Gedankenfäden 006

Du hast gesagt, ich soll nicht fragen. Ich habe nicht mehr gefragt, nur noch mich. Alles, was ich stehen gelassen habe, markiert die Trennungslinie.

Vielleicht weine ich auch immer bei dem Video von Abramović und Ulay, neben allem anderen, weil du Ulay ein bisschen ähnlich siehst.

Weiße Blütenblätter und pustige Samen taumeln durch mein Zimmer. Wäre gestampfte Erde mein Boden, würden im nächsten Jahr vielleicht ein Kirschbäumchen und ein Löwenzahn in meiner Stube wachsen. Ich würde sie gießen und alle Dachfenster öffnen; für den Wind.

Man muss nicht immer alles eins zu eins umsetzen, manchmal reicht die Imagination, damit sich etwas bewegt. Starke Frauen sind meine Verbündete, wir lernen voneinander. Nährend ist das.

Seitdem du angerufen hast, ist es schwerer geworden nicht an dich zu denken. Ich liebe noch immer deine Stimme, mehr als manches Wort. Muss ich das denn … nicht an dich, über dich und uns denken? Ist es denn nicht Teil des Weges, der Mündung zu? Wenn der Weg dort ist, wo die Angst ist, dann ist er auch dort, wo der Schmerz wohnt.

Vorhin habe ich zwei Schwebefliegen beobachtet. Es erschloss sich mir nicht, ob sie miteinander kämpften oder ich eine Form ihres Liebesspiels sah. Wie nah sich doch Kampf und Liebesspiel sind, bei den Tieren. Menschen sind Säugetiere.

Spinne webt ein neues Netz, sie hat Berührungspunkte eingewebt. Zwischen uns webt sich ein neuer roter Faden. Stille Liebe genannt. Niemand schwebt im luftleerem Raum, du nicht und ich auch nicht. Das Netz spannt sich über das große Feld, hier gibt es kein Getrenntsein. Man kann das spüren. Warum die Einen sehr wohl und die Anderen nicht, ist eine der nicht zu beantwortenden Fragen. Dabei geht es noch nicht einmal um Glauben. Manches Ahnen wird zu Wissen. Manche Wahrheiten tun weh. Besonders die über sich selbst.

Es ist eine Gnade vergeben zu können, sich, den Umständen, der Familie, den Freundinnen und Freunden, dir. So viel Unwissenheit! So viel Gefangensein! Schritt für Schritt, von Augenblick zu Augenblick, von Jahr zu Jahr bis Ende, bis wieder neu: Vergebung und Befreiung.

Im Zwischenraum finde ich Liebe, Weite, Glück, Verbundenheit, zwischen dir und mir und der Welt. Zwischenzeit, zwischen den Zeilen, Zwischenmenschlichkeit, Zwischentöne, Zwielicht sind Wahrheitsräume. Wahrheit ist nicht gut, nicht schlecht, sie ist.

Ich sehe eine rote Sandsteinwand in einem altem, rotem Backsteinhaus. Ich versuche sie zu erklimmen. Ich suche zwei Päckchen. Ich sehe und ertaste die Vorsprünge, sobald ich sie ergreife oder auf ihnen Fuß fassen will, bröckeln sie weg. Ich gebe das Vorhaben auf. Zwei Päckchen, eines kleiner als das andere, eins grün, eins blau, bei näherer Betrachtung sind es offene Origamischachteln, Erde ist darin. Wiedergefunden habe ich sie nicht.

Ich sehe eine T-Kreuzung. Ich biege weder rechts, noch links ab, ich fahre geradeaus in ein Feld, rote, schlammige Erde. Ein Riesentruck mit Anhänger fährt laut hupend vorbei. Der Dauerton einer Truckhupe ertönt: du-u-u-u-u-u-u-t. Truck und Hupe verschwinden aus Sicht- und Hörweite. Ein dicker Lehmklumpen klebt über mir an einer Strommastleitung.

Was ist Traum, was Wirklichkeit?

Worte

zu Worte

Des einen Worte, sind der anderen Fragen. Säulenartig stehen sie, Wiederholungen in der Endlosschleife. Die anderen mäandern und kreiseln um Wahrheit und Wirklichkeit. Kein Immer, kein Nie. Und sowieso keine Ewigkeit. Nichts Festes. Nichts, das hält. Kein Versprechen, keine Abmachung, kein Du. Ich auch nicht. Kein Fels, kein Berg, kein Meer. Das Universum, vielleicht …