Bussard

Lagerkoller

Ich muss hier raus! Die Magie von Wintersonnenwende und Raunächten ist endgültig vorbei. Die Wärme des Ofens ist zu warm geworden. Ich brauche Luft, frische Luft, Wind um meine Nase, Matsch unter meinen Füßen. Es ist nichts passiert. Gar nichts. Kein Konflikt, keine Unbill, nur ich mit mir. Das ist nicht immer komfortabel, nicht zwingend gemütlich, bereichernd oder gar erholsam. Zu viel – zu wenig. Bewegung braucht es. Grünes sehen, Wind atmen.

Der Bussard fliegt so nah über das Auto, dass ich bremse, er dreht ab. Einige Kurven später fliegt er parallel zu meiner Fahrtrichtung, landet auf einem nahestehendem Baum. Wieder einige Kurven später kreuzt er erneut meinen Weg, dieses Mal fliegt er höher, eine Kollision ist ausgeschlossen.

Was will er mir nur sagen?

Der Bussard

Sieh den Bussard.
Wie kann es gelingen,
ohne Halt im Winde
Halt zu fassen
schwebend
ausgesöhnt mit allen Dingen,
und sich so mit aufgespannten
Schwingen
stürzend, stürzend, stürzend
tragen zu lassen?

von Friedrich Hofmann 1914

D a s will mir der Bussard sagen – ausgesöhnt sein mit allen Dingen, ohne Halt im Winde Halt fassen, stürzend mich tragen lassen.

63 Gedanken zu „Bussard

    • Wie heißt es immer so schön (sinngemäß): auch wenn der Himmel grau verhangen ist am Tag, so ist die Sonne doch da … oder: hab Sonne im Herzen ob´s stürmt oder schneit …
      In diesem Sinne sonnige Grüße unter Grauhimmel
      Ulli

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  1. „ausgesöhnt mit allen Dingen“
    Das klingt so wunderbar!
    Mir gelingt es kaum, es wurde eher schwerer mit den Jahren für mich.
    Die Aussöhnung sollte man still in sich pflgen und das wohl nie an Menschen herantragen, die einem sehr geschadet haben. Es kann dann durchaus sein, daß Dir unerwarteter Groll entgegenschlägt.

    In dieser Beziehung fand ich einige Autobiographien von KZ-Überlebenden sehr heilsam auch. Manche fanden tatsächlich IRGENDWIE zu einer inneren Ruhe, es tat ihnen gut, loszulassen. Aber oft geschah das abrupt, in sehr späten Jahren, praktisch wie ein Geschenk des Himmels. Für UNS schwer nachzuvollziehen, wie das gelingen kann und konnte.
    Schönen Tag Dir.

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    • So wahr, lieber Gerhard, die Aussöhnung sollte still im Inneren für sich selbst geschehen, auch mit Hilfe von außen, aber nicht mit den betreffenden Personen, ja, wegen dem eventuellem Groll, dann ist nichts gewonnen. Das musste ich leider auch erfahren. Aber dann kam sie doch die Aussöhnung, weniger, dass ich für guthieß, was nicht gut gewesen ist, sondern indem ich das Ganze als unabänderbar erkannt habe und die Kehrseite sehen konnte, meine Ressourcen, meine Kraft, die daraus gewachsen sind.
      Ähnlich stelle ich es mir bei den KZ-Häftlingen vor, wobei das ja noch ein viel größerer Kraftakt gewesen sein muss und letztlich dann eben doch schwer nachzuvollziehen ist, wie überhaupt das Sein dort und das Überleben.
      Liebe Grüße
      Ulli

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  2. Es ist auch die Ungeduld, nicht zu wissen, was dieses frische Jahr uns bescheren wird, werden wir frei fliegen, werden wir abstürzen, wird uns jemand auffangen, es sind diese Ungewissheiten, die mich auch beschäftigen. Ich mag in keinem Jahr die Monate Januar und Februar . Lieber Gruss an Dich, Karin

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    • Das weiß aber doch nie, liebe Karin, in jedem Moment kann alles kippen.
      Heute bin ich schon wieder etwas versöhnter, weil die Sonne scheint und ich gerade fast zwei Stunden draußen gewesen bin, viel Schönes sah, auch wieder den Bussard, aber auch den Raben, der hier mit seiner Gefährtin lebt und Spatzen, Katzen, Meisen, Pferde, Hühner und Grünes und Weißes …
      Ganz liebe Grüße an dich
      Ulli

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  3. „Bewegung braucht es“ – alles Lebendige ist in Bewegung, das zu fühlen ist manchmal nicht so einfach, also gehen wir in die äußere Bewegung. Und das hilft ja auch meistens. Ich gehe jetzt mal zum meiner Hunderunde in den Wald.

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  4. Ich hoffe, du bist aus dem Auto gestiegen und hast dann erst richtig den Raubvogel beobachtet und die Aufnahme gemacht. Das Gedicht von Friedrich Hofman ist eine wunderbare Beschreibung des Bussards im Flug. Hab noch eine sch;ne Woche, Ulli!

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  5. Ich deute deinen Lagerkoller mal als gesammelte Kraft, die aus dir heraus will, liebe Ulli 😉 Wenn ich gerade mal einen Tag habe, der etwas weniger Arbeit verspricht, dann schlafe ich möglichst viel 😀 Es ist also noch ein langer Weg bis zum Lagerkoller 🙂 Hab einen gemütlichen Abend!

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  6. Lagerkoller kenne ich gut. Dann sehne ich mich nach Bewegung im Freien, liebe Ulli. Nicht nach Stillstehen vor der Haustür, sondern nach Gehen im Wind, in den Feldern, im Wald und am liebsten mit dem Fotoapparat in der Hand
    Der Lebensraum des Bussards ist etwas anders als unserer *g*.
    Während er fliegt, gehe ich, wenn ich fliege, bin ich in Gedanken versunken, die mich tragen, stürze ich ab, tue ich es in Gedanken, die für etwas keine Lösung finden.
    Stürzt der Bussard tief, findet er Nahrung. Wie oft habe ich es beobachtet und wie oft hatte er dann eine zappelnde Maus in seinen Fängen…
    Liebe Grüße zur Nacht von Bruni an Dich

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    • Liebe Bruni, du hast wunderbar beschrieben wie der Bussard lebt und wie die Menschen, danke dafür. Eins noch, wenn wir abstürzen, dann ist das ja auch nicht für immer, wir fangen zwar keine Mäuse, aber Lichtblicke und Ideen, die früher oder später aus dem „Loch“ aufsteigen.
      Herzliche Grüße, Ulli

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      • und wie gut, wenn es die Lichtblicke für uns gibt, die Ideen gehören auch zu den Lichtblicken.
        Es ist eine Freude, darum zu wissen.
        Herzliche Grüße von Bruni an Dich

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  7. Sich fallend getragen fühlen.. ein schwieriges Unterfangen… das Gleichgewicht für einen Moment, eine Zeit, aber der Wind wechselt und neues Gleichgewicht muss gesucht werden. Ich kann deinen Lagerkoller nachvollziehen .. neuer Aufwind wird kommen 💜

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    • Stimmt, ein Aufwind kommt mehr oder weniger immer, auch nach einem Sturz – sich getragen zu fühlen während man fällt ist ein großes Kunststücke, braucht Vertrauen und wohl auch eine Erfahrung, dass es „noch immer gut gegangen ist“ –
      herzliche Grüße
      Ulli

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  8. Ja, das ist wieder verrückt! Bei mir kommt demnächst fast das gleiche Bild in einem Video dran! Es wartet schon drauf… Mir kommt da Hilde Domins Gedicht : Ich setzte meinen Fuß in die Luft und sie hielt. (oder ganz ähnlich) LG Petra

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  9. Das Gedicht passt wunderbar zur deiner Gefühlsstimmung – oder umgekehrt. Nur dieses Sich-ausgesöhnt-fühlen mit allen Dingen und das Sich-getragen-fühlen will sich bei mir nicht immer einstellen, da beneide ich dich. Selbst habe ich auch seit kurzem das Gefühl „hier“ raus zu müssen, mit hier meine ich vor allem mein Arbeitsleben. Fühle mich momentan wie eine moderne Sklavin – mehr Druck, mehr Einschränkdung der persönlichen Freiheit (bin ich nicht Frei-Beruflerin? Ach…) – wo sind die Gelbwesten in Deutschland? Wann kann ich endlich in Rente gehen? Letzerer Gedanke war mir bisher fremd, doch nun ist er da und zwar ganz massiv. Aber ich muss noch durchhalten. Auf den (Lager)Koller!

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    • Auch bei mir stellt sich nicht immer und unweigerlich das Gefühl des Getragenseins ein, auch braucht es für manches lange, bis ich mich wirklich ausgesöhnt habe, aber das weißt du ja …
      Die Arbeistwelt hat sich aus meiner Sicht sehr zum Negativen verändert. Alles begann, wenigstens ist das mein Eindruck, mit der zunehmenden Arbeitslosigkeit Ende der 1970er Jahre, plötzlich hatten die Arbeitgeber*innen wieder ihre Alte Macht, so nach dem Motto: wenn es dir hier nicht passt, dann kannst du ja gehen, es stehen genügend andere vor der Türe – auch wuchsen seitdem Konkurrenz und Mobbing unter den Arbeitnehmer*innen. Es gibt nun einmal in dieser hiesigen Welt nicht mehr genug Arbeit für alle, die, die welche haben rauchen sich auf, die anderen fallen früher oder später ins Hartz IV-Loch und das Grundeinkommen für alle ist ein Traum, der es wohl auch noch lange bleiben wird. Also müssen wir durchhalten – irgendwie …
      verbundene Grüße
      Ulli

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  10. Oh ja, ein paar Tage notwendiger Regen – leider nicht wirklich ergiebig aber Dauer und nieselig und die damit verbundene Nasskälte, plus HerzMenschSorge, plus japanische ABM – ich bin ebenfalls reif und kollere vor mich hin. Morgen gehe ich schreien – an mein Wasser, dann geht es wieder. Und wer weiß wer mich begleitet? Möwe Mumble oder der Milan, einer unserer wunderhübschen Turmfalken? Ich werde berichten! *zubbelzubbel* deine bigi

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    • Ich zubbel zurück, liebe Bigi, und ja … schreien befreit! Ich denke an dich und deinen Herzmenschen, möge alles gut werden.
      Dass dich/euch noch immer die japanische ABM in Atem hält finde ich unsäglich!!!
      Herzensgrüße an dich, ich komme gleich mal zu dir rüber lesen.
      In aller Freundschaft und Verbundenheit, Ulli

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  11. Der Bussard spricht zu mir, liebe Ulli, ich danke ihm (und Dir:))
    Mein Fallenlassen werde ich heute auf dem Rad durchleben, eine kurze Auszeit in den (üblichen) Arbeitsbergen des Januars, und was wird mich dann treffen, wenn ich mir in diesem Fallen selbst begegne? Ich bin gespannt.
    Der Himmel ist heute weit, und allein das trägt schonmal …
    Liebste Grüße zu Dir
    Frau Rebis

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