Erinnerungsschaukel 001

Meine dritte Etüde hat mich auf die Idee gebracht, Texte, die von meinen Erinnerungen getragen werden, unter der Überschrift  E R I N N E R U N G S S C H A U K E L noch einmal hier einzustellen. Neue werden vielleicht geschrieben.

Das oben stehende Bild wird das „Cover“ sein.

Manche Texte erschienen schon einmal in den Rubriken „Kurze Zeilen“ und „Miniaturen“. Andere, längere erschienen unter einer Überschrift, sie hatten keine Rubrik.

Nicht alle Erinnerungen sind so still und schön, wie die in meiner Etüde. Meine Kindheit war weder nur schön, noch nur schwer und dem versuche ich in der Erinnerungsschaukel Rechnung zu tragen.

O C H S E N B E R G E R  E I N S  Z W E I  D R E I

Es waren Murmelspiele, Hinkekästchen, wilde Jagden, Ochsenberger-eins-zwei-drei, Mutter-Mutter-wie-weit-darf-ich-reisen, Vater-Mutter-Kind.

Viele Mütter, viele Väter, viele Kinder, ehrliches Brot, gesunder Stolz und am Samstag großes Reinemachen. Der Sonntag- und der Satansbraten, Montagsnudeln, Dienstagseinerlei, Mittwochsstampfkartoffeln-mit-Sauerkraut-und-Bratwurst, Donnerstagsreste, Freitagsfische, Samstagseintopf, Woche für Woche. Jahr für Jahr Rhythmus, Fleiß und Wiederaufbauschweiß. Keiner hat nie etwas gewusst und jetzt war es ja vorbei. Als gäbe es eine Endgültigkeit, ein Ab-ins-Meer-damit-und-weg-ist-es. Als gäbe es Teppiche fürs Drunterkehren, als wäre Schweigen stumm. Als könnten wir uns neu erschaffen, den Göttern gleich. Als hielten wir das Ende und das Wie in unseren Händen.

26.06.2016


To my English speaking readers: From now on you can read every article of me in English, too, if you’ll go to the end of my blog page, you’ll find the button „Google Translater“. Enjoy!

Kurze Zeilen – 24 –

Kinderspiele

Es waren Murmelspiele, Hinkekästchen, wilde Jagden, Ochsenberger-eins-zwei-drei, Mutter-Mutter-wie-weit-darf-ich-reisen, Vater-Mutter-Kind.

Viele Mütter, viele Väter, viele Kinder, ehrliches Brot, gesunder Stolz und am Samstag großes Reinemachen. Der Sonntag- und der Satansbraten, Montagnudeln, Dienstageinerlei, Mittwochstampfkartoffeln-mit-Sauerkraut-und-Bratwurst, Donnerstagreste, Freitagfische, Samstagsuppe, Woche für Woche. Jahr für Jahr Rhythmus, Fleiß und Wiederaufbauschweiß. Keiner hat nie etwas gewusst und jetzt war es ja vorbei. Als gäbe es eine Endgültigkeit, ein Ab-ins-Meer-damit-und-weg-ist-es. Als gäbe es Teppiche fürs Drunterschaufeln, als wäre Schweigen stumm. Als könnten wir uns neu erschaffen, den Göttern gleich. Als hielten wir das Ende und das Wie in unseren Händen.

Kurze Zeilen – 23 –

0134abcd 10.06.16 Discokugel

Hast du etwa Erwartungen? Ja. Ja, ich habe Erwartungen … an mich zuerst und manchmal auch an andere. Die Enttäuschung ist mit bekannt. Aber ob ich erwarte oder wünsche macht nur wenig Unterschied, auch wenn das manche behaupten. Erwartung paart sich mit Enttäuschung, Wunsch mit der Möglichkeit der Nichterfüllung, die Nichterfüllung dann wieder mit der Enttäuschung. Ich darf erwarten und kann enttäuscht werden, ich darf wünschen und der Wunsch wird nicht erfüllt, so what? Was bauen wir nicht alles in und zwischen uns! An alten Haken hängt das Leben.

Kurze Zeilen – 22 –

nacht 1

Es fehlen schon Einige in unserem Kreis. Lücken schließen, aber füllen sich nicht. Unter dem frühsommerlichen Nachthimmel sitzen wir nebeneinander, drinnen tanzen andere ausgelassen zu alter Musik, die mich langweilt. Du sprichst von den Fehlenden. Wir schweigen als du weinst, unsere Hände ineinander gelegt. Halt im Haltlosen. Dann ist es vorbei. Wir schauen uns an. Du wischst die Tränen fort, unsere Hände, jetzt wieder bei einer Jeden, greifen zu den Gläsern. Auf die Fehlenden, die kurz mit uns unter dem frühsommerlichen Nachthimmel saßen und die Lücken füllten.

kurze Zeilen – 15 –

a

Ein kleiner Mann mit Schirmmütze lässt die Urne in einem Netz in das vorgefertigte Erdloch sinken. Kurz noch bleibt er davor stehen, dann dreht er sich um und geht gemessenen Schrittes zurück. Kein Wort. Von niemanden. Gegenüber zeigt sich plötzlich ein kleines Stück blauer Himmel. Vögel singen.

Farewell Mikel.

Als wir uns später an den Gesang der Vögel erinnern und ich sage, dass ich mir am Grab ein Lied von Lou Reed gedacht habe, weil Mikel und Lou Reed für mich zusammen gehören, brach noch einmal für diesen Tag ein Sonnenstrahl durch die Wolkendecke. Im Osten zeigte sich ein Regenbogen.

Kurze Zeilen – 13 –

Meru

Ich habe den Berg Meru noch nicht umrundet. Habe ich je einen Berg umrundet? Ich bin von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang gegangen. Wasserflaschen waren im Rucksack, ein Heft und ein Stift, ein Regencape, das auch Decke sein kann. Ich bin gegangen, bis die Füße von alleine liefen. Ein Ziel gab es nicht, nur ein Ankommen. Ich wäre gerne Bärin gewesen! Ich war eine Maus.

Anmerkung

Das Bild © http://www.emmet.de/hb_kailash/kailash8_thank.jpg – danke

Kurze Zeilen – 12 –

0074a 10.02.16 zu kurzen texten autowrack

Zur Erinnerung an einen zornigen Mann:

Er war Einer, der die Erde lesen konnte. Einer, der am Morgen lachend vom Fluss kam.
„Hey Martin, how are you?“ „Thank you, I survived that night.“ Wir lachten. Er ging ins Haus, ich an den Fluss, der still und weit war, wie ein See. Frühlingsblumen zwei Tage nach Mittsommer, Raureif auf den morgendlichen Wiesen. Alles in Ordnung. We survived that night. Er war ein Mann, der seinen Zorn nicht überlebte. Wie traurig ist ein Autowrack mit einem Mann darin, der am Morgen lachend vom Fluss kam, der sich freute die Nacht überlebt zu haben, dem man die Erde nahm und dessen Fluss man beschmutzte. Still stehen die Schneeberge im Norden.

DSC01150

Kurze Zeilen – 10 –

DSC_0017

„Einmal im Jahr muss man das Meer gesehen haben“, das war einer deiner Sätze. Seitdem sind meerlose Jahre was? Was bleibt und was verweht, was sich wiederholt und was einmalig Säulen in den Raum stellt. Wie Ich-Geschichten belanglos werden. Du bist ein verblasstest Zeitungsbild, aber dein Satz stellt sich noch immer in jedes Jahr.

Kurze Zeilen – 9 –

Das Beste hoffen, tun, so gut es eben geht, soweit das Wissen reicht. Später, wenn Unwissenheit zu neuem, vorläufigem Wissen gereift ist, auch das annehmen, ohne Asche auf dem Haupt. Den Kleinen halten und nähren, dann loslassen und Vertrauen auf die Wege streuen. Vergeblichkeit rieselt auf Häupter und Hände, Wurzeln wachsen langsam in die Erde. Ohne Schuld und Scham zu sein schützt weder vor dem Fall, noch dich.


Karfunkelfee setzte gestern dieses wunderbare Adagio in den Kommentar, das auch zu diesem Text passt – danke, liebe Fee

Kurze Zeilen – 8 –

0078 16.02.16

Unter der Bodenlosigkeit ist ein Grund, eine Erde unter der Krume, ein Himmel hinter den Wolken und etwas hinter den Worten. Worte fallen in den Brunnen. Sie lassen sich nicht finden, nicht aussprechen, nicht schreiben. Momente, die Klang sind, ein Adagio in Moll. Momente, die eine Träne und ein Meer sind, wohinein sie versinken wollen, ins Ungeschehene und Ungehörte. Als ob das ginge. Es reißt an mir, hin in deine Abgründe, die mir fremd sind. Wohin gehst du jetzt?