Etüde 012 2019

Das Sommerpausenintermezzo bei den Etüden ist vorbei. Schön war es, auch wenn ich nur am Rande mitgewirkt und gelesen habe. Leider ist mein Alltag noch immer sehr dicht, sodass ich zu Vielem nicht komme, was ich auch noch gerne machen würde, aber das wisst ihr ja.

Nun geht es also mit den Etüden weiter. Drei Wörter sollen in einem Text mit höchstens 300 Wörtern zu finden sein. Dieses Mal kommt die Wortspende von Ludwig Zeidler, dem „Erfinder“ der abc-Etüden und Christiane hat wieder die Einladung geschrieben und die Bilder dazu gestaltet. Herzlichen Dank an euch beide.

Meine Etüde:

Völlig verkatert wachte Antonia auf. Sie wühlte sich aus der Bettdecke und herumschwirrenden Federn, die teilweise auf ihrem schweißnassen Körper klebten, heraus. Auch der Boden vor ihrem Bett war von Federn übersät. Und dann diese unglaublichen Kopfschmerzen! Langsam setzten sich die Erinnerungsbilder in ihrem Kopf zusammen. Da war doch dieser Martin gewesen … hingeben hatte sie sich ihm wollen.

Unruhig schaute sie sich um. Sie war allein. Und dann war sie auf einen Schlag wach, erinnerte sich, wie sie gemeinsam mit Martin von der Disco zu ihr gegangen war. Anfangs war alles noch sehr nett gewesen, aber mit der Zeit hatte sich bei Antonia ein ambivalentes Gefühl eingeschlichen. Sobald Martin sich unbeobachtet gefühlt hatte, war sein Lächeln gefroren, sein Blick kalt durch den Raum geschweift. Antonia hatte eine Flasche Rotwein geöffnet und ihm mit zitternden Händen eingeschenkt. Martin hatte hart nach ihnen gegriffen und mit dunkler Stimmer geraunt: „Lass gut sein, wir wollen doch ficken, oder? Antonia war es eiskalt den Rücken runter gelaufen. Sie hatte nur noch einen Wunsch gehabt, dass er gehen möge. Und genau das hatte sie ihm dann gesagt. Er hatte sie von sich gestoßen, „Dumme Zicke“ gebrüllt und Türe knallend ihre Wohnung verlassen. Antonia hatte wie betäubt dagesessen und geheult, Wein getrunken und weiter geheult. Dann war die Wut gekommen. Wieso musste sie immer an solche Scheisstypen geraten? Sie war in die Küche gestürzt, hat sich ein Messer geschnappt und hatte wie besessen auf ihr Kopfkissen eingestochen, dass die Federn nur so flogen, bis sie vollkommen erschöpft eingeschlafen war. „Sowas nennt man wohl Verzweiflungstat“, murmelte sie, schlurfte in die Küche, stellte Wasser auf, jetzt erst einmal einen Kaffee …

Wie banal ist das denn, entnervt klappte Lia das ausgeliehene Buch zu. Nee, für son Mist war ihr ihre Zeit zu kostbar.

296 Wörter

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GedankenFäden 009

RoteFadenGeschichte 023

Da ist er, der Nagel in der Wand und der rote Faden spannt sich nach rechts und nach links und jetzt … wo wird er enden? Gehe ich nach rechts? Gehe ich nach links? Oder verharre ich in der Mitte? Wo ist nur die Mündung? Ich irre durch’s Dickicht. Was mal einfach erschien, ist jetzt ein Stolpergang. Berge rauf und runter, keine Machete für’s Dickicht.

Mitte Mai und noch immer Feuer im Ofen, wenigstens am Abend, auch am frühen Morgen. Die Kartoffeln sind jetzt in der Erde, der Knoblauch ist gesteckt, Salat gepflanzt, die Sonnenblumen auch, die Kräuterbeete sind gehackt. Ich staune über die vielen Ringel- und Kornblumen, die Schlafmützchen auch, die sich seit dem letzten Jahr selbst ausgesät haben. Die Tomatenpflanzen trage ich am Morgen auf die Terasse, am Abend wieder in die Stube, der Mond ist fast voll.

Nachher werde ich noch weiter in der Erde wühlen, werde säen und gießen, werde mit dem Haushängebauchschwein schwatzen, weil es immer an den Zaun kommt, wenn ich werkel. Sie liebt Löwenzahn, sie wird Löwenzahn bekommen! Die Ziegen kommen auch und schauen neugierig durch die Maschen, es wird Zeit, dass sie auf die Sommerweide kommen, hier haben sie nahezu alles abgegrast. Bald. Der Smaragdeidechse ist es noch zu kalt, den Brennnesseln nicht. Ich klatsche Fliegen, die sind lieber in der warmen Stube als draußen. Herrjeh! Mögen sie als geliebte Wesen wiederkommen. Ja, es tut mir leid, aber sie nerven.

Und eigentlich würde ich jetzt meinen gepackten Rollkoffer und meinen Rucksack nehmen und nach Griechenland fliegen … eigentlich und ach … sei nicht traurig … doch, ich bin traurig und dann weine ich und dann ist es.

Ich mag ihn nicht, den Satz, dass das Leben kein Ponyhof ist, aber ich mag das Leben, auch wenn es mir gerade ein Bein gestellt hat. Und ich mag den Satz, der hinfällt, das Krönchen richtet und weitergeht.

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Etüde 010 2015

Katrin fährt sinnierend die Landstraße entlang, im Rückspiegel sieht sie die Katzenaugen rot aufleuchten, wenn sie vor den Kurven kurz abbremst. Sie mag das und schaut dann gerne zurück. Ein bisschen kurios ist das schon, denkt sie. Sie, die lieber vorwärts als rückwärts blickt. Ja schon, sie liebt Rot, gerade in den letzten Wochen wieder. Rot schenkt ihr Kraft, stärkt ihren Willen und die Lebensfreude, aber das hier ist mehr. Die roten Katzenaugen im Spiegel sind auch die Versicherung, dass ihre Rücklichter funktionieren, dass wenigstens ein Minimum in ihrem Leben rundläuft.

Manchmal fühlt sie sich wie Hagazussa, die alte Zaunreiterin, die zwischen den Welten balanciert, ohne je die Bodenhaftung zu verlieren.

-Bodenhaftung?

-Ich?

-Nee, ich bin keine Hagazussa, ich bin eher ein Segelschiffchen im Wind, immer froh, wenn mal für einen Moment Flaute ist, dann kann ich durchatmen, ansonsten muss ich schauen nicht zu kentern.

Da ist sie wieder, diese hauchdünne Linie, die alles voneinander trennt, den Wahnsinn vom gesundem Geist, die reale Welt von der Anderswelt, das Leben vom Tod und alles greift ineinander und ist miteinander verbunden.

Manchmal ist ihr alles zu groß, zu viel, dann wünscht sie sich einen stillen See mit sanften Gestaden und Seerosen.

Tuuut, Katrin schreckt aus ihren Grübeleien auf. Herrjeh, das ist noch einmal gut gegangen! Ein Riesenelli rauscht an ihr vorbei. Ohne sein Gehupe …

223 Wörter



Wieder bin ich gerne der Einladung von Christiane gefolgt, habe die drei Wörter, die Katha gespendet hat, genommen, sie in den hohlen Händen geschüttelt und dann vor mir auf den Tisch purzeln lassen und schwupps fügte sich eins zum anderen. Manchmal staune ich selbst 😉

Herzensdank, Christiane, für die Einladung und die Einladungskarte, die ich sehr mag und auch an dich, Katha, für die drei inspirierenden Wörter!

Gedankenfäden 007

RoteFadenGeschichte 022

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Ich habe es dir versprochen, mein Lieb – ich bleibe bis du groß bist. Noch zwanzig Jahre, sagte ich. Und wenn es nicht klappt, weil ich es nicht in der Hand habe, bleibt etwas. Nichts geht verloren und Band ist Band, ob rot oder durchsichtig.

Dass wir darüber sprechen! Spüren wir etwas, das größer als all unser Wollen und Wünschen ist? Ich denke an Antonia*, an ihre Enkelin und an ihre Tochter. So werde ich es auch machen, wenn … versprochen, mein Lieb!

Heute höre ich immer wieder das Lied „Amalia“ von Melody Gardot, das Lied von der Taube mit dem verletztem Flügel. Ich denke an meine Leidenschaft zu leben, an meine vielen offenen Träume und Wünsche.

Die Aborigines können an einem Tag ein gebrochenes Bein heilen. Komm, kleine Taube, wir fliegen zu ihnen, dann werden unsere Flügel im Nu wieder heil. Das Blau des Himmels erwartet uns schon. Die Amsel singt. So, wie sie immer singt, wenn ich Musik höre, wie damals auch in Berlin.

Heute ist der Sonntag von Schnee auf den Apfelblüten bis Sonnenschein und allem Schnee, der schnell wieder zu Wasser geworden ist. Mein Schnee wurde zu Tränen. Immer diese wandernden Schmerzen, von Tag zu Tag woandershin und so manch anderes Beunruhigendes. Ich will nicht meine Ängste nähren, sie anschauen schon. Ich will meine Leidenschaft füttern, meine Hoffnung auch.

Noch zwanzig Jahre. Das wäre schön, mein Lieb!



*Antonias Welt ist ein Spielfilm der niederländischen Regisseurin Marleen Gorris aus dem Jahre 1995. Ich erinnerte mich einmal mehr an diesen wunderbaren Film, auch er gehört zu meinen Lieblingsfilmen. Wer ihn nicht kennt, der kann ihn auf der Tube finden. Ich mag ihn hier nicht verlinken. So langsam aber sicher nähert sich meine Speicherkapazität dem Ende zu und ich mache mir Gedanken um einen Folgeblog.

Die Gedankenfäden schrieb ich am letzten Aprilsonntag, manches ist jetzt anders. Manches bleibt.

Gedankenfäden 005

RoteFadenGeschichte 021

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Gedankenfäden 005

-1-

Heute Morgen ist etwas mit den Raben. Sie krächzen und krächzen. Alle anderen Vögel sind verstummt. Der Nebel wird immer dichter. Es fällt mir schwer nicht an dich zu denken. Heute kommst du zurück. Nebelgrauer Willkommensgruß. Alles Verdrängte, alles Nichterledigte, Nichtsausgesprochene wird wieder auf dich einstürzen.

An manchen Tagen möchte ich kein Holz holen müssen. Heute ist so ein Tag. Heute wäre ich gerne eine Seerose. Rein und weiß bin ich dem Teichschlamm entwachsen. Ich lasse mich von den leisen Windteichwellen wiegen, der Schönheit zuliebe. Es gibt Windbrunnen, die hat das Schilf gebaut. Du würdest mich wieder nicht erkennen.

Den tiefen Stachel will ich ziehen. Die alte Haut fällt in Schuppen ab, ich kann ihn jetzt sehen, kann ihn mit einer Pinzette ergreifen, ein Ruck und er ist raus. Ein Tropfen dunkelroten Blutes ist das Opfer für die neue Haut. Ich warte nicht, bis sich die Wunde entzündet, ich lecke sie. Meine Zärtlichkeit ist mein Pflaster. Als mein Vater nehme ich mich in den Arm, ich rieche an seiner Männerbrust, die nach Tabak und Waldharz riecht. Seine große Hand streichelt leise meine neue Haut.

Wenn ich groß bin, sagt meine Kleine, dann heirate ich dich. Er wirft mich lachend in die Luft, ich fliege, ich juchze, ich habe keine Angst, er wird mich wieder auffangen, wieder und wieder.

Die Freundin sagt, wie traurig das alles ist. Ich liebe sie. So, wie man eine Freundin liebt.

Die Zeit der Prinzen und Johnnys ist vorbei. Eine Prinzessin bin ich nie gewesen, auch wenn ich eine Erbse, unter zehn Matrazen begraben, erspüre. Ich kam als kleine Kaiserin zur Welt. Damals, vor elf Jahren. Oh ja, die kleine Kaiserin ist prächtig gewachsen. Sie wächst sich selbst entgegen. Die alte Buche ist unsere Zeugin. Sie braucht kein Land, kein Volk, die sie „ihres“ nennen müsste. Sie verschenkt sich, sie nimmt die Geschenke vom Wegesrand, sie wandert ihrer Einheit entgegen. Sie spiegelt sich in den Seerosenteichen, hinter ihr erblüht das Land. Sie wird nicht müde Blumensamen in die Lüfte zu werfen und mit nackten Füßen in Bergbächen zu tanzen, ihr Lied mit den Vögeln zu singen. Am Ende wird sie Liebe geworden sein. Das hat sie von der Fährfau gelernt, von ihrem unermüdlichem Vor und Zurück.

Ich bin Anna – Hannah – Lucie, die kleine Kaiserin aus dem Land ÜberAll-im-IrgendWo – ich bin die kleine blaue Frau – ich bin.

Ein Gefühl wie ein Gemälde: links von mir ist eine alte, dicke Mauer – weiß gekälkt, ein Fenster ist darin, das offen steht. Sein Flügel weist nach draußen, er ist festgehakt, gegen den Wind. Eine weiße Chiffongardine bauscht sich hinein, hinaus. Es ist ein Turm – es ist ein Haus – es wellt ein Meer vor dem Fenster, vor und zurück. Ich sitze schräg davon, ich kämme mein langes rotblondes Haar, nicht alt, nicht jung, ein Ist im Sein, ein Gemälde wie ein Gefühl.

-2-

RoteFadenGeschichten sind Gedankenfäden, Gedankenfäden sind RoteFadenGeschichten, sie schreiben sich fort, mit und ohne Bilder, mit und ohne Worte. Sie sind keine blauen Stunden und auch keine Momentaufnahmen, auch wenn heute immer gerade jetzt ist; der Moment in dem die Raben krächzen oder wie gerade jetzt der Nebel nach oben steigt, die Sonne die ersten Schatten des Tages an die Wand wirft.

Sie sind Geschichten des VorundZurücks, der Ankünfte und Abschiede, der Bahnhöfe und Flughäfen, der Kaimauern und Leuchttürme, der Schwäne und der Nebelhörner. Es sind Geschichten von der Aufrichtung in Aufrichtigkeit mit närrischen Kapriolen. Es sind die Geschichten von den Zwillingsbäumen und der Moosfrau, von singenden Steinen und von Sternenstaub im weiß gewordenem Haar. Sie sind Tanz in jeder Form.



P.S. Heute haben sich verschiedene Kategorien und Geschichten aus der Vergangenheit in die Gedankenfäden geflochten, es sind die

  • Momentaufnahmen
  • blaue Stunden
  • die kleine blaue Frau

bei Interesse kannst du diese Begriffe in die Suchmaschine eingeben. Anderes, wie Lucie, die kleine Kaiserin, liegt noch immer als zweiter Kinderbuchentwurf in der Schublade.

Gedankenfäden 004

RoteFadenGeschichte 019 – 020

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Gedankenfäden 004

Es ist ja nicht so, als ob es nicht traurig wäre! Du bist mir Heimat gewesen, bist es noch, nur anders. Jetzt bist du meine verlassene Heimat. Verlassene Orte sind merkwürdig kalt, sie riechen nach Pilzen.

So gerne möchte ich schneller gehen. Die Sehnsucht nach der Mündung treibt mich. Wieviel Traurigkeit noch immer zwischen den Zeilen ist! Es hat schon mehr als einen Tränenbach in meinem Leben gegeben. Wie befreiend es ist rückwärts zu schauen: das habe ich schon einmal geschafft – und dann nach vorne zu gehen.

Damals waren die Beine noch jünger, vielleicht trugen sie mich schneller zur Mündung, aber vielleicht täuscht das alles auch nur. Erinnerungen neigen zu Kapriolen und manch anderen Narreteien.

Du bist Zurzeit eine Leerstelle. Ich brauche das jetzt. Ich schütze mein Herz. Es ist noch zu früh die kostbaren Erinnerungen in der roten Lackschachtel zu betrachten. Anderes ist zu spät für uns. Manch roter Faden verflechtet sich mit einem anderen auf seinem Lebensweg, andere baumeln lose im Raum.

 

Ich denke an Mr. Aufziehvogel*, der auf dem Boden des ausgetrockneten Brunnens saß, suchte und fand, anderes, vielleicht auch ein Stück von sich selbst. Daneben steht das Bild der österreichischen Bergwiese aus der einhundertundachtundmehr Quellen blubbern, spitzfelsige Berge rahmen das Bild. Heiliger Boden, reines Wasser, ein Stein senkt Altlasten auf den Grund. Still. Tief. Bergsee. Kalt. Kalt ist auch der quicklebendige Bergbach, der einlädt Schuhe und Strümpfe auszuziehen und darin zu tanzen.

Du sagst, du wärst ganz Schuld. Als ob es darum ginge!

Die Freundin sagt, dass sie gerade die ganz einfachen Dinge glücklich machen. Sie könnte jetzt Erbsen puhlen. Ich muss so lachen!

Du hast gesagt, ich hätte den Frieden mit Nachhause gebracht. Damals, als ich von der Bergwiese mit den einhundertundachtundmehr Quellen zurückgekehrt bin. Dass selbst solch ein Frieden nicht halten konnte – und als ob das nicht traurig wäre!

Und dann sehe ich mich in der Abendsonne sitzen. Vögel zwitschern.

Die Vögel kümmert der Aprilregen nicht. Auch nicht die Flocken, die dann und wann wieder und noch fallen. Auch nicht der Nebel, der an manchen Morgenden noch bergan wallt. Die Vögel singen. Ihr Nest, ihre Eier, ihre Vogelfrau, ihr Vogelmann, das ist ihr Lied, in artenreichen Variationen.

Was macht ein Vogel, wenn er Schmerzen hat? Hat ein Vogel Schmerzen? Er muss Schmerzen haben, wenn er sich verletzt hat, zum Beispiel. Von so Vielem weiß ich nichts, als lebte ich ein karges Leben!

Die Haut ist ganz trocken, ich schmiere und schmiere. Die Brüste ganz weich, längst haben sich die Ellbogen daran gewöhnt sie zu berühren, wenn sie nicht hochgelupft werden. Wozu eigentlich?

Was sich so alles gehört und was so alles nicht – und auch nicht gehört, und schon gar nicht erhört wird!

Was und wer alles kam und vorüberging, welche Schritte vor der Haustüre verharrten und sie passierten, wer alles draußen blieb und bleiben musste, leider oder auch nicht. Und wer auch später wieder ging, mit und ohne Wiederkehr.

Das Leben ist eine Bahnhofsgeschichte von Ankunft und Abschied. Eine Geschichte vom Umsteigen, von richtig und falsch gestellten Weichen, von richtigen und falschen Signalen, von Gleisüberquerungen mit und ohne Schranken. Die Geräusche am Bahndamm haben sich über die Jahrzehnte verändert. Gibt es noch spielende Kinder dort? Legt noch eins sein Ohr auf die Schienen, um zu hören, ob ein Zug naht?

Nein, Mutter hat davon nichts gewußt. Mütter dürfen manches nicht wissen! Erst später, wenn die Kinder und Mütter auf gleiche Augenhöhe herangewachsen sind, dann können sie gemeinsam über die kindlichen Spiele lachen.

In den Fluren der Häuser und Schulen in Schweden riecht es nach nasser Wolle – oder ist das jetzt auch vorbei? Länderraumakklimatisationen?

Die weiße Kugellampe beleuchtet das feine Gesteck der zarten Schlehenblüten mit einer tiefroten Ranunkel in der weißen Porzellanschale, mit dem weißen Bretagnestein. Und immer dieses Rot! Als wollte es mich erinnern, an das Blut und an das Leben, an die Kraft und den Willen, an die Liebe, die Lust und die Leidenschaft.

Rote, blaue, grüne und schwarze Schuhe, jetzt also blaue, wie fremd sie mir noch sind! Als Mädchen habe ich einmal beim Ostereinkauf hellblaue Schuhe bekommen. Ich musste bitten und betteln. Mutter war skeptisch, weil sie ein Absätzchen hatten. So stolz war ich während jener Ostertage, wenn ich auf meine Füße schaute.

Immer fuhren wir vor Ostern in die große Stadt, Mutter und ich. Immer dann gab es neue Sonntagskleidung. Und immer betrübte ich Mutter, weil ich nie ein Hütchen wollte. Am Abend gab es dann Röggelchen * mit Feinkostsalaten von „Nordsee“. Ein Fest! Einmal im Jahr war das so. Alle anderen Kleider, Röcke, Blusen, Mäntel und Pullover kamen von den größeren Cousinen, nähte, strickte, häkelte Mutter selbst oder brachte der Nikolaus/das Christkind. Letzteres konzentrierte sich auf Schlafanzüge, die sich, je größer ich wurde, in immer länger werdende Nachthemden wandelten.

Und dann die vielen Horsts in meinem Leben. Der erste Kuss von dem Horst, der nicht Förster wurde, aber so hieß. Die Ferienliebe Horst und auch ein Kuss, mindestens, der sich kurz danach versehentlich erschoss. Die zweite Ferienliebe, unerwiedert, der feine Gedichte schrieb, später, als ich ihn schon nicht mehr kannte, die dennoch ihren Weg zu mir gefunden haben, später, als auch er schon nicht mehr lebte. Und dann die große Liebe, die längste, die, die sich gerade verwandelt, worein auch immer noch. Die mich, trotz aller Ewigkeit, die Notbremse ziehen ließ. Der Zug hielt kreischend auf weit offenem Land. Ich bahne mir meinen Weg zur Mündung.

Ja, ich mag wieder erzählen – meine und andere Geschichten.



Hierzu passt auch das neueste Video von Cambra Skadé



*Mr. Aufziehvogel ist ein Buch von Haruki Murakami

*Röggelchen werden in Düsseldorf die Roggenbrötchen genannt

Gedankenfäden 003

RoteFadenGeschichte 017

Gedankenfäden 003

-1-

Der rote Faden, der du einst gewesen bist, drohte mich zu strangulieren. Viele Quälgeister habe ich eingeladen und alle Männer waren Vater. Niemand ist mir je Vater gewesen. Ich bin mir über die Jahre Mutter geworden, es wird Zeit mir Vater zu sein. Liebevoll werde ich mich auf den breiten Schultern tragen, mich in die Luft werfen und wieder auffangen. Mit neuen Bildern und Worten werde ich mir die Welt erklären, meine kleine Hand in meine große legen, die mich führen wird – über Abgründe hinweg.

-2-

Nur er, der Ritter mit der blauschwarzen Rüstung, wußte was Leiden war. Nur er kannte Schmerz, er allein ist dem Tod von der Schippe gesprungen. Sie lachte ihr gluckerndes Lachen. Seine Rüstung, ein Narrengewand. Sie hat ihre Angst weggelacht. Verwundert schaut er ihr nach. Sie hat nur einmal Simsalabim geflüstert, da war er zu einem hässlichen Zwerg geschrumpft. Verlust und Schmerz ließ seinen Blick sterben. Sie tanzt jetzt für einen anderen.

-3-

Mitten im Strom hängengeblieben, im Gegenstrudel des Fürundwiders auf der Stelle tretend weitergegangen.

Eine Bewegung, erst klein, die Tür ist geöffnet. Es gibt kein Haus. Ein Bett unter einem trockenem Dach, das Winterholz hinter der Wand, geflüsterte Worte, du bist weit weg, es hat sich nichts geändert.

Bittere Frauen, ein Bänkelsänger, ein zugeklebter Mund, verstopfte Ohren, rollende Räder, weg von brennenden Scheiben, berghohe Feuer, keine Gefahr.

Weg weg, dichtes Dickicht, lose Worte, Los gekauft, Geld los, ein Loch in der Hosentasche. Den Ball eingelocht, schwere Verbrecher erbrechen Kaviar in goldene Schüsseln.

Drei Kammern: Altglas, Altpapier, Restmüll. Der ohne Obdach, am Bahnhof verlor die Mission, lehnt an der dritten Kammer. Toni Restmüll. Eiserne Besen fegen den Winter der Welt. Hitze und Dürre, verirrte Eisbären sterben vor vergoldeteten Türen.

Eiserne Bänder geflochten, bunte Bilder, bemühte Schönheit, gefütterte Freude, kein Prinz, viel Angst, kleine Hände graben nach Liebe.

Die Sonne scheint. Der Nachbar kotzt. Guten Morgen!

Es geht gut – es kann nicht gut gehen – gehen tut gut.

Wir ist auf die Fliesen gekracht. Eine Hand fegt Scherben. Das Herz gehalten. Eisenband. Kein Wagen, kein Heinrich. Flüsse fließen wieder. Steine und Wagen poltern über Kopfstein, Kopf und Stein, Stolperstein, Erinnerungen, Gedenken, an dich denken, Trauer, Frieden, Stille, Meer.

Bierdumpf ist auch so ein Wort. Dumpf überhaupt – Dampf, Qualm, Nebel, Rauch – bald Bahnhof, dann Flugzeug, dann weg.