8. März 2021

Zum Tag der Frau

erlaube ich mir einen Beitrag von 2016 noch einmal hier einzustellen. Aufgrund der damaligen Kommentare weiss ich, dass meine Sichtweisen nicht von allen geteilt wird. Ich aber stehe dazu und finde immer wieder „Beweise“, dass ich mit dieser Meinung weder falsch liege, noch alleine damit bin und dieser Beitrag noch immer nichts an seiner Aktualität verloren hat.

Ich habe den ursprünglichen Artikel geringfügig überarbeitet.

Wir sind noch nicht sehr weit gekommen

© Karin Kneffel – watercolours 2012 – entdeckt bei Mützenfalterin

Am Morgen lasse ich meinen Blick über die Buchrücken neben meinem Bett wandern, er bleibt an dem hellgrünen Band von Marguerite Duras hängen: „Das tägliche Leben“. Ich lese ihren Essay „Das Haus“.

„Verzeihen Sie uns, dass wir so oft davon reden.

Wir sind da, wo unsere Geschichte sich vollzieht. Nirgends sonst. Wir haben keine Liebhaber, außer im Traum. Wir haben keine menschlichen Sehnsüchte. Wir kennen nur das Gesicht der Tiere, die Gestalt und die Schönheit der Wälder. Wir fürchten uns vor uns selbst. Wir haben kalt. Wir bestehen aus Kälte, Angst, Sehnsucht. Man verbrannte uns. Man tötet uns noch heute in Kuwait und in den ländlichen Gebieten…“

© Marguerite Duras


Sie schrieb diesen Essay 1986. Wie sie, stelle ich dreißig Jahre später fest: wir sind noch nicht sehr weit gekommen, zwar weiter, aber nicht weit; nicht als Frau und Mann, nicht mit dem Wert der Frau an sich und nicht mit dem Wert ihrer Arbeit im Haus und mit den Kindern. Noch immer ist vieles Selbstverständlichkeit und somit kaum einer Würdigung wert. Es geht mir um die Gesellschaft, nicht um Einzelfälle und nicht um wenige Ausnahmen. Noch immer töten Männer Frauen (allein in Deutschland tötet jeden dritten Tag ein Mann seine Frau). Sie werden erwürgt, erstochen, erschossen, gesteinigt, ertränkt, ausgestoßen, verstümmelt an Leib und Seele. Und der Hass gegen Frauen nimmt in manchen Kreisen seit einiger Zeit zu.

Ja, es gibt auch gewalttätige Frauen, aber darum geht es jetzt und hier nicht. Dieses Argument ist aus meiner Sicht ein Totschlagargument, das jede konstruktive Diskussion im Keim erstickt und die Realitäten von Zigtausenden Frauen verleugnet.


Ein anderer Morgen, ein anderes Buch, Anne Sextons Gedichtband (s.u.):

Hausfrau

„Manche Frauen heiraten Häuser.

Es ist eine andere Art Haus, es hat ein Herz, einen Mund, eine Leber und Stuhlgang.

Die Wände sind rosa und dauerhaft.

Schau, wie sie den ganzen Tag auf Knien rutscht,

sich treu ergeben runterspült.

Männer dringen gewaltsam ein, es zieht sie wie Jonas zurück

in ihre fleischigen Mütter.

Eine Frau ist ihre Mutter.

Das ist die Hauptsache.“

© Anne Sexton


Miniatur – Treppe

Sie schreit: „Ich bin nicht deine Mutter!“ Das stille Dorf wirft keine Echos, er verlässt das Haus. In der Nacht kehrt er zurück; zum Haus, zur Frau, zur Mutter der gemeinsamen Kinder. Schwere Träume färben rosa Wände grau, die eng und enger stehen. Er findet die Treppe nicht.

Die Frau wurde Mensch aus Männers Gnaden. Wir waren die Schlampen, die Huren, machten wir den Mund auf, standen wir allein.

Die Kinder, das Haus, leise Sohlen, wenn er Nachhause kommt.

Die Kinder, das Haus, lauter Gesang und Gelächter ohne ihn.

Er sagt, was er seit Jahrhunderten sagt: „Alles nur für euch, nehmt, schweigt, seid zufrieden.“ Still soll sie sein, weich und gefügig. Er weint, wenn sie vor ihm stirbt. Schon am Grab schaut er sich um.

© Ulli Gau – Miniatur – Treppe


Als hätte Eine die Andere zuvor gelesen. Immer wieder denke ich in den letzten Wochen an das Bild von Karin Kneffel (s.o.), jetzt auch in Verbindung mit der Zeile aus Anne Sextons Gedicht : „Schau, wie sie auf Knien rutscht…“

Verzeiht auch mir, dass ich von Zeit zu Zeit von uns, den Frauen, rede und davon, dass wir nicht sehr weit gekommen sind, weiter, ja, aber nicht weit.


Ich spreche mit der Sekretärin des buddhistischen Zentrums hier in meiner Nähe. Ich frage sie, ob es viel Mühe macht „Liebe Freundinnen und Freunde“ zu schreiben, dass ich mich nicht angesprochen fühle, wenn auf den Rundbriefen „Liebe Freunde“ steht. Ich bin kein Freund, sowenig wie die Frau vor mir ein Sekretär ist oder die Lehrerin ein Lehrer. Die Sekretärin seufzt. Sie zuckt mit den Schultern, sie findet das nicht so wichtig.

Mir liegt nichts daran alle Wörter mit der Endung -er in -in zu verwandeln, für mich gibt es keine Weckerin, Wecker, bleibt Wecker, solange er bimmelt! Auch muss ich nicht die Sternzeichen verweiblichen, Wassermann darf Wassermann bleiben. Aber ich staune, dass wir immer noch darüber reden müssen, ob ich eine Freundin oder ein Freund bin, eine Diskussion mit uraltem Zopf, die sich für mich längst überholt hat, wie sich zeigt aber noch immer keine Selbstverständlichkeit ist, sondern eher in die Kategorie „lästig und kleinkariert“ gepresst wird.

Es gab und gibt die Frauen, die mir zu radikal waren und sind. Ich war nie eine Freundin der „Schwanz-ab-Fraktion“ und ich wollte auch nie die Machtverhältnisse einfach nur umdrehen. Mich interessierten und interessieren die Eigenarten der Geschlechter, jenseits der üblichen Zuschreibungen. Mich interessiert das Verbindende, sowie die Momente zwischen Männern und Frauen, in denen Begegnung auf Augenhöhe, als Mensch zu Mensch möglich ist.


„Frauen verhalten sich wie kühle rationalistische Männer oder aufgeblasene Machos, und Männer mimen den emotionalen Vamp oder die launische Frau. Auch hier zeigt sich, dass man den mittleren Weg nicht auf Anhieb und über geduldiges Nachdenken findet, sondern nur durch das experimentelle Ausloten der Extreme. Geduld auf allen Seiten und eine gute Portion Humor sind sicherlich hilfreicher als die hämische Arroganz über ungeschicktes Verhalten und die einfallslose Beschwörung eingefahrener Geschlechterrollen.“

© Sylvia Wetzel


„Man sagt mir, ich übertreibe. Man sagt mir die ganze Zeit: Sie übertreiben. Glauben Sie, das ist der passende Ausdruck? Sie sagen: Idealisierung, ich idealisiere die Frau? Möglich. Wer sagt das? Der Frau schadet es nicht, wenn man sie idealisiert.

Sie können von dem, was ich da erzähle, halten, was Sie wollen. Ich spreche für Sie wohl eine unverständliche Sprache, da ich von der Arbeit der Frau rede. Das Wichtigste ist, von ihr und ihrem Haus zu reden, vom Wirkungskreis der Frau, von ihrem Umgang mit dem Hab und Gut.

Mann und Frau unterscheiden sich immerhin beträchtlich. Mutterschaft ist nicht Vaterschaft. Als Mutter überlässt die Frau ihren Körper dem Kind, den Kindern, diese tummeln sich auf ihr wie auf einem Hügel, wie in einem Garten, verschlingen sie, trampeln auf ihr herum, schlafen auf ihr und sie lässt sich verzehren und schläft manchmal, während die Kinder auf ihrem Körper sind. Nichts dergleichen geschieht in der Vaterschaft…“

© Marguerite Duras


„Frauen hingegen passen sich ihrer Umgebung gerne einfühlsam an und „haben“ einfach keine aggressiven Gefühle. Und wenn sie sie spüren, trauen sie sich oft nicht, sie auszudrücken. Aus Angst vor Liebesverlust und Zurückweisungen scheuen sie offene Auseinandersetzungen, bringen negative Gefühle nicht zum Ausdruck und weichen so letztlich dem Leben aus. Unerkannte Ablehnung führt zu Energieabfall; daher fühlen sich viele Frauen antriebsschwach, niedergeschlagen und müde. Angenehme und unangenehme Gefühle gehören zum Leben. Verdrängen wir sie, verlieren wir unsere Vitalität. Wenn wir mit ihnen arbeiten wollen, müssen wir sie erst einmal spüren…“

© Sylvia Wetzel


Noch immer sehe ich ein großes Ungleichgewicht, wenn es um die Entlohnung für die selbe Arbeit geht, wenn es um den Prozentsatz der erfolgreichen Künstlerinnen im Vergleich zu erfolgreichen Künstlern geht, lese, dass Schriftstellerinnen von männlichen Literaturkritikern oft ignoriert und diffamiert werden, etc., und natürlich geht es mir auch um die Wertschätzung für die Frau und ihrer Arbeit im Haus, mit den Kindern und hinter den Kulissen.

Mir ist ebenfalls sehr viel daran gelegen, dass sich in der Politik, auf den Arbeitsstellen, in der Gesellschaft weibliche Strukturen etablieren. Es ist kein Geheimnis, dass die Strukturen noch immer patriarchal sind, mir ist nach mapatriarchal. Es liegt noch viel Weg vor uns!


Zitate aus folgenden Büchern:

Marguerite Duras – Das tägliche Leben – Suhrkamp Verlag – ISBN 3-518-11508-1 (1200)

Anne Sexton – All meine Lieben – Lebe oder Stirb – Gedichte – S. Fischer – ISBN 3-10-072510-7

Sylvia Wetzel – Das Herz des Lotos – Frauen und Buddhismus – Spirit Fischer – ISBN 3-596-14254-7

Zum Thema Verstümmelung/Beschneidung das wohl eindrücklichste Buch, das ich je las:

El Saadawi Nawal – Ich spucke auf euch -Übersetzung aus dem Englischen von Anna Kamp – Frauenbuchverlag: München 1984 – Signatur: Lit Afr 169


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Der Schmerz von Marguerite Duras und die Ästethisierung des Grauens

Der Schmerz der Marguerite Duras ist echt, er ist greifbar. So greifbar, dass ich ihn während des Lesens kaum aushalte. Dieses Buch beinhaltet authentisches, neben literarischem, wie sie es selbst vor jedem neuen Kapitel benennt. Die „Geschichten“ sind ihre Geschichten, Erlebtes in der Endzeit der Besatzung Frankreichs durch Nazi-Deutschland, ihrem Warten auf den Geliebten, der nach Dachau verschleppt wurde, ihre Zeit des Hoffens und Bangens, ob er überlebte oder nicht. Er überlebte knapp. Ein Fremder kehrte heim.

Aber es geht auch um ihre Rolle im Widerstand, sie verschweigt nichts, selbst das nicht, was aus heutiger Sicht so anmutet, dass man sagen möchte, das kann man doch nicht machen. „Man“ … ich. Weil es grausam ist, weil es gewalttätig ist, weil ich dann doch ein weichgespültes Nachkriegskind bin, das sich einst love and peace auf weisse Laken geschrieben hatte. Damals, als ich noch daran glaubte, dass eine Welt ohne Krieg und Grausamkeiten möglich wäre und darüber vergass, dass ich selbst weder friedlich noch aggressionslos war (und bin).

Und während ich am heutigen Nachmittag das Buch las, ging mir wieder einmal das Holocaust-Mahnmal in Berlin durch den Kopf, dachte an die Zeit, als man darüber heiss diskutierte und stritt und sich dann für einen Entwurf eines berühmten amerikanischen Architekten namens Peter Eisenman entschied. 2712 Stehlen in unterschiedlichen Höhen aus Beton gegossen, ohne Armierung im Inneren. 2712 Stehlen, die, wie der Architekt selbst sagt, keinerlei symbolische Bedeutung haben. Wie kann es sein, dass ein Mahnmal solchen Ausmasses noch nicht einmal Symbolcharacter hat? Wie kann es sein, dass das Ganze für 55,2 Millionen Euro errichtet wurde, plus den 40 Mill., die das Grundstück Wert sein soll, und man dann immer noch daran sparte die Stehlen so zu gestalten, dass sie nicht schon nach 2-3 Jahren erste Risse zeigten, die nun von Jahr zu Jahr mehr werden und wiederum Millionen kosten werden, um sie instand zu setzen?

Ein Mahnmal, das ich schon immer argwöhnisch betrachtete. Vielleicht auch deshalb, weil es mir insgesamt viel zu ästethisch erscheint für das, was es symbolisieren soll. Unsere Vergangenheit wird zwar aufgearbeitet, aber eben auch geschönt, geglättet, versiegelt, wie die Oberfläche der Stehlen, damit sie vor Grafittischmierereien geschützt sein sollen. Okay, ich will dort auch keine Hakenkreuze oder ähnliches sehen, aber ich will diese ganze Ästethisierung auch nicht!

Ich erinnere mich an einen Besuch in dem Frauen KZ Ravensbrück, nahe Berlin. Auch hier stolperte ich über einen frisch gekälkten Krematoriumsraum, vermisste die abgerissenen Baracken und fragte mich was man denn eigentlich wollte. Das Grauen zeigen oder schöntünchen, da war Theresienstadt ehrlicher. Auch grausamer. Aber genau das war es doch auch!

Als ich dann im Rest des Innenhofs von Ravensbrück stand, damals lief gerade in Berlin die Diskussion um das Mahnmal heiss, sah ich 7ooo Mooreichen den Innenhof bevölkern, 7000 als Symbol für 6 Mill. getötete Juden, plus einer Million und mehr getöteten Sinti, Roma und Andersdenkenden- ihre Zahl ist bis heute nicht genau erfasst …

Mooreichen, das sind Eichen, die zwischen 600 und 8500 Jahren in Mooren, Sümpfen und Flüssen liegen, deren Gerbsäure sich mit den Eisensalzen des Wassers verbinden und somit das Holz schwärzen und fast zu Stein werden lassen, die lebendig erscheinen, auch wenn sie schon lange tot sind. Mooreichen auch deswegen, weil sie, auch wenn sie geborgen wurden, lange halten und das Vergessen dieses Grauens nicht eintreten darf, auch nicht in 8500 Jahren! Aber wer bin ich schon, dass ich als No-name einen solchen Vorschlag der Jury unterbreitet hätte. Sicherlich, auch Mooreichen wären teuer geworden, so häufig sind sie nun einmal nicht, sicherlich hätte auch ihre Oberfläche versiegelt werden müssen, aber letztlich glaube ich bis heute, dass dies angemessener gewesen wäre, als das, was gemacht wurde …

Und heute kreierte ich mein ganz persönliches Holocaust-Mahnmal, 70 Mooreichen vor einem Foto des Innenhofs vom Frauen-KZ in Ravensbrück … gegen das Vergessen und als Würdigung für den grossen Schmerz und die grosse Angst dieser Zeit und ihrer Folgejahre …

0152 03.09.2014 Holocaust-Mahnmal