No More Smoke Signals

Heute möchte ich euch einen Film vorstellen…

Vor drei Jahren war es, als ich Fanny Bräuning bei einem Seminar hier im Südschwarzwald kennenlernte. Sie erzählte damals über den gerade fertig gestellten Film, der schon bald in Basel Premiere haben sollte. Aber wie es immer so ist, ich kam nicht hin. Im Winter nun fiel er mir wieder ein und ich versuchte ihn zu beziehen. Blieb aber leider erfolglos. Als ich dann Ende Mai in Österreich zu einer Fortbildung war, kam das Gespräch wieder darauf und nun sendete ihn mir eine Schweizer Kollegin zu. Er musste bis zu einem Regentag warten, bis wir (mein Liebster und ich) ihn anschauten und uns danach einig waren: Absolut sehenswert und unbedingt weiter zu empfehlen. Allein in der Schweiz erhielt der Film 4 Auszeichnungen.

Fanny Bräuning ist die Regisseurin des Films „No More Smoke Signals“ und schrieb auch das Skript hierzu. Sie arbeitete mit Kaspar Kasics zusammen.
Der Film ist eine Dokumentation und doch auch ein Spielfilm. Alles dreht sich um das, 1979 gegründete „KILI RADIO“. Ich zitiere aus dem Beilagenheft:

Eine Radiostation, einsam auf einem Hügel in South Dakota, gegründet in den 70er Jahren von Aktivisten der indianischen Widerstandsbewegung: KILI RADIO, „Voice of the Lakota Nation“. Ein vergessener Ort zwischen Kampf und Hoffnung, zwischen indianischem Mythos und dem Alltag im ärmsten Reservat der USA.
Doch da ist Roxanne Two Bulls, die auf dem Land ihrer Ahnen ein neues Leben beginnen will, und der junge DJ Derrick, der bei KILI seine musikalische Ader entdeckt. Da ist der weiße Anwalt Bruce, der seit 30 Jahren versucht, einen indianischen Aktivisten aus dem Gefängnis freizubekommen. Und da taucht plötzlich der frühere AIM Aktivist John Trudell auf, der in Hollywood als Musiker Karriere gemacht hat.
Bei KILI Radio läuft alles zusammen. Statt Rauchzeichen sendet KILI seine Signale durch die Weite der grandiosen Landschaft, mit einer wunderbaren Mischung aus Humor und Melancholie. Native Hip Hop und zerbrochene Windschutzscheiben: der Stolz kehrt zurück.

„ IT REALLY IS OKAY TO BE LAKOTA.“

Soweit das beiliegende Heft…

Von Anfang an bannten uns Bilder, Plot und Musik. Am meisten aber wohl die Menschen. Selten haben wir einen Film gesehen in dem die sich zeigenden Menschen so schnörkellos authentisch waren. Nach 90 Minuten Spieldauer hatten mein Liebster und ich das Gefühl jeden Einzelnen zu kennen und hatten Lust mal eben rüber auf einen Kaffeeplausch zu gehen…

Traurigwütend macht uns die noch immer währende Ignoranz der eingewanderten EuropäerInnen = US-AMERIKANERINNEN… ihre Uneinsichtigkeit darin, dass die Lakotas, Cheyenne, Apachen und… die UreinwohnerInnen sind, mit Rechten auf Land, ihr Leben, ihre Arbeit, Selbstbestimmung und Ausübung ihrer Religion. Die Probleme sind nach wie vor riesig. Im Vordergrund stehen immer noch eine sehr hohe Arbeitslosenquote, sowie die Nullaussicht der Jugendlichen auf einen Ausbildungsplatz, von daher ist das Drogen- und Alkoholproblem immens.
Das Land, das ihnen einst per Vertrag zugesprochen worden ist, wird immer noch von den US-AmerikanerInnen für sich vereinnahmt, besonders immer dann, wenn dort Bodenschätze gefunden werden. Die heiligen Berge der Lakotas, vom Pineridgereservat aus zu sehen, wurden mit den vier Antlitzen längst verstorbener Präsidenten verunstaltet… Wer kennt sie nicht? Es wurde sogar in Legoland-DK nachgebaut…
Das Wasser im Reservat ist stark verunreinigt und das saubere wird größtenteils abgezapft-

Der Film zeigt mit sehr intelligenten Schnitten die Jetztwirklichkeit der Lakotas und wie sie versuchen zu ihrem Stolz und zu ihrer Würde zurückzufinden, daneben den Wahnsinn der Politik und die Machtgebaren der US-AmerikanerInnen. Manche Szenen kann ich nur zynisch nennen, bei anderen liefen die Tränen.

Nein, neu ist das nicht, aber so in Szene gesetzt eben doch. Für uns gab es auch neue Informationen. So wussten wir zum Beispiel nicht, dass es ein zweites Wounded Knee in den Neunzehnhundertsiebziger Jahren gab, dass danach die Repressalien zunahmen und den oben erwähnten indianischen Aktivisten ins Gefängnis brachte. Seit mehr als 30 Jahren… unschuldig…
Dazu möchte ich John Trudell sinngemäß zitieren:

„Es gab immer schon Weiße, die mit uns sympathisierten. Sogar auf den ersten Schiffen, die landeten. Genutzt aber hat es uns noch nie…“

Und doch haben die Menschen bei all ihrer Not und in ihrem Kampf ihren Humor und ihren Willen nicht verloren. Ich sah keine Resignation und mag sagen: Hut ab! Ich hoffe und wünsche, dass der Tag kommen wird, an dem alle unterdrückten Völker dieser Erde ihre Rechte zurückbekommen und wir als Menschen unter Menschen leben dürfen, mit Respekt, Toleranz und Anerkennung füreinander, so unterschiedlich wir auch in Religion und Tradition sein mögen, in Hautfarbe und Gebaren…

Nicht mehr zum Film, aber immer noch zum Thema:

Dieser Wahnsinn geschieht auch vor unserer Haustüre. Als ich 2008 und 2010 in schwedisch Lappland = Sapmiland war, musste ich begreifen, dass die Schweden sich in keinster Weise anders gegenüber der samischen Urbevölkerung verhalten. Und das auch schon seit mehreren hundert Jahren. Seit ca. 100 Jahren heißt das Objekt der Gier: ERZ und zwar das reinste weltweit. Dieser Erzabbau hat die Samen riesige Flächen an traditionellen Rentierweiden gekostet und kostet sie von Jahr zu Jahr mehr Land.
Der Erzabbau ist eins, das andere das Bedürfnis von Südschweden im urwüchsigen Sapmiland ein Ferienhaus besitzen zu wollen. Das Problem hierbei ist, dass die Samen selbst das Land in dem Sinne nicht als „ihr“ Land betrachten (das haben sie mit den nordamerikanischen UreinwohnerInnen gemeinsam) und somit den Schweden fast Haus und Türe offen stehen, um sich für nen Appel und en Ei das zu nehmen, was sie begehren…
Apropos offene Türen. Bei den Samen gab es bis vor ein paar Jahren keine verschlossenen Türen. Man kannte sich untereinander. Und war man einmal unterwegs, zur Jagd oder warum auch immer noch, konnte Jede und Jeder in jedes Haus gehen und sich einen Kaffee kochen. Nachdem nun aber immer mehr Südschweden dort oben Einzug hielten und halten, haben Einbrüche und Diebstahl zugenommen, sodass es heute auch dort verschlossene Türen gibt…
Im Zuge der Christianisierung war den Samen lange Zeit ihre eigene Sprache und Religion untersagt. Ihre Trommeln wurden zerstört oder in Museen gestellt, die Trommelspieler = Schamanen wurden getötet. So lernten die Samen ihre Aktivitäten zu verstecken und halten sich auch heute noch sehr bedeckt, wenn es um Tradition, Religion und Schamanismus geht. Dazu muss man erst einmal ihr Vertrauen gewinnen und das dauert…
Ein kleines bißchen davon konnte ich gewinnen und erfuhr so manches, was für andere Ohren nicht bestimmt war, noch hüte ich mich davon zu erzählen, betrachte es als Ehre und hüte meine Zunge in Verbundenheit und Dankbarkeit..

Heute dürfen die schwedischen Samen ihre eigene Sprache wieder sprechen, ihre Religion wieder ausüben, aber Rechte für das Land haben sie keine. Einzig die norwegischen Samen, so hieß es, hätten alle ihre Rechte zurückbekommen. Von den finnischen Samen weiß ich leider nichts und über die russischen auch nur soviel, dass sie die ärmsten aller vier Nationen sind und von den Weißrussen überrollt wurden.

Jedes Jahr im Februar treffen sich die vier samischen Nationalitäten zu einem großen Thing, um über ihre Belange zu reden und weiter für ihre Rechte zu kämpfen. Auch dies wäre mehr als einen Film wert. Vielleicht kann ich ja Fanny einmal dafür gewinnen… 😉

hier höre ich auf, auch wenn noch lange nicht alles geschrieben/gesagt ist, der Haushalt ruft…

ein Song von John Trudell: Cry your tears

10 Gedanken zu „No More Smoke Signals

  1. Das ist eine Geschichte, die so ähnlich auch mit dem Maori auf Neuseeland passierte. Nur da brauchten die britischen Einwanderer gar nicht mit Gewalt eingreifen – sie haben nur bei dem einen MaoriStamm Sisalfasern geordert und beim nächsten MaoriStamm in der nächsten Bucht aus den SisalFasern Tauwerk fertigen lassen – und beide Stämme mit vielen Musketen „entlohnt“ Die Maori waren phantastische Handwerker und große Krieger und untereinander spinnefeind. Die Engländer brauchten nur noch ein wenig abwarten und den übriggebliebenen Resten der MaoriBevölkerung den Vertrag von Waitangi „aufdrücken“. Auch bei den Maori gab es die Denke gar nicht, daß das Land einzelnen Menschen gehörte. Es war einfach da und gehörte allen, die darauf wohnten. Noch heute gibt es erhebliche Unterschiede in Rang und Wohlstand der Maori verglichen mit den „Weißen“, obwohl sie in NZ mehr Rechte besitzen als die Aborigines in Australien.
    Der Film würde mich aber auch interessieren. LGr vom ollen Wolf aus der schönsten Hansestadt am Ryck.

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  2. lieber wolf, das drama tobt weltweit!
    liebe mb, lieber dm – herzlichen dank
    liebe dina, bin gespannt was du dann meinst – selmafee müsste übrigens jeden augenblick bei euch eintreffen, sie wollte einfach nicht über nacht bleiben, sie hatte solche sehnsucht nach siri und ihrem regalbrett, alles andere erzähle ich morgen

    euch allen eine gute nacht und schöne träume

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  3. Pingback: Shikasta von Doris Lessing – eine Anklage |

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