Nachträgliche Gedanken

zu meiner ersten Etüde 2020

Zurzeit lese ich einen Doppelband von  Elena Ferrante „Meine geniale Freundin“ (Band 1), „Die Geschichte eines neuen Namens (Band 2)*. Der Ort der Geschichte ist Neapel der 1950/60er Jahre. In einem „Armenviertel“, heute würde wir wohl „Ghetto“ sagen, wachsen zwei Mädchen auf, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Sie werden Freundinnen und ergänzen sich auf wunderbare Weise. Und wovon träumen diese zwei Mädchen – vom reich werden. Ausbrechen zu können aus ihrem maroden Viertel voller Männergewalt, Männer gegen Männer, Männer gegen ihre Frauen und Kinder. Die Mädchen wachsen heran, ihre Wege gehen auseinander, kreuzen sich wieder. Ihr Miteinander folgt einer Dynamik von Anziehung und Abstoßung.

Noch bin ich am Anfang des zweiten Bandes. So viel sei noch erzählt: während die eine der zwei jungen Frauen noch immer aufs Gymnasium geht, heiratet die andere mit gerade mal sechzehn Jahren einen Geschäftsmann des Viertels. Jetzt ist sie reich, aber gleichzeitig stirbt sie, ihre Seele wird stumpf. Die Schülerin ist und bleibt ihre Freundin. Sie beginnt aber das Verhalten der Freundin zu hinterfragen und sinniert über den Preis einer reichen Heirat.

Wieso schreibe ich das alles? Meine erste Etüde in diesem Jahr führte zu einer Diskussion zwischen Gerda, anderen und mir. Gerda hat „meine“ tagträumende Frau abgelehnt, vor allen Dingen ihre Träume und schlug einen Bogen dazu, dass genau diese Art der Träume von ärmeren Menschen und/oder schlichteren Gemütern zu der problematischen Weltsituation geführt hat, in der wir heute leben.

Das kann ich so nicht stehen lassen. Nicht alle Menschen können alles, auch wenn dies gerne suggeriert wird. Ich glaube allerdings, dass Viele viel mehr können, dazu aber nicht ermutigt werden. Bildung und Erziehung können dazu führen, dass Menschen von kleinauf an sich selbst, ihr Können und Nichtkönnen erspüren, begreifen können. Hierdurch wächst Selbstvertrauen. Selbstbewusste Menschen werden nicht so schnell zu Opfern oder Spielbällen von Religionen und Politik und ihren Machenschaften.

Nun ist aber nicht allen Menschen Bildung vergönnt. So darf die eine der Freundinnen, obwohl hochbegabt und hoch intelligent, nicht weiter die Schule besuchen, sondern muss der Mutter im Haushalt helfen und dem Vater und ihrem Bruder in der Schusterwerkstatt. Sie lernt mit der Freundin heimlich weiter … nutzen tut ihr das alles nichts. Wie geschrieben, noch kenne ich den Fortgang der Geschichte nicht, ich hoffe sehr, dass sie zu ihrer alten Wehrhaftigkeit zurückfindet.

Um auf die Diskussion in meinem Kommentarstrang zurück zu kommen, frage ich euch wem es zu grollen gilt – einer Frau, die wir ja im Prinzip gar nicht kennen, nichts von ihrer Geschichte, ihrer Sozialisation wissen oder aber der Politik, den gesellschaftlichen Mechanismen, den Gaukelnbildern von Hollywood und dem alles beherrschenden Konsumterror? Ich grolle letzteren.

Arme Menschen träumen nun einmal davon auch etwas vom großen Kuchen abzubekommen, den die Reichen und Schönen aber nicht mit ihnen teilen wollen. Unterdrückte Frauen träumen von rettenden Prinzen usw.! Einige wenige schaffen es auszubrechen und ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Doch seien wir einmal ehrlich, das sind die Ausnahmen.

Ich schrieb an Gerda (leicht korrigiert): „Erst waren es die Reichen, die nur weißes Brot aßen, also wollten die Armen weißes Brot, sie bekamen es in Massen und leben nun ungesünder als je, während sich die Reichen das „gesunde Vollkornbrot“ reinschieben … Wir leben in einer Folge von Jahrhunderten, Gier treibt die Reichen, Neid die Armen, Hass viele dieser beiden Fraktionen. Medien kamen dazu, da denke ich besonders an zigtausende von Hollywoodproduktionen, die dieses Streben nach einer bequemen Welt mit viel Hightech und Hifi nach vorne getrieben haben, ebenso all das was wir Tourismus nennen. Und sind die Menschen nur einen Deut glücklicher geworden? Nein! Stehen wir nicht vor einer großen Schwelle, an der viele Menschen erkennen, dass es so nicht weitergehen kann, dass es ein Umdenken in vielen Bereichen des Lebens und Miteinanders geben MUSS, wenn es Ziel ist, dass dieser Planet auch noch in Jahrhunderten bewohnbar sein soll?! Bildung ist dabei schon seit Jahrzehnten eins meiner Zauberwörter, aber die wird nicht gegeben, wie sie gegeben werden könnte und warum, weil die Reichen und Mächtigen keinerlei Interesse an selbst denkenden und handelnden Menschen haben. Und ist das neu? In keinster Weise. Bleibt die alles bestimmende Frage: WIE KRIEGEN WIR DIE KUH VOM EIS?“

Nun könnte man argumentieren, dass Menschen in dieser Zeit und besonders in Deutschland jede Chance haben sich selbst zu verwirklichen. Ich sage nein, haben sie nicht und erinnere an die sogenannte neue Armut und unser marodes Bildungssystem, einmal ganz abgesehen von Lehrmethoden, die vollkommen überaltert sind, plus LehrerInnenmangel. Aus meiner Sicht gilt es genau hier anzusetzen und sich weiterhin dafür stark zu machen, dass gleiche Bildung für alle zu gelten hat, dass Rahmenbedingungen geschaffen werden müssen in denen Lehrerinnen und Lehrer angemessen entlohnt werden, Schulen renoviert werden und kleine Menschen sich selbst und ihr Können und Nichtkönnen behutsam begreifen können. Ich sage: weg mit Eliteschulen und mit Elitedenken sowieso!

Wir alle leben in gespaltenen Gesellschaften, aber aus meiner Sicht kommen wir nicht weiter, wenn wir diejenigen abwerten, verurteilen, schlecht machen, die Opfer der bestehenden Verhältnisse geworden sind. Bleiben wir wehrhaft und setzen wir uns, auch wenn es schwer erscheint, ungebrochen für eine menschenwürdige Welt ein, in der jedes Lebewesen seinen ihm anstehenden Raum innehaben darf.

Nun bin ich auf eure Meinung gespannt.



*ISBN: 978-3-518-42553-4 und 978-3-518-42574-9

74 Gedanken zu „Nachträgliche Gedanken

  1. Ein superlanger Artikel, liebe ulli!
    Ja, Bildung ist erste Bürgerpflicht, nur dadurch kann etwas in Gang kommen.
    Rosling sagte in factfullness, dass angeblich 90 Prozent aller mag hen mittlerweile Schulbildung genießen.
    Ich denke, Prozesse dieser art können nur ganz schleppend vorangehen. Etwa hat es mind. 70 Jahre gedauert, von den ersten Protesten aus, bis Frauen in England wählen durften.
    Erzwingen genug kann man also nichts, nur geduldig dranbleiben.

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    • Ich weiss nicht wieviele Mädchen weltweit mittlerweile an der Bildung teilhaben können und dürfen und schon gar nicht auf welchem Niveau. Mir geht es schlichtweg um gleiche Bildung für alle und auch das weltweit.
      Auch will ich nichts erzwingen, Gewalt liegt mir fern, aber ich wünsche mir, dass die Menschen nicht resignieren, nur weil Entwicklung langsam geht und darüber auch die einst gefassten Ziele nicht aus den Augen verliert. Klimaschutz ist nicht alles. Ausserdem haben wir uns schon seit den 1970er Jahren für Natur und Umwelt eingesetzt. Ich will nicht alles schwarz malen, aber das, was getan wurde oder wird erinnert doch mehr an Zuckerbrot und Peitsche als an wirkliche Bemühungen den Planet Erde zu einem besseren Ort zu machen.
      Ich danke dir für deinen Kommentar, Gerhard,
      liebe Grüße
      Ulli

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      • Viele Bedürftigen kennen sich auch zu wenig im System aus um Bildungsmittel, z. B. über Kindergeld zu beantragen, außerdem erfordert es Antragswissen und jede Menge Nachweise, also tonnenweise Papier. Bildungsangebote von Schulen werden zu wenig beworben. Und schließlich: gesunde Leute haben Lernlust. Noch vor dem Bildungssystem schockiert mich unser Gesundheits- und Pflegesystem. Dürfen Krankenhäuser, also hippokratische Orte, ein Gewinnstreben an den Tag legen? Müssen sie private Wirtschaftsunternehmen sein? Zeigt sich hier nicht weitere Klassifizierung und Unmenschtum?
        Ach, Ulli, es ist so viel…so viel. Die Femizide in Mexiko nehmen zu, im Kongo wehren sich wenige Frauen gegen ihre Verstümmelung, weil sie nicht genug weltweite Aufmerksamkeit bekommen und ich könnte weiter erzählen, von Gräueln…an Menschen…und ja: jede Stimme, die sich erhebt wider dies alles oder die quer lebt, ist eine Kraft, eine Energie und Hoffnung. Diese Zuversicht ist es, die weitergegeben werden muss wo Trost unmöglich ist …und das…fällt einem kleinen Trethamster wie mir manchmal verflixt schwer.
        Wohlauf.
        Nur wer sich regt, bewegt.
        Liebe Grüße,
        Amélie

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        • Ja, Amélie, es ist wirklich sooo viel. An allen Ecken und Enden brennt es. Die Erde ist ein ungemütlicher Ort geworden, trotz noch aller vorhandener Schönheit.
          Unwissenheit gehört für mich zum Thema Bildung. Solidarität zu den menschlichen Tugenden. Wir dürfen nicht zulassen, dass all das negiert und in den Dreck gezogen wird. Aufrecht müssen wir dastehen, als Mensch zu den Menschen (Mann und Frau).
          Ich finde auch nicht, dass es leicht ist, aber ich bleibe eben dran, wo immer ich kann und das sind kleine, winzige Felder, mögen diese weitere kleine, winzige Felder bebauen, dann wird das auch was. Und um jetzt nicht ganz schwarz zu malen, es gibt ja viele Menschen, die sich engagieren, sei es im Großen, wie im Kleinen, alles zählt.
          Und weiter geht’s,
          herzlichst, Ulli

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  2. Ich hatte das erste Buch angefangen zu lesen, doch es hat mich nicht gepackt und den Hype hatte ich nicht verstanden. Deine Gedanken dazu lese ich dennoch gerne. Eigentlich kann ich gar nichts zur Diskussion beitragen, denn ich sehe es plusminus so wie du.
    Schön, dich mal wieder so ausführlich und mit solch herausfordernden Gedanken zu lesen. Die nehme ich mit in den Tag. Dankeschön!

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    • Mich hat das Buch sofort gepackt, es spült auch Erinnerungen an eigene Mädchenfreundschaften meiner Kindheit hoch. Ich selbst habe ja mit meiner Mutter und meinem Bruder in einem Arbeiterviertel in einem Vorort von Düsseldorf gelebt, zwar waren dies neu gebaute Häuser, aber so manche Stimmungen untereinander kenne ich eben auch aus dieser Zeit.
      Nun habe ich ja viel geschrieben, aber ich bin mir noch unsicher, ob überhaupt rüberkommt was mich gestern bewegt hat und das ist eben die Beurteilung der Frau in meiner Etüde …
      herzliche Grüße
      Ulli

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      • (Ich glaube, ich habe den Kern verstanden, aber wer versteht schon wirklich?
        Ich glaube, mir gefiel der Erzählfluss, die Sprache nicht so, und die Identifikation ist mir mir irgendwie nicht gelungen, keine Ahnung warum genau. Aber schön, wenn es bei dir anders war/ist.)

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  3. Der Schlüssel zu allem, der dann auch die Tür zu mehr Bildung aufschließen könnte, ist wohl Respekt, Wertschätzung und Empathie. Darum ist es aber nicht gut bestellt zurzeit in vielen Gesellschaften – und die Entwicklung scheint mir eher noch mehr ins Negative zu gehen. Zunehmende Bildung kann auch von manchen Interessengruppen als Gefahr gesehen werden – was es dann für die Bildungswilligen nicht einfacher macht…

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    • Liebe Anna, deine drei genannten Haltungen sind auch für mich die Wurzeln für eine menschlichere Gesellschaft. Und ja, es sieht nicht gut aus damit, dennoch kenne ich viele Menschen, die sich hierum bemühen und ihre Samenkörner streuen, möge einst die Saat aufgehen!
      Letztlich sehe ich, dass dies alles altbekannte menschliche und zwischenmenschliche Probleme sind. Vielleicht ist es müßig von der großen gesellschaftlichen Veränderung zu träumen, vielleicht geht es nur darum selbst diese Haltungen in sich zu verankern und nach außen zu leben und innerhalb der eigenen FreundInnenkreise und Familien zu leben?!
      Liebe Grüße
      Ulli

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  4. Ich freue mich über die Weiterführung der Diskussion, liebe Ulli. Ich muss mich aber nun doch noch einmal gegen deinen Eindruck wehren, ich würde den Armen und ihren Träumen die Schuld an der Zerstörung des Planeten geben. Mehrfach habe ich schon betont, dass ich die (fiktive) Frau natürlich nicht verurteile. Gesagt habe ich, dass mir ihre Konsumträume unsympathisch sind. Mich stört die ART der Träume, die ein genaues Abbild der von Show Business und Werbung suggerierten hohen Freuden der „Reichen und Schönen“ sind.

    Ich sagte auch geich in meiner ersten spontanen Reaktion: „die Frau ist verloren“. Das klingt hart. Was meine ich damit? Sie ist zutiefst frustriert, weil ihr Mann sie herumkommandiert und „geizig“ ist, ihr daher die Verwirklichung ihres Wohlstandstraums nicht ermöglicht. Keine Rede war davon, dass sie „arm“ sind, sondern nur, dass die Frau wegen ihres eigenen „mickrigen“ Einkommens auf die Zuwendungen des Ehemannes angewiesen wäre. Sie steckt also in einer doppelten Falle: sie hat die Art von Träumen, die sie an die Ehe und ihre unterdrückte Situation ketten.

    Jeder hat ein Recht auf seine Träume. Doch die Träume, die von Holiwood und Co angetrieben werden, sind nicht EIGENE Träume, sondern gefährliche Cliches, die an die Stelle wirklich BEFREIENDER Träume getreten sind – und zwar WELTWEIT. Die von dir so gerühmte Bildung hat bisher wenig dazu beigetragen, BEFREIENDE Träume zu entwickeln. Marx hat es versucht – und aus seinen Träumen vom allseits gebildeten, aus den Fesseln der Lohnsklaverei befreiten Menschen (die auch heute die utopische Leitidee bleibt) wurde ein Alptraum. Marx träumte von einer Welt, in der der Mann frei ist, „heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden“. Mit Jagen, Fischen und Viehzucht treiben würde ich es heute nicht mehr versuchen. Bleibt nur der Kritiker. Von Frauen ist weiter nicht die Rede.

    Kurzum: „Träume, muchacho, träume, aber mit offenen Augen“ (Italo-Western).

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    • Vielleicht habe ich mich da jetzt ein bisschen missverständlich ausgedrückt, bezogen aber habe ich mich auf deinen ersten Kommentar zu meiner Etüde, du hast geschrieben: „Die Frau ist verloren. Keine Spur von Eigenverantwortung und Kämpfergeist. Sie lebt in einem dauernden Zwiespalt zwischen einem ungeliebten Alltag und albernen Große-Dame-Träumen. Ein Mäuschen, das sich gelegentlich eine Goldrobe anprobiert. Fehlt nur noch, dass sie vom rettenden Ritter träumt, der sie aus ihrem Gefängnis befreit. Oder vom Tod ihres Mannes, damit sie in den Genuss der Rente kommt. Nee, nicht mein Fall.“ Alles zusammen empfinde ich diesen Kommentar von dir als eine einzige Abwertung der Träumerin. Okay, wir haben all das im Nachhinein etwas aufgedröselt. Heute ging es mir darum wieder einmal Lanze für Menschen zu brechen, die sich eben von Hollywood etc. beeinflussen lassen. Ich muss deswegen nicht diese Menschen veruteilen oder abwerten, auch nicht ihre falschen Träume, sondern die Machenschaften dahinter.
      Aus meiner Sicht braucht es einen vollkommen neuen Gesellschaftsentwurf, in dem man auch nicht mehr über Frauen und Männer diskutiert, sondern über Menschlichkeit, menschliches Verhalten und über das Wie in der Zwischenmenschlichkeit, über ein soziales Miteinander und wie das aussehen kann. Anna nannte oben die für mich relevanten Wurzeln: Respekt, Wertschätzung und Empathie.
      Marx hat bestimmt für seine Zeit gut vorgedacht, aber auch dies ist nicht mehr 1:1 auf heute, hier und jetzt übertragbar. Ich habe nichts dagegen mich an VordenkerInnen aus anderen Zeiten zu orientieren, aber wir brauchen Konzepte für die jetzige Welt, auch wenn sich der Mensch an sich kaum verändert zu haben scheint in seinen Abgründen und Beweggründen, sonst könnte eine Marx, ein Brecht, ein Tucholsky, und wie sie alle heißen, nicht noch immer als stimmig empfunden werden. Soweit erst einmal …

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  5. Alle unsere Systeme erzeugen Abhängigkeit. Ohne Währung wäre es in unserem Land schwer bis unmöglich dauerhaft zu überleben. Siehe Obdachlose Menschen. Die meisten von ihnen existieren und leben unfreiwillig so. Warum? Oder warum träumt ein Mensch vom Schein der Reichen? Sie erscheinen so unabhängig auf den ersten Blick. Das lockt. Keine Sorgen haben sie, denkt vielleicht schnell mal wer, der es sich einfach macht. Oder aber: sie soll dankbar sein, dass sie überhaupt wen hat, sei es auch ein Geizhals. Sie könnte ihn verlassen. Doch wir wissen nichts über die weiteren Umstände. Nur, dass meine Generation noch mit altem Rollenverständnis konditioniert und gedankengewaschen wurde. Und wo werden Frauen nicht gedankengewaschen? Oder Männer ebenfalls. Jungs weinen doch nicht, sie machen! Ach, ja…?
    Eine Geschichte ist immer dann gut, wenn sie zu weiteren Gedanken anregt, Gefühle auslöst und Fragen im Lesenden aufwirft. Mein erster Eindruck war Mitgefühl. Wer kann völlig unberührt von seinen Umständen leben und das sorgenfrei? Vermutlich nur wenige. Wer kann unabhängig von Vater Staat leben? Noch weniger…Aussteiger, Querschläger, starke Außreißer. Der Rest…fährt im Peloton und strampelt wie besessen um das Flachland zu schaffen…
    Jeder ist nur wie er gerade sein kann.
    Und nicht das was man hat oder kann zählt…sondern es sind die Entscheidungen, die getroffen werden.
    Und Entscheidungen brauchen Rückrat und Rückrat braucht Mut und Zuspruch…
    Usw…
    Der Respekt ist Basis.
    Die Basis ist zu selten Basis sondern zu oft schlecht verhohlene Selbstgerechtigkeit.
    Und Neid ist wirklich Gift. Von allen Giften der Welt sicherlich eins der zu Recht gefürchtetsten.
    Liebe Grüße,
    Amélie

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        • Angst ist noch so ein großes Thema, es gibt ja nicht DIE Angst –
          gerade gestern habe ich „meinen“ Frauen (sie kommen einmal im Monat zu mir, um schamanisch zu reisen) angeboten einmal den Raum zu besuchen, in dem keinerlei Angst wohnt … da wurden sehr berührende und schöne Erlebnisse später geteilt. Man kann selbstredend dies auch als meditative Übung machen, ohne Trance und Trommel.

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          • Liebe Ulli,
            Angst ist meines Erachtens die stärkste manipulative Waffe der Welt…
            Doch sie ist zu unterscheiden von der gesunden Angst, die vor Gefahren warnt. Kein kluger Mensch ist immer ein furchtloser Mensch. Damit gesunde Angst sich nicht in pathologische verwandelt, ist Trommeln hilfreich, auch tanzen und vor allem Trost finden, wo Antworten auf Angstursachen vielleicht noch zu suchen sind. Mit anderen zusammen kann das gelingen. Manchmal träume ich von Frauengruppen, sie singen und klatschen um eine in ihrer Mitte. Sie helfen ihr gemeinsam erst die Erdung auszuhalten und dann daraus aufzustehen. Ein sehr schöner Traum. Weiße Gewänder, hohe Stimmen. Hm. Initiation. Sind aber alle Frauen Ältere. Es geht nicht um Jugend, sondern die Erlösung von Zwängen.
            Dachte, sei vielleicht spannend für dich, weil du so ähnlich arbeitest, nur total anders, argh…aber das Gefühl ist ähnlich:Zusammenhalt, Annahme, Aufmerksamkeit, Nähe, Wärme, Zärtlichkeit. Alles auf einmal. Gibt viel Energie.
            LG,
            Amélie

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    • Liebe Amélie, Herzensdank für deinen Kommentar. Du stellst gute Fragen, die mich weiterdenken lassen. Danke dafür? Unabhängigkeit ist ein großes Wort, ich behaupte mitlerweile, dass es sie im Sinne des Wortes nicht gibt, nicht zu 100%, vielleicht zu 98%, was dann aber schon nur noch ganz wenige Menschen betrifft.
      Der Buddhismus benennt drei Geistesgifte: Gier, Neid und Hass – sie werden durch drei Tiere in einem Kreis dargestellt, jedes davon beißt dem anderen in den Schwanz, es ist ein Hahn, eine Schlange und ein Schwein – ich finde es sehr treffend, weil jedes Gift die anderen beiden bedingt. Da gilt es ehrlich zu sich selbst zu sein und sich zu beobachten wann welches der Gifte wirkt und warum, um ihnen etwas entgegen zu setzen.
      All das erfordert eben auch den Willen und die Disziplin an sich zu arbeiten und das kann eben auch nicht jede und jeder.
      Liebe Grüße
      Ulli

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  6. Dein ausführlicher Artikel regt zum Nachdenken und Handeln an. Ich stimme mit deinem Aufruf zu einer besseren Welt völlig überein, in der alle Menschen gleich behandelt werden. Dieses Ziel sollten wir nicht aus den Augen verlieren. Beginnen wir mit dieser Einstellung mit unseren eigenen Mitmenschen, Nachbarn und unserer eigenen Familie! Da schaffen wir im Kleinen eine bessere Welt. Übrigens hast du deine fürsorglichen Worte ganz im Sinne von Albert Schweizer geschrieben. Er wäre ganz stolz auf dich gewesen, liebe Ulli..
    Liebe Grüße aus dem verschneiten Kanada!

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    • Lieber Peter, ja, wir können immer nur unmittelbar bei uns selbst beginnen und von dort aus die Kreise weiterziehen, in der Hoffnung, dass sie sich fortsetzen.
      Danke für dein Kompliment, ich freue mich!
      Liebe Grüße vom stillen, schneefreien Berg,
      Ulli

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  7. Lange glaubte ich an die Bildung als Schlüssel zum Ausweg aus einfachen Verhältnissen. Die Möglichkeiten sind aufgrund vieler gestrichener oder verkleinerter Förderungen weniger geworden. Ausserdem werden die „Schlauen“ von den Mächtigen in den letzten Jahren genau so unterdrückt wie die Armen von den Mächtigen.

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  8. Ich muss hier trotz akutem Zeitmangel auch noch meinen Senf dazugeben. 🙂
    Oft habe ich Probleme damit, dass Figuren aus den Etüden wie reale Menschen besprochen werden, die allen Kommentierenden obendrein noch bestens bekannt sind. Ich würde es einfacher finden, sich gleich dem Thema zuzuwenden oder aber die Etüden als Texte zu besprechen … Ich fürchte ich bin gerade auch etwas giftig …
    „Träume“ ist für mich – berufsbedingt – ein Reizwort. Ich habe so viele jüngere und auch ältere Menschen kennengelernt, die Träume haben, für deren Realisierung sie aber nicht bereit und/ oder fähig sind, auch nur die geringste Anstrengung zu unternehmen. Zwischen den Träumen und der Verwirklichung liegt ein möglicher Weg, der aber nicht beschritten wird. Verantwortlich dafür sind andere. Die Träumer*innen sehen sich als Opfer widriger Umstände oder der Bosheit anderer Menschen und übernehmen keinerlei Verantwortung für das eigene Leben und die eigene Zufriedenheit. Wobei ich den Inhalt solcher Träume gar nicht kommentieren will, das ist noch ein weites Thema für das ich heute keine Zeit mehr habe
    Vielleicht ist es nicht diese Art von Träumen, die du mit Wachträumen meinst, aber es ist diese Art des Verhaltens, die mir zum Stichwort „Träume“ einfällt.

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    • Liebe Myriade, danke für deinen Input, der wichtig ist, da auch ich denke, dass viele Menschen eben keine Verantwortung für sich und ihr Leben übernehmen, warum auch immer noch. Sie träumen sich das Leben schön und bleiben in ihrem Mustopf sitzen.
      Liebe Grüße
      Ulli

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    • Dein Hinweis, liebe Myriade, dass wir fiktive Figuren als solche behandeln und gleich ans dahinter liegende Thema herangehen sollten, finde ich sehr beherzigenswert. Ich habe leider den anderen Weg eingeschlagen mit dem Ergebnis, dass mir mangelnde Empathie für einen Menschen vorgeworfen wurde, den es real gar nicht gibt. Es gibt diesen Menschentyp – über den du sehr Richtiges sagst -, und gegen den richtete sich meine Häme. Vor allem aber gegen die Art der Träume.
      Eine reale Person, zumal wenn sie zu mir zur Beratung kommt, würde ich selbstverständlich mit dem nötigen Mitgefühl behandeln.

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      • Eben, wie du ja selbst weißt, sind Projektionsflächen tückisch 😉 Genauso wie Blogdiskussionen über sensiblere Themen. Ich finde es immer sehr schwierig, das richtige Maß zwischen „Freundlichkeit“ und dem Äußern meiner ungeschönten Meinung zu finden. Freundlichkeit unter Anführungszeichen, weil es bei den Blogdiskussionen oft als freundlich gilt, Meinungen abzunicken, die man eigentlich nicht teilt und Dinge zu loben, die man eigentlich nicht gut findet.
        Ich schätze es sehr, dass ich mit dir gelegentlich auch kontroversielle Debatten zu diesem und jenem führen kann, ohne dass du persönlich beleidigt bist.

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        • Mir geht es genauso, Myriade, und ich bin froh, dass du diese klare Direktheit hast und zugleich im „realen Leben“ um Empathie bemüht bist. Kürzlich hast du ja entsprechende Situationen geschildert, einmal bezüglich deiner erkrankten Kollegin (wie geht es ihr?), dann wieder bezüglich der ungeheizten Wohnung eines Freundes. Aus der Entfernung neigt man leicht dazu, daraus einen „allgemeinen Fall“ zu machen und entsprechende „Ratschläge“ zu erteilen, aber es handelt sich da ja nicht um fiktive Personen, sondern um ganz konkrete Menschen, denen man begegnet, und da erst kann man wirklich fühlen, was angebracht ist.
          Die Verwechslung von Fiktion und wirklichem Menschen wirkt also in beide Richtungen: man gibt aus der Ferne fragwürdige Ratschläge, die einen Typus Mensch, aber nicht den konkreten Menschen im Auge haben können. Und man schließt aus dem fiktiven Verhalten einer fiktiven Person auf deren konkrete Befindlichkeit. Das Bloggen verstärkt diese Neigungen sehr, leider, weil wir das schattenhafte Halbwissen um andere Blogger (das, was sie uns zeigen) mit unseren Projektionen überziehen. Empathisches Verhalten beweist sich oder scheitert aber im direkten Austausch

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          • Ja, absolut. Ich bin mit dieser Analyse völlig einverstanden. Wobei es ja nicht weiter schlimm ist, sich anhand von fiktiven Figuren über Themen auszutauschen. Ein bissl gefährlich aber finde ich es, wenn man das von dir so trefflich bezeichnete „schattenhafte Halbwissen“ über Blogfreundschaften mit dem echten Wissen über Freund*innen aus der realen Welt verwechselt.
            Ich denke man muss die Grenzen einer Freundschaft im virtuellen Raum im Auge behalten. Und von Empathie kann man nur dann sprechen, wenn man mit einem Menschen in der realen Welt zusammentrifft. Empathie mit jemandem von dem/der man eigentlich kaum etwas weiß, bleibt doch sehr zweifelhaft, weil man ja leicht völlig falsch liegen kann. Schließlich beruht Empathie auf biologischen Vorgängen, die über internet nicht funktionieren können. Wir ersetzen aber die Funktion der Spiegelneuronen durch unsere Projektionen und …. hopps kann es zu den wildesten Fehlinterpretationen kommen

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        • Doch, inzwischen schon. wichtig war mir Myriades Feststellung von Myriade, dass es besser ist, gleich über den Inhalt zu reden, anstatt sich über das Verhalten fiktiver Personen zu erregen.

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          • Ich sehe auch das ein bisschen anders, da ja die Personen die Handlungen bestimmen, sprich den Inhalt.
            Gerda, ich mag kontroverse Diskussionen, es gibt kein Richtig und kein Falsch, es gibt sehr verschiedene Standpunkte und Sichtweisen und genau diese interessieren mich auch. Je länger ich über die letzten beiden Tage nachdenke und die entstandenen Dispute, umso klarer wird mir, dass ich nicht bewerten will, dass es darum alle Zeit ging. Arno schrieb: jeder Jeck ist anders … eben … schrieb Myriade und ich nickte still. Wenn ich es schaffe nur zu beobachten und alles als Ist-Zustand wahrnehme, dann spüre ich Weite. Jede meiner Schubladen von gut, schlecht, mag ich, mag ich nicht macht mich eng.

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            • … und indem du das immer wieder betonst, liebe Ulli, merkst du nicht, dass du andere in die Schublade der fehlenden Weite, der zu schnellen Kritik, des nicht geduldig Verstehenden steckst. Du betonst es doch deswegen, weil du beim anderen eben diesen Mangel entdeckt hast. Der andere – im gegebenen Fall ich – ärgert sich dann, denn er kann sich darin nicht erkennen.

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                • da hast du eine große Frage aufgeworfen, Ulli, über die ich jetzt nachdenken muss: „Bin ich für die Reaktionen der anderen auf das, was ich sage, verantwortlich?“ Vielleicht stelle ich diese Frage mal in den Raum?

                  Im übrigen denke ich, dass zwischen uns beiden alles bestens und in Ordnung ist. Es war eine interessante Debatte. Einige der Facetten würden sich lohnen, noch ein bisschen dran zu bleiben, so dein Eingangssatz:“…, da ja die Personen die Handlungen bestimmen, sprich den Inhalt.“

                  Aber heute abend nicht mehr. Hab Kopfschmerzen. Gute Nacht, Ulli!

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  9. Uiii, eine Menge Lesestoff, doch ich mache den Versuch meine Sicht darzulegen. Ich weiß nicht, wer hier mal echten Reichtum kennengelernt oder in ihm gelebt hat. Ich bin Bestandteil einer einst sehr wohlhabenden Familie (ich kenne keinen aktuellen Kontostand) im gehobenen zweistelligen Millionenbereich. Reiche Leute interessieren sich nicht wirklich für Armut, außer als politische Diskussion oder mit dem Einsatz von geringen Mitteln das eigene Ego zu streicheln und das Gewissen ruhig zu halten. Hass gibt es da nicht, nur ein großes Missverständnis und der Glaube Arme seien arm, weil sie entweder nicht klug genug oder nicht fleißig genug wären. Beides ist natürlich falsch, aber ein festes Klischee der Elite. Ich habe mich mit 14 dagegen aufgelehnt, mich nie beeinflußen und nie kaufen lassen und schwupps, war mit 17 mein reichsein vorbei, für immer. Träume hatte und habe ich und in meinem Fall meistens unrealistisch, doch verfolgt habe ich alle Träume, vielleicht weil ich ein Spieler bin oder einfach nicht anders kann. Erst mit 30 Jahren habe ich eine Ausbildung gemacht und noch nie hatte ich eine 30-Stunden-Woche, doch ich habe einige meiner Träume erfüllt und Ziele erreicht, die mir niemand jemals zugetraut hätte. Verurteile ich Menschen, welche Träume haben und nicht genug Mut diese zu verfolgen? Nein, und warum auch, denn ich weiß wieviel Sturheit, Durchhaltevermögen und Cleverness erforderlich sind, um ein Ziel zu erreichen, also helfe ich Menschen die sich ein Ziel gesetzt haben und nicht genau wissen wie sie dort hingelangen können. Manchmal nehmen sie dann die Mühseligkeiten auf sich, doch meistens resignieren sie vor dem Berg Arbeit, welcher vor ihnen liegt. TV usw. beeinflussen nur Träume von Leichtgläubigen, nicht von Denkern, denen der eigene Gedanke wichtiger ist, als der populäre. Kein Mensch ist gleich ausgestattet und außer dem eigenen Charakter stehen einem oft die Gene der Familie im Wege, ob man will oder nicht. Bildung ist immer ein lohnenswertes Ziel, doch nicht um der Theorie willen, sondern wie das echte Leben funktioniert und davon hat niemand eine Vorstellung, selbst wenn man Abitur hat. Ein Studium macht keinen Menschen schlauer, es vermehrt lediglich das begrenzte Wissen einer Sache, mehr nicht. In meiner Familie wimmelt es von Doktoren, Diplomanten oder anderer ehrbarer Titel, doch echte Weisheit erlangt man nicht in Studiengängen, sondern im wahren Leben und davon hatte ich reichlich. Hat mich dies zum Reichtum geführt? Hätte es, wenn ich nicht so ein Idalist und viel streitbarer wäre, doch ich mit glücklich und zufrieden und dies sind Eigenschaften, die ich nie bei reichen Menschen fand. Meine Eltern waren stets unglücklich mit ihrem Leben und unsere Bekannten und meine reichen Freunde (echte Freundschaften enstehen nur im gleichen monitären Niveau) leiden oft unter Verfolgungswahn, nehmen stets das schlechteste von Menschen an, sind häufig manipulativ bis hin zu echten Misantropen. Was soll daran erstrebenswert sein? Für mich nichts, doch eine Grundrente, die einem ein Dach über dem Kopf sichert, Essen im Schrank und aubere Kleider, die würde Menschen frei machen und zufrieden und kreativ und nachdenklicher und mutiger, doch das wollen einfach zu wenige und diejenigen, die das wollen könnten, wird der Argwohn in die Gedankenwiege gepflanzt und Neid und Respektlosigkeit und Misstrauen und daraus kann nie etwas Gutes für alle entstehen. Gönnt jedem Menschen auf der Welt sein Geld oder seinen Reichtum, denn jedes Ding hat seine Konsequenzen, auch ein Vermögen.

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    • Offensichtlich schützt ein riesiges Ego nicht vor klischeehaft Vorstellungen über „die Reichen“ und „die Armen“ und die Welt im allgemeinen. Auch das beliebte Klischee, dass Bildung der Weisheit im Weg steht, hast du nicht ausgelassen

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      • Liebe Myriade, ich kann ja nur erzählen, was ich selber erlebt habe und Klischees werden es ja nur, wenn sie oft der Realität entsprechen. Mein Ego ist viel kleiner als vermutet, denn ich bin schüchtern und zurückhaltend, nur eben nicht doof 😉

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        • Ach, es klingt halt so gewaltig, aber vielleicht ist das ja auch eine meiner Projektionen 🙂
          Nein, weißt du, was mich irritiert hat, ist, dass du dein Erleben zum allgemeinen Prinzip erhebst. Ich zweifle nicht an deinem Erleben, und finde es auch als Bericht über ein konkretes Leben sehr interessant, aber ich zweifle halt stärkstens daran, dass „die Reichen“ und „die Armen“ und die „Studierten“ alle gleich sind und in die gleiche Schublade passen.
          Der Spruch, dass man Weisheit nur auf der Straße erwerben kann, gehört zu meinen roten Tüchern. Das hat mehr mit mir als mit dir zu tun. Aber es ist natürlich auch ein Klischee, ebenso wie die gegenteilige Ansicht, dass man Weisheit nur durch das Studium aller vorhandenen philosophischen Systeme erlangen kann …

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          • Ich weiß nicht, ob sich Weisheit nur auf der Straße finden lässt, doch das reale Leben sicher. Ich bin auch nicht nur von meiner Familie ausgegangen, sondern von allen Reichen und Armen die ich jemals kennengelernt habe und as waren einige. Es gibt in allen Schichten reflektierte Menschen und Armleuchter, doch es gibt auch Tendenzen und die habe ich versucht darzustellen, was natürlich nie auf 100 Prozent zu kriegen ist, denn jeder Jeck ist anders!

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      • stimmte halt auch nicht so ganz *g* und inzwischen lächle ich über die aufgeregten Stimmen.
        Sie ändern nichts am Verhalten der unterschiedlichen Menschen.
        Ich bin jemand, dem man das Gymnasium verweigerte (heiratet ja doch) (die Stimmen der Lehrer ließen meinen Vater kalt) und sehnte mich immer sehr nach mehr Bildung. Hatte aber leider nicht den Ehrgeiz, das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg nachzumachen. Mir ging es ja gut, ich fühlte mich in allen meinen Berufsjahren sehr wohl, weil ich wußte, was ich konnte und wuchs damit. Inzwischen genieße ich die Vorlesungen, die ich mir selbst aussuche und bemerke, wie gut es mir tut.

        Liebe Ulli, Du hattest einen wundervollen Satz in einem Kommi von Dir:

        Aus meiner Sicht braucht es einen vollkommen neuen Gesellschaftsentwurf, in dem man auch nicht mehr über Frauen und Männer diskutiert, sondern über Menschlichkeit, menschliches Verhalten und über das Wie in der Zwischenmenschlichkeit, über ein soziales Miteinander und wie das aussehen kann-

        Aber ein Gesellschaftsentwurf? Große Worte, gute Worte, aber sind sie realistisch?

        Gute Träume, verträumte Träume *g* sind gut und wichtig und hätten wir sie nicht, hätten wir vermutlich auch keine Wünsche. Ein Stück Lebensqualität ist es, auch wenn es Fluchten aus dem Alltag sind… und die seien uns gestattet.
        Nur die Art der Träume ist so unterschiedlich, wie wir Menschen es sind. Mit käme es nie im Leben in den Sinn, vom Leben der Reichen zu träumen. Was sollte ich da.
        In meinem kleinen Kreis suche ich Friedlichkeit und hapert es damit, geht es mir schlecht…

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        • Liebe Bruni, gemessen was gerade in der Welt passiert, könnten meine Gedanken als Träumereien abgetan werden. Ich selbst sehr in dem Punkt keine Träumereien, sondern gangbare Wege, die von einem gesunden Menschenverstand getragen sind. Allerdings gehe ich nicht davon aus, dass sich dies sofort umsetzen ließe. Ich schrieb ja schon oft vom säen … seit letztem Sommer säe ich ganz tüchtig in anderen Feldern als hier, wenn ich ungeduldig bin, dann werde ich wütend oder ungehalten über die mühseligen Prozesse, bin ich aber mit meinem Wissen verbunden, dass Veränderungen nur Schrittchen für Schrittchen passieren, dann kann ich sogar nach einem halben Jahr winzige Erfolge sehen. Statt sich in ewig, in ermüdenden Diskussionen zu verstricken, ob es sich lohnt für die eigenen Werte einzutreten oder nicht, weil es ja eh angeblich nix bringt, oder weil die Menschen ja so oder so ticken, habe ich mich entschieden in den Feldern in denen ich daheim bin meine Samen zu streuen.
          Herzliche Grüße
          Ulli

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          • Ich glaube, es ist gut, wie Du säst, liebe Ulli, und danach die Wartezeit, bis die Saat endlich aufgeht. Geduld braucht es und die brauchen wir auch im menschlichen Miteinander, doch das Warten ist nicht immer einfach.
            Liebe Grüße an Dich in die Nacht von Bruni

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    • Lieber Arno, ich kenne mich in der Welt der Reichen nicht aus, da wir aufgrund des frühen Todes des Vaters und einzigen Verdieners arme Kirchenmäuse waren und nie das Bedürfnis hatten, „dazuzugehören“. Dennoch haben wir drei Kinder studiert (Kriegs-Halbwaisen bekamen Stipendien). Genauso mein Mann. Wir leben bescheiden, aber bequem, und sind mit allen möglichen Menschen persönlich bekannt – vom Präsidenten der Republik und von den griechischen Ministerpräsidenten der letzten Jahre bis hin zu albanischen Zigeunern und Autofensterputzern aus Bangladesh – alle gesellschaftlichen Schichten und Einkommensverhältnisse dazwischen eingeschlossen. Wir könnten, wenn wir wollten, mit den Regierenden tafeln oder Arme zu einer gemeinsamen Suppe in unser Haus einladen. Doch wir tun beides höchst selten. Auch mit den Akademiker-Kreisen, zu denen wir berufs- und bildungsmäßig gehören, haben wir es nicht so. Freundschaften bilden sich schwer über die gesellschaftlichen Grenzen hinweg, aber auch innerhalb des eigenen Kreises – ob nun angeboren oder selbst erreicht – sind sie nicht einfach zu haben. Freundschaften sind selten, egal mit wem. Es sind meist lebensgeschichtliche Gründe, warum sich eine Freundschaft gebildet hat, und persönlich-charakterliche Gründe, warum sie sich erhalten. Da spielt dann die soziale Schicht, zu der man in diesem Leben oder in dieser Lebensphase grad gehört, keine wirkliche Rolle. Liebe Grüße!

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      • Das ist eine wirklich schöne Situation liebe Gerda. Ich persönlich lasse es bei den oberen Zehntausend lieber bei beruflichen Kontakten, dann fühle ich mich wohler. Deine Einschätzung über Freundschaft teile ich komplett!

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    • Lieber Arno, ich danke dir, dass du deine Erfahrungen hier mit uns teilst. Ich selbst komme aus einer Arbeiterfamilie, mein Vater verunglückte tödlich auf einer Baustelle als ich 5 Jahre alt war, die Mutter verdiente ihr Geld als Verkuferin. Ich konnte trotzdem die höhere Schule besuchen. Ich erinnere mich an ein paar LehrerInnen, die uns immer wieder angehalten haben nicht einfach den Stoff auswendig zu lernen, sondern darüber nachzudenken und dann das Ganze in eigenen Worten wiederzugeben, genau diese LehrerInnen sind es gewesen, die mein Denken gefördert haben.
      Es gab Kontakte zu Mädchen in meiner Klasse, die in sehr gut betuchten Elternhäusern aufwuchsen, aber irgendwie machten mir ihre Häuser und Gärten immer ein bisschen Beklemmungen, ich konnte nie frei atmen.
      Ob nun die Reichen wirklich empathieloser sind als die Armen oder ob Menschen mit höherer Schulbildung zu geringerer oder gar keiner wirklich weiser sind, das will ich bezweifeln. Weisheit entsteht meiner Meinung nach aus einer Mischung von Wissen, dass sich mit lebendigen Erfahrungen paart, um dann zu Weisheit zu werden. Ein langer Weg!
      Dennoch glaube ich, dass Bildung im besten und lebendigstem Sinne Grundsteine legen kann, auch für eigenständiges Sein.
      Herzlich grüße ich dich am Abend,
      Ulli

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      • Guten Morgen liebe Ulli, da wurde ich missverstanden. Ich denke nicht in Kategorien. Gebildete Menschen können genauso emphatisch sein wie jene, die keine gute Bildung besitzen und umgekehrt, aber beides ist kein Automatismus! So verhält es sich ebenfalls mit der Weisheit. Wer diese haben möchte benötigt mehr als Geld und Bildung, aber Armut und nicht Wissen sind auch kein Garant für weise Gedanken. Ich wollte nur aufzeigen wie grundsätzlich Schichten untereinander und übereinander denken und fühlen, mehr nicht. Ich hoffe jetzt ist mein Statement klarer und du hast einen wunderbaren Freitag!

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        • Lieber Arno, ich glaub ich hab dich so verstanden, aus anderen Diskussionen habe ich mich extra heraus gehalten.
          Sonnige Grüße und nochmals vielen Dank für deins.
          Liebe Grüße
          Ulli 🧙‍♀️

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  10. Hallo Ulli, unmöglich kann ich jetzt alle Kommentare hier lesen. Als erstes habe ich mir das erste Buch in der Onleihe bestellt – es ist ab 17. Jan. verfügbar – das zweite hätte ich gleich bekommen können.
    Ich bin bedingungslos der Meinung, dass viele Gruppen bewusst auf dem Gebiet von Bildung benachteiligt sind und dass das Bildungssystem viele, viele Schwächen hat. – Gerecht wird es bei dieser Geldaufteilung in Deutschland und der Welt nieeeeeeeeee zugehen.
    Mit Gruß von Clara

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    • Liebe Clara, ich glaube, dass es genau diese Glaubenssätze sind, wie z.B. deiner , Gerechtiglkeit wird es nie gebeoder „Die“ machen ja eh was sie wollen und wir haben nix zu sagen, etc. genau dazu führen, dass zwar alle jammern, aber sich auch gleichzeitig nur wenige verantwortlich engagieren.
      Bin gespannt, ob dir das Buch gefallen wird.
      Liebe Grüße
      Ulli

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  11. Ich habe euren Disput nicht gelesen und die Elsa-Ferrante-Bücher auch nicht (obwohl ich es wollte, doch sie wurden ja selbst in der Brigitte derart penetrant beworben – vielleicht sollte ich doch…), aber ansonsten sehe ich es so wie du, dass bildung der Schlüssel zu sozialem Aufstieg ist. In Deutschland scheint aber eine umfassende Bildung möglichst vieler Menschen nicht gewünscht zu sein (und nicht nur hier), nicht umsonst stehen wir ja in der OECD-Statistik ganz weit hinten unter den Industrienationen, wenn es um Aufstiegschancen unabhängig von der sozialen Herkunft geht. Trotzdem denke ich, dass besondere Talente auch besonders gefördert werden sollten – und wenn das Elite-Denken ist, aber das müssten dann eben nicht nur für der Wirtschaft zuträgliche Fächer und Begabungen, sondern auch auf „zweckfreie“ und künstlerische Begabungen gelten. Doch ich habe das Gefühl, wenn überhaupt, wird hier nur noch Mittelmaß gewünscht umd alles dient nur noch der Geldwirtschaft. Und der Mehrheit der Menschen wird nicht nur der Zugang zu Bildung verwehrt, sondern sie wird gezielt dumm gehalten bzw. verdummt (TV, Internet).

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