Nachtfalterflüstern

0172 21.07.16 Nachtfalterflüstern

Am Abend spielt das Radio Klavier, die Küchentür steht offen, ein Vogel singt dazu. Er hat keinen Namen, nur einen Gesang. Holzhackgeräusche von einem der Nachbarn, Lachen, Plauderstimmen und Schwalbenzwitsch, die Mücken fangen, Kuhbimmelimm, Einer pfeift, eine Tür klappt, herrliche Wolken und Gula Gula. Wildgänse, Graugänse, Eulen in der Nacht. Noch donnert es nicht, die Luft steht und wir sind doch schon längst alle cyber. Man denkt in tweets oder jagt kleine, gelbe Monster in Städten, in denen man schon Jahrzehnte lebt und sie nun endlich so richtig kennenlernt. Andere kennen Sie nun auch noch besser. Spieleapps für die Kontrolle, ob das mit den Geo-Caches auch so ist? Es grummelt in der Ferne, noch sind es 26°, es ist halb zehn. Türkei, sagt wer was? Wie weit reichen mächtige Arme? Gewitterstimmung. Passt. Menschen wollen Sommerfreuden, jetzt. Ausruhen vom Gerenne, dem Lärm der Welt. Sie wandern, paddeln, radeln, liegen am Strand, fahren Bahn, Schiff, Auto, Bus, fliegen, sitzen vor Bars und Restaurants. Worüber plaudern, worüber lachen sie? Es riecht nach Gegrilltem. Jetzt. Das war noch nie ein Lieblingsgeruch an Sommerabenden. Vorhin roch es frisch in der geputzten Küche, dem geputzten Bad. Jetzt also Grillzeugs, Fleischlappen und Würste, wie früher oder immer noch im Görlitzer Park, im Tiergarten und. Und doch, lass mal, immerhin buntes Leben vor der Tür. Jetzt sehe ich Gärten in denen Steine wachsen oder solche mit gepflegten Rasenflächen, von Rosen- und Lavendelrabatten eingefasst. Wann sitzen die Leute in ihren Gärten und wo darin? Es brennen keine Feuer durch die Nacht. Vollmond, Rotmund. Schöner wohnen, schöne Landlust, ein Hahn kräht am Morgen auf dem Mist. Polizeialarm! Kann man denn da gar nichts machen? Man macht nichts gegen laut schreiende Gockel und eine wild gewordene Hühnerschar. Man braucht sie noch. Wohlfeile Argumente, kein Boykott, kein Embargo, kein gerader Rücken. Das gibt zu denken! Gewitterstimmung. Nachtfalterflüstern, sie sehen noch Licht. Aufrichtige Menschen braucht die Welt. Die Welt schreit nach Führern. Neue eiserne Ladies streichen sich die Rüstung glatt. Eiserne sollen das Chaos richten und stürzen es ins Niedrigste. Dunkel wars, der Mond schien helle… Wenn einer eine andere „Bimbo, Schlampe und fettes Schwein“ nennt, kann es kaum niedriger sein. Niveau war gestern. Populismus ist heute. Die Welt will ihre Show. Ich bin unruhig, mir ist schlecht. Der Abend steht im Raum. Todesstrafe ist auch so ein Wort dieser Woche und Säuberung und Ausnahmezustand. Dazwischen Freude über weite Grenzen hinaus. Von Herz zu Herz, Begegnung, Berührung, Geist trifft Geist. Es gibt uns doch! Es gibt auch Alternativen, Visionen, Innovationen und Träume. Vielleicht ist es wichtiger denn je die Welt bunt zu träumen und dem Nachtfalterflüstern zu lauschen, sie sehen noch Licht. Wider der Angst.

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40 Gedanken zu „Nachtfalterflüstern

  1. liebe ulli, an all die konsequenzen graut es mich zu denken. mit dem pfand in der hand hat sein wüstes wüten keine konsequenzen. noch selten waren argumente so durchsichtig, noch selten wurde der mit der türkei verbunden welt, demonstriert, was abhängig sein bedeutet, wenn vor den augen aller jegliches recht ausgehebelt wird. usw. mir graut.

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    • Ja genau, liebe Barbara, mir graut es auch sehr. Seit zwei Jahren denke und schreibe ich, dass die Welt nun vollends aus dem Ruder läuft, nun aber habe ich wirklich Angst. Ich übe mich jeden Tag darin sie nicht zu nähren und halte dabei Augen und Ohren weit auf.
      verbundene Grüsse
      Ulli

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  2. ach, Ulli. Du schreibst so gut gegen die schlimmen Verhältnisse an, dass mein Herz still wird und lauscht, um den leisesten Ton aufzufangen. Ich möchte weinen. Bilder verfolgen mich von Menschleibern, die wie zusammengefegt in Höfen liegen. Ich fühle das Klopfen der Angst hinter ihren Rippen. Über ihr Unglück legt sich das Blau des Himmels, und fern, weit weg, zirpen die Grillen.

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    • Guten Morgen Gerda,
      Ich denke sehr oft an Rosa Luxemburg, als sie im Gefängnis sass und später sagte, dass ihr die Vögel jeden Tag Trost und Mut geschenkt hatten- daran dachte ich gerade, als ich deins von den Grillen las, wenn ich den Nachtfaltern lausche, wenn ich, wie gestern über die Hügel streife. Stark bleiben, wach und mutig, aufrichtig, mehr können wir wohl nicht tun, ach doch … Bilder und Worte wider der Angst haben wir auch noch-
      herzliche und verbundene Grüsse
      Ulli

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    • ich habe keine Angst, Ulli. Ich sehe, ich fühle, und es ist schwer zu ertragen, was es da zu fühlen und zu sehen gibt. Da hilft es auch nicht, Ereignisse auszuklammern, indem man nicht hinschaut. Sie sind da. Und ich halte wie du Augen und Ohren offen.
      Nichts erschien mir als Kind unmenschlicher als dieses „Ich habe es nicht gewusst“. Was dagegen setzen? Das „einfache Leben“ (Arabella), also die eigene fliedliche Ecke lebens- und liebenswert machen, das Leben lieben, ausziselieren, schmücken, feiern – so wie du mit dem Enkelkind, dem Baumgespräch, der Kunst, der feinen Gefühlsschwingungen …Denn all das Schlimme ist ja nicht zuletzt eine Folge der ausgeleerten Seelen, die nach mehr und mehr schreien, weil sie die Leere in sich nicht aushalten können und das Leben nicht lieben. Solche Seelen saugen sich voll mit Hass, mit Angst, mit Gewaltfantasien, mit Herrschaftsgelüsten … Genug. Sei recht schön zusammen mit deinem Enkelchen – ich wollt, ich hätt eins um mich.

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  3. Ja, man kann es wirklich mit der Angst zu tun bekommen bei einem Blick hinaus in die Welt. Aber die Angst ist ein schlechter Reiseführer auf dem Lebensweg. Sie führt nicht zu neuen Zielen sondern bringt uns am Ende zum Stillstand, sodass wir unseren Weg, unsere eigentlichen Ziele aus den Augen verlieren.
    Ich anerkenne meine Angst, dort wo sie aufsteigt. Gegen sie angehen zu wollen ist nutzlos. Mit ihr arbeiten, das heisst sich die Frage zu stellen, was ausserhalb meiner Angst lebt. Die anderen Reiseführer konsultieren. Menschen kennenlernen oder treffen, mit ihnen sprechen. Der kleine Kreis, in dem Vertrauen und Zuneigung lebt. Dort erklingt das Lied, gemeinsam essen und trinken. Aus dem Herzen steigt die Freude, die mächtiger ist als die Angst.
    Der grosse Kreis draussen, den gab es schon immer. Nur dass die Menschen in den langen Zeiten vor uns, davon so gut wie nichts wussten. Und so will ich es auch halten. Die meisten Medien müssen aus meinem kleinen Kreis draussen bleiben wie die Hunde vor der Metzgerei. Sie informieren uns nicht, sie sind das Futter für unsere Ängste, wollen uns gefügig machen.
    Morgendlich schöne Grüsse aus dem sonnigen Bembelland,
    Herr Ärmel.

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    • Für mich ist auch schreiben und Bilder krieren eine Möglichkeit mit der Angst zu sein. Danke Ihnen Herr Ärmel, Sie kennen die klugen Wege und das ist wunderbar, erleuchtet zu mir herüber.
      Herzliche Grüsse
      Ulli

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  4. An Deinem Text., liebe Ulli, ist gut zu erkennen, wie die Gedanken rotieren, wie sie aufnehmen, verquirlen, sortieren und sich ineinanderwühlen. Ein Gedankenbrei entsteht, dem wir zu Leibe rücken müssen um einigermaßen lebenswert leben zu können. Um uns die innere Ruhje zu erhalten.
    *Die Welt schreit nach Führern* Ein schrecklicher Spruch, der immer ins Unrecht führte, mitten hinein in Morde und Entsetzen. Türkei denken wir zur Zeit unentwegt und Nizza auch und wir erkennen, daß sich bewegt, aber es ist nicht das Gute und höchst selten irgendwo Güte, es ist das Dunkle, Dustere, das wie tiefste dicke bedrohliche Wolken über der Welt hängt, bereit, das herauszulassen, was sich lange zusammenballte und jeder Tropfen Unrat meint, ER hätte das REcht dazu, sei sei auf seiner Seite und nirgendwo sonst.
    Da helfen manchmal die Falter, die guten Gerüche nach Reinheit, Reinheit ín unserer unmittelbaren Umgebung und Reinheit in unseren Seelen.
    Beim Lesen von Gerdas Kommi ging mir bei den ausgeleerten Seelen im Kopf herum, daß sie nicht nur ausgeleert sind, sondern auch ausgeleiert und Schlimmes ausbrüten, was sie doch als reine Seele mal so nicht hatten…
    Wann kam das Böse in die Welt, könnte man fragen, aber wir wissen es selbst, es kam mit dem Guten zur gleichen Zeit und nun scheint es wieder ein Ungleichgewicht zu sein, die Balance fehlt und hoffen wir, daß sie sich doch noch irgendwo finden läßt

    Liebe Grüße in Deinen Enkeltag
    von Bruni

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    • Liebe Bruni, weisst du, es tut so gut euch alle, die ihr hier kommentiert (habt), um mich zu wissen. Auch wir wissen noch um das Licht, lassen wir es scheinen, auf dass die Balance realistisch wird.
      Ich grüße dich sehr herzlich, muss jetzt in den KiGa, M. holen, habe grad kurz bei Tochter und Enkel pausiert.
      Herzliche Grüße vom schwülen Berg an dich
      Ulli

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  5. Liebe Ulli, ich hab so leise getrommelt, daß du es unbedingt spüren musstest und gesungen hab ich auch für Dich: Gula Gula! Die Angst ist meine ständige Begleiterin und seit ich mich mit all meinem Mut nicht mehr ihr entgegenstelle, sondern neben sie, seitdem führt sie mich durch tiefe Täler zu neuen Erkenntnissen und Einsichten und läßt mich niegeahnte Erfahrungen machen. Und die glückhaftesten Ereignisse sind manchmal die leisen, unscheinbaren…in der Begegnung mit einem einzigen Menschen kann sich das Universum spiegeln und bei einem Spaziergang riecht es nach Harz…weißt du noch? Für unser Herz zählt doch letztendlich nur, was wir uns an Freude schenken…ach was rede ich da, alle vor mir haben das schon soooo schön gesagt! Ich grüß Dich und seh die Lupinen um uns herum, rieche das Harz im Wald und freu mich auf die Kartoffeln aus dem Ofen…was brauchen wir das laute Geschrei, wenn wir Gula Gula singen können!
    Deine Graugans, ganz nah von Herz zu Herz.

    Gefällt 4 Personen

    • Liebe Margarete, du wunderbare Herzfrau, ich hab heute gar keine wirklichen Worte für und auf alle eure Worte, die wärmen mich, sie sagen: ja, du bist genau richtig und du eben auch! Ich schrieb es im Text: es gibt uns doch!
      Ich freue mich auf deinen Ofen und dein Weit
      verbunden Ulli

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  6. Mein gefällt mir gilt diesmal ganz besonders dem Gleichgewicht, dass du herzustellen weißt, zwischen dem, was benannt und wahrgenommen werden muss (wie traurig und Angst erregend es auch ist und wie ohnmächtig wir uns angesichts der Tatsachen fühlen) und dem, was eben auch ist, was schön ist und immer wieder die Hoffnung nährt, Kraft gibt, nicht aufzugeben. Ich hätte auch ganz kurz Danke schreiben können 😉

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    • Ich bin froh, dass du nicht nur Danke gesagt, oder nur ein Sternchen hier gelassen hast. So lese ich dich und wie ich gerade schon an Margarete schrieb, ich lese in eurem: ja, du bist genau richtig und du eben auch! Ich schrieb es im Text: es gibt uns doch!
      herzlichst
      Ulli

      Gefällt 1 Person

  7. Ihr Text hat einen ureigenen Sog, der die Angst nur tangiert, nicht sich von ihr verwirbeln läßt. Heute wird scheinbar nur der mehr gehört, der am lautesten schreit. Doch dem ist nicht so. Das Flüstern, die getauschten Augenblicke, sie gelten noch immer viel mehr. Eine ruhende Umarmung von einem geliebten Menschen, ein tiefes Gespräch und man heilt.
    In den kleinen Kreisen muß man sich stärken und sich dem Sog der brüllenden Stimmen entziehen, nur so können wir uns und andere retten.

    Ganz verbundene Grüße und danke für dieses Nachtfalterlied, ich singe es den meinen gerne vor.
    Herzlichst, Ihre Käthe.

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    • Liebe Frau Käthe, Sie mit im Boot zu wissen ist ebenfalls eine sehr grosse Freude für mich. Es gibt uns doch! Das ist der kern vom Nachtfalterflüstern für mich und im Kommentarstrang finde ich mehr wie einfach nur Bestätigung, da hat es mich so einige Male gestern und auch heute wortlos gemacht – kurz.
      Heute denke ich den Ganzen Tag immer wieder an einen Artikel von Tristan Rosenkranz, der schrieb, wie es früher die Lakotas mit ihren Kindern gehalten haben. An diesem Wochenende sind beide Enkelkinder hier, so schön zu sehen, wie auch sie lauschen können und schweigen!
      herzlichst Ihre Ulli – verbunden

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  8. Angst frisst Seele – und das will ich einfach nicht zulassen.
    Ich bin drei Monate nach der Beendigung des Zweiten Weltkrieges geboren worden und hatte und habe die Hoffnung, mein Leben ohne einen neuen Krieg zu Ende leben können. Doch das ist ja schon eine Illusion, fast eine Anmaßung, denn überall um mich herum ist Krieg – in unfassbar vielen Ländern. Ich möchte nicht wissen, an wie vielen wir u.a. durch unsere Waffen mitbeteiligt sind. – Aber auch schon der Krieg der Worte, der ja auch bei uns im Land tobt, ist fast unerträglich.
    An solche Leute wie den Republikanerkandidaten aus den Staaten darf ich gar nicht denken.
    Dennoch liebe Grüße von Clara, die sich gerade heftig mit Handwerkeleien beschäftigt

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  9. Pingback: Pause |

    • Hallo Silke, herzlich Willkommen in meinem Café, wenn ich zurück bin, werde ich gerne auch bei dir einmal reinschauen. Ich freue mich sehr über deins und grüsse dich ganz herzlich
      Ulli

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  10. Ich finde es schade, dass das hier spürbare, offensichtlich einzige Ergebnis der grassierenden Angst der Rückzug in die verträgliche Privatheit ist. Das hilft nicht weiter. Weiters finde ich die ab und an in den Kommentaren kredenzte Medienschelte unangebracht: Die Medien als die Boten schlechter Nachrichten zu geißeln ist eine wohlfeile Ausrede für eigenes Schweigen zu den Dingen, die bedrücken. Auch die Unzufriedenheit mit der Politik bläst als das Horn aus der gleichen Ecke. Die Politik sind wir, so wie wir die Demokratie sind, so wie wir Actio sind und nicht Reactio. Aber das scheint der stets wiederkehrende menschliche Reflex in Krisenzeiten zu sein. Das Wolkenkuckucksheim und der gemütliche Bollerofen sind der Beginn eines bald nicht mehr lebbaren Rückzugs. Wir brauchen Wehrhaftigkeit und kein Lamento.

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