Rückblick – 3 –

Die kleine blaue Frau, die Zeit, die Anderen und Spuren

051 22.04.15 die kleine blaue Frau, die Zeit, die Spuren und die anderen

Erinnerungen mal zwei

Die Einer sind die Mehler*. Die zählen sich gen Null. Nur am Abend glitzern sie so herrlich auf den Bettdecken der Cousinen, grün und blau und gold. Klicker heißen bei uns Dötze. Ihr sagt Murmeln, wir verstehen uns. Absätze bohren Löcher in die Erde. Weiter hinten wird ein Strich gezogen.

„Geh spielen! Geh …“

Die Einer sind die Mehler. Am grellen Tag sind sie die Null. Da weiß man doch sofort in welchen Stuben die Armut hockt und man am Abend trotzdem lacht. Zehn für eine Gläserne, eine kleine, versteht sich. Das ist die Regel.

Es klickt und klickert, es wird weggedözt und ins Loch gerollt. Verloren ist verloren, wird gemurmelt. Manche lernen nie auf den Fingern zu pfeifen und schneller als der Wind die Kurve zu kriegen. Als würden unsichtbare Stempel auf neugeborene Stirnen gedrückt: gewinnen – verlieren – ausscheiden. Küssen und herzen ist nur was für Affenmütter.

„Ulriii-ke, komm jetzt rein!“

„Aber die …“

„Du kommst jetzt rein, aber dalli!“

Die Einer sind die Mehler, die zählen eigentlich nix. Zehn für eine Gläserne, eine kleine, versteht sich. Grün und blau und gold glitzern sie am Abend auf der Bettdecke der Cousinen. Was haben wir gelacht!

*Wer weiß, was Mehler sind?

Text © Ulli Gau 03 2015 (aus dem Gedankenauffangbuch)

 

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Andere Erinnerungen

Im März war ich in Berlin, Susanne Haun hatte mich zu ihrem Kunstsalon eingeladen. Unser gemeinsames Thema waren Blumen. Berlin im März war nasskalt und grau, nur in kurzen Momenten wurde manch Pfütze blau. Aber die Blumen blühten im Salon.

Später beschäftigte mich eine lange Zeit die Frage: in welcher Liga spiele ich eigentlich? Vor kurzem schrieb ich an Samtmut meine Antwort: ich bin eine vom kleinen Volk.

In Berlin traf ich mich auch mit Elvira (immer diese Engel, bitte klicken) Elvira und ich waren und sind uns einig: dieses Gespräch hätte noch Stunden weitergehen können und irgendwie tut es das auch …

Im März war es auch, als eine Serie von KrankSein ausbrach. Aber das ist jetzt hoffentlich vorbei!

da war noch was …

Das war doch noch was… Ja natürlich, da war und ist immer noch etwas und immer viel mehr, als man erzählt oder schreibt. Irgendwie…

Es gab vieles und wiederum einiges nicht. Es gab auf alle Fälle viele verschiedene Welten …

043a 26.03.15

Es gab eine lange Pause im Netz. Es gab Stürme im Norden, es gab hohes Fieber und Schüttelfrost, es gab herrlich warme Tage und Raureif am Morgen. Es gab Kraniche so nah, dass ich meinte sie berühren zu können, wenn ich denn nicht in einem Auto gesessen hätte.

040 10.03..15 kraniche

Es gab den Kunstsalon bei Susanne Haun, am Anfang meiner Reise. Ein Kunstsalon … eine Standortbestimmung für mich. Wo gehöre ich hin und wohin nicht? Wo fühle ich mich daheim? Was ist meine Sprache? Und was ist mit meinen Bildern? Ich machte keine Abstriche. Nur einen: manche Bilder müssen grösser abgezogen werden, nicht mehr und nicht weniger. Und die Leute sind die Leute. Manche sind wichtig oder halten sich dafür und ihre Worte erstrecht. Andere sind einfach nur nett. Wieder andere sind herablassend. Ich kann sie alle lassen. Bei sich. Ich muss sie nicht mögen, sie mich auch nicht! Ich bin dankbar. Für die Einladung von Susanne, ihr konkurrenzloses Sein, das fröhliche und gleichzeitig auch tiefe Miteinander. Und dafür, dass ich wieder etwas über mich, meine Bilder und meine Haltung dazu lernen durfte!

006 susanne und ich

Es waren nur wenige Tage in Berlin mit vielen Treffen. Treffen mit neuen und alten Gesichtern. Treffen voller Herzlichkeit, Offenheit und tollen Gesprächen. Es gab die Tage

Berlin am Tag

und die langen Nächte.

Berlin bei Nacht

Und schon ging es weiter … hin zum runden Geburtstag meines Bruders und an die Elbe, wo ich Wildgansfedern fand und dann das erste Mal krank wurde. Oder soll ich es Unpässlichkeit nennen? Gemessen an dem, was eineinhalb Wochen folgte, ja! Unpässlichkeit mit einer Absage gepaart. Ich hatte keine Kraft für ein weiteres Treffen, schade, ja. Und doch war es dann einfach so, wie es war, kein gut, kein schlecht, nichts verpasst, mich nicht gegrämt, nur schade … und trotzdem die Elbe.

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Milde Frühlingswinde schlugen in frostige Nächte um, viel Arbeit, dann krank, dann wieder viel Arbeit, dann Stürme, und dann schon wieder die Rückfahrt. Seltsam ruhig. Seltsam unkommunikativ, seltsam anders … die Kraniche tröteten durch die Tage und Nächte, die Sonne verfinsterte sich, irgendwie … Keine Bilder! Vollmond ist nun auch schon vorbei und die Frühjahrstagundnachtgleiche und Ostern auch. Es liegen ein paar bunte Eier in einem Korb auf dem Küchentisch … und ich weiss, dass es weitergeht, hin ins Neu …

osterneu

Grafittis in Berlin II

Dieses mal ohne viel Worte und auch ein vorerst letztes mal Bilder von meinem Berlinaufenthalt Ende September/Anfang Oktober in diesem Jahr. Ich denke, dass in meinen letzten Artikeln meine Ambivalenz zu der Stadt deutlich geworden ist. Ich komme gerne wieder, aber ich muss auch gestehen, dass ich ein Landei geworden bin, mir fehlt die Membran zwischen der Welt, den Menschen und mir, zu Vieles dringt in mich ein, das bei anderen aussen vor bleibt, das sie nicht tagelang beschäftigt, aufwühlt und bis in ihre Träume vordringt. Einmal mehr weiss ich, warum es für mich heilsam war auf den Berg zu ziehen …

der kleine Bruder Wandersmann

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ohne Liebe geht nichts

grafittis 02

saubere Wände sind nicht angesagt

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 Profitgier und Gentrifizierung

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Zukunftsvisionen bzw. Zukunftsmenschen?

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ein kleines bisschen Erholung

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ein Stilleben

berlin - stilleben

Am 03. Oktober fuhr ich von Berlin nach Greifswald zu Bloggerfreund und Bloggerfreundin und war an zwei Tagen auf der Insel Usedom, sodass es hier bald mit Wellen, Wind, Vögeln und Meer weitergehen wird – es gibt sie ja noch, die Schönheit, neben allem Wahnsinn des Jetzts

… und immer wieder der 9. November

berlin - eastsidegalery zum 09.11.

(Eastsidegalery I – draufklick = gross)

25 Jahre ist es her, dass die Mauer sich öffnete, ein Vierteljahrhundert und noch immer gibt es sie, die Mauer zwischen Ost und West. Es wird viel debattiert in den letzten Wochen, jede und jeder hat eigene Geschichten, wie sie oder er den Mauerfall erlebt hat, was er mit der einen und dem anderen machte, sei es nun aus Ost oder West.

Die Mauer ist zum einen noch in den Köpfen, zum anderen dauert es mehr als ein Vierteljahrhundert, um Geschichte ehrlich aufzuarbeiten. Noch immer erfahre ich zum Beispiel Dinge rund um den zweiten Weltkrieg und die unsägliche Juden- und Andersdenkendenverfolgungen, die mir neu sind. Wie zum Beispiel letztens der Film auf Arte über einen Schweizer Grenzer zeigte (shame on me, ich habe den Namen vergessen). Nein, ich wusste nicht, dass die Schweiz schon 1938 ihre Grenzen schloss und wusste auch nichts über die Vorbehalte in der Schweizer Bevölkerung gegen die Juden.

So meinen wir heute, dass wir alles über die DDR wissen, aber was wissen wir denn wirklich? Wir, aus der sogenannten BRD wollen wir hören, dass es Menschen gab, die dort gerne gelebt haben? Wollen wir von den zerstörten Existenzen hören oder lesen, von Menschen, denen ihre Berufe nicht anerkannt wurden, von Produkten, die später nichts mehr wert waren und von Menschen, die seit Jahrzehnten keine Arbeit mehr finden, die depressiv und isoliert sind? In den meisten Köpfen wohnt die Stasi gleich neben der Mangelware Bananen. Ich will nichts schönmalen, aber ich mag auch dieses ewig anhaltende Schwarzweissbild nicht.

Wenn ich heute durch die sogenannten neuen Länder fahre, fällt mir auf, dass es zum Teil wieder blühende Städte und Städtchen gibt, aber immer nur dann, wenn sie geschichtsträchtig sind und TouristInnen locken und somit die Stadtsäckel füllen oder die Natur rund rum so wunderbar naturbelassen ist…

Auf der anderen Seite gibt es viel Marodes, viele arme Menschen ohne Arbeit und Hoffnung und verfallende Dörfer. Hier und da blühen innovativ alternative Ideen, auch solche, die nicht auf Profit auf Deubel komm raus angelegt sind. Insgesamt aber wird es wohl noch mindestens ein halbes Jahrhundert dauern, bis zusammen gewachsen ist, was soll … und vielleicht wird ja auch hier einmal die Geschichtsaufarbeitung breiter und es wird nicht nur über die Stasi geredet. Redet hier eigentlich jemand vom BND? Manche schon … ich will nichts gleichsetzen, das wird nicht funktionieren, aber ich wünsche mir eben Ehrlichkeit bei den Betrachtungen, von Ost nach West und West nach Ost.

Ich höre schon die Kommentare … ja, ihr habt ja Recht, in dieser Welt und in dieser Zeit ist Ehrlichkeit ein Gral, der kaum zu finden ist.

berlin - eastsidegalery 2 zum 09.11.

(Eastsidegalery II – draufklick = gross)

Berlin … das ist auch ein nicht enden wollender Strom von TouristInnen, auch ich bin jetzt eine, wenn auch vielleicht dadurch anders, weil ich 15 Jahre in dieser Stadt lebte und sie mir, bei allen Veränderungen, immer noch Heimat ist. An den markanten Punkten dieser Stadt klicken die Auslöser der Kameras und Smartphones, sodass ich überlegte, dass wenn jeder Fotoschuss ein winziges Loch in die abgelichtete Materie machen würde, bald kein Stein mehr auf dem anderen stehen würde, nicht die Gedächtniskirche, nicht die Eastsidegalery, nicht die Reste der Mauer, die hier und da stehen gelassen wurden. Und damit dort nicht weitergeklopft wird, um ein kleines Stückchen Mauer mit Nachhause zu nehmen, sehen wir heute die Mauer hinter einem Zaun. Absurd? Für mich schon!

berlin - mauer zum 09.11.

… und über allem schwebt die Welt

berlin - mauer 2 zum 09.11.

(Gedenkstätte des Terrors – draufklick = gross)

berlin - zum 09.11.

(Eingang zum Martin Gropiusbau – draufklick = gross)

wie ich schon einmal schrieb: in Berlin wird Geschichte sicht- und spürbar und jede und jeder hat ganz eigene Gedanken und Empfindungen dazu. Und das ist gut so! Ich bin gespannt auf eure Geschichten, meine Geschichte zum Mauerfall lasse ich ganz bewusst aussen vor, vielleicht kommt sie ja noch …

Von Nord nach Nordost – die Berlingeschichte

Meine Herbstwanderschaft führte mich vom Wendland über die Elbe in die Nähe von Wittenberge zu einem kleinen Dorf, in dem mein Bruder mit seiner Frau lebt. Wittenberge, eine kleine Stadt, ebenfalls an der Elbe gelegen, ist noch mit dem Um- bzw. Aufbau beschäftigt. Viel Leerstand von Häusern und Geschäften bestimmen das Bild. Hier und da greifen neue Ideen, der Tourismus dankt es. Über Sinn und Unsinn lässt sich trefflich streiten, besonders dann, wenn man an der Armut und Überalterung der Bevölkerung in den Strassen nicht vorbeischauen kann. Die Innovativen kommen in der Regel aus dem Westen, z.B. aus Düsseldorf  …

Beispiel Ölmühle: Straßenansicht, Seitenansicht, von der anderen Seite

Von hier geht es nach drei Tagen und Nächten weiter, ab in die Hauptstadt. Wider aller Prognosen rutsche ich ohne Staus in die Stadt. Noch immer finde ich die kürzeren Wege, die Erinnerungen kommen beim fahren und schwupps bin ich über die Schillingbrücke im Heimatviertel Kreuzberg 36 gelandet, was schon lange nicht mehr so heisst, aber noch immer in unseren Köpfen, in denen, die wir hier lebten und leben. Ich fühle mich ein bisschen wie die verlorene Tochter, wie Eine, die auszog und nun wiederkommt. Nein, es ist seit meinem Umzug nicht das erste Mal, dass ich wiederkomme, aber zwischen meinem letzten Besuch und jetzt liegen mindestens fünf Jahre. Fünf Jahre sind eine lange Zeit in der Jahrhundertbaustelle Berlin.

Schon immer fand ich, dass die Politik, der Stand der Gesellschaft und ihre Probleme in dieser Stadt sofort sicht- und greifbar werden. Lese, sehe und höre ich ansonsten über die Migrationsproblematik, kann ich sie hier sehen, gehe ich jeden Tag durch sie hindurch. Das ist wohl das Zurzeit brennendste Thema, neben Wohnungsnot, Armut, Gewalt und Gentrifizierung. Über Stadtplanung, insbesondere über Wohnungsbau und Bezahlbarkeit für Menschen mit normalem Einkommen, lässt sich trefflich streiten.

Die Schere ist weiter aufgegangen, die Armut und Obdachlosigkeit haben zugenommen und somit auch diejenigen, die auf den Grünstreifen der Wohnanlagen und in den Parks campieren, die an den Strassenecken stehen und trinken oder dealen (womit auch immer noch), es geht ums überleben …

Sozialer Brennpunkt Berlin Kreuzberg war und ist sozialer Brennpunkt und die damit einhergehenden Probleme gehen in der Regel an den Touristenströmen vorbei, die Politik hat bis heute keine Lösungen: kein Profit, kein Wachstum in Sicht …

Hanna Schygulla schreibt in ihrer Autobiographie „Wach auf und träume“ über ihre letzte Zeit in Paris (was noch nicht lange her ist): „Die Restaurants sind noch voll, der Geräuschpegel animiert. Doch auf dem Heimweg liegen die Obdachlosen auf der Strasse. Am besten nicht hinschauen?“

berlin bei nacht

Dort (an der Zufahrt zur Bastille) stehen immer öfter die Kolonnen der blauen Grossraumwagen der Bereitschaftspolizei, um den Widerstand, wenn nötig mit Gas in Tränen aufzulösen.“

berlin polizeipräsenz

das gemeinsame Lied der Metropolen der Welt, Hanna Schygulla schreibt über Paris, kurz bevor sie nach Berlin umzieht, ich fotografiere worüber sie schreibt (ohne es bis dahin gelesen zu haben) in Berlin ca. zwei Jahre später …

Der Widerstand in Kreuzberg ist ungebrochen, auch wenn so mancher Kampf in der Vergangenheit und Gegenwart verloren wurde, wovon die gerade kürzlich durchgeführte Räumung der Cuvrybrache erzählt.

berlin cuvrybrache

Wachschutz am Tage, am späten Nachmittag, Abend und in der Nacht verstärkte Polizeipräsenz. Die Planung spricht von Eigentumswohnungen mit unverbaubarem Spreeblick und einer Einkaufsmall. Letzteres hat Berlin jetzt schon mehr als genug, ersteres können sich die allerwenigsten leisten und geht an dem bunten Völkchen, das seit Jahrzehnten in Kreuzberg lebt, arbeitet, gestaltet und wohnt und seinen Bedürfnissen gänzlich vorbei, aber wer fragt schon danach, wenn es um Profit und Spekulationsobjekte geht.

berlin spreeufer für alle

Berlin war und ist bunt, ist die Stadt, die niemals schläft und die immer und für viele eine Reise wert ist. Wann immer ich mit den Öffentlichen fahre, sei es am Tag oder in der Nacht, sei es mit der U- oder der Strassenbahn oder dem Bus, immer fahren Unzählige mit mir. Nachteulen und Jugendgruppen, Menschen, die gerade Feierabend gemacht haben oder solche, die, wie ich, von einem Besuch Nachhause fahren.

Berlin hatte und hat für jede und jeden etwas zu bieten, auch für mich! Ich habe viele Freundinnen und Freunde wiedergesehen, hatte spannende und inspirierende Stunden, habe eine Ausstellung besucht, einen Blogger persönlich kennengelernt, war auf Bilderfang, war viele Stunden allein oder zu Zweit unterwegs und natürlich komme ich wieder! Ich bin weitergewandert, mehr demnächst hier …

berlin ich wander weiter