Erkundungen der fernen Nähe

Meine erste Erkundung

Zur Erkundung der fernen Nähe hat sich Frau Graugans aka Margarete Helminger auf den Weg gemacht. Zehn Kilometer im Umkreis ihres Wohnorts hält sie Ausschau nach Orten, die ihr entweder (noch) fremd sind oder die sie immer wieder gerne besucht. In ihrem ersten Beitrag schrieb sie:

Und sollte jemand Lust haben, auch zu erforschen, was ihm/ihr begegnet im Radius von 10 km, nur zu … wir werden vieles entdecken, von dem wir bisher nichts ahnten, glaubt mir!

Ja, das glaube ich ihr gerne und nun habe ich mich eben auch auf den Weg gemacht.

Eine Bildergeschichte mit wenigen Worten.

Steinwesen weist Weg

Trockenmauerliebe

Alte Mauer, junge Hasel und Buchen

Dem Licht entgegen

Bewegt

Eine Wurzel, ein Stamm, viele Kinder

Einheit – Zweiheit

Narbengewebe

Nähe

-1-

-2-

Blüte

Knospen und Kapseln

Ich habe noch immer die Weite,

den Himmel und

den Mond

Nichts geht verloren. Neue Nähen, neue Fernen.


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Etüde eins im Dezember

Am letzten Sonntag hat Christiane zur Dezember-Etüden-Runde geladen. Herzlichen Dank an Christiane und an die Wortspenderin Elke Speidel. Diese drei Wörter haben mich nun schon zu drei Etüden inspiriert, ob ich sie alle veröffentliche weiß ich aber noch nicht, vielleicht gehört die erste noch in die Kategorie der Fingerübungen.

Auch dieses Mal werde ich kaum die 300 Wörter erreichen, es zeigt sich, dass mir die Miniaturen doch sehr ans Herz gewachsen sind oder soll ich lieber sagen: an die Feder?!

Miniatur 012 2018

Gehen

Nebelfelder trennen die klare Sicht in Zwei. Nasskalte Tropfen fallen mit den letzten Blättern. Erde schmatzt, Schritt für Schritt. Melancholie wallt mit den Nebeln vom Tal über die Berge. Gefühle wie Wetter, sie wechseln. Bist du glücklich? In der Nässe glänzen die Steine auf dem Weg so schön. Trauerweiden wachsen prächtig an Berlins Kanälen. Drei Pappeln im kleinen Tal erzählen von Kindheit, von Geburtsbäumen und vergrabenen Plazenten. Wir hatten dem Sohn eine Linde gepflanzt. Umbaumaßnahmen. Bedauern – ja, nachtrauern – nein, Vergangenheit. Winterbaum hütet seine Knospen.

84 Wörter

 

Von Vorstellungen und vom Gehen

In der Vorstellung von Langzeitreisen Zufuß oder per Auto, Bus, Bahn sind Regen- und Winterzeiten an der Peripherie gelagert, Einsamkeit ist nur ein Wort.

Werner Herzog ging vom 23.11.-14.12.1974 von München nach Paris. Lotte Eisner war schwer erkrankt, es hieß sie könne sterben. Herzog ging gegen ihr Sterben an, er wollte sie noch nicht verlieren, persönlich nicht und auch nicht für den Film.

Er ging über die schwäbische Alb, den Schwarzwald, zum Rhein hinunter, durchquerte das Elsass und erreichte nach zweiundzwanzig Tagen Paris. Unwetter, Regen, Schnee, Eis, Hagel, Blizzards ziehen über ihn hinweg und durch ihn hindurch. Nur manchmal blitzte die Sonne auf, das war noch jedes Mal ein Fest.

Zweiundzwanzig Tage an denen er an jedem Abend den vergangenen Tag schreibt, eine Mischung aus Gesehenem, Erlebtem, Gedachtem, Gefühltem, Träumen, Erinnerungen, Geschichten.

Wenn Einer nur geht, nur ab und an eine Gaststätte aufsucht oder eine Pension, kleine Läden betritt für die tägliche Ration, nur wenige Worte wechselt, dann beginnt der Geist eigene, andere Wege zu gehen.

Herzogs Aufzeichnungen gleichen Kurzfilmsequenzen. Seine Sätze höre ich von Bruno Ganz intoniert. Es sind Sätze, die nicht vorüberziehen. Tief, schön und wahr stehen sie fest auf dem Papier, sie lassen sich festhalten. Dieses Mal ist es kein Film ohne Stopp-, Vorwärts- und Rückwärtstaste.

Seit gestern Nachmittag brennen meine Fußsohlen. Als ob sie begonnen hätten zu brennen, weil Werner Herzog zweiundzwanzig Tage über Stock und Stein gegangen ist. Anfangs hatte er Schmerzen und Blasen. Er musste sich eingehen, den Punkt erreichen von dem die Füße und Beine von alleine liefen und den Raum für die Gedanken freigeben konnten.

Während ich lese befinde ich mich immer intensiver in den 1970er Jahren. Ich gehe nicht oft in ihnen spazieren. Jetzt kann ich diese Jahre wieder riechen, sehe Straßendörfer, Dorfstraßen, Feldwege, Kastanienalleen und der Krieg hockte noch überall zwischen den Gemäuern, den Wegen, in Orten, in den Gesichtern, er war noch nah, auch bei Werner Herzog. Jetzt hat sich der Zweite Weltkrieg in die Falten der Geschichte gelegt, er bleibt ein Mahnmal. Wer lässt sich von vergangenen Leiden und Gräuel mahnen, wenn es um Pfründe geht?

In der Vorstellung läuft Einer leichtfüßig von München nach Paris, weil er will, dass Lotte Eisner weiterlebt, weil er alleine sein will. Er denkt nicht an Begegnungen, an Tiere, an Wetter, nicht an Einsamkeit, sie kommen über ihn.

Im Wirtshaus

Als ich aus dem Fenster sah, saß auf dem Dach ein Rabe mit eingezogenem Kopf im Regen und bewegte sich nicht. Viel später saß er immer noch da, reglos und frierend und einsam und still an einem Rabengedanken. Da fuhr ein brüderliches Gefühl in mich hinein und eine Einsamkeit füllte die Brust. (S.23)

Dörfer

Die Dörfer stellen sich beim Näherkommen tot. (S.24)

Weil ich so einsam bin, schenkt mir die rundliche Bedienung über das lauernde Schweigen der Männer hinweg ein fragendes Wort. (S.63)

Mäuse

Mäuse sehe ich so viele. Wir haben alle keine Ahnung mehr davon, wieviele Mäuse es auf der Welt gibt, es ist unvorstellbar. Die Mäuse rascheln ganz leise im niedergedrückten Gras. Nur wer geht sieht die Mäuse. ( … ) Mit Mäusen ist Freundschaft möglich. (S.56)

Vom Gehen

Die Sohlen kochen von dem glühenden Kern im Innern der Erde. Die Vereinsamung ist heute noch tiefer als sonst. Ich entwickle ein dialogisches Verhältnis zu mir selbst. Vom Regen kann man erblinden. (S.75)

Vögel

Vögel habe ich aus einem leeren Acker aufsteigen sehen, es wurden immer mehr, die Luft war schließlich ganz angefüllt mit ihnen, und ich sah, sie kamen aus dem Innern der Erde hervor, von ganz tief innen, wo die Schwerkraft ist. Dort ist auch das Kartoffelbergwerk. (S.86)

Wald

Heute sage ich oft Wald zu mir. Die Wahrheit geht selbst durch Wälder. (S.87)

Weitergehen

In Savieres in der Dorfschule überlegte ich, nach Paris zu fahren. Welchen Sinn hat das. Aber so weit gekommen zu Fuß und dann fahren? Lieber die Sinnlosigkeit, wenn es eine ist, bis zur Neige gekostet. (S.92)

Werner Herzog – Vom Gehen im Eis – Fischer Taschenbuch Verlag F.a.M. 1987 – ISBN 3-596-25198-2


Die 1970er Jahre, der Krieg immer noch nah, Dörfer, die sich tot stellen, lauernde Männer im Wirtshaus – welch eine Enge! Ich spüre sie noch, mitten in meinen damaligen Aufbruch hinein.


Es sind solche schmalen Bändchen, die mich immer mal wieder nachhaltig beschäftigen, die etwas bei mir ins Schwingen bringen und Worte eine eigene Melodie entwickeln.


Dieser Artikel ist Irgendlink gewidmet, dessen Radelreiseberichte ich so schätze …