Engel – 2 –

0125ab 21.07.15 Engel

Bekanntermassen können die Engel jede beliebige Form annehmen. Weniger bekannt hingegen, dass die Form, die sie annehmen, für sie auch eine Bedrohung darstellt. Halten sie zu lange an ihr fest, beginnt die Form sie zu prägen, und falls sie die Warnsignale nicht erkennen, wird die Form sie schliesslich vollends vereinnahmen.

Karl Ove Knausgard: Alles hat seine Zeit – S. 12

blaue Stunde – 18 – Öffnung

001 bucheckernschaleSich zeigen, die leere Bucheckernschale ist das Symbol. Weit haben sich ihre stacheligen Flügel geöffnet. Golden leuchtet das Innen.

Sichtbar werden, geschützt bleiben.

Wieviel Öffnung mute ich mir zu, wieviel der Welt? Öffnung braucht Mut und Wachheit, braucht Vertrauen, vor allen Dingen in sich selbst, in die eigene Wahrnehmung, die nicht allgemeine Wahrheit ist, nur immer die eigene und manchmal, in wenigen Ausnahmen, auch ganz allgemein.

Öffnung braucht Schutz, braucht die Gewissheit, dass nichts passieren wird, was nicht passieren soll, heißt bei sich und mit sich selbst zu sein. Heißt zu wissen, dass es nichts wirklich zu verlieren gibt. Kein Gesicht und keinen Ruf. Unschuld ist schon lang vorbei! Und ums Leben geht es hier nicht. Auch nicht um Blindheit, um das Betreten von Gefahrenzonen, die man nicht meistern kann. Es geht um Öffnung, dem Leben, ganz. Weit zu werden, ohne etwas haben oder erreichen zu wollen, ohne Greifen, ohne Zwang.
„Es“ zu tun.

Das Leben tanzen, auf seinen Wellen reiten, hoch hinauf und tief hinunter, juchzen und schreien, lachen und weinen, nichts ausschließen. Die Mitte und die Stille sind Ruheräume, hier wird Kraft geschöpft. Hier werden Eindrücke verdaut, Gedanken zu Papier gebracht, hier werden Gefühle zu Bildern, bis das Leben wieder Fahrt aufnimmt. Hoch hinauf und tief hinunter. Narr und Närrin lachen.

Leer war die Welt geworden, als Närrin und Narr das weite Land und die kleine Stadt verlassen hatten. Melancholie legte sich über die Gassen, trübte das Laternenlicht in der Nacht.

002 nebelnacht

Leise waren die Gesänge der Schwäne geworden. Die Kraniche tröteten an Afrikas Flüssen. Es war nicht lange her, dass sich Närrin und Narr getroffen hatten, dass sie gemeinsam die Nacht erleuchtet hatten. Es vergingen nur wenige Tage bis sie gemeinsam die kleine Stadt verließen. Und wieder war es Nacht, es fiel der erste Schnee. Stille legte sich über Land und Stadt.

Es saß eine kleine blaue Frau am Meer. Leise Wellen spielten Vor und Zurück. Die Narreteien waren verschwunden. Nur die Vögel sangen weiter ihre Lieder, die Raben und Krähen krächzten, Kraniche waren in den Süden geflogen, sie hatten die Närrin auf ihren Wegen in einer Stube sitzen gesehen. Sie war beschäftigt … mit Menschendingen. Schalk hielt sich versteckt.

Es galt die Leere auszuhalten. Die Stille, wieder einmal. Die Kraniche flogen zurück in den Norden, tröten über dem weiten Land und der kleinen Stadt. Sie waren die Vorhut für glöckchenfeines Lachen. Närrin und Narr kehrten zurück. Melancholie und Leere machten ihrem Lachen Platz. Ihm und dem ganzen verrückten Leben!

Man muss sich die Narreteien erlauben! Es ist genügend Ernst, Leid und Schmerz in der Welt. Sie muss man nicht suchen, sie stecken hinter jeder Ecke. Sie können eine Portion Narretei gut gebrauchen, eine Prise Ironie, einen Schalk, einen Narr, eine Närrin.
Ja, Empörung tut Not in dieser Zeit. Mut auch, um hinzuschauen, es auszuhalten und dann auch einmal wegzuschauen und die Welt, Welt sein zu lassen.

Angst hält die Menschen klein und die Welt in Atem. Feinde werden erkoren und immer sind es die anderen, die uns etwas wegnehmen wollen. So wird alles Habenwollen umgekehrt, werden Räume eng. Es ist noch immer genügend Platz für jede und jeden, niemand muss gehen und niemand muss alles mögen, auch ich nicht von mir selbst. Aber ich darf lachen. Auch über diese Welt!

Es wiegt schwer, das Diktat. Es ist die Fessel bei jedem kreativen Akt. Die Närrin verleiht Flügel, Coyote heult sein Mondlied dazu, Schlange häutet sich, Samenkapseln platzen auf, Zitronenfalter fliegen, Kirschbäume blühen, Hummeln brummen, Bienen summen.

0001a ErblühenIn meinem Takt bleiben, ohne zu hasten, ohne Atemlosigkeit, gleichmäßiger Schritt. Die Werkzeuge finden sich ganz von allein. Routine schenkt kreative Räume, lässt Gedanken frei und den Geist tanzen. Freiheit ist kein äußerer Raum. Ich kann mich nur selbst frei geben! Gegen die Angst gesehen zu werden, gegen die Scham vor der eigenen Kleinheit. Gerade das, was wir am meisten zu verbergen suchen, wird von geübten Augen als erstes erkannt. Warum es also überhaupt noch versuchen?

Karl Ove Knausgård lässt Schranken fallen. Er zeigt sich der Welt in seinen Schwächen und Stärken, aber ganz besonders in seinen Schwächen. Er versteckt sich nicht hinter erfundenen Geschichten, bewegt sich innerhalb seiner Wahrnehmungen und Wahrheiten, wohl wissend, dass es seine Erinnerungen sind. Andere, wie seine Mutter, sein Bruder erinnern sich anders, an anderes, auf jeden Fall nicht so … Es bleibt Verwunderung und das sichere Wissen um die eigene Welt, die eigene Wahrnehmung und Empfindung. Doch nach der Lektüre seines vierten Bandes: „Leben“, frage ich mich: will ich all das so genau wissen?

Knausgård hält auch in diesem Band das Tempo und somit eine gewisse Spannung aufrecht, sodass ich immer weiter lesen will und muss. Aber es gibt Längen und eben diese Frage. Vielleicht liegt es aber auch nur daran, dass sich hier etwas trennt. Erschien er mir bis hierher eher als eine Art Bruder, so wird er jetzt zu Karl Ove Knausgård. Einem Mann, der mich an seiner Pubertät, seinem Erwachsenwerden teilhaben lässt. Der sich als ein Kerl zeigt, den ich mit 16, 17, 18 Jahren nicht gemocht hätte. Ob er sich selbst mochte, damals …? Ich glaube nicht, wenn ich ihn richtig gelesen habe. Und genau hier setzt dann auch wieder meine Achtung für sein Werk ein. Es braucht Mut sich zu zeigen. Ganz. Auch auf die Gefahr hin nicht gemocht zu werden. Sich der Welt zuzumuten. Weiter und immer weiter zu gehen, mit seinem Projekt. Seinem Kampf ins Gesicht zu schauen, ihn zu benennen, alles von ihm der Welt zu zeigen, die sich darin wiederfinden kann. Alles, soweit alles eben geht.

Und wieder wirkt die Frage: wie weit bin ich bereit mich zu zeigen? Und wer will das alles wissen? Wenn schreiben ein Muss geworden und geblieben ist, dann muss es sich die Frage gefallen lassen: für wen und wozu. Was ist nur Bedürfnis nach Anerkennung oder nach Erkennung gleicher Geister- wo entsteht Reibung und halte ich diese aus? Was ist, weil es muss und was wird kreiert, was ist immer schon da und will nur hinaus? All die vielen Tierchen, die leisen und lauten, die wilden und zahmen, sie alle wollen das offene Land und die Weite des Himmels. Käfige und Dressuren tun niemanden gut, keinem Tier, keinem Menschen, keinem Kraut. Es wird viel gebogen und verborgen, viel gelogen und verbogen in der Welt und nichts scheint mehr heilig. Aber wenn erst einmal alles profan geworden ist, wie soll es dann noch Staunen und Freude geben? Alles will leben. Ganz. Zu und in seiner Zeit. Alles will voll erblühen,

0001 Erblühenwill sich voll entfalten, will in Freiheit hoch hinauf und tief hinunter, will ausruhen im sicheren Raum, ausatmen und weitergehen.

Sich zeigen, die leere Bucheckernschale ist das Symbol. Weit haben sich ihre stacheligen Flügel geöffnet. Golden leuchtet das Innen.

Sichtbar werden, geschützt bleiben.

001a sichtbar werden, geschützt bleiben

Sterben, Lieben, Spielen

Das sind die Titel von Karl Ove Knausgårds Buchprojekt, sechs Werke, die in Norwegen unter dem Titel „Mein Kampf“ erschienen sind, bzw. noch erscheinen werden. Ein Titel, den man in Deutschland so nicht übernehmen kann und will. Bisher sind bei uns die drei Bücher Sterben, Lieben und Spielen erschienen, es bleiben drei Leerstellen, die sich mit der Zeit füllen werden.

Dreimal über fünfhundert Seiten ohne Schnörkel, ohne Beschönigungen. Als Leserin kann ich den Autor von vielen Seiten betrachten, seine Trauer, seine Liebe, sein Ringen, kann seinen Weg vom Kind zum Autor mitverfolgen. Es ist noch geschickt, dass er erst den dritten Band ganz und gar seiner Kindheit widmet. Es fanden sich schon Facetten davon in „Sterben“, dort widerum Szenen seiner Liebe(n), die sich im zweiten Band verdichten.

Da blättert einer sein Lebensbuch auf. Und ganz so, wie es eine jede Erinnerung tut, ist es ein Vor und Zurück im Jetzt. Immer gerade jetzt, so stelle ich es mir wenigstens vor, sitzt Karl Ove Knausgård schreibend in seinem Arbeitszimmer und folgt seinem Lebensfaden, seinen Gedanken, Empfindungen und Erinnerungen.

Natürlich streiten sich die Geister. Was dem einen zu banal ist, ist für andere genial. Und vielleicht ist es ja das, was seine Bücher so bestechend macht: das Leben ist banal, trotz aller Höhen und Tiefen.

Es ist und bleibt Knausgårds Kampf, ob es nun übersetzt wird oder nicht, es ist der Kampf einen Platz in dieser Welt zu finden und seine Mankos dabei in der Tasche zu haben. Wie gesagt: keine Schnörkel, keine Beschönigungen, wie zum Beispiel seine Angst, die zu Hass wird und irgendwann auch zu Scham und Trauer in Bezug auf den Vater.

Knausgård erzählt und es bleibt genügend Raum für all das, was weder Worte kennt, noch braucht. Es bleibt Raum für das Eigene an Erlebtem und Gefühltem, das unweigerlich beim lesen auftaucht.

Knausgård verblüfft mit Detailgenauigkeit, ohne sich zu verlieren. Er hat gelernt, was ihm sein Freund Geir einstmals in Bezug auf sein Schreiben riet: du musst erzählen, nicht konstruieren. Ja, das kann er, viele Seiten lang, ohne langatmig zu sein. Viele Sätze habe ich unterstrichen, in vielem erkannte ich mich und meinen Kampf wieder. Ich fühle mich von einem gesehen, der mich nicht kennt, nur sich selbst versucht nahe zu kommen, mit allem Verlieren zwischendurch. Denn so verschieden sind wir eben doch nicht, nicht als Mann und Frau und nicht von Mensch zu Mensch. Knausgård zeigt die Berührungspunkte.

Er schreibt zum Gedächtnis, das ich das escheraske Labyrinth nannte:

“ … wer war er? Der Mann mit dem gepflegtem schwarzen Bart … Ach ja, genau, das war ja mein Vater, Papa höchstpersönlich. Aber wer er für sich selbst war, in diesem Moment wie in allen anderen Momenten, weiss niemand mehr. Und so verhält es sich mit all diesen Bildern, auch mit den Fotos von mir selbst. Sie sind vollkommen leer, die einzige Bedeutung, die sich aus ihnen ablesen lässt, hat die Zeit hineingelegt. Trotzdem sind diese Aufnahmen ein Teil von mir und meiner intimsten Geschichte, wie die Bilder anderer ein Teil ihrer Geschichte ist. Sinnvoll, sinnlos, sinnvoll, sinnlos, das ist die Welle, die durch unser Leben rollt und seine grundlegende Spannung bildet. Alles, woran ich mich aus den ersten sechs Jahren meines Lebens erinnere, und alles, was es an Bilder und Gegenständen aus jener Zeit gibt, nehme ich an, sie bilden einen wichtigen Teil meiner Identität, füllen die ansonsten leere und erinnerungsfreie Randzone dieses „Ichs“ mit Sinn und Kontinuität. Von all diesen Teilen und Bruchstücken ausgehend habe ich einen Karl Ove, einen Yngve, eine Mutter und einen Vater, ein Haus in Hove und ein Haus in Tybakken, Grosseltern mütterlicher- und väterlicherseits, eine Nachbarschaft und einen Haufen Kinder errichtet.

Dieses slumhüttenähnliche Provisorium nenne ich meine Kindheit.

Das Gedächtnis ist keine verlässliche Grösse im Leben, aus dem einfachen Grund, dass für das Gedächtnis nicht die Wahrheit am wichtigsten ist.“

Dreimal fünfhundert Seiten in einem Rutsch zu rezensieren ist unmöglich, bei all dem, was ich anstrich, an dem ich noch weiterdenke, sodass ich entschieden habe alles weitere häppchenweise zu tun.

Auch bei Mützenfalterin findet man immer wieder Sätze aus Knausgards Büchern, wie zum Beispiel hier