neue Geschichten

0117ab 20.07.14 Beispiel für alte Geschichten

(Beispiel für alte Geschichten: nachtrauern – draufklick = gross)

Alles begann mit einer Buchbesprechung in der Sommerausgabe des Spuren-Magazins, es ging um eine Neuerscheinung von Charles Eisenstein: „Die schönere Welt, die unser Herz kennt, ist möglich“

Hätte ich nur den Titel in einem Buchladen gelesen, wäre ich weiter gezogen, Esokram, hätte ich wohl gedacht und schon wieder einer, der meint zu wissen, was das Herz weiss und kennt, als ob das so einfach wäre! Ja, ich gebe es zu, in mir ist schon lange eine gewisse Müdigkeit gegenüber all diesen Heilsversprechungen und Workshops, wie: folge deinem Herzen, etc.- Nicht, dass darin nicht eine Wahrheit versteckt wäre, aber ganz so unkompliziert, wie es uns manche glauben machen wollen, ist es eben nicht.

Doch zurück zur Buchbesprechung, etwas setzte sich in mir fest und das waren diese Sätze:

„Charles Eisenstein sieht die Sache darin befördert, dass wir uns neue Geschichten erzählen und uns gegenseitig darin fördern, die neuen Mythen mit Leben zu füllen; Geschichten von der wechselweisen Verbundenheit, von der Welt als Geschenk und vom Menschen als Wundertäter.“

Letzteres möchte ich mal (noch) ausklammern, denn so viele WundertäterInnen sehe ich nicht, aber vielleicht kommt das ja noch, wenn wir nur daran glauben und ob Mythen wirklich neu sein können, möchte ich auch dahingestellt sein lassen …

Mir geht es um die neuen Geschichten, sie sind es, die mich beschäftigen. Mich dünkt, dass wir nichts wirklich ändern in dieser Welt und wir uns selbst auch nicht, wenn wir die alten Geschichten nur immer wiederkäuen und Tag für Tag neu aufleben lassen, die Geschichten von den unglücklichen Lieben zum Beispiel oder den Krankheiten und Gebrechlichkeiten, der Demenz, der Alzheimerkrankheit im Alter, den Weltuntergangsszenarien und dass die Welt sowieso schon immer schlecht war, ist und bleibt. Hierzu gehören auch für mich die Geschichten vom bösen Schicksal, die uns anscheinend nur darin ermutigen zu leiden, oder der, nicht liebenswert zu sein oder etwas ganz besonderes oder der, dass wir sowieso nix ändern können, nicht an der politischen Situation, noch überhaupt.

Zugegeben, wann immer wir neue Geschichten leben, schreiben oder erzählen wollen braucht es Mut, braucht es Verantwortung, Aufmerksamkeit und Achtsamkeit für das Wort, die Tat und tägliche Übung. Aber hier geht es entlang, wenigstens für mich.

Und wie immer, wenn sich etwas in mir beginnt auszubreiten, finde ich Entsprechendes. Wie zum Beispiel diesen Satz von Pema Chödrön:

„Der Schlüssel ist die Veränderung unserer Gewohnheiten, insbesondere unserer geistigen Gewohnheiten.“

Aber auch das Interview mit Richard Lorenz, das Philea alias Petra auf ihrem Blog eingestellt hat, wie der Artikel von Emil über eine alte Dame, die partout nicht alt erscheint, fallen für mich in diesen Bereich, oder dieser Künstler http://www.andresamadorarts.com/.

Ja, neue Geschichten braucht die Welt …

0118 20.07.14 Tanz

 (Beispiel für neue Geschichten: Mut und Lebensfreude – draufklick = gross)

das Foto der Statue stammt ursprünglich von Photoraum alias Thomas W.M.Wanzek, nochmals herzlichen Dank, Thomas!

 

die Närrin kehrt zurück

zwischen Frühling und Sommer

0100 Närrin und Klabauter gehen auf grosse Fahrt

Es hatte der Klabauter die Närrin mit sich genommen, von einem Frühling über den nächsten. Bis in den Sommer hinein, waren sie über die Weltmeere gesegelt. Die Eismeere hatten sie in der dunkelsten Zeit durchkreuzt. Alte Gespenster lehnten an den Masten, hingen in den Takelagen,

0101 15.07.14  Gespenster lehnten an den Masten, hingen in den Takelagen

Dämonen tönten aus der Tiefe des Schiffbauchs herauf.

Es war ein wilder Tanz. Nacht für Nacht.

0102 15.07.14 Dämonentanz im Schiffsbauch

Klabauter lachte, segelte mit dem Nordwind, den Polarstern im Auge. Nur allmählich tauten Frost, Angst und Schrecken. Neue Frühlingswinde wehten. Furchtlosigkeit hatte der Klabauter sie gelehrt. Nacht für Nacht.

Lass Zuversicht und Vertrauen wachsen, hörte sie ihn flüstern, als sie widerstrebend in den Schiffsbauch stieg. Schritt für Schritt, tiefer und tiefer ins Dunkle hinein, dem Getöne entgegen. Sie wuchs, Wärme und Weite in ihren Adern. Aus Abscheu und Angst wurde Empathie. Und wie sie begann die Ungetüme zu füttern, mit allem was sie von ihr forderten, schrumpften sie ins Nichts. Nun waren es andere, die ihr für den Aufstieg die Hände reichten.

Ein Jahr und noch etwas Zeit waren vergangen, bis Klabauter die Ufer der kleinen Stadt erneut erreichte. Er hatte die Segel gestrichen. Keine alten Gespenster lehnten mehr an den Masten, keins hing mehr in den Takelagen, keine Dämonen mehr weit und breit. Die Närrin trägt ein neues Kleid, einen Umhang für rauere Tage und einen neuen Hut. Sie ist leiser geworden. Ihre Freude ist still, als sie die kleine Stadt im Sommerkleid erblickt.

Viele waren gekommen.

Alte und neue Gesichter.

0103 15.07.14 die kleine stadt im sommerkleid begrüsst die närrin

Meer und Land – blaue Stunde 12. Teil

0106 18.07.14 Meer und Land

 

Es heisst alles Leben kommt aus dem Meer, aber woher kommt das Salz im Meer und wo werden die Wellen geboren? Und wenn wirklich das Meer Leben an Land schickte, dann hat das Meer ein Land gebraucht. Und woher kam das? Und was machte all das Leben an Land? Es paarte und vervielfältigte sich, es mutierte, gebar sich wieder und wieder selbst in unzähliger Form. Es wuchsen ihm Felle, Federn, Stacheln, Schuppen, vier, sechs, acht, tausend Beine, Flügel auch und Augen, die sahen, aber nie gleich, bei all den Arten. Und Nasen. Die einen riechen noch das, was in einem Kilometer Ferne ist, die anderen nicht das Naheliegende. So geht es immerfort, das Leben. Das Meer ebbt und flutet dazu.

Vom Nutzen rede ich nicht, auch nicht davon wem es nutzen könnte, sollte oder wollte. Auch vom Sinn rede ich nicht. Es ist nutzlos, sinnlos. Und ob es nun die Spinne war, die einst das Universum webte oder Gott aus Adams Rippe Eva schuf, der grosse Geist über allem schwebt, ob alles mit einem Knall begann oder mit einem Wort, einem Ton, das beschäftigt nur uns Menschen.

Das Leben lebt sich. Es wartet auch nicht. Und es wird sich gepaart, sich multipliziert, sich erhalten, auch verändert, es wird sich weiter- und unterwickelt, es wird sich ausgestorben und wieder auferstanden und erneut geboren … das ist der Reigen. Das ist das Lied vom Meer und vom Land.

Und ich habe mir schon so manches Mal Kiemen gewünscht.

Flügel auch.

blaue Stunde 11. Teil – Sommer in der kleinen Stadt

001

Frauen und Männer, jung, alt und dazwischen, Mädchen und Jungen flanieren, radeln, sitzen, liegen und küssen an den Ufern des Rheins, der heute nicht blau ist, nicht grün, sondern lehmig braun. Es hat viel geregnet in den letzten zwei Wochen.

002

Ein Sommertag, an dem die Gedanken mit dem Milan auf den Winden segeln. Ich höre schwyzerdütsch, englisch, französisch, italienisch und einen spanischen Strassensänger, vor allem aber höre ich Gemurmel. Ich muss niemanden verstehen. Welch ein Luxus! Kein Wort für mich, keins von mir an ein Du. Keiner zieht, keiner will. Ich geniesse.

Dem Berg habe ich den Rücken zugewandt, bin hinabgestiegen ins bunte Sommertreiben einer kleinen Stadt. Ganz Voyeurin, ganz Flaneurin. Es gibt nichts zu tun. Nur Jetzt.

0104 16.07.14 Sommer in einer kleinen Stadt

Es ist noch nicht so heiss, dass Frauen in Bikinis, Männer in Badehosen in Scharen von den Häusern zum Rhein zum baden gehen. Nur viele nackte Füsse von Riemchen gehalten, blaue, rote und schwarze Fussnägel und wenn ich wirklich einmal schöne Füsse in hübschen Sandaletten sehe, spricht ihre Trägerin französisch. Viele Hemdsärmel, wippende Röcke und die obligatorischen straff hochgezogenen Herrensocken in braunen Wildledersandalen. Manches bleibt. Auch der schlechte Geschmack. Wie eben auch nackte Bierbäuche am Wegesrand, zwei Nummern zu kleine T-Shirts, die nur notdürftig die Übergrössen darunter verbergen. Aber ich bin ja in Basel. Da hält sich all das in Grenzen, mehr Freuden, denn Beleidigungen fürs Auge. Und  eine immer wiederkehrende Freude ist eben die Kunst auf der Strasse und in den Fenstern.

005 006

Draussen sitzen, Espresso trinken, das Wasser danach, der Blick schweift und was er nicht bannt, macht der Stift auf dem Papier. Momentaufnahmen …

Es wird Abend in der kleinen Stadt. Ich schenke mir ein Lächeln. Lausche dem Saxophon, schaue den Tanz.

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Schlendernde Füsse, joggende auch, je tiefer die Sonne sinkt, umso mehr. Den I-Pod auf den Ohren. Verkabeltes Sein. Smartphones auf Objekte gerichtet, andere telefonieren beim flanieren. Ich schaue auf Hände, denen man ihre tägliche Arbeit ansieht und solche, die manikürt sind, die vielleicht tippen, statt graben … Rote Kleider sind rar geworden, lautes Lachen, leises Lächeln auch. Man redet. Angestrengt. Dabei ist es doch Sommer! Väter und Mütter führen ihre Kinder aus, Damen ihre Pudel. Nichts geht verloren. Keine der alten Geschichten. Neue müssen sich erst noch schreiben …

004

 

 

Worte

zu Worte

Des einen Worte, sind der anderen Fragen. Säulenartig stehen sie, Wiederholungen in der Endlosschleife. Die anderen mäandern und kreiseln um Wahrheit und Wirklichkeit. Kein Immer, kein Nie. Und sowieso keine Ewigkeit. Nichts Festes. Nichts, das hält. Kein Versprechen, keine Abmachung, kein Du. Ich auch nicht. Kein Fels, kein Berg, kein Meer. Das Universum, vielleicht …

Haus auf dem Land

Haus

Richard Powers – Schattenflucht:

“Als der Zorn wieder aufflammte, als du zurückfielst in das alte bittere Wie-du-mir-so-ich-dir, als du nur noch fliehen wolltest und am Ende nur noch Wurfpfeile auf die Weltkarte schleuderst, da war es mit einmal klar. Es gab nur zwei Möglichkeiten: entweder zurück zu dem alten Spiel, in dem jeder Vorwurf automatisch zum nächsten führt, in dem man die Rasierklingenschnitte der Worte betupft mit dem Alkohol der Liebe. Entweder der sanfte Sadomasoschismus noch ein weiteres, seelenzerreissendes Mal. Oder du kehrst ihm den Rücken und machst dich davon. Fliehst auf dem Pfad, auf dem du einst gekommen bist.

Noch einmal tränenreich versöhnen, das würde euch beide nur noch tiefer erniedrigen. Der Ort der Sehnsucht – das windschiefe Haus auf dem Land, dein Traum von trauter Nähe, der sie immer in helle Panik versetzte – ist nur noch ein Hirngespinst. Er weicht jenem düsteren, nächtlichen Ort, an dem das Zischen der Begierde in Misshandlungen mündet und Misshandlungen neue Begierden wecken.

Jeder von euch war die Sucht des anderen, immer wieder ging es zurück in den Alptraumrausch, aus dem ihr euch so verzweifelt befreien wolltet. Ein Dutzend Mal seid ihr zurückgekehrt von den Toten, nur um wieder rückfällig zu werden, schlimmer noch und wochenlang. Ihr habt das Delirium des Entzugs erlebt: einen Monat, zwei, ohne ein einziges Wort. Und dann, clean, unbefleckt, mit euch selbst im Reinen, seid ihr doch zurückgekehrt, nur um zu sehen, ob es geht. Nur um zu sehen, wer der Stärkere ist. Nur ein kleiner Nadelstich in die Vene des anderen, die bloss darauf wartete …”

selten habe ich eine bessere Beschreibung dessen gelesen, womit heute so viele ringen in der Sehnsucht nach Liebe und Zweisamkeit …

 

Berge und Meer

wasser

Der Zorn ist in die Wellen gefallen, schaukelt sich weich in ihrem Vor und Zurück. Ich liege auf dem Muschelstrand, ein Wal bläst schüchtern seine Fontäne, Fischkutter gleiten über den Horizont. Das Wir verlor sich zwischen der Höhe der Berge und der Weite des Meeres. Ich lausche den Möwen, fülle die leeren Räume mit mir und schaue, wie der Wind das Wasser kräuselt. Dein Land sind die Berge, meins die Felsen am Meer, wo sollten wir uns je wiederfinden?

(Text und Bild copyright Ulli)