Etüde 003 2019

Ja.

Ja, ich bin eifersüchtig. Hannah sagt es laut. Hannah spürt nach. Das innere Feuer knistert noch, es lodert nicht mehr.

Noch einmal.

Ja.

Ja, ich bin eifersüchtig. Das Feuer ist zu vielen schwarzrot glimmenden Holzkohlestückchen verbrannt.

Noch einmal.

Ja.

Ja, ich bin eifersüchtig. Hannah sieht Asche, sie spürt ihre Restwärme. Gut. Sie verlässt den Platz. Ihren Platz, unter einer Gruppe Birken, auf einer Magerwiese mit Felsen, ohne Vieh.

Jetzt bloß nicht stolpern! Das wäre ein schlechtes Ohmen. Hannah wird jetzt ohne Winterreifen über die zwei Zentimeter Neuschneedecke Nachhause fahren. Sie wird dreißig, dreißig, dreißig singen, ihr Wintereinbruchmantra, mit dem sie noch immer heile hin und her gekommen ist.

Soll er doch laufen oder bei Linda schlafen! Sie ist ja sowas von interessant und klug … zack, Hannah stolpert. Sch-sch-sch … Hannah schreit:

Ja verdammt!

Ja, ich bin eifersüchtig. Unglaublich wie still die Welt sein kann! Hannah gleitet Nachhause.

149 Wörter



geschrieben für das abc Etüden Projekt von Christiane, mit drei Wörtern, die dieses Mal Petra Schuseil gespendet hat → https://365tageasatzaday.wordpress.com/2019/02/03/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-06-07-19-wortspende-von-petra-schuseil/comment-page-1/


Da ich ab heute am späten Nachmittag wieder auf dem alten Berg ohne Internet sein werde, kommen meine Antworten auf spätere Kommentare erst ab Sonntagabend.

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Eine Etüde Sept. 2018

Heute folge ich nach langer Zeit wieder einmal einer Schreibeinladung von Christiane → https://365tageasatzaday.wordpress.com/2018/09/23/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-39-40-18-wortspende-von-visitenkartemyblog/

Herzlichen Dank, Christiane, für die Einladung und die Gestaltung und herzlichen Dank an Anna-Lena → https://visitenkartemyblog.wordpress.com/  für die Wortspende!

Die Rahmenbedingungen seht ihr auf der obigen Einladungskarte, alles andere könnte ihr bei Christiane nachlesen.

Ich habe einen Text aus meiner Novelle „Die kleine blaue Frau träumt Meer“ als Ausgangspunkt genommen, habe sie aber umgeschrieben und das Wort Fähre mit Kreuzfahrtschiff ersetzt.

Die Etüde

Sie trägt einen alten Koffer in der Hand, einen Rucksack auf dem Rücken. Heute hat sie sich ein rotes Kleid gekauft. Rot, das ist neu. Mit geradem Rücken schreitet sie die Gangway des Kreuzfahrtschiffes hinauf. Sie dreht sich nicht um. Ihr Blick geht geradeaus.

Sie mag keine Kreuzfahrtschiffe, wollte nie mit einem fahren, aber jetzt. Weil jetzt alles anders ist. Sie hat sich rote Stöckelschuhe gekauft, gerade so hoch, wie sie noch in ihnen laufen kann. Wie gut es tut den geraden Rücken zu spüren, das rote Kleid umspielt die nackten Beine, die roten Stöckis tragen.

Rot liegt sie an Deck im Liegestuhl. Möwen kreisen. Bronzen schimmert ihre Haut, roter Stift auf schmalen Lippen, Spiegelsonnenbrille. Mehr Zeichen setzt sie nicht. Kein Koffer, kein Rucksack, keine Kamera, kein Buch, kein Getränk, keine Zigarette, kein Heft, kein Stift, keine Bewegung. Das Zwerchfell hebt und senkt sich. Vorüberschlendernde werfen kurze Blicke, dann schlendern sie weiter. Sie sieht sie. Sie sehen sie nicht. Sie spiegeln sich in ihren Sonnengläsern.

Wie manche herumstelzen, als gehöre ihnen die ganze Welt! Diese ganze gemeingefährliche Touristenbande!

Wieso denkt sie das jetzt? Sie kennt keinen von ihnen, sie will auch niemanden kennenlernen. Nicht jetzt und auch nicht morgen. Sie will nur weg, weit weg. Die Anderen anders sein lassen. Aussteigen wird sie wenn der Ort stimmt, vielleicht in Island. Keine Pläne, raunt sie sich zu. Es kommt was kommt und ich werde wissen, wenn es stimmt. Jetzt erst einmal kreuz und quer.

Rot steht sie an der Reling, inmitten von grau, beige, blau, weiß und schwarz. Sie raucht. Möwen kreisen.

Sie wird freundlich sein im fremden Land, mehr nicht. Sie will alleine sein, nichts müssen, sich selbst eine gute Freundin sein, mehr nicht.

Nun hat sie doch einen Plan. Sie lächelt. Land in Sicht.



297 Wörter sagt die Zählmaschine. Puh, so gerade eben …

Fluss

die Galerie öffnet sich, wenn du ein Blid anklickst

Ich habe noch immer den Fluss auf meiner Haut – das Gefühl seiner weichen Tonerde an den Füßen – ein heißer Tag liegt auf der Haut, abgekühlt im Fließen des grünen Wassers. Vertraute Wege hin und her – zurück fahre ich mit dem untergehendem Mond – Freundinnenworte im Ohr – Kinderjauchzen auch – Leichtigkeit, Selbstverständlichkeiten, Vertrauen und Wohlwollen.

– Four monthes and you will feel homy. Sterne blinken, Eulenkind ruft, eine Fliege brummt durch die nächtliche Stunde. Meine Nachtdecke ist gewebt aus Flusswasser, Tonerde und Sonnenschein. Drei Muscheln lagen klein und weiß auf dem Grund – drei Muscheln, immer noch klein, dann braun, als ich sie hob. Dreizehn Stecken brannten, das Alte darf gehen, das Neue sich Raum nehmen. Stille …

Verloren gegangene Dinge

Nichts, nicht weiter #4

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me, my life, my way

draufklick = großes Bild

Verlorene Dinge. Sie krallen sich in die Membranen und versuchen unsere Aufmerksamkeit mit einem unentzifferbaren Notruf zu wecken. Worte taumeln in hilfloser Unordnung. Die Totensprache.

(Patti Smith – M Train)

Wie konnte ich die Musik von Patti Smith vergessen, wie konnte ich sie aus den Ohren, den Augen verlieren, wie die Musik von Laurie Anderson? Wie konnte ich überhaupt so vieles vergessen, aus den Ohren, den Augen verlieren?

Was waren das für Zeiten, die ich einst verpackte? Nichts beschönigend, nichts verhässlichend, nichts übrig lassend, nichts. Für eine Zeit in eine Schachtel gepackt und auf den Speicher getragen. Der Gnade des alles einhüllenden Staubes überlassen. Als wäre nichts gewesen. Weitergehen und  Aufrichtung waren wichtiger als Erinnerungen, als Schmerzen, als Taumel.

Jahre später besuchte ich eine Freundin in Berlin Friedrichshain, wir waren uns schnell nahe gekommen. Schon als ich unten zur Türe hinein ging, um zwei Stockwerke hochzusteigen, war da dieser vertraute Geruch, alt und noch älter. Einer mit zwei Erinnerungsgesichtern, das eine trug die Kellerstufen bei der Tante, das andere den Flur mit den schwarz-weißen Kacheln in dem Haus, in dem die Kinder geboren wurden, in dem erst wir und dann ohne Einen Zuhause waren.

Die Freundin stand in der geöffneten Wohnungstür. Sie hat mich angelächelt. Ich sehe noch ihr Gesicht, ein schönes Gesicht, in das ich gerne schaute und zurücklächelte. Ich betrat eine Berliner Wohnung, solch eine, die um die Ecke geht, eine mit einem langen Flur und Türen, Kachelöfen und behaglicher Wärme. Rechts die Tür in die Küche hinein, davor die Tür ins Klo, mit dem Spülkasten unter der Decke und einer Ösenkette mit weißem Porzellangriff an ihrem Ende. Links war das Zimmer mit dem Webstuhl meiner Freundin und den feinen Marionetten, die sie gemacht hatte. Eine war eine Miniatur ihres Partners mit Akkordeon. Ich habe sie lange betrachtet.

Links war auch das Zimmer ihres Partners, groß, weiß, karg. Lebensgroße dünne, nackte Menschen standen, gingen aufrecht oder gebückt an der linken Wand entlang, bildeten eine Gruppe und gehörten doch jede nur sich selbst.

Hier begann ich zu weinen. Ich erinnerte mich wieder, ich hatte alles verloren. Ausatmen. Nichts hatte ich verloren.

Ich habe in dieser Wohnung uns und unser Leben gerochen, habe unsere Musik wieder gehört und wieder den speziellen Geist gespürt, der uns einmal verbunden hat. Nichts war verloren. Es ist nie zu spät, nicht für die Erinnerungen und auch nicht für den gekappten Weg. Ich nahm den Faden wieder auf. Ich gehe den Weg; wieder und immer noch.

Das Zimmer

Nichts, nichts weiter #1

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Sie stand in dem Zimmer, ein Zimmer des Nichts. Nicht wirklich weiß, auch nicht grau, nicht dunkel, was noch erstaunlich war, auch kein Schimmer von gelb, grün, blau, rot, violett, türkis, nur hell. Woher die Helligkeit kam? Wer weiß…

Das Zimmer war fensterlos oder war es Nacht? Sie sah auch keine Tür, was ebenfalls infrage zu stellen war, irgendwie musste sie ja hier herein gekommen sein. Beamen war noch immer den Flaschengeistern vorenthalten.

Sie wollte hier nicht raus, nicht jetzt, also gab es keine Gefangenschaft. Profane Sorgen um essen, trinken, Stuhlgang und pinkeln stellten sich nicht ein.

Sie stand in dem Zimmer, stellte sich dem Nichts, der Abwesenheit von Farben, Dingen, Fenstern und Türen; neugierig, verwundert, immer noch.

War sie selbst das Zimmer?

Bislang hatte sie sich als escheraeskes Treppenlabyrinth gesehen. Oben und unten waren sich hebende und senkende Ebenen, Türen erschienen, verschwanden wieder, waren verschlossen, standen einen Spaltbreit oder weit offen. Endlosgänge wechselten sich mit verwinkelten Hotelfluren ab.

Sie hatte einst Stockwerk siebeneinhalb geputzt. Hier hatte es zwei schlichte Zimmer gegeben, von jeher für Poeten bestimmt. Lessing soll hier gewesen sein, Lenz auch und die Droste-Hülshoff, andere, deren Namen sie entweder vergessen hatte oder die namenlos starben.

Manchmal hatte sie sich an einen der kleinen Schreibtische gesetzt und auf den Rhein mit seinen vorbeituckernden Schiffen geschaut, die hinter der Kurve verschwanden oder langsam ihren Bug in ihren Blickwinkel schoben, gefolgt von dem langen Leib, bis auch das Heck sichtbar wurde. Hier war sie immer ruhig geworden. Gerne wäre sie hier sitzen geblieben, sie würde ihr kleines Notizbuch aus ihrer Hosentasche ziehen, ihren geliebten Füller aufschrauben, der immer an der Brusttasche ihres Arbeitshemdes klemmte. Sie würde hier ihren Gedanken folgen, wie ihre Blicke den Schiffen. Ungestört. Ohne etwas anderes erreichen zu wollen, als die Feder ihres Füllers über das Papier gleiten zu hören. Ihre runden Buchstaben würden Worte formen, diese Sätze, die, wenn alles gut ging, zu einem Sinn oder wenigstens zu einem Bild, einer Möglichkeit der Wirklichkeit wurden.

Wirklich, wie die schroffen Schieferhänge dieses engen, kurvigen Rheintals um die Loreley herum. Nicht weit von Kilometerstein Nummer Fünfhundertirgendwas entfernt, dem Wim-Wenders-Kilometerstein und der Wim-Wenders-Insel, mitten im Rhein. Die Straße daran vorbei war sie zig Hundertmal  gefahren.

Aus solchen Träumen erwachte sie immer unbeschadet. Sie taten nicht weh, sie waren Teil ihrer Geschichte, ihrer Verdauung, ihrer Verortung.

Nicht alle Räume, die sie einluden waren freundlich. Manchmal fand sie dort Geschichten, die sie verstörten, weinend, verzweifelt erwachen ließen, andere waren voller Verwunderung und Staunen. Sie ahnte, dass dieses Zimmer der Nichtfarben zu letzterem gehören würde. Mehr noch, dass dieses Zimmer mehr Teil ihrer Wirklichkeit war, als alle anderen zuvor.

Wirklicher, als das kleine tanzende Herz aus Gold, das sie einst auf einer der escheraesken Treppen gefunden hatte. Wirklicher, als der Stuhl auf dem sie saß, um mit ihrem geliebten Füller, seinem leichten Gleiten auf kariertem Papier, ihre Gedanken zu etwas verdichten, was, wenn schon keinen Sinn hatte, dann wenigstens eine Geschichte war. Eine Geschichte, die alles offen ließ, wie ein heller Raum des Nichts, ohne sichtbare Fenster oder Türen.

Nichts.

Darum geht es. Das nichts ist, außer Geschrei und Gerenne, um ihm zu entfliehen. Bedrohlicher als der Tod, der wenigstens noch neunundvierzig Stufen und ein Licht verspricht.

Nichts. Punkt Null, von dem aus alles möglich, weil alles denkbar ist, in jegliche Richtung. Um etwas wachsen zu lassen, braucht es Punkt Null, braucht es nichts, braucht es totenstill.

Sie hatte sich auf den Boden gelegt, der warm war, wie es überhaupt in diesem Zimmer warm war, warm und frisch, so wie sie es mochte. Der Boden nahm sie auf. Sie konnte sich an ihn schmiegen. Eine warme Erde, die ihren Körper empfing und hielt, sie umschmeichelte und barg, die hell war, wie alles andere, aber auch anders, weil sie mehr war als nichts.

Sie hatte den Punkt Null verlassen. Etwas war geworden. Eine Erde, die sie hielt und trug, wärmte und barg. Sie schloss die Augen.

Erst einmal ein Letztes

Ab morgen ist hier wieder Pause. Das war seit Anfang Januar für mich hier eine sehr intensive Zeit und nun fahre ich für 12 Tage in Ferien. Noch einmal meinen herzlichen Dank an euch für die rege Beteiligung an meinem und Gerdas Alphabet und für eure sehr berührenden und bestärkenden Kommentare vorgestern und überhaupt, aber eben besonders vorgestern.

Trotz Pause führe ich die Sonntagsbilder weiter und ich freue mich auf eure Kommentare (so ihr wollt), wenn ich wieder zurück bin.

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern eine gute Zeit.

Ich verabschiede mich mit einem Text und einer Fotomontage einer neuen Serie:

„Puppenspiele – puppets in the streets“

Heute:

Sie und Er

0016-17-01-2017

SPEZIELL

– Du bist mir zu speziell. Lange schaute sie ihn an, er hielt den Blick, ihrer wanderte ins Niemandsland.

– Vielleicht … bin ich a u c h speziell. Jetzt war es an ihm seinen Blick wandern zu lassen, ins Erinnerungsland. Er sah die junge Lebenslustige, Tatkräftige, in die er sich einst verliebt hatte. Er lächelte.

Erinnerung löste Erinnerung ab, dann sah er sie unter sich erstarren. Ratlos wurde sein Blick, wie eh und je. Ihre erklärenden Worte erreichten ihn nie, brachten ihn nicht zurück zu ihr. Die Fallstricke des sich Falschfühlens hielten sein Hinspüren und Zuhören gefangen.

Heinrich, Heinrich der Wagen bricht. Aber nichts ist je gebrochen, gesprengt, getaut. Unter der Hitze seiner Haut schwamm ein Eismeer. Seine Oberfläche war eine frostig geschlossene Decke, man könnte Zufuß um sein Grönland gehen, ohne je anzukommen. Unter seinem Eis hielt er manches verborgen.

Er suchte und fand, wie jeder findet, der sucht, es sei denn es ist für immer verloren- er fand sein Kleinsein, sein Nichtgenügen, er konnte nicht anders.

Wie schwer das war! Sie dachte an die Erzberge in schwedisch Lappland. Dunkel, schwarz, verdichtete Masse, schwere Steine- zu schwer, zu groß, um einen in die Jackentasche zu stecken; zu dunkel auch. Von ihnen ging keine Verlockung aus, eher eine ungute Verheißung. Woher sie kam und was es wirklich gewesen war entschlüsselte sich erst Jahre später. Sie hatte stattdessen einen hohlen Knochen mitgenommen, der lag jetzt in ihrem Regal.

– Natürlich bin ich speziell. Aber was sagt das über mich? Was das z u ? Sie hatte ihn mit ihren Fragen zurück an den Tisch gebracht, der ihnen ein Gegenüber bot, kein Nebeneinander, höchstens noch ein Aufeinander, aber diesen Raum hatten sie verlassen. Wann war das? Oder hatte dieser Raum sie verlassen?

– Naja, speziell ist wohl jede und jeder; halb fragend, halb sagend stand der Satz für einen Moment zwischen ihnen, bis er im Nebel des Nichtssagendem verschwand. Beschwichtigungen, Verallgemeinerungen, tausend Schwämme in vielen Jahren und keine Essenz.

Sie übertrieb jetzt wieder, das wusste sie. Er hörte es nicht, sie schwieg. Sie schaute auf ihre Hände. Er folgte ihr, sah die immer noch so schönen Hände, die zupackend, wie zärtlich waren, die tasteten, schmeichelten, strubbelten, neckten, kitzelten, die Seligkeit waren. Alles w a r , was ist aus dem  i s t geworden? Wie traurig das alles war! Er stand auf.

– Ich muss alleine sein. Ich habe mich verloren, ob in dir oder mit mir oder irgendwo auf dem Weg, das muss ich herausfinden. Sie nickte. Er ging. Sie schaute vis-à-vis, sein Bild hing noch dort, es war ihm nicht gefolgt.

Die Geschichte von den Gummistiefeln

 

pfütze

Der Tag nimmt seinen Lauf, die Nebel sind gestiegen, dicke Wolken beginnen sich am blauen Himmel zu formieren. Noch geht Anna auf dem Asphalt eines kleinen, geteerten Wiesenweges. Um sie herum rauscht, tost und plätschert es. Von allen Hängen kommen die Bächlein und Bäche geflossen. Sie poltern, sie flüstern, sie rasen, sie murmeln, sie fließen dem Meer entgegen.

Sie singt das Flusslied:

„Der Fluss geht auf die Reise,

stetig und leise-

der Fluss geht auf die Reise

Reise zum Meer.

Mutter Erde, trage mich

dein Kind bin und bleibe ich-

Mutter Erde, trage mich,

trage mich zum Meer.“

Mutter Fluss, Tochter Bach, Annakind, Annagroß, jetzt. Jetzt geht sie in ihren schwarzen Gummistiefeln über die nassen Wiesen. Es quietscht und quatscht unter ihren Sohlen. Herrlich!

Sie erinnert sich:

Sie war acht Jahre alt und immer noch liebte sie nichts mehr, als im Wasser zu planschen. Ob nun im Hochsommer im Schwimmbad, im Rhein oder im Rhein-Herne-Kanal, in einem Bach vor der Türe eines Ferienlagers, in großen Pfützen, mit oder ohne Schuhe. Mutter sah das gar nicht gerne.

„Du ruinierst deine Schuhe!“ Darum wischte Anna jedes Mal die eingesauten Schuhe mit ihrem Taschentuch sauber, bevor sie Nachhause ging. Sie tauchte das Tuch in das Pfützenwasser und polierte das Leder. Mutter merkte nichts. Vielleicht wunderte sie sich, warum ihre Tochter ständig ihre Taschentücher verlor. Nur einmal fragte sie nach. Anna tat, als ob sie es auch nicht wüsste. Sie hatte gelernt Geheimnisse zu haben, besser war das! Mutter verstand so vieles nicht! Die Taschentücher? Ach die, die warf sie nach getaner Arbeit in die große Gemeinschaftsmülltonne auf dem Hof.

Anna träumte von Gummistiefeln. Mutter hielt das mal wieder für eine komische Idee, natürlich!

„Ach bitte. Ich hätte sooo gerne ein Paar Gummistiefel.“ Wenn sie nur lange genug quengeln würde, bekäme sie ja vielleicht doch noch welche. Quengeln half, das hatte sie gelernt.

Die Zeit ging dahin, mit ihr das eine oder andere Taschentuch. Es wurde Herbst, es wurde Winter, es kam der Frühling, vor der Tür stand ihr neunter Geburtstag. Würde sich ihr Herzenswunsch erfüllen?

Mutter war am Nachmittag arbeiten. Immer. Nur nicht am Samstag und am Sonntag. Anna war allein Zuhaus, sie hatte viel Zeit. Zeit sich in Mutters Schlafzimmer zu schleichen, Zeit in den Kleiderschrank zu schauen, zwischen die Laken, hinter die Handtücher, unter die Mäntel und Kleider. Hinter der Bettwäsche wurde sie fündig. Ein rosa Petticoat! Den wünschte sie sich auch. Wenn auch nicht unbedingt in rosa, ob Mutter sie eigentlich ein kleines bisschen kannte? Rosa … achselzuckend legte sie den Petticoat zurück. Unter ihren Kleidern würde schon niemand die peinliche Farbe sehen! Immer noch war die Zeit lang, bis sich der Schlüssel in der Haustüre drehen würde. Sie kroch unter das riesige Ehebett. Ein Ehebett ohne Ehe. Vater gab es nicht mehr. Nur Oma hatte, solange sie gelebt hatte, dort geschlafen, das Gebiss neben sich im Wasserglas auf dem Nachtschränkchen.

Wenn Anna sich ganz platt machte, dann konnte sie immer weiterrobben. Da war etwas, etwas stand unter dem Kopfende. Sie robbte schneller. Weiß war er, der Schuhkarton, ihr Herz begann zu hüpfen, groß war er auch. Mit ihm im Arm robbte sie zurück, aufgeregt richtete sie sich auf, nahm den Deckel ab, da lagen sie … ein Paar weiße Gummistiefel, unter weißem Seidenpapier, in dem großen, weißen Schuhkarton. Zärtlich berührte sie die Stiefel. Behutsam streichelte sie das Gummi. Nur noch eine kleine Weile müsste sie sich gedulden!

Regennachmittage kamen, Nachmittage, um unter das Bett zu robben und von Pfützentänzen in weißen Gummistiefeln zu träumen. Rosa Petticoat und weiße Gummistiefel, wie wäre es mit einem weißen Petticoat und roten Gummistiefeln? Mutter kannte ihre Farben nicht. Sie seufzte.

Der Tag kam, ihr Tag, ihr Geburtstag. Zuerst wickelte sie den Petticoat aus und mimte Freude. Dann waren die Bücher an der Reihe. Ruhelos glitt der Blick über ihren Gabentisch. Wo war der große, weiße Karton? Nirgendwo. Er war nicht da. Sie blies die Kerzen auf dem Kuchen aus. Mutter tätschelte ihren Kopf, Anna setzte den Tornister auf, es war Zeit, die Schulglocke läutete.

Am Nachmittag sollten die Freundinnen kommen. Die Tante und deren Kinder, diese kleinen Rotznasen, auch. Was hatte sie eigentlich mit denen zu tun? Verwandt waren sie nicht. Sollte sie wirklich wieder für sie Kasperle spielen? Ihr graute. Graute vor der langweiligen Tante, deren Rotznasen und den noch viel langweiligeren Geschenken. Immer gab es Unterwäsche. Immer! Weiße Unterwäsche mit kratzender Spitze. Auch die Tante kannte sie nicht. Anna hasste Spitze, hasste alles, was kratzte! Sie wollte ihre Gummistiefel. Dann eben weiße, Hauptsache Gummistiefel!

Zwei Jahre lang noch kroch sie unter das Bett, Tränen vermischten sich mit Wollmäusen, aber die Gummistiefel blieben wo sie waren. Sie quengelte auch nicht mehr. Das hätte vielleicht geholfen die Mutter zu erinnern.

Zwei lange Jahre, dann zogen sie um. Anna war gerade elf geworden. Mutter räumte das Schlafzimmer aus. Ein Aufschrei:

„Schau mal was ich gefunden habe, wie konnte ich das nur vergessen!“ Da stand sie, staubig und verschwitzt vom Räumen, in der Hand den weißen Schuhkarton, in ihren Augen ein Lachen. Anna zögerte, sie durfte ja den Karton nicht erkennen.

„Ja willst du denn gar nicht wissen was drin ist?“ Sie nahm den Karton entgegen, öffnete den Deckel und blickte auf die Gummistiefel. Sie wusste es längst, jetzt waren sie zu klein. Und die Mutter wusste es auch. Zornig verließ Anna das Schlafzimmer. Das Lachen in den Augen der Mutter erlosch.

Eine zweite Erinnerung:

Mit elf Jahren wechselte Anna die Schule, sie ging nun auf ein Gymnasium für Mädchen. Die Straßenbahnen führten sie aus den dicht gedrängten Vororten mit ihren Fabriken und Wohnsilos durch Wiesen und Felder zum vornehmeren Teil der Vororte. Große Villen mit Blick auf die Rheinpromenade standen in prächtigen Parks. Ein paar wenige kleine Häuser duckten sie hinter die Villen in Wiesen und Felder. Sie hatten sich mit Mauern geschützt, einzementierte Glasscherben auf Backsteinmauern. Kaninchen spielten Nachlaufen im Zickzacklauf. Das war das Bild an jedem Morgen, wenn sie von der Straßenbahnhaltestelle in das Mädchengymnasium ging. Ungern. Sie war hier eine Fremde. Arm zwischen reich. Arbeitermädchen zwischen Doktorentöchtern, fremd unter den Mädchen aus wohlhabendem Haus, fremd unter den Blicken der Nonnen, die das Gymnasium leiteten. Fremd unter dem Kreuz mit dem ewig leidenden und blutenden Jesus. Fremd mit dem Rosenkranz in der Hand in den Marienmonaten, am Morgen um acht und am Mittag um zwölf, wenn es für die Engel des Herrn läutete. Oder war es für das Ave Maria gewesen? Fremd auch das!

Ihr Blick träumte den Rhein hinauf und hinunter. Glitt mit den vorbei tuckernden Schiffen weg, weg von Zuhause, weg von dem Mädchengymnasium, weg von Mutter und Tante, die sie nicht kennen wollten. Sie hätte so gerne mit dem Mädchen tauschen mögen, dem Mädchen auf der Schaukel, auf einem der vorbeituckernden Schiffe an einem sonnigen Morgen. Selbstvergessen schaukelte das Mädchen gegen die Fließrichtung des Rheins. Für Anna hieß das Bild Frieden, Harmonie und Sehnsucht. Sehnsucht nach Freiheit für ihre eingeklemmte Seele zwischen den Schulbänken mit Tintenfass.

Ihr erstes Schuljahr auf dem Gymnasium ging zu Ende, alle mussten sie zur Abschlussfeier in die Aula kommen. Es war die erste, die sie erlebte. Einst kleine Mädchen hatten die Reife erlangt. Reif für die Welt vor den Gymnasiumstüren. Sie trugen ernste Mienen zu feierlicher Kleidung, schwarz oder dunkelblau, Kleider oder Kostüme, manche mit weißen Blusen. Feierliche Traurigkeit, traurige Feierlichkeit, wo war die Freude, Freude über die Reife? Freude darüber endlich all dieses falsche Geläut zu verlassen? Das fragte sich Anna, als sie in all die ernsten Gesichter, dort oben auf dem Podest, schaute. Es waren andere Zeiten, andere Sitten und Katholikenbräuche. Katholiken freuten sich nicht, nicht offen, vielleicht heimlich, vielleicht im Dunkeln.

Weiter wanderte ihr Blick über die schwarzdunkelblaue Reife. Eine kleine Weile glitt er, ohne einen Halt zu finden, von rechts nach links, von oben nach …  erstaunt hielt er inne. Anna sah eine junge Frau, mit einem engen dunkelblauem Rock, der artig in der Mitte des Knies endete, darüber eine hellblaue Bluse und darüber eine offen stehende dunkelblaue Strickjacke. Salopp sah das aus. Aber das war es nicht, was sie wirklich fesselte, waren die wadenhohen schwarzen Gummistiefel, in denen die langen, jungen Beine steckten. In Anna jubelte es. Alle Hosiannas und Ave Marias auf einmal und durcheinander, Engelschöre jubilierten, Posaunenfanfaren erschallten, der Himmel tat sich auf, in ihr war eine helle Freude. Hier stand Eine unter all den anderen Reifen und hatte etwas gewagt. Schön war sie, unglaublich schön mit ihrem leisen Lächeln, ihrer saloppen Kleidung und diesen wunderbar schwarzen Gummistiefeln.

So will sie einmal dastehen, genau so! Kerzengerade und mit wadenhohen schwarzen Gummistiefeln unter dem kleinen Schwarzen.

gummistiefel 2

Auszug aus einem in die Jahre gekommenen Manuskript © Ulli Gau

Bumerang

13 06.01.11 AugenBlick

„Erzähl mir etwas von dir.“ Auge in Auge saßen sie sich gegenüber. Seine tiefbraun, fast schwarz, ihre himmelblau mit einer Spur Traurigkeit darin.

Was sollte sie ihm erzählen? Allein bei dem Gedanken an ihre alten Geschichten wurde sie müde. Bitte keine Wiederholungen mehr! Sie schüttelte den Kopf. Sie wollte nichts von sich preisgeben, nicht jetzt, nicht heute, nicht hier. Sie brauchte den offenen Raum, das sagte sie aber nicht. Sie schaute ihn an.

Er hatte die linke Augenbraue hoch gezogen. Das sah gekonnt aus und brachte sie zum schmunzeln.

„Du willst nicht, nichts von dir erzählen?“ Ungläubig stellte er die Frage und wusste es doch, sie würde bei ihrem Kopfschütteln bleiben. Aber wieso? Sonst wollten die Frauen doch immer alles teilen, sich, ihr Leben, mit Einem, der dann verstehen sollte, sie. Wer war diese Frau, die lächelnd den Kopf schüttelte?

Sie hatten sich keine Sekunde aus den Augen gelassen, als würde sich der jeweils Andere auflösen, würden sie nur einen Moment lang wegschauen. Als könnte etwas aufflackern, dass sie dann verpassen würden. Noch einmal schüttelte sie den Kopf.

„Erzähl du mir etwas, etwas, das kein Lebenslauf ist, nichts über deine Hobbies, nichts über deine Arbeit.“ Sie hatte ihre Hand auf seine gelegt. Wie klein und zartgliedrig sie war, wie weich ihre Haut, wie schön das natürliche Rosa ihrer Fingernägel. Er spürte wie er fiel.

Scheiße! Jetzt kam der Bumerang. Sein Geschwür aus Schmerz, Schuld, Verdrängung, Verlust und Trauer brach auf. So war das nicht abgemacht, er wollte doch nur … ja, er wollte nur ficken, keine Liebe, ein paar Nächte und gut war`s. Das klappte doch sonst auch. Lieber war er wütend, als traurig, seitdem… Sein Panzer stählte sich wieder, er richtete sich auf, zog seine Hand unter ihrer hervor, abrupt.

Sie stand auf, nickte ihm und sagte: „Danke für deine Geschichte“, drehte sich um und ging. Er starrte auf ihren geraden Rücken, ihren leichten Hüftschwung, unfähig zu reagieren. Gestalt, Silhouette, Punkt, weg.

 

Wieviel Wut in seinen Augen gestanden hatte! Sie schüttelte sich. Keine Wiederholungen mehr! Wie ein Mantra kreiste der Satz in ihr, breitete sich aus, schlug Wellen, auf denen sie sich treiben ließ. Weg von ihm, dessen Blick sie noch immer im Rücken spürte, wie auch seine Wut. Sie schüttelte sich erneut, ihn von sich weg.

Die kühle Nachtluft tat ihr gut; wegzugehen, weiter zu gehen auch. Es ging ihr gut mit sich selbst. Sie war gesprungen, weg von einem anderen, weg von Lügen, Ausflüchten, Wutausbrüchen und Verachtung, das war noch nicht so lange her.

Liebe war ein großes Wort. Liebe hatte einmal viel versprochen, nichts gehalten und schon gar nicht sie. Liebe hatte immer nur zu Entzweiung geführt. Davor und dazwischen die Illusion von Wir. Wir schaffen das, wir packen das, wir lieben uns doch. Wir war in den ausgetrockneten Brunnen gefallen, ohne ein Echo zu hinterlassen.

Ihr Handy klingelte. Mist, daran hatte sie nicht gedacht. Sie drückte ihn weg, riss das Handy auf und ließ die Sim-Karte in den nächsten Gully fallen. Morgen würde sie sich eine neue Prepaidkarte besorgen. Er hatte nur diese Nummer, keine Adresse, er wusste nichts von ihr. Sie hatte nichts von sich preisgegeben, sie lachte.


Zwischen zwei Menschen, wenn sie in der Bindung nicht der Illusion verfallen, Eines zu werden, kann schon wieder eine Welt entstehen.“

Hannah Arendt