Von Märchenmotiven und gewichtigem Schnee

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Dieses Bild widme ich Elke Engelhardt und ihrem Buch

Wenn der Schnee Gewicht hat

 

Was zuerst als Paradox erscheint, ist bei näherer Betrachtung eine kleine Schneeflocke, die weniger wiegt als die winzige Daunenfeder eines Pirols im Frühling, die aber, wenn sie sich mit Ihresgleichen paart und stapelt, Hausdächer zum einstürzen bringt. Das ändert kein Wolf, kein Hans, ob groß im Glück oder klein auf einem Bein, das ändert keine rote Kappe, kein Rumpelstilzchen und auch keine Großmutter.

DSC_0496Elke Engelhardt, die Autorin dieses Buches, kennt dieses Paradox. „Sie“  leistet bei der Alten mit den großen Zähnen ihre Dienste, bis der Schnee Gewicht hat. Erst dann wird es Zeit für eine Umkehr, eine Heimkehr mit oder ohne Kieselsteine, aber mit der Frage nach Heimat.

Wenn Märchen anfangen zu sprechen und mehr werden, als böse Hexe, unschuldiges Kind, mehr als gutmütige Zwerge, bösartige Stiefmutter und vergifteter Apfel, mehr als Schneewittchen, Prinz, Hans und Hänschen, dann haben sie Eine (oder Einen) auf ihrem Weg erreicht.

Auf dem Weg nach Innen, mit und ohne Drachentöter, mit und ohne Frosch und König oder Erbsen. Dann durchstreift sie die Tiefen der Wälder in sich, auf der Suche nach dem heiligen Gral. Sie hat dem Wolf ins Auge geschaut und ist weiter gegangen. Sie sah in manchen Spiegel hinein, hindurch und dahinter, sie hat dem siebenten Geißlein gelauscht, das noch springt und die Geschichte wieder und weiter erzählt. Sie fürchtet sich weniger vor den langen Zähnen der Holle, als vor dem Leben oberhalb des Brunnens, in den sie fiel.

Elke Engelhardt fand ihre ProtagonistInnen in den Märchengestalten der Gebrüder Grimm und den Kunstmärchen von Hans Christian Andersen. Sie hat sie sich gegenüber gestellt, sie hat sie verwandelt, in neue Lichter gesetzt, und zu neuem Leben und Sinn erweckt. Sie hat ihre Spiegel zu sich genommen, hat in sie geschaut und ihre Metaphern und Gleichnisse über den eigenen Weg gelegt, Kieselsteinen gleich. Da kann der Wolf noch lange Kreide fressen, sie folgt ihren Spuren.

Ihre Spuren sind die Wörter und der Weg ist nicht eben, es gibt keine Sicherheit und Verirrungen kommen vor. Auf ihrem Weg: Begegnungen. Eine heisst Anne Sexton:

Später dieselben Märchen, diesmal mit mir als Erzählerin und Anne Sexton, die … nach und nach immer mehr neue Fäden in meine Gedanken und in die alten Geschichten spann.

Das Buch von Elke Engelhardt liegt zart und leicht in der Hand und dann entwickelt es von Seite zu Seite sein wahres Gewicht. Es ist eins dieser Bücher, das ich nicht nur einmal lese und dann ins Regal räume, es ist eins, das ich jetzt, nach einmaligem Durchlesen, ab und an wieder aufschlage, wo es gerade will, und schon nehmen mich seine Zeilen wieder ein.

Zwei Rezensionen erschienen auf der Seite von fixpoetry, beide zitieren viel aus dem Buch, sodass ich mich für eine freie und assoziative Besprechung entschieden habe. Wer mehr wissen möchte →

Märchenhafte Einsichten von Monika Vasik & „Hinter den sieben Bergen“ von Stefanie Golisch

Winterland – 2 – und Nachthaut

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Die Sonne schien auf weißes Winterland, warf Schatten und Licht, ließ Eiszapfen glänzen und weiße Flächen glitzern. Die Augen folgen den Formen, dem Rund im Winterland, alle scharfen Ecken sind verhüllt im weichen Fluss. Glitzerschnee auch in der Nacht. Der Mond nimmt zu. Winterland.

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Winterland und Reduktion: kleinere Schritte, Blicke nah bei sich und den voranschreitenden Füßen, langsamere Autofahrten, kürzere Gänge, keine Reisen, weniger Aktivitäten von hier nach dort (Kino, Ausstellungen und so), kaum Ablenkung, weniger Besuche. Formenvielfalt, wenig Farbe, es sei denn ein Wintersportler geht vorbei. Oder der winterblaue Himmel spannt sich über das hohe Tal. Die Moderne weiß wenig von Reduktion, sie redet nur gerne darüber. Mit ihr zu tanzen heisst auch Verzicht. Man muss das aushalten.

Schnitt

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„Mit Häusern besiegt man die Wildnis nicht, man mauert sie höchstens ein.“

„… man wird, was man sich wünscht! Was denn sonst? Man wird, was man fürchtet, beides, Shiva tanzt.“

Sabine Friedrich – Nachthaut (S. 197 und S. 245)

 

Dieses Buch begleitete mich durchs Winterland.

Es erzählt von der Kindheit in einer miefigen, kleinen Stadt, nahe der Ostgrenze. Wir schreiben die 1960ger und 1970ger Jahre – Meine Zeit, meine Generation …

Miefige Kleinstädte sind austauschbar. Die Grenzen leb(t)en in den Köpfen der Eltern, der Erwachsenen, der Traumatisierten und Unwissenden, die ohrfeigten und demütigten. Es erschien ihnen als ihr Recht: es ging um die Verteidigung und Indoktrinierung ihrer Moral und Werte, ohne Bewusstsein für Misshandlungen, Übergriffigkeiten und Missbräuchen.

Kinder, wie Dünenpflanzen:

„… die Dünen sind von Pflanzen bewachsen: Salzmiere Meersenf Strandroggen Silbergras Kriechweide Krähenbeere: Es sind die schwermütigen Namen der Unscheinbarkeit. Namen für etwas, das unter Schutz steht, worüber man aber dennoch hinwegtrampelt: wieso, hier ist doch nichts.“ (S. 92)

„Susannes Mutter schlägt Susanne ins Gesicht, wenn Susanne ihre Kleider blutig macht. Es tut nicht sehr weh, Susannes Mutter schlägt nicht fest zu. Schließlich misshandelt sie ihr Kind nicht! Aber es ist trotzdem ein ekliges Gefühl. Susanne macht vorher die Augen zu, damit sie die Hand nicht auf sich zukommen sieht, aber Susannes Mutter wartet, bis Susanne die Anspannung nicht mehr aushält und blinzelt. Sie sieht dann die Hand auf sich zukommen, sieht die Finger der Hand wachsen, schrecklich schnell größerwerden, dann prallt die Hand auf. Susanne fühlt den Aufprall überall, nur nicht auf der Backe, die heiß wird, obwohl Susannes Mutter ihr Kind nicht misshandelt. Sie fühlt ihn auch in den Beinen, die schwach werden, in den Ohren, die summen, ganz innen im Bauch, wo ihr flau wird und weinerlich und sehr elend.“ (S. 97/98)

Es geht um Susanne, Irmi und Isa. Zunächst sind es drei Mädchen auf ihrem Weg junge Frauen zu werden. Dann kommt der Aufbruch. Isa ist die Erste, die der miefigen Kleinstadt an der Ostgrenze den Rücken kehrt. Dann haut auch Irmi ab. Sie reist über die Türkei, den Iran, Afghanistan (das ging damals noch auf dem Landweg) nach Indien. Susanne studiert in München. Drei Leben, die sich ineinander verhaken.

Das Buch beginnt bei Susanne, die zurück auf dem Weg in die Kleinstadt an der Ostgrenze ist: Klassentreffen. Irmi lebt jetzt wieder dort, sie ist zurückgekommen. Ob Isa kommt? Wer will das wissen, du weißt doch, wie Isa ist, sagt Irmi zu Susanne am Telefon. Susanne weiß aber nicht, wie Isa ist, heute. Sie fragt sich. Als dann später herauskommt, dass seit sieben Jahren niemand mehr etwas von Isa gehört hat, auch nicht die Tante bei der Isa aufgewachsen ist,  beschließt Susanne Isa zu suchen.

Susanne kennt die Nachthaut. Manchmal legt sie sich über sie, in der Luft ein hohes Fiepen.

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„… sie weiß, ihre Mutter würde sie wegwerfen, wenn sie sie fände. Die Mutter hätte Angst vor Susannes Fledermaus, sie fände die Fledermaus eklig. Aber warum? Die Fledermaus ist trocken und sauber. Sie ist tot, sie tut nichts! Sie ist luftgetrocknet, wie roher Schinken. Ihre Flügel sind aus Dämmerungshaut. Aus Nachthaut.“ (S. 99)

Irmi ist ruhelos. Von Anfang an. Kommt Isa? Sie und Susanne antworten sich nicht, nicht wirklich. Sie lassen aus. Sie bleiben in ihren Antworten an der Oberfläche, behalten das Wesentliche zurück. Das aber erfahren die Leserinnen und Leser. Nach und nach entwickelt sich ein Bild von Irmi, von Susanne. Isas Bild bleibt zunächst verschwommen. Bilder vom Leben als Mädchen auf der Grenze zur jungen Frau an der Ostgrenze. Bilder von den jungen Frauen unterwegs. Jetzt schauen sie schon zurück. Wann fängt das an?

Susanne bricht auf: Nachtzug nach München. Was tue ich eigentlich hier? Ich will Isa finden. Etwas später bricht auch Irmi auf: Susanne finden, die sie mittlerweise auf einer Insel weiß, wohin der Wind Saharasand trägt. Auf eine Insel, wo Isas Spur an einem Faden baumelt.

Suchen, finden, umkreisen, sich und die andere, die Erinnerungen und Jetzt.

Große Lieben, Verluste, Taumel, Verirrungen, Schweigen und Nachthaut. Ein Buch, das mich durchs Winterland begleitet hat, mich nachhaltig beschäftigt und beeindruckt und manchmal mittig traf.

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„Geschichten sind Flussbetten.

Sie sind uralte Wadis, ausgewaschen von Tausenden von Versionen, der immer gleichen Geschichten: Noch während man glaubt, sich mühsam einen Weg zu bahnen, ist das eigene Leben schon längst Wasser geworden in so einem uralten Flussbett.“ (S. 183)

Anmerkungen

Sabine Friedrich – Nachthaut – Eichborn AG – Juli 2000 – ISBN 3 – 8218 – 0843 – 8

zu der letzten Fotomontage: die Fledermaus fand ich unter de.engadget.com – danke

„Die Badende“ (hier ohne Schirm) fotografierte ich auf Usedom

Er liest etwas, das ich nicht kenne

Premiere, 2. Teil

Ab heute wird in unregelmässigen Abständen belmonte bei mir „sprechen“. Manche von euch kennen vielleicht seinen Blog vnicornis →  wenn nicht, schaut doch einmal rein.

Die Idee dahinter ist mehr Austausch und Vernetzung. Es war seine Idee, die ich gerne aufgegriffen habe. Ich freue mich sehr auf dieses Neu und sage auch hier:

Herzlichen Dank, belmonte, für deine Inspiration und deine Rezension.

Wie er mir, so ich ihm … ab und an werde ich, sozusagen im Austausch, auf „vnicornis“ Bücher besprechen, die ich schätze (wie bereits geschehen, siehe Premiere 1. Teil →).

Ausserdem denken wir über den Austausch von Texten nach. Ich bin gespannt, wie sich diese Idee entwickelt und wie ihr sie aufnehmt und ob vielleicht noch jemand Lust hat, sich uns anzuschliessen?! Gerne erinnere ich in diesem Zusammenhang auch an den Blog The story of your Alltag den ich am 17.12. vorstellte →

Als ich das erste Mal belmontes Rezension gelesen hatte, fragte ich mich, ob ich dieses Buch lesen wollen würde. Mir fiel ein anderes Buch ein, das ich im Herbst las: „Die Sisters Brothers“ von Patrick de Witt und dann wusste ich: Ja, auch ich will „Das Dickicht“ von Joe R. Lansdale lesen.

Das macht die Spannung aus: Er liest etwas, das ich nicht kenne.

„Ich bin nicht mehr so unschuldig, wie ich mal war.“ – „Wer ist das schon?“ –

Joe R. Lansdale: Das Dickicht (Rezension von belmonte)

belmonte

Kurz nachdem die Eltern des jugendlichen Jack Parker von den Pocken dahingerafft wurden, erschießt Cut Throat Bill mit seiner Bande von Gesetzlosen Jacks Großvater und entführt seine Schwester Lula. Kurzerhand heuert Jack eine Gruppe von Kopfgeldjägern an, um seine Schwester zu befreien. Was dann kommt, ist ein klassischer Verfolge-die-Schurken-Western (vergleichbar True Grit), der wie viele andere Romane Lansdales in Südost-Texas spielt, zeitlich angesetzt in den 1920er-Jahren. Ein paar Automobile fahren bereits durch die Gegend.

Bei den Kopfgeldjägern handelt es sich um eine illustre Gesellschaft: Da ist der schwarze Hüne Eustace mit seiner wuchtigen Schrotflinte und einem hitzigen Wildschwein an der Seite, neben ihm der kleinwüchsige Shorty, ein kluger Kopf, ebenso sternkundig wie ungläubig, dessen feinsinnige Moral von Brutalität und Potenz umhüllt wird. Auf dem Weg über ein Bordell, in dem Jack ohne langes Zögern seine Jugend an den Nagel hängt, gesellt sich die Prostituierte Jimmie Sue dazu, gefolgt von Sheriff Winton, dem einst Komantschen das Gesicht entstellten.

Zusammen verfolgen sie den fettleibigen Fatty, der sich von der Gruppe der Outlaws getrennt hat, finden ihn im Bordell und foltern ihn. Fatty kann jedoch entkommen und flüchtet ins Dickicht, ein dichtes Waldgebiet im Südosten von Texas.

Das Buch ist hemmungslos brutal, Shortys Folter an Fatty nichts für schwache Gemüter. Aber auch Fatty ist nicht ohne, erschießt auf seiner Flucht ins Dickicht alle Personen, die ihm über den Weg laufen.

belmonte aJoe R. Lansdale irgendwo in Ost-Texas / Bild: PKDASD/wikimedia unter CC-by-SA 4.0

Darüber hinaus ist Das Dickicht eine großartige Coming-of-Age-Geschichte. Jack kommt aus einem streng evangelischen Elternhaus. Schnell wird ihm klar, dass die Welt da draußen mit ihrem Dickicht seinen Glauben nachhaltig erschüttern wird. Nachdem er das erste Mal einen Menschen getötet hat, und sei dieser auch ein Verbrecher gewesen, reflektiert er:

„Ich hatte mich von Jesus entfernt und war Satan ein Stück nähergekommen. Im Vergleich dazu waren meine alten Ängste, weil ich mir im Klohäuschen ab und zu einen runterholte, irgendwie nicht mehr so wichtig. Die Vorstellung, dass Gott mir dabei zuschaute, wie ich an meinem Pimmel rumschrubbte, während ich eine Frau in Unterwäsche im Sears-and-Roebuck-Katalog anstarrte, kam einfach nicht gegen das Erlebnis an, auf einen Mann geschossen und dabei zugeschaut zu haben, wie sein Lebenslicht verblasste …“ (213)

Auch die Erkenntnis, dass sogar sein getöteter Großvater bereits Bekanntschaft mit Jimmie Sue hatte, öffnet ihm ein nüchternes Weltbild.

Am Ende werden er und seine Schwester Lula ihre jugendliche Unberührtheit verloren haben. Auf Lulas Bemerkung „Ich bin nicht mehr so unschuldig, wie ich mal war, Jack.“ antwortet Jack: „Wer ist das schon?“ (323)

Der Roman hat es in sich. Er ist schnell und grob, an vielen Stellen aber auch sehr zärtlich. Die Personen, selbst die Outlaws, werden liebevoll gezeichnet und sind mehr als bloße Western-Abziehbilder. Die Schurkenverfolgung verläuft wunderbar episodisch (ähnliche Atmosphäre wie im Film Stand by me), mit einigen fesselnden Seitengeschichten, die Shorty Jack erzählt. Ihre Gespräche sind ohnehin sehr lesenswert, von den sonstigen Dialogen mit viel Spruchwitz und Sarkasmus ganz zu schweigen. Das ebenso chaotische wie famose Finale lässt nichts zu wünschen übrig.

Ich bin gespannt auf den Film, der anscheinend bereits vorbereitet wird. Wie zu lesen ist, spielt Peter Dinklage (bekannt als Tyrion Lannister in Game of Thrones) die Rolle des Shorty.

Joe R. Lansdale: Das Dickicht, Suhrkamp, Berlin 2013. Aus dem Amerikanischen von Hannes Riffel, Tropen, Stuttgart 2014, 330 S.

(c) belmonte 2016

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

Interview mit Joe R. Lansdale über The Thicket

Joe R. Lansdale über die Geschichten, die ihn zu seinem Buch inspiriert haben

Rezension zu Joe R. Lansdales Roman Gluthitze

New Orleans, eine untergegangene und wiederauferstandene Stadt

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Dieses Bild nahm ich bei meiner Freundin K. auf, das Foto der Saxophonistin schoss unser gemeinsamer Freund P.B., als er in den 1990er Jahren New Orleans besuchte.

Schon einmal schrieb ich einen Artikel über New Orleans, damals ging es um die Musikszene vor und nach Katrina, heute geht es um ein Buch und was es mit mir machte. Zur Erinnerung: Katrina war ein Hurrikan, der Ende August 2005 unter anderem grosse Teile von New Orleans zerstörte.

persönliche Einleitung aus einem Text von 1976:

tom und huck

(Das Bild habe ich aus dem Netz gefischt)

„… am meisten aber habe ich immer Tom Sawyer geliebt, den dicken Neger Jim, den Mississipi und die Raddampfer, Tante Polly und natürlich Huckleberry Finn. Das war das Land meiner Träume und alles geschah so, wie es geschehen musste.“

Aber dann geschah eben vieles, was so nicht hätte geschehen müssen. James Lee Burke schreibt in seinem Buch sturm über new orleans

„New Orleans wurde systematisch zerstört, und dieses Zerstörungswerk begann Anfang der 1980er Jahre, als die Bundesmittel für die Stadt um die Hälfte gekürzt wurden und gleichzeitig zu Crack verbackens Kokain Einzug in die Wohlfahrtssiedlungen hielt. Dass man es versäumt hat, vor Katrina die Deiche zu reparieren und hinterher zehntausende Menschen ihrem Schicksal überließ, hat Ursachen, die ich andere ergründen lassen will … (S.563)

New Orleans war ein Song, der unter den Wogen versank. (S. 561)

Vielleicht hatte ich zu viele Erinnerungen daran, wie die Stadt früher mal war. Vielleicht hätte ich nicht zurückkehren sollen. Vielleicht erwartete ich, saubere Straßen zu sehen, das Stromnetz intakt, Zimmermannstrupps, die kaputte Häuser reparierten … New Orleans war ein Song gewesen, keine Stadt. Wie San Francisco gehörte sie nicht zu einem Staat; sie gehörte einem Volk.

Als Clete und ich an der Canal Street auf Streife gingen, war überall Musik. Sam Butera und Louis Prima spielten im Quarter. Alte schwarze Männer fetzten in der Preservation Hall den „Tin Roof Blues“ runter. Die Blechbläser der Beerdigungszüge brachten die Schaufenster an der Magazine Street zum Scheppern. Wenn die Sonne über dem Jackson Square aufging, hing der Nebel wie Zuckerwatte in den Eichen hinter der St. Louis Cathedral. Die Morgendämmerung roch nach stehendem Wasser, mit Flechten überwucherten Steinen, Blumen, die nur bei Nacht blühten, Kaffee und frisch gebackenen Beignets im Café du Monde. Jeder Tag war ein Fest, jedermann war eingeladen, und der Eintritt frei.

Jeder Schriftsteller, jeder Künstler, der New Orleans besuchte, verliebte sich in die Stadt. Sie mochte die große Hure von Babylon gewesen sein, aber nur wenige vergaßen oder bedauerten jemals ihre Umarmung.

Wie sah ihre Zukunft aus?

Ich schaute durch die Windschutzscheibe und sah überall umgestürzte Bäume, von den Masten hängende Strom- und Telefonkabel, rote Ampeln, geplünderte Häuser in Downtown, die so sehr beschädigt waren, dass sich die Besitzer nicht einmal die Mühe gemacht hattten, die herausgerissenen Fenster mit Sperrholz zu vernageln. Die Aufgabe, die hier bevorstand, war von herkulischer Größe, und das Ganze wurde noch durch ein Ausmaß an organisiertem Diebstahl, Inkompetenz und Zynismus von Seiten der Regierung verschlimmert, das außerhalb der Dritten Welt nirgends seinesgleichen hatte …“ (S.300 – S.302)

Ich hätte dieses Buch wohl nicht so schnell gelesen, wäre ich nicht vergrippt und müsste ich nicht seit ein paar Tagen das Bett hüten. Seine Sprache ist teilweise Strassenjargon vom Herbsten, der Plot tut weh. Ich erinnerte mich an einen anderen Krimi, den ich vor einigen Jahren las, der in den Slums von Südafrika spielte, den ich auch kaum aushielt, ich Sensibelchen, ich. Aber dann sage ich mir: das ist real, so geht es zu in der Welt und nicht nur weit weg in fernen Kontinenten. Und dann passiert es mir, wie jetzt auch, dass ich an manchen Stellen weine. Weine über den Gang der Menschheit, ihre Verrohung, die allgegenwärtige Korruption, über den allgegenwärtigen Rassismus und Sexismus, dort, wie hier. Dann wische ich mir die Tränen vom Gesicht, richte mich auf und gehe weiter …

Hier gibt es einen interessanten Artikel der SZ zu Zehn Jahre nach Katrina →

Und hier gibt es eine Fotostrecke des Fotografen Carlos Barria, der 2005 und 2015 Vorort gewesen ist →

Und hier der Tin Roof Blues der Kid Ory’s Creole Jazz Band, aufgenommen 1954

Auch das ist Heimat für mich, doch das ist jetzt ein anderes Thema, versteht sich aber vielleicht über meinen Text von 1976, der seine Wurzel darin hat, dass ich als 10jährige den Tom in einem Theaterstück spielte …

 

Literatur im Januar

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Drei Bücher habe ich im Januar gelesen, das erste war: Spielen von Karl Ove Knausgård, der mich durch seine Erinnerungen an seine Kindheit in meine trug und mit der Frage zurückliess, ob es eigentlich wirklich etwas zu verbergen gibt? Wie ich schon einmal schrieb, Knausgård benennt, was es zu benennen gilt, ohne Schnörkel und Beschönigungen. Er macht sich nicht zum Helden. Er erzählt von seinen Ängsten und Nöten in Bezug auf seinen Vater, von den schönen Stunden mit der Mutter, seiner Liebe zum grossen Bruder, seinen Freunden, aber eben auch von seinen Problemen mit ihnen.  Kindheit wird bei ihm nicht mit rosarotem Zuckerguss übergossen, sie bleibt, was sie war, eben Kindheit, mit allen Höhen und Tiefen.

Zurück bleibt aber auch die Frage wie es den Kindern von heute einmal gehen wird, wenn sie sich erinnern. So vieles wird heute verboten oder gilt als gefährlich, so vieles an Freiräumen wurde und wird beschnitten. Ob sich die Kinder von heute dann nur noch an ihre liebsten Computerspiele und TV-Sendungen erinnern werden?


 

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Dieses Buch habe ich letzten Herbst gewonnen, meinen herzlichen Dank noch einmal an Buzzaldrin.

Lange lag es auf meinem Stapel der noch nicht gelesenen Bücher … Zunächst waren die sehr kurzen Sätze von Frau Streeruwitz gewöhnungsbedürftig, aber das dauerte nicht lang, dazu war die Geschichte zu gut! Ich habe den Eindruck gewonnen, dass es in diesem Buch auch um Autobiographisches geht, ihren Erfahrungen mit dem heutigen Literaturbetrieb. Ich sah mich wieder auf der Leipziger Buchmesse herumstolpern, allein gelassen von der Verlegerin, enttäuscht von all ihren nicht gehaltenen Versprechungen …

Frau Streeruwitz schreibt schnörkellos und ehrlich, ganz so wie Knausgård auch, nur in ihrer sehr eigenen Sprache, die ich zu schätzen gelernt habe! Hier einige Sätze:

  • Die Welt war in die Sprache genommen …
  • Wie interessant das war. Wie er an den vielen Jahren würgte. Wie er die Jahre sprechen wollte …
  • Da war nichts zu machen, und das Schlaraffenland nicht vegetarisch.
  • Er hatte eine Herztransplantation abgelehnt. Ein Lyriker könnte nicht mit einem fremden Herzen sterben …
  • Die wollte das Geld abschaffen, weil es der Gegenwart in Schicksal gerechnet eben das Leben kosten konnte. Weil Geld in Gefühle umgerechnet tödlich enden konnte. Musste …

 

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Das ist das dritte und letzte Buch, das ich euch empfehlen kann. David Benioff ist ein grossartiger Erzähler. Die Geschichte spielt im Winter 1943/44 im von Deutschen besetzten Leningrad. Was weiss ich schon wie es den Menschen dort damals erging? Jetzt weiss ich ein bisschen mehr. Und vielleicht war dies mit ein Grund warum ich gestern an all die frierenden und hungernden Menschen in den Kriegsgebieten dieser Erde denken musste …

Eine Woche des Lebens von Lew und dann auch von Kolja kann die Leserschaft in diesem Buch miterleben. Eine Geschichte die zeitlos ist, die gerade eben irgendwo auf dieser Welt passieren kann. Die von dem Hunger und der Kälte, den Erniedrigungen der einen erzählt, ihren Ängsten, Nöten und Verlusten und den vollgefressenen Bäuchen der Machthabenden, ihrem Sadismus und dem Ideologienwahnsinn der anderen. Und trotzdem ist es ein Buch voller Humor. Vielleicht lässt sich ja der Wahnsinn der Welt nur mit Humor ertragen und mit ihm den Hunger für ein paar Stunden vergessen?!

Sterben, Lieben, Spielen

Das sind die Titel von Karl Ove Knausgårds Buchprojekt, sechs Werke, die in Norwegen unter dem Titel „Mein Kampf“ erschienen sind, bzw. noch erscheinen werden. Ein Titel, den man in Deutschland so nicht übernehmen kann und will. Bisher sind bei uns die drei Bücher Sterben, Lieben und Spielen erschienen, es bleiben drei Leerstellen, die sich mit der Zeit füllen werden.

Dreimal über fünfhundert Seiten ohne Schnörkel, ohne Beschönigungen. Als Leserin kann ich den Autor von vielen Seiten betrachten, seine Trauer, seine Liebe, sein Ringen, kann seinen Weg vom Kind zum Autor mitverfolgen. Es ist noch geschickt, dass er erst den dritten Band ganz und gar seiner Kindheit widmet. Es fanden sich schon Facetten davon in „Sterben“, dort widerum Szenen seiner Liebe(n), die sich im zweiten Band verdichten.

Da blättert einer sein Lebensbuch auf. Und ganz so, wie es eine jede Erinnerung tut, ist es ein Vor und Zurück im Jetzt. Immer gerade jetzt, so stelle ich es mir wenigstens vor, sitzt Karl Ove Knausgård schreibend in seinem Arbeitszimmer und folgt seinem Lebensfaden, seinen Gedanken, Empfindungen und Erinnerungen.

Natürlich streiten sich die Geister. Was dem einen zu banal ist, ist für andere genial. Und vielleicht ist es ja das, was seine Bücher so bestechend macht: das Leben ist banal, trotz aller Höhen und Tiefen.

Es ist und bleibt Knausgårds Kampf, ob es nun übersetzt wird oder nicht, es ist der Kampf einen Platz in dieser Welt zu finden und seine Mankos dabei in der Tasche zu haben. Wie gesagt: keine Schnörkel, keine Beschönigungen, wie zum Beispiel seine Angst, die zu Hass wird und irgendwann auch zu Scham und Trauer in Bezug auf den Vater.

Knausgård erzählt und es bleibt genügend Raum für all das, was weder Worte kennt, noch braucht. Es bleibt Raum für das Eigene an Erlebtem und Gefühltem, das unweigerlich beim lesen auftaucht.

Knausgård verblüfft mit Detailgenauigkeit, ohne sich zu verlieren. Er hat gelernt, was ihm sein Freund Geir einstmals in Bezug auf sein Schreiben riet: du musst erzählen, nicht konstruieren. Ja, das kann er, viele Seiten lang, ohne langatmig zu sein. Viele Sätze habe ich unterstrichen, in vielem erkannte ich mich und meinen Kampf wieder. Ich fühle mich von einem gesehen, der mich nicht kennt, nur sich selbst versucht nahe zu kommen, mit allem Verlieren zwischendurch. Denn so verschieden sind wir eben doch nicht, nicht als Mann und Frau und nicht von Mensch zu Mensch. Knausgård zeigt die Berührungspunkte.

Er schreibt zum Gedächtnis, das ich das escheraske Labyrinth nannte:

“ … wer war er? Der Mann mit dem gepflegtem schwarzen Bart … Ach ja, genau, das war ja mein Vater, Papa höchstpersönlich. Aber wer er für sich selbst war, in diesem Moment wie in allen anderen Momenten, weiss niemand mehr. Und so verhält es sich mit all diesen Bildern, auch mit den Fotos von mir selbst. Sie sind vollkommen leer, die einzige Bedeutung, die sich aus ihnen ablesen lässt, hat die Zeit hineingelegt. Trotzdem sind diese Aufnahmen ein Teil von mir und meiner intimsten Geschichte, wie die Bilder anderer ein Teil ihrer Geschichte ist. Sinnvoll, sinnlos, sinnvoll, sinnlos, das ist die Welle, die durch unser Leben rollt und seine grundlegende Spannung bildet. Alles, woran ich mich aus den ersten sechs Jahren meines Lebens erinnere, und alles, was es an Bilder und Gegenständen aus jener Zeit gibt, nehme ich an, sie bilden einen wichtigen Teil meiner Identität, füllen die ansonsten leere und erinnerungsfreie Randzone dieses „Ichs“ mit Sinn und Kontinuität. Von all diesen Teilen und Bruchstücken ausgehend habe ich einen Karl Ove, einen Yngve, eine Mutter und einen Vater, ein Haus in Hove und ein Haus in Tybakken, Grosseltern mütterlicher- und väterlicherseits, eine Nachbarschaft und einen Haufen Kinder errichtet.

Dieses slumhüttenähnliche Provisorium nenne ich meine Kindheit.

Das Gedächtnis ist keine verlässliche Grösse im Leben, aus dem einfachen Grund, dass für das Gedächtnis nicht die Wahrheit am wichtigsten ist.“

Dreimal fünfhundert Seiten in einem Rutsch zu rezensieren ist unmöglich, bei all dem, was ich anstrich, an dem ich noch weiterdenke, sodass ich entschieden habe alles weitere häppchenweise zu tun.

Auch bei Mützenfalterin findet man immer wieder Sätze aus Knausgards Büchern, wie zum Beispiel hier