Gestalt

Als Gestalt wird die äußere Form, der Umriss, der Wuchs, der Habitus oder die Erscheinung von Gegenständen und Lebewesen bezeichnet.

Innen gestaltet außen, außen gestaltet innen. Gestalt ist der Ausdruck des Moments.

 

Meine Gestalt I

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Der Prozess

Ich schließe die Augen und erspüre meine Gestalt. Anfangs spüre ich meine äußere Hülle, meine Form, meinen Körper. Der Blick wandert weiter nach innen. Ich nehme ein schlankes Oval wahr. Es gleicht einer Flamme, die nicht fest umrissen ist, sie lodert aus dem Oval heraus.

Noch immer mit geschlossenen Augen zeichne ich die Form. Ich erblicke einen ovalen Raum, denke an ein Blatt, an Verbundenheit und Verwurzelung. Mit nur noch halb geöffneten Augen zeichne ich die schmale Flamme in die Mitte des Raums. Lasse die Flamme lodern.

Als ich die Augen wieder ganz öffne, sehe ich Schwangere an Pflanzenstielen wachsen. Sie werden von zwei Flügelwesen gehütet.

Die Geburt ist abgeschlossen, die Gestalt(en) hat sich geformt, nun ist Zeit für die Ausarbeitung. Am Ende sehe ich eine verwurzelte Blase und denke an eine Gebärmutter.

Zuerst ist die Idee, mit ihr gehe ich schwanger, es folgt die Geburt, dann gilt es das neue Wesen, die neue Gestalt zu hüten, zu nähren und wachsen zu lassen.

(Hierhinein hat sich wohl auch Susanne Hauns Artikel über die Geburt hineingewebt und Gerda Kazakous Kommentar dazu.)

 

Gestalt II

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Der Prozess

Wieder schließe ich die Augen, ich spüre meinen inneren Bewegungen nach. Ich beginne zu zeichnen, starte mit einem Punkt in der gefühlten Mitte des Papiers. Er wird umkreist. Ich denke an Hüllen. Die Bewegung geht von innen nach außen, findet in einer horizontalen Linie einen Grund. Die folgenden Bewegungen gehen von der gefühlten Mitte nach oben und unten. Verankerung nach unten, Öffnung nach oben.

Ich öffne die Augen und sehe, dass nun die Fährfrau eine Gestalt bekommen hat. Geboren wurde sie schon vor einigen Jahren …

„Die kleine blaue Frau singt sich zum See. Ungerufen kommt die alte Fährfrau. Sie rudert die kleine blaue Frau zur Insel. Hier hüten Bärin und Rabe das Tor zum Wald, neckt der Rabe die Bärin, winkt die Bärin der kleinen blauen Frau.

Viele Jahre schon rudert die alte Fährfrau hin und her, mit und ohne Passagiere, mit und ohne Mond. Sie kennt keine Angst und keinen Tod. Ihr Herz ist Liebe geworden, in all den Jahren des Hinundwiederzurücks. Sie schenkt der kleinen blauen Frau das Lied der Wiederkehr.“

Textausschnitt aus „Der kleinen blauen Frau“ copyright Ulli Gau


In den letzten Wochen wurde ich im Blog von Cambra Skadé daran erinnert, dass es beim zeichnen auch darum geht den Kopf auszuschalten und die Linien für sich arbeiten zu lassen, statt die Linien zu zwingen. Später dann, so schreibt sie, erzählen die Zeichnungen ihre Geschichten. Ich war inspiriert. Dass ich dann auch bei ihr eine Fährfrau neben der Närrin vorfinde, lässt mich an Paralelluniversen denken …

In dieser Woche kam das neue Heft von Clio bei mir an. Hier fand ich etliche Blindzeichnungen von der Künstlerin Johanna Fassbender. Sie schreibt:

Ich habe die „Blind“- Zeichnung als Lockerungsübung kennengelernt, die dem Verstand ein Schnippchen schlagen soll. Und war von Anfang an fasziniert. Etwas „Neues“ schien seinen Ausdruck zu finden, jenseits des Sichtbaren …

Jede Zeichnung ist letztlich ein Experiment mit ungewissem Ausgang. Das Schaffen entzieht sich der gedanklichen Kontrolle, es gibt keine konkrete Vorstellung, kein Wollen. Das geschehen entwickelt sich erst im Vollzug.

Clio 81, 40. Jahrgang/November 2015 Die Zeitschrift für Frauengesundheit – Brustgesundheit

Johanna Fassbender lebt und arbeitet als Sängerin, Musikerin und bildende Künstlerin in Berlin

www.johannafassbender.com

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Den Verstand ausschalten und der Linie folgen, später den entstandenen Geschichten lauschen, ist für mich ein neuer Weg mit dem Stift oder dem Pinsel umzugehen. Ich habe schon einige Ideen und freue mich über und auf den Prozess.

Die kleine blaue Frau ist nun immer mit im Boot, die alte Fährfau auch, aber auch die Alte mit dem erdigen Gesicht und die Alte mit den sieben Schneenamen. Es schreibt sich, wie es sich zeichnet, blind und aus dem Fluss heraus. Zuerst ist die Idee, es wächst die Gestalt. Es folgen Ausformung und Gestaltung. das ist der Weg …

25 Gedanken zu „Gestalt

    • ja manches hat dann doch überlebt und das ist gut so- ich kaufe nicht jedes Clioheft, aber sobald Themen dabei sind, die mich interessieren wirds bestellt, gelesen und dann an die Tochter weitergegeben …
      herzliche Grüße aus dem Fluss heraus 😉
      Ulli

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    • ich auch, liebe Maren, aber gerade eben stehe ich ja vor allen Dingen unter dem Bann der kleinen blauen Frau … mein zweites Buchprojekt, spannend sage ich dir, ist es mal wieder 🙂
      ich grüsse dich herzlich
      Ulli

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  1. Pingback: Rückblick – 11 – |

  2. Ein wunderbarer Beitrag liebe Ulli! In Deinem Bild sehe ich etwas ganz anderes, wie Du beschrieben hast. Es entstand mit Deinen fließenden Gedanken im Dunkeln (Geschlossenen Augen), dass heißt Du hast Dein Inneres erspürt und im Ausdruck verschafft!
    Jetzt bin ich so fasziniert, dass ich es für mich ausprobieren werde, danke für Deinen Link!

    ❤Grüße Babsi

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    • so gerne, liebe Babsi, da bin ich auf deins gespannt! – ich habe heute auch wieder gemalt, hab den Pinsel freigegeben, später dann am PC mit den Bildern „gespielt“- hach … das macht wirklich Spass!
      den wünsche ich dir auch und grüsse dich herzlich
      Ulli

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  3. Liebe Ulli, in dem Beitrag steht so viel drin, was jetzt beim blinden Portraitieren wieder bedeutsam wird, und ich freu mich, dass du ihn wieder ausgegraben hast. Natürlich erinnerte ich mich, als ich es las, an das meiste, insbesondere auch an die Zeichnung von Johanna Fassbender. Du gehst ja etwas anders vor als wir es gerade tun, tauchst bewusst hinab in deinen Körper und hebst Formen ans Licht, die du dann am Licht und sehend weiter bearbeitest. Als ich meine heutigen Gesichter betrachtete (ich veröffentliche sie gleich), dachte ich: vielleicht sollte ich die gewonnenen Formen bewusst aufgreifen und graphisch ausgestalten. Mal sehen. Liebe Grüße dir!

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  4. Pingback: it`s me – is it me? |

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