Unbehagen

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Gestern war es, als ich durch die Strassen der kleinen Stadt ging, Besorgungen machen.

Ich spüre ein Unbehagen, fühle mich gehetzt, was passiert hier mit mir, ich schaue mich um. Ich sehe hastende Menschen mit bitterernsten Mienen, manche würden rempeln, wenn ich nicht ausweichen würde, Hochnebel verhängt das Tal. Dann erst öffnen sich die Augen ganz, ich sehe bunte Kugeln in Schaufenstern baumeln, weiss besprühte Äste, Glitzersterne, Lichterketten über Nadelbäume gespannt und leuchtend gelbes Laub. Es ist der Gingkobaum am Wegesrand. Ich atme aus und gehe meiner Wege.
Das Ende des Jahres ist mild gestimmt, noch immer trägt die Linde vor dem Haus ihr gelbgrünes Blätterkleid, das erkaltete Blau spannt sich über das Hochtal, nur die andere Linde, die, die vorgestern Morgen gefällt wurde, hinterlässt ein Loch vor dem Fenster. Löcher gibt es viele, es reicht scheint’s nicht das Garn, um sie alle zu stopfen, ich höre das Wimmern hungriger Kinder. Ich schaue in Fenster, sehe überfüllte Kinderzimmer, höre ratlose Eltern fragen, was sollen wir nur den Kindern schenken? Ich sehe in leere Augen von Menschen, die flüchteten, die frieren, die sich ducken vor all den feindlichen Blicken.

Ich spüre meinen Zorn, wenn ich die Schlagzeilen lese, die Nachrichten höre, durch die Strassen gehe. Er ist aus der Ohnmacht geboren. Zu viel, zu wenig, zu viel, zu wenig, zu viel, zu wenig, bimm, bamm, es werden wieder die heiligen Nächte verkauft.

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29 Gedanken zu „Unbehagen

  1. Immer mehr Schlagzeilen sind Schläge ins Gemüt und auf die Seele.
    Fühlen sich an wie Ohnmacht. Wir jedoch haben die Macht es anders zu machen.

    Eine gute Stimmungsbeschreibung, die ich sofort nachvollziehen kann.
    Adventszeit als Messlatte der Gegenwart. Die stille Zeit, Zeit der der Vorbereitung
    wird nach aussen gekehrt: Hast, Hektik und die Bereitschaft zum Jetzt&Sofort – Konsum!
    Wer will da schon noch auf Morgen warten….

    Morgendämmrigzuversichtliche Grüsse aus dem einzigartigen Bembelland

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  2. Seit einiger Zeit ist das Thema Minimalismus in aller Munde, auch hier in den diversen Blogs. Ich habe mich immer gefragt, was die zentrale Aussage dahinter ist. Ist es die Vereinfachung des täglichen Lebens mit der damit verbundenen Minimierung der notwendigen (Haushalts-) Arbeit? Ist es einfach eine Flucht aus der überbordenden Konsumgesellschaft? Und noch weitergehender, ist es ein Abschalten der Welt da draußen? Es gibt hier unter uns eine Handvoll hochsensibler Menschen, für die die täglichen Nachrichten, der wachsende Empathieverlust den Nöten anderer gegenüber, der inflationär zunehmende Egoismus unerträglich sein muss. Gerade in den kommenden Wochen, in denen wir zu ertrinken drohen in den hochschlagenden Wellen der Superweihnachtsangebote und den gleichzeitigen Spendenaufrufen, wenn die Kabarettisten ihre süßer-die-Kassen-nie-klingeln Spottlieder anstimmen und die Radiosender die immer gleichen Nicht-Weihnachtslieder-Schlager dudeln, dann bin ich dankbar dafür, dass ich immer noch selbst bestimmen kann, wie ich diese Tage verleben möchte. Ich respektiere auch jede noch so kitschige Weihnachtsdeko in den Stuben von Menschen, die Mensch geblieben sind. Wie Du siehst, liebe Ulli, ist auch dies ein Thema, das mich bewegt und viele Gedanken denken lässt.
    Danke für die Deinen!
    Herzliche Grüße,
    Elvira

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    • Liebe Elvira,
      gestern hörte ich eine Diskussion im Radio, da ging es um Minimalismus in der Küche, an die Zurückerinnerung an schlichte Speisen und Gerichte aus bodenständigem Gemüse, als Köchin muss ich ja schmunzeln, gleichzeitig aber gingen mir auch so Gedanken durch den Kopf, ob wir nicht einfach zu satt sind, in vielerlei Beziehung, ich finde dass sich dieses Thema gerade an das der Entschleunigung anreiht- ich selbst werde auch dieses Jahr wieder Bullerbüweihnachten mit der Familie feiern, soll heissen, es geht ums Miteinander, ein bisschen was Leckeres und ein paar fein eingewickelte Kleinigkeiten für die Freude, ein paar Plätzchen, von der Fülle habe ich mich schon lange verabschiedet und von den süssen Glocken sowieso …
      herzliche Grüsse
      Ulli

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      • Habe in einer Schublade ein Haiku gefunden, das ich vor einiger Zeit geschrieben habe und mir als passender Beitrag zu Eurem Gespräch, Elvira und Ulli, erscheint und charakterisiert, was mir der Minimalismus sagen möchte:

        rufen, stoßen, haben müssen
        zwölf Flocken Schnee auf der Wintermütze
        einfach sein

        Darüber hinaus ein interessanter Text, Ulli. Vor allem die ambivalente Natur des Hochnebels gefällt mir.

        Viele Grüße
        Jens

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        • Hallo Jens, herzlich Willkommen im blauen Café und einen herzlichen Dank für das Haiku, das mir sehr gefällt, gerade heute, warum, liest du morgen 😉

          und jetzt schwant es mir, wer du bist, umso mehr freue ich mich über deinen Besuch 🙂

          herzliche Grüsse
          Ulli

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      • Herzlichen Dank für die Willkommensgrüße, Ulli. Ja, Dein Café wurde mir empfohlen. Zwar würde die Beschreibung, die ich bekommen habe („Eine Köchin, die noch nie ein Rezept gepostet hat“), in einem echten Café nicht gerade mein Interesse wecken (wobei, eine Speisekarte mit ausschließlich leeren Seiten wäre fast schon so interessant, einen Besuch zu riskieren, fast schon minimalistischster Minimalismus), aber die Aussicht war verlockend, das Blog einer Köchin zu lesen, die ganz und gar auf Foodporn verzichtet und dazu noch gute Texte schreibt.
        In diesem Sinne
        Jens, der sich heute schon auf morgen freut

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        • die Köchin in mir, das ist der Broterwerb seit einigen Jahren und es gibt ja ne Menge Rezepteblogs, da will ich mich nicht einreihen, zumal meine wirkliche Leidenschaft den Bildern und Worten gilt, mal so, mal so …
          dann sage ich mal bis morgen, und du schreibst ja auch, nicht wahr? ich schaue mal auf deinen Blog, nur nicht gleich, ich muss nu kochen … lach

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  3. adventszeit als zeit der besinnung und einkehr. so möchte ich diese zeit (er)leben. all das, was daraus gemacht wird, in den medien und in so vielen familien, ist mir zuwider. ich kann es kaum ertragen.
    lange schon sind wir dazu übergegangen uns gegenseitig und anderen zeit zu schenken. immer noch viel zu wenig aber zeit. und in dieser zeit MITEINANDER wird manches unbehagen behaglicher.
    ich grüße dich mit sonne und kitchigblauem himmel!

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  4. Ja, mir geht es ähnlich wie dir, Ulli. Ach, die (Vor)weihnachtszeit, je älter ich werde, umso weniger kann ich sie leiden, am liebsten würde ich diese Wochen überspringen. Süßes Glöckchengeklingel, Weihnachtslieder wahlweise in Deutsch oder Amerikanisch hallen von den vollgestopften Weihnachtsmärkten – und ja, die Menschen hasten und hetzen, auf der Suche nach den obligatorischen Geschenken, dabei rennen sie um, was im Wege steht, mit grimmigem Blick. Wie ich das kenne und hasse! Bloß nicht jetzt am Samstag in die Innenstadt! Komsum, Konsum und Heuchelei, auf Familie machen, selbst wenn nur noch das Gerüst steht. Und auf der anderen Seite die Menschen, die nichts haben, die hasten, um zu fliehen, um zu überleben – und wir fühlen uns oft so verdammt hilflos, wenn wir die schlimmen Nachrichten hören oder sehen. Noch nie kam mir die Welt so falsch vor wie in den letzten Monaten. Du hast diese Stimmung, die so gar nicht besinnlich ist, auf den Punkt gebracht, Ulli, und du empfindest Zorn, zu Recht. Bei mir geht der Zorn manchmal in eine Art Fatalismus über, aus Selbstschutz, sonst kriege ich keine Ruhe mehr. Danke für deine Worte und auch das Bild, das klasse ist und alles sagt!
    PS: Ach ja, gerade hörte ich in den Nachrichten, dass die Deutschen in der Adventszeit mehr Kerzen verbrauchen als alle anderen. Wenn ich jetzt bösartig wäre, würde ich sagen: Klar, kein Wunder, wenn die Wärme in den Herzen fehlt, dann muss sie eben anders ins Haus… Gestern sah ich einen Bericht über eine deutsche Rentnerin, die Asylanten hilft, für sie Papierkram erledigt, Kuchen backt, aber vor allem einfach mit ihnen redet. Die Frau war früher weit gereist und war immer beeindruckt von der Herzlichkeit und Gastfreundschaft der Menschen in anderen Ländern, sogar die Ärmsten schlachteten ihr letztes Huhn, um die wildfremden Reisenden zum Essen einzuladen. Als sie wieder nach Deutschland zurückkam, fühlte sie sich schlecht: soviel menschliche Kälte, fehlende Herzlichkeit, kein Lächeln. Bei den Flüchtlingen hat sie die Wärme wiedergefunden. Und auch, sogar, das Lächeln.

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  5. Ich durfte diese Kälte, oder war es vielleicht doch nur ihr schlechtes Gewissen?, der Kunden nach mir in der Reihe vor ein paar Tagen erleben, als ich einen vor dem Supermarkt stehenden Obdachlosen einlud, sich etwas zu Essen und zu Trinken auszusuchen und sich an einen Tisch des Backshops zu setzen. Er entschied sich für ein Stück Käsekuchen und eine Tasse Tee. Nicht immer muss es die große Spende sein, eine direkte Ansprache bewirkt oft viel mehr. Und tut beiden Seiten gut!

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    • Das stimmt, Elvira, und wenn es nur ein Tropfen auf dem heißen Stein ist, so hast du doch etwas Gutes getan, finde ich schön. Diese Kälte der anderen kann ich mir vorstellen, ich spüre sie selbst im Nacken. Ob es ein schlechtes Gewissen ist, weiß ich nicht, vielleicht auch Selbstschutz, keine Ahnung…

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      • Liebe Elvira und liebe Rotewelt, vielleicht wird auch einfach vieles von uns so und so gesehen und interpretiert, manchmal z.B. bin ich nur müde und will noch schnell einkaufen und wenn ich jemanden anschaue, schaue ich irgendwie durch, aber was sieht dann der oder die andere? Ein müdes Gesicht, vielleicht macht er/sie missmutig daraus … das nur mal als Einsprengsel, ich will hier jetzt nicht meine eigenen Eindrücke und Wahrnehmungen zerlegen, aber es war etwas, das mir heute so durch den Kopf zu all dem ging.
        Mir erscheint die Welt auch gerade in den letzten Monaten als nun vollkommen aus den Fugen geraten und ich sehe und höre sehr wenig gesunden Menschenverstand, sobald es um politische Entscheidungen und Verhalten geht. Ein Ist-Zustand, der es (mir) umso schwerer macht den süssen Glocken zu folgen- ja, ich kann mich wieder einmal abschotten und es mir schön machen, aber irgendwie sitzt mir dieses Jahr ne Menge quer, viel mehr, als in den letzten Jahren, da freue ich mich, dass ihr an meiner Seite steht und einerseits meine Wahrnehmungen teilt und andererseits euch dem, was wirklich Not tut oder jahreszeitlich ansteht folgt.

        Eijei, wieder so ein vielschichtiges Thema, nicht wahr?!

        Herzlichen Dank für euers hierzu und dass es euch gibt
        Ulli

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      • Ja, liebe Ulli, natürlich sehen wir andere Gesichter auch mit unserem eigenen Blick und unserer momentanen Stimmung, Verfassung – und die anderen uns ebenso. Ich füge trotzdem ein trotziges Trotzdem hinzu, lach
        Es tut mir auch gut zu wissen, dass es euch gibt, Menschen, die ähnlich empfinden, was die Welt betrifft und denen auch viel quer sitzt, eine Art Solidariatät im Stillen, sich nicht alleine fühlen müssen mit seinen Gedanken und Befindlichkeiten. Und wegen dieses politischen Ist-Zustands empfinde ich eben dieses Weihnachtsgetue, diesen Kommerz, oft einfach widerlich. Ja, ein vielschichtiges Thema, stimmt. Herzlichen Dank zurück!

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