Ping Pong 056

Ping 055

GERDA AN ULLI→ DER MALER MALT FLÜGELWESEN, ABER …

PONG 055

ULLI AN GERDA → … SEINE FRAU IST DES THEMAS MÜDE, SIE SEHNT SICH NACH MODERNER KUNST.

PING 056

ULLI AN GERDA → KLEINE FLUCHTEN KÖNNEN …

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Etüde 002b 2019

Unruhig rutschte Hannah auf ihrem Stuhl vor der Tür hin und her. Sie ermahnte sich ruhig zu bleiben, zu vertrauen, zu atmen, jetzt bloß keine Schwächen zeigen, die waren hier, in diesem Glasbetongemisch, fehl am Platz.

Man hatte sie gebeten vor der Türe Platz zu nehmen und sich einen Moment zu gedulden. „Man“ waren drei geschniegelte Herren in Maßanzügen, sportlich, attraktiv und sehr smart. Von ihnen hing alles ab.

Auch Hannah hatte sich nicht lumpen lassen, sie war beim Friseur gewesen, hatte sich ein sündhaft teures Kostüm mit passender Bluse gekauft, ihre Füße steckten in schwarzen High Heels. Sie hatte Zuhause geübt, so, dass es aussah, als wäre sie nie in anderen Schuhen über Flure und Straßen gegangen. Ihr Make-up war perfekt. Ihre Haltung suggerierte Selbstbewusstsein. Ja, auch das hatte sie geübt, Frau Z. hatte sie gecoachet, nach dem Motto, was es braucht, um erfolgreich in dieser Welt zu sein. Wochenlang hatte sie kaum Kohlehydrate gegessen, ihre Salatschüssel hingegen war immer gut gefüllt gewesen. Sie fröstelte.

Leise seufzte sie, es ging doch nur um einen Job als Buchhalterin, allerdings mit einem Spitzengehalt.

Endlich öffnete sich die Tür. Einer der Aalglatten bat sie wieder einzutreten und Platz zu nehmen.

Fräulein Schikowsky … äh, Entschuldigen Sie bitte … Frau Schikowsky, natürlich“, verbesserte er sich mit Blick auf ihre unberingten Finger, „leider muss ich Ihnen mitteilen, dass wir Sie nicht übernehmen können …“ Mehr hat Hannah nicht mehr gehört, er redete noch eine Weile, sie aber hörte nur Rauschen im Kopf, gab sich einen Ruck, stand auf und verließ türeknallend den Raum. Auf dem Flur schleuderte sie diese scheißunbequemen High Heels von sich, öffnete die zwei obersten Knöpfe ihrer seidigen Bluse und konnte endlich wieder frei atmen. Wie ist sie nur auf die saudumme Idee gekommen, sie könnte eine andere sein.

298 Wörter



geschrieben für das Etüden-Projekt → https://365tageasatzaday.wordpress.com/2019/01/20/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-04-05-19-wortspende-von-myriade/

Nordlied

0194a 17.08.16 nordlied

Der Norden ist im nordamerikanischen Medizinrad, das als eins der ältesten Psychologiemodelle gilt, der Platz, an dem der erwachsene Mensch verortet ist. Hier wohnt der Büffel (oder ganz allgemein die Gehörnten), die Zähigkeit, das Durchhaltevermögen, das Sorgetragen für den eigenen „Stamm“ (Familie, Freundeskreis in der heutigen Zeit), die Vernunft, die Verantwortung für sich, das eigene Handeln und die Reaktionen, für die eigenen Gefühle und Wahrnehmungen, sowie die Verantwortung für alle anderen Lebewesen. Hierhin gehört auch der Winter.

Viele Menschen mögen den Winter nicht und ich beobachte viele Menschen, die nicht erwachsen geworden sind, die nicht gelernt haben für sich und ihr Handeln, ihre Reaktionen, ihre Gefühle, ihre Wahrnehmungen und ihren „Stamm“ Verantwortung zu tragen. In ihrem gemeinsamen Buch „Die vier Schilde“ von Steven Forster und Meredith Little zeigt Meredith Little auf, was es heisst ein gesundes Nordschild zu tragen oder ein beschädigtes. Sie bestätigt darin meine Wahrnehmung, dass viele nicht erwachsen wurden oder werden wollten oder es nicht konnten.

Zu einem verletzten Nordschild im Hinblick auf das Frausein schreibt Meredith: „Traumatische Erlebnisse, die nie wirklich angeschaut wurden, anerkannt und assimiliert wurden sind Narben im Gewebe, die dazu führen, dass es ihnen nicht gelingt zu erkennen, dass Narben in Wirklichkeit Zeichen der tiefsten Mysterien des Frauseins sind, Gaben der Kraft und der Heilung. Sie verweigern sich selbst die Bestätigung ihrer Reife und verharren lieber in der Dunkelheit des Opferdaseins und der Untauglichkeit.“

„Es ist recht weit verbreitet, dass die Frau sich hinter dem Sommerschild des Mädchens und dem Herbstschild der Jugendlichen versteckt, sich fürchtet herauszukommen und zu tun, was zu tun ist, sich der Verantwortung zu stellen, der Pflicht und der Notwendigkeit, Opfer zu bringen. Unter Druck wird sie panisch, hysterisch, gewalttätig, passiv, entschlusslos, resigniert, hilflos, ein Opfer. Manchmal täuscht sie sich in ihren Werten oder verliert ihre persönliche Mitte aus den Augen. Liebe und Schöpferkraft, ihre grössten Gaben, werden vielleicht zu Gunsten ihres Körpers, der materiellen Sicherheit oder der eigenen Gefühle vergeudet… “

Es gibt auch die Absätze zu den verletzten Schilden in Bezug auf die Männer. Aber ich habe sehr bewusst diesen Abschnitt ausgewählt, da ich mit den „Mutterbildern“ beschäftigt bin. Damit, was von Mutter zur Tochter weitergegeben wird, ob nun bewusst oder unbewusst und wie gut wir daran tun in unsere Geschichten wieder und wieder einzutauchen, um aufzulösen oder zu verwandeln, was nicht zu uns gehört. Auch gilt es die Verletzungen innerhalb unseres eigenen Lebens anzunehmen, als Chance für das eigene Wachstum zu begreifen, anstatt uns von ihnen in einer ewigen Opferrolle festhalten zu lassen. Das dient niemanden.

Nordlieder nenne ich all das und so heißt auch meine obige Fotomontage. Das, was wir heute verromantisieren war in Wirklichkeit auch nichts anderes, als das, was es heute ist: Strategien zum überleben mussten gefunden und angewendet werden.

Dass ich ein großer Fan von den Nordländern bin ist für meine langjährigen Leser_innen kein Geheimnis, dass ich immer mal wieder mit dem Winter hadere auch nicht…

Ich erinnere mich gut an die Ausbildung und an die vier Tage und Nächte in denen wir das Nordschild kennenlernten. In der theoretischen Stunde wurde nicht nur ich immer kleiner, bis S., unsere Lehrerin, plötzlich in die Runde schaute und lachte: „Nur Mut Frauen, es gibt immer noch etwas, dass in uns erwachsen werden will.“ Mit diesem Satz tanze ich seitdem. Er ist für mich Tröstung und Aufforderung in einem.

Und weil es so gut passt, stelle ich heute dieses Lied hier ein, dass ich gestern bei Karfunkelfee wiederfand, sehr zu meiner Freude! Jan Garbarek und Mari Boine sind beide in Norwegen geboren, Garbarek verehre ich schon lange, Mari Boine lernte ich erst vor ein paar Jahren kennen.

Anmerkung

Steven Forster, Meredith Little – Die vier Schilde – Initiationen durch die Jahreszeiten der menschlichen Natur – Arun Verlag – ISBN 3-935581-72-6

Wir sind noch nicht sehr weit gekommen

karin-kneffel-watercolours-2012© Karin Kneffel – watercolours 2012 – entdeckt bei Mützenfalterin

Am Morgen lasse ich meinen Blick über die Buchrücken neben meinem Bett wandern, er bleibt an dem hellgrünen Band von Marguerite Duras hängen: „Das tägliche Leben“. Ich lese ihren Essay „Das Haus“.

„Verzeihen Sie uns, dass wir so oft davon reden.

Wir sind da, wo unsere Geschichte sich vollzieht. Nirgends sonst. Wir haben keine Liebhaber, außer im Traum. Wir haben keine menschlichen Sehnsüchte. Wir kennen nur das Gesicht der Tiere, die Gestalt und die Schönheit der Wälder. Wir fürchten uns vor uns selbst. Wir haben kalt. Wir bestehen aus Kälte, Angst, Sehnsucht. Man verbrannte uns. Man tötet uns noch heute in Kuwait und in den ländlichen Gebieten…“

© Marguerite Duras

Sie schrieb dieses Essay 1986, wie sie stelle ich, dreißig Jahre später, fest: wir sind noch nicht sehr weit gekommen, zwar weiter, aber nicht weit; nicht als Frau und Mann, nicht mit dem Wert der Frau an sich und nicht mit dem Wert ihrer Arbeit im Haus und mit den Kindern. Noch immer ist vieles Selbstverständlichkeit und somit kaum einer Würdigung wert. Es geht mir um Gesellschaft, nicht um Einzelfälle, nicht um wenige Ausnahmen. Noch immer töten Männer Frauen. Sie werden gesteinigt, ertränkt, ausgestoßen, verstümmelt an Leib und Seele.


Ein anderer Morgen, ein anderes Buch, Anne Sextons Gedichtband (s.u.):

Hausfrau

„Manche Frauen heiraten Häuser.

Es ist eine andere Art Haus, es hat ein Herz, einen Mund, eine Leber und Stuhlgang.

Die Wände sind rosa und dauerhaft.

Schau, wie sie den ganzen Tag auf Knien rutscht,

sich treu ergeben runterspült.

Männer dringen gewaltsam ein, es zieht sie wie Jonas zurück

in ihre fleischigen Mütter.

Eine Frau ist ihre Mutter.

Das ist die Hauptsache.“

© Anne Sexton


Miniatur – Treppe

Sie schreit: „Ich bin nicht deine Mutter!“ Das stille Dorf wirft keine Echos, er verlässt das Haus. In der Nacht kehrt er zurück; zum Haus, zur Mutter, zu den Kindern. Schwere Träume färben rosa Wände grau, die eng und enger stehen. Er findet die Treppe nicht.

Die Frau wurde Mensch aus Männers Gnaden. Wir waren die Schlampen, die Huren, machten wir den Mund auf, standen wir allein.

Die Kinder, das Haus, leise Sohlen, wenn…

Die Kinder, das Haus, lauter Gesang und Gelächter ohne ihn.

Er sagt, was er seit Jahrhunderten sagt: „Alles nur für euch, nehmt, schweigt, seid zufrieden.“ Still soll sie sein, weich und gefügig. Er weint, wenn sie vor ihm stirbt. Schon am Grab schaut er sich um.

© Ulli Gau – Miniatur – Treppe


Als hätte Eine die Andere zuvor gelesen. Immer wieder denke ich in den letzten Wochen an das Bild von Karin Kneffel (s.o.), jetzt auch in Verbindung mit der Zeile aus Anne Sextons Gedicht : „Schau, wie sie auf Knien rutscht…“

Verzeiht auch mir, dass ich von Zeit zu Zeit von uns, den Frauen, rede und davon, dass wir nicht sehr weit gekommen sind, weiter, ja, aber nicht weit.


Ich spreche mit der Sekretärin des buddhistischen Zentrums hier in meiner Nähe. Ich frage sie, ob es viel Mühe macht „Liebe Freundinnen und Freunde“ zu schreiben, dass ich mich nicht angesprochen fühle, wenn auf den Rundbriefen „Liebe Freunde“ steht. Ich bin kein Freund, sowenig wie die Frau vor mir ein Sekretär ist oder die Lehrerin ein Lehrer. Die Sekretärin seufzt. Sie zuckt mit den Schultern, sie findet das nicht so wichtig. Schade!

Mir liegt nichts daran alle Wörter mit der Endung -er in -in zu verwandeln, für mich gibt es keine Weckerin, Wecker, bleibt Wecker, solange er bimmelt! Auch muss ich nicht die Sternzeichen verweiblichen, Wassermann darf Wassermann bleiben. Aber ich staune, dass wir immer noch darüber reden müssen, ob ich eine Freundin oder ein Freund bin, eine Diskussion mit uraltem Zopf, die sich für mich längst überholt hat, wie sich zeigt aber noch immer keine Selbstverständlichkeit ist, sondern eher in die Kategorie „lästig und kleinkariert“ gepresst wird. Schade, ja!

Es gab und gibt die Frauen, die mir zu radikal waren und sind. Ich war nie eine Freundin der „Schwanz-ab-Fraktion“ und ich wollte auch nie die Machtverhältnisse einfach nur umdrehen. Mich interessierten und interessieren die Eigenarten der Geschlechter, jenseits der üblichen Zuschreibungen. Mich interessieren die Momente zwischen Männern und Frauen, in denen Begegnung möglich und Verbindendes spürbar ist.

Immer noch haben wir nicht viele Vorbilder, weder wir Frauen, noch die Männer, wenn es darum geht in einer anerkannten Geschlechterdifferenz respektvoll miteinander zu leben.

„Frauen verhalten sich wie kühle rationalistische Männer oder aufgeblasene Machos, und Männer mimen den emotionalen Vamp oder die launische Frau. Auch hier zeigt sich, dass man den mittleren Weg nicht auf Anhieb und über geduldiges Nachdenken findet, sondern nur durch das experimentelle Ausloten der Extreme. Geduld auf allen Seiten und eine gute Portion Humor sind sicherlich hilfreicher als die hämische Arroganz über ungeschicktes Verhalten und die einfallslose Beschwörung eingefahrener Geschlechterrollen.“

© Sylvia Wetzel


„Man sagt mir, ich übertreibe. Man sagt mir die ganze Zeit: Sie übertreiben. Glauben Sie, das ist der passende Ausdruck? Sie sagen: Idealisierung, ich idealisiere die Frau? Möglich. Wer sagt das? Der Frau schadet es nicht, wenn man sie idealisiert.

Sie können von dem, was ich da erzähle, halten, was Sie wollen. Ich spreche für Sie wohl eine unverständliche Sprache, da ich von der Arbeit der Frau rede. Das Wichtigste ist, von ihr und ihrem Haus zu reden, vom Wirkungskreis der Frau, von ihrem Umgang mit dem Hab und Gut.

Mann und Frau unterscheiden sich immerhin beträchtlich. Mutterschaft ist nicht Vaterschaft. Als Mutter überlässt die Frau ihren Körper dem Kind, den Kindern, diese tummeln sich auf ihr wie auf einem Hügel, wie in einem Garten, verschlingen sie, trampeln auf ihr herum, schlafen auf ihr und sie lässt sich verzehren und schläft manchmal, während die Kinder auf ihrem Körper sind. Nichts dergleichen geschieht in der Vaterschaft…“

© Marguerite Duras


„Frauen hingegen passen sich ihrer Umgebung gerne einfühlsam an und „haben“ einfach keine aggressiven Gefühle. Und wenn sie sie spüren, trauen sie sich oft nicht, sie auszudrücken. Aus Angst vor Liebesverlust und Zurückweisungen scheuen sie offene Auseinandersetzungen, bringen negative Gefühle nicht zum Ausdruck und weichen so letztlich dem Leben aus. Unerkannte Ablehnung führt zu Energieabfall; daher fühlen sich viele Frauen antriebsschwach, niedergeschlagen und müde. Angenehme und unangenehme Gefühle gehören zum Leben. Verdrängen wir sie, verlieren wir unsere Vitalität. Wenn wir mit ihnen arbeiten wollen, müssen wir sie erst einmal spüren…“

© Sylvia Wetzel


Und warum schreibe ich nun all das? Weil die Zu- und Missstände in der Welt der Frauen und in den Beziehungen zwischen Frauen und Männern mein Motor für die „Miniaturen“ sind, die von Selbsterlebtem und von dem handeln, was mir meine Freundinnen/Klientinnen/Bekannte erzähl(t)en oder dem, was ich beobachte und lese.

Weil ich immer noch ein großes Ungleichgewicht sehe, wenn es um die Entlohnung für die selbe Arbeit geht, wenn es um den Prozentsatz der erfolgreichen Künstlerinnen im Vergleich zu erfolgreichen Künstlern geht, u.s.w., und natürlich geht es mir auch um die Wertschätzung für die Frau und ihrer Arbeit im Haus, mit den Kindern und hinter den Kulissen. Mir ist ebenfalls sehr viel daran gelegen, dass sich in der Politik, auf den Arbeitsstellen, in der Gesellschaft weibliche Strukturen etablieren. Es ist kein Geheimnis, dass die Strukturen noch immer patriarchal sind, mir ist nach mapatrichial. Es liegt noch viel Weg vor uns!

 

Zitate aus folgenden Büchern:

Marguerite Duras – Das tägliche Leben – Suhrkamp Verlag – ISBN 3-518-11508-1 (1200)

Anne Sexton – All meine Lieben – Lebe oder Stirb – Gedichte – S. Fischer – ISBN 3-10-072510-7

Sylvia Wetzel – Das Herz des Lotos – Frauen und Buddhismus – Spirit Fischer – ISBN 3-596-14254-7

Zum Thema Verstümmelung/Beschneidung das wohl eindrücklichste Buch, das ich je las:

El Saadawi Nawal – Ich spucke auf euch -Übersetzung aus dem Englischen von Anna Kamp – Frauenbuchverlag: München 1984 – Signatur: Lit Afr 169

Das Meer – la mar

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„La mar so nennt man die See auf spanisch, wenn man sie liebt … Der alte Mann dachte immer an sie als an etwas Weibliches, als etwas, was grosse Gunst gewähren oder vorenthalten kann, und wenn sie wilde und böse Dinge tat, geschah es, weil sie nicht anders konnte. Der Mond beeinflusst sie, wie er eine Frau beeinflusst, dachte er.“

Ernest Hemingway – Der alte Mann und das Meer

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gerader Rücken

die fremde

Es dauert nur wenige Minuten, dann setze ich mich aufrecht hin- dies ist kein Film bei dem ich mich gemütlich in die Polster kuscheln könnte. Die erste Empörung macht sich Luft. Die ersten Tränen rollen bald.

Wie kann es sein, dass der Mann, Umays Mann, Cems Vater, erst den Jungen in ein Loch sperrt und dann seine Frau besteigt?
Mit welchem Recht?
Mit keinem.
Wo ist Liebe?
Hier nicht. Eine Demonstration der männlichen Macht.

„Und ihr seid still!“

Aber Umay ist nicht still.
Sie packt in der Nacht ein paar Sachen, nimmt Cem auf den Arm und verlässt Istanbul, ihren Mann, seine Familie und fährt zurück nach Berlin, wo ihre Familie lebt und sie einst auch.
Lange währt die Wiedersehensfreude nicht. Nur solange, bis die Familie versteht, dass Umay ihren Mann verlassen hat. Dass sie in Berlin arbeiten, einen Hochschulabschluss machen und später studieren will.

„Du beschmutzt die Ehre unserer Familie.“

„Vater … er schlägt mich … Cem auch.“

„Umay … es ist dein Mann.“

Meine Wut wächst, irgendwo lauert auch die Ohnmacht, mir ist unwohl, ich trinke heißes Wasser … bin ganz nah bei Umay, die sich wehrt, die beginnt ihren Weg zu gehen, die eine Zuflucht findet, ihre alte Freundin, eine Arbeit, einen Schulplatz und einen Mann. Einen Mann, den sie beginnt zu lieben und er, sie.
Umay findet und dann verliert sie, ihren Vater, ihren älteren Bruder, später auch den jüngeren, ihre Mutter, ihre Schwester:

„Ich bin nicht wie du … “

Blut ist plötzlich nicht mehr dicker, als Wasser.

Einmal Hure, immer Hure.

Ich weine mit Umay. Ich wüte mit ihr. Ich spüre jede Ohrfeige, jeden Stoß. Umay ist stark. Sie behält den Kopf oben. Sie ist klug. Sie ist schön.

„Wäre sie doch als Junge geboren …“

Manchmal möchte ich schreien, etwas an die Wand werfen, ich sehe rot …
ich sehe Umay in ihrem rotem Kleid, dem geraden Rücken, ihren aufrechten Gang, Cem auf dem Arm …

Ich denke an „Das weiße Band“ von Michael Haneke, ich denke an meine Kindheit, an meine Jugend, meinen Kampf als Frau und Mutter, denke an meinen Rücken, spüre ihn, spüre, wie oft er sich aufgerichtet hat und doch sind es peanuts … und doch ist es nicht nur ein türkisches, ein arabisches, ein afrikanisches Problem … es ist direkt hier … hier, in meinen Zellen, in meinem Erbgut, in der Übertragung von Generationen:

das Frauenbild

Frau_Welt_Wormser_Dom_von_vorne_und_hinten

Es ist direkt hier …

Gestern, am Sonntagmorgen, als ich das Frühstücksgeschirr im Seminarhaus verräumte, erzählte eine Frau der anderen … ich sah ihre Gesichter, ich hörte ihre Worte, hörte:

goldener Käfig,
Übergriffigkeiten
Ohnmacht,
Angst,
den Schein aufrecht erhalten
der erste Tumor wuchs …

Gewalt ist in viele Gesichter geschrieben.
Gewalt kennt viele Gesichter.
Angst ist in die Augen geschrieben,
in Kinderaugen, Frauenaugen und in manche Männeraugen auch.

Ich denke an Umay … in ihrem rotem Kleid, dem geraden Rücken, ihren aufrechten Gang, Cem auf dem Arm …

Heute ist, wie jeden Tag, ein internationaler Tag, einer, der an die Gewalt gegen Frauen erinnern soll.
In Afghanistan gibt es Mädchen, die mit 12 Jahren verheiratet werden. Sie dürfen niemals ihr Haus verlassen. Nie.
Mädchen gebären Mädchen und Buben.
Mädchen werden beschnitten.
Mädchen werden missbraucht, misshandelt, benutzt …

Mein Herz klopft. Ich schreie nicht. Ich schreibe …