Stromern

Gestern suchte ich eine meiner Lieblingswiesen auf, um zu schauen wie es um die Arnika bestellt ist. Es hatte ein kleines bisschen geregnet, Tropfen, wie festgefroren, hockten auf Lupinenblättern,

Filigranes streifte meinen Weg,

eine Raupe saß auf einem Blatt am Bach,

und Schönheiten über Schönheiten,

nur die Arnika war weit und breit nicht zu sehen. Dachte ich…

So, wie ich mein Leben lang schon reden lerne (und schreiben), so lerne ich auch mein Leben lang sehen. Noch nie habe ich die Arnika knospend gesehen und hätte sich nicht hier und da ein gelbes Blättchen gezeigt, dann hätte ich sie nicht erkannt…

Das Leben ist schön!

 

Blaue Stunde #20

Am Fluss

fluss

-Für dich schlachte ich eine Ziege. Will ich das? Trotzdem spüre ich eine leise Freude: es hat noch nie Einer für mich eine Ziege schlachten wollen. Damit nicht genug, er sagt -Du musst dich um nichts kümmern, ich mache das.

Ich staune.

Ich spüre die Kargheit der letzten Jahre.

Der Frieden vom Berg ist ein trügerischer, einer, der seltsam erstarrt und unlebendig ist, der sich an einen hängt und mich mit klebrigen Fäden umwickelte. Ich mag auch das hiesige Friedenskreuz nicht, weil es nur für die Touristen errichtet worden ist. Die Touristen, die nun ihren Müll längst des Panoramaweges verteilen. Seltsamer Frieden, das! Wie müde ich manchmal bin-

Und wie oft ich von woanders kam, belebt, lebendig, manche Falte wieder geglättet, munter und voller Tatendrang. Das währte nie lang! Was es war und ist, was zieht, zusammen und runter, das entzieht sich mir. Eine Art Hilflosigkeit, ein gefesselter Lebensmut, der sich nur an anderen Orten entfesseln kann.

Ich höre sie noch sagen, ich höre ihn noch fragen, all die Jahre hindurch. Ich hatte ihn gehört, ich zuckte mit den Schultern. Ich hörte ihre Frage, ich antwortete nicht. Was haben sie und er gesehen, was ich partout ignorierte? Manches weiß ich jetzt, für anderes musste ich durchs Dunkeltal.

Ich musste der Schneeeule folgen, Bärin trug mich durch altes Land. Ich lauschte den Liedern der singenden Schwäne und saß am breiten Ufer meines Bruders. Zwei Fische, aus Weidenzweigen geflochten, nahm er auf, einen kleinen und einen großen, er trug sie zu einem unbekannten Meer.

Ist ein Meer nicht alle Meere, ist ein Fluss nicht alle Flüsse und bin ich nicht alle Menschen? Wo ist meine Grausamkeit, wo mein Hass, meine Zerstörungswut?

Ich mag es Fragen zu stellen. Manche Antworten höre ich nicht gerne. Ich glaube an die Wandlungskraft.

War ich nicht einst die Goldmarie? Und war ich nicht einst das Findelkind im Mooskörbchen? War ich nicht auch das hässliche Entlein und das Mädchen, dem die Mutter starb, das gequält und verhöhnt von Stiefmutter und deren hässlichen Töchtern zu Baba Jaga gehen musste, zur Frau Holle in den Brunnen? Und war ich nicht auch das Mädchen mit der roten Kappe und das Mädchen, das am Weihnachtsabend die Schwefelhölzer entzündete, mit Blick in den Sternenhimmel? Und war es nicht der Himmel und seine Weite, die mir Verheißung auf ein Wiedersehen waren?

Ich mag es Fragen zu stellen. Manche Antworten höre ich gerne.

-Mit dir fahre ich um die ganze Welt. Mit dir kenne ich die Angst nicht mehr. Wie kann das sein?

Am liebsten fahre ich mit dem Auto ins ferne Land. Am Morgen fahre ich los, wenn der Sonnenaufgang meinen Abschied begleitet, der Tag vor mir unter den Rädern singt, er sich dehnt von Morgen zu Mittag zu Abend, wenn der Sonnenuntergang meine Ankunft ist. Auf diesen Wegen finden sich ein Dach, eine Lichtung, ein Feuer, ein Mahl und ein tiefer Schlaf. Rehe stehen im Halbrund um die Lichtung, sie äsen sich dem Sonnenaufgang entgegen. Ich spüre noch den Frieden der Rehe und Beeren und meine Freude.

Der rote Faden mäandert zu den Knotenpunkten und um sie herum. Das Gewebe um ihn herum ist immer noch grünblau.

johnnyWenn ich alle Menschen bin, dann bin ich auch alle Engel und Dämonen, alle Feen, Hexen, Elfen, Elben, Zauberinnen und eine noch kleinere Frau. Dann bin ich Königin im Schwanenkleid, die auszieht um Kaiserin in ihrem Reich zu werden- in ihrem Land Überall-im-Irgendwo, dem Land, in dem mich das weiße Rentier mit den durchsichtigen Flügeln auf seinen Rücken nimmt, mich über alle Mauern und Abgründe trägt, während ich das Lied Ohne-Anfang-und-ohne-Ende singe, begleitet von dem tiefen A in Moll, das nur so mein Johnny auf dem Tenorsax blasen kann wie alle Schiffe tuten.

Knotenpunkte, Knoten aller Art und Seemannsgarn, ich habe es geliebt das Akkordeon zu spielen, den Wind in den Haaren, das Meer im Blick.

Wenn das eine Leben alle Leben ist, dann ist es ein nackter Dada, ein Dideldaddeldumm, wieso mache ich mir überhaupt noch Sorgen?

 

Schreiben hilft #4

Fortsetzung

Es gibt Momente in denen alles Wissen nichts nutzt, nicht direkt. Die Königin hat zu tun ihr wild gewordenes Volk zur Räson zu rufen. Sie sind dabei sich einzuschließen, Mauern zu errichten mit winzigen, vergitterten Luken davor, einen Schloßgraben auszuheben. Die Königin spürt die Wände näher rücken. Wo zuvor nur Weite und Geborgenheit gewesen sind, sind es nun Enge und von Dornen umrankte Schlafstätten.

Sie hält die bleiche, zitternde Angst im Arm, sie flüstert: ich höre dich, ich sehe dich; du und ich werden achtsam sein. Sie ruft den Mut, der sich gerade verpissen wollte, was gar nicht geht, nicht jetzt. Die Königin seufzt, sie ist streng; nun hält der Mut die Angst im Arm und brummt ihr beruhigende Worte ins Ohr bis sie lacht.

Frau Miesmach meckert wie immer lauthals herum, es hört ihr aber niemand mehr zu, sie haben das alles schon tausend Mal gehört und doch kam es nie zum Ärgsten. Vertrauen ist zu einer Frau geworden, das freut die dreizehnte Fee und die Königin.

Es wäre doch gelacht, wenn sie gerade jetzt nicht zusammenhalten würden! Alle, auch die Unbenannten. Das Volk beruhigt sich allmählich, kehrt zur Weite und zur Geborgenheit zurück, zu ihren Wurzeln, die sie halten, ihrem Leib, der sie trägt, ihrer Krone, die voller Licht ist, ihren Flügeln, die sie über alle Mauern und Abgründe tragen.

Es ist kein Gesetz, dass man wieder und wieder ganz hinunter steigen muss, wenn man schon einmal nackt am Haken gehangen hat. Erinnerungen an Hilfen und RetterInnen brechen die frisch hochgezogenen Mauern mit ihren vergitterten Luken entzwei.

Das sind so Momente.

Und morgen darf sich die Geschichte fortschreiben: von Einer, die auszog, um Kaiserin in ihrem Reich zu werden. Am Wegesrand sitzt die Moosfrau auf ihrem Stein; wie hübsch sie sich heute wieder gemacht hat! Lächelnd sagt sie: E n d l i c h, mehr nicht. Alle haben sie gehört, alle lächeln zurück.

Manches braucht mehr als eine Umrundung, zu tief, zu verkrustet sind die alten Muster, um mit einem Schwung in neue verwandelt zu werden. Das macht nichts, weil es immer noch ein Ankommen gegeben hat.

Ich liebe Ankünfte, fremdes Land, fremdes Volk, da kann ich wieder neugierig sein. Ich mag die zeitweilige Sesshaftigkeit. Ich mag keine Abschiede; immer noch nicht…

Ende – kein Ende

(Mittlerweile bin ich schon viele 100 Wörter weiter, ob ich Teile davon hier als Fortsetzung einstelle, wird sich weisen- ja, schreiben hilft und so ist ein neues Buchprojekt entstanden, es beflügelt mich!)

Schreiben hilft #3

Fortsetzung

Ich nehme meine neuen Räume ein. Ganz. Das erste Mal: keine Mutter, kein Bruder, keine Frau Maria Brehm, keine Freundinnen und Freunde, keine Kinder, kein Mann. Ich werde den Platz mit mir und meinen Geschichten füllen; die Tür wird unabgeschlossen sein.

Es wird keine blinden Flecken geben, ich will mich an keiner Ecke stoßen, ich will wieder an meinem Schreibtisch unter dem Fenster sitzen und schreiben.

Die Kompassnadel in meiner Hand zittert, sie richtet sich neu aus. Die schwarzen Tücher habe ich verbrannt, die Bilder aus dem alten Haus zu anderen gelegt. Aufrichtung und Weitergehen werden erneut wichtig. Meinen Faden lasse ich nicht mehr los, es ist meiner geworden, der kein Du mehr an seinem anderen Ende braucht, um mich zu halten. Unabhängigkeit ist ein großes Wort und eine Illusion. Mit Selbständigkeit ist es anders, sie schenkt Halt. Wieso sollte ich mich jetzt verlieren, wo ich mich doch erst in den letzten Jahren gefunden habe; hier, in diesem alten Haus, wo ich dich verlor…

Was ist das für eine Geschichte, die sich fortschreibt, weg von dir und mir, hin zu … ja, wohin? Was, wenn der Faden mich einwickelt, sich verknotet, klebrig wird, wie von einer Spinne gezogen? Was aber kann überhaupt geschehen, wenn ich den Faden in der Hand halte, die Richtung bestimme, den Weg und auftauchende Hindernisse im Blick? Wie sollte ich noch in einen Brunnen stürzen?

Egal wie abstrakt noch immer vieles ist, die Zeit läuft ab, ich verlasse dieses alte Haus; schon bald.

Tomas Espedal schreibt

Es ist immer schwierig, ein neues Leben zu beginnen. (…) Manchmal denke ich, wir sollten an einem ganz anderen Ort wohnen, in einem anderen Haus, wir könnten ein ganz anderes Leben leben; doch sobald ich den Kiesweg hochgehe und die Tür aufschließe, bin ich unendlich froh, zu Hause zu sein. (S.191/192)

Hier endet das Buch, hier beginnt mein neues Leben in einem neuen alten Haus mit meinem alten Namen; hin- und herpendelnd zwischen Ulli und Ulrike, stetig bleibt mein Familienname, wie unstet auch die Familie war. Machen Mutter und Tochter schon eine Familie aus? Ich hätte darauf bestanden. Meine Mutter wechselte lieber ihre Familiennamen, bis sie wieder bei ihrem Geburtsnamen landete. Ich bleib in diesem Punkt stabil.

Ich teile nicht das Los der Töchter, die nie werden wollten wie ihre Mütter, um dann später mit ihren Zungen zu sprechen. Ich sehe die Erbanlagen, ich hörte auch schon hin und wieder Worte der Mutter aus meinem Mund, aber einmal hat immer gereicht, um mich zu besinnen. Ich habe eine Familie, ich habe Freundinnen und Freunde, ich habe Spaß; ach Mutter…

Ich stelle mir Fragen, du singst. In manchen Momenten bin ich lieber wütend als traurig.

Es wird nicht der letzte Umzug sein, aber es werden auch nicht mehr sehr viele folgen. Vielleicht nur noch einer und dann der letzte vom Leben in die ewige Stille, was auch immer noch dann sein wird. Kann überhaupt Jemand Ewigkeit denken oder Unendlichkeit? Ich nicht. Ich kann sie nur hinnehmen, weil ich sie angenommen habe.

Ich bin nicht bereit ohne einen Boden unter den Füßen von hier wegzugehen. Ich war nicht auf das letzte Wort gefasst, noch auf Endgültigkeit vorbereitet, obwohl dann ich es war, die beides in den Raum zwischen uns stellte. Nun stehe ich dazu. Es hat lange gedauert.

Zu lang, zu kurz gehört in die Schublade der Müßigkeit, wie alle Entscheidungen, die es hinzunehmen gilt, wenn man sie gefällt und somit angenommen hat. Zurückdrehen, zurückkehren sind keine Optionen, Aufrichtung und weitergehen schon. Dazwischen ist die Zwischenzeit, sind die Wunden, die ich sauber lecke, mich in mir auf meinem Bett eindrehe und der Schlaf ein freundlicher Bruder ist.

Wenn ich nicht mehr warte, wenn ich lieber schweige als rede, wenn ich froher mit mir selber bin…

Die Geschichte schreibt sich seit mehr als dreißig Jahren vor und zurück, jetzt schreibt sie sich ihrem Punkt entgegen. Punkt, Null, Nichts, der kurze Stillstand, die Welt hält den Atem an, wer es nicht weiß, wird nichts bemerken.

Die arme Poetin stellt ihr Bett in einen anderen Raum, Regenschirme darüber hat es nie gegeben. Die arme Poetin muss und wird weiterschreiben. Sie wird sichtbar sein.

Kreise müssen sich schließen, sonst ist es keine Geschichte, ob mit oder ohne offenem Ende.

Mich schmerzt, dass du mich nicht lesen gelernt hast. Bei keinem und nie zuvor war ich ein offeneres Buch. Hätte ich geheimnisvoller bleiben müssen? Hätte, hätte, Fahrradkette… Ich war, ich bin, ich werde sein, basta. So oder gar nicht! Gerade eben schaue ich der Vergeblichkeit in die Augen, selbständig, unabhängig, soweit Unabhängigkeit noch keine Illusion ist.

Weich besiegt hart, weich kann hart sein oder werden, hart, weich; geballte Weichheit ist Wucht. Weder steter Tropfen, noch ein Samtläppchen für den letzten Schliff will ich sein. Ich nehme das Stachelkleid nicht mit ins neue/alte Haus. Dort ist Platz, ich kann dort tanzen! Es gibt keine Ecken an denen ich mich stoßen kann, die Tür bleibt unverschlossen.

(Fortsetzung folgt)


Anmerkung

Tomas Espedal – Wider die Kunst – ISBN 978-3-518-46752-7 – Suhrkamp Verlag – erste Auflage 2017

Schreiben hilft #2

Bevor es jetzt hier mit der Fortsetzung weitergeht, möchte ich sagen, dass mir diese Texte wirklich sehr geholfen haben. Dunkeltal war gestern, langsam wird es wieder bunt in mir und trotzdem möchte ich diese Texte mit euch teilen. Längst haben sie sich in meinem Notizbuch weitergeschrieben, dazu kommen andere, aus anderen Zeiten. Ich habe die wage Idee, dass dies ein Anfang für ein neues Buch ist. In dieser Woche stelle ich hier die Fortsetzungen 2-4 vor und dann soll wieder Raum für anderes sein!

Ich danke euch allen, die ihr mit mir fühlt und mich bestärkt, mir Schönes sendet, auch das hilft mir sehr und empfinde ich in keinster Weise als selbstverständlich. Darum nochmals meinen Herzensdank an euch.

Fortsetzung

Ich wollte immer nur schreiben. Egal, was ich sonst noch tat, irgendwas habe ich immer aufgeschrieben: einzelne Sätze, Gedichte, Flüche, Verwünschungen, Briefe, Liebesschwüre und Essays; Tage, Stunden und Augenblicke, die ich vergessen hätte, gäbe es nicht meine Notizbücher, die sich vermehren wie die Karnickel.

Selbst wenn ich tagelang malte, durch die Welt stromerte oder später in all dem Berliner Taumel, wenn ich fotografierte, an meinen Collagen arbeitete, am sichersten war und bin ich, wenn der Füller übers Papier glitt und gleitet oder meine Finger über Tastaturen huschen. Als ich zehn Jahre alt war bekam ich meine erste Schreibmaschine zu Weihnachten, weil ich sie mir wünschte.

suetterlin-alphabetMit acht Jahren lernte ich Sütterlin schreiben und lesen, weil ich es wollte. Weil mich nichts mehr beruhigte als Buchstaben, egal ob ich sie übte, malte oder schrieb, ob sie zu Worten und Sätzen wurden, oder ob ich sie in Büchern fand. Mit fünf Jahren konnte ich lesen- weil ich es wollte.

Das meiste in meinem Leben schrieb ich in meine Notizbücher, in Briefe und auch auf Karten, am liebsten in meinem Bett. Mein Bett ist zu manchen Zeiten Schreib- und Lesestube, Kinosaal und Schlafstätte. Ich habe es dann nicht weit, wenn die Müdigkeit kommt.

Tomas Espedal schreibt in seinem Buch WIDER DIE KUNST

Wenn man an einem Ort lange genug unglücklich gewesen ist, kann es passieren, dass man sich an diesen Ort stärker gebunden fühlt als an andere. Es kann passieren, dass du von einem falschen Glück beschwert wirst, das dich stärker an dieses Haus bindet als an andere; auf einmal willst du nicht mehr ausziehen. Jeden Tag, von Anfang an, seit dem ersten Tag in diesem Haus auf Askøy, habe ich mir gewünscht, hier wegzukommen, doch heute, nach all diesen Jahren, da ich gezwungen bin auszuziehen, da ich endlich an einen anderen Ort ziehen kann, will ich nicht, ich will nicht ausziehen. (S.140)

Nicht nur, dass mich Zurzeit reihenweise die Bücher finden, die mir mein Jetzt, meine Gefühle und Gedanken darin spiegeln, auch ich muss nun ausziehen. War es bis vor kurzem Wunsch und Traum, ist es nun eine Notwendigkeit. Das alte Haus soll umgebaut werden. Ich kehre danach nicht zurück. Ich gehe nie zurück, an keinen Ort. Als Besucherin, vielleicht… Ich erkenne den Sinn nicht und es hat auch noch nie eine Notwendigkeit dafür gegeben.

Nirgendwo habe ich mehr geschrieben als in diesem alten Haus. Ich schrieb in meiner Kemenate in meinem Bett, ich schrieb an meinem Schreibtisch und hackte Wörter in die Tastatur. Ich veröffentlichte ein Kinderbuch, dass äußerst eigene Wege geht und eröffnete diesen Blog. Ich schrieb die Novelle der kleinen blauen Frau, bei der kein Verlag anbeißen mag, was mich fuchst und ich sammle die Miniaturen, die kurzen Zeilen und Geschichten, die blauen Stunden, meine Gedichte.

Ich schrieb und schreibe und werde immer schreiben, weil ich will, weil ich muss.

Tomas Espedal schreibt hierzu:

Ich muss mich konzentrieren zu schreiben. Zuerst schreibt man, um ein Buch veröffentlichen zu können, um sich Schriftsteller nennen zu können, doch irgendwann schreibt man, um Geld zu verdienen, man schreibt, um eine Arbeit zu haben, und man schreibt, um besser zu schreiben, immer bessere Bücher, jedes Buch muss besser sein als das davor, das ist die Regel, die es fast unmöglich macht, Bücher zu schreiben. Ein Schriftsteller, schrieb Thomas Mann, ist ein Mann, dem das Schreiben schwerer fällt als allen anderen Leuten. Doch nach vielen Jahren und etlichen Büchern denkt man weniger ans Geld und die Bücher, es ist eine Notwendigkeit geworden zu schreiben, eine Lebensnotwendigkeit, man könnte nicht leben, ohne zu schreiben. (S.144)

Das alte Haus und mein Füller auf dem Papier, die Kemenate, das Bett, manchmal knackt die Trommel an der Holzschwartenwand. Heiliges verweigert sich der Kameralinse; später zeigt sich nur eine nichtssagende Oberfläche. Die Fotos aus dem alten Haus, dem, vor diesem hier, tun mir weh. Da war noch alles gut mit dir und mir. Auch von dort wollte ich immer nur fort, aber mit dir! Wir zogen in das neue/alte Haus, dann entfernten wir uns, nun ziehe ich alleine weiter. Du singst als wäre nichts geschehen. Wie machst du das nur?

Ich habe seit meinem Wegzug von der Mutter immer in alten Häusern gewohnt. Vielleicht weil ich mit ihr in Neubauten leben musste, die hatten keinen Stallgeruch. Sie waren nackt und lernten erst noch leben. Wie anders es in den Häusern und Wohnungen der Tanten und Großeltern, den Frauen Becker und Eysopp gewesen ist! In alten Häusern leben Geschichten zwischen den Wänden, Decken und Böden; in diesem hier keine guten. Ich hätte es spüren müssen, ich spürte etwas, aber ich ließ mich betören von den gelben Rosen vor der Haustür und dem weiten Blick. Nie lebte ich mehr in meinem Bett, nirgendwo. Es wird Zeit!

(Fortsetzung folgt)


Anmerkung

Tomas Espedal – Wider die Kunst – ISBN 978-3-518-46752-7 – Suhrkamp Verlag – erste Auflage 2017

Schreiben hilft #1

Wohin mit den zigtausend Worten in Dateien und auf Papier? Wohin soll ich sie wenden? Sie bleiben ungelesen und ich unbekannt, wenn ich mich nicht zeige, wenn ich den Spiegel mit schwarzen Tüchern verhänge. Erst kürzlich fiel eine Spiegelkachel aus dem Gefüge, nichts passierte. Seitdem gähnt ein blinder Fleck im Raum.

Eingelullt in alte Lieder und Rauch ist Schlaf dein liebster Bruder. Ich habe keine Schwester. Weißes Papier und kleine Huhus, grüne Tinte auf tauendem Schnee. Es zerrt schon wieder hinaus. Zurück ist der Drang. Winde wehen, Regen fehlt seit vielen Wochen. Wie oft fängt man von vorne an, wenn vorne nur einen Anfang kennt?

Das, was ich bis vor kurzem noch wusste, ist in den Brunnen gefallen, der austrocknen müsste, damit ich es wiederfinden kann. Ich wünsche mir Regen. Die ewige Sonne trocknet die umliegenden Stauseen, Bäche und Brunnen aus. Zu schnell ist der Herzschlag des herannahenden Frühlings für meine neue Langsamkeit. Ich will Winterstille und wenig Licht, will keinen Fuß über die Schwelle setzen. Ich will meine Wunden lecken, in mich eingedreht auf meiner Bettstatt, bis es vorbei ist.

(Fortsetzung folgt)

Wintervogel

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Wintervogel singt ein Frühlingslied, wir sangen gestern das Lied der gehenden Flöte. Dreimal, dann nehmen sich Melodien und Worte Raum. Dreimal, dann ist es gut. Ich vermisste das vierte Mal, obwohl ich die Vier nicht gerne schreibe, Kreise und Dreiecke den Quadraten vorziehe.

Mein Herz gehört der Königin, der König setzt Staub an, Bauern ziehen Furchen übers Land, Füße wollen wandern, Lieder gesungen werden, Hirten sind in unseren Breiten nahezu ausgestorben, Schweine stehen in sauberen Ställen.

„Wärmekette“ ist eine neue Erfindung des Hygienewahns. Angst züchtet Bakterien und schwächt das Immunsystem, der Pharmazeut reibt sich die Hände.

Ein Bier, viele Geschichten, wie gerne ich gesellig bin! Ich liebe das Bahndammkellerkind und dich, immer, nur immer anders. Geteilte Räume und das doppelte Lottchen, Sägen streichen über Betten- ach…

Ich würde heute meinen Sohn Emil nennen, Oscar wäre sein Zweitname. Ich wäre immer fröhlich, wenn ich am Abend in den Garten „Emil“ rufen würde, das Kind unter dem Apfelbaum mich ansehen und antworten würde „Ich ko-mme“.

Die heiße Suppe auf dem Tisch, das frische Brot daneben, heimelige Würzwolken unter der Küchentischlampe und immer wäre es ein altes Haus. Jede Diele knarrt ihre eigene Geschichte, im Keller wohnt der Feuersalamander. Wo du in diesem Bild wärst?

Ich habe den Winter weggesessen, seit Anfang Februar singen wieder die Wintervögel.

Wenn du nach links gehst, werde ich nach rechts gehen, sagt Jack. Zack geht nach rechts, Jack nach links. Der eine pfeift ein Lied, der andere wiegt sich in den Hüften. So kann es an Weggabelungen gehen.*

Fragen sind erlaubt, manche Antworten höre ich nicht gerne. Als würde das Leben sich einen Deut darum scheren, als wäre das Leben eine große Frau oder ein alter Mann mit Rauschebart, als würden sie nicken und loben oder den Daumen nach unten richten. Holzböcke knabbern im Verborgenen, Balken brechen, steter Tropfen höhlte die Eiche.

Wintervogel singt ein Frühlingslied, wir sangen gestern das Lied der gehenden Flöte. Dreimal, dann nehmen sich Melodien und Worte Raum. Dreimal, dann ist es gut.

Anmerkung

*Schlussszene aus dem Film Down by law – by Jim Jarmusch

Coolsein war gestern

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Wie cool er ist, wie beschäftigt! Wie er immer nur zustimmt und Phrasen drischt, unzugänglich, eingekapselt- ein Junge gefangen in einer Blase unter dem Eis. Sein Grönland unter der warmen Sonne Italiens.

Schranken – beschränkt – eingeschränkt – in Schranken also, wer zieht sie, hat Gott an Schranken gedacht? Gott kam an seine Grenzen, er musste ruhen, man könnte behaupten, wie es erst kürzlich jemand getan hat (wer war das nur?), dass am siebten Tag, als Gott ruhte, der Beelzebub die Bühne betrat.

Irgendwas ist ja immer. Packeis in Italien, Geschrei am stillen Sonntagnachmittag, der Hahn um fünf Uhr in der Früh, ein Graureiher am Karpfenteich und wenn das nicht genug ist, kann man ja das Radio einschalten oder auf dem Smartphone Nachrichten lesen. Twitter, Ticker, weiterklicken, lesen, erschauern. In solchen Zeiten braucht es Zueinanderstehen, Austausch, zarte Reibung, Pausen zwischen den Sätzen, offene Ohren, Poren und Herzen, Wärme. Coolsein war gestern!

Über das Ganze einen Schleier legen, es quasi polstern, Hartes an den Kanten brechen … wahr ist das nicht, es ist eine watteweich umnebelte Facette. Er nickt, schmaucht seine Pfeife. Ich denke an Schaumgummimatrazen und frage mich, warum manches so arm-selig sein muss. So arm an Seele, an Mitgefühl, so eingekapselt, so beschränkt.

Es gibt Italien ohne Grönland, es gibt Grönland als Grönland und es gibt Grönland inmitten von Italien.

Jedes Wort ist ein Herantasten, jede Träne eine zu viel, jeder fehlende Augenblick ist einer zu wenig. Ihn zu trinken, einen nach dem anderen, jeden zu sich nehmen, halten, nichts festhalten, es wartet schon der nächste und ich habe nichts zu sagen, nicht mehr.

Alle Warnungen in den Wind geschrien, er stürmte davon. Alles Schöne in eine rote Lackschachtel gepackt. Für die Betrachtung, später, vielleicht…

Als würde die Traurigkeit warten, als würde ein Schatz ewig auf dem Meeresgrund liegen. Schwere Beine, kein Glanz in den Augen, ein Lichtblick kommt nicht von allein. Keine Schuld, nur gegenseitige Bedingtheit, wie konnte die Hoffnung so lange wirken?

Die magischen Momente, die Warnungen nichts als Schilder, wie Straßenschilder, die man sieht und dann doch nicht beachtet, als wären sie für alle anderen gemacht, nur ich selbst bin die Meisterin der Haarnadelkurve. Dann ist es zu spät.

Stolz ist auch eine Spielart der Angst, als hätte er wirklich etwas zu verlieren. Ein Gesicht bleibt ein Gesicht, trotz aller Verluste. Ergänzung wäre schön gewesen, statt Recht, Schuld und verdeckte Karten. Vollmond bringt alles ans Licht, Schwarzmond weist neue Wege.

Dass ich so lange gewartet habe, dass ich so lange an festgerosteten Schrauben drehte, die Vergeblichkeit in den Wind schrie, bis sie ein Sturm wurde, es nichts mehr festzuhalten gab. Alles für ein Bild, die Erfüllung meines Hollywoods, ein Happy-end wäre schön gewesen. Als gäbe es eine Filmklappe, ein Wir-machen-das-jetzt-noch-einmal-von-vorne-und-klar…besser; bei jeder Klappe immer noch besser, bis echt über die Leinwand flimmert, was am Ende doch nur ein Spiel ist, ein Schau-spiel.

Die Verstellung, die alles aufdeckt, wie jede coole Geste auch.

Manchmal hätte ein Gänseblümchen gereicht!

Jeder Jammer ein Schiff, das seinem Leben als Wrack auf dem Grund entgegenfährt. Jeder Schrei, dessen Echo von den Bergen widerhallt, bis er den Weg ins All findet, das ihn aufnimmt und verteilt, bewegt und zerkleinert, schwarze Löcher sind gefräßig.

Nun gut, dann eben keine Hand auf meinem Fuß. Der Felsen scheint nur hart, der Berg nur unbezwingbar, das Meer ist die eigentliche Option. Es zerreibt die dicksten Steine zu Sand. Korn für Korn schimmert in der Mittagssonne. Ich singe ein Ave Maria und bete den Rosenkranz, für eine Erkenntnis, einen Schutz oder wenigstens einen Fitzel Mut.

Der Brunnen

brunnen

Ob ich sie oder ihn, Mauer oder wahlweise Abgrund, geflissentlich übersehen habe, sprich ob sie, oder wahlweise er, immer schon anwesend, nur getarnt und somit unsichtbar war, die Frage stellt sich, auch wenn sie müßig ist. Weil sie  j e t z t  da ist, er auch, Mauer und Abgrund.

Die eine zu hoch, um herüber zu kommen, der andere zu tief, seine Kanten zu weit auseinander, als dass ich einen Sprung wagen könnte. Bleibt ein Entlangwandern. Die Lücke oder ein Ende von Mauer und Abgrund sind wahrscheinlich. Was allerdings nichts über ihre Entstehung sagt, nur etwas von einer Möglichkeit der Überwindung.

Gegenseitige Bedingtheit und ich mittendrin. Ich kann umkehren oder der Lücke, dem Ende entgegenwandern. Wenn ich mich umkehre, von außen nach innen, wo ist dann die Mauer, der Abgrund?

Ein stiller, tiefer See in dem sich das Mond- und Sternenlicht spiegelt- ein bellender Fuchs in der Ferne, ein Bussard im Wäldchen, ein Uhu am Straßenrand. Auf dem Grund des Brunnens treffe ich immer nur mich, Licht und Neumonddunkel, Vollmond und die Sonne, um zwölf Uhr mittags das Ave-Maria-Geläut. Jeden Mittag Ave Maria, wer weiß das schon?

Das Elfuhrgeläut galt früher den Bauersfrauen. Es mahnte sie in die Küche zu gehen, ein Mahl zu bereiten, das Pferd vor den Wagen zu spannen, die heißen Töpfe sicher darauf zu verstauen und mit Hü und Ho zu den Leuten aufs Feld zu fahren. Wie Willkommen sie war!

Vielleicht … gerade jetzt, an einem anderen Ende der Welt, zieht ein Pferd, ein Muli oder Esel einen Wagen mit heißen Töpfen auf ein Feld. Mit Hü und mit Ho.

Den Blick abwenden oder umkehren, es braucht Mut dazubleiben. Es braucht Mut den Moment der Vergeblichkeit zu erkennen. Manches ist keine Flucht, es ist eine Notwendigkeit.

Von hier geht die Traurigkeit ein Stück mit auf dem Weg. Traurigkeit will keinen Trost, sie will traurig sein.


Diesen Text schrieb ich vor ein paar Tagen, ja, aus Gründen. Heute fand ich in dem Literaturmagazin „poet“ nr. 19 folgendes Gedicht:

Jan Wagner

im brunnen

 

sechs, sieben meter freier fall

und ich war weiter weg

als je zuvor, ein kosmonaut

in seiner kapsel aus feldstein,

betrachtete aus der ferne

das kostbare, runde blau.

 

ich war das kind

im brunnen, nur die moose

kletterten am geflochtenen

strick ihrer selbst nach oben,

efeu stieg über efeuschultern

ins freie, entkam.

 

ab und zu der weiße blitz

eines vogels, ab und zu

der weiße vogel blitz. ich aß,

was langsamer war. der mond,

der sich über die öffnung schob,

ein forscherauge überm mikroskop.

 

gerade, als ich die wörter assel und stein

als assel und stein zu begreifen lernte,

drang lärm herab, ein hasten, schreie,

und vor mir begann ein seil.

 

ich kehrte zurück ins läuten der glocken,

zurück zu brotgeruch und busfahrplänen,

den schatten unter bäumen,

gesprächen übers wetter, kehrte

zurück zu taufen und tragödien,

den schlagzeilen, von denen

ich eine war.

 

Erst einmal ein Letztes

Ab morgen ist hier wieder Pause. Das war seit Anfang Januar für mich hier eine sehr intensive Zeit und nun fahre ich für 12 Tage in Ferien. Noch einmal meinen herzlichen Dank an euch für die rege Beteiligung an meinem und Gerdas Alphabet und für eure sehr berührenden und bestärkenden Kommentare vorgestern und überhaupt, aber eben besonders vorgestern.

Trotz Pause führe ich die Sonntagsbilder weiter und ich freue mich auf eure Kommentare (so ihr wollt), wenn ich wieder zurück bin.

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern eine gute Zeit.

Ich verabschiede mich mit einem Text und einer Fotomontage einer neuen Serie:

„Puppenspiele – puppets in the streets“

Heute:

Sie und Er

0016-17-01-2017

SPEZIELL

– Du bist mir zu speziell. Lange schaute sie ihn an, er hielt den Blick, ihrer wanderte ins Niemandsland.

– Vielleicht … bin ich a u c h speziell. Jetzt war es an ihm seinen Blick wandern zu lassen, ins Erinnerungsland. Er sah die junge Lebenslustige, Tatkräftige, in die er sich einst verliebt hatte. Er lächelte.

Erinnerung löste Erinnerung ab, dann sah er sie unter sich erstarren. Ratlos wurde sein Blick, wie eh und je. Ihre erklärenden Worte erreichten ihn nie, brachten ihn nicht zurück zu ihr. Die Fallstricke des sich Falschfühlens hielten sein Hinspüren und Zuhören gefangen.

Heinrich, Heinrich der Wagen bricht. Aber nichts ist je gebrochen, gesprengt, getaut. Unter der Hitze seiner Haut schwamm ein Eismeer. Seine Oberfläche war eine frostig geschlossene Decke, man könnte Zufuß um sein Grönland gehen, ohne je anzukommen. Unter seinem Eis hielt er manches verborgen.

Er suchte und fand, wie jeder findet, der sucht, es sei denn es ist für immer verloren- er fand sein Kleinsein, sein Nichtgenügen, er konnte nicht anders.

Wie schwer das war! Sie dachte an die Erzberge in schwedisch Lappland. Dunkel, schwarz, verdichtete Masse, schwere Steine- zu schwer, zu groß, um einen in die Jackentasche zu stecken; zu dunkel auch. Von ihnen ging keine Verlockung aus, eher eine ungute Verheißung. Woher sie kam und was es wirklich gewesen war entschlüsselte sich erst Jahre später. Sie hatte stattdessen einen hohlen Knochen mitgenommen, der lag jetzt in ihrem Regal.

– Natürlich bin ich speziell. Aber was sagt das über mich? Was das z u ? Sie hatte ihn mit ihren Fragen zurück an den Tisch gebracht, der ihnen ein Gegenüber bot, kein Nebeneinander, höchstens noch ein Aufeinander, aber diesen Raum hatten sie verlassen. Wann war das? Oder hatte dieser Raum sie verlassen?

– Naja, speziell ist wohl jede und jeder; halb fragend, halb sagend stand der Satz für einen Moment zwischen ihnen, bis er im Nebel des Nichtssagendem verschwand. Beschwichtigungen, Verallgemeinerungen, tausend Schwämme in vielen Jahren und keine Essenz.

Sie übertrieb jetzt wieder, das wusste sie. Er hörte es nicht, sie schwieg. Sie schaute auf ihre Hände. Er folgte ihr, sah die immer noch so schönen Hände, die zupackend, wie zärtlich waren, die tasteten, schmeichelten, strubbelten, neckten, kitzelten, die Seligkeit waren. Alles w a r , was ist aus dem  i s t geworden? Wie traurig das alles war! Er stand auf.

– Ich muss alleine sein. Ich habe mich verloren, ob in dir oder mit mir oder irgendwo auf dem Weg, das muss ich herausfinden. Sie nickte. Er ging. Sie schaute vis-à-vis, sein Bild hing noch dort, es war ihm nicht gefolgt.