Schreiben hilft #3

Fortsetzung

Ich nehme meine neuen Räume ein. Ganz. Das erste Mal: keine Mutter, kein Bruder, keine Frau Maria Brehm, keine Freundinnen und Freunde, keine Kinder, kein Mann. Ich werde den Platz mit mir und meinen Geschichten füllen; die Tür wird unabgeschlossen sein.

Es wird keine blinden Flecken geben, ich will mich an keiner Ecke stoßen, ich will wieder an meinem Schreibtisch unter dem Fenster sitzen und schreiben.

Die Kompassnadel in meiner Hand zittert, sie richtet sich neu aus. Die schwarzen Tücher habe ich verbrannt, die Bilder aus dem alten Haus zu anderen gelegt. Aufrichtung und Weitergehen werden erneut wichtig. Meinen Faden lasse ich nicht mehr los, es ist meiner geworden, der kein Du mehr an seinem anderen Ende braucht, um mich zu halten. Unabhängigkeit ist ein großes Wort und eine Illusion. Mit Selbständigkeit ist es anders, sie schenkt Halt. Wieso sollte ich mich jetzt verlieren, wo ich mich doch erst in den letzten Jahren gefunden habe; hier, in diesem alten Haus, wo ich dich verlor…

Was ist das für eine Geschichte, die sich fortschreibt, weg von dir und mir, hin zu … ja, wohin? Was, wenn der Faden mich einwickelt, sich verknotet, klebrig wird, wie von einer Spinne gezogen? Was aber kann überhaupt geschehen, wenn ich den Faden in der Hand halte, die Richtung bestimme, den Weg und auftauchende Hindernisse im Blick? Wie sollte ich noch in einen Brunnen stürzen?

Egal wie abstrakt noch immer vieles ist, die Zeit läuft ab, ich verlasse dieses alte Haus; schon bald.

Tomas Espedal schreibt

Es ist immer schwierig, ein neues Leben zu beginnen. (…) Manchmal denke ich, wir sollten an einem ganz anderen Ort wohnen, in einem anderen Haus, wir könnten ein ganz anderes Leben leben; doch sobald ich den Kiesweg hochgehe und die Tür aufschließe, bin ich unendlich froh, zu Hause zu sein. (S.191/192)

Hier endet das Buch, hier beginnt mein neues Leben in einem neuen alten Haus mit meinem alten Namen; hin- und herpendelnd zwischen Ulli und Ulrike, stetig bleibt mein Familienname, wie unstet auch die Familie war. Machen Mutter und Tochter schon eine Familie aus? Ich hätte darauf bestanden. Meine Mutter wechselte lieber ihre Familiennamen, bis sie wieder bei ihrem Geburtsnamen landete. Ich bleib in diesem Punkt stabil.

Ich teile nicht das Los der Töchter, die nie werden wollten wie ihre Mütter, um dann später mit ihren Zungen zu sprechen. Ich sehe die Erbanlagen, ich hörte auch schon hin und wieder Worte der Mutter aus meinem Mund, aber einmal hat immer gereicht, um mich zu besinnen. Ich habe eine Familie, ich habe Freundinnen und Freunde, ich habe Spaß; ach Mutter…

Ich stelle mir Fragen, du singst. In manchen Momenten bin ich lieber wütend als traurig.

Es wird nicht der letzte Umzug sein, aber es werden auch nicht mehr sehr viele folgen. Vielleicht nur noch einer und dann der letzte vom Leben in die ewige Stille, was auch immer noch dann sein wird. Kann überhaupt Jemand Ewigkeit denken oder Unendlichkeit? Ich nicht. Ich kann sie nur hinnehmen, weil ich sie angenommen habe.

Ich bin nicht bereit ohne einen Boden unter den Füßen von hier wegzugehen. Ich war nicht auf das letzte Wort gefasst, noch auf Endgültigkeit vorbereitet, obwohl dann ich es war, die beides in den Raum zwischen uns stellte. Nun stehe ich dazu. Es hat lange gedauert.

Zu lang, zu kurz gehört in die Schublade der Müßigkeit, wie alle Entscheidungen, die es hinzunehmen gilt, wenn man sie gefällt und somit angenommen hat. Zurückdrehen, zurückkehren sind keine Optionen, Aufrichtung und weitergehen schon. Dazwischen ist die Zwischenzeit, sind die Wunden, die ich sauber lecke, mich in mir auf meinem Bett eindrehe und der Schlaf ein freundlicher Bruder ist.

Wenn ich nicht mehr warte, wenn ich lieber schweige als rede, wenn ich froher mit mir selber bin…

Die Geschichte schreibt sich seit mehr als dreißig Jahren vor und zurück, jetzt schreibt sie sich ihrem Punkt entgegen. Punkt, Null, Nichts, der kurze Stillstand, die Welt hält den Atem an, wer es nicht weiß, wird nichts bemerken.

Die arme Poetin stellt ihr Bett in einen anderen Raum, Regenschirme darüber hat es nie gegeben. Die arme Poetin muss und wird weiterschreiben. Sie wird sichtbar sein.

Kreise müssen sich schließen, sonst ist es keine Geschichte, ob mit oder ohne offenem Ende.

Mich schmerzt, dass du mich nicht lesen gelernt hast. Bei keinem und nie zuvor war ich ein offeneres Buch. Hätte ich geheimnisvoller bleiben müssen? Hätte, hätte, Fahrradkette… Ich war, ich bin, ich werde sein, basta. So oder gar nicht! Gerade eben schaue ich der Vergeblichkeit in die Augen, selbständig, unabhängig, soweit Unabhängigkeit noch keine Illusion ist.

Weich besiegt hart, weich kann hart sein oder werden, hart, weich; geballte Weichheit ist Wucht. Weder steter Tropfen, noch ein Samtläppchen für den letzten Schliff will ich sein. Ich nehme das Stachelkleid nicht mit ins neue/alte Haus. Dort ist Platz, ich kann dort tanzen! Es gibt keine Ecken an denen ich mich stoßen kann, die Tür bleibt unverschlossen.

(Fortsetzung folgt)


Anmerkung

Tomas Espedal – Wider die Kunst – ISBN 978-3-518-46752-7 – Suhrkamp Verlag – erste Auflage 2017