Erinnerungsschaukel 08

M A N T E L H A U T

Gerade noch hatte sie ihm hinterher gewunken. Berlin, Bahnhof Zoo. Er, hinter der Scheibe des davon fahrenden Zuges. Ein kleines Stück war sie noch mit gelaufen, aber dann raste der ICE davon. Nahm ihn mit.

Sie kehrte um. Ging durch die Blicke hindurch, die ihr nichts anhaben konnten. Heute nicht. Einem dicken Wintermantel gleich, seine Liebe um ihre Haut. Die Welt war still. Kein Blick wagte sie heute auszuziehen. Keiner störte. Sie perlten ab. Auf ihrer Haut Abdrücke der Zärtlichkeit. Seiner Zärtlichkeit. Sie lauschte ihren Spuren. Flüchtige, leichte, schnell verwehte, Pulverschnee und Meeressand. Gerade  noch da. Dann trugen Meer und  Wind sie ins Vergessen.

Endstation, alles aussteigen bitte. Sie lief nicht mit den Anderen, hastete nicht ihrem Ziel entgegen. Der Moment des Eingehülltseins hielt an. Sie schlenderte dem Ausgang entgegen. Jeder Schritt ein Genuss, jeder Millimeter ihres Körpers präsent. Wiegende Hüfte, weicher Gang. Die Hände frei.

Daheim angekommen wickelte sie den Tag in zartes Seidenpapier und legte ihn in die rote Lackschachtel.

2010


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28 Gedanken zu „Erinnerungsschaukel 08

  1. Gut geschrieben, liebe Ulli. Der Text wirkt aber nicht so persönlich und unmittelbar auf mich, wie die anderen, die ich bisher aus der Schaukelserie von dir gelesen habe. Er klingt für meine Ohren theoretischer, distanzierter, mehr gemacht als erlebt …

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  2. Liebe Ulli, warum mich deine Worte an die Erzählung „Der Engelsbaum“ von Lucinda Riley erinnern, könnte ich noch nicht mal genau beantworten. Es ist ein Hörbuch mit ca.17 Stunden Spieldauer. Weil ich es so berührend fand, habe ich einen großen Teil der 2 MP3-CDs ein zweites Mal gehört.
    Es ist schön und es ist traurig, was wir im Laufe unseres Daseins oder besser Hierseins erleben, was uns berührt.
    Hier regnet es zur Zeit stark – und darüber bin ich sehr, sehr erfreut.
    Liebe Grüße von Clara

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    • Liebe Clara, das Hoerbuch kenne ich nicht. Klingt gut! Ja, das Leben ist facettenreich und das ist wunderbar.

      Auch hier regnet es und ich freue mich, die Amsel anscheinend auch.
      Liebe Grüße
      Ulli

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  3. Dies ist eine der kürzesten und schönsten Liebesgeschichten, die ich je gelesen habe, liebe Ulli. Du hast den Kern der Liebe so wunderbar beschrieben!!! Hab noch eine wunderbare Woche und schreib bald wieder eine Geschichte in deiner blumenreichen Sprache. Einfach köstlich!

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  4. und dann dieser wunderschöne allerletzte Satz, liebe Ulli. Ganz wundervoll, die besonderen Stunden in Seidenpapier eingehüllt in eine besondere Schachtel zu legen und sie aufzubewahren.
    Diese schönen Momente haben es verdient aufgehoben zu werden. In den seltesten Fällen kehren sie wieder.
    Liebe Grüße in die Nacht von Bruni

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