Elsa

Missmutig schaute Elsa aus dem Fenster. Wieder blauer Himmel, wieder Sonnenschein, konnte es nicht einfach mal regnen! Das würde zumindest besser zu ihrer Stimmung passen.

Langsam buchstabierte sie M i s s m u t. Den Mut missend, genau … nein, Quatsch! Sie ist nicht missmutig, ihr fehlt Inspiration, etwas wofür es sich wieder lohnen würde mutig zu sein. Schließlich ist Elsa noch immer mutig gewesen, wenn es darauf angekommen ist. Ärmel hoch und durch, das ist lange Zeit ihre Devise gewesen, aber gerade eben gab es nichts wofür sie die Ärmel hochkrempeln könnte. Jetzt ging es mehr ums Durchhalten. Diesen Zustand, diese Zeit, dieses Bis-dann … durchhalten, das war schon etwas, was sie üben kann, vielleicht sogar ein bisschen stillhalten. Halten … ihren Mund, mit ihrer Meinung hinter dem Berg, durchgehen, durchs Jetzt, für später. Sie kann neue Ideen langsam aufsteigen lassen, im Stillen ihre Träume nähren. Sie kann Geduld üben, Bis-dann. Sie kann langes Gehen üben, mit immer etwas mehr Gepäck.

Elsa zieht ihre Schuhe an. Gut, dass ich mal mit mir gesprochen habe!


Obs stürmt oder schneit, habt Sonne im Herzen …

Mut

Manche sagen: „Wie mutig du bist…“, ich frage mich seit Wochen wie mutig ich wirklich bin, bin ich (überhaupt) mutig? Mut braucht eine Portion Angstfreiheit und Entschlossenheit: vielleicht pocht das Herz, aber du tust was du musst und willst, du hast Ideale und Prinzipien, du trittst für sie ein.

Es sind solche Sätze, die mich nachdenklich werden lassen:

Macht haben nicht diejenigen, die über Posten und Gefangenentransporter verfügen, sondern diejenigen, die ihre Angst überwinden.

Nadja Tolokonnikowa

Foto © Igor Mukhin

Nadja Tolokonnikowa hat das Buch >Anleitung für eine Revolution< geschrieben, sie ist Aktivistin in Rußland, ist Mitbegründerin der „Pussy Riot„.

Aus dem Klappentext:

vorne:

Mit zehn Jahren wird Nadja Tolokonnikowa Feministin, mit sechzehn Philosophiestudentin, mit einundzwanzig Mitbegründerin der Pussy Riot. Als Putins Richter sie verurteilen, nutzt sie die Bühne des Gerichts für eine Verteidigung der Freiheit. Und während sich ihr Land patriotisch beseelt der autokratischen Herrschaft ergibt, beharren sie und ihre Mitstreiterinnen darauf, dass Widerstand möglich ist und Kunst eingreifen kann. In Anleitung für eine Revolution erzählt Tolokonnikowa ihre Geschichte, von den ersten Aktionen im Geiste der Riot-Grrrl-Bewegung bis zu den brutalen Erfahrungen im Arbeitslager. Ihr Buch – zart, laut und mitreißend – ist eine Ermutigung zum Eigensinn im Angesicht politischer Gleichgültigkeit. Denn ziviles Engagement ist keine Heldentat, sondern eine Notwendigkeit. Und Menschenrechte sind überall bedroht – nicht nur in Russland.

(Ich habe mir erlaubt die zwei letzten Sätze fett zu drucken)

hinten:

Nadja Tolokonnikowa, geboren 1989 wuchs im sibirischen Norilsk auf. Nach dem Punk-Gebet, mit dem Pussy Riot die enge Verflechtung von Kirche und Staat in Russland kritisierten, wurde sie 2012 zu zwei Jahren Haft im Straflager verurteilt. Seit ihrer Freilassung engagiert sich die Politaktivistin für menschlichere Bedingungen im russischen Strafvollzug. Tolokonnikowa lebt mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Moskau.

In ihrem Buch beschreibt aus ihrer Sicht die russische Realität hier und heute, ihren Weg als Künstlerin, als Performerin und auch ihre Zeit im Strafgefangenenlager; zwischen die Erzählstränge streut sie einzelne Sätze:

Die Macht sind wir.

Russians by birth, Rebels by choice.

Die Frau und den Mann gibt es nicht.

Solche Sachen. Solche Freunde. Solche Verbrechen.

Mach Wasser zu Wein. Sei ein Superheld.

Tue das Unmögliche.

Wie man bei uns in Russland sagt: Man fickt uns – und wir werden stärker. Werde stärker!

Warte nicht bis man dir die Haut abzieht.

Vergiss nie die Geschichte.

Suche Liebe auf öffentlichen Plätzen.

Habt keine Scheiße im Kopf. Stürzt Diktatoren.

Definiere die Erfolgskriterien neu. Geh mit dem Kopf durch die Wand.

Mit Gewalt gewinnst du höchstwahrscheinlich nicht. Wenn du gewinnst, dann nur mit Erfindungsgeist und Nonsense.

Du hast keine 500 Jahre. Lebe mit voller Wucht.

Bewahre dir deine anarchistische, kindliche Freiheit, wohin es dich auch verschlägt: Bewahre sie dir in Gefangenenwaggons, in staubigen Durchgangszellen, auf metallenen Pritschen.

Protestiere lächelnd.

Glaube nicht, fürchte nicht, bitte nicht.

Für die Dummen ist kein Gesetz geschrieben.

Vergiss nicht, deinen Feinden für die erwiesenen Dienste zu danken.

Versuche aus jeder Scheiße Pralinen zu machen.

Die wichtigste Regel für Ratschläge ist: Es kann keine allgemeingültigen Ratschläge geben.

Ziehe ein wie Creme. Dringe in die Poren.

Nasche lieber vom Baum der Erkenntnis, als dass du als seliger Idiot Gott am Hals hängst.

Versuche ein Problem immer zuerst auf dem Weg der Kunst zu lösen – und dann mit allen anderen dir zugänglichen Mitteln. Kunst ist die beste Medizin – für dich persönlich und für die Gesellschaft.

Auf Seite 96 schreibt Nadja Tolokonnikowa:

Schöpferische Arbeit und das Streben nach Erkenntnis sind meine einzigen Leitlinien. Ich verweigere mich einem Leben gemäß den Regeln einer bürokratischen Überwachungsmaschine. Das verschafft mir großes Vergnügen. Und Freiheit. Die Maschine reagiert wütend, sie rächt sich.

Doch indem du die Regeln der Maschine nicht akzeptierst, fügst du ihr größeren Schaden zu als sie dir. Weil allen um dich herum langsam klar wird, dass der König tatsächlich nackt ist.



Nadja Tolokonnikowa – Anleitung für eine Revolution – Hanser Verlg – ISBN 978-3-446-24774-1



„Und Menschenrechte sind überall bedroht – nicht nur in Russland“, zitierte ich oben aus dem Klappentext, ich erweitere den Satz: Menschenrechte und Pressefreiheit sind in vielen Ländern bedroht – nicht nur in Russland und empfehle folgenden Artikel plus Kommentarstrang https://dvwelt.wordpress.com/2017/07/11/unartige-kinder/

Im neuen Jahr

0001ab-28-12-2016

>Im neuen Jahr
grüße ich
meine nahen und
die fernen Freunde
grüße die
geliebten Toten
grüße alle
Einsamen
grüße die Künstler
die mit
Worten Bildern Tönen
mich beglücken
grüße die
verschollenen Engel
grüße mich selber
mit dem Zuruf

Mut<

Rose Ausländer

0009-31-12-2016

Ich wünsche uns allen von Herzen ein fruchtbares und gutes 2017

blaue Stunde – 18 – Öffnung

001 bucheckernschaleSich zeigen, die leere Bucheckernschale ist das Symbol. Weit haben sich ihre stacheligen Flügel geöffnet. Golden leuchtet das Innen.

Sichtbar werden, geschützt bleiben.

Wieviel Öffnung mute ich mir zu, wieviel der Welt? Öffnung braucht Mut und Wachheit, braucht Vertrauen, vor allen Dingen in sich selbst, in die eigene Wahrnehmung, die nicht allgemeine Wahrheit ist, nur immer die eigene und manchmal, in wenigen Ausnahmen, auch ganz allgemein.

Öffnung braucht Schutz, braucht die Gewissheit, dass nichts passieren wird, was nicht passieren soll, heißt bei sich und mit sich selbst zu sein. Heißt zu wissen, dass es nichts wirklich zu verlieren gibt. Kein Gesicht und keinen Ruf. Unschuld ist schon lang vorbei! Und ums Leben geht es hier nicht. Auch nicht um Blindheit, um das Betreten von Gefahrenzonen, die man nicht meistern kann. Es geht um Öffnung, dem Leben, ganz. Weit zu werden, ohne etwas haben oder erreichen zu wollen, ohne Greifen, ohne Zwang.
„Es“ zu tun.

Das Leben tanzen, auf seinen Wellen reiten, hoch hinauf und tief hinunter, juchzen und schreien, lachen und weinen, nichts ausschließen. Die Mitte und die Stille sind Ruheräume, hier wird Kraft geschöpft. Hier werden Eindrücke verdaut, Gedanken zu Papier gebracht, hier werden Gefühle zu Bildern, bis das Leben wieder Fahrt aufnimmt. Hoch hinauf und tief hinunter. Narr und Närrin lachen.

Leer war die Welt geworden, als Närrin und Narr das weite Land und die kleine Stadt verlassen hatten. Melancholie legte sich über die Gassen, trübte das Laternenlicht in der Nacht.

002 nebelnacht

Leise waren die Gesänge der Schwäne geworden. Die Kraniche tröteten an Afrikas Flüssen. Es war nicht lange her, dass sich Närrin und Narr getroffen hatten, dass sie gemeinsam die Nacht erleuchtet hatten. Es vergingen nur wenige Tage bis sie gemeinsam die kleine Stadt verließen. Und wieder war es Nacht, es fiel der erste Schnee. Stille legte sich über Land und Stadt.

Es saß eine kleine blaue Frau am Meer. Leise Wellen spielten Vor und Zurück. Die Narreteien waren verschwunden. Nur die Vögel sangen weiter ihre Lieder, die Raben und Krähen krächzten, Kraniche waren in den Süden geflogen, sie hatten die Närrin auf ihren Wegen in einer Stube sitzen gesehen. Sie war beschäftigt … mit Menschendingen. Schalk hielt sich versteckt.

Es galt die Leere auszuhalten. Die Stille, wieder einmal. Die Kraniche flogen zurück in den Norden, tröten über dem weiten Land und der kleinen Stadt. Sie waren die Vorhut für glöckchenfeines Lachen. Närrin und Narr kehrten zurück. Melancholie und Leere machten ihrem Lachen Platz. Ihm und dem ganzen verrückten Leben!

Man muss sich die Narreteien erlauben! Es ist genügend Ernst, Leid und Schmerz in der Welt. Sie muss man nicht suchen, sie stecken hinter jeder Ecke. Sie können eine Portion Narretei gut gebrauchen, eine Prise Ironie, einen Schalk, einen Narr, eine Närrin.
Ja, Empörung tut Not in dieser Zeit. Mut auch, um hinzuschauen, es auszuhalten und dann auch einmal wegzuschauen und die Welt, Welt sein zu lassen.

Angst hält die Menschen klein und die Welt in Atem. Feinde werden erkoren und immer sind es die anderen, die uns etwas wegnehmen wollen. So wird alles Habenwollen umgekehrt, werden Räume eng. Es ist noch immer genügend Platz für jede und jeden, niemand muss gehen und niemand muss alles mögen, auch ich nicht von mir selbst. Aber ich darf lachen. Auch über diese Welt!

Es wiegt schwer, das Diktat. Es ist die Fessel bei jedem kreativen Akt. Die Närrin verleiht Flügel, Coyote heult sein Mondlied dazu, Schlange häutet sich, Samenkapseln platzen auf, Zitronenfalter fliegen, Kirschbäume blühen, Hummeln brummen, Bienen summen.

0001a ErblühenIn meinem Takt bleiben, ohne zu hasten, ohne Atemlosigkeit, gleichmäßiger Schritt. Die Werkzeuge finden sich ganz von allein. Routine schenkt kreative Räume, lässt Gedanken frei und den Geist tanzen. Freiheit ist kein äußerer Raum. Ich kann mich nur selbst frei geben! Gegen die Angst gesehen zu werden, gegen die Scham vor der eigenen Kleinheit. Gerade das, was wir am meisten zu verbergen suchen, wird von geübten Augen als erstes erkannt. Warum es also überhaupt noch versuchen?

Karl Ove Knausgård lässt Schranken fallen. Er zeigt sich der Welt in seinen Schwächen und Stärken, aber ganz besonders in seinen Schwächen. Er versteckt sich nicht hinter erfundenen Geschichten, bewegt sich innerhalb seiner Wahrnehmungen und Wahrheiten, wohl wissend, dass es seine Erinnerungen sind. Andere, wie seine Mutter, sein Bruder erinnern sich anders, an anderes, auf jeden Fall nicht so … Es bleibt Verwunderung und das sichere Wissen um die eigene Welt, die eigene Wahrnehmung und Empfindung. Doch nach der Lektüre seines vierten Bandes: „Leben“, frage ich mich: will ich all das so genau wissen?

Knausgård hält auch in diesem Band das Tempo und somit eine gewisse Spannung aufrecht, sodass ich immer weiter lesen will und muss. Aber es gibt Längen und eben diese Frage. Vielleicht liegt es aber auch nur daran, dass sich hier etwas trennt. Erschien er mir bis hierher eher als eine Art Bruder, so wird er jetzt zu Karl Ove Knausgård. Einem Mann, der mich an seiner Pubertät, seinem Erwachsenwerden teilhaben lässt. Der sich als ein Kerl zeigt, den ich mit 16, 17, 18 Jahren nicht gemocht hätte. Ob er sich selbst mochte, damals …? Ich glaube nicht, wenn ich ihn richtig gelesen habe. Und genau hier setzt dann auch wieder meine Achtung für sein Werk ein. Es braucht Mut sich zu zeigen. Ganz. Auch auf die Gefahr hin nicht gemocht zu werden. Sich der Welt zuzumuten. Weiter und immer weiter zu gehen, mit seinem Projekt. Seinem Kampf ins Gesicht zu schauen, ihn zu benennen, alles von ihm der Welt zu zeigen, die sich darin wiederfinden kann. Alles, soweit alles eben geht.

Und wieder wirkt die Frage: wie weit bin ich bereit mich zu zeigen? Und wer will das alles wissen? Wenn schreiben ein Muss geworden und geblieben ist, dann muss es sich die Frage gefallen lassen: für wen und wozu. Was ist nur Bedürfnis nach Anerkennung oder nach Erkennung gleicher Geister- wo entsteht Reibung und halte ich diese aus? Was ist, weil es muss und was wird kreiert, was ist immer schon da und will nur hinaus? All die vielen Tierchen, die leisen und lauten, die wilden und zahmen, sie alle wollen das offene Land und die Weite des Himmels. Käfige und Dressuren tun niemanden gut, keinem Tier, keinem Menschen, keinem Kraut. Es wird viel gebogen und verborgen, viel gelogen und verbogen in der Welt und nichts scheint mehr heilig. Aber wenn erst einmal alles profan geworden ist, wie soll es dann noch Staunen und Freude geben? Alles will leben. Ganz. Zu und in seiner Zeit. Alles will voll erblühen,

0001 Erblühenwill sich voll entfalten, will in Freiheit hoch hinauf und tief hinunter, will ausruhen im sicheren Raum, ausatmen und weitergehen.

Sich zeigen, die leere Bucheckernschale ist das Symbol. Weit haben sich ihre stacheligen Flügel geöffnet. Golden leuchtet das Innen.

Sichtbar werden, geschützt bleiben.

001a sichtbar werden, geschützt bleiben

bemerkenswert

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Das Foto habe ich aus dem Netz gefischt: fotolia.de

 Heute bekam ich von einer Freundin die Rede eines 17jährigen Schülers zugesendet, der soeben sein Abi gemacht hat, er hielt diese Rede vor 600 ZuhörerInnen. Ich finde sie mutig, ehrlich und so bemerkenswert, dass ich sie gerne mit euch teilen möchte, und neugierig auf eure Kommentare dazu bin.

„Ich habe nichts übrig für eine weichgespülte Begrüßungszeremonie und eine darauffolgende nichtssagende Dankesbekundung an Eltern, Lehrer und Co – auch wenn ich weiß, dass ich ohne euch nicht hier stehen würde, im Grunde niemand von uns. Ich möchte nicht die Hochs und Tiefs einer vergangenen Schulzeit paraphrasieren , obwohl ich weiß, dass vieles häufiger Erwähnung finden sollte, um sich so länger in unseren Köpfen – in unseren Erinnerungen – festzusetzen.

Ich möchte mich an meine Mitschüler wenden.

Die momentane durchschnittliche Geburtenrate in Deutschland liegt bei 1,4 Kinder je Frau, die durchschnittliche Lebenserwartung liegt momentan bei ca. 80 Jahren, Tendenz steigend. Dieser Vorgang nennt sich demographischer Wandel. Soll heißen: Unsere Gesellschaft wird zunehmend älter.

Wir, die wir uns hier versammelt haben, um unsere „Reifeprüfung für den deutschen Durchschnittsbürger“ zu feiern, sind im Allgemeinen zwischen 17 und 19 Jahren alt. Wir sind oder waren es zumindest bis vor kurzem: Schüler, eine soziale Randgruppe.

2009 wurde in Hamburg eine Schule errichtet mit Pausenhof auf dem Dach, nicht auf Grund Platzmangels, das war in einem schwach besiedelten Wohngebiet, sondern um die Anwohner um die Schule herum, welche Kinderlärm befürchteten, vor Kinderlärm zu schützen. Die Chancengleichheit des deutschen Schulsystems ist der Berthelsmannstiftung zu Folge auch 2013 noch höchst bedenklich gewesen. Auf den Aufstieg eines Schülers auf das Gymnasium folgen 4,2 Schüler, welche das Gymnasium auf Grund schlechter Noten auf einen niedrigeren Bildungsgrad verlassen. Das bedeutet: Unser Bildungssystem ist nur in eine Richtung durchlässig und zwar nach unten!

Unsere Landesregierung kürzt 2012 die Bildungsgelder!

Die Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft lässt sich an der Art und Weise ablesen, wie sie mit ihrer Jugend umgeht. Denn die Jugend ist die Zukunft der Gesellschaft.
Aber nicht nur, dass wir häufig nicht akzeptiert, als faul und antriebslos bezeichnet werden, sondern dass man uns mit den Problemen der Zukunft konfrontiert ohne uns Hoffnung zu geben, dass wir sie lösen können, löst bei einigen – bei mir zumindest – eine erschreckende Lethargie aus.

Die Welt ist schlecht, vor allem ungerecht!

2011 war der OECD zu Folge das kriegreichste Jahr seit 1945, 2014 hat die Ungerechtigkeit bei der Verteilung von Reichtum einen neuen Spitzenstand erklommen, wie es eigentlich jedes Jahr sein dürfte.
Der neuesten Oxfamstudie zu Folge besitzen die reichsten 85 Menschen so viel, wie die ärmsten
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11.0pt;line-height:107%”3,5 Milliarden. Großunternehmen wie Monsanto und Nestle beherrschen den Lebensmittelmarkt, privatisieren Wasser in der ganzen Welt, erobern mit Hilfe von TTIP und Politik, welche ihre eigenen Bürger im Stich lässt, neue Absatzmärkte. Banken machen da weiter, wo sie vor der letzten Finanzkrise aufgehört haben, wenn sie zwischendrin überhaupt aufgehört haben, steuern in die nächste Krise. Es wird Krieg um Wasser, Öl, Uran geben, in den Meeren schwimmt sechsmal so viel Plastik wie Plankton, die Donau spült täglich 4,2 Tonnen Kunststoff in das schwarze Meer, mehr als Fischlarven, die giftigen Phtalate gelangen in unser Essen, letzten Endes in unsere Körper, und am ehesten in die Körper derer, die am aller wenigsten dafür können, die der Ärmsten der Armen.

Im Gaza – Streifen verhungert wahrscheinlich in diesem Moment ein Kind und in den unüberschaubaren Slums Indiens wird eine Frau vergewaltigt.

Das sind die Dinge, die man lernt, wenn man in der Schule an der richtigen Stelle zuhört.

Und man tut im gleichen Atemzug so, als ob es unsere Aufgabe wäre, diese Welt, die nur noch so von Krise in Krise schlittert, zu retten.

Da widerspricht sich die Schule. Man sagt uns, dass das Leben erst jetzt richtig anfangen wird, jetzt da wir unser Abitur in der Tasche haben. Aber von diesem Leben will man hier gar nichts mehr wissen. Man hat uns in Formen gepresst, und alles was an Elan übrig geblieben ist, verpufft wie Wasser auf einem heißen Stein.
Ich habe die Energie, mit der ich in der 5. Klasse dieses Schulgebäude betrat, den Optimismus, eines Tages als eine Art Superheld die Welt zu verändern und die Euphorie mit der WIR in die damals kaum zu erwartende Zukunft blickten, in langwierigen Mathestunden abgesessen, in verstaubte Englischbücher hineingelesen und letzten Endes mit dem Abitur vollkommen verloren.

Natürlich könnte man sagen: Erkennen zu müssen, dass man kein Held ist oder sein kann, ist hart, aber Teil des normalen Erwachsenwerdens und nicht Schuld der Schule.
Doch wir müssen der Wahrheit ins Gesicht blicken.

Helden werden jetzt gebraucht wie nie zu vor.

Helden, die in der Lage sind uns mit uns selbst zu konfrontieren, Helden der Zukunft, welche nicht auf Schlachtfeldern geboren werden. Helden mit Visionen und Energie, diese umzusetzen, keine zurechtgestutzten, gesellschaftsfähigen Durchschnittsbürger, die zwar alle ein 1, – Abitur haben, aber keine Leidenschaft, sich von ihren Sofas loszulösen und zu beginnen auch für andere zu leben. Es ist in der heutigen Zeit schwer geworden ein passendes Beispiel zu finden. Man macht uns Angst. Wer will sich noch ins Licht stellen, wenn man weiß, dass ein Edward Snowden oder ein Bradley Manning von einem Friedensnobelpreisträger gejagt werden und in dem Staat, dem sie am meisten helfen, nämlich der BRD, keine Zuflucht finden.

Also woher sollen die Helden der Zukunft kommen, wo sollen sie ausgebildet werden, wenn nicht in der Schule?

Wir jungen Menschen sind die einzige Chance die dieser Planet und seine Bewohner noch haben, wir aus den westlichen Ländern, die alle Mittel zur Verfügung haben, grenzenlosen Wohlstand, den neuesten Technologieboom, das vernetzte Wissen, das Internet, mit dem wir als erste gelernt haben zu leben, als ob es eine Selbstverständlichkeit wäre. Ich höre sie schon nach uns rufen in ein paar Jahren. Doch wir werden immer weniger.

Zudem wird dieser Planet zunehmend von alten Menschen regiert, die in alten Denkstrukturen leben, selbst wenn sie auf dem Papier auch noch unsere Väter sein könnten. Das Internet ist für sie Neuland, Smartphones schwerlich zu bedienen, in Textnachrichten sehen sie das Verkommen der menschlichen Sprache und nicht die Renaissance schriftlicher Kommunikation.

Doch mein Smartphone beschallt meine Ohren mit Peter Fox‘ „Haus am See“ in Dauerschleife, präsentiert mir alles was ich und die restlichen Jugendlichen von unserer Zukunft noch erwarten auf einem Silbertablett:

‚Am Ende der Straße steht ein Haus am See,
orangenbraune Blätter liegen auf dem Weg,
ich habe 20 Kinder meine Frau ist schön,
alle kommen vorbei ich brauch‘ nie raus zu gehen.‘

Das kann doch nicht alles sein!

Wenn wir diesen Standpunkt verlassen wollen, wenn wir wieder mehr erreichen, wenn wir bewegen, leben und verändern wollen, dann müssen wir aufstehen uns von dem bleichen Licht unserer uns blendenden Bildschirme lösen und wenn es die Alten nicht machen, dann müssen wir ihnen die Hände über die Leichen unserer kaputten Träume hinweg reichen.

Liebe Eltern/ liebe Schule, das geht an euch!

Ihr seid nicht blind, genau wie wir, lasst und gemeinsam die Welt so gerecht formen, wie wir es in der Schule eigentlich beigebracht bekommen haben sollten und lasst uns gegenseitig vorleben, wie das geht.

Auf jeden Fall nicht in einem Haus am See.“

Frauenschicksale

Kurz vor Weihnachten fand ich auf einem Bücherwühltisch ein Buch von Margaret Atwood: alias Grace. Auf der Rückseite des Buches steht: die Scheherazade von Kanada. Und wirklich, erzählen kann sie! Das fand ich schon immer …

alias graceDie Geschichte basiert auf einer wahren Begebenheit, sie spielt im Toronto der Mitte achtzehnhunderter Jahre. Grace, in Irland geboren, verlässt mit ihren Eltern das Land, um in Kanada ihr Glück zu versuchen, das ihnen in Irland nicht holt war. Doch schon auf der Überfahrt stirbt die Mutter und Grace muss sich fortan um die kleineren Geschwister kümmern und mit dem Alkoholkonsum des Vaters klarkommen, sowie seiner ewigen Arbeitslosigkeit.

Mit vierzehn oder fünfzehn Jahren nimmt sie eine erste Stelle im Haushalt an und so wird es ihr Leben lang bleiben, selbst im Gefängnis, in dem sie mit sechzehn Jahren landet. Angeklagt des Doppelmordes an ihrem Arbeitgeber und seiner heimlichen Geliebten wird sie für schuldig befunden, dient sie fortan der Gefängnisdirektorenfamilie. Dort wird sie geschätzt für ihre stille Art und ihre feinen Näharbeiten und für unschuldig gehalten.

Die Frage, ob Grace schuldig oder unschuldig ins Gefängnis kam, bleibt bis zum Schluss offen, im Buch, wie im wirklichen Leben.

Was mich immer wieder in seinen Bann zieht, ist das Schicksal von unzähligen Frauen, wie sie rackern und schuften und selten ein Lob ernten, geschweige denn eine angemessene Bezahlung, aber unglaublich viele schmerzende Beschimpfungen. Das Wort Hure, damals, wie heute als Schimpfwort benutzt, war auch in diesen Zeiten in vielen Mündern und tat doch nur Unrecht. Grace hatte keine Chance und doch nutzte sie die wenigen freudigen Momente in ihrem Leben, um zu lernen, zu beobachten und ihre eigenen Schlüsse zu ziehen. Verbündete fand sie in der Direktorenfamilie, in dem Arzt Simon, der die Frage nach Schuld und Unschuld mit damalig modernen psychologischen Methoden zu ergründen sucht.

Lachen, Mut, Freude und Freundschaft findet sie in einem illustren Hausierer, sowie in ihrer Mitstreiterin Mary Whitney, bis diese frühzeitig stirbt.

In dem Buch Deutschenkind von Herbjoerg Wassmo las ich folgendes:

deutschenkind

Aber Rakel saß abends nach dem Rundgang im Stall  häufig allein mit der Zeitung.
Eines Tages las sie, dass ein Kirchenmann sich gegen weibliche Geistliche ausgesprochen hatte.
Rakel fand es unmöglich, dass erwachsene Geistliche nichts anderes zu tun hatten, als sich um so etwas zu kümmern, wo es doch so viel Elend in der Welt gab. Sie müssten eigentlich vor lauter Umherrennen und Trösten und Helfen ganz atemlos und verschwitzt sein. Jesus hatte niemals ein böses Wort über Frauen gesagt, auch wenn sie Huren waren, das hatte sie selbst in der Bibel gelesen. Dann fielen ihre Augen auf die Buchspalte: „Die Frauen sind die Hoffnung“, stand da.

„Der amerikanische Ethnograph Montagu hat ein Buch darüber geschrieben, dass die Frau praktisch der Übermann des Mannes ist. Sie hat mehr Lebensfreude, weniger physische Mängel, weniger Erbkrankheiten, größere Widerstandskraft gegen physische Schmerzen und eine besser entwickelte Intelligenz. Die Frauen sind sogar fähigere Autofahrer. Der Mann weiß um seine Unterlegenheit und entwickelt Herrschereigenschaften, um sich zu rächen. Das Muskelsystem ist bei ihm bestens ausgebildet. Deswegen haben wir auch den Krieg – die spezielle Erfüllung des Mannes -, während den Frauen für den Krieg wichtige Eigenschaften fehlen. Man muss mit jeder Generation die Welt einen Zollbreit vorwärts bewegen. Die Frauen geben Leben. Versagen die Frauen, ist alle Hoffnung für die Menschheit geschwunden.“

Rakel nickt, während sie liest. Endlich gehen der Welt die Augen auf! Nein, sie wird gewiss nicht versagen! Aber was ist ein Ethnograph?, denkt sie irritiert. Rakel ärgert sich oft über alles, was sie nicht weiß, über Wörter, die sie nicht versteht. Aber dass die Frauen keine für den Krieg wichtigen Eigenschaften mitbringen, das ist ihrer Meinung nach nicht richtig. Rakel spürt, dass sie zum Krieg bereit ist, wenn es sein muss. Es gibt ja so viele Arten von Waffen.
Und von einer Kanzel und auch von einem Altar, da würde sie ganz sicher einen Speer oder zwei ins Ziel werfen.“

Mut brauchte und braucht es, um in der Welt als Frau den Kopf oben zu behalten. Wenige nur hatten und haben – weltweit gesehen – an Bildung teil, die meisten verding(t)en sich als Haushälterin, Köchin, Magd, Näherin oder als Fabrikarbeiterin, wie die Schwester von Rakel, der Mutter von Tora, Tora, das Deutschenkind …

Gemeinsam mit Grace ist Tora die Armut und ein mehrheitlich freudloses Dasein. Mut und Humor findet sie bei ihrer Tante Rakel, Tiefe und Freundschaft in dem stummen jungen Frits. Und so, denke ich, ist bei allem Trübsinn doch immer noch wenigstens eine/einer, die oder der Freude, Wärme und Lachen schenkt …

Deutschenkind spielt in den Neunzehnhundertfünfziger Jahren, im hohen Norden von Norwegen. Hart ist das Leben, das vom Fischfang abhängt. Nur bei den wenigsten regiert nicht Schmalhans Küchenmeister. Und Männer spielen, wie auch im Buch von Grace, eine eher unrühmliche Rolle.

Tora ist ein Besatzungskind, ihren deutschen Vater wird sie nie kennenlernen. Über ihn wird geschwiegen, bis Rakel dieses Schweigen bricht. Das Mädchen wird gehänselt und spürt täglich die Ablehnung. Groß ist der Hass der Inselbewohner auf die einstige Besatzungsmacht. Schlimmer aber noch als dieses ist die Gefahr-
Die Gefahr, die ihr Stiefvater für sie ist. Auch er ein Tunichtgut, ein Säufer. Ihre Mutter schuftet in der Fischfabrik und geht putzen, für das Mehl, woraus sie ihr Brot backen.

Es ist ein düsterer Roman, der mich nicht nur einmal hat erschauern lassen. Das Titelbild trifft das Bild von Tora, so wie es sich beim Lesen in mich hinein webte. Großartig ist, wie Frau Wassmo Worte für das schier Unaussprechliche gefunden hat. Schon in der Trilogie Dina (s. hierzu meinen Artikel vom 13.06.12) habe ich ihre Sprache bewundert und genossen.

Die Rache des Mannes an den Frauen … Beschimpfungen und häusliche Gewalt ist die Antwort. Gewalt, die zahllose Frauen verstummen ließ und lässt.

1840iger, 1950iger Jahre, 2013 …

Ich denke auch an die Bücher von Kristin Marija Baldursdottir: Die Eismalerin und ihre Fortsetzung: Die Farben der Insel …

eismalerin

eismalerin 2

Die Geschichte nimmt ihren Lauf in den frühen neunzehnhunderter Jahren und spielt in Island. Hier geht es um den Kampf einer Frau, die aus vollstem Herzen Malerin ist. Aber durch die Liebe, die einen sehr eigenen Weg geht, und die Geburt der Kinder, wird sie auf die Rolle als Mutter und Hausfrau zurückgeworfen. Ihre Seele schreit und letztendlich setzt sich die Malerin durch. Zäh ist sie, erst im hohen Lebensalter kommt die lang erhoffte und ersehnte Anerkennung.

Die Performancekünstlerin Marina Abramovic (siehe Mützenfalterin, Sherry und Susanne Haun) sagt unter anderem in ihrem Manifest:

„Künstlerinnen müssen Kriegerinnen sein …“

Wie schon Rakel feststellte: Es gibt ja so viele Arten von Waffen …

Immer noch bestimmen Männer in Literatur und Kunst das Bild, auch wenn sich in den letzten Jahrzehnten so einiges bewegt hat. Immer noch ist häusliche Gewalt, vornehmlich von Männern ausgeübt, an der Tagesordnung, hier, wie überall in der Welt. Immer noch ist Hure ein Schimpfwort, immer noch verdienen Frauen in selben Positionen weniger als ihre männlichen Mitstreiter, immer noch gilt es der Welt die Augen zu öffnen, dass Frauen, wenn auch vielleicht nicht besser, so aber zumindest gleichwertig anzusehen sind.

Und ich denke auch an all die Frauen, die Heldinnen waren, so wie meine Großmutter, die ihre Familie durch den Krieg brachte, meine Mutter und ihren frisch geborenen Sohn durch die Wirren von Kriegsende und Flucht sicher begleitete. Ihr Name, so wie der von tausend und mehr Frauen dieser Generation, fand auf keinem Denkmal Platz (Ausnahmen sind die Denkmäler in Berlin, Dresden und Chemnitz, die an die namenlosen Trümmerfrauen erinnern).

Wie sie es schafften, bei all der Unbill des Lebens, Humor zu bewahren, Kraft und Ausdauer für ihre Begabung, das lässt mich wieder und wieder meinen Hut vor ihnen ziehen! Aber leider war nicht jeder vergönnt ihre Kunst wirklich auszuleben und in die Welt zu tragen. So geschah es auch meiner Großmutter, die in jungen Jahren das Kunsthandwerk studierte. Zwei Kriege und später die Sorge um die Familie machten ihr einen dicken Strick durch die Rechnung. Für mich war sie die Sonne in unserer Familie, bis sie 1964 starb. Es wird Zeit für ein Denkmal!

für meine Großmutter, stellvertretend für alle Heldinnen der Alletage

30 06.01.13 Heldinnen, für meine Großmutter