Zeichen und Worte

„… gerade das Nichtverstehen ist das Wichtigste in der Kunst …“ Johannes Stüttgen

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Johannes Stüttgen – ehemaliger Student von Joseph Beuys zum 100jährigen Geburtstag von Beuys und andere:

https://kunstmuseenkrefeld.de/de/Exhibitions/2021/Kunst-Mensch-Joseph-Beuys-In-Krefeld  (Um zu den Redebeiträgen zu kommen, musst du das Bild anklicken)


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Kunst für meinen Hut 001

Ich stelle einen Hut auf.

Ihr wisst schon, so einen, wie er auf den Straßen bei MusikerInnen zu sehen ist oder bei MalerInnen, AkrobatInnen und natürlich bei BettlerInnen.

Die Krise hat auch mich erwischt. Alle meine Aufträge – kochen für Seminargruppen, Artikel für die hiesige Tageszeitung schreiben – sind ihr zum Opfer gefallen. Leider gehöre ich wiederum nicht zu den zu unterstützenden Menschen in D, ganz nach dem Motto: Wer arm (geworden) ist, soll es auch bleiben.

Darum stelle ich jetzt zweitägig hier ein Bild oder eine Serie von mir unter dem Motto „Kunst für den Hut“ ein.

Ich freue mich, wenn du eins dieser Bilder erwerben möchtest!

Vielleicht hast du ja auch ein Lieblingsbild aus den letzten Wochen/Monaten/Jahren oder eins aus den Galerien (s.o.)? Auch diese gehören unter meinen Hut für den Hut.

Gerne können wir uns per Mail, unter „Kunst für den Hut“ über Wünsche und Vorstellungen zu Format und Layout und somit über den Preis austauschen. I’m looking forward!

 

Ich beginne mit

Mondfalterbach

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To my English speaking readers:

If you are interested, you can read every article of me in English. You have to go to the end of my blog page, there you’ll find the button „Google Translater“. Enjoy!

Für Gerda oder über die Anfänge der Kunst

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Gerda machte sich in mehreren Beiträgen Gedanken über die Kunst, ihre Anfänge in Beziehung zum Jetzt, wie eins ins andere greift und aufeinander fußt und bis ins Heute wirkt, sowie weiter über die Gleichzeitigkeit allen Seins. Am besten ist du liest es bei ihr selbst nach.

Gestern schlug sie einen Bogen von der Höhlenmalerei zur digitalen Kunst. Nachlesen und die Bilder zum Thema anschauen kannst du hier → https://gerdakazakou.com/2020/03/11/anfang-und-vorlaeufiges-ende-der-kunst-von-der-hoehlenmalerei-zum-elektronisch-erzeugten-bild-collage/

Im Vorfeld hatten wir uns darüber unterhalten wo wir denn den jeweiligen Anfangspunkt für die Kunst setzen würden. Ich schlug sofort die Höhlenmalereien vor, wie auch Myriade. Gerda nahm diesen Faden auf und fragte mich in ihrem gestrigen Beitrag dazu, ob ich nicht auch ein Bild gestalten wollte. Ich wollte. In ihrem Beitrag folgte ich einem Link zu einem Artikel, der sich mit den ältesten Funden der Archäolog*innen in Bezug auf Höhlenmalereien und Handabdrücke beschäftigt.

https://www.welt.de/wissenschaft/article133442959/Das-Geheimnis-der-weissen-Haende.html

Mir fiel dabei auf, dass diese Funde 40-50.000 Jahre alt sind, genau so alt wie die ältesten schamanischen Kulturen, die bis heute bekannt sind.

Schamaninnen und Schamanen in der ganzen Welt benutzen die Trommel, die Rassel und oder monotone Gesänge, um sich in eine Trance zu setzen. So gilt die Trommel als das Pferd zur Anderswelt. Dies ist der Grund warum ich mich für das Pferd in dieser Montage entschieden habe. Das Pferd als Träger der Kunst seit nahezu 50.000 Jahren, über alle Zeiten und Stile hinweg. Und da ich nicht an ein Ende glaube, sondern nur an einen stetigen Wandel wird das Pferd auch die Kunst des Jetzts ins Morgen tragen, wie immer es aussehen wird!

Mir geht es auch um die Wurzeln, ohne diese Wurzeln kann es ein Jetzt nicht geben. Jede Generation lernt von den vorhergegangenen und alles was je geschah und geschehen wird hinterließ und hinterlässt genetische Abdrücke. So schaut das Pferd neugierig auf das Jetzt, nimmt auf und wird weiterziehen.

Künstlerin sein

It’s me, my life, my way

Selbstporträt 2016 – Self-Portrait 2016

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Louise Bourgeois*

Der Masoschismus artikulierte sich zur Zeit der Femme Maison in dem Gefühl, dass ich nicht das Recht hatte Künstlerin zu sein. Das war ein Privileg. Versteht man aber die Kunst als Privileg, so denkt man per definitionem, dass man es nicht verdient. Man verweigert sich andauernd etwas – man verleugnet sein Geschlecht, man versagt sich die Werkzeuge, die ein Künstler benötigt -, weil es einen Geld kostet Bildhauer zu sein. Betrachtet man die Kunst als Privileg statt als etwas, das der Gesellschaft nützt, so muss man sparen und für seine Kunst leiden …

In diesem Masoschismus finde ich mich immer mal wieder. Leider.

Ich bin es, die sich die Felsbrocken auf den Weg rollt. Die Umkehrung ist die eigene Wertschätzung für meine Ideen und Werke und sie der Welt zur Freude und zum Nutzen zu zeigen und zu präsentieren.

Es geht um die Schöpfungen, weniger um meine Person, die im weitesten Sinne Schöpfkelle und Schöpfende zugleich ist, um das zu schöpfen, das schon im Raum ist. Unsichtbares sichtbar zu machen. Liebende, wertschätzende AugenBlicke zu zeigen (Fotografie). Unterbewusstes aufsteigen und sich in einem Bild manifestieren zu lassen (Fotomontagen).

Es geht nicht um Traumlandschaften. Sondern? Es geht um innere Landschaften, die sich im Außen zeigen. Wie entstehen sie? Äußeres dringt nach Innen, verquickt sich dort mit Gefühlen, inneren Haltungen und Bildern, zusammen kehren sie als ein neues Ganzes ans Licht zurück.

Ich nenne das Verdauungsprozess, Transformation, Schichtenerforschungen, Wurzel- und Sedimenterkundungen.

Es geht auch um die gegenseitige Befruchtung/Inspiration. Das eine Wort, das das andere gibt, das eine Bild, die eine Formulierung, die eine Redeweise, die eine Melodie, die eine Form, die in mich hinein schwingt, neue Worte, neue Sätze, neue Bilder wachsen. Ein freudiges, ein nachdenkliches, auch ein zorniges Hin und Her, ein Ping Pong der Außen- und Innenkräfte.

Bremsen sind die Scham, die zeitweilige Minderwertigkeit. Letztere schürt Ängste, stachelt sinnlose Vergleiche an, lässt Sockel und Siegertreppchen auf- und abbauen.

Erkenntnisse fördern Zuversicht und beflügeln Schritte.

Eine alles im Gleichgewicht haltende Waage gibt es nicht, nur die täglichen Bemühungen sich selbst Waage und Ausrichtung zu sein.

Und dann wieder liege ich auf der Erde und lausche ihrem Lied.


To my English readers: unfortunalety I am not able to translate my textes into English, it would take too much time. I am very sorry about this.


* Donald Kuspit – Ein Gespräch mit Louise Bourgeois – Piet Meyer Verlag – ISBN 9 783905 799132

Rückblick April 2019

Da ich meinen Blog nicht als Tagebuch führe und ich, gerade im April, meinen eigenen Projekten und denen von und mit anderen folgte, bleibt am Ende dieses Monats eine Menge an Bildern übrig, die ich wieder gerne in einem Rückblick zusammenfasse und zeige. Dieses Mal auch mit Text.

Da ich gesundheitlich nicht in Topform bin, war ich auch lange nicht soviel unterwegs wie sonst, sodass ich viele Blüten nicht fotografiert habe. Die Natur zeigt sich im schönsten Kleid, sehr früh blühten und blühen in diesem Jahr die Bäume, Sträucher und Blumen, für mich sind es mehr Mai- als Aprileindrücke. Die Kirschblüten hatten es mir in diesem Frühjahr ganz besonders angetan, einige davon zeigte ich schon, nun noch zwei weitere und andere Blütenbilder.

Gelbes Habichtskraut mit Hummel

Am Ende des Monats war ich in Basel, um mir im Baseler Antikenmuseum – Sammlung Ludwig – zum einem die aktuelle Ausstellung „Nackt“ anzuschauen, wie auch die Sammlung selbst. Hier sind viele Statuen und kleine Figuren aus Griechenland, Persien und Ägypten ausgestellt. Ganz besonders hatten es mir die kleinen Figuren angetan, die zum Teil schon 3000 Jahre und älter sind.

Nackt also. Der Anlass ist die immer wiederkehrende Diskussion um klassische Gemälde, die nackte Frauenkörper zeigen. Vielleicht erinnerst du dich noch an den Streit um das Bild von John William Waterhouse: Hylas und die Nymphen.

In diesem Bild griff Waterhouse ein Thema aus der griechischen Mythologie auf. Was einst gewürdigt wurde, gilt heute bei manchen als anstößig und sexistisch. Dieses wollte und will nicht jede Kuratorin/jeder Kurator hinnehmen, zurecht, wie ich finde.

Ich habe zwei Banner im Antikenmuseum fotografiert, ich hoffe du kannst die Texte lesen – hier gilt, was generell gilt, wenn du auf das Bild klickst, wird es größer und damit auch leichter lesbar, so öffnen sich auch die Galerien.

Archaische Darstellungen einer Fruchtbarkeitsgöttin und zweier -götter

Ich kann unmöglich alle Fotos aus dem Museum zeigen, darum hier nur meine Lieblinge. Vielleicht ergibt sich ja die Gelegenheit, dass ich ein anderes Mal noch mehr zeige.

Kleine Tierfiguren

Bleibe ich für dieses Mal bei den Tieren, nun wieder en nature. Zwei Eidechsen entdeckten meine Enkelkinder und ich auf einem Morgenspaziergang, eine Smaragdeidechse und eine mit sehr dickem Bauch. Wir überlegten, ob sie kurz vor der Eiablage stand.

Am Nachmittag des selben Tages, es war der 7. Geburtstag meiner Enkelin, fuhren wir, zusammen mit ihren Eltern, in den Baseler Zoo. Sie hatte sich das gewünscht. Ich bin nicht die große Zooliebhaberin, auch wenn sich in den letzten zwei Jahrzehnten einiges an der Tierhaltung geändert hat, sprich die Tiere mehr Platz haben. Trotzdem hat mich das eine und andere wieder sehr nachdenklich gestimmt. Das behielt ich aber für mich. Die Kinder hatten so viel Freude und die wollte ich ihnen nicht nehmen. Das Thema hat noch Zeit!

Ein Malaienbär, der mir bis dato unbekannt gewesen ist

Die wundersame Welt der Quallen, plus zwei Seepferdchen

 

Vier- und Zweibeiner

Bilder vom Brunnen im Frühlingskleid, mit und ohne Biene

Impressionen vom letzten Sonntag im April

Das Küchendachfenster – die Linde trägt nun wieder ihr grünes Kleid, Hagelschmelz auf der Scheibe

Kleine Hagelkörner, Regen und Blütenblätter auf einem der anderen Dachfenster

Am Abend – der Blick aus meinem Bürofenster (wenn ich auf den Stuhl klettere 😉 )

ENDE

Ich wünsche euch einen beschwingten Tanz in den Mai.



alle Bilder © Ulli Gau – bis auf das Gemälde von John William Waterhouse, das ich in der Bildersuche fand.

Lange Abende

© John Lurie Deer and Stoplight, watercolor and ink on paper, 12″x18″, 2009

Die langen Abende laden ein zu lesen, Tee zu trinken, Bilder zu gestalten, Kerzen anzumachen, zu schreiben oder im musikalischem Erinnerungsarchiv zu kramen.

Was ist eigentlich aus John Lurie geworden?

Ach was … er erkrankte 1994 an Borreliose und zog sich seitdem häufiger zurück … er begann zu malen … aber er veröffentlichte auch weitere Alben und trat mit seiner und von seinem Bruder 1978 gegründeten Band John Lurie and the Lounge Lizards weiterhin auf.

Ich war Fan. Ich erinnere mich, dass er 1991 in Berlin ein Konzert gegeben hat. Klar, ich wollte hin und dann erfuhr ich den Preis. No way! Siebenundzwanzig Jahre später, sozusagen jetzt, lausche ich genau diesem Konzert, drehe am Lautstärkeregler, tanze, innerlich, äusserlich. Nichts geht verloren.

Wer seine Musik nicht kennt und Jazz mag, der/dem empfehle ich diese Konzertmitschnitte – ja, es braucht Zeit! Musik für lange Abende.

In einer kleineren Formation: The John Lurie National Orchestra – Jazz Jamboree 1992

Ein Album übers Fischen, zusammen mit Jim Jarmusch, Tom Waits, William Dafoe, Matt Dillon und Dennis Hopper. Nein, John Lurie weiß nix übers Fischen. Sagt er.

Wer mehr über ihn erfahren will, kann hier nachlesen → https://de.wikipedia.org/wiki/John_Lurie

Mehr Bilder gibt es hier zu sehen →  http://johnlurieart.com/

Einmal Fan, immer Fan.

Von Bäuchen und Höhlen

Für Gerdas Projekt

Venus von Willendorf, Venus vom Hohle Fels, eine Erdmutter

Wieder stöberte ich durch meine und durch digitale Archive. Hängen geblieben ist der Satz unter dem Bild der Venus vom Hohle Fels: „Die Geburt der Kunst“.

Ja, um Geburt geht es mir, ob nun von Kunst oder dem Leben. Kunst ist Ausdruck des menschlichen Lebens, ist Verehrung, ist Liebe, ist Schönheit, ist Kritik, ist Spiegel und mehr.

Um Höhlen geht es mir, ihrem Blick von Innen nach Außen. Luna darf für mich bei diesem Thema nicht fehlen!

Um Schutzräume geht es mir. Höhlen sind Schutzräume für Tier und Mensch. Höhlen führen ins Erdinnere, in andere Welten, mal Unterwelt, auch Hades genannt oder Untere Welten, wie es im Schamanismus heißt und sie führen in Schattenreiche, aus psychologischer Sicht.

Um Bäuche geht es mir, Bäuche sind Höhlen, sind Schutzräume für die Organe, Schutzräume für neues Leben bei den Frauen.

Ich denke an Nester,

an Nestbau,

an Fruchtbarkeit und an rote Eier.


So schlage ich meine Bögen von einem zum anderem …

Die Bilder stammen aus verschiedenen Epochen, nur die erste Bildtafel ist neu zusammengestellt.

Wer mir schon länger folgt weiß,  dass die Venus von Willendorf im Närrinnenzyklus auftauchte. Die Erdmutter ist eine Tonfigur von einer meiner Lehrerinnen, die ich abfotografiert habe. Wer sie geformt hat weiß ich nicht. Sie war Bestandteil der einen und anderen Fotomontage und Collage in 2011 und 2012, z.B. hier → https://cafeweltenall.wordpress.com/2012/01/24/oh-du-alte-mutter-erde/

https://cafeweltenall.wordpress.com/2012/10/28/its-a-black-magic-woman/

Das Nest ist eine neue Fotomontage und die drei folgenden Bilder habe ich heute bearbeitet, diese aber lasse ich jetzt unkommentiert, vielleicht magst ja du? Nur so viel will ich verraten, eins ergibt das andere.

wie immer werden alle Bilder groß, die Galerie öffnet sich, wenn du sie anklickst –


Die Bilder der Venus von Willendorf und der Venus vom Hohle Fels habe ich aus dem Netz gefischt, alle anderen Bilder © Ulli Gau

Reisenotizen – 3 – Hannah Höch in Mannheim

Bauzaun um den Neubau der Mannheimer Kunsthalle herum

(draufklick = groß = es lohnt sich, allein wegen der ganzen Länge und der Sätze)

Der andere Bauzaun -eine Diashow

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Endlich habe ich den Weg nach Mannheim zur Ausstellung von Hannah Höch gefunden. Schon im Mai las ich bei Birgit von Sätze und Schätze darüber, es war ein Muss für mich. Am 14. August endet die Ausstellung, ich habe es also so eben noch geschafft.

Hannah Höch begegnete mit vor einigen Jahren, während ich an meinen Bildern zu „Der kleinen Stadt und der Närrin“arbeitete (siehe oben in meiner Galerienleiste). Immer mal wieder wurden meine Arbeiten, besonders während der ersten Phase, im Kommentarstrang mit ihren Werken oder denen von Kurt Schwitters verglichen. Lassen wir die Vergleiche, von denen ich keine Freundin bin! Aber so begann ich mich mit dem Werk von Hannah Höch auseinanderzusetzen, viel kannte ich bis dahin nicht.

Die Ausstellung empfinde ich als Geschenk, neben der Inspiration und den Fragen, die ich mir zu stellen begann. Doch dazu ein anderes mal.

Ein Buch, ein Bild und viele Worte von Hannah Höch selbst, aus denen ich hier zitiere-

DSC02395
(alle Bilder können zur größeren Ansicht angeklickt werden)

Lebensbild Hannah Höchentstanden 1972-73

In der Folge zeige ich keine Collagen, sondern gemalte Bilder, die mich besonders fesselten und fesseln, die nicht unbedingt mit den gewählten Zitaten korrespondieren.

Ich habe alles gleich einbezogen, schon ganz früh, da brauchte ich nicht erst alt zu werden.

DSC02393SATURN – 1922 – Öl auf Leinwand

Ich glaube, dass jeder phantasiebegabte Künstler von gewissen, immer wiederkehrenden Ideen besessen ist.

DSC02392DER MENSCH SCHREIT -1928

Ich möchte die festen Grenzen auswischen, die wir Menschen mit einer eigensinnigen Sicherheit um alles, was in unseren Bereich kam, gezogen haben. Ich will aufzeigen, dass klein auch groß sein kann und groß auch klein ist; allein der Standpunkt, bei dem wir bei unserem Urteil ausgehen, muss anders gewählt werden. Ich würde heute die Welt aus der Sicht einer Ameise wiedergeben und morgen so, wie der Mond sie vielleicht sieht.

DSC02391STURM 1935 – Gouache

Wir machen Aufnahmen von Menschen, in (…) jeder Lebenslage. (…) Wir fangen ein den Mikrokosmos und das Licht, den Stein, das Weltall, vergangene Kulturen, den Krieg, den Staub auf dem Mond, Formeln, Kernspaltung (…). Dies ist die Grundlage, auf der die Fotomontage und parallel zu ihr die Collage entstehen m u s s t e.

Der Raum hier reicht lange nicht aus, um alles zu zitieren, was von Hannah Höch zu mir spricht. Ich bedauere sehr, dass ich nicht mit ihr an einem Tisch sitzen und reden kann. Ich stelle mir vor, wie sie heute auch an einem PC sitzen würde, um weiter an ihren Fotomontagen und Collagen zu arbeiten. Ich sehe sie in ihrem großen Garten in Berlin Heiligensee. Ich denke an sie im Zusammenhang von zwei Weltkriegen, an ihre klugen und seherischen Fähigkeiten, neben der vielzitierten Ironie und ihrem Humor, den man auch in ihren Bildern und Collagen entdecken kann. Ich sehe vor allen Dingen eine ernsthafte, tatkräftige und gespürige Frau, die sich ihrer Zeit gestellt hat und auch den Grausamkeiten, die diese Zeit ausmachte. Dazu schreibt sie in ihrem Tagebuch am 27. Januar 1946:

(…) Ich schreibe alle diese Dinge auf in der Hoffnung, dass dieses Buch auch nach meinem Ableben erhalten bleibt und vielleicht doch von diesem oder jenem gelesen wird, der dann erinnert werden soll:

K R I E G bedeutet: Tod, Jammer, Abschied, Verzweiflung, Schmerzen, Heimatlosigkeit, Verarmung, Kälte bis zum Erfrieren, Kälte bis zum VERhungern, un – sprech – liches – Elend.

Ich werde versuchen vieles festzuhalten, rückzuerinnern was sonst die Zeit aus dem Gedächtnis auslöscht, aus diesen verzweiflungsvollen 12 Jahren.

Berlinische Galerie, Archiv Edition – Band III – 1946-1978 Abteilung, Nr. 46.71

Und DADA … ja DADA, klar DADA, aber bitte wer weiß schon so genau was DADA wirklich war? DADA ist nicht GaGa. DADA war vor allen Dingen eine Bewegung, ein Protest gegen den herrschenden Kunstmarkt und die damaligen Gesellschaftsstrukturen, ihrer Moral und ihren Gepflogenheiten.

DADA

…sagte einst Hans Arp – ich fand diese Postkarte in einem Museumsshop, leider habe ich nur diese Seite abfotografiert und sie dann verschickt, sodass ich nur vermuten kann, dass das Urheberrecht dieser Karte beim Hans Arp Museum – Rolandseck liegt.
DADA a
Wer will kann dazu auch hier lesen → oder noch besser sich in einschlägiger Literatur schlau machen.

Während ich durch die Ausstellung gehe, vor einigen Bildern lange stehen bleibe, wie zum Beispiel bei dem oben gezeigten Bild „Sturm“, fällt mir ein Satz eines jungen Künstlerfreundes ein: „Es gibt keine Bewegung mehr.“ Wir leben in einer Zeit da scheint alles möglich, zumindest was die Gestaltung von Bildern anbelangt und doch überwiegt so viel Gefälliges, so viel Schön-schön … und der Kunstmarkt? Ach, lassen wir das! Ja, ich wünsche mir auch (eine) Bewegung und nicht nur in der Kunst. Zeit wäre es…

Ich fand in Hannah Höchs Bildern erschreckend viel Aktuelles und wieder dachte ich, dass sich die Geschichte einfach nicht wiederholen darf!

Später fragte ich mich noch, ob jede Zeit ihre eigene Symbol- und Formensprache hat? Ich kam auf die Frage, weil ich in ihren Bildern Linien, Formen und Aufbauten sah, die mich an Paul Klee, Feininger, Max Ernst, Hans Arp denken ließen. Ich tendierte zu einem Ja, erinnerte mich an die eine und andere Kunstgeschichtsstunde. Als ich die Ausstellung verließ, fiel mein Blick als erstes auf diesen Satz:

015 H.H.

Sag ich doch! (Wenn doch immer die Antworten so prompt, schlicht und klar daherkämen… )

Zum Schluss möchte ich noch einmal Hannah Höch mit einem Satz sprechen lassen, der in mir brennt:

Man ist immer gehetzt. Gepeitscht von den aktuellen Ereignissen. (…) Von dem eigenen Schaffenstrieb, der so lange unterdrückt vegetierte und nicht zu bändigen ist.

Hannah Höch in einem Brief an Richard Huelsenbeck, 1951

Anmerkungen

Die hier gezeigten Bilder habe ich aus dem Ausstellungskatalog abfotografiert und unterliegen dem Urheberrecht:

DSC02390von Inge Herold und Karoline Herold zusammengestellt ISBN 978-3-86228-139-8

Zitate aus dem Buch: Das Lebensbild von Hannah Höch – eine visuelle Autobiografie – von Alma-Elisa Kittner – ISBN 978-3-941644-81-6

Reisenotizen – 2 – Leerstand

0181 08.08.16 rad der zeit

Wann immer ich in den letzten Jahren in kleinen und größeren Städten unterwegs bin, springt mich der Leerstand an. So viele Geschäfte, die schlossen und nicht mehr wiederbelebt wurden, so viele Häuser, die nicht renoviert werden, wohl weil der Denkmalschutz zu teuer ist oder es sich so wunderbar damit spekulieren lässt?

0182 08.08.16 leerstand - rad der zeit

Es gibt zu wenig bezahlbaren Wohnraum heißt es immer wieder und nicht erst seit gestern. Mit etwas gutem Willen, denke ich, könnte man doch die meisten der leer stehenden Läden und Häuser Wohnraum werden lassen. Was hindert die Besitzer? Es gibt Förderungen für so einiges…

Ich habe drei Fotomontagen zum Thema gemacht. Schön ist anders. Ja. Aber es geht nicht immer nur um schön. Es geht um das was ist. Ich lernte einst, dass Kunst auch immer Spiegel der Jetztzeit ist. Jetztzeit hat viele hässliche Gesichter, stellt Fragen, gibt gebetsmühlenartige Antworten, die mir nicht reichen, die ich versuche anders zu beantworten.

Als der Liebste gestern Abend das zweite Bild betrachtete, sich seine Stirn runzelte, ich nachfragte was er empfand, sagte er: Das ist Endzeit. Endzeitstimmungen tuen weh.

Stimmt. Es ist eins Ruinen als willkommene Fotosujets zu empfinden, das andere sind die Geschichten dahinter, um die es mir aber geht. Ruinen gegen Legohäusersiedlungen, Gärten zu Steinwüsten, Liebe zum Detail war gestern, Kunst am Bau ist heute oft nicht mehr als eine Gefälligkeit.

0183a 08.08.16 leerstand - rad der zeit

Die Kraft des Lebens und ihre vielzähligen Formen umranken, umwuchern die Steine und Betonwände, die wir Menschen dem Nagezahn der Zeit überließen. Was malerisch oder fotogen erscheint, ist für mich oft eine große Traurigkeit.

Dieses Thema, wie auch die gefällige Seite der Kunst werden mich noch etwas länger beschäftigen, für heute soll es genug sein.