Von Nord nach Nordost – die Berlingeschichte

Meine Herbstwanderschaft führte mich vom Wendland über die Elbe in die Nähe von Wittenberge zu einem kleinen Dorf, in dem mein Bruder mit seiner Frau lebt. Wittenberge, eine kleine Stadt, ebenfalls an der Elbe gelegen, ist noch mit dem Um- bzw. Aufbau beschäftigt. Viel Leerstand von Häusern und Geschäften bestimmen das Bild. Hier und da greifen neue Ideen, der Tourismus dankt es. Über Sinn und Unsinn lässt sich trefflich streiten, besonders dann, wenn man an der Armut und Überalterung der Bevölkerung in den Strassen nicht vorbeischauen kann. Die Innovativen kommen in der Regel aus dem Westen, z.B. aus Düsseldorf  …

Beispiel Ölmühle: Straßenansicht, Seitenansicht, von der anderen Seite

Von hier geht es nach drei Tagen und Nächten weiter, ab in die Hauptstadt. Wider aller Prognosen rutsche ich ohne Staus in die Stadt. Noch immer finde ich die kürzeren Wege, die Erinnerungen kommen beim fahren und schwupps bin ich über die Schillingbrücke im Heimatviertel Kreuzberg 36 gelandet, was schon lange nicht mehr so heisst, aber noch immer in unseren Köpfen, in denen, die wir hier lebten und leben. Ich fühle mich ein bisschen wie die verlorene Tochter, wie Eine, die auszog und nun wiederkommt. Nein, es ist seit meinem Umzug nicht das erste Mal, dass ich wiederkomme, aber zwischen meinem letzten Besuch und jetzt liegen mindestens fünf Jahre. Fünf Jahre sind eine lange Zeit in der Jahrhundertbaustelle Berlin.

Schon immer fand ich, dass die Politik, der Stand der Gesellschaft und ihre Probleme in dieser Stadt sofort sicht- und greifbar werden. Lese, sehe und höre ich ansonsten über die Migrationsproblematik, kann ich sie hier sehen, gehe ich jeden Tag durch sie hindurch. Das ist wohl das Zurzeit brennendste Thema, neben Wohnungsnot, Armut, Gewalt und Gentrifizierung. Über Stadtplanung, insbesondere über Wohnungsbau und Bezahlbarkeit für Menschen mit normalem Einkommen, lässt sich trefflich streiten.

Die Schere ist weiter aufgegangen, die Armut und Obdachlosigkeit haben zugenommen und somit auch diejenigen, die auf den Grünstreifen der Wohnanlagen und in den Parks campieren, die an den Strassenecken stehen und trinken oder dealen (womit auch immer noch), es geht ums überleben …

Sozialer Brennpunkt Berlin Kreuzberg war und ist sozialer Brennpunkt und die damit einhergehenden Probleme gehen in der Regel an den Touristenströmen vorbei, die Politik hat bis heute keine Lösungen: kein Profit, kein Wachstum in Sicht …

Hanna Schygulla schreibt in ihrer Autobiographie „Wach auf und träume“ über ihre letzte Zeit in Paris (was noch nicht lange her ist): „Die Restaurants sind noch voll, der Geräuschpegel animiert. Doch auf dem Heimweg liegen die Obdachlosen auf der Strasse. Am besten nicht hinschauen?“

berlin bei nacht

Dort (an der Zufahrt zur Bastille) stehen immer öfter die Kolonnen der blauen Grossraumwagen der Bereitschaftspolizei, um den Widerstand, wenn nötig mit Gas in Tränen aufzulösen.“

berlin polizeipräsenz

das gemeinsame Lied der Metropolen der Welt, Hanna Schygulla schreibt über Paris, kurz bevor sie nach Berlin umzieht, ich fotografiere worüber sie schreibt (ohne es bis dahin gelesen zu haben) in Berlin ca. zwei Jahre später …

Der Widerstand in Kreuzberg ist ungebrochen, auch wenn so mancher Kampf in der Vergangenheit und Gegenwart verloren wurde, wovon die gerade kürzlich durchgeführte Räumung der Cuvrybrache erzählt.

berlin cuvrybrache

Wachschutz am Tage, am späten Nachmittag, Abend und in der Nacht verstärkte Polizeipräsenz. Die Planung spricht von Eigentumswohnungen mit unverbaubarem Spreeblick und einer Einkaufsmall. Letzteres hat Berlin jetzt schon mehr als genug, ersteres können sich die allerwenigsten leisten und geht an dem bunten Völkchen, das seit Jahrzehnten in Kreuzberg lebt, arbeitet, gestaltet und wohnt und seinen Bedürfnissen gänzlich vorbei, aber wer fragt schon danach, wenn es um Profit und Spekulationsobjekte geht.

berlin spreeufer für alle

Berlin war und ist bunt, ist die Stadt, die niemals schläft und die immer und für viele eine Reise wert ist. Wann immer ich mit den Öffentlichen fahre, sei es am Tag oder in der Nacht, sei es mit der U- oder der Strassenbahn oder dem Bus, immer fahren Unzählige mit mir. Nachteulen und Jugendgruppen, Menschen, die gerade Feierabend gemacht haben oder solche, die, wie ich, von einem Besuch Nachhause fahren.

Berlin hatte und hat für jede und jeden etwas zu bieten, auch für mich! Ich habe viele Freundinnen und Freunde wiedergesehen, hatte spannende und inspirierende Stunden, habe eine Ausstellung besucht, einen Blogger persönlich kennengelernt, war auf Bilderfang, war viele Stunden allein oder zu Zweit unterwegs und natürlich komme ich wieder! Ich bin weitergewandert, mehr demnächst hier …

berlin ich wander weiter

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17 Gedanken zu „Von Nord nach Nordost – die Berlingeschichte

    • gern geschehen, lieber Pit, die anderen Geschichten gibt es ja Zuhauf, dachte ich, als ich mich nach dem Einstellen fragte, ob ich (mal wieder) zu kritisch war? Nein, bin ich nicht, das Leben ist bunt und besteht eben nicht nur aus Kultur und Freuden …

      gutes Aufwachen und herzliche Grüße von einem eher grauen Nachmittag nahe der Ostsee
      Ulli

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  1. ach ja, liebe ulli, dein blick ist zwar ein kritischer und das zu recht, aber es ist ein liebevoll-kritischer.
    ich schreibe diese zeilen am kreuzberg, im café des prinzesinnengartens – einer initiative von berlinerInnen, die aus brachland mitten in der stadt ein idyll gezaubert hat. hier wachsen nicht nur heilpflanzen, hier gedeiht auch gemeinschaft neben tomaten und hoffnung neben kohlköpfen. trotz allem.
    big hug

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    • ja, liebste Soso, das ist die innovative Seite Kreuzbergs, zu der ja auch „unser“ Laden gehört, wo wir gerade 36jähriges Bestehen feierten, was ein Fest!!! Es gibt auch ein witziges Kochbuch: Kreuzberg kocht, dort werden all diese alten und neuen Projekte vorgestellt, auch die Prinzessinnengärten und dann gibt es immer ein Lieblingsrezept …
      ich habe absichtlich diesen kritischen Artikel geschrieben, klar, es hätte auch ein ganz anderer werden können, aber warum auch immer noch, bin ich in den letzten Monaten wieder die Kritische geworden, die ich zwar immer schon war, aber hier doch eher leiser … und weil die Welt sich gerade so entwickelt, wie sie es tut und die Schere immer weiter aufgeht, ist es ein Bedürfnis geworden wieder lauter zu werden.
      Ich danke dir für das liebevoll-kritische, denn genauso ist es ja auch, ich liebe das Leben und Kreuzberg mit allen seinen Schatten, seinem Bunt und seinem Licht …

      hab noch viel Freude in der Stadt- herzliche Grüße auch an Irgendlink
      Ulli

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  2. In Berlin haben wir Verwandschaft und sind auch sehr oft dort.
    In Wittenberge waren wir schon häufiger, es mausert sich und die alte Ölmühle haben sie doch auch schön wieder hergerichtet.

    LG Mathilda

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    • ich finde schon, dass sie vieles schön herrichten, nur ist eben auch vieles sehr luxuriös und da entstehen für mich die Fragen …
      danke dir, liebe Mathilda
      herzliche Grüße Ulli

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  3. Ach, die gute alte Tante Berlin… Da habe ich auch mal gewohnt. Gelebt eher weniger, dazu war keine Zeit. Erinnerungen…
    Vielen Dank für deinen Bericht. So ein kleines Erinnerungslawinchen, das sich lostritt von Zeit zu Zeit finde ich ganz schön.
    Abendschöne Grüsse vom Schwarzen Berg

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    • ich habe dort 15 Jahre gelebt und möchte auch nicht mehr zurück, aber als Besucherin von Zeit zu Zeit ist es doch immer wieder spannend-

      herzliche Grüße, jetzt aus der Hansestadt Greifswald von Ulli auf der Wanderschaft … mehr Berichte folgen und mehr Bilder aus Berlin auch …

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      • Hach, Greifswald ~~~ Sie sehen mich hachend, was für eine wundervolle Stadt. Ich war dort und in Anklam. Beides Hansestädte. Beides Städte am Ende des Zweiten Weltkriegs. Die eine grösstenteils zerstört, die andere weitgehend enthalten. Interessante Geschichte – beide Geschichten.
        (Dort wäre ich jetzt auch gerne) – Ihnen weiterhin eine aufschlussreiche Reise.
        Spätabendliche Grüsse vom Schwarzen Berg

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      • herzlichen Dank Herr Ärmel, ja, hier in diesem Teil des Landes blühen noch viele vergangene Geschichten … Anklam kenne ich nur vom Vorbeifahren, ist mir ein bisschen unheimlich dort, weil es dort so viele Neofaschisten gibt, ja, da haben wir damals falsch gedacht, als wir glaubten, es müssten nur die Alten sterben und dann wäre Ruhe …

        herzliche Grüße
        Ulli

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  4. Es sind die Gegensätze … immer & überall, die die Welt & die Berlin interresant machen. Und es sind Menschen wie Du, die notwendige Diskussionen führen & richtige Fragen stellen.

    Und ich habe es genossen, Dir endlich einmal wahrhaftig gegenüber zu sietzen, gemeinsam in Walker Evans Bilder zu genießen & den Abend an uns vorüberziehen zu lassen. Das war eine große Freude endlich einmal Teil Deiner Wanderung zu sein. Vielen Dank dafür!

    Viele Grüße & weiterhin sichere Straßen, Fritsch.

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    • lieber Florian, der Dank ist auch auf meiner Seite, ich will dir schon die ganze Zeit eine Mail schreiben, war aber in HGW sehr absorbiert, bin nun wieder im Wendland und habe ab morgen Zeit und Muße.
      Danke auch für deinen feinen Kommentar, der mir einfach nur gut tut.

      herzliche Grüße, good days and ways
      Ulli

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  5. Hej, liebe Ulli, vom Taschen-Office aus: Dieser Reisebericht hätte aus meinem Herzen geschrieben sein können. Ich bin einmal erst in der Bärenstadt gewesen, aber meine Eindrücke gehen 1:1 einher mit den Deinigen. Ich möchte in jedem Fall wieder hin, zumal dort eine sehr nahe Freundin lebt, ja und gleichzeitig spüre ich, dass diese Stadt einen solchen Herz- und Seelenschmerz atmet, den ich kaum ertrage und es schmerzt noch mehr zu sehen, wie diese nie betrachten, geschweige nur annähernd geheilten Wunden rigoros wegradiert oder überbaut werden. Wer kann so unbelastet leben? Von ♡en: die Anne

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    • liebe Anna, als Besucherin ist es schon anders, als ich in der Stadt lebte waren die Gegensätze auch da und ich nahm es wahr, aber ich hatte eben auch meinen Alltag dort und dann tritt vieles in den Hintergrund. Und ganz ehrlich, ich finde, dass dies eben auch diese Stadt ausmacht, kein gramm dürfte fehlen …
      danke dir für deins und herzliche Grüße
      Ulli, jetzt wieder im Wendland

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  6. Pingback: … und immer wieder der 9. November |

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