Etüde 01 2020

Juchhu, Christiane hat die erste Etüdenrunde ausgerufen  und auch die Wörter dafür gespendet. Gerne folge ich ihrem Ruf, nicht ohne DANKE zu rufen!

Miniatur 001 2020

Für einen Skiurlaub hat es noch nie gereicht! Ihr Gehalt war und ist zu mickrig und ihr Ehemann zu geizig. Sie stellt es sich trotzdem vor, wie sie auf zweitausend Meter in der Höhensonne auf einem Liegestuhl faulenzt, umgeben von den Reichen und Schönen dieser Welt, neben sich ein würziger Wintercoctail. Sie würde ihn schlückchenweise genießen, wie die phänomenale Weitsicht der Bergwelt, Augenblick für Augenblick. Die Fahrt mit dem unumgänglichen Sessellift hinauf blendet sie aus, wie ihren ewig schlecht gelaunten Mann auch, nichts soll ihre Tagträumerei stören.

„Magdalena, komm mal sofort her“, hört sie ihren Geizhals kommandieren. Nun hat er bestimmt wieder ein nichtiges Haar in irgendeiner Suppe gefunden. Der Tagtraum zerplatzt. Sie schaut auf das Wintergrau vor ihrem Fenster. „Wieso bin ich eigentlich noch immer hier?“ Sie schmeckt auf ihrer Zunge den würzigen Wintercoctail. Schon wird alles ein kleines bisschen leichter.

143 Wörter

66 Gedanken zu „Etüde 01 2020

  1. Ach, schön! Mensch braucht Träume, dieses kleine Stückchen Blau über dem Kopf. Vor allem, wenn sie so realistisch sind wie diese, wo „nur“ die Umstände nicht hergeben, dass sie sie lebt.
    Vielleicht ja irgendwann.
    Liebe Grüße und danke
    Christiane 😁☕🍪🌼

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  2. Die Frau ist verloren. Keine Spur von Eigenverantwortung und Kämpfergeist. Sie lebt in einem dauernden Zwiespalt zwischen einem ungeliebten Alltag und albernen Große-Dame-Träumen. Ein Mäuschen, das sich gelegentlich eine Goldrobe anprobiert. Fehlt nur noch, dass sie vom rettenden Ritter träumt, der sie aus ihrem Gefängnis befreit. Oder vom Tod ihres Mannes, damit sie in den Genuss der Rente kommt. Nee, nicht mein Fall. Aber gut erzählt ist es. 🙂 Liebe Grüße!

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      • Ja, Christiane, es gibt so Zeiten, vielleicht ist grad eine solche unterwegs, wie bei den Wellen – sie laufen friedlich daher, reichern sich an und bekommen Buckel und dann brechen sie sich, rennen wütend an gegen diese blöde Küste, die nicht weichen will. Die banale Wirklichkeit halt. Dieser Frauentyp gehört dazu: Was sind das für alberne Träume? grummele ich dann. „Sie stellt sich vor, wie sie auf zweitausend Meter in der Höhensonne auf einem Liegestuhl faulenzt, umgeben von den Reichen und Schönen dieser Welt, neben sich ein würziger Wintercoctail…“. Solche Träume sind es, die unsre Welt dahin gebracht haben, wo wir sind: mit Skipisten und Bergen und Cocktails und Schickeria auf der einen Seite – und den geschundenen Bergen, Skilifts, Geldverdienumständen und dem ganzen elenden Rest auf der anderen. Hat Myriade nicht auch einen ähnlichen Fall geschildert? Angeödet der Skilehrer – widerlich die Anspruchshaltung der „Preußin“, und dafür müssen die Berge leiden. Dafür müssen die Armen schuften.
        Wütend? ich? Ja.

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        • Ich kann dir darin zustimmen, dass einiges an Problemen, womit wir uns heute herumschlagen, in den Träumen der ärmeren Menschen von Teilnahme am Luxus der Reichen herrühren. Allerdings ist es für mich nicht der richtige Weg die Wut auf schlichte Gemueter zu projizieren, sondern auf die Systeme und den Unwillen der Reichen ihren Reichtum zu teilen.

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          • Das wird jetzt eine schwierige Diskussion auf engem Raum, Ulli. Fragen springen mich an wie: woher haben die Reichen ihren Reichtum? Löst es Weltprobleme, wenn die Art, wie die Schickeria ihr Geld verprasst, auch den weniger Bemittelten ermöglicht wird? Die viel belächelten oder als „Umweltsäue“ beschimpften Damen, die sich auch mal per Kreuzfahrtschiff Venedig ansehen wollen – was tun Sie anderes als eine billige Kopie der Traumwelt einzufordern, die ihnen die Reichen und Schönen“ in allen Tabloids als so erstrebenswert hinstellen ? Durchs Teilen des Reichtums, der auf Ausbeutung beruht, und durch Konsumträume dieser Art wird die Welt weder schöner noch gerechter noch wird die Erde bewohnbarer.

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            • Stimmt. Erst waren es die Reichen, die nur weißes Brot aßen, also wollten die Armen weißes Brot, sie bekamen es in Massen und leben nun ungesünder als je, während sich die reichen das „gesunde Vollkornbrot“ reinschieben. Nur mal so ein kleines Beispiel dafür, was mir alles durch den Kopf schwirrt. Wir leben in einer Folge von Jahrhunderten, Gier treibt die Reichen, Neid die Armen, Hass viele dieser beiden Fraktionen. Medien kamen dazu, da denke ich besonders an zigtausende von Hollywoodproduktionen, die dieses Streben nach einer bequemen Welt mit viel Hightech und HifI nach vorne getrieben haben, ebenso all das was wir Tourismus nennen. Und sind die Menschen nur einen Deut glücklicher geworden? Nein! Stehen wir nicht vor einer großen Schwelle, an der viele Menschen erkennen, dass es so nicht weitergehen kann, dass es ein Umdenken in vielen Bereichen des Lebens und Miteinanders geben MUSS, wenn es Ziel ist, dass dieser Planet auch noch in Jahrhunderten bewohnbar ist. Bildung ist dabei schon seit Jahrzehnten eins meiner Zauberwörter, aber die wird nicht gegeben, wie sie gegeben werden könnte und warum, weil die Reichen und Mächtigen keinerlei Interesse an selbst denkenden und handelnden Menschen hat. Und ist das neu? In keinster Weise. Bleibt die alles bestimmende Frage: wie kriegen wir die Kuh vom Eis?

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              • Fein. Jetzt verstehst du auch, warum ich für diese Frau, auch wenn sie ein Opfer ist, keine besondere Sympathie aufbringe. Ihr Traum ist so unschulldig nicht. Genauso wenig übrigens wie der Traum der jungen Männer, die angelockt durch die Bilder von unserer herrlichen liberalen Luxuswelt (sieh mal Deutsche Welle, die überall in der Welt empfangen wird!) sich auf den mühevollen Weg machen, um auch in den Besitz toller Autos, schicker Klamotten und Häuser, attraktiver Blondinen zu kommen…. Sie sind Opfer der Konsum-Scheinwelten, die ihnen vorgegaukelt werden. und haben ein hartes Erwachen, es sei denn, sie werden kriminell, um ihre Träume doch noch zu erreichen. Drum fragte ich: was sind das für Träume?

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                • Es geht doch nicht ums Verstehen oder Nichtverstehen, uns unterscheidet die Haltung diesen Menschen gegenüber. Ich empfinde keinen Groll, nur weil sie in die Fallen der Konsumgesellschaft tapsen, weil sie vom Reichwerden träumen, weil sie auch einmal mit einem Kreuzfahrtschiff reisen wollen, ich grolle den Verhältnissen, den Konsumtempeln und deren Göttern, den Medien, der Nichtbildung etc. –
                  Und mal ganz ehrlich, wer hat denn nicht selbst schon einmal davon geträumt etwas mehr zu haben, um sich dieses oder jenes zu ermöglichen, was sonst nicht drin wäre?!

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      • Liebe Ulli (kommt der Kommentar nun richtig an?), auch ich mache niemandem einen Vorwurf, weil er gerne mal mit einem Drink auf nem 2000er sitzen möchte, inmitten der Reichen und Schönen. Keinen Vorwurf machen, nicht grollen – bedeutet aber nicht umgekehrt: Sympathie haben, Mitleid haben, gar mitleiden, weil sie es nicht haben kann. Immer hängt ja alles vom Einzelmenschen ab und ob er bereit ist, die bestehenden Verhältnisse zu reproduzieren oder etwas dagegenzusetzen. Die nennst diese Frau eine einfache Seele, aer ist sie deshalb nicht auch fähig, Träume zu haben, die von einer besseren Welt und nicht von einer persönlichen besseren Teilhabe handeln? Das ist ja keine Frage der Intelligenz oder Bildung, sondern der Einstellung.
        Nun,wie auch immer, mein Groll richtet sich natürlich wie deiner auch nicht auf diese Frau, sondern auf die Lifestile-Vorgaben der westlichen konsumgetriebenen Wohlstandsgesellschaft, die sich über den ganzen Erdball hin ausgebreitet haben und alle Hirne vernebeln, zudem auch unsere Erde zerstören. Es war ein Vergnügen, sich hier mal etwas Luft zu machen. Du sagtest, du willst an dem Thema noch ein wenig bleiben. Ich bin gespannt!

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        • Vielleicht will ich noch an diesem Thema bleiben. Es passiert ja immer so viel 😉
          ja, es war mir auch ein Vergnügen – merci und e guats Nächtle … mit a scheene Trraoum –

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    • Du bist schnell mit einer Analyse, liebe Gerda!
      Ich wünsche ihr, dass sie ihre Träume versteht und eine Veränderung in die Wege leitet! Manche harren lange aus, weil sie meinen, dass sie nichts verändern können, bis es eben irgendwann einmal reicht.
      Liebe Grüße
      Ulli

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    • Stimmt Clara, jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist nicht gegeben 🙂
      Manches entspringt Filmen, manches Büchern, manches den Beobachteungen und dem eigenen Erleben, so nährt sich die Phantasie von diesem und jenem.
      liebe Grüße
      Ulli

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  3. Ich wünsche ihr, dass sie sich die Gabe ab und an zu träumen weiter erhält, denn sich aus dem Leben zu befreien, in dem sie gefangen ist, dürfte sehr schwer sein. Ihr mickrige Gehalt sagt doch schon alles darüber aus, warum sie immer noch hier ist. Sie wird auch nicht zur Alkoholikerin werden, denn auch der kostet Geld – ich gönne ihr die Freude an diesem Wintercocktail. Auch ich möchte sie in Schutz nehmen vor Gerdas hartem Urteil. Sie kommt wahrscheinlich aus einer Zeit und einer Gesellschaftsschicht, in der von Anfang an die Männer das Sagen hatten und auch oft über den Beruf der Frau bestimmten: Hausfrau, Mutter, Erzieherin der Kinder und erst dann durfte sie auch Geld verdienen. Selbstverwirklichung – ein Fremdwort für sie – die heute dazu benutzt wird, dass gerade die gut verdienenden Frauen lieblos ihre Kinder nach kürzester Zeit in die Krippe, zur Tagesmutter o.ä. geben, aber das ist ein anderes Thema und nicht das Deiner Etüde.
    Sei herzlich gegrüßt liebe Ulli, Karin

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    • Herzensdank, Karin für dein Mitgefühl für die Frau. Deine Verortung in eine andere Generation gefällt mir, ich selbst denke, dass sie ein schlichtes Gemüt hat, deswegen auch dieser triviale Traum. Viele Frauenzeitschriften bedienen genau solche Träume, was wir darüber denken steht auf einem anderen Blatt.
      Liebe Grüße
      Ulli 🧙‍♀️

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    • Dankeschön, Peter. Ich glaube allerdings, dass ihr eher der Mut fehlt sich aus ihrer Situation zu befreien, so gibt sie sich lieber ihren schlichten Träumen hin.
      Liebe Grüße
      Ulli 🧙‍♀️

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  4. Pingback: Nachträgliche Gedanken |

  5. Da du im neuen Beitrag auf die Kontroverse hinweist, habe ich mich überwunden, meine Auffassung von der Etüde nun doch zu äussern, denn ich habe sie in gewisser Weise als gesellschaftskritisch verstanden: die tagträumende Frau, die sich dem Willen des besserverdienenden „Haushaltungssvorstands“ widerstandslos unterordnet und ihre kleinen Fluchten mit dem Tröster Alkohol beflügelt – ein Klassiker, der leider nichts an Aktualiltät verloren hat, auch nicht im 21. Jh., auch wenn noch so viele Frauen arbeiten gehen und eigenes Geld verdienen.
    Das so zu sehen, steht jedem einzelnen anheim.

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    • Ich kann dir zustimmen!
      Dass es unterschiedliche Sichtweisen gibt, ist für mich kein Problem, finde ich auch oft spannend, aber ich mag keine Bewertungen, Abwertungen, Verurteilungen, ich schaue lieber nach den Hintergründen …
      Danke, dass du dich überwunden hast!
      Herzliche Grüße
      Ulli

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      • Warum reitest du jetzt weiter darauf rum, Ulli, ich hätte die Frau „bewertet, abgewertet, verurteilt“ – ehrlich, ich habe nun schon so oft versucht, deutlich zu machen, wie ichs meine, nämlich dass sie m.E. in einer Falle sitzt und ihre Träume sie nicht heraus, sondern noch tiefer hineinführen. Und nicht nur sie. ich mag nun nicht mehr.

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        • Es tut mir leid Gerda, wenn du es als Rumreiterei empfindest. Dies war nun einmal der Ausgang unserer Diskussion und genau dagegen habe ich mich gewehrt. Natürlich hast du im Nachhinein deutlich gemacht worum es dir wirklich ging, aber dennoch habe ich mir erlaubt hier einzuhaken. Kaum jemand kann sich davon freisprechen zu beurteilen, zu bewerten, zu verurteilen und wenn es auch nur subtil ist, mir geht es darum hier aufmerksam zu werden, zu lesen und zu hören wie ich was schreibe oder sage, um genau das zu verhindern. Meines Erachtens kann nur so Mitgefühl entstehen und auch ein Art von Verstehen der/des Anderen. Ich habe nie mit dieser Frau gelitten, aber ich kann erahnen, wie es sich in ihr drin anfühlt, also fühle ich mit ihr … dies nur noch zu gestern, ich vergaß es zu schreiben. Mitleid ist mir im Laufe der Zeit fremd geworden, Mitgefühl vertrauter.

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  6. Liebe Ulli, ich habe mit Interesse Deine Etüde und die vielfältigen Kommis dazu gelesen und ich komme zu dem Schluß, daß sie sehr gut sein muß, denn sie wirft viele Fragen auf. Eine Etüde, an der sich die Gemüter entzünden und wieder beruhigen.
    Solche Träume könnte ich nie haben, auch wenn ich oft hadere und so vieles gerne anders hätte…
    Tagträume können helfen, Konfikte in sich und mit sich selbst zu lösen.
    Liebe abendliche Grüße von Bruni

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    • Liebe Bruni, ich empfinde Tagträume oft als Wegweiser, sie zeigen mir Bedürfnisse, die ich dann wiederum hinterfragen kann. Oder sie zeigen mir Löcher in meinem Sein, die es dann zu füllen gilt … so in dem Sinne.
      Liebe Grüße
      Ulli

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  7. Gerda schrieb in eurer Diskussion „ Du nennst diese Frau eine einfache Seele, aber ist sie deshalb nicht auch fähig, Träume zu haben, die von einer besseren Welt und nicht von einer persönlichen besseren Teilhabe handeln?“ Das finde ich einen wichtigen Aspekt, zu prüfen, woher ein Tagtraum kommt, welchen Mangel er aufzeigt, und wohin er uns – auch als Gesellschaft – führen könnte. Und deine Etüde hat auf jeden Fall zu viel Nachdenken geführt, was ich toll finde!
    Herzliche Grüße,
    Andrea

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    • Danke Andrea, und herzlich Willkommen in meinem Café. Irgendwo in dieser Diskussion schrieb ich auch, dass Tagtraeumen Ursachen haben und es gilt diese aufzuspüren. Wahrscheinlich ist aber diese Frau nicht dazu in der Lage?!?
      Mich hat die Diskussion überrascht.
      Liebe Grüße
      Ulli

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  8. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 04.05.20 | Wortspende von OnlyBatsCanHang | Irgendwas ist immer

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