Die Dame in Blau

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Mireille ist eine Karrierefrau. Während des Tages hetzt sie von Termin zu Termin, von Event zu Event am Feierabend. Sie lebt allein, gönnt sich den einen und anderen Liebhaber, ihre Tage und Wochen sind strukturiert. Am Dienstag ist Tochterabend, am Wochenende wird der Geist gewaschen …

Mit 52 Jahren ist sie noch immer eine attraktive Frau. Sie trägt am liebsten rot, weil rot so wunderbar zu ihren schwarzen Haaren passt. Einzelne graue Haare werden übertönt. Ihr Gang ist flink energisch und zielbewusst, sie ist erfolgreich und beliebt, ihr Geist rege. So gleitet sie durch ihr Leben, ohne je gesehen zu haben was nicht gerade vor ihren Füssen erscheint.

Es ist ein ganz normaler Tag, Mireille rennt aus dem Haus, ihr Ziel ist die Agentur. Sie reiht sich ein in den Strom all derer, die, wie sie, von A nach B rennen. Aber heute werden die Gehetzten gebremst.

Viele sind es, die der Dame in Blau einen ärgerlichen Blick zuwerfen. Die Dame in Blau hetzt nicht. Ihr Gang ist ein Schlendergang, mit einem sanften Wiegen des Körpers und einem wohlbemessenen Druck ihrer Füsse, den Kopf leicht geneigt, als lausche sie auf etwas, vielleicht auf das Rascheln ihres blauen Seidenkreppkleides beim Vorwärtsschreiten im Wiegeschritt, wenn dieses auf die Strümpfe trifft. Sie, die kleine alte Dame in Blau, bremst den Strom.

Als Mireille zu ihr aufschliesst und all das Schlendern und Wiegen, den wohlbemessenen Druck der Füsse, den leicht geneigten, vielleicht lauschenden Kopf wahrnimmt, wird etwas in ihr berührt. Sie schliesst sich dem schlendernden Gang der Dame in Blau an, dem Wiegen ihres Körpers und allem anderen. Wird selbst zur Bremse im vorwärts hetzenden Menschenstrom von A nach B. Als sich nach einer Weile ihre Wege trennen, dreht die Dame in Blau ihren Kopf Mireille entgegen, sie lächeln sich an, sie signalisieren sich gegenseitige Zustimmung. Wozu? Das ist erst einmal eine Frage.

Noëlle Châtelet hat eine Hommage an die Langsamkeit geschrieben. Gemeinsam mit Mireille kann die Leserin, der Leser die Tiefen der Entschleunigung und Stille erfahren und die Geschenke des Altseins oder -werdens erspüren.

Aus dem Buch:

>Presseattaché< … die Doppeldeutigkeit des Wortes kommt ihr plötzlich zu Bewusstsein. Sie hatte immer geglaubt, Attaché habe etwas mit attachieren, mit Anhänglichkeit zu tun, mit gefühlmässiger Bindung und wahrer Neigung, doch nun stellt sie fest, dass sie vor allem gefesselt ist, angekettet wie ein Hund, aus freien Stücken eine Gefangene der Presse, und zugleich ausgepresst wie eine Zitrone, wenn nicht gar erpresst, und dazu noch der ständige Druck, die ewige Eile, die Dringlichkeit des jeweiligen Moments, durch die die Gegenwart schon Vergangenheit ist und immer zu spät kommt.

Mireille begegnet dem Wort Grossmutter:

Das Wort sagt ihr zu. Es gefällt ihr. Es passt genau, wie das graue Kostüm, das in der Leinenhülle hing …. Dieses >über die Mutter hinaus< … Warum ist sie nicht sofort darauf gekommen? Es steckt doch alles in diesem Wort. >Grossmutter<, die Mutter, die grösser ist als eine Mutter, grösser in allem, Weisheit, Zärtlichkeit …

Im Laufe der entschleunigten Zeit oder Mireille hört ihren Anrufbeantworter ab:

Die Welt, aus der diese Stimmen kommen, ist einfach anders beschaffen, zwar vernehmbar, aber nicht annehmbar. Sie gehört nicht der Vergangenheit an oder einer anderen Zeit. Sie ist ein Anderswo, ein Anderssein.

Und auch dabei ist alles eine Frage des Tempos, des Rhythmus …

Nichts tun und nichts denken:

An nichts zu denken und zu vermeiden, dass dieses Nichts seinerseits zu etwas wird, ist eine anspruchsvolle geistige Akrobatik, die Mireille weder mit Spiritualität noch mit Mystik verbindet. Es ist ein Zustand höchster Sinnlichkeit, bei dem nur der Körper in Bewegung ist, ohne die geringste Bewegung, eine Art, sich am Dahinfliessen der Zeit zu beteiligen und selbst zu einem lebendigen, gefügigen Teil ihres Ablaufs zu werden.

Mireille und die Spinne in ihrem neuerdings ungenutzem Wohnraum:

Mireille betrachtet lächelnd dieses Wesen, das jetzt ihr beschauliches Dasein teilt. Von nun an werden sie also zu zweit die friedliche Stille weben, die Zeit an den durchsichtigen Fäden ihres zurückgezogenen, kameradschaftlichen Lebens aufhängen, sich zu zweit in der Leere wiegen.


 

Ich denke an die kleine blaue Frau und erkenne den roten Faden. Es ist das Jahr der blauen Damen, ob klein oder alt, ob mit oder ohne Hut. Ob Frau, ob Dame. Es ist ein Jahr des Schlenderschritts, mit wohlbemessenen Druck auf die Füsse und sich wiegendem Körper, mit leicht geneigtem Kopf, als lausche ich auf etwas …

Ich denke an die kleine blaue Frau,

wie sie das Meer träumt,

das Land liest,

wie sie dem Getöse der Welt lauscht …

 

Literatur im Januar

spielen

Drei Bücher habe ich im Januar gelesen, das erste war: Spielen von Karl Ove Knausgård, der mich durch seine Erinnerungen an seine Kindheit in meine trug und mit der Frage zurückliess, ob es eigentlich wirklich etwas zu verbergen gibt? Wie ich schon einmal schrieb, Knausgård benennt, was es zu benennen gilt, ohne Schnörkel und Beschönigungen. Er macht sich nicht zum Helden. Er erzählt von seinen Ängsten und Nöten in Bezug auf seinen Vater, von den schönen Stunden mit der Mutter, seiner Liebe zum grossen Bruder, seinen Freunden, aber eben auch von seinen Problemen mit ihnen.  Kindheit wird bei ihm nicht mit rosarotem Zuckerguss übergossen, sie bleibt, was sie war, eben Kindheit, mit allen Höhen und Tiefen.

Zurück bleibt aber auch die Frage wie es den Kindern von heute einmal gehen wird, wenn sie sich erinnern. So vieles wird heute verboten oder gilt als gefährlich, so vieles an Freiräumen wurde und wird beschnitten. Ob sich die Kinder von heute dann nur noch an ihre liebsten Computerspiele und TV-Sendungen erinnern werden?


 

streeruwitz

Dieses Buch habe ich letzten Herbst gewonnen, meinen herzlichen Dank noch einmal an Buzzaldrin.

Lange lag es auf meinem Stapel der noch nicht gelesenen Bücher … Zunächst waren die sehr kurzen Sätze von Frau Streeruwitz gewöhnungsbedürftig, aber das dauerte nicht lang, dazu war die Geschichte zu gut! Ich habe den Eindruck gewonnen, dass es in diesem Buch auch um Autobiographisches geht, ihren Erfahrungen mit dem heutigen Literaturbetrieb. Ich sah mich wieder auf der Leipziger Buchmesse herumstolpern, allein gelassen von der Verlegerin, enttäuscht von all ihren nicht gehaltenen Versprechungen …

Frau Streeruwitz schreibt schnörkellos und ehrlich, ganz so wie Knausgård auch, nur in ihrer sehr eigenen Sprache, die ich zu schätzen gelernt habe! Hier einige Sätze:

  • Die Welt war in die Sprache genommen …
  • Wie interessant das war. Wie er an den vielen Jahren würgte. Wie er die Jahre sprechen wollte …
  • Da war nichts zu machen, und das Schlaraffenland nicht vegetarisch.
  • Er hatte eine Herztransplantation abgelehnt. Ein Lyriker könnte nicht mit einem fremden Herzen sterben …
  • Die wollte das Geld abschaffen, weil es der Gegenwart in Schicksal gerechnet eben das Leben kosten konnte. Weil Geld in Gefühle umgerechnet tödlich enden konnte. Musste …

 

diebe

Das ist das dritte und letzte Buch, das ich euch empfehlen kann. David Benioff ist ein grossartiger Erzähler. Die Geschichte spielt im Winter 1943/44 im von Deutschen besetzten Leningrad. Was weiss ich schon wie es den Menschen dort damals erging? Jetzt weiss ich ein bisschen mehr. Und vielleicht war dies mit ein Grund warum ich gestern an all die frierenden und hungernden Menschen in den Kriegsgebieten dieser Erde denken musste …

Eine Woche des Lebens von Lew und dann auch von Kolja kann die Leserschaft in diesem Buch miterleben. Eine Geschichte die zeitlos ist, die gerade eben irgendwo auf dieser Welt passieren kann. Die von dem Hunger und der Kälte, den Erniedrigungen der einen erzählt, ihren Ängsten, Nöten und Verlusten und den vollgefressenen Bäuchen der Machthabenden, ihrem Sadismus und dem Ideologienwahnsinn der anderen. Und trotzdem ist es ein Buch voller Humor. Vielleicht lässt sich ja der Wahnsinn der Welt nur mit Humor ertragen und mit ihm den Hunger für ein paar Stunden vergessen?!

Sterben, Lieben, Spielen

Das sind die Titel von Karl Ove Knausgårds Buchprojekt, sechs Werke, die in Norwegen unter dem Titel „Mein Kampf“ erschienen sind, bzw. noch erscheinen werden. Ein Titel, den man in Deutschland so nicht übernehmen kann und will. Bisher sind bei uns die drei Bücher Sterben, Lieben und Spielen erschienen, es bleiben drei Leerstellen, die sich mit der Zeit füllen werden.

Dreimal über fünfhundert Seiten ohne Schnörkel, ohne Beschönigungen. Als Leserin kann ich den Autor von vielen Seiten betrachten, seine Trauer, seine Liebe, sein Ringen, kann seinen Weg vom Kind zum Autor mitverfolgen. Es ist noch geschickt, dass er erst den dritten Band ganz und gar seiner Kindheit widmet. Es fanden sich schon Facetten davon in „Sterben“, dort widerum Szenen seiner Liebe(n), die sich im zweiten Band verdichten.

Da blättert einer sein Lebensbuch auf. Und ganz so, wie es eine jede Erinnerung tut, ist es ein Vor und Zurück im Jetzt. Immer gerade jetzt, so stelle ich es mir wenigstens vor, sitzt Karl Ove Knausgård schreibend in seinem Arbeitszimmer und folgt seinem Lebensfaden, seinen Gedanken, Empfindungen und Erinnerungen.

Natürlich streiten sich die Geister. Was dem einen zu banal ist, ist für andere genial. Und vielleicht ist es ja das, was seine Bücher so bestechend macht: das Leben ist banal, trotz aller Höhen und Tiefen.

Es ist und bleibt Knausgårds Kampf, ob es nun übersetzt wird oder nicht, es ist der Kampf einen Platz in dieser Welt zu finden und seine Mankos dabei in der Tasche zu haben. Wie gesagt: keine Schnörkel, keine Beschönigungen, wie zum Beispiel seine Angst, die zu Hass wird und irgendwann auch zu Scham und Trauer in Bezug auf den Vater.

Knausgård erzählt und es bleibt genügend Raum für all das, was weder Worte kennt, noch braucht. Es bleibt Raum für das Eigene an Erlebtem und Gefühltem, das unweigerlich beim lesen auftaucht.

Knausgård verblüfft mit Detailgenauigkeit, ohne sich zu verlieren. Er hat gelernt, was ihm sein Freund Geir einstmals in Bezug auf sein Schreiben riet: du musst erzählen, nicht konstruieren. Ja, das kann er, viele Seiten lang, ohne langatmig zu sein. Viele Sätze habe ich unterstrichen, in vielem erkannte ich mich und meinen Kampf wieder. Ich fühle mich von einem gesehen, der mich nicht kennt, nur sich selbst versucht nahe zu kommen, mit allem Verlieren zwischendurch. Denn so verschieden sind wir eben doch nicht, nicht als Mann und Frau und nicht von Mensch zu Mensch. Knausgård zeigt die Berührungspunkte.

Er schreibt zum Gedächtnis, das ich das escheraske Labyrinth nannte:

“ … wer war er? Der Mann mit dem gepflegtem schwarzen Bart … Ach ja, genau, das war ja mein Vater, Papa höchstpersönlich. Aber wer er für sich selbst war, in diesem Moment wie in allen anderen Momenten, weiss niemand mehr. Und so verhält es sich mit all diesen Bildern, auch mit den Fotos von mir selbst. Sie sind vollkommen leer, die einzige Bedeutung, die sich aus ihnen ablesen lässt, hat die Zeit hineingelegt. Trotzdem sind diese Aufnahmen ein Teil von mir und meiner intimsten Geschichte, wie die Bilder anderer ein Teil ihrer Geschichte ist. Sinnvoll, sinnlos, sinnvoll, sinnlos, das ist die Welle, die durch unser Leben rollt und seine grundlegende Spannung bildet. Alles, woran ich mich aus den ersten sechs Jahren meines Lebens erinnere, und alles, was es an Bilder und Gegenständen aus jener Zeit gibt, nehme ich an, sie bilden einen wichtigen Teil meiner Identität, füllen die ansonsten leere und erinnerungsfreie Randzone dieses „Ichs“ mit Sinn und Kontinuität. Von all diesen Teilen und Bruchstücken ausgehend habe ich einen Karl Ove, einen Yngve, eine Mutter und einen Vater, ein Haus in Hove und ein Haus in Tybakken, Grosseltern mütterlicher- und väterlicherseits, eine Nachbarschaft und einen Haufen Kinder errichtet.

Dieses slumhüttenähnliche Provisorium nenne ich meine Kindheit.

Das Gedächtnis ist keine verlässliche Grösse im Leben, aus dem einfachen Grund, dass für das Gedächtnis nicht die Wahrheit am wichtigsten ist.“

Dreimal fünfhundert Seiten in einem Rutsch zu rezensieren ist unmöglich, bei all dem, was ich anstrich, an dem ich noch weiterdenke, sodass ich entschieden habe alles weitere häppchenweise zu tun.

Auch bei Mützenfalterin findet man immer wieder Sätze aus Knausgards Büchern, wie zum Beispiel hier

 

 

Teil 3 „… den Kopf nach links, nur ein bisschen …“

es ist schon eine Weile her, dass Irgendlink und Soso diese Fortsetzungsgeschichte ersannen und Kapitel 3 an mich übergaben, darum zur Erinnerung

Kapitel 1 von Soso

Kapitel 2 von Irgendlink

Kapitel 3

Und dann wurde wieder alles schwarz. Kein Gedanke, keine Erinnerungen, kein Traum, abtauchen, auftauchen und wieder abtauchen und auftauchen … Zeit wurde zu einer Gummischlange. Woher sollte er wissen wann Tag und wann Nacht war? Was wusste er überhaupt? Schemenhaft zogen Büro, Handy laden, Hausnummer suchen, Fahrrad abschliessen erneut an ihm vorbei, vermengt mit dem verflixten Wohnwagen und den Augen von Egon. Was wohl aus ihr geworden ist? Leif driftete wieder, erinnerte sich an Egon, ihr Lachen, ihre flatternden Haare im Fahrtwind, ihren unerschütterlichen Optimismus. Gerne hätte er sie geküsst, damals. Vielleicht auch jetzt. Aber du meine Güte, wie lang ist das schon alles her! Nach dieser Katastrophenfahrt hatten sie sich nicht mehr getroffen. Nein, das war keine Absicht gewesen und auch keine Antwort auf den vermasselten Urlaub, es ist passiert, einfach so. Ich werde einmal recherchieren und sie dann anrufen. Na ja, werde ich …

Seine Hand, die festgezurrte unter dem Gürtel, die bewegliche, hatte gezuckt, hin zu seiner Körpermitte. Die Reflexe eines Mannes, wenn er ans Küssen denkt. Er schüttelte den Kopf, der beweglich war, wie die Hand, in seinen Ohren das Tropfen des Wassers. Doch Moment, es gab mehr als die Wassertropfen und seinen Herzschlag, seinen Atem, ein anderes Geräusch hatte sich unter die Wassermusik gelegt. Hatte es nicht eine Zeit gegeben, als alles Tropfen verstummt war? Und hatte er nicht ein Flüstern gehört, Schritte? Aber jetzt, jetzt tropfte es wieder und … angestrengt lauschte er, versuchte Gehörtes mit einem Wort zu belegen, etwas zu finden, das ihm einen Halt gab in all dem Haltlosen und doch Gefesseltem. Er kannte es, er musste es schon Hunderte Male gehört haben. Zuhause … ja! Im Büro … auch, auch damals bei Mutter, nein, im Auto nicht. Er lauschte, seine Hand blieb ruhig, er versuchte die Quelle auszuloten, einen Punkt zu finden, wo das Geräusch begann, aber es bewegte sich, ging hierhin und dorthin, wurde lauter, kam näher, dann ging es weiter, wurde leiser, es schabte, es brummte.

Noch immer war da dieser Nebel um ihn herum, er steckte in einer Blase, manchmal kam er an die Oberfläche, dann tauchte er wieder ab. Die Geschichte begann sich in eine Auszeit zu schreiben. Ungeplant, nicht gewollt, ohne Grund, aber auch ohne Eile. Wie damals mit Egon, da war auch alles ungeplant, ungewollt und ohne Eile gewesen. Ohne Grund? M… da war er sich nicht sicher. Geschieht überhaupt irgendetwas ohne Grund? Es ging doch immer um Ursache und Wirkung, oder nicht? Aber verdammt, wieso lag er dann hier, was war die Ursache, was der Grund? Die Wirkung spürte er ja klar, klar und vernebelt zugleich.

Während er grübelte, hockte der Horror in einer Ecke des Nichts, er fühlte sich zunehmend unwohl, wollte hinauf auf das Podest, wollte wüten, vielleicht massakrieren, aber vor allen Dingen erst einmal einem, irgendeinem so richtig das Fürchten lehren. Seine Nahrung war und ist das Wimmern seiner Opfer, elendige Kreaturen, die an ihrem Leben kleben, als gäbe es wirklich etwas zu verlieren. Er wusste, dass sein Auftritt näher kam. Aber jetzt musste erst einmal diese blöde Putze Feierabend machen und verschwinden. Als hätte sie ihn von draussen denken hören, schaltete Elvira den Staubsauger aus. Es war genug für heute. Sie stellte den Sauger in seine Ecke, zog den Kittel aus, ihren Mantel und die Stiefel an, sah sich noch einmal um, nickte und ging. Der Kies knirschte unter ihren Füssen, ein Wind blies letzte Herbstblätter über die menschenleere Strasse dieser beschaulichen Wohngegend. Sie seufzte, wie anders es doch bei ihr daheim aussah. Enge Strassen, voll mit Autos, Motor- und Fahrrädern, Menschen hasteten von früh bis spät von hier nach da, es gab Geschrei, Gezanke aus den Fenstern und so manch besoffenes Gegröle in der Nacht. Sie blieb noch einen Moment stehen, während Horror hinter der Hecke hockte. Soweit hatte er es nun schon aus dem Nichts herausgeschafft, er konnte sein Opfer schon riechen. Konnte diese doofe Tussi nicht e n d l i c h gehen! Ich fass es nicht, beinahe hätte er sich vor die Stirne gehauen, nun hält sie auch noch einen Plausch mit diesem Alten! Tatsächlich war Elvira am Gartenzaun stehen geblieben und plauderte ein bisschen hin und her. Mit Otto, dem Alten, der so gerne Kleinholz machte. Gerade stand er wieder an seinem Hackklotz und schärfte seine Axt.

N`abend Otto, nu mach du och ma Feierabend, wird schon dunkel un kalt isset och!

Meene Kleene, er nannte sie immer meene Kleene, dette vastehstde nich, hier isset jut für mich, wat soll icke denn jetzt schon inne Stube? Aber nu hau schon ab, sei nett zu dene Jören! Auch das sagte Otto jedes Mal, sei nett zu dene Jören und dabei zwinkerte er ihr immer zu.

Na dann tschüss. Elvira hob die Hand zum Gruss und ging die lange Strasse hinunter.

Endlich war seine Stunde gekommen …

 

Fortsetzung folgt (vielleicht)

Bisher spielten mit:

Er (Leif), Putzfrau (nicht Elvira), die Egon, zwei finnische Tramper, Frank, norwegischer Polizist, Elvira (die Putzfrau), Otto und der Horror

Zeitfenster: 1990 und jetzt

Dies ist eine Fortsetzungsgeschichte, den Anfang machte Sofasophia, es folgte Irgendlink, nun ich … vielleicht magst ja jetzt du die Fortsetzung schreiben, dann bitte bei Sofasophia oder Irgendlink melden …

Ich bekam von Irgendlink die Stichworte: Staubsauger, Hackklotz und verflixt

Ich verteile: Fluglotsenstreik, Alimente und Gummitwist

Der Schmerz von Marguerite Duras und die Ästethisierung des Grauens

Der Schmerz der Marguerite Duras ist echt, er ist greifbar. So greifbar, dass ich ihn während des Lesens kaum aushalte. Dieses Buch beinhaltet authentisches, neben literarischem, wie sie es selbst vor jedem neuen Kapitel benennt. Die „Geschichten“ sind ihre Geschichten, Erlebtes in der Endzeit der Besatzung Frankreichs durch Nazi-Deutschland, ihrem Warten auf den Geliebten, der nach Dachau verschleppt wurde, ihre Zeit des Hoffens und Bangens, ob er überlebte oder nicht. Er überlebte knapp. Ein Fremder kehrte heim.

Aber es geht auch um ihre Rolle im Widerstand, sie verschweigt nichts, selbst das nicht, was aus heutiger Sicht so anmutet, dass man sagen möchte, das kann man doch nicht machen. „Man“ … ich. Weil es grausam ist, weil es gewalttätig ist, weil ich dann doch ein weichgespültes Nachkriegskind bin, das sich einst love and peace auf weisse Laken geschrieben hatte. Damals, als ich noch daran glaubte, dass eine Welt ohne Krieg und Grausamkeiten möglich wäre und darüber vergass, dass ich selbst weder friedlich noch aggressionslos war (und bin).

Und während ich am heutigen Nachmittag das Buch las, ging mir wieder einmal das Holocaust-Mahnmal in Berlin durch den Kopf, dachte an die Zeit, als man darüber heiss diskutierte und stritt und sich dann für einen Entwurf eines berühmten amerikanischen Architekten namens Peter Eisenman entschied. 2712 Stehlen in unterschiedlichen Höhen aus Beton gegossen, ohne Armierung im Inneren. 2712 Stehlen, die, wie der Architekt selbst sagt, keinerlei symbolische Bedeutung haben. Wie kann es sein, dass ein Mahnmal solchen Ausmasses noch nicht einmal Symbolcharacter hat? Wie kann es sein, dass das Ganze für 55,2 Millionen Euro errichtet wurde, plus den 40 Mill., die das Grundstück Wert sein soll, und man dann immer noch daran sparte die Stehlen so zu gestalten, dass sie nicht schon nach 2-3 Jahren erste Risse zeigten, die nun von Jahr zu Jahr mehr werden und wiederum Millionen kosten werden, um sie instand zu setzen?

Ein Mahnmal, das ich schon immer argwöhnisch betrachtete. Vielleicht auch deshalb, weil es mir insgesamt viel zu ästethisch erscheint für das, was es symbolisieren soll. Unsere Vergangenheit wird zwar aufgearbeitet, aber eben auch geschönt, geglättet, versiegelt, wie die Oberfläche der Stehlen, damit sie vor Grafittischmierereien geschützt sein sollen. Okay, ich will dort auch keine Hakenkreuze oder ähnliches sehen, aber ich will diese ganze Ästethisierung auch nicht!

Ich erinnere mich an einen Besuch in dem Frauen KZ Ravensbrück, nahe Berlin. Auch hier stolperte ich über einen frisch gekälkten Krematoriumsraum, vermisste die abgerissenen Baracken und fragte mich was man denn eigentlich wollte. Das Grauen zeigen oder schöntünchen, da war Theresienstadt ehrlicher. Auch grausamer. Aber genau das war es doch auch!

Als ich dann im Rest des Innenhofs von Ravensbrück stand, damals lief gerade in Berlin die Diskussion um das Mahnmal heiss, sah ich 7ooo Mooreichen den Innenhof bevölkern, 7000 als Symbol für 6 Mill. getötete Juden, plus einer Million und mehr getöteten Sinti, Roma und Andersdenkenden- ihre Zahl ist bis heute nicht genau erfasst …

Mooreichen, das sind Eichen, die zwischen 600 und 8500 Jahren in Mooren, Sümpfen und Flüssen liegen, deren Gerbsäure sich mit den Eisensalzen des Wassers verbinden und somit das Holz schwärzen und fast zu Stein werden lassen, die lebendig erscheinen, auch wenn sie schon lange tot sind. Mooreichen auch deswegen, weil sie, auch wenn sie geborgen wurden, lange halten und das Vergessen dieses Grauens nicht eintreten darf, auch nicht in 8500 Jahren! Aber wer bin ich schon, dass ich als No-name einen solchen Vorschlag der Jury unterbreitet hätte. Sicherlich, auch Mooreichen wären teuer geworden, so häufig sind sie nun einmal nicht, sicherlich hätte auch ihre Oberfläche versiegelt werden müssen, aber letztlich glaube ich bis heute, dass dies angemessener gewesen wäre, als das, was gemacht wurde …

Und heute kreierte ich mein ganz persönliches Holocaust-Mahnmal, 70 Mooreichen vor einem Foto des Innenhofs vom Frauen-KZ in Ravensbrück … gegen das Vergessen und als Würdigung für den grossen Schmerz und die grosse Angst dieser Zeit und ihrer Folgejahre …

0152 03.09.2014 Holocaust-Mahnmal