Gedankenfäden 005

RoteFadenGeschichte 021

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Gedankenfäden 005

-1-

Heute Morgen ist etwas mit den Raben. Sie krächzen und krächzen. Alle anderen Vögel sind verstummt. Der Nebel wird immer dichter. Es fällt mir schwer nicht an dich zu denken. Heute kommst du zurück. Nebelgrauer Willkommensgruß. Alles Verdrängte, alles Nichterledigte, Nichtsausgesprochene wird wieder auf dich einstürzen.

An manchen Tagen möchte ich kein Holz holen müssen. Heute ist so ein Tag. Heute wäre ich gerne eine Seerose. Rein und weiß bin ich dem Teichschlamm entwachsen. Ich lasse mich von den leisen Windteichwellen wiegen, der Schönheit zuliebe. Es gibt Windbrunnen, die hat das Schilf gebaut. Du würdest mich wieder nicht erkennen.

Den tiefen Stachel will ich ziehen. Die alte Haut fällt in Schuppen ab, ich kann ihn jetzt sehen, kann ihn mit einer Pinzette ergreifen, ein Ruck und er ist raus. Ein Tropfen dunkelroten Blutes ist das Opfer für die neue Haut. Ich warte nicht, bis sich die Wunde entzündet, ich lecke sie. Meine Zärtlichkeit ist mein Pflaster. Als mein Vater nehme ich mich in den Arm, ich rieche an seiner Männerbrust, die nach Tabak und Waldharz riecht. Seine große Hand streichelt leise meine neue Haut.

Wenn ich groß bin, sagt meine Kleine, dann heirate ich dich. Er wirft mich lachend in die Luft, ich fliege, ich juchze, ich habe keine Angst, er wird mich wieder auffangen, wieder und wieder.

Die Freundin sagt, wie traurig das alles ist. Ich liebe sie. So, wie man eine Freundin liebt.

Die Zeit der Prinzen und Johnnys ist vorbei. Eine Prinzessin bin ich nie gewesen, auch wenn ich eine Erbse, unter zehn Matrazen begraben, erspüre. Ich kam als kleine Kaiserin zur Welt. Damals, vor elf Jahren. Oh ja, die kleine Kaiserin ist prächtig gewachsen. Sie wächst sich selbst entgegen. Die alte Buche ist unsere Zeugin. Sie braucht kein Land, kein Volk, die sie „ihres“ nennen müsste. Sie verschenkt sich, sie nimmt die Geschenke vom Wegesrand, sie wandert ihrer Einheit entgegen. Sie spiegelt sich in den Seerosenteichen, hinter ihr erblüht das Land. Sie wird nicht müde Blumensamen in die Lüfte zu werfen und mit nackten Füßen in Bergbächen zu tanzen, ihr Lied mit den Vögeln zu singen. Am Ende wird sie Liebe geworden sein. Das hat sie von der Fährfau gelernt, von ihrem unermüdlichem Vor und Zurück.

Ich bin Anna – Hannah – Lucie, die kleine Kaiserin aus dem Land ÜberAll-im-IrgendWo – ich bin die kleine blaue Frau – ich bin.

Ein Gefühl wie ein Gemälde: links von mir ist eine alte, dicke Mauer – weiß gekälkt, ein Fenster ist darin, das offen steht. Sein Flügel weist nach draußen, er ist festgehakt, gegen den Wind. Eine weiße Chiffongardine bauscht sich hinein, hinaus. Es ist ein Turm – es ist ein Haus – es wellt ein Meer vor dem Fenster, vor und zurück. Ich sitze schräg davon, ich kämme mein langes rotblondes Haar, nicht alt, nicht jung, ein Ist im Sein, ein Gemälde wie ein Gefühl.

-2-

RoteFadenGeschichten sind Gedankenfäden, Gedankenfäden sind RoteFadenGeschichten, sie schreiben sich fort, mit und ohne Bilder, mit und ohne Worte. Sie sind keine blauen Stunden und auch keine Momentaufnahmen, auch wenn heute immer gerade jetzt ist; der Moment in dem die Raben krächzen oder wie gerade jetzt der Nebel nach oben steigt, die Sonne die ersten Schatten des Tages an die Wand wirft.

Sie sind Geschichten des VorundZurücks, der Ankünfte und Abschiede, der Bahnhöfe und Flughäfen, der Kaimauern und Leuchttürme, der Schwäne und der Nebelhörner. Es sind Geschichten von der Aufrichtung in Aufrichtigkeit mit närrischen Kapriolen. Es sind die Geschichten von den Zwillingsbäumen und der Moosfrau, von singenden Steinen und von Sternenstaub im weiß gewordenem Haar. Sie sind Tanz in jeder Form.



P.S. Heute haben sich verschiedene Kategorien und Geschichten aus der Vergangenheit in die Gedankenfäden geflochten, es sind die

  • Momentaufnahmen
  • blaue Stunden
  • die kleine blaue Frau

bei Interesse kannst du diese Begriffe in die Suchmaschine eingeben. Anderes, wie Lucie, die kleine Kaiserin, liegt noch immer als zweiter Kinderbuchentwurf in der Schublade.

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Gedankenfäden 004

RoteFadenGeschichte 019 – 020

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Gedankenfäden 004

Es ist ja nicht so, als ob es nicht traurig wäre! Du bist mir Heimat gewesen, bist es noch, nur anders. Jetzt bist du meine verlassene Heimat. Verlassene Orte sind merkwürdig kalt, sie riechen nach Pilzen.

So gerne möchte ich schneller gehen. Die Sehnsucht nach der Mündung treibt mich. Wieviel Traurigkeit noch immer zwischen den Zeilen ist! Es hat schon mehr als einen Tränenbach in meinem Leben gegeben. Wie befreiend es ist rückwärts zu schauen: das habe ich schon einmal geschafft – und dann nach vorne zu gehen.

Damals waren die Beine noch jünger, vielleicht trugen sie mich schneller zur Mündung, aber vielleicht täuscht das alles auch nur. Erinnerungen neigen zu Kapriolen und manch anderen Narreteien.

Du bist Zurzeit eine Leerstelle. Ich brauche das jetzt. Ich schütze mein Herz. Es ist noch zu früh die kostbaren Erinnerungen in der roten Lackschachtel zu betrachten. Anderes ist zu spät für uns. Manch roter Faden verflechtet sich mit einem anderen auf seinem Lebensweg, andere baumeln lose im Raum.

 

Ich denke an Mr. Aufziehvogel*, der auf dem Boden des ausgetrockneten Brunnens saß, suchte und fand, anderes, vielleicht auch ein Stück von sich selbst. Daneben steht das Bild der österreichischen Bergwiese aus der einhundertundachtundmehr Quellen blubbern, spitzfelsige Berge rahmen das Bild. Heiliger Boden, reines Wasser, ein Stein senkt Altlasten auf den Grund. Still. Tief. Bergsee. Kalt. Kalt ist auch der quicklebendige Bergbach, der einlädt Schuhe und Strümpfe auszuziehen und darin zu tanzen.

Du sagst, du wärst ganz Schuld. Als ob es darum ginge!

Die Freundin sagt, dass sie gerade die ganz einfachen Dinge glücklich machen. Sie könnte jetzt Erbsen puhlen. Ich muss so lachen!

Du hast gesagt, ich hätte den Frieden mit Nachhause gebracht. Damals, als ich von der Bergwiese mit den einhundertundachtundmehr Quellen zurückgekehrt bin. Dass selbst solch ein Frieden nicht halten konnte – und als ob das nicht traurig wäre!

Und dann sehe ich mich in der Abendsonne sitzen. Vögel zwitschern.

Die Vögel kümmert der Aprilregen nicht. Auch nicht die Flocken, die dann und wann wieder und noch fallen. Auch nicht der Nebel, der an manchen Morgenden noch bergan wallt. Die Vögel singen. Ihr Nest, ihre Eier, ihre Vogelfrau, ihr Vogelmann, das ist ihr Lied, in artenreichen Variationen.

Was macht ein Vogel, wenn er Schmerzen hat? Hat ein Vogel Schmerzen? Er muss Schmerzen haben, wenn er sich verletzt hat, zum Beispiel. Von so Vielem weiß ich nichts, als lebte ich ein karges Leben!

Die Haut ist ganz trocken, ich schmiere und schmiere. Die Brüste ganz weich, längst haben sich die Ellbogen daran gewöhnt sie zu berühren, wenn sie nicht hochgelupft werden. Wozu eigentlich?

Was sich so alles gehört und was so alles nicht – und auch nicht gehört, und schon gar nicht erhört wird!

Was und wer alles kam und vorüberging, welche Schritte vor der Haustüre verharrten und sie passierten, wer alles draußen blieb und bleiben musste, leider oder auch nicht. Und wer auch später wieder ging, mit und ohne Wiederkehr.

Das Leben ist eine Bahnhofsgeschichte von Ankunft und Abschied. Eine Geschichte vom Umsteigen, von richtig und falsch gestellten Weichen, von richtigen und falschen Signalen, von Gleisüberquerungen mit und ohne Schranken. Die Geräusche am Bahndamm haben sich über die Jahrzehnte verändert. Gibt es noch spielende Kinder dort? Legt noch eins sein Ohr auf die Schienen, um zu hören, ob ein Zug naht?

Nein, Mutter hat davon nichts gewußt. Mütter dürfen manches nicht wissen! Erst später, wenn die Kinder und Mütter auf gleiche Augenhöhe herangewachsen sind, dann können sie gemeinsam über die kindlichen Spiele lachen.

In den Fluren der Häuser und Schulen in Schweden riecht es nach nasser Wolle – oder ist das jetzt auch vorbei? Länderraumakklimatisationen?

Die weiße Kugellampe beleuchtet das feine Gesteck der zarten Schlehenblüten mit einer tiefroten Ranunkel in der weißen Porzellanschale, mit dem weißen Bretagnestein. Und immer dieses Rot! Als wollte es mich erinnern, an das Blut und an das Leben, an die Kraft und den Willen, an die Liebe, die Lust und die Leidenschaft.

Rote, blaue, grüne und schwarze Schuhe, jetzt also blaue, wie fremd sie mir noch sind! Als Mädchen habe ich einmal beim Ostereinkauf hellblaue Schuhe bekommen. Ich musste bitten und betteln. Mutter war skeptisch, weil sie ein Absätzchen hatten. So stolz war ich während jener Ostertage, wenn ich auf meine Füße schaute.

Immer fuhren wir vor Ostern in die große Stadt, Mutter und ich. Immer dann gab es neue Sonntagskleidung. Und immer betrübte ich Mutter, weil ich nie ein Hütchen wollte. Am Abend gab es dann Röggelchen * mit Feinkostsalaten von „Nordsee“. Ein Fest! Einmal im Jahr war das so. Alle anderen Kleider, Röcke, Blusen, Mäntel und Pullover kamen von den größeren Cousinen, nähte, strickte, häkelte Mutter selbst oder brachte der Nikolaus/das Christkind. Letzteres konzentrierte sich auf Schlafanzüge, die sich, je größer ich wurde, in immer länger werdende Nachthemden wandelten.

Und dann die vielen Horsts in meinem Leben. Der erste Kuss von dem Horst, der nicht Förster wurde, aber so hieß. Die Ferienliebe Horst und auch ein Kuss, mindestens, der sich kurz danach versehentlich erschoss. Die zweite Ferienliebe, unerwiedert, der feine Gedichte schrieb, später, als ich ihn schon nicht mehr kannte, die dennoch ihren Weg zu mir gefunden haben, später, als auch er schon nicht mehr lebte. Und dann die große Liebe, die längste, die, die sich gerade verwandelt, worein auch immer noch. Die mich, trotz aller Ewigkeit, die Notbremse ziehen ließ. Der Zug hielt kreischend auf weit offenem Land. Ich bahne mir meinen Weg zur Mündung.

Ja, ich mag wieder erzählen – meine und andere Geschichten.



Hierzu passt auch das neueste Video von Cambra Skadé



*Mr. Aufziehvogel ist ein Buch von Haruki Murakami

*Röggelchen werden in Düsseldorf die Roggenbrötchen genannt

Gedankenfäden 003

RoteFadenGeschichte 017

Gedankenfäden 003

-1-

Der rote Faden, der du einst gewesen bist, drohte mich zu strangulieren. Viele Quälgeister habe ich eingeladen und alle Männer waren Vater. Niemand ist mir je Vater gewesen. Ich bin mir über die Jahre Mutter geworden, es wird Zeit mir Vater zu sein. Liebevoll werde ich mich auf den breiten Schultern tragen, mich in die Luft werfen und wieder auffangen. Mit neuen Bildern und Worten werde ich mir die Welt erklären, meine kleine Hand in meine große legen, die mich führen wird – über Abgründe hinweg.

-2-

Nur er, der Ritter mit der blauschwarzen Rüstung, wußte was Leiden war. Nur er kannte Schmerz, er allein ist dem Tod von der Schippe gesprungen. Sie lachte ihr gluckerndes Lachen. Seine Rüstung, ein Narrengewand. Sie hat ihre Angst weggelacht. Verwundert schaut er ihr nach. Sie hat nur einmal Simsalabim geflüstert, da war er zu einem hässlichen Zwerg geschrumpft. Verlust und Schmerz ließ seinen Blick sterben. Sie tanzt jetzt für einen anderen.

-3-

Mitten im Strom hängengeblieben, im Gegenstrudel des Fürundwiders auf der Stelle tretend weitergegangen.

Eine Bewegung, erst klein, die Tür ist geöffnet. Es gibt kein Haus. Ein Bett unter einem trockenem Dach, das Winterholz hinter der Wand, geflüsterte Worte, du bist weit weg, es hat sich nichts geändert.

Bittere Frauen, ein Bänkelsänger, ein zugeklebter Mund, verstopfte Ohren, rollende Räder, weg von brennenden Scheiben, berghohe Feuer, keine Gefahr.

Weg weg, dichtes Dickicht, lose Worte, Los gekauft, Geld los, ein Loch in der Hosentasche. Den Ball eingelocht, schwere Verbrecher erbrechen Kaviar in goldene Schüsseln.

Drei Kammern: Altglas, Altpapier, Restmüll. Der ohne Obdach, am Bahnhof verlor die Mission, lehnt an der dritten Kammer. Toni Restmüll. Eiserne Besen fegen den Winter der Welt. Hitze und Dürre, verirrte Eisbären sterben vor vergoldeteten Türen.

Eiserne Bänder geflochten, bunte Bilder, bemühte Schönheit, gefütterte Freude, kein Prinz, viel Angst, kleine Hände graben nach Liebe.

Die Sonne scheint. Der Nachbar kotzt. Guten Morgen!

Es geht gut – es kann nicht gut gehen – gehen tut gut.

Wir ist auf die Fliesen gekracht. Eine Hand fegt Scherben. Das Herz gehalten. Eisenband. Kein Wagen, kein Heinrich. Flüsse fließen wieder. Steine und Wagen poltern über Kopfstein, Kopf und Stein, Stolperstein, Erinnerungen, Gedenken, an dich denken, Trauer, Frieden, Stille, Meer.

Bierdumpf ist auch so ein Wort. Dumpf überhaupt – Dampf, Qualm, Nebel, Rauch – bald Bahnhof, dann Flugzeug, dann weg.

Erinnerungen

Vor ein paar Tagen bin ich auf diesen Text von mir gestoßen, den ich im Juli 2015 geschrieben habe. Nun habe ich ihn leicht korrigiert. Wen es interessiert, so habe ich ihn damals illustriert → https://cafeweltenall.wordpress.com/2015/07/07/alt-und-neu-und-nichts-altes-mehr-neu-aufgelegt/

Manchmal staune ich, wie leicht ich schon schreiben konnte, es will mir so nicht mehr gelingen. Und ich hoffe sehr, dass dies nur eine Phase ist, die nun allerdings schon fast zwei Jahre anhält -m-

Eine Art Finale einer kurzen Serie von Altem, das ich neu auflegte und dadurch kein bisschen neuer wurde, nur Erinnerung mit der ich gerade zu tun habe.

Als ob es so muss, dass plötzlich nur noch Erinnerungen zählen, in der sie Gesicht und Worte einfordern und dabei jedes Jetzt überlagern, mich nicht wissen lassen, was ich gestern tat, dafür umso besser, was vor dreißig Jahren. Dass Erinnerungen ihre Türen und Fenster öffnen und Damalswinde Jetzträume durchwehen, mit Gerüchen, die alt erscheinen und gleichzeitig wohlbekannt. Nicht immer wohlig, nicht immer benannt in ihrem Duft, weil ein Erinnerungsduft sich zusammensetzt aus Kohlen im Keller, Kartoffeln, Feuersalamandern und meiner Angst.

Die Angst, die ich versuchte wegzupfeifen. Ein schiefes Lied gegen das laute Pochen in meiner Brust. Dort, allein im Keller mit seinen vielen Winkeln und Verschlägen, seinen Kohlen, Kartoffeln und Feuersalamandern, um etwas zu holen, das Mutter brauchte.

Die Gläser mit Eingemachten zählen nicht, geruchlos standen sie in Reih und Glied auf den Bretterregalen, die sich gefährlich bogen. Vielleicht roch noch das rote Gummi, das alles verschloss. Aber so wirklich interessierten sie nicht. Auch nicht heute, nicht in diesem Keller. Später, in einem anderen Keller ohne Winkel und Verschläge, ohne Kartoffeln, Kohlen und Salamandern lockten die Birnen. Da war ich nächtliche Mundräuberin, riss an den Gummis, aß ganze Gläser leer. Ich rieche die Birnen noch.

Aber jetzt will ich keine alten Orte aufsuchen, will nicht auf meinen Spuren wandern, will neue in den Sand vor mir setzen. Ich weiß vom Wind, der sie zerweht, ob früher oder später. Viele hat er schon mitgenommen. Meine Füße hinterlassen keine Abdrücke in Stein und das, was damals war, ist in mir. Die Häuser, ob sie noch stehen oder nicht, ob sie neue Farben bekamen oder nicht, bedeuten mir nichts. Sie stehen dort vierstöckig mit grauer Fassade, ich werfe rote Bälle an ihre Wände und will nicht mehr dorthin zurück. Keinen Weg von damals will ich noch einmal gehen.

Ich rieche an Maiglöckchen und habe wieder Geburtstag in Tantes Garten. Gärten und Häuser, die verschwanden, aber nicht in mir. Sie alle hatten einen Keller und alle ihre Wände erkannten mich an meinem Pfeifen, Kartoffeln und Kohlen überall. Feuersalamander nicht, Eingemachtes schon.

Wir lernten die Not aus den erzählten Geschichten, weit weg von uns und den immer voller werdenden Geschäften. Seelennot, die lernten auch wir, aber Hunger gab es nicht, wenn uns auch nicht alles schmeckte und das Brot, vor der Brust geschnitten, mit einem Segenskreuz verziert, täglich und selbstverständlich auf dem Esstisch lag. Unser Hunger hieß nicht Brot, er hieß Leben, Liebe, Lust und Leidenschaft, Abenteuer winkten überall, nur nicht in den Wohnzimmern voller Gummibäumen und anderem Gewächs. Kittelschürze war nicht unser Kleid, nackte Füße steckten in Sandalen, ob es sich geziemte oder nicht. Röcke verloren ihre langen Säume, Wind fuhr durch offen getragene Haare, Kreuze brannten.

Daher kommen wir. Zeiten, die jetzt von dem einen und der anderen aufs Papier gebannt werden, die ich lese, die meine Erinnerungsräume öffnen, die Spiegel der Zeit sind und vielleicht die eine und andere Spur zu sich selbst, warum man wurde, was man ist und vielleicht noch werden kann …

Ich verschließe Türen und Fenster, fege Spinnweben von altersschwachen Erinnerungswänden, streiche weiße Farbe über alte Bilder, die am Ende nichts verbirgt.

Als ob es müsste, weil man es so sagt, als hätte Alter kein Jetzt und als bliebe kein anderer Weg. Als müsste ich schon satt sein und mich nur noch an den alten Wegen laben, ihren Brotkrumen darauf. Ein Krückstock sagt noch nichts über die Augen! Das Neu hat immer auch das Alte im Gepäck, sowieso.

Momentaufnahme Januar 2019

Versuch eines Rückblicks in Worten – Januar 2019

Erfüllt mit glänzender Stille, flüsternden Sternennächten und winterblauen Bergweitsichten begann in diesem Jahr der Januar. Kein Streit, kein Hader, keine schlechten Nachrichten. Das Leben darf leicht sein. Ich darf leicht sein und ich darf sowieso glückliche Tage leben – sie sind so rar. Nicht, dass alle anderen Tage zwingend Unglückstage sind, mehr wohl Traurigtage, Grübeltage, Zaudertage, Schwerebeinetage, Hängebäckchentage.

Die Leichtglücklichtage kommen in die rote Lackschachtel. Die anderen Tage werden durchlebt. Mit allem Licht, mit allem Dunkel, mit allem Traurigem, Grübeligem, Zauderigem … alles dreht sich immerzu, weg oder zueinander hin. Nichts schwebt im luftleerem Raum. Alles hat Wurzeln. Sie halten sich mit ihren kleinsten, feinsten Armen. Sie flüstern miteinander. Schneedecke lässt keine Untererdelaute durch. Ungehört auch die Mäuse unter ihr. Grundfrost hält den Lauch im Garten fest. Buntspecht am Meisenknödel verwackelt. Januartage sind auch Spurentage.

Und Ofentage. Jeden Morgen anfeuern. Manche Morgende Schnee schippen. Jeden Tag Holz holen. Wie jeden Tag aufstehen, Kaffee kochen, wach werden, Träumen hinterherschauen, waschen, anziehen, weitermachen, was und wie auch immer noch. Schön, wenn es mit einem Lächelgesicht geschieht. Schön, wenn im Laufe des Tages die Geh- und Sitzbeine zu Tanzbeinen werden.

Spazieren mehr Innen als Außen, viel in den Archiven. Zusammenlegungen, Ordnungen, kein Ende in Sicht. Herauskristallisationen von Bewahrenswertem und Daskannweg. Winter in den Bergen braucht Mut, braucht Zähigkeit, braucht Ausdauer, die hohe Zeit der Gehörnten in den Felswänden. An Verzagtheitstagen fahre ich kein Auto.

Alles fließt – immer. Gedanken, wie Gefühle und Emotionen, wie Blut und Lymphe, wie Wasser vom und unter dem Himmel, in verschiedensten Aggregatzuständen. Ich mäander durch erneute Arbeitslosigkeit – Grübel-, Zaudertage, je länger der graue Himmel blaues Weit bedeckt und der Januar dauert. Ich schenke mir Trostpflästerchen. Und viele Eis- und Wasserfotos, neue Fotomontagen, lese manch gutes Buch, schaue manch guten Film und freue mich über manch nährenden Austausch.

Tag um Tag mit Inhalt füllen, mal mehr, mal weniger erfolgreich. Zufriedenheit am Abend stellt sich nicht unweigerlich ein. Atmen, lauschen, dem zunehmendem Licht zuschauen, stille Freuden nähren, Zärtlichkeitsblicke entdecken Schönheiten; kleine und große. Im Januar ist Eulenzeit.

Und jetzt kommt der Schnee.

Bussard

Lagerkoller

Ich muss hier raus! Die Magie von Wintersonnenwende und Raunächten ist endgültig vorbei. Die Wärme des Ofens ist zu warm geworden. Ich brauche Luft, frische Luft, Wind um meine Nase, Matsch unter meinen Füßen. Es ist nichts passiert. Gar nichts. Kein Konflikt, keine Unbill, nur ich mit mir. Das ist nicht immer komfortabel, nicht zwingend gemütlich, bereichernd oder gar erholsam. Zu viel – zu wenig. Bewegung braucht es. Grünes sehen, Wind atmen.

Der Bussard fliegt so nah über das Auto, dass ich bremse, er dreht ab. Einige Kurven später fliegt er parallel zu meiner Fahrtrichtung, landet auf einem nahestehendem Baum. Wieder einige Kurven später kreuzt er erneut meinen Weg, dieses Mal fliegt er höher, eine Kollision ist ausgeschlossen.

Was will er mir nur sagen?

Der Bussard

Sieh den Bussard.
Wie kann es gelingen,
ohne Halt im Winde
Halt zu fassen
schwebend
ausgesöhnt mit allen Dingen,
und sich so mit aufgespannten
Schwingen
stürzend, stürzend, stürzend
tragen zu lassen?

von Friedrich Hofmann 1914

D a s will mir der Bussard sagen – ausgesöhnt sein mit allen Dingen, ohne Halt im Winde Halt fassen, stürzend mich tragen lassen.

Musik und eine Geschichte

Yepp, das war DER song (das Video sehe ich gerade zum ersten Mal)!

Es war einmal … wir schrieben das Jahr 1997 (ja, lange her, aber unvergesslich), ich traf dich wieder. Ich wollte nicht fühlen, was ich fühlte. Ich fand ein vierblättriges Kleeblatt. Noch nie hatte ich ein vierblättriges Kleeblatt gefunden. Ich taumelte durch Wiesbaden. Ich wollte nicht fühlen, was ich fühlte, zu absurd erschien es mir. Ich tat etwas, was ich selten tat, ich ging in einen Musikladen und fand die CD von Luscious Jackson „fever in, fever out“. Ich hörte hinein und ich fühlte noch viel mehr, es gab kein Entrinnen. Es war keine Frage mehr, ich wehrte mich nicht mehr. Ich kaufte die CD, steckte das vierblättrige Kleeblatt hinein und fuhr zu dir.

Ich bin schüchtern, wenn es darauf ankommt, aber ich schenkte dir die CD mit dem vierblättrigen Kleeblatt. Mehr hat es nicht gebraucht. Du hast verstanden. Wie du vielleicht immer mehr verstanden hast als ich wahr haben wollte?!

Wir kommen nicht aneinander vorbei. Noch immer nicht. Und das ist gut so. Lange Wege, viele Jahre und so manchen Knoten haben wir gelöst und die nicht gelösten drücken gerade nicht mehr.

Papiercollage von 1997

Falls sich Eine *r von euch an die DarstellerInnen auf der Collage erinnert und mir sagen kann aus welchem Film sie sind, dann freue ich mich sehr, ich erinnere mich nicht mehr und habe jetzt stundenlang (gefühlt) deutsche Filme der 1980er und 1990er Jahre geguggelt, aber ich fand ihn nicht – MERCI – ich weiß nur noch, dass ich ihn damals sehr mochte…

Raunächte

Diesen Text stellte ich schon einmal am 05.01.2016 ein. Zwei Jahre ist es her – dieses Mal habe ich die rauen Nächte nicht ganz so rituell gestaltet, aber die eine und andere Frage tauchte auch nun wieder auf, wenn auch in einem neuen Gewand, wir gehen in Spiralen…

(auch dieses Bild zeigte ich schon einmal, nun hier, weil es mir so passend erscheint, im Artikel vom 05.01.2016 waren es andere – wie immer: draufklick = großes Bild)

Und dann ist doch wieder alles so schnell vorbei. Die Magie, der Glanz, die Tiefe und der Klang der Zwischenzeit, der Zwischen-den-Jahren-Zeit, der Rauhnächte-Zeit.

Wieviele dieser Nächte man zählt, ist eine Geschichte für sich und was man mit dieser Zeit verbindet auch. Ich zähle ab Wintersonnenwende dreizehn Nächte und Tage und dann noch einmal 3 Nächte und Tage still. Vorgestern schon war meine dreizehnte Nacht. Ich lud sie ein, die Dreizehn, die Unbekannte, Ungewisse, Geheimnisvolle, die Herausforderung, Koyote und Närrin, Stolper- und Prüfstein.

Was ist Gabe, was Geschenk, was Talent, was Aufgabe, worin liegt die Verantwortung, was hat Priorität, was ist noch offen, was geht voran? Was braucht einen Schubs? Was darf frei gegeben werden und wohin geht es, wenn es frei ist? Was ist Kern, was ist Schale, was noch immer Angst?

Solcherlei Fragen stellte die Dreizehnte. Mit diesen sortiert es sich. Bei manchen Fragen lässt es sich leicht austatmen: gut … das weiss ich, bei anderen versuchen die Hände noch immer den Mond im See zu greifen. Da höre ich die Alte lachen und Koyote hockt in den Ostbergen und heult dazu. Ich steige aufs Rad, weiter gehts. Wie immer … vor und nach der Zwischenzeit, der Zwischen-den-Jahren-Zeit, der Rauhnächtezeit.

Heute Nacht schaue ich noch in den Sternenhimmel, hoch flog die Asche der verbrannten Zettel, weit fliegen die Wünsche, tief ist die Nacht. Die Alte ist fort, ihr Lachen verklungen, Koyote schweigt, lautlos fängt der Fuchs die Maus. Ich hab noch Zeit und immer wieder noch einmal Zwischenzeit …

Dunkelkammer

Auf der Suche nach der Dunkelkammer läuft sie durch ihr Erinnerungslabyrinth -Treppen hinauf und hinunter, lange Flure, viele Türen und der Schlüssel bleibt verschwunden.

Gab es einen Anfang oder war es der fließende Übergang vom Mädchen zur jungen Frau; noch so jung und noch so klein. Das einst so große Mädchen wuchs nicht mehr. Erst hatte sie alle Gleichaltrigen überragt, dann gehörte sie plötzlich zu den Kleinsten, wenn auch nicht zu den Schmächtigsten.

Laufen war nie ihre Disziplin gewesen, hoch springen schon, Stufenbarren und Schwebebalken auch und unter der Woche die Fußbälle der Jungen halten.

Ob Spirale oder Labyrinth, es gilt einen Punkt zu erodieren. Dann eben der Umzug. Alle Freundinnen und Freunde blieben zurück, kein Hof mehr, kein Völkerball am Nachmittag, keine Torbewachung unter der Woche; nur öde Einfamilienhäuser in Reih und Glied und ein Ort, den sie Mettwurst nannte. Noch im Umzugswagen hatte sie geheult und gezetert

-Ich will nicht nach Mettwurst!

Ab jetzt wurde der Schulweg lang, er reichte von 6h am Morgen bis kurz nach 15h am Nachmittag. Zwei Busse hin, zwei zurück und keine Freundin mehr am Nachmittag, nur eine Kastanie vor ihrem Fenster. Immerhin. Auch keine Freundin in den Schulbänken. Nonnen als Lehrerinnen oder verschrobene Fräuleins, keine Lehrer, nur Jesus hing am Kreuz und mit ihm waren alle Nonnen verlobt. Nun denn… Die Mitschülerinnen kamen aus reichen und neureichen Familien, sie war das Bahndamm-Keller-Kind und sprach ihre Sprache nicht.

All das blinkt jetzt wieder auf, wie schon so oft, wenn sie sich auf die Suche nach der Dunkelkammer begibt. Und dann, gerade jetzt, fegt der Sturm in ihr Zimmer hinein, mit einem lautem Krach fällt ein Stein von der Fensterbank, die Stiftetasse fällt um, nichts ist zerbrochen. Soll sie aufhören? Sie glaubt an Zeichen.

Doch genau in diesem Augenblick erinnert sie sich wieder: es ist neun Jahre her, als sie dem Wald ihre Lebensgeschichte erzählt hatte. Alles Unsägliche hatte sie ausgesprochen, alles Dunkle war ans Licht gekommen – und alle Scham. Am Ende hatte sie sich selbst im Arm gehalten: wie klein sie noch gewesen war, wie groß sie hatte sein müssen und wollen und Mutter war mit sich beschäftigt gewesen.

Das Blut war viel zu früh gekommen, wie immer alles viel zu früh gekommen war: der Tod, die Schule, die Fruchtbarkeit, die Anzüglichkeiten, der Verlust, die Einsamkeit, die Zigaretten, die Mutproben, der Alkohol. Mitten im Wald war die Türe der Dunkelkammer aufgesprungen, alle Dämonen waren auf einmal herausgestürmt. Zuerst hatte sie geschrien, dann geflüstert, dann geweint, dann war auch das vorbei. Sie hatte einen Besen genommen und allen Unrat dem Wald für die Kompostierung übergeben, die Dämonen hatte der Wind mitgenommen. Über ihr spannte sich der blaue Himmel, er war Trost und Schutz in einem, unter ihr die Erde, die sie hielt. Sie ging zum Fluss.

Nichts geht verloren, nichts bleibt wie es einmal gewesen ist und nicht alle Geschichten muss ich teilen.



für tikerscherk →

Wir wollten alles

Wir wollten alles und wir wollten es ganz. Und wir hatten keine Ahnung, was alles und ganz wirklich bedeutete. Aber wir wussten genau, was wir nicht mehr wollten und was niemals mehr passieren durfte. Und wurden unbequem.

Mit unseren Fragen rüttelten wir an eingerosteten Falltüren. Unsere Statements sorgten für katholische Moralpredigten oder protestantische, je nachdem. Wir verdrehten hinter ihren Rücken die Augen, zuckten mit den Achseln. Die Hölle war eigens für solche wie uns gebaut. Sagten sie. Aber sie wussten nicht, wie nah wir dem Himmel schon waren! Glaubten wir.

Es hatte Vorreiter gegeben. Wir konnten uns orientieren, konnten aufblicken, wenigstens das. Wir schauten auf die in den neunzehnhundertvierziger Jahren Geborenen. Auf die, die in eine Welt der Zerstörung und Bombenhagel, in eine Welt von Hass und Holocaust hineingeboren worden waren. Sie wurden die Generation achtundsechzig und wir waren nicht weit weg von ihnen. Wir, die Generation Siebziger.

Sie waren die Ersten, die das festgestampfte Gefüge von Sonntagsbraten-Kirchgang-Kuchenkaffeeklatsch aufbrachen und aus den viel zu engen Kleidern schlüpften. Ihre Fragen stießen erste Risse in die Betonwände der Elternköpfe. Sie waren die Ersten, die laut gegen das Schweigen der Alten wurden.
Uns fuhren sie voraus, ebneten den Weg, Fahrrinnen entstanden. Wo sie noch nicht hingekommen waren, entdeckten Nachfolgende neues Land.

Jede Generation muss für sich fragen. Ob neu oder nicht. Auch wir hatten gehungert, wenn auch nicht nach Brot. Auch wir waren umgeben von der Schwere in den Wohnzimmern mit den Gummibäumen und den ordentlich gemangelten Tischtüchern für die Kleckereien der sonntäglichen Bratensoße. Die Lügen hockten in den Ritzen und unter den Teppichen.

Wenn ich als Kleine zu den Großen aufschaute, erschien es mir als wäre Leben etwas Lästiges, Schweres, Unerreichbares. Ich sah sie schwer atmend ihre Lasten auf den vor Demut und Kummer gebuckelten Rücken tragen. Ich spürte es. Ich roch es. Ich schmeckte es: da war doch etwas schief gelaufen! Älter geworden wusste ich es. Ja, es war etwas schief gelaufen! Dieses Monster Zweiter Weltkrieg, die Hitlerjahre, der Holocaust hatte die ganze Welt erschüttert und verändert. Traumatisierte Väter und Mütter rannten auch noch in den neunzehnhundertsechzigerundsiebziger Jahren als gäbe etwas zu verlieren! Und wir, ihre Kinder, hatten dieses Rennen mit der Muttermilch aufgesogen.

Viel mehr noch hatten wir aufgesogen. Im Leben will alles ans Licht. Früher und später, nach und nach.



Diesen Text habe ich vor ein paar Wochen wiedergefunden, es ist ein Ausschnitt aus einer Geschichte, die ich noch immer nicht fertig gestellt habe – und nun denke ich, dass sie auch zu dem Thema von vorgestern passt → https://cafeweltenall.wordpress.com/2017/11/15/august-der-schaefer-hat-woelfe-gehoert/

schreiben gegen rechts hat viele Facetten oder was meint ihr?