär. Der Mäuserich errötete und senkte seine Nase fast bis zum Boden.

„Ich höre ein Rauschen in meinen Ohren und bin dabei es zu erforschen“, antwortete er verschüchtert. „Ein Rauschen in deinen Ohren?“ erwiderte der Waschbär während er sich neben ihn setzte. „Was du hörst, kleiner Bruder, ist der Fluss.“„Der Fluss“, fragte Mäuserich neugierig. „Was ist ein Fluss?“„Komm mit, ich zeige dir den Fluss“, sagte Waschbär. Kleiner Mäuserich hatte furchtbare Angst, aber er war entschlossen, sich ein für alle Mal über das Rauschen Klarheit zu verschaffen. „Ich kann zu meiner Arbeit zurückkehren“, dachte er, „nachdem diese Sache erledigt ist und möglicherweise kann dieses Ding mir in all meinen geschäftigen Untersuchungen und beim Sammeln behilflich sein. Und meine Brüder sagten alle, es wäre nichts. Ich werde es ihnen zeigen. Ich werde Waschbär bitten, mit mir zurückzukehren, dann habe ich einen Beweis.“

„Also gut, Waschbär, mein Bruder“, sagte Mäuserich. „Führe mich zum Fluss. Ich werde mit dir gehen.“

Kleiner Mäuserich ging mit Waschbär. Sein kleines Herz hämmerte in der Brust. Der Waschbär führte ihn auf fremde Pfade und kleiner Mäuserich roch den Duft von vielen Dingen, die an diesem Weg vorbei gegangen waren. Viele Male fürchtete er sich so sehr, dass er beinahe umgekehrt wäre. Endlich kamen sie zum Fluss! Er war ungeheuer groß und atemberaubend, tief und klar an manchen Stellen und trübe an anderen. Kleiner Mäuserich war außerstande, über den Fluss zu sehen, weil der so groß war. Er brüllte, sang, schrie und donnerte auf seinem Weg. Kleiner Mäuserich sah große und kleine Stücke der Welt, die auf seiner Oberfläche fortgetragen wurden.

„Er ist mächtig“, sagte der kleine Mäuserich, nach Worten suchend. „Er ist eine große Sache“, antwortete Waschbär, „aber hier, lass mich dich einem Freund vorstellen.“

0093 25.02.16 Frosch (jumping mouse)

An einer ruhigeren und seichteren Stelle war ein Seerosenpolster, leuchtend und grün. Darauf saß ein Frosch, fast so grün wie das Polster, auf dem er saß. Der weiße Bauch des Frosches stand deutlich hervor.

„Hallo, kleiner Bruder“, sagte der Frosch. „Willkommen am Fluss.“ „Ich muss dich jetzt verlassen“, unterbrach Waschbär, „aber hab keine Angst, kleiner Bruder, der Frosch wird für dich sorgen.“ Und Waschbär ging weg, am Fluss entlang, wo er Nahrung suchte, die er waschen und essen konnte.

Kleiner Mäuserich näherte sich dem Fluss und blickte hinein. Er sah eine verängstigte Maus dort widergespiegelt.

„Wer bist du?“, fragte kleiner Mäuserich das Spiegelbild. „Hast du keine Angst so weit draußen im großen Fluss?“„Nein“, antwortete der Frosch. „Ich habe keine Angst. Mir wurde bei meiner Geburt die Gabe gegeben, sowohl auf dem Fluss als auch in ihm zu leben. Wenn Wintermann kommt und diese Medizin einfriert, kann ich nicht gesehen werden. Aber während der ganzen Zeit, in der der Donnervogel fliegt, bin ich hier. Um mich zu besuchen, muss man kommen, wenn die Welt grün ist. Ich, mein Bruder, bin der Hüter des Wassers.“

„Erstaunlich“, sagte endlich kleiner Mäuserich, wieder nach Worten suchend. „Möchtest du etwas Medizinmacht haben“, fragte Frosch. „Medizinmacht? Ich?“, fragte kleiner Mäuserich. „Ja, ja! Wenn es möglich ist.“

„Dann duck dich so tief du kannst und dann spring so hoch wie du dazu imstande bist. Du wirst deine Medizin bekommen!“, sagte Frosch.

Kleiner Mäuserich tat, was man ihn geheißen hatte. Er duckte sich so tief er konnte und sprang. Als er es tat, sahen seine Augen die Heiligen Berge. Kleiner Mäuserich konnte kaum seinen Augen trauen. Aber das waren sie! Dann aber fiel er zurück und landete im Fluss! Kleiner Mäuserich bekam Angst und krabbelte zum Ufer zurück. Er war nass und fast zu Tode erschrocken.

0094 25.02.16 jumping mouse

„Du hast mich getäuscht“, schrie kleiner Mäuserich den Frosch an. „Warte“, sagte Forsch. „Du bist nicht verletzt. Lass dich durch deine Angst und deine Wut nicht blenden. Was hast du gesehen?“ „Ich“, stotterte Mäuserich, „ ich, ich sah die Heiligen Berge!“„Und du hast einen neuen Namen!“, sagte Frosch. „Er ist Springende Maus.“„Ich danke dir, ich danke dir“, sagte Springende Maus und dankte ihm abermals. „Ich möchte zu meinem Volk zurückkehren und ihm über das, was geschehen ist, berichten.

„Geh. Geh also“, sagte Frosch. „Kehre zu deinem Volk zurück. Es ist leicht, es zu finden. Behalte das Geräusch des Medizinflusses in deinem Rücken. Gehe in entgegengesetzter Richtung zu dem Geräusch und du wirst deine Mäusebrüder finden.“

Springende Maus kehrte zur Welt der Mäuse zurück. Aber er fand Enttäuschung. Keiner hörte ihm zu. Und weil er nass war und er keinen Weg wusste, dies zu erklären, denn es hatte nicht geregnet, hatten viele der anderen Mäuse Angst vor ihm. Sie glaubten, er sei aus dem Munde eines anderen Tieres ausgespuckt worden, das versucht hatte, ihn zu fressen. Da wussten sie alle, dass, wenn er für das Tier, das ihn begehrt hatte, keine Nahrung gewesen war, er auch für sie Gift sein musste.

Springende Maus lebte wieder unter seinem Volk, aber er konnte seine Vision von den Heiligen Bergen nicht vergessen. Die Erinnerung brannte im Geist und im Herzen von Springende Maus. Eines Tages ging Springende Maus bis zum Rande des Ortes der Mäuse und blickte auf die Prärie. Er blickte hoch, um nach den Adlern zu sehen. Der Himmel war voll von Flecken, jeder einzelne ein Adler. Aber er war entschlossen, zu den Heiligen Bergen zu gehen. Er sammelte all seinen Mut und lief, so schnell er konnte, auf die Prärie. Sein kleines Herz hämmerte vor Aufregung und Angst.

Er lief, bis er zu einer mit Salbei bewachsenen Stelle kam. Er rastete und versuchte wieder Luft zu schöpfen, als er eine alte Maus sah. Der Flecken Salbei, auf dem Alte Maus lebte, war ein Zufluchtsplatz für Mäuse. Samen waren reichlich vorhanden und es gab Nestmaterial und auch sonst viele Dinge, um sich zu beschäftigen.

„Hallo“, sagte Alte Maus. „Willkommen.“ Springende Maus war erstaunt. So ein Platz und so eine Maus. „Du bist wahrhaftig eine große Maus“, sagte Springende Maus mit allem Respekt, den er aufbringen konnte. „Dies ist wahrhaftig ein wunderbarer Platz. All die Adler können dich hier auch nicht sehen“, sagte Springende Maus.

„Ja“, sagte Alte Maus, „und man kann von hier alle Wesen der Prärie sehen: den Büffel, die Antilope, den Hasen und den Coyoten. Man kann sie alle von hier aus sehen und ihre Namen kennenlernen.“„Das ist wunderbar“, sagte Springende Maus. „Kannst du auch den Fluss und die großen Berge sehen?“

„Ja und nein“, sagte Alte Maus mit Überzeugung. „Ich weiß, dass es den großen Fluss gibt. Aber ich befürchte, dass die großen Berge nur eine Sage sind. Vergiss deine Sehnsucht danach, sie zu sehen und bleib hier bei mir. Hier gibt es alles, was du möchtest und es ist ein guter Platz zum Leben.“

„Wie kann sie so etwas sagen?“, dachte Springende Maus. „Die Medizin der Heiligen Berge ist nicht etwas, das man vergessen kann.“

„Ich danke dir sehr für das Mahl, das du mit mir teiltest, Alte Maus, und auch dafür, dass du dein großes Heim mit mir geteilt hast“, sagte Springende Maus, „aber ich muss die Heiligen Berge suchen.“„Du bist ein dummer Mäuserich, wenn du von hier fortgehst. Es ist gefährlich auf der Prärie! Sieh nur dort oben!“, sagte Alte Maus mit noch mehr Überzeugung. „Sieh all diese Flecken! Es sind Adler und sie werden dich erwischen!“

Fortsetzung folgt …

Am Sonntag

Die Geschichte erzählen, auch das Trauma und wenn es dem weißen Fuchs ist! Oder dem Wald. Jemanden, der zuhört. Keine Fragen. Keine Deutungen. Aber ausgesprochen und gehört wollen sie sein, die Geschichten und die Traumen. Einmal. Ganz. Es kann genügen, für den Wendepunkt.


danke sudabeh

Für Sudabeh © Ulli

 

 

 

Nachdem ich heute untenstehendes Interview las, fanden sich obige Zeilen ganz von allein … danke Sudabeh

 

 

www.swp.de/bietigheim/lokales/bietigheim_bissingen/Ein-verruecktes Projekt;art1188806,3680495

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Ab 18.02. im Handel, man kann vorbestellen, wenn man mag … ich freue mich sehr auf das Projekt von

Sudabeh Mohafez – (sie schrieb auch für das Memorandum für unsere Großmütter)

und

Rittiner & Gomez

Shikasta von Doris Lessing – eine Anklage

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Ein Buch, das ich nie vergaß. Obwohl ich damals den Einstieg schwierig fand, las ich es zweimal in den frühen 1990ger Jahren. Jetzt, beim erneuten Blättern und Querlesen, ist es ganz anders, als ich es erinnere, allerdings nicht im Wesentlichen (was mich beruhigt), und schon gar nicht in dem Punkt um den es mir hier und jetzt geht.

Kurzeinführung:

eine höhere Intelligenz beobachtet über Jahrtausende die Erde und beschreibt die verschiedenen Zustände darauf- die Erde heißt Shikasta = die Gebrochene.

Was ich erinnere (und das ist wahrlich nicht vollständig!):

Wir, die LeserInnen, lernen die Zeit vor der Sesshaftigkeit der Menschen kennen. Menschen, Tiere und Pflanzen leben noch in einer friedlichen Koexistenz. Dann erleben wir das England der 1970ger Jahre und den Kampf der IRA. Es folgt ein weiterer Zeitsprung, Es ist die Zeit nach unserer Jetztzeit: Europas Böden sind unfruchtbar und ausgedörrt, die europäischen Völker liegen am Boden, Afrika ist ein Seuchenherd, China hat die Weltherrschaft. In dieser Zeit findet der sogenannte Prozess statt. Unter freiem Himmel, in einem griechischen Amphitheater klagen die farbigen Völker der Erde die Taten der weißen Völker an. Und weil es so erschreckend wahr ist, möchte ich nun einfach die Stimmung dieser Nochkommendenzeit und einige wenige der Anklagen zitieren, doch zuvor möchte ich noch betonen, dass Doris Lessing dieses Buch 1979 schrieb!

Aus Rachel Sherbans Tagebuch:

„Eine Menge Flüchtlinge aus dem neuen Krieg sind angekommen, und wir hatten zwanzig in dieser Wohnung. Irgendwie musste es gehen. Jetzt sind sie in ein Lager gezogen. Überlebende. Überleben. Ich verstehe nicht, warum sie es unter so vielen Mühen versuchen… Eine Million Menschen sind letzte Woche gestorben. Warum sollte es da eine Rolle spielen, ob Rachel Sherban leben bleibt.“ (S.411)

Zerstörung

0052 03.02.16 Zerstörung

Aus einem Bericht vom Prozess:

„Ich hasse die weißhäutigen Völker. Sie stoßen mich physisch ab. Ihr Geruch beleidigt mich. Ihre Gier hat in mir nie etwas anderes als Abscheu erregt. Sie sind plump in ihren Bewegungen, ungelenk im Denken, eindimensional und anmaßend. Ihr Überlegenheitsgebaren ist wie das des Trampels vom Lande, des Mannes, der in seinem Dorf groß ist und nicht merkt, wie lächerlich die Städter sein Schwadronieren und Aufschneiden finden. … Noch in der Phase ihres Niedergangs und Unterworfenseins gelingt es einigen, genaugenommen sogar vielen, sich zu benehmen, als seien sie widerrechtlich der ihnen zustehenden Pfründe beraubt worden, und einigen gelingt sogar das Gebaren des enteigneten Herrschers, der den Pöbel tapfer erträgt.(S. 430/31)

Der Prozess selbst wird von George Sherban eröffnet, der die farbigen Völker vertritt, die später nach und nach für sich selbst sprechen werden, während für die weißhäutigen Völker nur ein Mann als Angeklagter fungiert, ohne jegliche weitere Unterstützung.

Es spricht George Sherban:

„Ich eröffne diesen Prozess mit einer Anklage. … Es sind die weißen Rassen dieser Erde gewesen, die sie zerstört haben, sie zugrunde gerichtet haben, die jene Kriege heraufbeschworen haben, die sie vernichteten, den Grund gelegt haben für den Krieg, den wir alle fürchten, die die Meere vergiftet haben und die Gewässer und die Luft, die alles für sich erbeutet haben, die die Qualität der Erde verwüstet haben, vom Norden bis in den Süden, vom Osten bis zum Westen, die sich immer arrogant verhalten haben und voller Verachtung und barbarisch gegen andere und sich vor allem des höchsten Verbrechens der Dummheit schuldig gemacht haben- und die jetzt die Bürde der Schuldhaftigkeit auf sich nehmen müssen, als Mörder, Diebe, Zerstörer, für die entsetzliche Lage, in der wir uns alle befinden.“ (S.449)

Erdschrei

0207a 15.10.15 erdschrei

Das immer wiederkehrende Resümee fast aller Zeugen:

„… und haben sich stets der beleidigenden und unmenschlichen Verachtung, der Dummheit und der Missachtung des Volkes und unserer … Geschichte schuldig gemacht.“ (S.451)

Ein junger Mann vom Stamme der Hopi aus dem Südwesten der Vereinigten Staaten …:

„Europa sei voller elender, hungernder Menschen gewesen, wegen der Gier seiner herrschenden Klasse. Als diese mit Füssen getretenen Untertanen protestierten, wurden sie verfolgt, gehängt dafür, dass sie ein Ei oder ein Stück Brot gestohlen hatten, ausgepeitscht, ins Gefängnis geworfen … sie wurden dazu ermutigt das Land zu verlassen und nach Nordamerika auszuwandern, wo sie den Indianerstämmen, die hier in Harmonie mit der Erde und der Natur lebten, systematisch alles wegnahmen. Es gab keinen Trick, keine Grausamkeit oder Brutalität, vor der diese weißen Diebe zurückgeschreckt waren. Als sie das Land von einer Küste bis zur anderen vereinnahmt hatten, die Tiere getötet, die Bäume und den Boden zerstört hatten, sperrten sie die Indianer in abgegrenzte Bezirke und misshandelten sie. Diese Menschen, die wegen der Gier und der Grausamkeit ihrer Landsleute in dieses Herrliche Land der Indianer gekommen waren, vergaßen ihre nur so kurz zurückliegende Leiden und wurden genau wie jene …“ (S. 455)

eine Collage von 2009*

170 09.06.

Weitere Berichterstattung:

„ Diese Anklage war noch gewaltiger, als die der Indianer der Vereinigten Staaten, da die Ereignisse nicht so weit zurücklagen. Einige der Opfer standen vor uns … Das Eindringen Europas nach Südamerika. Die Unterwerfung hervorragender Kulturen durch Raubgier, Gefräßigkeit, Arglist und Betrügerei. Die Grausamkeiten des Christentums. Die Unterwerfung der Indianer. Das Einschleppen von schwarzen Menschen aus Afrika, der Sklavenhandel.

Die Verwüstung des Kontinents, seiner Ressourcen, seiner Schönheiten und Reichtümer.

Die beiläufige oder absichtliche Ermordung von Indianerstämmen um ihres Landes willen, durch mitgebrachte Krankheiten, Hungersnöte, Plünderungen- Verbrechen, die noch nicht einmal jetzt abgeschlossen sind, denn immer noch gibt es Einschlüsse von verwertbarem Wald -, und jeder weiß, wenn es etwas gibt, das Profit verspricht, wird es früher oder später ausgebeutet werden. Die Zerstörung der Tierwelt, der Wälder, der Gewässer, des Bodens…“ (S. 460-61)

blue africa

0170 11.09.15 blue africa

Und so geht es noch viele Seiten weiter. Erschreckend fand ich auch die Aufdeckung der Rolle von Großbritannien in (Süd-)Rhodesien, dem heutigen Zimbabwe. Da es über viele Seiten geht, würde es hier den Rahmen sprengen. Ich sage nur: Ignoranz. Der Prozess endet nach einigen Wochen damit, dass sich der Vertreter für die weißen Völker in allen Punkten schuldig erklärt … was die Sache nicht leichter macht.

Am Ende mussten sich auch die farbigen Völker die Frage gefallen lassen, warum so viele von ihnen dem Beispiel der weißen Völker folgten, anstatt gegen sie zu kämpfen und ihre Rechte zu verteidigen.

Heute findet genau dies statt, es gibt ein erwachendes Selbstbewusstsein der unterdrückten Völker, die sich auf ihre Kultur, ihr Gut berufen, die anklagen und auch fordern, wenn auch oft noch zaghaft und immer noch meistens ungehört … Heute stehen wir vor diesem Szenario, wenn auch (noch) nicht in einem griechischem Amphitheater, aber die Anklagen sind die Anklagen und sie sprechen wahr.

Doris Lessing hatte eine Weitsicht, die mich schon damals erschütterte, die mir aber auch Angst macht(e), da ich von einer Umkehr des Denkens und der Gier nichts sehen kann. Ich sehe auch nicht weniger Dummheit, nicht weniger Arroganz …

Und wie ich all diese Gier verabscheue und mich gleichzeitig schäme, dass ich so wenig für die notwendige Umkehr beitragen kann!

Trost und Trost-losigkeit:

Das ist ein Satz von einem Lakota – John Trudell – ehemaliger AIM-Aktivist und Musiker, der in dem Film „No more smoke signals“ sagt:

„Es gab immer schon Weiße, die mit uns sympathisierten. Sogar auf den ersten Schiffen, die landeten. Genutzt aber hat es uns noch nie…“

Anmerkungen
  • die abgebildeten Kinder auf der zweiten Collage sind mein Sohn und meine Tochter, leider weiss ich nicht mehr woher ich die anderen Bilder habe, geschweige denn den Namen des Illustrators, der Illustratorin. Da ich kein Urheberrecht verletzten will, bitte ich sich bei mir zu melden, damit ich dies anfügen kann – danke)
  • hier → kann man mehr über das Buch erfahren
  • Doris Lessing – Shikasta – ISBN 3 – 596 -29146 -1  – © 1979 Doris Lessing – 20.-21.Tausend: Oktober 1990

Winterland – 2 – und Nachthaut

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Die Sonne schien auf weißes Winterland, warf Schatten und Licht, ließ Eiszapfen glänzen und weiße Flächen glitzern. Die Augen folgen den Formen, dem Rund im Winterland, alle scharfen Ecken sind verhüllt im weichen Fluss. Glitzerschnee auch in der Nacht. Der Mond nimmt zu. Winterland.

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Winterland und Reduktion: kleinere Schritte, Blicke nah bei sich und den voranschreitenden Füßen, langsamere Autofahrten, kürzere Gänge, keine Reisen, weniger Aktivitäten von hier nach dort (Kino, Ausstellungen und so), kaum Ablenkung, weniger Besuche. Formenvielfalt, wenig Farbe, es sei denn ein Wintersportler geht vorbei. Oder der winterblaue Himmel spannt sich über das hohe Tal. Die Moderne weiß wenig von Reduktion, sie redet nur gerne darüber. Mit ihr zu tanzen heisst auch Verzicht. Man muss das aushalten.

Schnitt

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„Mit Häusern besiegt man die Wildnis nicht, man mauert sie höchstens ein.“

„… man wird, was man sich wünscht! Was denn sonst? Man wird, was man fürchtet, beides, Shiva tanzt.“

Sabine Friedrich – Nachthaut (S. 197 und S. 245)

 

Dieses Buch begleitete mich durchs Winterland.

Es erzählt von der Kindheit in einer miefigen, kleinen Stadt, nahe der Ostgrenze. Wir schreiben die 1960ger und 1970ger Jahre – Meine Zeit, meine Generation …

Miefige Kleinstädte sind austauschbar. Die Grenzen leb(t)en in den Köpfen der Eltern, der Erwachsenen, der Traumatisierten und Unwissenden, die ohrfeigten und demütigten. Es erschien ihnen als ihr Recht: es ging um die Verteidigung und Indoktrinierung ihrer Moral und Werte, ohne Bewusstsein für Misshandlungen, Übergriffigkeiten und Missbräuchen.

Kinder, wie Dünenpflanzen:

„… die Dünen sind von Pflanzen bewachsen: Salzmiere Meersenf Strandroggen Silbergras Kriechweide Krähenbeere: Es sind die schwermütigen Namen der Unscheinbarkeit. Namen für etwas, das unter Schutz steht, worüber man aber dennoch hinwegtrampelt: wieso, hier ist doch nichts.“ (S. 92)

„Susannes Mutter schlägt Susanne ins Gesicht, wenn Susanne ihre Kleider blutig macht. Es tut nicht sehr weh, Susannes Mutter schlägt nicht fest zu. Schließlich misshandelt sie ihr Kind nicht! Aber es ist trotzdem ein ekliges Gefühl. Susanne macht vorher die Augen zu, damit sie die Hand nicht auf sich zukommen sieht, aber Susannes Mutter wartet, bis Susanne die Anspannung nicht mehr aushält und blinzelt. Sie sieht dann die Hand auf sich zukommen, sieht die Finger der Hand wachsen, schrecklich schnell größerwerden, dann prallt die Hand auf. Susanne fühlt den Aufprall überall, nur nicht auf der Backe, die heiß wird, obwohl Susannes Mutter ihr Kind nicht misshandelt. Sie fühlt ihn auch in den Beinen, die schwach werden, in den Ohren, die summen, ganz innen im Bauch, wo ihr flau wird und weinerlich und sehr elend.“ (S. 97/98)

Es geht um Susanne, Irmi und Isa. Zunächst sind es drei Mädchen auf ihrem Weg junge Frauen zu werden. Dann kommt der Aufbruch. Isa ist die Erste, die der miefigen Kleinstadt an der Ostgrenze den Rücken kehrt. Dann haut auch Irmi ab. Sie reist über die Türkei, den Iran, Afghanistan (das ging damals noch auf dem Landweg) nach Indien. Susanne studiert in München. Drei Leben, die sich ineinander verhaken.

Das Buch beginnt bei Susanne, die zurück auf dem Weg in die Kleinstadt an der Ostgrenze ist: Klassentreffen. Irmi lebt jetzt wieder dort, sie ist zurückgekommen. Ob Isa kommt? Wer will das wissen, du weißt doch, wie Isa ist, sagt Irmi zu Susanne am Telefon. Susanne weiß aber nicht, wie Isa ist, heute. Sie fragt sich. Als dann später herauskommt, dass seit sieben Jahren niemand mehr etwas von Isa gehört hat, auch nicht die Tante bei der Isa aufgewachsen ist,  beschließt Susanne Isa zu suchen.

Susanne kennt die Nachthaut. Manchmal legt sie sich über sie, in der Luft ein hohes Fiepen.

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„… sie weiß, ihre Mutter würde sie wegwerfen, wenn sie sie fände. Die Mutter hätte Angst vor Susannes Fledermaus, sie fände die Fledermaus eklig. Aber warum? Die Fledermaus ist trocken und sauber. Sie ist tot, sie tut nichts! Sie ist luftgetrocknet, wie roher Schinken. Ihre Flügel sind aus Dämmerungshaut. Aus Nachthaut.“ (S. 99)

Irmi ist ruhelos. Von Anfang an. Kommt Isa? Sie und Susanne antworten sich nicht, nicht wirklich. Sie lassen aus. Sie bleiben in ihren Antworten an der Oberfläche, behalten das Wesentliche zurück. Das aber erfahren die Leserinnen und Leser. Nach und nach entwickelt sich ein Bild von Irmi, von Susanne. Isas Bild bleibt zunächst verschwommen. Bilder vom Leben als Mädchen auf der Grenze zur jungen Frau an der Ostgrenze. Bilder von den jungen Frauen unterwegs. Jetzt schauen sie schon zurück. Wann fängt das an?

Susanne bricht auf: Nachtzug nach München. Was tue ich eigentlich hier? Ich will Isa finden. Etwas später bricht auch Irmi auf: Susanne finden, die sie mittlerweise auf einer Insel weiß, wohin der Wind Saharasand trägt. Auf eine Insel, wo Isas Spur an einem Faden baumelt.

Suchen, finden, umkreisen, sich und die andere, die Erinnerungen und Jetzt.

Große Lieben, Verluste, Taumel, Verirrungen, Schweigen und Nachthaut. Ein Buch, das mich durchs Winterland begleitet hat, mich nachhaltig beschäftigt und beeindruckt und manchmal mittig traf.

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„Geschichten sind Flussbetten.

Sie sind uralte Wadis, ausgewaschen von Tausenden von Versionen, der immer gleichen Geschichten: Noch während man glaubt, sich mühsam einen Weg zu bahnen, ist das eigene Leben schon längst Wasser geworden in so einem uralten Flussbett.“ (S. 183)

Anmerkungen

Sabine Friedrich – Nachthaut – Eichborn AG – Juli 2000 – ISBN 3 – 8218 – 0843 – 8

zu der letzten Fotomontage: die Fledermaus fand ich unter de.engadget.com – danke

„Die Badende“ (hier ohne Schirm) fotografierte ich auf Usedom