Etüde 003a 2019

Miniatur 003 2019

Winterreifen, Winterreifen, Winterreifen,

eifersüchtig, eifersüchtig,

stolpern –

über einen Satz, einen Gedanken,

über einen s-pitzen S-tein,

in eine für andere gegrabene Grube hinein.

Plumps.

Liebeskummer lohnt sich nicht.

Eifersucht ist nicht gleich Eifersucht

und Winterreifen braucht es ab Oktober.

38 Wörter


geschrieben für das abc Etüden Projekt von Christiane, mit drei Wörtern, die dieses Mal Petra Schuseil gespendet hat → https://365tageasatzaday.wordpress.com/2019/02/03/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-06-07-19-wortspende-von-petra-schuseil/comment-page-1/

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Etüde 003 2019

Ja.

Ja, ich bin eifersüchtig. Hannah sagt es laut. Hannah spürt nach. Das innere Feuer knistert noch, es lodert nicht mehr.

Noch einmal.

Ja.

Ja, ich bin eifersüchtig. Das Feuer ist zu vielen schwarzrot glimmenden Holzkohlestückchen verbrannt.

Noch einmal.

Ja.

Ja, ich bin eifersüchtig. Hannah sieht Asche, sie spürt ihre Restwärme. Gut. Sie verlässt den Platz. Ihren Platz, unter einer Gruppe Birken, auf einer Magerwiese mit Felsen, ohne Vieh.

Jetzt bloß nicht stolpern! Das wäre ein schlechtes Ohmen. Hannah wird jetzt ohne Winterreifen über die zwei Zentimeter Neuschneedecke Nachhause fahren. Sie wird dreißig, dreißig, dreißig singen, ihr Wintereinbruchmantra, mit dem sie noch immer heile hin und her gekommen ist.

Soll er doch laufen oder bei Linda schlafen! Sie ist ja sowas von interessant und klug … zack, Hannah stolpert. Sch-sch-sch … Hannah schreit:

Ja verdammt!

Ja, ich bin eifersüchtig. Unglaublich wie still die Welt sein kann! Hannah gleitet Nachhause.

149 Wörter



geschrieben für das abc Etüden Projekt von Christiane, mit drei Wörtern, die dieses Mal Petra Schuseil gespendet hat → https://365tageasatzaday.wordpress.com/2019/02/03/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-06-07-19-wortspende-von-petra-schuseil/comment-page-1/


Da ich ab heute am späten Nachmittag wieder auf dem alten Berg ohne Internet sein werde, kommen meine Antworten auf spätere Kommentare erst ab Sonntagabend.

Etüde 002b 2019

Unruhig rutschte Hannah auf ihrem Stuhl vor der Tür hin und her. Sie ermahnte sich ruhig zu bleiben, zu vertrauen, zu atmen, jetzt bloß keine Schwächen zeigen, die waren hier, in diesem Glasbetongemisch, fehl am Platz.

Man hatte sie gebeten vor der Türe Platz zu nehmen und sich einen Moment zu gedulden. „Man“ waren drei geschniegelte Herren in Maßanzügen, sportlich, attraktiv und sehr smart. Von ihnen hing alles ab.

Auch Hannah hatte sich nicht lumpen lassen, sie war beim Friseur gewesen, hatte sich ein sündhaft teures Kostüm mit passender Bluse gekauft, ihre Füße steckten in schwarzen High Heels. Sie hatte Zuhause geübt, so, dass es aussah, als wäre sie nie in anderen Schuhen über Flure und Straßen gegangen. Ihr Make-up war perfekt. Ihre Haltung suggerierte Selbstbewusstsein. Ja, auch das hatte sie geübt, Frau Z. hatte sie gecoachet, nach dem Motto, was es braucht, um erfolgreich in dieser Welt zu sein. Wochenlang hatte sie kaum Kohlehydrate gegessen, ihre Salatschüssel hingegen war immer gut gefüllt gewesen. Sie fröstelte.

Leise seufzte sie, es ging doch nur um einen Job als Buchhalterin, allerdings mit einem Spitzengehalt.

Endlich öffnete sich die Tür. Einer der Aalglatten bat sie wieder einzutreten und Platz zu nehmen.

Fräulein Schikowsky … äh, Entschuldigen Sie bitte … Frau Schikowsky, natürlich“, verbesserte er sich mit Blick auf ihre unberingten Finger, „leider muss ich Ihnen mitteilen, dass wir Sie nicht übernehmen können …“ Mehr hat Hannah nicht mehr gehört, er redete noch eine Weile, sie aber hörte nur Rauschen im Kopf, gab sich einen Ruck, stand auf und verließ türeknallend den Raum. Auf dem Flur schleuderte sie diese scheißunbequemen High Heels von sich, öffnete die zwei obersten Knöpfe ihrer seidigen Bluse und konnte endlich wieder frei atmen. Wie ist sie nur auf die saudumme Idee gekommen, sie könnte eine andere sein.

298 Wörter



geschrieben für das Etüden-Projekt → https://365tageasatzaday.wordpress.com/2019/01/20/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-04-05-19-wortspende-von-myriade/

Etüde 002a 2019

 

Dieses Mal gibt es von mir eine zweite Etüde, die eher ein Gedicht in Heinz-Erhard-Manier geworden ist. Ich zwinker euch zu.

 

 

 

Dat Marleene hätt so scheene Beene,

so wohljeformt und seidisch,

da sind janz viele neidisch.

Der Tanztheaterdirektor wird se übernehmen,

dat wird ihm mancheene übelnehmen.

Weibsbilder soll´n Salatschüsseln füll´n

und nich mit jungen Männern um die Wette brüll´n.

Dat Marleene kann über solcherlei nur lachen,

sie tanzt und singt, ohn´ in die Bühn zu krachen.

Frauen schütteln ihre Köpfe,

füllen grämig ihre Töpfe.

Männer träumen so manch feuchten Traum,

mit Blick auf Marleenes Röckchensaum.

 

Etüde 002 2019

Die zweite Etüdenrunde in diesem noch neuem Jahr.   Christiane hat uns wieder eingeladen. Von ihr ist auch diese schöne Einladungskarte, die Wörter hat Myriade vorgeschlagen.

Herzlichen Dank und liebe Grüße an euch beide!


Miniatur 002 2019

Sie stocherte in ihrer Salatschüssel herum. Noch immer war Essen allein an manchen Tagen mehr Pflicht als Lust. Mahlzeit kommt von „vermählen“, hatte einst ein Lehrer gesagt. Die Vermählung war lang her und hatte nicht getragen. Stachelige Erinnerungen, seidig gebliebene Haut. Der Rucksack war schon leichter geworden. Man muss nicht alles übernehmen, nicht alles bewahren, man darf Ballast abwerfen und Ballaststoffe essen. Für eine gute Verdauung. Appetit kommt beim Essen. Lust beim Streichen über seidige Haut.

76 Wörter

Etüde 001 2019

Neues Jahr, neues Etüdenglück, zu denen auch in diesem Jahr wieder Christiane einlädt. Von ihr stammt auch diese wunderbare Gestaltung.

Dieses Mal hat die 3 Begriffe Ludwig Zeidler gespendet, der einst die abcEtüden ins Leben gerufen hat.

Herzlichen Dank und herzliche Grüße an euch beide!


Manni hat heute ein besonderes Glück, ein Abfallglück.

Heute arbeitet wieder Yussuf im Supermarkt und der weigert sich heimlich, still und leise am Abend den Müllcontainer mit einer Eisenkette und einem Vorhängeschloss zu sichern. Er tut nur so als ob. Und das weiß Manni. Und Yussuf weiß, dass Manni weiß. Und das ist gut so. Gut für Manni und für einige andere, die sich aus diesem Container Yoghurt, Milch, Quark und ähnliches fischen, das dem Verfallsdatum zum Opfer gefallen ist.

Verfallsdatum! Was kümmert das Manni? Es kümmert ihn auch nicht, dass der Paragraph „Mundraub“ schon vor vielen Jahren abgeschafft worden ist. Lieber Nahrungsmittel auf den Müll, anstatt zu verschenken? Das hat nichts mit schuldig oder unschuldig zu tun!

War Manni Schuld daran, dass er erst arbeitslos und später dann auch wohnungslos wurde? Schuld daran, dass er den Druck und das ewige Gerenne nicht mehr ausgehalten hat? Alle haben doch getrunken oder Pillen genommen oder Kette geraucht, um mithalten zu können! Dann verlor er das Maß. Was langsam begonnen hatte, endete im Desaster.

Es ist besser geworden. Mittlerweile schreibt er für die Straßengazette  kleine Artikel, verdient sich ein minikleines Zubrot zu seiner Stütze durch ihren Straßenverkauf dazu, gehört zu einer Gruppe, hat jetzt wieder ein Dach über dem Kopf und hat es geschafft dem Alk zu widerstehen. Zwei Jahre schon. Jetzt. Jetzt hat Manni wieder Pläne und heute ein besonderes Glück, ein Abfallglück. Danke Yussuf!

235 Wörter



P.S. gerade fand ich bei Ralpf Butler einen Beitrag zu Lebensmittelverschwendung, der Link ist wegen seiner Überschrift etwas irreführend, führt aber zu eben benanntem Artikel und weiter … → https://daoweg.wordpress.com/2019/01/09/akupunktur-kleine-nadeln-gegen-grosse-krankheiten/

Etüde eins/b Dezember 2018

 

Tatsächlich gibt es noch eine dritte Etüde in dieser Etüdenrunde, einem Projekt von Christiane. Die Wörter hat Elke Speidel gestiftet, herzlichen Dank dafür, sie waren sehr inspirierend, noch nie schrieb ich drei Etüden mit immer den selben Wörtern!

 

Miniatur 013 2018

Die alte Linde im Hof ist zum Winterbaum geworden. Ein Herbststurm blies über das Land. Nasskaltes Gummistiefelwetter im Dezember, kein Schnee. Ich trauere den vergangenen Schwarzwaldwintern nicht nach, bin weder Bergziege, noch Schneehase. Apropos Hase, was macht der eigentlich im Winter? Der Enkel und ich kommen ins Grübeln. Fachliteratur muss her. Aha. Ach so. Jetzt wissen wir das auch. „Sasse“* ist ein gutes Wort. Die Tage schummern von hell- bis dunkelgrau. Nebelschwaden von fein bis dampfdick ziehen über den Berg. Ich lausche dem Konzert der Regentropfen, ihrem Trommeln, ihrem Rauschigem. In einer solchen Nacht ruft noch nicht einmal das Käuzchen.

100 Wörter


* https://de.wikipedia.org/wiki/Feldhase

Etüde eins/a Dezember 2018

 

Dieses Mal gibt es eine zweite Etüde mit den Wörtern von Elke Speidel zum Projekt von Christiane.

 

 

„Typisch November“, mault er. Er zieht die Schultern hoch, den Kopf ein. Nasskaltes Wetter zieht in die alten Knochen und Gelenke. „Schmerzzeit“, schimpft er. Er zieht sich warm an, bevor er, wie jeden Tag, in das eine oder andere Gelände geht, welche er pflegt. Er läuft sich langsam warm.

Jeden Tag grüßt er den alten Kirschbaum. Der ist älter als er, er beklagt sich nicht, kein Knarzen und Knarren im Geäst. Jetzt ist er Winterbaum, später wieder Frühlingsbaum, dann Kirschfrühsommerbaum, dann gilt es schneller als die Stare zu sein. Der Kirschbaum schüttelt leicht seine Äste, er schenkt dem Alten eine Handvoll süßer Schwarzer. So erinnert sich der Alte. Er lächelt. Ihm ist jetzt warm geworden.

Da draußen hat er viele Freunde, Bäume und Sträucher, Kräuter und Blumen, Wiesen und Kartoffeln, Katzen und Ziegen, Rabenkrähen und Mäusefamilien. Menschen auch; draußen und drinnen.

Und stirbt einmal eins, dann trauert er ihm nicht lange nach. Ein kleines, stilles Gedenken, ein und aus der Atem, der Alte tanzt den langsamen Satz: Werden und Vergehen und Werden. Er wird alt und älter.

177 Wörter

Etüde eins im Dezember

Am letzten Sonntag hat Christiane zur Dezember-Etüden-Runde geladen. Herzlichen Dank an Christiane und an die Wortspenderin Elke Speidel. Diese drei Wörter haben mich nun schon zu drei Etüden inspiriert, ob ich sie alle veröffentliche weiß ich aber noch nicht, vielleicht gehört die erste noch in die Kategorie der Fingerübungen.

Auch dieses Mal werde ich kaum die 300 Wörter erreichen, es zeigt sich, dass mir die Miniaturen doch sehr ans Herz gewachsen sind oder soll ich lieber sagen: an die Feder?!

Miniatur 012 2018

Gehen

Nebelfelder trennen die klare Sicht in Zwei. Nasskalte Tropfen fallen mit den letzten Blättern. Erde schmatzt, Schritt für Schritt. Melancholie wallt mit den Nebeln vom Tal über die Berge. Gefühle wie Wetter, sie wechseln. Bist du glücklich? In der Nässe glänzen die Steine auf dem Weg so schön. Trauerweiden wachsen prächtig an Berlins Kanälen. Drei Pappeln im kleinen Tal erzählen von Kindheit, von Geburtsbäumen und vergrabenen Plazenten. Wir hatten dem Sohn eine Linde gepflanzt. Umbaumaßnahmen. Bedauern – ja, nachtrauern – nein, Vergangenheit. Winterbaum hütet seine Knospen.

84 Wörter

 

Etüde zwei im November 2018

Auf dem Bild kannst du die Wörter sehen, die es dieses Mal gilt in einen Text einzubauen. Zugegeben, dieses Mal purzelt der Text nicht einfach so aus mir heraus, ich hänge an dem Begriff „sündig“ fest, dann hänge ich eben die Miniatur daran auf!

Danke an Christiane für die Einladung und die wunderbare Gestaltung des Etüdenbildes, sowie an Yvonne für die Wortspende.



Miniatur 011 2018 – in drei Phasen

1.

Sündig ward das Weib geboren – erbsündig.

Was für ein Schmarrn!

Auch Gedanken werden gepflanzt. In Köpfe hinein. Wenn Spreu und Weizen voneinander getrennt sind, kann man sie verrücken. Die Gedanken – wie Stühle in der Stube.

Vor dem Fenster verstreut sich der Raureif auf Blüten und Blätter.

2.

Sündenböcke – woher, wieso, warum sind Böcke sündig? Weil Böcke per se mies sind? Geil, sabbernd, zeugend, stinkend, bockend, mö-öh-öh?*

Und der Teufel,

der hat Hörner

und die trägt er auf dem Kopf –

Und Mackie Messer hat ein Messer

doch das Messer sieht man nicht.

Zeilen verrücken, Gedanken verrücken, Stühle rücken. Schwarzes Schaf, braunes Schaf, Bocksfuß. Der Raureif nimmt den gefallenen Blättern das Rascheln.

3.

Absichtlich und mit Freude oder gar mit Lust gedachte sündige Gedanken, so hat einst der Priester gesagt, sind Todsünden.

T O D Sünden – da hilft keine Beichte. Unverzeihbar. Unvergebbar. Es helfen keine eine Millionen Ave-Marias und kein Rutschen mit nackten Knien auf mit Raureif bezogener Erde. Hölle, Hölle, Fegefeuer. Aus. Bumms. Ende. Schmoren muss das sündige Menschenkind.

Im Himmel verrücken Petrus, Thor und Zeus ihre Stühle. Es blitzt, es donnert, es grollt.

194 Wörter


Im Netz fand ich Folgendes zu Bock und Teufel:

Wenn nun gleichwohl der Bock, das üppigste und unzüchtigste Thier, vorzugsweise in die Teufelsgestalt übergeht und der Teufel der Unzucht als einer der vornehmsten gilt, so ist damit doch nicht eine gesunde Vermehrung der Leiber, wie beim Vieh, sondern nur ein Mord der Seele durch das Laster des Leibes gemeint. Der Teufel bedient sich nur der im Menschen selbst liegenden groben Sinnentriebe, um seine Seele zu verderben. Schon die heilige Schrift nennt ihn „das Thier“. Das Thierische im Menschen wurde in dieser Beziehung von den Alten hauptsächlich in den bocksfüssigen Satyrn personificirt. Piper, christl. Myth. I. 404f., hat daher nicht Unrecht, wenn er die Bocksgestalt des christlichen Teufels auf jene alte Satyrgestalt zurückführt. Eben so oft wie die Form des Bocks kommt die des Schweins vor für das Teuflische, was in der Sinnlichkeit liegt. – Die Lust am Tode dagegen, die innerste Wonne des Teufels, wird personificirt in dem aasliebenden Raben, dem Galgenvogel.

Quelle: https://de.wikisource.org/wiki/Christliche_Symbolik/Teufel


Seit September im Kino zu sehen:

Will, muss ich sehen!