Dunkelkammer

Auf der Suche nach der Dunkelkammer läuft sie durch ihr Erinnerungslabyrinth -Treppen hinauf und hinunter, lange Flure, viele Türen und der Schlüssel bleibt verschwunden.

Gab es einen Anfang oder war es der fließende Übergang vom Mädchen zur jungen Frau; noch so jung und noch so klein. Das einst so große Mädchen wuchs nicht mehr. Erst hatte sie alle Gleichaltrigen überragt, dann gehörte sie plötzlich zu den Kleinsten, wenn auch nicht zu den Schmächtigsten.

Laufen war nie ihre Disziplin gewesen, hoch springen schon, Stufenbarren und Schwebebalken auch und unter der Woche die Fußbälle der Jungen halten.

Ob Spirale oder Labyrinth, es gilt einen Punkt zu erodieren. Dann eben der Umzug. Alle Freundinnen und Freunde blieben zurück, kein Hof mehr, kein Völkerball am Nachmittag, keine Torbewachung unter der Woche; nur öde Einfamilienhäuser in Reih und Glied und ein Ort, den sie Mettwurst nannte. Noch im Umzugswagen hatte sie geheult und gezetert

-Ich will nicht nach Mettwurst!

Ab jetzt wurde der Schulweg lang, er reichte von 6h am Morgen bis kurz nach 15h am Nachmittag. Zwei Busse hin, zwei zurück und keine Freundin mehr am Nachmittag, nur eine Kastanie vor ihrem Fenster. Immerhin. Auch keine Freundin in den Schulbänken. Nonnen als Lehrerinnen oder verschrobene Fräuleins, keine Lehrer, nur Jesus hing am Kreuz und mit ihm waren alle Nonnen verlobt. Nun denn… Die Mitschülerinnen kamen aus reichen und neureichen Familien, sie war das Bahndamm-Keller-Kind und sprach ihre Sprache nicht.

All das blinkt jetzt wieder auf, wie schon so oft, wenn sie sich auf die Suche nach der Dunkelkammer begibt. Und dann, gerade jetzt, fegt der Sturm in ihr Zimmer hinein, mit einem lautem Krach fällt ein Stein von der Fensterbank, die Stiftetasse fällt um, nichts ist zerbrochen. Soll sie aufhören? Sie glaubt an Zeichen.

Doch genau in diesem Augenblick erinnert sie sich wieder: es ist neun Jahre her, als sie dem Wald ihre Lebensgeschichte erzählt hatte. Alles Unsägliche hatte sie ausgesprochen, alles Dunkle war ans Licht gekommen – und alle Scham. Am Ende hatte sie sich selbst im Arm gehalten: wie klein sie noch gewesen war, wie groß sie hatte sein müssen und wollen und Mutter war mit sich beschäftigt gewesen.

Das Blut war viel zu früh gekommen, wie immer alles viel zu früh gekommen war: der Tod, die Schule, die Fruchtbarkeit, die Anzüglichkeiten, der Verlust, die Einsamkeit, die Zigaretten, die Mutproben, der Alkohol. Mitten im Wald war die Türe der Dunkelkammer aufgesprungen, alle Dämonen waren auf einmal herausgestürmt. Zuerst hatte sie geschrien, dann geflüstert, dann geweint, dann war auch das vorbei. Sie hatte einen Besen genommen und allen Unrat dem Wald für die Kompostierung übergeben, die Dämonen hatte der Wind mitgenommen. Über ihr spannte sich der blaue Himmel, er war Trost und Schutz in einem, unter ihr die Erde, die sie hielt. Sie ging zum Fluss.

Nichts geht verloren, nichts bleibt wie es einmal gewesen ist und nicht alle Geschichten muss ich teilen.



für tikerscherk →

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Wir wollten alles

Wir wollten alles und wir wollten es ganz. Und wir hatten keine Ahnung, was alles und ganz wirklich bedeutete. Aber wir wussten genau, was wir nicht mehr wollten und was niemals mehr passieren durfte. Und wurden unbequem.

Mit unseren Fragen rüttelten wir an eingerosteten Falltüren. Unsere Statements sorgten für katholische Moralpredigten oder protestantische, je nachdem. Wir verdrehten hinter ihren Rücken die Augen, zuckten mit den Achseln. Die Hölle war eigens für solche wie uns gebaut. Sagten sie. Aber sie wussten nicht, wie nah wir dem Himmel schon waren! Glaubten wir.

Es hatte Vorreiter gegeben. Wir konnten uns orientieren, konnten aufblicken, wenigstens das. Wir schauten auf die in den neunzehnhundertvierziger Jahren Geborenen. Auf die, die in eine Welt der Zerstörung und Bombenhagel, in eine Welt von Hass und Holocaust hineingeboren worden waren. Sie wurden die Generation achtundsechzig und wir waren nicht weit weg von ihnen. Wir, die Generation Siebziger.

Sie waren die Ersten, die das festgestampfte Gefüge von Sonntagsbraten-Kirchgang-Kuchenkaffeeklatsch aufbrachen und aus den viel zu engen Kleidern schlüpften. Ihre Fragen stießen erste Risse in die Betonwände der Elternköpfe. Sie waren die Ersten, die laut gegen das Schweigen der Alten wurden.
Uns fuhren sie voraus, ebneten den Weg, Fahrrinnen entstanden. Wo sie noch nicht hingekommen waren, entdeckten Nachfolgende neues Land.

Jede Generation muss für sich fragen. Ob neu oder nicht. Auch wir hatten gehungert, wenn auch nicht nach Brot. Auch wir waren umgeben von der Schwere in den Wohnzimmern mit den Gummibäumen und den ordentlich gemangelten Tischtüchern für die Kleckereien der sonntäglichen Bratensoße. Die Lügen hockten in den Ritzen und unter den Teppichen.

Wenn ich als Kleine zu den Großen aufschaute, erschien es mir als wäre Leben etwas Lästiges, Schweres, Unerreichbares. Ich sah sie schwer atmend ihre Lasten auf den vor Demut und Kummer gebuckelten Rücken tragen. Ich spürte es. Ich roch es. Ich schmeckte es: da war doch etwas schief gelaufen! Älter geworden wusste ich es. Ja, es war etwas schief gelaufen! Dieses Monster Zweiter Weltkrieg, die Hitlerjahre, der Holocaust hatte die ganze Welt erschüttert und verändert. Traumatisierte Väter und Mütter rannten auch noch in den neunzehnhundertsechzigerundsiebziger Jahren als gäbe etwas zu verlieren! Und wir, ihre Kinder, hatten dieses Rennen mit der Muttermilch aufgesogen.

Viel mehr noch hatten wir aufgesogen. Im Leben will alles ans Licht. Früher und später, nach und nach.



Diesen Text habe ich vor ein paar Wochen wiedergefunden, es ist ein Ausschnitt aus einer Geschichte, die ich noch immer nicht fertig gestellt habe – und nun denke ich, dass sie auch zu dem Thema von vorgestern passt → https://cafeweltenall.wordpress.com/2017/11/15/august-der-schaefer-hat-woelfe-gehoert/

schreiben gegen rechts hat viele Facetten oder was meint ihr?

1000 Tode

Es ist schon eine Weile her, dass der Frohmann-Verlag für sein Projekt „1000 Tode“ Texte gesammelt hat. 1000 Texte von 1000 verschiedenen Menschen wie sie mit dem Tod und der Trauer umgegangen sind, respektive umgehen, wie ihre Sicht auf Tod und Trauer ist. Ich habe gestaunt wieviele Blogger*innen, denen ich folge und sie mir, dort zu finden sind. Mein Text erschien unter der Nummer 225, auf Nachfrage stelle ich ihn nun hier ein.

225

Hatte sie eigentlich damals getrauert? Diese Frage war in diesem Jahr schon einmal aufgetaucht. Sie hatte in ihrem Auto bei prasselndem Regen vor einem Bahnhof gesessen, der Zug ihrer Freundin kam eine Stunde später. Viel Zeit. Es stellte sich ihr die Frage plötzlich, unerwartet, ohne Vorgeschichte.

Die Erinnerung ist ein Standbild ohne Ton.

Das Telefon hatte geklingelt, ihr Neffe rief sie an: „Die Omma ist tot.“ Die Omma war ihre Mutter. Ab da wurde es still. Sie weiß, dass er ihr noch das Wie und Wann erzählt hatte, dass sie ihm Fragen gestellt und seine beantwortet hatte, an all das erinnert sie sich, nur ohne Ton. Danach hatte sie auf der Treppe gesessen, hatte über das Hochtal geschaut, über die Alpen bis in den Himmel und zurück. Tagelang. Es kann nicht stimmen, es fühlt sich nur so an. Eingefroren, Stille, bis am Abend das Käuzchen rief. Mutter hatte immer gesagt, wenn sie es hörten:

Jetzt ist jemand gestorben.“

Sie sagte: „Mutter, es ist gut, ruhe in Frieden.“

Zur gleichen Zeit schaute der Neffe inmitten einer Kleinstadt aus seinem Bürozimmer, es stand ein Reh am Rand der Büsche der betriebseigenen Grünanlagen, unverwandt schaute es ihn an.

Machet jut Omma“, hatte er gedacht. Das Reh sprang davon. Er hatte es nur ihr erzählt, weil nur sie ihn nicht auslachen oder für verrückt erklären würde. Sie schwiegen und ahnten, dass es mehr geben müsste, mehr als Leben und Tod. Etwas dazwischen, darüber oder darunter.

Wie ist das für Eine, wenn sie die Mutter nie gespürt, nie unter ihrem Schutz gestanden hat? Wie war das für andere, als ihre Mütter starben? Mutter ist tot. Sieben Jahre schon, und sie weiß nicht, ob sie getrauert hat.

Sie war aufgestanden, hörte wieder den Bach rauschen und die Kirchenglocken ihren Viertelstundentakt schlagen. Sie hatte genickt und war ins Haus gegangen. Es war vorbei. Sie hatte nicht geweint, hatte keinen Schmerz gespürt, es gab nur diese Stille und ihre Worte am Abend

Ruhe in Frieden.“

Das Käuzchen war verstummt.



Ich konnte es nicht lassen und habe zwei, drei geringfügige Korrekturen vorgenommen. Heute würde ich den Text wohl anders schreiben, aber so ist das wohl…



zum Tod des Vaters → https://cafeweltenall.wordpress.com/2016/09/30/miniaturen-vater/

Miniatur – 14 2017

Umrundungen

Ich sage, ich schreibe jetzt wieder. Ich sage, ich lass die Kritikerin jetzt wieder außen vor. Ich sage es mit Rilke, ich lebe meine Fragen. Ich frage nicht warum, die Antwort steht im Fließtext der letzten Jahre. Ich frage nicht wohin, die Antwort ist der neue Stuhl unter dem Dachschrägenfenster. Ich frage nicht nach ferner Zukunft, sie wird sich bilden. Ich frage nicht nach Schuld, es gibt nur faule Samen, überdüngte Böden und dunkle Bodensätze. Ich suche das Gold dieser Zeit. Ich suche nach Worten für das Jetzt. Ich frage nicht nach der Geschichte, sie ist bekannt. Ich frage auch nicht was wäre gewesen wenn, eine Geschichte ist eine Geschichte, ob ich sie erzähle oder du oder nicht. Ich will keine Geschichte erzählen. Ich will das Jetzt umrunden, dieses Wirrwarr der Gefühle.

zu den abc.etüden 19.17 #3

Was es ist

mit dem Mensch und dem Meer und

was

ist

mit dem Kind das wartet

auf den Vater

den Blick dem Weit des Horizonts zugewandt

verschwunden wie damals

der rote Ball

in Spaniens Meer-


diese Woche waren alle guten Dinge drei zu dem Projekt von Christiane und Ludwig und der Wortspenderin Jaeckie Lindenau (leider finde ich keinen Link), nochmals herzlichen Dank für die Inspiration, ich freue mich schon auf die 20. Kalenderwoche!

1. Mai – eine Erinnerung

Alle hier gezeigten Bilder stammen aus der Broschüre des Berlin Kreuzberger Bildarchivs „Umbruch“

Das Schöne am Umziehen ist nicht nur, dass man neue Felder betritt und gestaltet, sondern auch, dass man nahezu jedes Teil, jedes Buch in die Hand nimmt und so manches, nahezu Vergessenes, wiederfindet: hej, das habe ich ja auch noch! So ging es mir mit der Broschüre meiner Freunde aus dem Bildarchiv „Umbruch“ zum 1. Mai 1987 – 1992.

Gerade hatten wir am Feuer über diesen 1. Mai gesprochen, den 1. Mai 1987, als ich zwei Tage später die Broschüre wiederfand. Wir teilen eine Erinnerung, zwei Menschen, zwei Geschichten, ein Tag.

Gestern las ich einen Artikel bei der Dame von Welt über den 1. Mai 1987, ich kommentierte: dass sie es fast richtig dargestellt hat und dann revidierte ich auch schon wieder, wie soll es hier ein Richtig und ein Falsch geben (wenn man mal von Springerpresse und Konsorten absieht)? Jede und Jeder berichtet aus der eigenen Perspektive und von dem Ort aus, wo er/sie gerade gewesen ist. Nun also meine Erinnerung:

1.Mai 1987

Es war ein herrlich sonnig warmer erster Maifeiertag, wie eigentlich immer in Berlin am 1. Mai, wir waren am frühen Nachmittag auf dem Lausitzer Platz, wurden Teil von einem bunt fröhlichen Straßenfest von Jung und Alt und Menschen aus vielen Ländern, die bunte Mischung Kreuzberg jener Tage eben.

Wir, das waren meine damals noch kleinen Kinder (viereinhalb und siebeneinhalb Jahre alt), zwei Freundinnen aus Westdeutschland (so hieß das damals) und mein damaliger Lebenspartner. Wir hörten von der Durchsuchung des Mehringhofs (ging gar nicht!) und schlossen uns einer spontanen Demo „Dagegen“ an. Weit kamen wir nicht. Rund um den Lausitzer Platz waren „Wannen“ (Mannschaftswagen der Polizei) aufgefahren. Zunächst entdeckten wir sie auf der Skalitzer Straße: dann eben in die andere Richtung, aber auch dort waren sie mittlerweile angekommen, sämtliche Zufahrtsstraßen zum Lausitzer Platz wurden von ihnen blockiert. Wir entschieden uns zu einer Sitzblockade und versperrten somit und wiederum den sogenannten Ordnungshütern den Zugang zum Straßenfest, das immer noch bunt und lebensfroh war, die meisten BesucherInnen hatten überhaupt noch nicht mitbekommen, was sich im Hintergrund zusammenbraute.

Durch die Sitzblockade sah sich die Gegenseite zu einem Rückzug gezwungen. Unvergessen ist der Augenblick, als ein sichtlich nervöser „Wannenfahrer“ rückwärts setzte und dabei ein parkendes Auto nach dem anderen schrammte. Es wurde gejohlt und „Zugabe“ gerufen, noch war es lustig, aber dann ging alles sehr schnell. Von irgendwo kamen Flaschen geflogen (später hieß es, dass es „Zivis“ gewesen wären – denk- und vorstellbar war das) und genau darauf hatte „man“ wohl gewartet? Die Antwort waren Tränengaspatronen von allen Seiten auf ein bunt fröhliches Straßenfest mit Jung und Alt und Menschen aus vielen Ländern.

Das war der Moment, als ich mit meinen Kindern Nachhause rannte. Meine zwei Freundinnen waren schon dort. Ich hielt es nicht lange in der Wohnung aus, ich musste wieder raus, musste sehen, hören, spüren, was dort passierte. Meine Freundinnen blieben bei den Kindern und ich versprach aufzupassen und schon war ich wieder auf der Straße.

Kreuzberg im Ausnahmezustand, der Volkszorn entludt sich und es war wirklich das Volk, nicht nur die sogenannten Autonomen und Linken, ein bunt fröhliches Straßenfest mit Tränengas zu bombadieren ging dann eben doch Vielen zu weit, man wehrte sich und das nicht zu knapp. Schon konnte die U-Bahn (hier Hochbahn) nicht mehr fahren, die Polizei konnte nicht für Nachschub und Verstärkung sorgen, auf den Zufahrtsstraßen zum Kiez brannten Barrikaden. „So nicht“ – „Es reicht“ – „Haut ab“, das war die einhellige Meinung von Jung und Alt und Menschen aus vielen verschiedenen Ländern.

Soweit so gut, dass dann später Läden geplündert wurden und Bolle (eine Berliner Supermarktkette) brannte, steht auf einem anderen Blatt.

Nun tobte der Straßenkrieg und ich kümmerte mich um eine Frau, die nahe einem Nervenzusammenbruch gewesen ist, ließ mir eine Packung Kippen von einer Plünderin schenken, zusammen mit einer Freundin reichten wir Wasser für die Tränen, von überall tönten Trommeln, mir war unheimlich zumute und dann kamen sie eben doch: mit Räumfahrzeugen und noch mehr Tränengas, Zeit Nachhause zu gehen.

Nun gab es viel zu verdauen und zu überdenken.

Wie oben geschrieben: am 1. Mai 1987 gab es einen konkreten Anlass für den Unmut des Volkes, dass es dann aber „Alle Jahre wieder“ hieß, konnte ich nicht teilen und wahrlich nicht nur ich…

Protest und Empörung ist legitim und es gab und gibt genügend was nicht stimmte und nicht stimmt, aber Gewalt und Plünderung von kleinen Läden, willkürlich Autos anzuzünden, nein, das ist nicht meine Welt. Ich schätze bunten und phantasievollen Widerstand, wie es das Büro für ungewöhnliche Maßnahmen ab Juni 1987 so wunderbar initiierte…

Ob heute wieder 15.000 Menschen und mehr unterwegs gewesen sind, um gegen die Missstände in unserem Land und in der Welt zu protestieren und wird der Sound am Abend wieder, wie jedes Jahr in Kreuzberg, Lalülala sein?

Dreißig Jahre ist es her, Kreuzberg hat heute ein anderes Gesicht, die Gentrifizierung schreitet voran, Gründe für Unmut gibt es immer noch genügend, sei es nun brauner Terror, der nicht geringer, sondern größer geworden ist oder die Machenschaften des Kapitals oder eben der Umbau von Kreuzberg … möge es friedlich, bunt und phantasievoll zugehen!

Blaue Stunde #20

Am Fluss

fluss

-Für dich schlachte ich eine Ziege. Will ich das? Trotzdem spüre ich eine leise Freude: es hat noch nie Einer für mich eine Ziege schlachten wollen. Damit nicht genug, er sagt -Du musst dich um nichts kümmern, ich mache das.

Ich staune.

Ich spüre die Kargheit der letzten Jahre.

Der Frieden vom Berg ist ein trügerischer, einer, der seltsam erstarrt und unlebendig ist, der sich an einen hängt und mich mit klebrigen Fäden umwickelte. Ich mag auch das hiesige Friedenskreuz nicht, weil es nur für die Touristen errichtet worden ist. Die Touristen, die nun ihren Müll längst des Panoramaweges verteilen. Seltsamer Frieden, das! Wie müde ich manchmal bin-

Und wie oft ich von woanders kam, belebt, lebendig, manche Falte wieder geglättet, munter und voller Tatendrang. Das währte nie lang! Was es war und ist, was zieht, zusammen und runter, das entzieht sich mir. Eine Art Hilflosigkeit, ein gefesselter Lebensmut, der sich nur an anderen Orten entfesseln kann.

Ich höre sie noch sagen, ich höre ihn noch fragen, all die Jahre hindurch. Ich hatte ihn gehört, ich zuckte mit den Schultern. Ich hörte ihre Frage, ich antwortete nicht. Was haben sie und er gesehen, was ich partout ignorierte? Manches weiß ich jetzt, für anderes musste ich durchs Dunkeltal.

Ich musste der Schneeeule folgen, Bärin trug mich durch altes Land. Ich lauschte den Liedern der singenden Schwäne und saß am breiten Ufer meines Bruders. Zwei Fische, aus Weidenzweigen geflochten, nahm er auf, einen kleinen und einen großen, er trug sie zu einem unbekannten Meer.

Ist ein Meer nicht alle Meere, ist ein Fluss nicht alle Flüsse und bin ich nicht alle Menschen? Wo ist meine Grausamkeit, wo mein Hass, meine Zerstörungswut?

Ich mag es Fragen zu stellen. Manche Antworten höre ich nicht gerne. Ich glaube an die Wandlungskraft.

War ich nicht einst die Goldmarie? Und war ich nicht einst das Findelkind im Mooskörbchen? War ich nicht auch das hässliche Entlein und das Mädchen, dem die Mutter starb, das gequält und verhöhnt von Stiefmutter und deren hässlichen Töchtern zu Baba Jaga gehen musste, zur Frau Holle in den Brunnen? Und war ich nicht auch das Mädchen mit der roten Kappe und das Mädchen, das am Weihnachtsabend die Schwefelhölzer entzündete, mit Blick in den Sternenhimmel? Und war es nicht der Himmel und seine Weite, die mir Verheißung auf ein Wiedersehen waren?

Ich mag es Fragen zu stellen. Manche Antworten höre ich gerne.

-Mit dir fahre ich um die ganze Welt. Mit dir kenne ich die Angst nicht mehr. Wie kann das sein?

Am liebsten fahre ich mit dem Auto ins ferne Land. Am Morgen fahre ich los, wenn der Sonnenaufgang meinen Abschied begleitet, der Tag vor mir unter den Rädern singt, er sich dehnt von Morgen zu Mittag zu Abend, wenn der Sonnenuntergang meine Ankunft ist. Auf diesen Wegen finden sich ein Dach, eine Lichtung, ein Feuer, ein Mahl und ein tiefer Schlaf. Rehe stehen im Halbrund um die Lichtung, sie äsen sich dem Sonnenaufgang entgegen. Ich spüre noch den Frieden der Rehe und Beeren und meine Freude.

Der rote Faden mäandert zu den Knotenpunkten und um sie herum. Das Gewebe um ihn herum ist immer noch grünblau.

johnnyWenn ich alle Menschen bin, dann bin ich auch alle Engel und Dämonen, alle Feen, Hexen, Elfen, Elben, Zauberinnen und eine noch kleinere Frau. Dann bin ich Königin im Schwanenkleid, die auszieht um Kaiserin in ihrem Reich zu werden- in ihrem Land Überall-im-Irgendwo, dem Land, in dem mich das weiße Rentier mit den durchsichtigen Flügeln auf seinen Rücken nimmt, mich über alle Mauern und Abgründe trägt, während ich das Lied Ohne-Anfang-und-ohne-Ende singe, begleitet von dem tiefen A in Moll, das nur so mein Johnny auf dem Tenorsax blasen kann wie alle Schiffe tuten.

Knotenpunkte, Knoten aller Art und Seemannsgarn, ich habe es geliebt das Akkordeon zu spielen, den Wind in den Haaren, das Meer im Blick.

Wenn das eine Leben alle Leben ist, dann ist es ein nackter Dada, ein Dideldaddeldumm, wieso mache ich mir überhaupt noch Sorgen?

 

Schreiben hilft #4

Fortsetzung

Es gibt Momente in denen alles Wissen nichts nutzt, nicht direkt. Die Königin hat zu tun ihr wild gewordenes Volk zur Räson zu rufen. Sie sind dabei sich einzuschließen, Mauern zu errichten mit winzigen, vergitterten Luken davor, einen Schloßgraben auszuheben. Die Königin spürt die Wände näher rücken. Wo zuvor nur Weite und Geborgenheit gewesen sind, sind es nun Enge und von Dornen umrankte Schlafstätten.

Sie hält die bleiche, zitternde Angst im Arm, sie flüstert: ich höre dich, ich sehe dich; du und ich werden achtsam sein. Sie ruft den Mut, der sich gerade verpissen wollte, was gar nicht geht, nicht jetzt. Die Königin seufzt, sie ist streng; nun hält der Mut die Angst im Arm und brummt ihr beruhigende Worte ins Ohr bis sie lacht.

Frau Miesmach meckert wie immer lauthals herum, es hört ihr aber niemand mehr zu, sie haben das alles schon tausend Mal gehört und doch kam es nie zum Ärgsten. Vertrauen ist zu einer Frau geworden, das freut die dreizehnte Fee und die Königin.

Es wäre doch gelacht, wenn sie gerade jetzt nicht zusammenhalten würden! Alle, auch die Unbenannten. Das Volk beruhigt sich allmählich, kehrt zur Weite und zur Geborgenheit zurück, zu ihren Wurzeln, die sie halten, ihrem Leib, der sie trägt, ihrer Krone, die voller Licht ist, ihren Flügeln, die sie über alle Mauern und Abgründe tragen.

Es ist kein Gesetz, dass man wieder und wieder ganz hinunter steigen muss, wenn man schon einmal nackt am Haken gehangen hat. Erinnerungen an Hilfen und RetterInnen brechen die frisch hochgezogenen Mauern mit ihren vergitterten Luken entzwei.

Das sind so Momente.

Und morgen darf sich die Geschichte fortschreiben: von Einer, die auszog, um Kaiserin in ihrem Reich zu werden. Am Wegesrand sitzt die Moosfrau auf ihrem Stein; wie hübsch sie sich heute wieder gemacht hat! Lächelnd sagt sie: E n d l i c h, mehr nicht. Alle haben sie gehört, alle lächeln zurück.

Manches braucht mehr als eine Umrundung, zu tief, zu verkrustet sind die alten Muster, um mit einem Schwung in neue verwandelt zu werden. Das macht nichts, weil es immer noch ein Ankommen gegeben hat.

Ich liebe Ankünfte, fremdes Land, fremdes Volk, da kann ich wieder neugierig sein. Ich mag die zeitweilige Sesshaftigkeit. Ich mag keine Abschiede; immer noch nicht…

Ende – kein Ende

(Mittlerweile bin ich schon viele 100 Wörter weiter, ob ich Teile davon hier als Fortsetzung einstelle, wird sich weisen- ja, schreiben hilft und so ist ein neues Buchprojekt entstanden, es beflügelt mich!)

Schreiben hilft #3

Fortsetzung

Ich nehme meine neuen Räume ein. Ganz. Das erste Mal: keine Mutter, kein Bruder, keine Frau Maria Brehm, keine Freundinnen und Freunde, keine Kinder, kein Mann. Ich werde den Platz mit mir und meinen Geschichten füllen; die Tür wird unabgeschlossen sein.

Es wird keine blinden Flecken geben, ich will mich an keiner Ecke stoßen, ich will wieder an meinem Schreibtisch unter dem Fenster sitzen und schreiben.

Die Kompassnadel in meiner Hand zittert, sie richtet sich neu aus. Die schwarzen Tücher habe ich verbrannt, die Bilder aus dem alten Haus zu anderen gelegt. Aufrichtung und Weitergehen werden erneut wichtig. Meinen Faden lasse ich nicht mehr los, es ist meiner geworden, der kein Du mehr an seinem anderen Ende braucht, um mich zu halten. Unabhängigkeit ist ein großes Wort und eine Illusion. Mit Selbständigkeit ist es anders, sie schenkt Halt. Wieso sollte ich mich jetzt verlieren, wo ich mich doch erst in den letzten Jahren gefunden habe; hier, in diesem alten Haus, wo ich dich verlor…

Was ist das für eine Geschichte, die sich fortschreibt, weg von dir und mir, hin zu … ja, wohin? Was, wenn der Faden mich einwickelt, sich verknotet, klebrig wird, wie von einer Spinne gezogen? Was aber kann überhaupt geschehen, wenn ich den Faden in der Hand halte, die Richtung bestimme, den Weg und auftauchende Hindernisse im Blick? Wie sollte ich noch in einen Brunnen stürzen?

Egal wie abstrakt noch immer vieles ist, die Zeit läuft ab, ich verlasse dieses alte Haus; schon bald.

Tomas Espedal schreibt

Es ist immer schwierig, ein neues Leben zu beginnen. (…) Manchmal denke ich, wir sollten an einem ganz anderen Ort wohnen, in einem anderen Haus, wir könnten ein ganz anderes Leben leben; doch sobald ich den Kiesweg hochgehe und die Tür aufschließe, bin ich unendlich froh, zu Hause zu sein. (S.191/192)

Hier endet das Buch, hier beginnt mein neues Leben in einem neuen alten Haus mit meinem alten Namen; hin- und herpendelnd zwischen Ulli und Ulrike, stetig bleibt mein Familienname, wie unstet auch die Familie war. Machen Mutter und Tochter schon eine Familie aus? Ich hätte darauf bestanden. Meine Mutter wechselte lieber ihre Familiennamen, bis sie wieder bei ihrem Geburtsnamen landete. Ich bleib in diesem Punkt stabil.

Ich teile nicht das Los der Töchter, die nie werden wollten wie ihre Mütter, um dann später mit ihren Zungen zu sprechen. Ich sehe die Erbanlagen, ich hörte auch schon hin und wieder Worte der Mutter aus meinem Mund, aber einmal hat immer gereicht, um mich zu besinnen. Ich habe eine Familie, ich habe Freundinnen und Freunde, ich habe Spaß; ach Mutter…

Ich stelle mir Fragen, du singst. In manchen Momenten bin ich lieber wütend als traurig.

Es wird nicht der letzte Umzug sein, aber es werden auch nicht mehr sehr viele folgen. Vielleicht nur noch einer und dann der letzte vom Leben in die ewige Stille, was auch immer noch dann sein wird. Kann überhaupt Jemand Ewigkeit denken oder Unendlichkeit? Ich nicht. Ich kann sie nur hinnehmen, weil ich sie angenommen habe.

Ich bin nicht bereit ohne einen Boden unter den Füßen von hier wegzugehen. Ich war nicht auf das letzte Wort gefasst, noch auf Endgültigkeit vorbereitet, obwohl dann ich es war, die beides in den Raum zwischen uns stellte. Nun stehe ich dazu. Es hat lange gedauert.

Zu lang, zu kurz gehört in die Schublade der Müßigkeit, wie alle Entscheidungen, die es hinzunehmen gilt, wenn man sie gefällt und somit angenommen hat. Zurückdrehen, zurückkehren sind keine Optionen, Aufrichtung und weitergehen schon. Dazwischen ist die Zwischenzeit, sind die Wunden, die ich sauber lecke, mich in mir auf meinem Bett eindrehe und der Schlaf ein freundlicher Bruder ist.

Wenn ich nicht mehr warte, wenn ich lieber schweige als rede, wenn ich froher mit mir selber bin…

Die Geschichte schreibt sich seit mehr als dreißig Jahren vor und zurück, jetzt schreibt sie sich ihrem Punkt entgegen. Punkt, Null, Nichts, der kurze Stillstand, die Welt hält den Atem an, wer es nicht weiß, wird nichts bemerken.

Die arme Poetin stellt ihr Bett in einen anderen Raum, Regenschirme darüber hat es nie gegeben. Die arme Poetin muss und wird weiterschreiben. Sie wird sichtbar sein.

Kreise müssen sich schließen, sonst ist es keine Geschichte, ob mit oder ohne offenem Ende.

Mich schmerzt, dass du mich nicht lesen gelernt hast. Bei keinem und nie zuvor war ich ein offeneres Buch. Hätte ich geheimnisvoller bleiben müssen? Hätte, hätte, Fahrradkette… Ich war, ich bin, ich werde sein, basta. So oder gar nicht! Gerade eben schaue ich der Vergeblichkeit in die Augen, selbständig, unabhängig, soweit Unabhängigkeit noch keine Illusion ist.

Weich besiegt hart, weich kann hart sein oder werden, hart, weich; geballte Weichheit ist Wucht. Weder steter Tropfen, noch ein Samtläppchen für den letzten Schliff will ich sein. Ich nehme das Stachelkleid nicht mit ins neue/alte Haus. Dort ist Platz, ich kann dort tanzen! Es gibt keine Ecken an denen ich mich stoßen kann, die Tür bleibt unverschlossen.

(Fortsetzung folgt)


Anmerkung

Tomas Espedal – Wider die Kunst – ISBN 978-3-518-46752-7 – Suhrkamp Verlag – erste Auflage 2017

Schreiben hilft #2

Bevor es jetzt hier mit der Fortsetzung weitergeht, möchte ich sagen, dass mir diese Texte wirklich sehr geholfen haben. Dunkeltal war gestern, langsam wird es wieder bunt in mir und trotzdem möchte ich diese Texte mit euch teilen. Längst haben sie sich in meinem Notizbuch weitergeschrieben, dazu kommen andere, aus anderen Zeiten. Ich habe die wage Idee, dass dies ein Anfang für ein neues Buch ist. In dieser Woche stelle ich hier die Fortsetzungen 2-4 vor und dann soll wieder Raum für anderes sein!

Ich danke euch allen, die ihr mit mir fühlt und mich bestärkt, mir Schönes sendet, auch das hilft mir sehr und empfinde ich in keinster Weise als selbstverständlich. Darum nochmals meinen Herzensdank an euch.

Fortsetzung

Ich wollte immer nur schreiben. Egal, was ich sonst noch tat, irgendwas habe ich immer aufgeschrieben: einzelne Sätze, Gedichte, Flüche, Verwünschungen, Briefe, Liebesschwüre und Essays; Tage, Stunden und Augenblicke, die ich vergessen hätte, gäbe es nicht meine Notizbücher, die sich vermehren wie die Karnickel.

Selbst wenn ich tagelang malte, durch die Welt stromerte oder später in all dem Berliner Taumel, wenn ich fotografierte, an meinen Collagen arbeitete, am sichersten war und bin ich, wenn der Füller übers Papier glitt und gleitet oder meine Finger über Tastaturen huschen. Als ich zehn Jahre alt war bekam ich meine erste Schreibmaschine zu Weihnachten, weil ich sie mir wünschte.

suetterlin-alphabetMit acht Jahren lernte ich Sütterlin schreiben und lesen, weil ich es wollte. Weil mich nichts mehr beruhigte als Buchstaben, egal ob ich sie übte, malte oder schrieb, ob sie zu Worten und Sätzen wurden, oder ob ich sie in Büchern fand. Mit fünf Jahren konnte ich lesen- weil ich es wollte.

Das meiste in meinem Leben schrieb ich in meine Notizbücher, in Briefe und auch auf Karten, am liebsten in meinem Bett. Mein Bett ist zu manchen Zeiten Schreib- und Lesestube, Kinosaal und Schlafstätte. Ich habe es dann nicht weit, wenn die Müdigkeit kommt.

Tomas Espedal schreibt in seinem Buch WIDER DIE KUNST

Wenn man an einem Ort lange genug unglücklich gewesen ist, kann es passieren, dass man sich an diesen Ort stärker gebunden fühlt als an andere. Es kann passieren, dass du von einem falschen Glück beschwert wirst, das dich stärker an dieses Haus bindet als an andere; auf einmal willst du nicht mehr ausziehen. Jeden Tag, von Anfang an, seit dem ersten Tag in diesem Haus auf Askøy, habe ich mir gewünscht, hier wegzukommen, doch heute, nach all diesen Jahren, da ich gezwungen bin auszuziehen, da ich endlich an einen anderen Ort ziehen kann, will ich nicht, ich will nicht ausziehen. (S.140)

Nicht nur, dass mich Zurzeit reihenweise die Bücher finden, die mir mein Jetzt, meine Gefühle und Gedanken darin spiegeln, auch ich muss nun ausziehen. War es bis vor kurzem Wunsch und Traum, ist es nun eine Notwendigkeit. Das alte Haus soll umgebaut werden. Ich kehre danach nicht zurück. Ich gehe nie zurück, an keinen Ort. Als Besucherin, vielleicht… Ich erkenne den Sinn nicht und es hat auch noch nie eine Notwendigkeit dafür gegeben.

Nirgendwo habe ich mehr geschrieben als in diesem alten Haus. Ich schrieb in meiner Kemenate in meinem Bett, ich schrieb an meinem Schreibtisch und hackte Wörter in die Tastatur. Ich veröffentlichte ein Kinderbuch, dass äußerst eigene Wege geht und eröffnete diesen Blog. Ich schrieb die Novelle der kleinen blauen Frau, bei der kein Verlag anbeißen mag, was mich fuchst und ich sammle die Miniaturen, die kurzen Zeilen und Geschichten, die blauen Stunden, meine Gedichte.

Ich schrieb und schreibe und werde immer schreiben, weil ich will, weil ich muss.

Tomas Espedal schreibt hierzu:

Ich muss mich konzentrieren zu schreiben. Zuerst schreibt man, um ein Buch veröffentlichen zu können, um sich Schriftsteller nennen zu können, doch irgendwann schreibt man, um Geld zu verdienen, man schreibt, um eine Arbeit zu haben, und man schreibt, um besser zu schreiben, immer bessere Bücher, jedes Buch muss besser sein als das davor, das ist die Regel, die es fast unmöglich macht, Bücher zu schreiben. Ein Schriftsteller, schrieb Thomas Mann, ist ein Mann, dem das Schreiben schwerer fällt als allen anderen Leuten. Doch nach vielen Jahren und etlichen Büchern denkt man weniger ans Geld und die Bücher, es ist eine Notwendigkeit geworden zu schreiben, eine Lebensnotwendigkeit, man könnte nicht leben, ohne zu schreiben. (S.144)

Das alte Haus und mein Füller auf dem Papier, die Kemenate, das Bett, manchmal knackt die Trommel an der Holzschwartenwand. Heiliges verweigert sich der Kameralinse; später zeigt sich nur eine nichtssagende Oberfläche. Die Fotos aus dem alten Haus, dem, vor diesem hier, tun mir weh. Da war noch alles gut mit dir und mir. Auch von dort wollte ich immer nur fort, aber mit dir! Wir zogen in das neue/alte Haus, dann entfernten wir uns, nun ziehe ich alleine weiter. Du singst als wäre nichts geschehen. Wie machst du das nur?

Ich habe seit meinem Wegzug von der Mutter immer in alten Häusern gewohnt. Vielleicht weil ich mit ihr in Neubauten leben musste, die hatten keinen Stallgeruch. Sie waren nackt und lernten erst noch leben. Wie anders es in den Häusern und Wohnungen der Tanten und Großeltern, den Frauen Becker und Eysopp gewesen ist! In alten Häusern leben Geschichten zwischen den Wänden, Decken und Böden; in diesem hier keine guten. Ich hätte es spüren müssen, ich spürte etwas, aber ich ließ mich betören von den gelben Rosen vor der Haustür und dem weiten Blick. Nie lebte ich mehr in meinem Bett, nirgendwo. Es wird Zeit!

(Fortsetzung folgt)


Anmerkung

Tomas Espedal – Wider die Kunst – ISBN 978-3-518-46752-7 – Suhrkamp Verlag – erste Auflage 2017