Schreiben hilft #4

Fortsetzung

Es gibt Momente in denen alles Wissen nichts nutzt, nicht direkt. Die Königin hat zu tun ihr wild gewordenes Volk zur Räson zu rufen. Sie sind dabei sich einzuschließen, Mauern zu errichten mit winzigen, vergitterten Luken davor, einen Schloßgraben auszuheben. Die Königin spürt die Wände näher rücken. Wo zuvor nur Weite und Geborgenheit gewesen sind, sind es nun Enge und von Dornen umrankte Schlafstätten.

Sie hält die bleiche, zitternde Angst im Arm, sie flüstert: ich höre dich, ich sehe dich; du und ich werden achtsam sein. Sie ruft den Mut, der sich gerade verpissen wollte, was gar nicht geht, nicht jetzt. Die Königin seufzt, sie ist streng; nun hält der Mut die Angst im Arm und brummt ihr beruhigende Worte ins Ohr bis sie lacht.

Frau Miesmach meckert wie immer lauthals herum, es hört ihr aber niemand mehr zu, sie haben das alles schon tausend Mal gehört und doch kam es nie zum Ärgsten. Vertrauen ist zu einer Frau geworden, das freut die dreizehnte Fee und die Königin.

Es wäre doch gelacht, wenn sie gerade jetzt nicht zusammenhalten würden! Alle, auch die Unbenannten. Das Volk beruhigt sich allmählich, kehrt zur Weite und zur Geborgenheit zurück, zu ihren Wurzeln, die sie halten, ihrem Leib, der sie trägt, ihrer Krone, die voller Licht ist, ihren Flügeln, die sie über alle Mauern und Abgründe tragen.

Es ist kein Gesetz, dass man wieder und wieder ganz hinunter steigen muss, wenn man schon einmal nackt am Haken gehangen hat. Erinnerungen an Hilfen und RetterInnen brechen die frisch hochgezogenen Mauern mit ihren vergitterten Luken entzwei.

Das sind so Momente.

Und morgen darf sich die Geschichte fortschreiben: von Einer, die auszog, um Kaiserin in ihrem Reich zu werden. Am Wegesrand sitzt die Moosfrau auf ihrem Stein; wie hübsch sie sich heute wieder gemacht hat! Lächelnd sagt sie: E n d l i c h, mehr nicht. Alle haben sie gehört, alle lächeln zurück.

Manches braucht mehr als eine Umrundung, zu tief, zu verkrustet sind die alten Muster, um mit einem Schwung in neue verwandelt zu werden. Das macht nichts, weil es immer noch ein Ankommen gegeben hat.

Ich liebe Ankünfte, fremdes Land, fremdes Volk, da kann ich wieder neugierig sein. Ich mag die zeitweilige Sesshaftigkeit. Ich mag keine Abschiede; immer noch nicht…

Ende – kein Ende

(Mittlerweile bin ich schon viele 100 Wörter weiter, ob ich Teile davon hier als Fortsetzung einstelle, wird sich weisen- ja, schreiben hilft und so ist ein neues Buchprojekt entstanden, es beflügelt mich!)

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35 Gedanken zu „Schreiben hilft #4

    • Oooooh jaaa, jetzt erinnere ich mich wieder an deine wunderbare Hornisse, und konnte weider riechen, schmecken, fühlen, wie eins sich ins andere schiebt und nichts für sich allein ist und wie wir Königinnen sind und Hornissen und Wind und Sonnenschein und…
      schön, dass du mich erinnert hast, das sind Zeilen, die sollte ich noch mindest einmal lesen, um sie dann nie mehr zu vergessen- du weisst schon: drei mal…
      herzliche Abendgrüsse
      Ulli

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  1. Liebe Ulli,

    Alles Liebe und gutes Gelingen und Ankommen für Dich. Ich wünsche Dir viele ehrliche und gute Freunde um Dich herum.
    Es ist eine feine Geschichte, die Du da schreibst und meine brain people sind genauso quietschlebendig wie Deine. Frau Miesmach findet ihr Pendant bei meiner Madama Melancholie, wenngleich diese zwar dringend Optimismus bräuchte, weil sie zu hartnäckiger Schwermut neigt, dabei jedoch immer noch mit einem Auge aufnahmefähig für menschliche Wärme bleibt. Schon wegen Rokko, meinem halbgebildeten Rotzlöffel, ein Punk wie er im Buche steht. Wenn meine Madame verzweifelt, schicke ich ihr Rokko, den Kulturpunk, den wandelnden Stilbruch. Hast Du auch einen Rokko…?
    Ich möchte sie beide nicht missen, sind schließlich mein Volk, mein Innenleben….und es ist bunt, wie das Außenleben da draußen. Ohne Madama Melancholia würde Rokko sehr verrohen. Die fürnehm traurige Dame besitzt eine feine Herzensbildung. Sie erinnert den Punk immer wieder daran, dass er am allerliebsten über ihre schlechten uralten Witze lacht, über Mottenkugeln und ihre räudige schwarze Federboa mit der Madame sich vor ihrem zunehmenden Verfall umwickelt. Sie hingegen profitiert von Rokkos Freiheit und seinem Humor. Sie streiten sich oft – doch sie brauchen einander auch und wenn einer krank ist, kommt der andere fragen. Doch vor anderen würde dieses ungleiche Paar seine symbiotische Zuneigung niemals zugeben. Ich schreibe immer mal wieder was über die Brain people. Sie helfen mir, in der Welt etwas zu finden, das ich im so genannten ‚wirklichen Leben‘ meistens vermisse.
    Ich werde meinen Cantodorablog wegmachen. Er ist eine Archivleiche. Entscheidung, die sich über Monate entwickelte. Heute ist Tag X. So ist das manchmal im Leben: man verlässt das leere Haus, weil es auf Dauer zu leer blieb. Liebe Morgengrüße von der Fee

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    • Das ist klasse, dass auch du solch ein inneres Volk hast, eigentlich haben das ja alle, aber nicht jede und jeder schenkt ihnen Namen und Gestalt und hört ihnen zu, ich finde dies mittlerweile unabkömmlich!
      Ich habe übrigens auch noch eine Frau Melancholia, aber die ist anders als Frau Miesmach, Frau Miesmach ist ne olle Stänkerin, sie hat ein ganz verkniffenes Gesicht, schmale Lippen und stumpfe Augen, sie glaubt an nichts und niemand und schon gar nicht ans Glück (die Arme…), sie hatte einst viel Macht, aber nun fast keine mehr, das stinkt ihr natürlich, aber was will sie machen 😉
      Einen Punk habe ich nicht, aber Narr und Närrin und auch sonst noch die eine und den anderen, sie sind alle auf dem grossen Dampfer unterwegs, nur wenn es stürmt gehen sie in das Haus hinter der Rosenpforte und halten ein grosses Thing ab. So geht es zu bei mir, liebe Stefanie, so und anders …
      verbundene und herzliche Grüsse
      Ulli

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  2. Liebe Ulli,
    mein tägliches Kapitel Pessoa begrüßt mich heute mit dem Satz „Jeder Gemütsbewegung eine Persönlichkeit zuordnen, jedem Seelenzustand eine Seele.“
    Huch. Der schreibt doch von Dir ab;-)
    Ich sende Dir und dem Vielen und besonders dem Neuen unter Deinem Seelendach einen Herzensgruß
    Frau Rebis

    Gefällt 4 Personen

    • Liebe Frau Rebis 🙂 nu muss ich lachen… aber so ist das, der eine oder die eine bestellt das Feld und der eine und andere Samen segelt durch die Jahrzehnte und Weiten und lässt sich dann in einem anderen Feld nieder und dann blüht es hier, wie dort, gestern, heute und mrgen und genau das ist es, was mein eigenes Leid immer wieder als nicht so schlimm fühlen lässt- andere kennen auch das Dunkeltal und die lichten Höhen, die MiesmacherInnen und die OptimistInnen in sich, es liegt nur an uns wen wir füttern.
      Herzensgrüsse an dich auf deinem italienischem Berg, schade, gerade kein Wein im Haus, sonst hätte ich mit dir angestossen, aber ich verwandel jetzt einfach Wasser in Wein, skol
      Ulli

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      • Mit dem Wein ist ja noch nicht aller Tage Abend;-) (Rot oder Weiß?)
        Und ja, „es liegt nur an uns, wen wir füttern“. Schwierig wird es (für mich), wenn meine eigenen Handlungen oder Nichthandlungen auslösend sind für diese oder jene Gestalten in mir, wenn ich also in die Selbst-schuld-Jacke schlüpfe und gar nicht mehr aus ihr herausfinde. — Diese Reisetage öffnen mir in so manchem die Augen. Das ist nicht nur leicht … aber gut und richtig wohl in jedem Fall.
        Nun gibt es hier gleich Wasser und Wein und eine mich vorfreudig stimmende Begegnung. Ich schließe Dich in unser Anstoßen ein, sei herzensgegrüßt, Frau Rebis

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  3. schööön, liebe Ulli, bleib auf diesem Flug, er trägt Dich weit und läßt Dich an geeigneter Stelle landen.
    Wie fein, die Moorfrau, ich sah sie beim Lesen sitzen und still vor sich hinlächeln, sehr verhalten, aber ich konnte
    es deutlich erkennen.
    Herzlicher Gruß zum Morgen von Bruni

    Gefällt 1 Person

    • Es war während meiner Visionssuche in Lappland 2008, ich machte einen Gang und erzählte dem Land meine Geschichte (dies war eine der Aufgaben, die wir erfüllen konnten, aber nicht mussten, ich tat es) und als ich an einer sehr prekären Stelle meines noch sehr jungen Lebens kam, fiel mein Blick auf den linken Wegesrand, da sass die Moosfrau- es war ein grosser Stein, auf dem sich sehr hübsch Moos türmte, von Ranken geschmückt und mittendrin sassen zwei schwarze kugelrunde Augen, die mich anlachten- das war ein sehr spezieller Moment während meiner viertägigen Auszeit, eine prägende …
      herzlichst
      Ulli

      Gefällt 1 Person

      • Das klingt ja wunderschön, liebe Ulli.
        Sie sind so selten, solche magischen Momente, aber wenn sie geschehen, dann sind wir erfüllt davon und werden sie nie mehr vergessen.

        Liebe Grüße von mir

        Gefällt 1 Person

        • Ja Bruni, so ist das. Nur eins weiss ich nicht so genau, ob diese magischen Momente wirklich so selten sind oder ob wir uns ihnen so selten öffnen…
          ich sende dir herzliche Grüsse zur guten Nacht, ich sende dir Sternenstaub
          herzlichst
          Ulli

          Gefällt 1 Person

          • Es kann schon sein, daß wir nicht immer bereit dafür sind. Im Verschließen sind wir oft meisterlich. Ich kenne es gut und oft ist es auch gut, daß es so ist, doch nicht immer…

            Und danke für den Sternenstaub. Er kommt hier an wie eine wärmende kleine Wolke

            Gefällt 2 Personen

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