Blaue Stunde #20

Am Fluss

fluss

-Für dich schlachte ich eine Ziege. Will ich das? Trotzdem spüre ich eine leise Freude: es hat noch nie Einer für mich eine Ziege schlachten wollen. Damit nicht genug, er sagt -Du musst dich um nichts kümmern, ich mache das.

Ich staune.

Ich spüre die Kargheit der letzten Jahre.

Der Frieden vom Berg ist ein trügerischer, einer, der seltsam erstarrt und unlebendig ist, der sich an einen hängt und mich mit klebrigen Fäden umwickelte. Ich mag auch das hiesige Friedenskreuz nicht, weil es nur für die Touristen errichtet worden ist. Die Touristen, die nun ihren Müll längst des Panoramaweges verteilen. Seltsamer Frieden, das! Wie müde ich manchmal bin-

Und wie oft ich von woanders kam, belebt, lebendig, manche Falte wieder geglättet, munter und voller Tatendrang. Das währte nie lang! Was es war und ist, was zieht, zusammen und runter, das entzieht sich mir. Eine Art Hilflosigkeit, ein gefesselter Lebensmut, der sich nur an anderen Orten entfesseln kann.

Ich höre sie noch sagen, ich höre ihn noch fragen, all die Jahre hindurch. Ich hatte ihn gehört, ich zuckte mit den Schultern. Ich hörte ihre Frage, ich antwortete nicht. Was haben sie und er gesehen, was ich partout ignorierte? Manches weiß ich jetzt, für anderes musste ich durchs Dunkeltal.

Ich musste der Schneeeule folgen, Bärin trug mich durch altes Land. Ich lauschte den Liedern der singenden Schwäne und saß am breiten Ufer meines Bruders. Zwei Fische, aus Weidenzweigen geflochten, nahm er auf, einen kleinen und einen großen, er trug sie zu einem unbekannten Meer.

Ist ein Meer nicht alle Meere, ist ein Fluss nicht alle Flüsse und bin ich nicht alle Menschen? Wo ist meine Grausamkeit, wo mein Hass, meine Zerstörungswut?

Ich mag es Fragen zu stellen. Manche Antworten höre ich nicht gerne. Ich glaube an die Wandlungskraft.

War ich nicht einst die Goldmarie? Und war ich nicht einst das Findelkind im Mooskörbchen? War ich nicht auch das hässliche Entlein und das Mädchen, dem die Mutter starb, das gequält und verhöhnt von Stiefmutter und deren hässlichen Töchtern zu Baba Jaga gehen musste, zur Frau Holle in den Brunnen? Und war ich nicht auch das Mädchen mit der roten Kappe und das Mädchen, das am Weihnachtsabend die Schwefelhölzer entzündete, mit Blick in den Sternenhimmel? Und war es nicht der Himmel und seine Weite, die mir Verheißung auf ein Wiedersehen waren?

Ich mag es Fragen zu stellen. Manche Antworten höre ich gerne.

-Mit dir fahre ich um die ganze Welt. Mit dir kenne ich die Angst nicht mehr. Wie kann das sein?

Am liebsten fahre ich mit dem Auto ins ferne Land. Am Morgen fahre ich los, wenn der Sonnenaufgang meinen Abschied begleitet, der Tag vor mir unter den Rädern singt, er sich dehnt von Morgen zu Mittag zu Abend, wenn der Sonnenuntergang meine Ankunft ist. Auf diesen Wegen finden sich ein Dach, eine Lichtung, ein Feuer, ein Mahl und ein tiefer Schlaf. Rehe stehen im Halbrund um die Lichtung, sie äsen sich dem Sonnenaufgang entgegen. Ich spüre noch den Frieden der Rehe und Beeren und meine Freude.

Der rote Faden mäandert zu den Knotenpunkten und um sie herum. Das Gewebe um ihn herum ist immer noch grünblau.

johnnyWenn ich alle Menschen bin, dann bin ich auch alle Engel und Dämonen, alle Feen, Hexen, Elfen, Elben, Zauberinnen und eine noch kleinere Frau. Dann bin ich Königin im Schwanenkleid, die auszieht um Kaiserin in ihrem Reich zu werden- in ihrem Land Überall-im-Irgendwo, dem Land, in dem mich das weiße Rentier mit den durchsichtigen Flügeln auf seinen Rücken nimmt, mich über alle Mauern und Abgründe trägt, während ich das Lied Ohne-Anfang-und-ohne-Ende singe, begleitet von dem tiefen A in Moll, das nur so mein Johnny auf dem Tenorsax blasen kann wie alle Schiffe tuten.

Knotenpunkte, Knoten aller Art und Seemannsgarn, ich habe es geliebt das Akkordeon zu spielen, den Wind in den Haaren, das Meer im Blick.

Wenn das eine Leben alle Leben ist, dann ist es ein nackter Dada, ein Dideldaddeldumm, wieso mache ich mir überhaupt noch Sorgen?

 

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39 Gedanken zu „Blaue Stunde #20

  1. Das klingt sehr schön. Über den Baba Jaga-Bezug zu Frau Holle freute ich mich sehr – darüber las ich etwas und die Hexe im grausknochigen Hühnerbeinhaus sowie die anderen Märchenwesen sind für mich nichts anderes als Gleichnisse, die am schönsten mündlich weitergegeben werden, denn Märchen schaffen Gemeinschaft. Auch die Externsteine hat Karl der Große mit dem christlichen Brandmal des Kreuzes versetzen lassen, nachdem er der Sachsen Irminsulbaum zerstörte. Eine Straßenbahn fuhr in den Dreißigern zwischen den Felsen durch, der Ort musste auch Hitler ertragen, doch überlebte ihn. Anders als die afghanischen jahrtausendealten Buddha-Statuen, die die Taliban zerstörten.
    Ich mag Dada, den Nackten, schon seit gefühlt immer, genauso wie das Riff aus ‚Smoke on the water‘. Sieben Töne und (fast) jeder erkennt es…
    Du kannst Akkordeon spielen?
    Spielst Du noch…?
    Deine blaue Stunde findet zwar heute erst morgens statt, ich renne der Zeit hinterher. Im Moment hat sie mich im Hamsterrad…
    Liebe Grüße✨

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    • Guten Morgen, liebe Stefanie, ich krieg immer wieder eine Gänsegruselhaut, wenn ich lese wieviele heilige Orte entweiht wurden, aber sie wären keine heiligen Orte, wenn sie dies nicht überdauern würden! Zeit ist für Steine etwas ganz anderes als für kleine Menschleins…
      Anders ist es mit der Zerstörung von Heiligtümern, aber Orte und Land vergessen nichts, man muss nur lauschen können!
      Ich las gerade noch einmal das wunderbare Märchenbuch: der Königssohn von Irland (Gerda hat mich dran erinnert), wenn du Märchen magst und es nicht kennst, dann kann ich dir das nur empfehlen.
      Wirklich Akkordeon spielen kann ich leider nicht, ich habe als Mädchen ohne die Bässe meine Lieblingslieder darauf gespielt, ich habe mir so lange vorgesungen, bis ich alle Töne auf der Tastatur gefunden hatte, den Rhythmus hatte ich eh im Blut- meine Mutter hatte es mir verboten, ich spielte trotzdem, Johnny und das Meer wohnten auch schon damals in mir…
      herzliche Morgengrüsse sende ich dir, lass dich nicht ärgern!!!
      Ulli

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      • Liebe Ulli,
        Du sprichst aus, was ich leise zwischen den Zeilen sagen wollte.
        Diese Orte hatten Glück. Hätte schon längst eine Hassbombe draufgeworfen werden können…Ich hörte mir gestern eine Rede von Frau Merkel an, sie war sehr auf Krawall gebürstet. Ich hörte noch andere Politiker Reden und dachte: Puh, Ihr redet so furchtbar viel, jetzt hab ich mich schon wieder in den innenpolitischen Klamüsereien verhaspelt, was war noch mal das Zhema? Ah, genau! Agenda 2010, jaja,…;)
        Danke für den Lesetipp! Die Märchenbotschaften, das muss ich leider zugeben, verstehe ich intuitiver und leichter. Es geht doch um das Zusammensitzen und Erzählen, Austauschen…so wie jetzt grad der Prinz von Irland, den Du mir durch Gerda empfiehlst…ich bin auch ein Brigid-von-Irland-Fan und überhaupt Irland, also….🤗
        Deine Mutter verbot Dir Akkordeon zu spielen…?
        Puh, Ulli….was soll ich sagen?
        Sehr sehr schade, doch bestimmt könntest Du es noch! Ich lernte Orgel. Wenn ich übe, geht es wieder. Das Wissen ist nur archiviert in einer Kramschublade meines Datenspeichers.
        Danke für den lieben Wunsch und nur keine Sorge: Ärger vermeide ich nach Möglichkeit. Der macht zu sauer. Und falls doch ein Ärger kommt: es ist Sonne gemeldet und warme Temperaturen, hier scheint Clara sich grad warm für den Tag…
        Der Berg ruft!🤗
        Ganz liebe Grüße zu Dir und zu Gerda!

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        • Wie Recht duhast, sie reden und reden und reden und immer wieder um den heissen Brei herum und über ihren Köpfen thronen leere Blasen, wenn sie nur nicht so viel Macht hätten!
          Ich habe wirklich schon darüber nachgedacht mir wieder ein Akkordeon zu besorgen, das Familienstück ist leider verschwunden, wahrscheinlich hat es meine Mutter verscherbelt, wie so vieles, die Arme…
          herzlichst
          Ulli

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          • Es ist so ein Seeleninstrument…und ich finde Deine Idee nachverfolgenswert. Eins meiner liebsten ist es leider nach wie vor, die Ansichten meiner gebeutelten Erzeuger zu widerlegen und zu diskutieren. Deswegen raufte sich mein Vater fast alle Haare aus und fragt sich, was mit mir bloß falsch gelaufen ist? 15 Tracks meiner Playlist sind Stücke mit Akkordeon oder Bandeon, weil diese Instrumente diese Wirkung auf mich haben als sänge die Seele selbst.
            Herzgrüße von Stefanie✨

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              • …Als Selbsterzeugerin zweier Pubertiere kann ich bestätigen, dass Kinder auch eine besondere Spezies sind. Eine Form gegenseitiger Besprachung ist mit den Augen zu rollen. Mhm..Fado…kennst Du Caveillero Monge? :

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              • Ich musste vorhin selbst lachen, ich bin ja längst schon Mutter und nun auch schon seit fast fünf Jahren Grossmutter-
                danke sehr fürs Lied, ich freue mich, nein kenne ich nämlich nicht! So darf ich wieder etwas entdecken, schön ist das…
                herzlichst
                Ulli

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          • Ach schade, ich hatte eins und habs kürzlich verschenkt an ein begabtes Kind vom Odeon (Musikschule), das kein Geld hatte, um sich eins zu kaufen. Eigentlich wars das Akkordeon von meinen Mann, der immer wieder von seinem Traum gesprochen hatte, Akkordeon spielen zu wollen. Ich schenkte es ihm zum 50. Geburtstag. Ich war so stolz, ein gutes funkelnagelneues aus der DDR angeboten zu bekommen. Nur: Mein Mann packte es nie aus. Er schaute es gar nicht an. Er lachte verlegen und war betrübt. “ Es war mein Traum“, sagte er. Traum will nicht immer Berührung mit der Wirklichkeit.
            Jetzt habe ich noch eine gute Gitarre, handgemacht aus Spanien, hab ich kürzlich reparieren lassen, die will ich auch verschenken, denn ich spiele nicht mehr. Willst du die? LG

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            • Liebe Gerda, das Kind wird sich gefreut haben und ich mich mit ihm. Ich weiss es gar nicht so genau, ob es nicht nur auch noch ein alter Traum ist oder ob sich da wirklich noch einmal etwas umsetzen will, schauen wir … vielleicht geht es mir so, wie deinem Mann?! Aber Gitarre? Ich danke dir für dein grossartiges Angebot, aber ich bin wahrlich keine Gitarristin und wollte und will auch keine werden, ich hab mit diesem Instrument noch ein spezielles Thema, da wäre mir ein Bass oder Cello viel näher.
              Herzensgrüsse an dich
              Ulli

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  2. Liebe Ulli, da hast du mich wieder ein Stück Lebenszeit mitgerissen. Du schreibst direkt aus dem Seelengrund. Das macht es so atemlos. Wunderbar. Auch die Erinnerung an die Baba Yaga. Habe ich so lange nicht gelesen. Hab einen schönen Tag.Marie

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  3. Ach, Ulli – einfach nur wunderbar! Ohne Anfang, ohne Ende, von innen nach außen und von außen nach innen – die Akkordeonmelodie klingt über den Fluss und hallt wider von Wellen und Steinen und fliegt zum Meer …
    Mein Maler-Bruder spielte auch Akkordeon … seither berührt mich dieses Instrument besonders. Er kann es nur noch anschauen. Aber die Melodie bleibt.
    Einen guten Tag dir!

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  4. Liebe Ulli,
    dieses „bin ich nicht alle Menschen?“ hat mich zwar immer schon zu der Ahnung eines Ja, aber doch zu nicht auflösbaren Fragen geführt. Es gibt da Grenzen, die kann ich einfach nicht überwinden … wie das schmerzt.
    Umso wunderbarer die Erfahrung, teilen, berühren, begegnen zu können.
    Einen Herzensgruß vom Winterberg (den wir morgen nach leider viel zu schnell verflogenen Tagen schon wieder verlassen werden),
    Frau Rebis

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    • Liebe Frau Rebis, ich finde dies eine der schwierigsten Fragen, die mit der nach dem Spiegel des anderen zu mir hin Hand in Hand geht. Mittlerweile übersetze ich nicht mehr 1:1, weil das für mich nicht stimmig ist und doch finde ich es immer wieder sinnvoll innezuhalten und zu forschen was davon auch in mir ist, was ich vielleicht unterdrücke oder nicht sehen will. Ich schrieb aber auch, dass ich an die Wandlungskraft glaube- d.h., dass ich schon vieles, wie zum Beispiel meinen Jähzorn, wandeln konnte und durfte. Das ist ein grosses Thema für ein Gläschen Wein oder zwei 😉

      So schade, dass diese Ferien schon wieder rum sind und am Montag wieder die Schule ruft, ich wünsche dir von Herzen Kraft für deins.
      Liebe Grüsse
      Ulli

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      • Liebe Ulli,
        es wandelt sich … es ist nur zuweilen ein geduldfordernder Prozess …
        Auf das Gläschen Wein oder zwei freue ich mich gar sehr:)
        Und bis dahin (oder jedenfalls: für die nächste Zeit) wünsche ich Dir Kraft und einen langen Atem und Gelassenheit und stets ein Geländer zum Festhalten, ich denke an Dich und wünsche Dir ganz feste, dass Du Schritt für Schritt gehen kannst, bei all dem vielen, was anstehen wird. Sei von Herzen gegrüßt und mit warmen Gedanken begleitet,
        Frau Rebis

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  5. Ich liebe meine blauen Stunden und habe dann die Muße, in mich hineinzuhören, tief und ohne Störung und es baut so gut Seele auf, liebe Ulli. Ich bestätige es gerne und war auch wie Du alles, was ich las. Zu den Märchengestalten kamen Heidi, Pippi, Zora und es dauerte nicht lange, dann lebte ich dort, am anderen Ort und fand schwer wieder in die Realität hinein. Ich wechselte meine Identität blitzschnell und es machte keinerlei Probleme *schmunzel*
    Auch heute tauche ich noch ein und unter, wenn mich ein Buch berührt und das geschieht mehr und mehr.
    Heute morgen ging es mir schon wieder so *g*

    Fein sind Deine Zeilen, sie treffen die blaue Stunde so gut und schwelgen mit ihr. Auch das Wehmütige und Traurige ist da, denn ausgespart hat sich nichts. Alles will mit hinein. Keines möchte benachteiligt sein.

    Akkordeonspielen durfte ich, das mit den Bässen kapierte ich auch, aber es lag mir nicht und wenn der Lehrer die Bässe drückte, wobei ihm der Daumen fehlte, dann gruselte es mich und nichts anderes sah und hörte ich noch…
    Ich eilte fort und vergrub mich dort, wo ich hingehörte, im Märchenland. Er kam dann nie mehr zu mir …

    Liebe Grüße von Bruni

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  6. Liebe Bruni, so schnell war ich nicht, ich hatte immer längere Periode, als die Eine und den Anderen, ja, ich war z.B. auch Jim Knopf.
    Schade, dass der Lehrer für dich ein Grusel war, ich hatte erst gar keinen; letztlich waren für mich die Tasten des Akkordeons mein heimliches Klavier, denn das wollte ich am allerliebsten spielen, aber dafür hatte meine Mutter kein Geld und es herrschte ja eh der Satz: als Mädchen… deswegen sollte ich auch nicht Akkordeon spielen, aber du weisst es mittlerweile ja schon, dass ich es trotzdem tat, wie so vieles andere eben auch.
    Herzliche Abendgrüsse an dich
    Ulli

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  7. Dein Lied ist mir wohlbekannt, liebe Ulli. Alles hat seine Zeit und jede(r) seine (ihre) Geschwindigkeit. Mancher Ort zeigt sich erst in der Begegnung mit anderen Orten und es nützt nichts, dass eine andere schon lange sagte und ein anderer schon viele Male fragte. Die blaue Stunde am Fluss spiegelt deinen Text ganz wunderbar. Herzliche Grüße!

    Gefällt 2 Personen

    • Ja, das ist wohl wahr, liebe Maren, es nutzt nix, alles hat und braucht seine Zeit und ich bin eben manchmal ein Schneckchen 😉
      Herzensgrüsse sende ich dir
      Ulli

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