Miniatur – 18 – 2017

Mit einem Stachelkleid wird niemand geboren. Ein Stachelkleid legt frau sich an. Sie schützt sich. Sie hat das gelernt. Sie hat sich das nicht ausgesucht. Die Welt ist wie sie ist und die Menschen auch. Und dann vergisst sie es auszuziehen und sticht. Er hat das nicht verdient und er schon gar nicht. Dann wird sie traurig. Nein, das ist nicht theatralisch. Es ist, was es ist. Er steht hilflos vor ihr, wendet sich ab.

Er sagt: Ich hab dich schon immer geliebt. Er hat Tränen in den Augen. Sie auch. Sie lächeln sich an. Das Stachelkleid fällt. Nackter geht es nicht.

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Blaue Stunde #19

Es ist lange her, bald zwei Jahre, um genau zu sein, dass ich einen Text im Sinne der Blauen Stunden schrieb. Blaue Stunden sind Momentaufnahmen in einem Gedankenfluss. Jetzt ist wieder diese Zeit!

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Reisen

Eine Krähe krächzt, das Radio tönt in der Küche unter mir, sonst nichts. Der schneeschwere Himmel entlässt einzeln tänzelnde Schwebeflöckchen, die sich auf ihre schmelzenden Schwestern legen, nahe am Boden, unter dem Gräser und Blumen noch Winter schlafen. Manchmal singen einige Vögel, manche verlieren erste Federn. Heute nicht.

Nicht nur Gehörnte sind zäh, die Wintervögel sind es auch, die Krähen, Meisen, Dompfaffe und Grünfinken, das Rabenpaar vom Dorf nebenan. Sie überleben Schnee und Eis und die eine und andere Katze.

Ich kann viel über Seelenwege schreiben, aber wenig über Vögel und ihre Überlebensstrategien. Ob ich mehr über Bahnhöfe schreiben kann, als das, was schon Viele vor mir geschrieben haben?

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Persönliche Augenblicke ziehen vorüber, Zugvögel gleich, aber jetzt habe ich schon länger keinen Bahnhof mehr betreten. Ich fotografierte stillgelegte Gleise und verrottende Waggons. Der Charme der Vergänglichkeit, die Hoffnung auf Ankunft und Wiederkehr und die alles bestimmende Bahnhofsuhr. Überall.

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Es war die Ankunft der Eisenbahnen in der Welt, die die Zeit synchronisierten. Eigentlich noch nicht so lange her! Gleichschaltungen, Völker verlieren ihre Trachten, Menschen ihre Gesichter, ein Elefant ist ein Elefant. Er sollte nicht aussterben! Aus-sterben … ganze Arten haben sich schon ins Aus gestorben, jetzt sollen die Elefanten, Wale und Schmetterlinge an der Reihe sein, ja, auch Bienen und Spatzen. Nur die Menschen vermehren sich weiterhin wie die Karnickel.

Ja, ich weiß, das sollte ich besser nicht schreiben, weil es Gründe hat, sogar verständliche, aber so weitergehen kann es auch nicht! Territorialkämpfe und Kolateralschäden, Menschenware und Arbeitskraft, noch drehen die Bahnhofsuhren Sekunden, Minuten und Stunden im Kreis.

Vorsicht an Gleis drei, der Zug nach Paris fährt jetzt ab, bitte treten Sie von der Bahnsteigkante zurück. Pfiff, Signal hoch, Türen knallen, der Zug nimmt Fahrt auf, wischt an mir vorbei bis zu seinen Rücklichtern, bis auch sie hinter der alles verschluckenden Linkskurve verschwinden. Das ist der Moment der kurzen Stille, des Blicks bis zur Linkskurve, den sich verzweigenden Gleisen entlang, zurück zu der weißen Linie vor der Kante, wo ich wie festgefroren stehe. Du sitzt in Richtung Paris, ich gehe Richtung Ausgang.

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Es sind die immer gleichen Uhren an nahezu immer gleichen Bahnhöfen, nur in den Städten bemühte man sich um Individualität (und in Uelzen), um Sack- und Durchfahrtsbahnhöfe mit und ohne Kuppeldach. Das Prozedere bleibt sich immer gleich. Abfahrt oder Ankunft, Freude oder Schmerz, Tränen gerne bei beiden, Blumen auch und Küsse, Umarmungen, gute Wünsche, schöne Grüße, Danke, Auf Wiedersehen.

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Ich stehe auf Gleis 7. In wenigen Minuten wird der Zug nach Trondheim einfahren. Ich habe einen großen und einen kleinen Rucksack, mein Ticket in der Jackeninnentasche. Oslo – Malmö – Berlin, wenn ich rückwärts schaue. Jetzt Trondheim – Bodø, dann Schiff, dann Moskenes, dann Bus, dann  Å. Je nördlicher ich komme, umso einsilbiger erscheinen die Orte auf meiner inneren Reisekarte. Schon in Malmö habe ich meine grüne Kappe verloren.

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© visitnorway.de

Ich reise allein, ich reise weil ich reisen will, Ziele kommen von Ort zu Ort und ich fahre möglichst auch nie noch einmal irgendwohin, wo ich schon einmal gewesen bin, nicht in fremden Ländern. Dazu erscheint mir die Welt zu groß und das Leben zu kostbar.

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Ich erinnere mich gut an den Bahnhof in Oslo, in Trondheim, in Bodø ist er mir weggerutscht, ich sehe den Hafen, die Fähre, den Fjord, den Bus in Moskenes. Ich weiß noch immer wie mein Zimmer in Å gerochen hat … nach Backstube. Herrlich war das!

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Stamsund Jugendherberge ©https://www.hihostels.com

Später in Stamsund, wo es die beste Jugendherberge ever gibt (wenigstens damals), schaute ich in ein verstaubtes Schaufenster, sah diese alte, schwarze, schöne Schreibmaschine. Ich sah mich ein leeres Blatt Papier zwischen ihre Rollen klemmen, hörte ihr Klickerdiklack, Worte füllten das unbeschriebene Blatt. Das war so ein Moment!

Von hier fuhr ich mit der Fähre ein paar Tage später Richtung Trondheim, dann wieder Zug. Ankunft um Mitternacht, irgendwo auf dem Weg nach Jotunheimen. Der Bus fuhr erst am nächsten Morgen. Meine zweite Nacht allein unter freiem Himmel, dieses Mal auf einer kleinen Lichtung, hier würde mich höchstens ein Reh ansehen. Nein, mich sahen Walderdbeeren am Morgen an, Hunderte. Ich lächelte. Ich lag da, Auge in Auge mit den kleinen, roten Beeren. Zu schön, um aufzustehen, um geschäftig zu werden.

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Später ging ich walderdbeerenlächelnd und heidelbeerenessend zum Busbahnhof. Dieselbe Uhr, es war noch Zeit. Zeit für einen Kaffee oder zwei.

Bahnhof Zoo und Schlesisches Tor, das waren meine Bahnhöfe daheim. Hunderte Male oder waren es tausend Male: Halle – Treppe hoch – Abfahrt: zurück bleiben bitte…

Manchmal blieb ich zurück, stand auf Gleisen, ging Richtung Ausgang – Treppen runter – Halle – raus auf die Straße, kein Taxi. Abfahrt, Durchreise, durch Länder, Wiesen, Felder, Wälder, Berge, Dörfer, Städte, an Seen, Flüssen, Fjorden, Wasserfällen und Meeren vorbei. Ich bin keine Sesshafte. Dafür ist die Welt zu groß und das Leben zu kostbar.

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Ich mag Orte für die Wiederkehr. Orte, die Namen, Größen und Landschaften im Fluss der Zeiten gewechselt haben. Menschen leben überall. Elefanten nicht. Dass ausgerechnet jetzt wieder die Bahnhöfe auftauchen… Aber ganz ehrlich? Mich interessiert gerade weder Prag, noch ein Zirkus, ich mag keine dressierten Tiere, ich mag Jokkmokk. Dahin sollte mein Zug jetzt fahren, Polarlichter sehen.

Zug fahren, die Landschaft vor dem Fenster verändert sich langsam, Menschen steigen ein, steigen aus, gegenseitiges Betrachten, hier und da werden Worte gewechselt, früher auch Geld. Europa, der alte Kontinent, der nun darum ringt seine Vielvölkerei gleichzuschalten, zu einem Takt von Gewinn und Verlust. In England und Griechenland ticken andere Uhrzeiten.

Synchronisation kann nicht anders, als immer wieder aus dem Takt zu geraten. Momente des Chaos. Kein Uhrwerk dreht sich ewiglich, nur der Zeit ist das egal. Der Morgen rötet sich, der Tag bricht an, nimmt seinen Lauf, senkt sich in die Abenddämmerung, ruht still in seiner Nacht. So geht das seit Millionen Jahren. Ankunft, Sein, Aufbruch, weg, Tage, Monate, Jahre in Jahreszeiten, du, ich.

Menschen zähmen Tiere, Pflanzen, Kinder und die Zeit. Menschen rennen, leiden, wehren sich, kommen zu spät, zu früh oder pünktlich, sie eilen, sie schlendern, ticken mit dem Fuß einen Takt mit Tempi in Asphalt und Erden. Sie tun. Sind sie?

Sein also, an einem Nachmittag im Februar auf dem stillen Winterberg, jetzt ohne einen Ton. Das sind die in Watte gepackten Tage, in denen kein Wind zum Fenster hinein singt, an dem nichts passiert, wenn ich still in ihm verharre. Dann höre ich ein Klickerdiklack und gehe auf  Erinnerungsreisen. Das sind so Momente!

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Und sonst so?

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– gestern notiert –

Kreissägen kreischen durchs Dorf, Motorsägen durch den Wald, ein kalter Wind aus Nordost brachte dunkle Wolken, die Löcher ließen für einzelne Sonnenstrahlen. Die Tageszeitung liest sich wenig erfreulich, nicht, dass ich anderes erwartet hätte, gewünscht schon.

Ich kann mich jetzt wieder schämen Deutsche zu sein, wobei mir allein diese Denke von: ich bin deutsch, niederländisch, griechisch, ghananesisch … zuwider ist! Ich fühle mich einer Welt in tausend bunten Facetten verbunden, bin Mensch unter Menschen, bin Frau.

Hundertausende Frauen demonstrierten am Montag in Polen gegen die erneute Kriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen und was meint Polens Außenminister Waszczykowski dazu (?):“Die Frauen amüsieren sich heute auf der Straße …“* → Wir sind noch nicht sehr weit gekommen →

In der Türkei wurden weitere kurdische Radio- und Fernsehsender geschlossen, aber man darf jetzt die eigene Armee besuchen und schauen was sie da eigentlich macht.

Und nun weiß ich auch, dass es eine synthetische Währung gibt. Ah ja … Wieso sehe ich nun Kinderkaufmannsläden vor mir und einen Präsidentschaftskandidaten mit Batmans Jokermaske vor dem sowieso nicht ansehlichen Gesicht?

joker-185823©bilder.4ever.eu

Heute ist mein halbfreier Tag, den ich mir am Nachmittag, gemütlich im Bett sitzend, vermiese. Ach was! Nur kurz- dann schaue ich wieder dem Flug des Rotmilans zu und denke wieder einmal an Rosa Luxemburg und Ernst Toller, die beide Trost bei der Beobachtung von Blaumeisen und Schwalben in ihren Gefängniszellen fanden. Die finnische Ornithologin Ulla-Lena Lundberg schrieb hierzu: „Von Vogelbeobachtern heißt es, sie seien Menschen, die von anderen Menschen enttäuscht wurden …“*

Gestern Morgen, auf dem Weg zur Arbeit, schreckte ich einen Schwarm Stare auf, Zugstare aus dem Norden, die sich auf einer Wiese versammelt hatten, während „unsere“ schon vor 3/4 Wochen abgereist sind. Wer stellt ihre inneren Uhren?

Und was tickt in der Welt? Rechtsdrehende Populist_innen im Takt der Probleme, die sie nicht lösen wollen.

Und sonst so?

Als sich der Himmel in allen nur erdenklichen Rosalilatönen verfärbte, sprang ich hinaus und nahm die vom Nordostwind getrocknete Wäsche ab …

Anmerkung

* die Zitate wurden der taz vom 04.10.2016 entnommen


Gestern schrieb Irgendlink auf Flussnoten sein großes Finale: „Die Pufferzone des Verzeihens”, ich bin absolut begeistert, wer mag kann hier lesen →

Ohne Punkt und Komma # 1

0050a 31.01.16 lampenfisch

Jetzt sind sie die weg die Worte um Wellen und Kämme und Tiefen um Lampionfische und dem ewigen Auf und Ab von Zuversicht und Trostlosigkeit aber ich erinnere mich noch dass ich mit sechzehn entschied sprechen reden ja was sprechen oder reden na egal auf jeden Fall das zu lernen ich entschied weiter dass ich dafür lesen muss viel und viel verschiedenes und ich las bis ich fett geworden war und mir die Wörter aus allen Körperöffnungen gleichzeitig quollen aber ohne Sinn und Punkt ein Wortesalat ein Babylon ein Schlamm der die Atemwege verstopfte die Augen blickten irr ich soll die Welle reiten das geht immer eine Weile gut obwohl ich keine Ahnung habe von Wellen und Ritt wichtig ist ja auch nur dass es eine Weile gut geht warum nicht länger weiß ich nicht und auch kein anderer aber wie sonst hätte ich je Freude an dem Lampionfisch in tiefster Schwärze finden sollen wenn ich immer nur die Wellen von oben im Strich gekämmt hätte so ein Fisch mit einer Lampe auf der Stirn heißt Zuversicht ja klar für mich für wen denn sonst und es könnte doch sein dass er mir die Wörter reiht Luftblase an Luftblase bis sie doch etwas zu sagen fänden was nicht schon so gesagt worden wäre und ohne langweilig zu sein eine Wortsymphonie ja okay es muss ja nicht gleich so groß sein aber Kammermusik ist mir echt zu piefig in diesem Zusammenhang ein Orchester sollte es schon sein vielleicht ein jazziges so eins wie Art Ensemble of Chicago oder Sun Ra die Lampionfische senden die Noten an die Oberfläche wo sie die Wale auffangen und in den Himmel singen damit ich nur noch zuhören und schreiben muss damit sich vierundvierzig Jahre Sprechunterricht einmal Gehör verschaffe oh du schöne Eitelkeit singt ein nichtgeladener Chor im Hintergrund nein kein Engelschor weil ich den nicht hören will nicht jetzt und weil er auch nicht zu mir passt wie so viele Wörterreihen auch nicht deren Ketten ich zerreiße so baue ich Fett ab und mag mich dann ein kleines bisschen lieber ich will auch gar nicht so tun als hätte ich mehr als vierundvierzig Wörter gelernt oder dass ich mich bei den Griechen auskennen würde als hätte ich je Leda getroffen oder als wäre ich schon einmal ein Schwan gewesen oder geworden ach du lieber Schwan als wären Schwäne partout lieb und ich hätte mal wieder den Witz nicht verstanden ich bleibe beim Lampionfisch weil er mir mein Dunkel erhellt weil es eben immer nur eine Welle gut geht und ich das Meer nicht lesen gelernt habe nur die Wörter von denen aber nur manche wirklich beredt sind ich Zuversicht nur beim Schein der Laterne finde wo Zwietracht und Widersacher gerade mal nicht vorkommen nicht wie in all den Romanen und Krimis von der Realität ganz zu schweigen und ganz schlimm geht es mir immer wenn ich Krimis lese die irgendwo in Afrika spielen ob nun mit afroamerikanischen oder nur afrikanischen Augen gesehen und weitererzählt da gibt es keine Sühne die groß genug wäre und wenn ich Afrika schreibe dann ist das eins aber es ist auch das ganze Amerika und die Arktis und Asien es sind die weißen Männer und Männer und Männer und Frauen deren Sühne niemals groß genug sein kann und meine Scham kennt an manchen Tagen nur einen Lampionfisch der dort ist wo das Meer keine Wellen mehr kennt außer der Tiefe Punkt

Anmerkung

Den Lampionfisch fand ich bei dawanda.com – herzlichen Dank

BloggerInnenprojekte – 2 – Hauptsache händisch

Handschriftliches

Ein Projekt von tikerscherk: Hauptsache händisch. Biddeschön! Aber ob ihr das jetzt auch lesen könnt? Ich übertrage mal an einem Band (und hab dann doch noch ein kleines bisschen redigiert … tzzz … so ist das):

Handschriftliche Notate – mit und ohne Füller – gerne auch mit weichem Bleistift – was hält länger? Wasser löscht Tinte – Radiergummi das Blei – Muss das jetzt haltbar sein? Klaus Merz, so las ich im poet Nr. 19, leistete Widerstand gegen die Ausführlichkeit.

Wortnotate:

Wandlungen – Haltbarkeit – unhaltbar – Staub – Nebel – Tauwetter – Motte – Brunnen – Spiegel – Unterwelt – Urgrund. – Als wäre nie etwas gewesen. – „War … WAS“, ächzte die Zeit und ließ passieren. Vorübergehend und fortlaufend – Er, sie, es geht vorbei (und schaut nicht rein) – Sie, es, er läuft fort. Weit, weit weg. Keine Wiederkehr. – Es, er, sie rennt, als gäbe es wirklich etwas zu verlieren. – Mehr als tot ist nicht. – Wovor fürchtest du dich? Dann. – Was lässt dich hinschauen, was dableiben? – Woran klammert sich dein Griff? – Ja, die Schneeglöckchen. Bald. Und dann der Duft der Narzissen. – Dass die Worte so nah beieinander stehen: Narzisse, Narzisst und Nazis, gefällt mir nicht. Narzisse und Narr, Närrin, na klar, Ziest und Haschi, eine feine Narretei.

  Notenschluessel                                               Kemenatenblues – Und wenn schon DADA, dann richtig

0047 26.01.16 und wenn schon Dada, dann richtig...

Herzliche Grüße in meine alte Heimat: Kreuzberg-Südost – hat Spass gemacht! Und das mit den Schnittchen und den gekämmten Haaren kannstde ruhich verjessen  ;o)

BloggerInnenprojekte – 1 – John

001 dompfaffUnd wie ich den gekrönten Dompfaff anschaue, der kein Zaunkönig ist, dafür ist er zu groß und auch zu rot am Hals. Der auch kein Rotkehlchen ist, dazu ist er zu rund und auch zu groß und kann somit nur ein Dompfaff sein, da denke ich an König Drosselbart. Ach, lieber nicht! Lieber pfeiffe ich auf Dom und Pfaffen, ziehe Hütchen und grüße Sie. Sie, meinen lieben Kleinen König Kalle Wirsch. (Kleine Verbeugung und ein noch kleinerer Kratzfuß.)

de.hr.cms.servlet.IMS„Verzeihung … kennen wir uns?“

„Nun ja, nicht wirklich, aber …“

„Papperlapp. Aber und nicht wirklich, was soll das denn heißen?“

Unwirsch kann ein Kleiner König Kalle Wirsch werden, wenn man nur so ungefähr bleibt. Ich räuspere mich, suche die rechte Rede. Blitzschnell. Weil so ein König, ob groß oder klein, ob Kalle Wirsch oder ein anderer, ja nicht ewig Zeit hat, ich sage schnell:

„Ich habe viel von Ihnen gehört.“ Er richtet sich auf. Er schaut mich an. Ich scheine die rechte Rede gefunden zu haben. Welcher König mag keine Schmeichelworte! Flugs spreche ich weiter:

„Von Ihnen und Ihren Blechtrommlern … und da dachte ich (Vorsicht, Glatteis!), ob Sie und Ihre famosen Blechtrommler nicht einmal feste trommeln und brüllen könnten, so statt meiner, und weil meine Stimme wenig wiegt in der Welt und weil es den Königinnen und Königen, den Ministerinnen und Ministern in der Welt doch einmal in den Ohren klingeln muss, dass das kleine Volk den Frieden will in der Welt.“

Ich hole Luft und schaue in die weit aufgerissenen Augen vom Kleinen König Kalle Wirsch. Etikette? Vergessen. Er zieht und zubbelt an seinen Fäden und schon geht es los: der Kleine König Kalle Wirsch brüllt, wie noch nie jemals jemand gebrüllt hat:

„STOPP!“ Und wild trommeln die Blechtrommler dazu.

Dann kommt John, er trägt Ohrstöpsel und ist sehr blass. Er stammelt:

„Ich muss dir etwas sagen …“

„Ja?“

„Du hast es geschafft! Na ja, vielleicht nicht du selbst, aber der Kleine König und seine Blechtrommler. Da draußen trommeln sie auf zwerchige Felle und allen klingeln die Ohren, nur die Kinder tanzen, die Tiere kommen aus dem Wald, die Erwachsenen verstecken sich, das kleine Volk ist wieder erwacht.“

Da erwache auch ich. Der Dompfaff wird immer noch vom Bläuling umtanzt, die Glockenblume läutet noch immer ihr Blau, niemand trommelt, niemand brüllt. Nur ich auf meine Brust, John nickt:

„Darling, es wird Zeit!“ Wir trinken noch einen Kaffee und dann gehen wir zum Bahnhof.

Anmerkungen:

nach einer Inspiration von Jutta Reichelt und ihrem Geschichtengenerator

den Dompfaff habe ich abfotografiert – © Daniela Drescher – Grätz Verlag

Das Bild: Der Kleine König Kalle Wirsch © hr-online.de – herzlichen Dank

Zeitungsvogel und Stachelkleid

0026 16.01.16 zeitungsvogel

Huuu, in dieser Woche tobte ein Schneesturm über dem Hochtal, vier Tage und vier Nächte heulte er ums Haus. Aus Schmuddelberg wurde Schneeberg. Es tobten Schneesturm, Froststurm, Nachrichtensturm, Gedankensturm aus allen Richtungen.

Huuu, ich habe mein Stachelkleid wieder aus dem Schrank geholt, ich muss mich schützen, rundum.

0027 16.01.16 stachelkleid

Stachelkleid gegen Übergriffigkeit. Stachelkleid gegen altbackene Männerwerte. Stachelkleid gegen Gedankengifte. Stachelkleid gegen Menschen, die verachten, die stigmatisieren, die polarisieren, die manipulieren.

Schnitt


Borderline – an der Grenze – Grenzlinie – Grenzgänger – Grenzverletzung, mir ist ganz schlecht von so viel Begrenztheit und Begrenzung, von den Wellen und Strömen und -ungen, dem Vokabular: Massen, Pöbel, Mob … STOPP

Wach bleiben heisst nicht, sich in den Strudel hineinziehen zu lassen. Nicht folgen. Souverän bleiben. Geht das, bei all der Empörung?

Repression – Depression – Pression – nötigen – zwingen – pressen – AUS.

Schlaflos bohren Gedanken Löcher in die Begrenztheit. Sie suchen Wege aus der Enge. Eng, enger, am engsten.

Denken – Medien – Recht – Auslegungssache – alles Gummi. Aber kein Gummitwist mehr auf den Schulhöfen, kein: Müller, Müller wie weit darf ich wandern?

Müller – Schuster – Bäcker – Metzger, wie weit seid ihr gewandert? Wohin?

Cowboyfreiheit – Seemannsgarn – Kindergeschichten – Disneyland, und überall Menschen, Tiere,Bäume,  Pflanzen, Steine, Sand, Meer, Wüsten, Berge, Schnee, weite Ebenen, enge Täler, Wolken, Sterne oder nicht, Mond und so … Wo werden weite Gedanken geboren?

Reduktion – Ressourcen – Schlichtheit – Schnörkellosigkeit – Echtheit – Berührung, sag mir ein anderes Wort dafür und ich verwende es.

0017 07.01.16 Schwesterchen, komm tanz mit mir

Rückblick – 3 –

Die kleine blaue Frau, die Zeit, die Anderen und Spuren

051 22.04.15 die kleine blaue Frau, die Zeit, die Spuren und die anderen

Erinnerungen mal zwei

Die Einer sind die Mehler*. Die zählen sich gen Null. Nur am Abend glitzern sie so herrlich auf den Bettdecken der Cousinen, grün und blau und gold. Klicker heißen bei uns Dötze. Ihr sagt Murmeln, wir verstehen uns. Absätze bohren Löcher in die Erde. Weiter hinten wird ein Strich gezogen.

„Geh spielen! Geh …“

Die Einer sind die Mehler. Am grellen Tag sind sie die Null. Da weiß man doch sofort in welchen Stuben die Armut hockt und man am Abend trotzdem lacht. Zehn für eine Gläserne, eine kleine, versteht sich. Das ist die Regel.

Es klickt und klickert, es wird weggedözt und ins Loch gerollt. Verloren ist verloren, wird gemurmelt. Manche lernen nie auf den Fingern zu pfeifen und schneller als der Wind die Kurve zu kriegen. Als würden unsichtbare Stempel auf neugeborene Stirnen gedrückt: gewinnen – verlieren – ausscheiden. Küssen und herzen ist nur was für Affenmütter.

„Ulriii-ke, komm jetzt rein!“

„Aber die …“

„Du kommst jetzt rein, aber dalli!“

Die Einer sind die Mehler, die zählen eigentlich nix. Zehn für eine Gläserne, eine kleine, versteht sich. Grün und blau und gold glitzern sie am Abend auf der Bettdecke der Cousinen. Was haben wir gelacht!

*Wer weiß, was Mehler sind?

Text © Ulli Gau 03 2015 (aus dem Gedankenauffangbuch)

 

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Andere Erinnerungen

Im März war ich in Berlin, Susanne Haun hatte mich zu ihrem Kunstsalon eingeladen. Unser gemeinsames Thema waren Blumen. Berlin im März war nasskalt und grau, nur in kurzen Momenten wurde manch Pfütze blau. Aber die Blumen blühten im Salon.

Später beschäftigte mich eine lange Zeit die Frage: in welcher Liga spiele ich eigentlich? Vor kurzem schrieb ich an Samtmut meine Antwort: ich bin eine vom kleinen Volk.

In Berlin traf ich mich auch mit Elvira (immer diese Engel, bitte klicken) Elvira und ich waren und sind uns einig: dieses Gespräch hätte noch Stunden weitergehen können und irgendwie tut es das auch …

Im März war es auch, als eine Serie von KrankSein ausbrach. Aber das ist jetzt hoffentlich vorbei!

Aufrichtung

075 08.06.15 aufrichtung

Ein Leben lang. Du und ich, das ist zumindest eine lange Geschichte. Und ein bezeugtes Ja. Versteckte Bangigkeit, beherzter Kuss, ab jetzt ein Leben lang. Als ob ich tot sein müsste, wenn du es wärest oder die Geschichte oder du, wenn ich es wäre. Als gäbe es kein Leben mehr und schon gar kein langes, wenn du und ich aus dem Wir gefallen wären. Wenn deine Hand meine nicht mehr hielte. Das Wir, das Verwirrte, wenn nicht gar Verirrte. Das Ja, das Nägel in Kreuze schlägt.

Du und ich teilen das Brot am Abend, ich in meiner Gestalt, du in deiner. Kein konturloses Wir, wie ein geschmolzener Käse über dem Abendessen. Berge und Täler dazwischen, Drifteis auch, jede und jeder auf der eigenen Scholle. Nordostpassage. Um durchs Nadelöhr zu schlüpfen braucht es die Stille der Nacht, ihr Überleben. Weitergehen. Miteinander. Jede und jeder für sich. Miteinander. Aufrecht.

Du und ich, jetzt fast schon ein Drittellebenlang, jede und jeder in der eigenen wachsenden Gestalt.

Über den Wassern

049 13.04.15 über den wassern

Mitfliessen, dann wieder steuern. Das Boot. Über die Klippen. Weil immer irgendwann Schnellen, Klippen und Fälle auftauchen. Im Strom, umsichtiges Umschiffen. Mit ihm sein heisst auch Gegensteuerung. Je nachdem. Kurz fallen, aufkommen, wackeln, Ruder bremst. Bremse … auch die, je nachdem. Herz klopft. Dann gleiten. Ruhiges Wasser, seichte Ufer, Vogelwelt, Kraniche hier, Flamingos woanders. Augen schweifen. Ein Platz für ein Zelt, ein Ufer für eine Nacht, ein Feuer für den Reis. Hinter den Regenwolken ist der Mond schon lange aufgegangen. Sterne blinken auf Wolkendecke. Ungesehen. Goldstaub und Regensegen. Trocken war das Land. Es brennt ein stilles Feuer, ein stetiges, ein warmes, friedlich, unaufgeregt, schnörkellos …