Weiß

Weiß auf weiß –  das ist ein Thema was mich immer wieder einmal umtreibt. Vor ein paar Tagen zeigte ich Bilder von den „aufgeregten“ Weißlingen. Einer ist dann doch scharf ins Bild gekommen, dies inspirierte mich hierzu –

…als trüge der Weißling die Blüte über den Horizont – hin zu wem?

…als wüchse alles aus einem schwarzem Loch – das schwarze Loch saugt ein, spuckt aus, Schöpfung ohne Erschöpfung –


Was ist surreal? Surreal ist eine Dimension jenseits dessen was man real nennt, es können Traumbilder sein, Visionen, Imaginationen, Assoziationen, Halluzinationen, Un-wirklichkeit –

Es heißt: „alles hat seine Zeit“, ja, und ist zuvor und wirkt darüber hinaus.

Was aber wirklich oder unwirklich ist, was Zeit ist und was Sein und was Traum, was Imagination und was überhaupt ist, das sind so Fragen. Was immer ist und was es ist, es ist Jetzt.

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Eine Etüde

Nach sehr langer Pause heute nun eine abc.Etüde für Christianes Projekt – danke an dich, Christiane, für deine Unermüdlichkeit – und auch an Ludwig für die Gestaltung der Einladung.


Das kann ich dir nicht verraten, sie schmunzelte und zwinkerte ihm nahezu unsichtbar mit dem linken Auge zu. Er trat von einem Bein aufs andere, ungeduldig und neugierig, dass es ihn fast zerriss, Geheimnisse waren doch nur was für Määädchen.

Schschsch und noch leiser flogen die Fledermäuse, schneller als Blicke es je sein werden, über das nahe Wasser und die Uferbäume hinweg. Ein schwüler Tag ging zuende. Niemand würde an diesem Abend etwas freigeben und Keiner nichts erfahren.

Impressionen der letzten Wochen oder Nicht so geboren

Bevor ich meins schreibe, möchte ich aus dem Buch von Paul Auster 4 3 2 1 zitieren, das ich Zurzeit voller Begeisterung lese. Auster ist ein grandioser Erzähler (immer wieder). In diesem Buch verfolgt er konsequent die Idee, bzw. die Frage: Was wäre gewesen wenn…

Irgendwann werde ich einmal mehr dazu schreiben, jetzt nur ein Absatz, den ich auf Seite 751 fand, die Zeit ist 1965, der Ort New York – Morningside Heights:

… Auf den dreckigen Gehsteigen lag nicht abgeholter Müll, und die Hälfte der Leute, denen man begegnete, waren nicht ganz richtig im Kopf oder kurz davor, den Verstand zu verlieren, oder sie erholten sich gerade von einem Nervenzusammenbruch. Das Viertel war Sammelpunkt aller verlorener Seelen in New York, und täglich kam Ferguson an Männern und Frauen vorbei, die sich intensiv und unverständlich mit unsichtbaren anderen unterhielten, Leuten, die nicht existierten…

Paul Auster, 4 3 2 1

ISBN 978 3 498 00097 4  1. Auflage Februar 2017  Copyright © 2017 by Rowolth Verlag



Meins:

Gegenüber des Weihnachtsmarktstandes, an dem ich für drei Wochen eine Freundin unterstütze, ist eine Bushaltestelle, notdürftig überdacht, acht Sitzplätze auf der mir zugewandten Seite, acht Sitzplätze auf der anderen Seite, daneben steht ein Mülleimer, der, so alles gut geht, zweimal am Tag geleert wird. Wenn alles gut geht, geht aber nicht und am Sonntag sowieso nicht. Am frühen Morgen kommen dunkelhäutige Männer, die mit Stäben die Tonne nach Pfandflaschen durchsuchen, sie tragen Handschuhe, andere nicht, sie wühlen mit ihren nackten Händen zwischen Essensresten, Pappbechern und Zigarettenkippen nach Brauchbarem.

Vor dem Stand stehen die mehr oder minder Gutbetuchten, bewundern die reinen Wollpullover, kaufen Mützen, Schals, Handschuhe oder eben Pullover, Jacken oder Mäntel. Sie zucken zusammen, wenn wieder einmal der Mann, der mit sich selber spricht, auftaucht und lauthals beginnt zu deklamieren. Dabei hält er meist seinen Kopf zur Seite gewandt und spricht mit dem, den nur er sieht und dem er vieles zu sagen hat, nicht immer nur freundliches. Überhaupt ist er nicht immer nur freundlich, manchmal will er töten, oder Augen blau schlagen, ein anderes Mal ist er Gott und wir alle sollen uns vor seiner Rache in acht nehmen, denn die wird gar fürchterlich werden.

An vielen Morgenden ist er noch ruhig, dann hilft er mir die schweren Klappen des Standes hochzuhieven und zu halten, bis ich sie eingehakt habe, an anderen Morgenden kann er mich noch nicht einmal anschauen, wenn ich ihm einen „guten Morgen“ wünschen möchte.

Wo schläft er in der Nacht?

Der Mann, der mit sich selber spricht, ist Einer von Einigen, die dort, an eben dieser Bushaltestelle sich hinsetzen, mit sich allein oder auch in Ausnahmen mit anderen sprechen, die ihr Bier oder ihren Wein, ihren Schnaps trinken oder auch mal einen Joint rauchen, um dann in Tränen auszubrechen. Wie vor ein paar Tagen die dünne Frau, die noch am Anfang der Sitzung die „Jungs“ aufmunterte, bis dann eben dieser Joint die Stimmung kippte. „Ich fühl mich auch oft einsam, Mädchen. Nun komm, Kopf hoch“, tröstet einer der Jungs lauthals und schwankt dabei vor und zurück, während sie immer weiter unter ihrer großen Kapuze verschwindet.

Wo schläft sie in der Nacht?

Dann der dünne Mann, der immer telefoniert, dabei hält er seinen Zeigefinger ans Ohr und spricht sehr leise, lauscht und spricht. Aber manchmal scheint das unsichtbare Gegenüber etwas zu sagen, das er nicht hören will, dann wird er lauter, allerdings nicht verständlicher, aufgeregt streicht er sich die Haare hinters Ohr, sein sonst blasses Gesicht verfärbt sich rot, bis der Druck zu groß wird, er springt auf und rennt rastlos hin und her. Der Mann wird wieder blass, setzt sich erneut, flüstert erneut in sein nicht vorhandenes Telefon und…

Wo schläft er in der Nacht?

Zwei ältere Damen stehen am Stand und schauen sich die bunten Tücher an, als der Mann, der mit sich selber spricht, laut wird, sie schauen ihn an. Die eine Dame schaut mich an:

„So, wird niemand geboren.“

Wie gut mir dieser Satz tut. Ich habe schon ganz andere Sätze gehört, die ich nicht beantwortet, nicht kommentiert habe, mit der Dame kam ich ins Gespräch.


Künstler *in unbekannt

Weihnachtsmarkt, Dideldumm, Glühweinstände, Lachsbrätereien, Lebkuchenherzen, Anisbonbons, Eierlikörpunsch, Lakritze, Pommes mit Mayo, Fisch oder Wildschweinbratwurst im Brötchen, viele sehr dicke Menschen essen viel Fettiges. Kerzen, Glöckchen, Kunsthandwerk und Zeug, was eigentlich niemand wirklich braucht, aber eben doch gekauft wird. Am Rand der Massen knien Menschen auf dem Bürgersteig, einen leeren Pappbecher vor sich. Auf dem Weg zum Parkhaus entdecke ich einen Schlafsack auf einem Lüftungsschacht, darin eingewickelt ein Mensch.

Die Armut ist auch in Deutschland nicht neu, aber sie ist sichtbarer und größer geworden. Die Schere öffnet sich immer weiter, auch die in meinem Kopf.

Wenn ich könnte, würde ich jedem und jeder einen dieser feinen Wollpullover schenken, dazu einen Schal oder eine Mütze, ein Paar Handschuhe oder ein Paar Stulpen, bis der Stand leer wäre, dann würde ich den Freund, der so wunderbare Geschichten erzählen kann, bitten mit all diesen Menschen eine seiner Geschichten zu teilen und dann würde ich ihn unterhaken und mit ihm zum Parkhaus gehen und lächeln…



In diesem Zuhammenhang möchte ich euch noch einen Link zu tikerscherks Artikel „Lamettalos“ senden: https://kreuzbergsuedost.wordpress.com/2017/12/08/lamettalos/

Auch Irgendlink hat gestern einen Artikel mit ähnlichem Inhalt veröffentlicht: http://irgendlink.de/2017/12/11/bahngleisgossenhamlet/

Die Springerin hat vor einigen Wochen sehr berührende Fotos von Menschen auf der Straße gemacht, leider kann ich sie nicht finden…

Liebe Springerin, falls du dies hier liest, wäre ich dir dankbar, wenn du einen Link zu deinen Bildern in den Kommentarstrang schreibst, dann füge ich ihn hier ein – herzliche Grüße und danke –

P.S. Nun hat die Springerin den Link gesendet, die Serie heißt: heimliche Lehrer – secret teachers, es entstanden 6 Bilder, sie hat den Link zum ersten geschickt, wenn euch mehr interessiert, dann könnt ihr den Titel dieser Serie in ihre Suchmaschine eingeben, nochmals meinen herzlichen Dank an dich!

Heimliche Lehrer / Secret Teachers (1)

Freude und Schönes

Heute habe ich frei, das war die Gelegenheit am Morgen wieder eine grosse Runde mit dem kleinen Hund zu drehen. Der Himmel zeigte, neben seinem üblichen hell- bis dunkelgrau, ein paar blaue Flecken und die Luft war herrlich frisch.

Vielleicht hat Gerda ja doch Recht, wenn sie schreibt, dass neuere Forschungen ergeben haben, dass Menschen, die einen Hund haben älter werden. Mich macht so ein morgendlicher Gang auf alle Fälle glücklich und Wetter ist dann eben Wetter.

Ich habe heute Morgen auch an das Bild vom Mai gedacht (s.o.), als ich den Mann mit seinem kleinem Hund in Szene setzte, fast erschien es mir als Omen und ich dachte, dass mir so ein „Struppi“ schon gut gefallen würde, ausserdem steht er mir… 😉

Freude und Schönes

Gerade eben stehe ich erneut vor einer grösseren Herausforderung und auch der Weihnachtsmarkt und sein Drumrum hat viele traurige und tragische Gesichter, aber heute Morgen dachte ich einmal mehr, dass es immer nur an mir liegt, ob ich das Leben als Last empfinde oder als Freude, ob ich nur die hässlichen Seite wahrnehme oder eben auch die vielen schönen…

Wintereinbruch, Fragen und Musik

Kalt ist es auf dem Berg geworden. Das Morgenritual hat sich der Jahreszeit angepasst: Kaffeewasser aufsetzen, Ofen anmachen, Kaffee brühen und dann trinken und eine Stulle dazu. Die Wohnung wird schnell warm, ich schreibe, ich lese, ich sitze im Lesesessel und schaue dem Tanz der Flammen zu, je nachdem. Von innen und außen aufgewärmt ziehe ich den dicken Pullover über, die Schaffellweste darüber, die dicken Socken habe ich eh schon an den Füßen, dann schlupfe ich in die Gummistiefel, nehme den Holzkorb und gehe nach unten Holz holen, zwei-, dreimal. Danach ist mir richtig warm und die Frische der Luft liegt auf meinem Gesicht.

Am Sonntagmorgen war es, als wieder über Nacht eine feine Schneedecke meine Terrasse bedeckte. Auf der Terrasse, über die ich gehe, wenn ich nach unten in den Hof will oder überhaupt die Wohnung verlasse. Die Schneeschippe steht gleich neben der Haustüre und so habe ich also erst einmal noch Schnee geschippt. Meditativ und versonnen räumte ich das erste Mal den Holzkorb ein und dachte: das nenne ich ehrliches Leben. Und dabei bin ich geblieben, ohne es weiter zu hinterfragen, ich weiß ja, was und wie ich es meine.

Später lasse ich Revue passieren und denke an alle die Menschen in meinem Umfeld, die gerade steinige Wege gehen, über Hürden springen oder vor ihnen stehen, manche Sätze klingen in mir nach und ganz besonders ein Wort sticht heraus: Überforderung. Und ich denke an die Frage einer Freundin am Sonntagabend: „Du musst jeden Morgen den Ofen anmachen, damit du es warm hast?“ Ja, das muss ich und das will ich. In mir schwingt das Wort „Reduktion“, Leben um das Wesentliche herum, wohin ich mich wieder bewege, aber auch, trotz Ofen, noch immer ein Stück entfernt bin. Diese Art von Leben fordert auch meinen körperlichen Einsatz: Holz holen zum Beispiel oder Schnee schippen oder die Gartenerde beackern, damit sich z.B. die Brennnesseln nicht zu sehr ausbreiten. Ich glaube aber auch, dass all das jung und beweglich bleiben bedeutet. Das denkt und empfindet übrigens auch teggytiggs → https://meinexperimentlebenblog.wordpress.com/2017/11/20/wintervorbereitung-3/

Heute Morgen im Badezimmer kommt ein anderer Gedanke: die Menschen (damit schließe ich mich selbstredend mit ein) bauen sich ihre Gefängnisse selbst, die Stäbe sind u.a. die Worte:„Ich-muss“, „Ich-kann-nicht“ und „Ja-aber“.

Und dann noch einmal die Überforderung: ich überlege, ob jede kleine Müdigkeit, nach getaner Arbeit, gleich Überforderung ist? Wieso, frage ich mich weiter, habe ich meine Großeltern nie, auch selten meine Mutter das Wort Überforderung aussprechen hören oder das Wort Stress? Ich erinnere mich, dass sie einfach die Füße für ein halbes Stündchen hochlegten, ob nun nach dem Mittagessen oder wenn die Mutter am frühen Abend aus dem Kaufhaus kam, wo sie Stoffe verkauft hatte, und dann ging es eben weiter. -M-

Versteht mich bitte nicht falsch, natürlich gibt es gerade in der heutigen Zeit auch Überforderungen, und doch lohnt es sich vielleicht einmal genauer hinzuschauen.

Was hat das zum Beispiel mit der hochstilisierten Individualität zu tun, bei gleichzeitig zunehmender Vereinsamung?

Was, mit den modernen Medien, der Informationsflut und/oder dem viel zu schnellem Takt der modernen Turbogesellschaft, besonders in den großen Städten? Was, mit eigenen sehr hohen Ansprüchen, bei gleichzeitg „gepflegter“ Unzufriedenheit?

Wie frei ist der Mensch?

Dunkelkammer

Auf der Suche nach der Dunkelkammer läuft sie durch ihr Erinnerungslabyrinth -Treppen hinauf und hinunter, lange Flure, viele Türen und der Schlüssel bleibt verschwunden.

Gab es einen Anfang oder war es der fließende Übergang vom Mädchen zur jungen Frau; noch so jung und noch so klein. Das einst so große Mädchen wuchs nicht mehr. Erst hatte sie alle Gleichaltrigen überragt, dann gehörte sie plötzlich zu den Kleinsten, wenn auch nicht zu den Schmächtigsten.

Laufen war nie ihre Disziplin gewesen, hoch springen schon, Stufenbarren und Schwebebalken auch und unter der Woche die Fußbälle der Jungen halten.

Ob Spirale oder Labyrinth, es gilt einen Punkt zu erodieren. Dann eben der Umzug. Alle Freundinnen und Freunde blieben zurück, kein Hof mehr, kein Völkerball am Nachmittag, keine Torbewachung unter der Woche; nur öde Einfamilienhäuser in Reih und Glied und ein Ort, den sie Mettwurst nannte. Noch im Umzugswagen hatte sie geheult und gezetert

-Ich will nicht nach Mettwurst!

Ab jetzt wurde der Schulweg lang, er reichte von 6h am Morgen bis kurz nach 15h am Nachmittag. Zwei Busse hin, zwei zurück und keine Freundin mehr am Nachmittag, nur eine Kastanie vor ihrem Fenster. Immerhin. Auch keine Freundin in den Schulbänken. Nonnen als Lehrerinnen oder verschrobene Fräuleins, keine Lehrer, nur Jesus hing am Kreuz und mit ihm waren alle Nonnen verlobt. Nun denn… Die Mitschülerinnen kamen aus reichen und neureichen Familien, sie war das Bahndamm-Keller-Kind und sprach ihre Sprache nicht.

All das blinkt jetzt wieder auf, wie schon so oft, wenn sie sich auf die Suche nach der Dunkelkammer begibt. Und dann, gerade jetzt, fegt der Sturm in ihr Zimmer hinein, mit einem lautem Krach fällt ein Stein von der Fensterbank, die Stiftetasse fällt um, nichts ist zerbrochen. Soll sie aufhören? Sie glaubt an Zeichen.

Doch genau in diesem Augenblick erinnert sie sich wieder: es ist neun Jahre her, als sie dem Wald ihre Lebensgeschichte erzählt hatte. Alles Unsägliche hatte sie ausgesprochen, alles Dunkle war ans Licht gekommen – und alle Scham. Am Ende hatte sie sich selbst im Arm gehalten: wie klein sie noch gewesen war, wie groß sie hatte sein müssen und wollen und Mutter war mit sich beschäftigt gewesen.

Das Blut war viel zu früh gekommen, wie immer alles viel zu früh gekommen war: der Tod, die Schule, die Fruchtbarkeit, die Anzüglichkeiten, der Verlust, die Einsamkeit, die Zigaretten, die Mutproben, der Alkohol. Mitten im Wald war die Türe der Dunkelkammer aufgesprungen, alle Dämonen waren auf einmal herausgestürmt. Zuerst hatte sie geschrien, dann geflüstert, dann geweint, dann war auch das vorbei. Sie hatte einen Besen genommen und allen Unrat dem Wald für die Kompostierung übergeben, die Dämonen hatte der Wind mitgenommen. Über ihr spannte sich der blaue Himmel, er war Trost und Schutz in einem, unter ihr die Erde, die sie hielt. Sie ging zum Fluss.

Nichts geht verloren, nichts bleibt wie es einmal gewesen ist und nicht alle Geschichten muss ich teilen.



für tikerscherk →

Wir wollten alles

Wir wollten alles und wir wollten es ganz. Und wir hatten keine Ahnung, was alles und ganz wirklich bedeutete. Aber wir wussten genau, was wir nicht mehr wollten und was niemals mehr passieren durfte. Und wurden unbequem.

Mit unseren Fragen rüttelten wir an eingerosteten Falltüren. Unsere Statements sorgten für katholische Moralpredigten oder protestantische, je nachdem. Wir verdrehten hinter ihren Rücken die Augen, zuckten mit den Achseln. Die Hölle war eigens für solche wie uns gebaut. Sagten sie. Aber sie wussten nicht, wie nah wir dem Himmel schon waren! Glaubten wir.

Es hatte Vorreiter gegeben. Wir konnten uns orientieren, konnten aufblicken, wenigstens das. Wir schauten auf die in den neunzehnhundertvierziger Jahren Geborenen. Auf die, die in eine Welt der Zerstörung und Bombenhagel, in eine Welt von Hass und Holocaust hineingeboren worden waren. Sie wurden die Generation achtundsechzig und wir waren nicht weit weg von ihnen. Wir, die Generation Siebziger.

Sie waren die Ersten, die das festgestampfte Gefüge von Sonntagsbraten-Kirchgang-Kuchenkaffeeklatsch aufbrachen und aus den viel zu engen Kleidern schlüpften. Ihre Fragen stießen erste Risse in die Betonwände der Elternköpfe. Sie waren die Ersten, die laut gegen das Schweigen der Alten wurden.
Uns fuhren sie voraus, ebneten den Weg, Fahrrinnen entstanden. Wo sie noch nicht hingekommen waren, entdeckten Nachfolgende neues Land.

Jede Generation muss für sich fragen. Ob neu oder nicht. Auch wir hatten gehungert, wenn auch nicht nach Brot. Auch wir waren umgeben von der Schwere in den Wohnzimmern mit den Gummibäumen und den ordentlich gemangelten Tischtüchern für die Kleckereien der sonntäglichen Bratensoße. Die Lügen hockten in den Ritzen und unter den Teppichen.

Wenn ich als Kleine zu den Großen aufschaute, erschien es mir als wäre Leben etwas Lästiges, Schweres, Unerreichbares. Ich sah sie schwer atmend ihre Lasten auf den vor Demut und Kummer gebuckelten Rücken tragen. Ich spürte es. Ich roch es. Ich schmeckte es: da war doch etwas schief gelaufen! Älter geworden wusste ich es. Ja, es war etwas schief gelaufen! Dieses Monster Zweiter Weltkrieg, die Hitlerjahre, der Holocaust hatte die ganze Welt erschüttert und verändert. Traumatisierte Väter und Mütter rannten auch noch in den neunzehnhundertsechzigerundsiebziger Jahren als gäbe etwas zu verlieren! Und wir, ihre Kinder, hatten dieses Rennen mit der Muttermilch aufgesogen.

Viel mehr noch hatten wir aufgesogen. Im Leben will alles ans Licht. Früher und später, nach und nach.



Diesen Text habe ich vor ein paar Wochen wiedergefunden, es ist ein Ausschnitt aus einer Geschichte, die ich noch immer nicht fertig gestellt habe – und nun denke ich, dass sie auch zu dem Thema von vorgestern passt → https://cafeweltenall.wordpress.com/2017/11/15/august-der-schaefer-hat-woelfe-gehoert/

schreiben gegen rechts hat viele Facetten oder was meint ihr?

August der Schäfer hat Wölfe gehört

 

Anna aus Berlin hat am 08. Oktober diesen Jahres erneut zu einer Blogparade aufgerufen: Schreiben gegen rechts – dieses Mal möchte sie ein Buch der Zuversicht aus den unterschiedlichen Texten erstellen.

 

August der Schäfer hat Wölfe gehört, zwar nur zwei, doch der Schäfer der schwört…

(s.u.)

Es ist noch nicht so lange her.

Schon lange sind es mehr als zwei, sie heulen wieder, sie zündeln, sie morden, sie hassen, ihre Sprache ist menschenverachtend, sie sind rechts und viele radikal.

Schreiben gegen rechts, demonstrieren gegen rechts, argumentieren gegen rechts, aber sie werden mehr. Sie sind laut, sie lügen, sie bekommen Zulauf und Stimmen. Sie sitzen jetzt im Bundestag. Und ich nähre noch immer die Zuversicht. Nenne mich Blauauge.

Lange schon ist das Leben in den deutschen Straßen bunt geworden, früh schon habe ich Freundschaften geschlossen. Ich frage nicht nach schwarz oder weiß, nicht nach Süd, nach Nord, nach West, nach Ost, ich frage nach den Menschen. Unterschiedlichkeit bereichert mein Leben.

Ich denke an den Freund aus Sizilien, lang ist es her! Ich denke an die Nachbarin aus Kenia und an ihre Freundinnen, wir feierten ein Sommerfest im gemeinsamen Hinterhof. Wir tanzten durch die Nacht. Wir haben viel gelacht. Ich denke an den Freund aus der Karibik, er war ein großer, ein schwarzer Mann, ich sah es nicht, er war ein Freund und so begrüßten wir uns auch, als Freund und Freundin, mit einer Umarmung von Herz zu Herz, es wurde still, alle Köpfe drehten sich. Ach…

Ich denke an die einstige Kollegin, die aus Kroatien kam, an die Nachbarin, die in Rumänien geboren wurde und ich denke an einen Abend im letzten Jahr: meine Freundin hatte eine junge syrische Familie begleitet, es war ihr letzter Abend in diesem Landkreis. Die Freundin hatte ihnen eine Wohnung in einer Stadt besorgt, in der Freunde von ihnen wohnten. Bei aller Anteilnahme hier, fühlten sie sich auch immer wieder einsam. Sie kamen und wir hatten für sie gekocht und gebacken. Sie, das war eine junge Frau von fünfundzwanzig Jahren, ihr Mann etwas älter und ihr Baby neun Monate alt. Wir aßen und sprachen und die junge Frau erzählte von ihrer Fahrt über das Meer, über ihre Angst und ihrem tiefen Wunsch, dass es ihrem Baby einst besser gehen soll.

Sie hatte Tränen in den Augen, als sie von ihrer Familie sprach, die noch immer in Syrien war. Dann wischte sie entschlossen die Tränen weg, herzte ihr Baby und wir gingen auf die Terrasse, tranken, lachten und feierten ihr Überleben. Selten habe ich eine Frau so ausgelassen tanzen gesehen.

Es sind die Begegnungen mit Menschen, die das Leben lebenswert machen

Guy de Maupassant

Miniatur – 19 – 2017

Aus einstmaligen Begehren wird aufregen. Er regt sie auf, sie ihn und im Bett wird es kalt. Messer sind zum schneiden da, Scheren auch, Papier, Fleisch und mehr. Was einem so alles beim Abwasch durch den Kopf geht und auch dass sich deswegen vielleicht so viele Paare trennen, weil sie das Siechtum nicht ertragen, nicht das eigene und auch nicht das des anderen und dass einer übrig bleibt, fast immer und wie traurig das ist. Und dass der Kalender November schreibt und nun alle ans Sterben denken, weil es vor der Türe ist, weil Blätter fallen und zerfallen, weil sie dann zu Humus werden, wenn der Laubbläser nicht dazwischenfunkt und sie auf der Halde landen, fertig für das große Feuer. Als ob es im Sommer kein Sterben gäbe oder im Frühling und als ob es nicht erlaubt sei im November beschwingt zu sein. Und dass es vielleicht auch um gar nichts anderes geht, als Leben, nichts als Leben, das Sterben kommt ganz von allein.

(inspiriert von Glumm)

Heilig

Was ist den Menschen heute noch heilig, im Sinne von etwas Besonderem, etwas Verehrungswürdigem, was ist überhaupt noch heil in unserer Welt und woher kommen alle diese Heilsversprechen, weil eben nichts mehr heil ist?

Mir ist vieles heilig. Ich lebe mit dem Satz, dass das Heilige und Profane zwei Seiten einer Münze sind. Dennoch→ Sonntagnacht war ich wieder einmal bestürzt, als ich ein Bild im www fand, auf dem die verkohlten Reste einer Holzskulptur zu sehen waren (aufgenommen in Myanmar). Leider wurde der Fotograf/die Fotografin nicht genannt. Aber ich habe mir erlaubt das Foto herunterzuladen und auf meine Art weiterzubearbeiten und meinen Fragen zu lauschen, ohne Antworten zu haben und schon gar keine Lösungen…

draufklick = großes Bild

Was bedeuten Menschenrechte, was Religionsfreiheit, was die Freiheit der Andersdenkenden? Wie könnte ich nicht traurig werden beim Anblick von so viel Zerstörungswut? Was treibt sie an, sie, die anderen…?


Es liegt mir nichts daran Urheber*innenrechte zu verletzen, man kann sich bei mir melden, gerne füge ich dann den Namen der Fotografin/des Fotografen ein oder nehme das Bild ganz heraus, wenn gewünscht!