… und immer wieder der 9. November

berlin - eastsidegalery zum 09.11.

(Eastsidegalery I – draufklick = gross)

25 Jahre ist es her, dass die Mauer sich öffnete, ein Vierteljahrhundert und noch immer gibt es sie, die Mauer zwischen Ost und West. Es wird viel debattiert in den letzten Wochen, jede und jeder hat eigene Geschichten, wie sie oder er den Mauerfall erlebt hat, was er mit der einen und dem anderen machte, sei es nun aus Ost oder West.

Die Mauer ist zum einen noch in den Köpfen, zum anderen dauert es mehr als ein Vierteljahrhundert, um Geschichte ehrlich aufzuarbeiten. Noch immer erfahre ich zum Beispiel Dinge rund um den zweiten Weltkrieg und die unsägliche Juden- und Andersdenkendenverfolgungen, die mir neu sind. Wie zum Beispiel letztens der Film auf Arte über einen Schweizer Grenzer zeigte (shame on me, ich habe den Namen vergessen). Nein, ich wusste nicht, dass die Schweiz schon 1938 ihre Grenzen schloss und wusste auch nichts über die Vorbehalte in der Schweizer Bevölkerung gegen die Juden.

So meinen wir heute, dass wir alles über die DDR wissen, aber was wissen wir denn wirklich? Wir, aus der sogenannten BRD wollen wir hören, dass es Menschen gab, die dort gerne gelebt haben? Wollen wir von den zerstörten Existenzen hören oder lesen, von Menschen, denen ihre Berufe nicht anerkannt wurden, von Produkten, die später nichts mehr wert waren und von Menschen, die seit Jahrzehnten keine Arbeit mehr finden, die depressiv und isoliert sind? In den meisten Köpfen wohnt die Stasi gleich neben der Mangelware Bananen. Ich will nichts schönmalen, aber ich mag auch dieses ewig anhaltende Schwarzweissbild nicht.

Wenn ich heute durch die sogenannten neuen Länder fahre, fällt mir auf, dass es zum Teil wieder blühende Städte und Städtchen gibt, aber immer nur dann, wenn sie geschichtsträchtig sind und TouristInnen locken und somit die Stadtsäckel füllen oder die Natur rund rum so wunderbar naturbelassen ist…

Auf der anderen Seite gibt es viel Marodes, viele arme Menschen ohne Arbeit und Hoffnung und verfallende Dörfer. Hier und da blühen innovativ alternative Ideen, auch solche, die nicht auf Profit auf Deubel komm raus angelegt sind. Insgesamt aber wird es wohl noch mindestens ein halbes Jahrhundert dauern, bis zusammen gewachsen ist, was soll … und vielleicht wird ja auch hier einmal die Geschichtsaufarbeitung breiter und es wird nicht nur über die Stasi geredet. Redet hier eigentlich jemand vom BND? Manche schon … ich will nichts gleichsetzen, das wird nicht funktionieren, aber ich wünsche mir eben Ehrlichkeit bei den Betrachtungen, von Ost nach West und West nach Ost.

Ich höre schon die Kommentare … ja, ihr habt ja Recht, in dieser Welt und in dieser Zeit ist Ehrlichkeit ein Gral, der kaum zu finden ist.

berlin - eastsidegalery 2 zum 09.11.

(Eastsidegalery II – draufklick = gross)

Berlin … das ist auch ein nicht enden wollender Strom von TouristInnen, auch ich bin jetzt eine, wenn auch vielleicht dadurch anders, weil ich 15 Jahre in dieser Stadt lebte und sie mir, bei allen Veränderungen, immer noch Heimat ist. An den markanten Punkten dieser Stadt klicken die Auslöser der Kameras und Smartphones, sodass ich überlegte, dass wenn jeder Fotoschuss ein winziges Loch in die abgelichtete Materie machen würde, bald kein Stein mehr auf dem anderen stehen würde, nicht die Gedächtniskirche, nicht die Eastsidegalery, nicht die Reste der Mauer, die hier und da stehen gelassen wurden. Und damit dort nicht weitergeklopft wird, um ein kleines Stückchen Mauer mit Nachhause zu nehmen, sehen wir heute die Mauer hinter einem Zaun. Absurd? Für mich schon!

berlin - mauer zum 09.11.

… und über allem schwebt die Welt

berlin - mauer 2 zum 09.11.

(Gedenkstätte des Terrors – draufklick = gross)

berlin - zum 09.11.

(Eingang zum Martin Gropiusbau – draufklick = gross)

wie ich schon einmal schrieb: in Berlin wird Geschichte sicht- und spürbar und jede und jeder hat ganz eigene Gedanken und Empfindungen dazu. Und das ist gut so! Ich bin gespannt auf eure Geschichten, meine Geschichte zum Mauerfall lasse ich ganz bewusst aussen vor, vielleicht kommt sie ja noch …

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29 Gedanken zu „… und immer wieder der 9. November

  1. Es ist nicht einfach sich im Erinnern ausserhalb von Klischees zu bewegen.Wirklich aufzuschreiben wie es war ohne in diese Schwarz-Weiß tönung zu verfallen. Artikel wie dieser schubsen mich da immer wieder wach. Schließe mich Maren wulf an-die Mauer hinter einem Zaun finde ich auch bemerkenswert. Bemerkenswert auch das es mich mich Berlin Besuchen nie zur Mauer gezogen hat…..LG Xeniana

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    • ich wäre wohl dieses Mal auch wieder nicht bei der Mauer gelandet, wäre ich nicht zu einer Ausstellung im Martin-Gropius-Bau verabredet gewesen, gleich nebenan ist die Gedenkstätte und eben die eingezäunte Mauer, ich war etwas zu früh dort und hatte noch Zeit … es stimmt schon Erinnerung mit all den Zwischentönen sind nicht einfach einzufangen! liebe Xenia, ich danke dir für deins
      sonnig sonntägliche Grüsse Ulli

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  2. Ich danke Ihnen sehr für Ihren Beitrag. Sprudelndes Quellwasser auf meine Mühlen. Mit meinen Interessen an der Alltags- und Strukturgeschichte der DDR werde ich zunehmend belächelt, um es freundlich auszudrücken.
    So lange sich, laut einer neueren Statistik, mehr als 50% der Westdeutschen geradezu weigern, die östlichen Regionen Deutschlands zu bereisen oder zu besuchen wächst da nichts zusammen.
    Ich kann diese Menschen zumindest intellektuell verstehen. Ich bin im Kalten Krieg sozialisiert.
    Hätte ich nicht ganz bestimmte Interessen und würde diesen auch nachgehen, wer weiss, vielleicht würde ich auch weiterhin eingepflanzten Vorurteilen nachhängen.
    Geschichte wird von Historikern gemacht. Eine vergangene Zeit wird dabei wieder sichtbar gemacht. Das Material der Historiker sind Quellen. Aber schon bei der Auswahl der Quellen beginnt die Unschärfe.
    Die alltägliche Politik basiert auf vergangenen Erfahrungen, als auf historischen Tatsachen. Insofern ist Geschichte immer auch Politik. Es geht um die Deutungsmacht dessen, was erinnert wird und was nicht. Und noch folgenreicher: wie erinnert wird mit welchen Wertungen. Sogenannte historische Fernsehsendungen mit Ansagern wie Guido Knoop vermitteln keine seriösen historischen Kenntnisse, da werden allenfalls Meinungen unters uninformierte Publikum gebracht.
    Insofern finde ich es richtig, dass Sie am Beginn Ihres Beitrages das Adverb ehrlich kursiv gesetzt haben. Was ist ehrliche Geschichtsaufarbeitung und ist sie objektiv überhaupt möglich?

    Eines der größten Vergehen hinsichtlich schulischer Lerninhalte der BRD Kultusminister ist für mich als Westsozialisierter u.a. die Festlegung historischer Lerninhalte in häufig verzerrter, ja zum Teil falscher Darstellung an Schulkinder. Mich hat es Jahre gekostet mein geschichtliches Wissen auf einen einigermassen wissenschaftlich fundierten Stand zu bringen.
    Geschichtsschreibung ist immer politisch und mit dem Geschichtsunterricht wird massiv auf das Denken und die Wertbestimmung zukünftiger Staatsbürger Einfluss genommen. Wer die Deutungsmacht der Geschichte hat, bestimmt den Kurs und die Diskurse.

    Der 9. November ist historisch für Deutschland durchaus bedeutungsvoll: am 9.November 1848 das Scheitern der Märzrevolution, am 9.November 1918 die Novemberrevolution, am 9.November 1923 der Hitler-Ludendorf-Putsch, am 9.November 1938 die Novemberprogrome und am 9.November 1989 der Fall der Berliner Mauer.
    Ich persönlich gedenke an diesem heutigen Tag der für mich massivsten historischen Lügen des etzten Halbjahrhunderts deutscher Geschichte und meiner Lebenszeit, die nach wie vor munter weitergelogen werden:
    1. Die US-Amerikaner hätten Deutschland von den Nazis befreit und seien deshalb unsere Freunde.
    2. Die Deutschen (West) hätten durch Fleiss und Sparsamkeit ein Wirtschaftswunder geschaffen und Ludwig Erhardt sei der Vater jenes sogenannten Wirtschaftswunders.
    3. Die CDU wäre zwischen 1949 und 1989 zu jeder Zeit für die Wiedervereinigung der beiden Deutschlands eingetreten. (nebenbei: die grösste Enttäuschung, die mir ein Teil der DDR Bevölkerung nach 1989 angetan hat war, die CDU zum Wahlsieger zu machen. Meine Enttäuschung war unsagbar damals, allerdings auch augenöffnend)

    Sonntäglichsonnigundtrotzalledemfreudige Grüsse aus dem Bembelland

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    • lieber herr ärmel, danke und danke und danke!
      sie sprechen mir aus tiefster seele und ich möchte aufstehen und applaudieren!
      ich stimme ihnen in jedem punkt zu.
      ich – 1967 in der DDR geboren, nicht stasiverfolgt oder stasizugehörig, sondern ganz normaler bürger.
      es tut gut, zu wissen, dass nicht „alle“ der allgemeinen „meinungsmacher-maschinerie“ hinterherlaufen.
      herzliche grüße von kerstin

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  3. Lieber Herr Ärmel,

    ich freue mich SEHR über ihren ausführlichen Kommentar, der nichts auslässt, danke dafür.

    Am Ende schreiben Sie: „nebenbei: die grösste Enttäuschung, die mir ein Teil der DDR Bevölkerung nach 1989 angetan hat war, die CDU zum Wahlsieger zu machen. Meine Enttäuschung war unsagbar damals, allerdings auch augenöffnend …“ an diesen Tag (3.Oktober 1990) erinnere ich mich ebenso klar, wie an den 09.11.1989, nur dass ich 1990 richtig fassungslos war … das Volk hatte einen Riesenfeheler gemacht, ich wusste es damals, das Volk erst später- aber vielleicht zeigt dies eben genau, was Meinungsmache und leere Versprechungen bewirken (können)- selbst denken, das wäre ein Fach, das ich mir für alle Schulen dieser Welt wünschen würde, käme eine Fee vorbei!

    Ich habe das Glück, dass ich einige gute Freundinnen und Freunde aus der ehemaligen DDR habe, ihnen zu lauschen bringt mir das Leben hinter der Mauer näher, als es jedes Schulbuch kann.

    Sonntäglich sonnige Grüsse vom Herbstberg
    Ulli

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  4. Ich suche nach Worten … Ich weiß ja eigentlich so wenig über dieses große Thema. „Das Leben der andern“ zum einen, Aussagen von Menschen, die ihr Leben heute ganz anders zu leben gezwungen sind, zum andern.
    Dein Text macht mich einmal mehr sehr betroffen darüber, wie die Menschheit es nicht schafft, noch nicht schafft, einen Weg des Miteinanders zu finden.
    Ich ringe, wie gesagt, mit Worten, weil ich nicht die finde, die sagen könnten, was ich meine …

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    • liebe Soso, ich glaube nichts ist schwieriger, als das Leben der anderen zu verstehen, egal ob es nun um das Thema BRD/DDR geht oder zum Beispiel Deutsche und Schweizer und wieso soweit schweifen, was ist mit der Nachbarschaft, den FreundInnen und … allerdings ging es mir hier auch weniger ums verstehen, als um eine breitere Geschichtsschreibung und Ehrlichkeit, aber wie schon im Artikel geschrieben: ich kann offizielle Ehrlichkeit wahscheinlich vergessen 😦

      danke dir fürs ringen
      herzlichst Ulli

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  5. ja, unbedingt weiter um Worte ringen, weischt … ich konnte gerade in diesem Artiekl auch nicht wirklich alles so in Worte fassen, wie es in mir rumort, ich bewundere ja immer wieder Sherry, Emil und Mützenfalterin, auch dich, ihr erscheint mir oft so viel klarer, aber ja … ich lasse es lieber mit der elendigen Vergleicherei!

    auf den zivilen Ungehorsam
    Ulli
    dankeeee für die Mail, Antwort folgt bald, aber jetzt ruft das Draussen

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  6. liebe ulli, von mir ein danke für deine worte.
    mich macht das thema im moment ganz wuschig.
    aus jedem lautsprecher tönt der selbe müll und die bildzeitung nötigt mir ihr unsägliches papier auf.
    wie die medien dieses thema verschleiern, und verzerren ist ekelhaft.
    um wirkliche aufarbeitung geht es doch gar nicht.
    das macht mich wütend.
    ich finde die wirtschaftlichen unterschiede und die im verständnis der menschen zwischen nord und süd auch sehr groß. darüber verliert keiner ein wort.

    ein weites feld … deine worte für mich balsam. auch die kommentare hier – balsam.

    ich mit euch auf zivilen ungehorsam!
    kerstin

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    • hej Kerstin, das sagst du was, ich würde im Norden, wenn ich nicht für eine Schweizerin kochen würde, um einiges weniger verdienen, als hier, die anderen staunen über meinen Stundenlohn, von dem sie weit entfernt sind und es stimmt, darüber redet auch (fast) niemand- danke, dass du es ansprichst!

      schön, dass du mit im Boot bist 🙂
      herzliche Sonntagabendgrüsse
      Ulli

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  7. Von deinem Text fühle ich mich angesprochen, nicht nur wegen der wunderschönen Fotos. Das eastside-gallery-Foto mit dem Trabant ist übrigens seit dem Beginn meiner Fb-Zeit mein Hintergrundbild, weil ich mich damit identifizieren kann. – Jetzt ist DER TAG vorbei und wir werden nicht mit Erinnerungen überhäuft. Ich bin auch der Meinung, dass noch ein paar Jahre mehr ins Land gehen müssen, ehe die Mauer nicht mehr so präsent ist in den Köpfen.

    Gefällt 2 Personen

    • für mich drücken beide Bilder von der Eastsidegalery das aus, was ich damals erlebt, zum einen dieser Menschenstrom, der von Ost nach West strömte, der grösser war, als von West nach Ost, zumindest erst einmal und dann eben der Trabi, der durch die Mauer bricht bzw. brach. Ich freue mich, liebe Clara, dass der Artikel dich anspricht und grüsse dich herzlich

      Ulli

      Gefällt 1 Person

      • Da ich Schnarchnase lieber geschlafen habe als mich zwischen die Massen zu quetschen, habe ich erst zwei Tage später „meine Referenz erwiesen“. 🙂
        Aber mein damals 17jähriger Sohn stürmte sofort los, ging über den Checkpoint. Als er am 10.11. früh kurz vor Unterrichtsbeginn wieder die Wohnung mit einem riesigen Stapel Zeitungen betrat, wusste ich, dass das gestern keine „Ente“ im Fernsehen war.

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  8. Liebe Ulli,
    ein schöner Beitrag.
    In der ehemaligen DDR ist die Arbeitslosigkeit gros. Wann warst du das letzte mal in kleinen Dörfern im Ruhrgebiet oder in der Stadt Hagen? Auch da sieht es nicht gut aus, die Stadt ist grau, Hagen erinnerte mich von den Farben her an das Leipzig kurz nach der Wende.
    Wichtig ist, dass wir unseren Fokus auf Gesamtdeutschland setzen, in Gesamtdeutschland, Ost wie West gibt es arme und reiche Städte.
    Ich besuche gerade ein Seminar und eine Vorlesung zum Thema „Theorie und Methodik in der Geschichte“. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, wie schwierig es ist, das Wort Geschichte zu definieren.
    Danke für die schönen Bilder,
    liebe Grüße von Susanne

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    • guten Morgen, liebe Susanne, du hast ja so Recht! tatsächlich war ich schon lange nicht mehr im Ruhrpott, der reiche Süden trübt wohl meinen Blick für die ärmeren Gegenden von dem, was wir einst Westdeutschland nannten … ich danke dir
      ich kann mir gerade eben auch nicht vorstellen, dass Geschichte ein schwierig zu definierender Begriff ist, vielleicht magst du ja einmal mehr dazu schreiben?

      hab einen feinen Tag und herzliche Grüsse
      Ulli

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  9. Tatsächlich habe ich diesen Text eben durch Herrn Rosens Dankeschön gefunden. Wie gut er geschrieben ist! ja, das kannst du, Ulli, du brauchst keinen Vergleich zu scheuen (aber natürlich auch nicht zu suchen 🙂
    Auch die Kommentare haben es in sich. Und deine Fotos, wo die Welt als Reklameluftballon über dieser Szenerie schwebt – so eine kräftige wortlose Symbolik in einem Bild.
    Wie du weißt, bin ich „kalter-Kriegs-Kind“. als Schüler wurden wir einmal im Jahr an die böse böse Grenze mit dem Todesstreifen gekarrt, und in unseren Atlanten stand „dreigeteilt – niemals“ , wobei der 3. Teil die „polnisch besetzten“ und die „sowjetisch besetzten Gebiete“ waren. In der Mitte lag „Mitteldeutschland“ oder auch „SBZ“ genannt, und im Westen das übriggebliebene Stück Deutschland, die Erbin, die Kontinuität, die Statthalterin des Deutschtums, solange die bösen Sowjets (der Russe, die Russkis) die anderen Teile völlig illegitimer Weise an sich gerissen hatten, um sie zu demontieren, demolieren, auszubeuten und die armen Deutschen zu Flüchtlingen oder unterdrückten, eingesperrten Untertanen zu machen.
    „Westdeutschland“ – auch Bundesrepublik Deutschland genannt (BRD sollte man es nicht nennen, denn das war wie eine Anerkennung des Status quo der Teilung und stellte den „Alleinvertretungsanspruch“ der Bundesrepublik DEUTSCHLAND in Frage) – dieses „Provisorium“ hatte seine „provisorische Hauptstadt“ in Bonn. Von Bonn aus wurde die Integration in die westlichen Bündnisse betrieben. Ein beträchtlicher Teil der Beamten, die das zustandebrachten, waren Alt-Nazis, die aber die alte „Reichsidee“ nicht wirklich verfolgten, denn die SBZ und deren Bevölkerung war ihnen unbequem. Sie hielten sich lieber an das neue Weltreich, USA, in dem sie genug alt-Kameraden und Gesinnungsgenossen fanden.
    1990 kam der Tag der „Wiedervereinigung“ nach dem von Anfang an angepeilten Muster: Die DDR wurde vom westlichen Wirtschafts- und Bündnissystem aufgeschluckt, irgendwelche ideologischen Restbestände, die sich in der DDR vielleicht trotz des miesen „real existierenden Sozialismus“ erhalten hatten, galt es auszurotten. Das war ziemlich leicht, wie die Wahlergebnisse im „Osten“ zeigen. Der „Sozialismus“ war tot, es lebe die „freie Welt“.
    Worauf will ich hinaus? Dass wir in einer Welt lebten, in der wir gefangen waren zwischen zwei schlechten Alternativen, und ein dritter Weg keine Chance bekam. Gar keine. Und doch ist Deutschland der Ort, in der das europäische Projekt als „dritter Weg“ hätte durchdacht und initiiert werden müssen. Durchdacht schon damals, als wir in den „zwei Deutschlands“ lebten, und initiiert, als diese beiden Teile zusammenkamen und ein enormes Gewicht in Europa erhielten. Meine große Enttäuschung (wenn ich davon reden kann, denn ich hatte kaum Hoffnungen) besteht darin, dass Deutschland nach der Vereinigung seine europäische und sogar Welt-Rolle überhaupt nicht begriffen hat. Stattdessen haben sich die üblichen nationalen Egoismen durchgesetzt, und das in einem US-beherrschten Weltsystem, das für Europa keine gute Zukunft bereithält. Statt durch eigenen Entwurf zukunftsstiftend zu werden, zog sich Deutschland krampfhaft in sich selbst und seine Malaisen zurück, bejammert sich oder folgt schwanzwedelnd dem großen Meister aus Übersee, hoffend, auf diese Weise doch noch die eine oder andere imperiale Sehnsucht stillen zu können.

    Uff. Ich kann den Text jetzt nicht noch mal lesen und vielleicht verbessern oder kürzen. Titos Schnauze liegt auf meinem Knie, er verlangt seinen Spaziergang. Hoffe dennoch, dass ich mich ein bisschen verständlich machen konnte. Liebste Grüße aus Griechenland. Gerda

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    • Liebe Gerda, danke für diesen „fehlerfreien“ (;) ) Kommentar, trotz Gedrängel vom liebsten Vierbeiner … als Kind bin ich jeden Sonntag an einem Plakat vorbei zur Tante gegangen: Deutschland – dreigeteilt – niemals – ich empfand es immer als Bedrohung …
      den Tag, als am 03. Oktober in der ehemaligen DDR abgestimmt wurde, habe ich nie vergessen, ich fand das Ergebnis unfassbar, obwohl ich an sich nichts anderes erwartet habe – es ging mir ein bisschen wie Arno, ich ahnte nichts Gutes, aber fast niemand war meiner Meinung …
      deine Sicht teile ich und empfinde sie als wohltuend- danke dafür und herzliche Grüsse, sicherlich bist du nun zurück und ich habe mittlerweile mal die Küche und das Bad grundgereinigt, nun gehts ab an den Kochtopf, ich hab Hunger!
      Ulli

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      • Guten Appetit! Ja, wir sind zurück, es war ein schöner Bummel durch leicht vernieselte Landschaft, ohne bedrohliche Schilder betreffs Dreitteilung. Ich erinnere mich noch sehr deutlich an eine Szene, als ich 17jährig im Schulunterricht in bezug auf die gestrichelte Oder-Neiße-Grenzlinie sagte: die sollte man dicker zeichnen, da sie endgültig ist. Da ging ein Geschrei meiner Klassenkameraden auf mich nieder. „Was, sollen wir etwa immer so klein bleiben?“ Ich war total verblüfft, fragte dann: „ja, wollt ihr etwa noch einen Krieg? wollt ihr die Menschen, die da jetzt wohnen, vertreiben? Diese Grenze ist doch nur durch einen neuen Krieg zu verändern!“ – aber man verstand mich nicht, und ich verstand die anderen nicht. LG

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        • P.S. sorry, zu schnell abgesendet, man hat mich auch nicht erstanden, als die ersten heftigen Anschläge auf Flüchtlingswohnheime in Hoyerswerda und in Rostock-Lichtenhagen stattfanden und ich vor einer neuen Erstarkung des faschistischen Gedankenguts warnte- viele meinten ich würde übertreiben, jetzt haben wir den Salat!

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