blaue Stunde 16 – Madame Petit-Bleu

eiszeit I

Sowohl-als-auch ist gross, grösser, viel grösser als gedacht, seine Weite und sein Raum lassen sie manchmal ängstlich werden. Entweder-oder bietet Grenzen, scheinbare Sicherheiten, sowohl-als-auch scheinbare Haltlosigkeiten. Es gibt kein Absolutum, auch nicht zwischen diesen beiden, nur jetzt nimmt sich das Sowohl-als-auch seinen Raum.Es hat lange gewartet, hat lange kopfschüttelnd die Sorgenfalten sich vertiefen sehen, bei all dem Entweder-oder.

Unter winterlich klar-blauem Himmel singt die kleine blaue Frau das Lied von sich und den Menschen in der Welt, die tun, was es zu tun gilt und sind, was sie ist. Es ist ein leichter Tanz, wenn sie sich entscheidet. Jeden Morgen neu, jeden Morgen die erneute Einbettung in den Lebensfluss.

Der Bach rauscht bis an ihr Bett heran, Madame Petit-bleu hat Herzklopfen, probiert die roten Schuhe in der warmen Stube, sie träumt Leidenschaft, sie lächelt beim Tanz. Sie denkt an Schneeglöckchen, Märzenbecher und wilden weissen Krokus auf den Bergwiesen.

Langsam kommt das Rad wieder in Schwung. Das Fauchen der Percht ist verstummt, wild war sie in diesen rauhen Nächten, hat Äste von Bäumen geschüttelt, Schnee zu Bergen und Tälern geweht, Schneelawinen rutschten krachend von den Dächern, Krähen krächzten, kein Fuchs in der Nacht.

Die kleine blaue Frau singt wieder, tanzt die ersten kleinen Schritte, spürt die stille, feine Bewegung im Erdenreich. Bach rauscht, es wachsen Eiszapfen über Nacht. Die Puppe im Kokon träumt sich dem Schmetterling entgegen, Mond und Sterne erstrahlen im Winterglanz frostiger Januarnächte.

eiszeit II

20 Gedanken zu „blaue Stunde 16 – Madame Petit-Bleu

    • das leben hat viel Schönes, viel Reines, neben all dem Wahnsinn, besonders der letzten Tage und Wochen- ich brauche die blauen Stunden, wie den Kaffee am Morgen …

      herzliche Grüsse Ulli

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  1. Ein schöner Text. Das Sowohl-als-auch kann, wenn man sich dafür entschieden hat, trotz der Angst davor oder des Zweifelns an der Möglichkeit eines Sowohl-als-auch, eine große Erleichterung sein und die Dinge, die festzustecken schienen, ins Rollen bringen. Aus der Starre, aus der Kälte, die keinen Schrecken hat, lässt sich noch viel mehr neues Lebendige schon ahnen, wie ich hier spüre.

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    • das hast du schön gesagt, kein Zustand in der Welt hält ewiglich, Eis wird wieder zu Wasser, wie gerade eben heute hier, und so kann jede Starre, die uns befällt, auch wieder tauen und wir zurück zum Lebensfluss finden …
      danke dir für diesen feinen Kommentar, der mich gerade richtig freut, ich grüsse dich herzlich

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