Etüde 009 2019

Maria hatte ein drittes Mal geheiratet, den Sepp, den Depp, wie ihn Ursula heimlich nannte. Ursula war vierzehn Jahre alt und ging damals schon oft ihre eigene Wege, die Mutter ging ihre. Und jetzt sollte sie also „Vati“ sagen. Sie würde zu niemanden Vati sagen, niemals.

Ihren Vater hat sie nie kennengelernt, er fiel, als sie im Bauch von Maria heranwuchs.

-Du kannst froh sein, dass dein Vater gefallen und nie zurückgekehrt ist, war die Standardantwort, wann immer Ursula Maria nach ihm gefragt hatte.

Als Ursula eingeschult worden war, kam Onkel Willy in ihr Leben. Auch ihn hatte sie nie gemocht, seine plumpen Witze, seine anzüglichen Bemerkungen, wenn sie mit ihm alleine gewesen war und er versucht hatte ihren Po zu tätscheln, wenn sie an ihm vorbei musste. Ursula hatte schnell gelernt ihm aus dem Weg zu gehen. Am Abend war ja Mutter da und musste sich dann von ihm betatschen lassen. Ursula ekelte es noch heute. Wie froh sie gewesen war als er nach drei Jahren Maria verließ.

Jetzt also Sepp und seit Wochen nur noch Fleisch in den Töpfen, mit viel Soße und Kartoffeln oder Semmelknödeln, sonst nichts, weil er es so wollte. Das Fleisch bekam am Ende immer der Hund. Seppdepp ging es nur um die Soße und Mutter ließ sich bevormunden. Alle Lieblingsessen hatte sie von der Speisekarte gestrichen. Wenn Ursula einmal nachfragte, seufzte Maria.

-Du weißt doch wie er ist.

Ursula hat sich damals geschworen, dass sie sich niemals so behandeln lassen würde. Das war doch keine Liebe!

Zwei Jahre später, Ursula lebte mittlerweile mit ihrer besten Freundin Ellen zusammen, musste sie Maria retten. Sepp hatte sich zum Schläger entwickelt. Ursula hatte das schon immer geahnt. Nun war auch er weg.

Es dauerte nicht lange und Maria lebte vegan. Sie liebte jetzt Johannes.

298 Wörter



Dieses Mal also eine zweite Etüde zu Christianes Projekt, das einst Ludwig Zeidler ins Leben gerufen hat und der Wortspende von Agnes Podczeck.

Etüde 008 2019

Eine neue Etüdenrunde startete am Sonntag. Christiane hat wieder dazu eingeladen, die Wortspende stammt dieses Mal von Agnes Podczeck.

Wie immer herzlichen Dank an dich, Christiane, für deine Unermüdlichkeit, die feinen Bilder und an dich, Agnes, für die Wörter, die ich sofort toll fand und die nun ganz anderes hervorbringen als ich zunächst dachte.

Hier nun also meine (erste) Etüde.

Sie dreht den Satz in ihrem Mund, wie eine heiße Kartoffel. Wort für Wort, Biss für Biss.

Es kann gut sein, dass er sie für anzüglich halten wird. Viele Männer sehen sich noch immer als Eroberer. Undenkbar, dass der zu erobernde Kontinent, nämlich sie, den ersten Schritt tut. Sie aber will es, sie will auf ihn zugehen und ihm ins Ohr flüstern: Ich will mit dir schlafen. Jetzt.

Sie will seine Reaktion sehen, das wird alles entscheiden. Wie herrlich es in ihr kribbelt!

Die Kartoffel ist abgekühlt, zerkaut, runtergeschluckt und fährt nun als Kartoffelbrei durch ihren Verdauungskanal. Sie schaut auf die Uhr.

-Wieder Einer, der nicht pünktlich sein kann! Noch fünf Minuten, dann bin ich weg.

Erotik verwandelt sich in Ungeduld und Frust. Gleichmäßig tickt der Zeiger seine Runden.

Als sie ihn in der Ferne mit wehendem Mantel näherkommen sieht, dreht sie auf ihrem Absatz um. Die fünf Minuten sind um, fünfunddreißig sind zusammenkommen. Sie geht die Treppen zum U-Bahnhof hinunter.

-Ich lasse mir meine Zeit nicht mehr stehlen! Ich lasse mich nicht mehr bevormunden! Sex hin oder her.

Sie streichelt über ihren Bauch. Die Schmetterlinge sind ausgeflogen, sie lacht in sich hinein, über sich, die Welt und alle Eroberer in Einem. In ihrem Bauch wächst ein Kartoffelbaby.

208 Wörter