Eine Etüde Sept. 2018

Heute folge ich nach langer Zeit wieder einmal einer Schreibeinladung von Christiane → https://365tageasatzaday.wordpress.com/2018/09/23/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-39-40-18-wortspende-von-visitenkartemyblog/

Herzlichen Dank, Christiane, für die Einladung und die Gestaltung und herzlichen Dank an Anna-Lena → https://visitenkartemyblog.wordpress.com/  für die Wortspende!

Die Rahmenbedingungen seht ihr auf der obigen Einladungskarte, alles andere könnte ihr bei Christiane nachlesen.

Ich habe einen Text aus meiner Novelle „Die kleine blaue Frau träumt Meer“ als Ausgangspunkt genommen, habe sie aber umgeschrieben und das Wort Fähre mit Kreuzfahrtschiff ersetzt.

Die Etüde

Sie trägt einen alten Koffer in der Hand, einen Rucksack auf dem Rücken. Heute hat sie sich ein rotes Kleid gekauft. Rot, das ist neu. Mit geradem Rücken schreitet sie die Gangway des Kreuzfahrtschiffes hinauf. Sie dreht sich nicht um. Ihr Blick geht geradeaus.

Sie mag keine Kreuzfahrtschiffe, wollte nie mit einem fahren, aber jetzt. Weil jetzt alles anders ist. Sie hat sich rote Stöckelschuhe gekauft, gerade so hoch, wie sie noch in ihnen laufen kann. Wie gut es tut den geraden Rücken zu spüren, das rote Kleid umspielt die nackten Beine, die roten Stöckis tragen.

Rot liegt sie an Deck im Liegestuhl. Möwen kreisen. Bronzen schimmert ihre Haut, roter Stift auf schmalen Lippen, Spiegelsonnenbrille. Mehr Zeichen setzt sie nicht. Kein Koffer, kein Rucksack, keine Kamera, kein Buch, kein Getränk, keine Zigarette, kein Heft, kein Stift, keine Bewegung. Das Zwerchfell hebt und senkt sich. Vorüberschlendernde werfen kurze Blicke, dann schlendern sie weiter. Sie sieht sie. Sie sehen sie nicht. Sie spiegeln sich in ihren Sonnengläsern.

Wie manche herumstelzen, als gehöre ihnen die ganze Welt! Diese ganze gemeingefährliche Touristenbande!

Wieso denkt sie das jetzt? Sie kennt keinen von ihnen, sie will auch niemanden kennenlernen. Nicht jetzt und auch nicht morgen. Sie will nur weg, weit weg. Die Anderen anders sein lassen. Aussteigen wird sie wenn der Ort stimmt, vielleicht in Island. Keine Pläne, raunt sie sich zu. Es kommt was kommt und ich werde wissen, wenn es stimmt. Jetzt erst einmal kreuz und quer.

Rot steht sie an der Reling, inmitten von grau, beige, blau, weiß und schwarz. Sie raucht. Möwen kreisen.

Sie wird freundlich sein im fremden Land, mehr nicht. Sie will alleine sein, nichts müssen, sich selbst eine gute Freundin sein, mehr nicht.

Nun hat sie doch einen Plan. Sie lächelt. Land in Sicht.



297 Wörter sagt die Zählmaschine. Puh, so gerade eben …

Advertisements

37 Gedanken zu „Eine Etüde Sept. 2018

  1. Eine Aussteigerin mit roten Stöckelschuhen – ich lache!
    Und wenn sie so unfreundlich auf ihre Mitreisenden schaut, die sie nicht kennenlernen will – wie will sie freundlich werden im neuen Land? Auf Knopfdruck? Einfach so? Wenn das mal gut geht. 😉

    Gefällt 3 Personen

    • Das ist gut, dass du lachst 🙂
      Was ihren unfreundlichen Blick auf die Touristen betrifft, da ist sie ja ambivalent und selbst ein bisschen erschrocken über ihre Gedanken – freundlich sein, mehr nicht, sie bleibt auf Distanz, ich glaube darum geht es dieser Frau gerade, dass sie sich nicht auf neue Menschen einlassen will, nur sich selbst eine gute Freundin sein, was ja auch erst einmal gelernt sein will. Wünschen wir ihr Gelingen, denn meistens kommt es ja eh gaaanz anders 😉
      herzlichst, Ulli

      Gefällt 1 Person

      • Na ja, dass es ganz anders kommt, ist vorauszusehen. Rot ist eine Signalfarbe, rote Stöckel sind ein noch deutlicheres Signal, dass die Gute keineswegs allein bleiben möchte. Dass sie eine spiegelnde Sonnenbrille trägt,  zeigt höchstens, dass sie kein Opfer von Begehrlichkeiten sein möchte, sondern ihre Wahl selbst treffen will. Eine Jägerin, die ihr Wild kritisch beäugt. Ich wünsche ihr gutes Gelingen! Von Herzen! Gerda

        Gefällt 2 Personen

        • Rot ist auch die Farbe des Mutes und den hat sie gebraucht, um erst einmal aufzubrechen – die roten Stöckis, das ist für mich ein ganz anderes Thema, da es dieses furchtbare Märchen der roten Schuhe gibt, sie begehrt auf.
          Letztlich ist es ja eine Geschichte des eigenen Weges, wenn ich jetzt mal an die kleine blaue Frau denke, wobei sie hatte keine roten Stöckies 😉
          Egal, mir scheint doch der Schwerpunkt darauf zu liegen, dass sie alleine aufgebrochen ist und auch erst einmal alleine sein und bleiben will, rotes Kleid und Stöckies hin oder her, die wird sie ja nun nicht tagein tagaus im neuen Land tragen …

          Gefällt 2 Personen

          • das ist eben die Crux mit der Symbolik, Ulli. Für die einen ist Rot einfach nur Mut, für den anderen eine Signalfarbe. Es kommt auf den Kontext an. Meine „literarische“ Meinung, kurz gefasst: Da du hier eine halbwegs realistische Geschichte geschrieben hast – Kontext Kreuzfahrt, Mitreisende, Reiseroute -, kannst du bei der Gestaltung des Charakters nicht einfach von diesem Kontext absehen. Sonst ist es besser, im Märchen-Mythen-Genre zu bleiben, in dem deine kleine blaue Frau ja auch ursprünglich angesiedelt ist.
            Aber wie ich aus den anderen Kommentaren ersehe, triffst du ja ein Grundbedürfnis von Leserinnen, also halte ich mal den Mund. 😉

            Gefällt 1 Person

            • Liebe Bruni, es ist ein bisschen schwierig, da ich ja zur Grundlage die Geschichte der kleinen blauen Frau genommen habe, auch sie hatte sich ein rotes Kleid gekauft (keine Stöckies 😉 ), auch sie brach auf, bei ihr ging es darum, dass sie einem Mann den Rücken zugedreht hatte und vor allen Dingen um ihren eigenen Weg. Ich würde nicht sagen, dass sie getrotzt hat, auch diese Frau nicht, es geht wohl eher darum sich selbst eine Freundin zu werden und zu sein. Rot steht für mich vor allen Dingen für Mut und Willen, in dem Fall zu sich selbst zu stehen. Ob das nun Trotz ist? Ich weiß es nicht, neige aber dazu nein zu sagen …
              herzlichste Spätabendgrüße, Ulli

              Gefällt mir

  2. Pingback: rotes Kleid – roter Granatapfel | GERDA KAZAKOU

  3. Ich finde die Geschichte genial geschrieben, Stöckelschuhe hin oder her. Stöckelschuhe sind doch ein Symbol der „Angepassten“ und sie wird sie im Aussteiger-Land entsorgen. Bezüglich mutig und konsequent: Ich war 1964/65 in der Wüste Belutschistan (Iran) als Hippie per Stopp unterwegs und traf zwei Australierinnen, die auf ihrer Weltreise per Autostopp unterwegs nach Europa waren. Das war zu jener Zeit nicht selbstverständlich! Auch ich war damals mutig und 15 Monate im Nahen und Fernen Osten mit wenig Geld unterwegs. Ich werde versuchen, auch mal so eine Etüde zu schreiben.
    Ein ganz lieber Gruss in dein Wochenende. Ernst

    Gefällt 2 Personen

    • Lieber Ernst, das freut mich sehr, dass dir die Geschichte so gefällt und dich an deine frühen Reisen erinnert. Ich bin als junges Ding (15 und älter) mehrmals alleine nach Skandinavien getrampt, in den Süden habe ich mich nicht getraut und das war schon abenteuerlich genug, es gibt ja solche und solche, die stoppen und einen mitnehmen wollen, da musste ich schnell lernen mir die Herren genau anzuschauen, aber passiert ist mir letztlich nie etwas.
      Zurück zur Etüde: ich glaube auch, dass wir die Stöckis vergessen können, sie wird dies ebenfalls tun 😉
      Auf eine Etüde von dir freue ich mich jetzt schon. Ich will wieder mehr schreiben und das war dann mal wieder eine „Fingerübung“.
      Auch ich wünsche dir ein schönes Wochenende, herzliche Grüße von mir an dich, Ulli

      Gefällt 1 Person

  4. Eine feine Etüde, liebe Ulli. Ich glaube, mit der Sonnenbrille und den Stückelschuhen, auch mit dem geraden Rücken, trägt sie eine Maske, die sie zur Zeit auch sehr braucht, denn nach einem Erlebnis, das sie bis ins Mark erschütterte, braucht sie diese Veränderung. Sie hilft ihr, aufrecht gehen zu können.
    Sie braucht die Brille als Schutz, als Distanzhalter, bis sie dann endlich entspannen kann, dann, wenn sie den Ort gefunden hat, an dem sie bleiben möchte nach ihrem kreuz und quer …

    Liebe Gutenachtgrüße von Bruni

    Gefällt 3 Personen

    • Ja, liebe Bruni, die Sonnenbrille ist Schutz und Distanzhalter, so sehe ich das auch. Noch übt sie den aufrechten Gang, er wurde ihr nicht in die Wiege gelegt. Als Maske empfinde ich es nicht, ich empfinde sie als ziemlich nackt, trotz und gerade wegen des roten Kleides und der Stöckelschuhe, beides ist ja neu für sie. Es kann auch gut sein, dass sie das Frausein übt …
      Hab vielen Dank für deins, das mich, wie schon viele Kommentare zuvor zwingt noch einmal hinzuspüren was mir dabei alles durch den Kopf und den Bauch ging.
      Herzlichste Nachtgrüße an dich, Ulli

      Gefällt 1 Person

  5. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 41.42.18 | Wortspende von Gerda Kazakou | Irgendwas ist immer

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.