zur Freiheit

-Du bist noch ziemlich jung, weißt du. Dies mit den Wegen der Freiheit ist eine Sache, die man ziemlich langsam lernt. Ich verstehe mich eigentlich überhaupt nicht auf das Zeitalter, das dabei ist, deine Schüler zu prägen, ich verstehe mich kaum auf das Zeitalter, das dich geprägt hat. Aber das, welches mich geprägt hat, hatte seine schauderhaften Seiten, und trotzdem war es möglich, auch aus solchen Kindheiten auszubrechen. Du verstehst was ich meine?

Auch du wirst aus der Mausefalle herausfinden, wenn du nur ruhig bleibst, so ruhig, wie du kannst.

-Ich will nicht zu viel sagen, sagte ich, aber soviel ist klar, deine Zeit hatte greifbarere Feinde als meine. Ihr habt euch nicht mit einem Nebel herumgeschlagen, ihr hattet sichtbare Tyrannen, Scheißkaiser, Päpste auf ihren Thronen. Aber wir, wir schlagen uns mit Schemen herum. Ihr hattet die Macht sichtbar auf ihrem Thron, wir haben sie als Schmerz im Hinterkopf, als Spinnwebennetz von Halbwahrheiten rings um uns her.

Lars Gustafsson – Risse in der Mauer

Mut

Manche sagen: „Wie mutig du bist…“, ich frage mich seit Wochen wie mutig ich wirklich bin, bin ich (überhaupt) mutig? Mut braucht eine Portion Angstfreiheit und Entschlossenheit: vielleicht pocht das Herz, aber du tust was du musst und willst, du hast Ideale und Prinzipien, du trittst für sie ein.

Es sind solche Sätze, die mich nachdenklich werden lassen:

Macht haben nicht diejenigen, die über Posten und Gefangenentransporter verfügen, sondern diejenigen, die ihre Angst überwinden.

Nadja Tolokonnikowa

Foto © Igor Mukhin

Nadja Tolokonnikowa hat das Buch >Anleitung für eine Revolution< geschrieben, sie ist Aktivistin in Rußland, ist Mitbegründerin der „Pussy Riot„.

Aus dem Klappentext:

vorne:

Mit zehn Jahren wird Nadja Tolokonnikowa Feministin, mit sechzehn Philosophiestudentin, mit einundzwanzig Mitbegründerin der Pussy Riot. Als Putins Richter sie verurteilen, nutzt sie die Bühne des Gerichts für eine Verteidigung der Freiheit. Und während sich ihr Land patriotisch beseelt der autokratischen Herrschaft ergibt, beharren sie und ihre Mitstreiterinnen darauf, dass Widerstand möglich ist und Kunst eingreifen kann. In Anleitung für eine Revolution erzählt Tolokonnikowa ihre Geschichte, von den ersten Aktionen im Geiste der Riot-Grrrl-Bewegung bis zu den brutalen Erfahrungen im Arbeitslager. Ihr Buch – zart, laut und mitreißend – ist eine Ermutigung zum Eigensinn im Angesicht politischer Gleichgültigkeit. Denn ziviles Engagement ist keine Heldentat, sondern eine Notwendigkeit. Und Menschenrechte sind überall bedroht – nicht nur in Russland.

(Ich habe mir erlaubt die zwei letzten Sätze fett zu drucken)

hinten:

Nadja Tolokonnikowa, geboren 1989 wuchs im sibirischen Norilsk auf. Nach dem Punk-Gebet, mit dem Pussy Riot die enge Verflechtung von Kirche und Staat in Russland kritisierten, wurde sie 2012 zu zwei Jahren Haft im Straflager verurteilt. Seit ihrer Freilassung engagiert sich die Politaktivistin für menschlichere Bedingungen im russischen Strafvollzug. Tolokonnikowa lebt mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Moskau.

In ihrem Buch beschreibt aus ihrer Sicht die russische Realität hier und heute, ihren Weg als Künstlerin, als Performerin und auch ihre Zeit im Strafgefangenenlager; zwischen die Erzählstränge streut sie einzelne Sätze:

Die Macht sind wir.

Russians by birth, Rebels by choice.

Die Frau und den Mann gibt es nicht.

Solche Sachen. Solche Freunde. Solche Verbrechen.

Mach Wasser zu Wein. Sei ein Superheld.

Tue das Unmögliche.

Wie man bei uns in Russland sagt: Man fickt uns – und wir werden stärker. Werde stärker!

Warte nicht bis man dir die Haut abzieht.

Vergiss nie die Geschichte.

Suche Liebe auf öffentlichen Plätzen.

Habt keine Scheiße im Kopf. Stürzt Diktatoren.

Definiere die Erfolgskriterien neu. Geh mit dem Kopf durch die Wand.

Mit Gewalt gewinnst du höchstwahrscheinlich nicht. Wenn du gewinnst, dann nur mit Erfindungsgeist und Nonsense.

Du hast keine 500 Jahre. Lebe mit voller Wucht.

Bewahre dir deine anarchistische, kindliche Freiheit, wohin es dich auch verschlägt: Bewahre sie dir in Gefangenenwaggons, in staubigen Durchgangszellen, auf metallenen Pritschen.

Protestiere lächelnd.

Glaube nicht, fürchte nicht, bitte nicht.

Für die Dummen ist kein Gesetz geschrieben.

Vergiss nicht, deinen Feinden für die erwiesenen Dienste zu danken.

Versuche aus jeder Scheiße Pralinen zu machen.

Die wichtigste Regel für Ratschläge ist: Es kann keine allgemeingültigen Ratschläge geben.

Ziehe ein wie Creme. Dringe in die Poren.

Nasche lieber vom Baum der Erkenntnis, als dass du als seliger Idiot Gott am Hals hängst.

Versuche ein Problem immer zuerst auf dem Weg der Kunst zu lösen – und dann mit allen anderen dir zugänglichen Mitteln. Kunst ist die beste Medizin – für dich persönlich und für die Gesellschaft.

Auf Seite 96 schreibt Nadja Tolokonnikowa:

Schöpferische Arbeit und das Streben nach Erkenntnis sind meine einzigen Leitlinien. Ich verweigere mich einem Leben gemäß den Regeln einer bürokratischen Überwachungsmaschine. Das verschafft mir großes Vergnügen. Und Freiheit. Die Maschine reagiert wütend, sie rächt sich.

Doch indem du die Regeln der Maschine nicht akzeptierst, fügst du ihr größeren Schaden zu als sie dir. Weil allen um dich herum langsam klar wird, dass der König tatsächlich nackt ist.



Nadja Tolokonnikowa – Anleitung für eine Revolution – Hanser Verlg – ISBN 978-3-446-24774-1



„Und Menschenrechte sind überall bedroht – nicht nur in Russland“, zitierte ich oben aus dem Klappentext, ich erweitere den Satz: Menschenrechte und Pressefreiheit sind in vielen Ländern bedroht – nicht nur in Russland und empfehle folgenden Artikel plus Kommentarstrang https://dvwelt.wordpress.com/2017/07/11/unartige-kinder/

Schön hier!

Am Samstag war es soweit, die Anthologie: Schön hier! Lieblingsplätze und Herzensorte in Westfalen, lag in meinem Postkasten.

Herausgeber sind Matthias Engels, Thomas Kade und Thorsten Trelenberg, denen ich an dieser Stelle noch einmal herzlich für ihr Engagement danken möchte.

Ich wurde durch einen Artikel bei Matthias auf das Projekt aufmerksam, schrieb eine Geschichte und sandte sie ihm zu. Ich habe mich sehr gefreut, dass sie einen Platz in dieser Anthologie gefunden hat.

Vielleicht fragt sich jetzt die Eine oder der Andere wie ich dazu komme eine westfälische Geschichte zu schreiben. Das ist einfach, am Rande des Ruhrgebiets geboren und aufgewachsen, hatte ich Verwandte im Pott, bei denen ich mich immer mehr Zuhause fühlte als in meiner Heimatstadt. Später zog die Familie an den Rand des Ruhrgebiets und somit an die Grenze von Pott und Westfalen und so heißt auch meine kleine Geschichte: Ickern// Kindertage zwischen Pott und Westfalen

Matthias schrieb am 19. Juni 2017 in seinem Blog:

…Von da an ging es fix…28 Autorinnen folgten unserem Aufruf und lieferten wunderbare Texte.

Wir hatten nach ganz persönlichen, völlig subjektiven Lieblingsorten in der Region gefragt und jeder der angesprochenen Autoren konnte nach einigem Überlegen letztlich einen oder sogar mehrere solcher Orte benennen. Die Gestaltung der Texte war -bis auf eine gewisse Längenvorgabe- völlig frei: so erhielten wir wunderbare Gedichte, tolle Geschichten und andere interessante Texte.
Genauso breit gefächert wie die Formen sind die regionale Lage und die Art dieser besonderen Orte: von der Bank am Kanal in Münster über den Ostmarkt in Bielefeld bis zum eigenen Bett in Lünen ist alles vertreten. Viele Autoren steuerten außerdem sehr charmante eigene Fotos der ausgewählten Orte bei.

Die offizielle Präsentation des ca. 200 Seiten starken Buches findet am 26.08. im Rahmen der Auftaktveranstaltung des Literaturfestivals hier! des Literaturlandes Westfalen statt.
Erhältlich wird es allerdings schon früher sein. Wir geben Bescheid!

Mit dabei sind und einen herzlichen Dank haben verdient:

Heide Bertram, Thorsten Trelenberg, Marion Gay, Hans- Ulrich Heuser, Patricia Malcher, Artur Nickel, Gottfried Schäfers, Jürgen Flenker, Ulrike Gau, Eva von der Dunk, Peter Gallus, Josef Krug, Antonia Kruse, Maike Frie, Andreas Laugesen, Thomas Kade, H.D. Gölzenleuchter, Matthias Engels, Torsten Reters, Hans Lüttmann, Hermann Borgerding, Annette Gonserowski, Viktor Sons, Sabine Lipan, Anne-Kathrin Koppetsch, Claudia Hummelsheim,
Angelika Ahlmann

Das Cover wie das Layout stammen von Manuela Dörr, der wir ebenfalls zu Dank verpflichtet sind.


Hier folgt nun der erste Teil meiner Geschichte:

Kindertage zwischen Pott und Westfalen

Sechs Kinderbeine mit herunter gerutschten Kniestrümpfen rannten aus der Siedlung hinaus den Bergen entgegen. Es rannten zwei Jungs und ein Mädchen. Abenteueralter. Sie waren Tom Sawyer und Huckleberry Finn, waren Goldmarie und Suleika.

Die Berge, wildzerklüftet, zwischen ihnen gähnten wassergefüllte Abgründe, Frösche quakten. Jungs fingen Frösche, sie sah sich um; Frösche werden nun einmal nicht zu Prinzen, wenn man sie aufbläst. Sie entfernte sich, erklomm die Höhen, schritt durch die Senken, nahm die letzten Felsen, sie schaute von oben auf den Rhein-Herne-Kanal hinab. Schiffe schleppten Frieden von Herne zum Rhein, von der Quelle zur Mündung. Schiffe schlugen Wellen für die Kinder, die in ihnen sprangen und schwammen.

Die Familie zog um. Die Zechen waren jetzt weiter weg, der Garten kleiner. Einen Innenhof gab es nicht mehr, auch keine zwei Schweine mehr im Stall, die an roten Kinderpantoffeln knabberten, keine Hasen, keine Hühner mehr, nur die Tauben waren geblieben und Wellensittich Peterlieb. Noch. Er sollte bald einen Ausflug machen, aber das wusste noch keiner. Keiner wusste, dass er für eine lange Weile aus dem Fenster hinaus, in die weite Welt hinein fliegen und mit dem knallgelben Kanari zurückkommen würde. Es war Peterliebs Geheimnis. Er sollte es auflösen, später…

Die Familie hieß Palewski, so, wie viele Familiennamen hier auf lewski, lawski, lowski endeten. Anfang der Neunzehnhunderterjahre waren sie von Polen in den wachsenden Pott gekommen, um das schwarze Gold aus der Erde zu puhlen. Das schwarze Gold, das dann seinen Wert verlor. Zechen schlossen, Kulturlandschaften wuchsen, Kohlepfennige wischten Augen. Die Law-Lew-Lowskis rauchten, husteten, fütterten gurrend ihre Tauben. Kinder schwammen in den Wellen der vorbeiziehenden Frachtschiffe, fuhren auf zu großen Fahrrädern und fielen sich schwarze Schlackesteinchen in die Knie…


Wer nun neugierig geworden ist und ein Exemplar erwerben möchte, kann sich über den Kommentarstrang gerne bei mir melden oder über meine Mailadresse, zu finden in euren Kommentarsträngen, ansonsten ist das Buch ebenfalls im Handel für 12,50€ erhältlich: ISBN 978-3-945238-17-2 , wir danken…

Das wiedergefundene Licht #2

Zitate aus dem Buch von Jaques Lusseyran „Das wiedergefundene Licht“

nachtlicht

War ich abends im Bett und ganz allein, schloss ich die Augen. Ich ließ die Augenlider sinken, wie ich es einst, als sie noch meine leiblichen Augen bedeckten, getan hatte. Ich redete mir ein, dass ich hinter diesem Schleier das Licht nicht mehr sehen werde. Aber es war immer da, es war ruhiger denn je…

Dennoch gab es Zeiten, in denen das Licht nachließ, ja, fast verschwand. Das war immer dann der Fall, wenn ich Angst hatte (…) Was der Verlust meiner Augen nicht hatte bewirken können, bewirkte meine Angst: sie machte mich blind.

Dieselbe Wirkung hatten Zorn und Ungeduld, sie brachten alles in Verwirrung. (…) Wenn mich beim Spiel mit meinen Kameraden plötzlich die Lust ankam zu gewinnen, um jeden Preis als erster ans Ziel zu gelangen, dann sah ich mit einem Schlag nichts mehr. Ich wurde buchstäblich von Nebel, von Rauch umhüllt.

Die schlimmsten Folgen aber hatte die Boshaftigkeit. Ich konnte es mir nicht mehr leisten, mißgünstig und gereizt zu sein, denn sofort legte sich eine Binde über meine Augen, ich war gefesselt, geknebelt, außer Gefecht gesetzt; augenblicklich tat sich um mich ein schwarzes Loch auf, und ich war hilflos. Wenn ich dagegen glücklich und friedlich war, wenn ich den Menschen Vertrauen entgegenbrachte und von ihnen Gutes dachte, dann wurde ich mit Licht belohnt. Ist es verwunderlich, dass ich schon früh die Freundschaft und Harmonie liebte? (S.22-23)

Wie hatte ich leben können all die Zeit, ohne zu wissen, dass alles auf der Welt eine Stimme hat und sprechen kann? Nicht nur die Dinge, denen man eine Sprache zugesteht, nein, auch die anderen: die Torwege, die Mauern der Häuser, die Balken, die Schatten der Bäume, der Sand und das Schweigen. (S.25)

Die einzige Art, eine vollständige Heilung von der Blindheit zu erreichen – ich meine hier eine soziale Heilung -, ist, sie nie als Verschiedenheit zu behandeln, als Grund zur Absonderung, als Gebrechen, sondern als ein zeitweiliges Hindernis zu betrachten, wohl als Eigenheit, doch als eine vorübergehende, eine Eigenheit, die man heute oder spätestens morgen überwinden wird. Die große Heilung besteht darin, von neuem – und ohne zu zögern – in das wirkliche Leben einzutauchen, in das schwierige Leben, dass heißt hier, in das Leben der anderen. (S.37/38)

Die Musik ist für einen Blinden eine Nahrung, wie es für die, die sehen, die Schönheit ist. Er braucht sie, er muss sie regelmäßig erhalten wie eine Mahlzeit. (S.91)

Hier ende ich, obwohl ich noch vieles mehr notiert habe, aber ich will ja nicht ein Buch abschreiben, sondern euch nur einen Eindruck vermitteln, alles andere liest sich am besten selbst!

Ich frage mich, wie es um mein eigenes inneres Licht bestellt ist und ob nicht auch für mich und alle anderen gilt, was für Jaques Lusseyran galt, dass Angst, falsches Streben und Boshaftigkeit zu Verdunkelungen führen?


Jaques Lusseyran – Das wiedergefundene Licht – Klett-Cotta im Ullstein Taschenbuch – ISBN 3 548 39029 3 Nov. 1983 – 30.-35. Tsd.

Love is an angel

-Es ist nicht so leicht, über nichts zu schreiben. Genau das sagte ein Cowboy, als ich das Bild eines Traumes betrat. (S. 9)

patti-smithSo beginnt das Buch von Patti Smith M Train, das mich nicht mehr loslässt. Nein, es ist nicht einfach über nichts zu schreiben und doch macht Patti Smith genau das. Sie schreibt auf 329 Seiten über nichts und alles ist da. Ich lese tiefe Menschlichkeit in den Facetten von lebensfroh, kreativ, zu melancholisch, traurig, zu nichts. Zu Fred (ihrem Mann), der starb. Zu früh. Zu den verloren gegangenen Dingen, zu den gehorteten Erinnerungsstücken: Bücher, Fotografien, Steine, Dinge in Regalen und Schachteln. Cafés von denen sie träumt, in denen sie sitzt und auf Servietten schreibt. Cafés, die sind, die schließen, sich wandeln oder von einem Hurrikan ins Meer gespült werden.

-Ich grüße dich, Rynuosuke, ich grüße dich, Osamu, sagte ich und trank meine Schale leer.

Verschwende deine Zeit nicht mit uns, scheinen sie zu sagen, wir sind nur Penner.

Ich füllte die kleine Schale auf und trank.

Alle Schriftsteller sind Penner, murmelte ich. Vielleicht zählt man mich eines Tages auch zu euch. (S. 251)

Vielleicht sind alle Schriftsteller Penner, weil sie unter Uhren ohne Zeiger sitzen, trinken, essen, palavern, bis die erste Amsel singt. Morgengold, Schlafenszeit.*

Ich denke daran, dass ich im Frühling wieder Blumen säen werde. Dass ich für meine Reisen weiterhin Listen schreiben und verlegen, und immer noch zu viel dabei haben werde. Reisen, wandern, über Friedhöfe gehen, sitzen, schauen, reden, schreiben, essen, arbeiten, Holz machen, schlafen, lieben, ich werde alles tun und nichts erreichen. Ich werde kein Ziel haben und dennoch ankommen.

Eine Mütze sollte man haben oder eine Kapuze, einen Mantel, einen Schal, eine Ecke zum schreiben, Wege für die Erfahrungen, Orte für die Erinnerungen, Verbündete, Verwandte, WegbegleiterInnen.

Ein Lied lässt sich finden, zwischen Rhythmus und Nichts.

Mein Mantel war fort. (…) Ich suchte ihn überall vergeblich und hoffe, er wird wieder auftauchen, wie von plötzlichem Licht erhellte Staubpartikel. Dann denke ich, beschämt über meine kindliche Trauer, an Bruno Schulz, der gefangen in einem jüdischen Getto in Polen heimlich das einzig Kostbare übergab, dass er der Menschheit noch vermachen konnte: sein Manuskript Der Messias. Die letzten Worte von Bruno Schulz, verloren im Chaos der letzten Tage des Zweiten Weltkriegs. Verlorene Dinge. Sie krallen sich in die Membranen und versuchen unsere Aufmerksamkeit mit einem unentzifferbarem Notruf zu wecken. Worte taumeln in hilfloser Unordnung. Die Totensprache. (S. 211)

Patti Smith also- ihr Blues, ihre Sinfonie, kaum, dass ich mich an ihre Musik erinnere, kaum, dass ich sie wiederhöre, ist alles wieder da. Alles. Die ganze Zeit.

Ich erinnere mich, jemand hatte erzählt, Patti Smith hätte ihren Sohn (und Mann) verlassen, weil sie keine Mutter sein konnte, weil sie in Cafés sitzen wollte, weil sie schreiben, und ihrer Musik folgen wollte. 1979 war das. Im Oktober kam mein Sohn zur Welt und ich, ich fühlte mich so unfähig, ich wusste nichts übers Muttersein. Ich wusste nur etwas darüber wie ich nicht Mutter sein wollte. Nach vier Wochen packte ich einen großen Rucksack. Ich wollte nach Berlin, ich wollte wieder in Cafés sitzen und schreiben, ich wollte wieder Theater spielen, weil ich nicht Mutter sein konnte, weil Patti Smith das auch getan hatte.

Ich packte den Rucksack wieder aus und schwor meinem Sohn mein Bestes zu geben und blieb. Auch Patti Smith hat ihren Sohn nie verlassen. Eine Mär. Erzählt von wem? Ich erinnere mich nicht mehr!

love-is-an-angel

Berlin kam später und noch später bekam ich eine nigelnagelneue Spiegelreflexkamera von meinen Freundinnen und Freunden geschenkt. Mein erster Weg führte mich zum Dorotheenstädtischen Friedhof nach Berlin Mitte. Dort wollte ich Brechts Grab besuchen, das ich fand und nicht fotografierte, aber einen Engel.

„Ich fragte mich, ob Brecht wohl geweint hatte, als er das Herz der Mutter brach, die nicht so herzlos war, wie sie uns glauben machen wollte. (…) Meine Mutter war real und ihr Sohn war real. Als er starb, begrub sie ihn. Jetzt ist sie tot. Mutter Courage und ihre Kinder, meine Mutter und ihr Sohn. Nun sind sie Stoff für Geschichten.“ (S. 76)

Als ob Fäden zueinander hinkommen und Knoten bilden. Mütter und Söhne, Friedhöfe und Engel, Mutter Courage und Brecht, Patti Smith und ich. „Love is an angel“, singt sie in einem ihrer Lieder, ich nicke.

„Ich persönlich halte nicht viel von Symbolismus. Ich verstehe ihn nicht. Warum können Dinge nicht so sein, wie sie sind? Mir kam nie in den Sinn, Seymour Glass zu analysieren oder Desolation Row aufzuschlüsseln. Ich wollte mich nur verlieren, mit etwas anderem eins werden, einen Kranz auf einen Turm stülpen aus dem einzigen Grund, weil ich es wollte.“ (S. 79)

So vieles begegnet mir ihn ihrem Buch, das ich teile, dies ist kein Buch, das ich lese und ins Regal zum Verstauben stelle, dies ist ein Buch, das mich nicht mehr loslässt und mich dazu animierte Geschichten zum Nichts zu schreiben. Drei sind es bislang geworden, sie werden hier folgen, eine nach der anderen … noch haben mich weder Buch, noch Nichts oder verloren gegangene Dinge losgelassen…

Anmerkungen

* Patti Smith erzählt von einem Café in dem sie, zusammen mit ihrem Mann und FreundInnen gesessen und bis zu manchem Morgengold palavert hatten, an der Wand hing eine Uhr ohne Zeiger.

Das Bild vom Dorotheenstädtischen Friedhof habe ich aus dem Buch M Train abfotografiert © Patti Smith

 

V = Vertrauen

Bevor es jetzt hier weitergeht möchte ich einen Text von Luisa Francia voranstellen. Auf ihn wurde ich durch Sofasophia und ihren ebenfalls nachdenkens- und empfehlenswerten Artikel aufmerksam. Luisa Francia transportiert eine für mich wichtige Haltung, die das Alphabet der mutigen Träume auf sehr spezielle und von mir geschätzte Art unterlegt:

Es gibt eben nicht eine wirklichkeit, eine erklärung für alles, eine wahrheit und wir müssen mit dieser sehr komplexen situation fertig werden, dass sich ständig schichten von wirklichkeitsebenen reiben, ineinanderschieben, einander aufbrechen, auflösen.
Obwohl sie diesen prozess dauernd erleben, wollen die meisten menschen das nicht akzeptieren. Sie sehnen sich nach einer fixierten wirklichkeit, die von einem „starken mann“ z.b. geregelt und verantwortet wird. Illusion ist eben auch eine wirklichkeitsebene,.Illusion, die feige version der vision, die im kreativen prozess erstarrt und steckenbleibt, unfähig wild und ungezähmt den faden der vision in die neue wirklichkeit zu spinnen.
In der sibirischen schamanischen kultur gibt es keine vergangenheit und keine zukunft. Alles ist jetzt und die möglichkeiten des jetzt liegen übereinander, aufeinander, während ich erzähle, erschafft sich diese struktur zu einer ebene die jetzt passiert. Jetzt.
Mit acht jahren bekam ich zu weihnachten ein märchenbuch „die güldene kette“, darin wirklichkeitsentwürfe aus aller welt und vielen zeiten, die weisheit, dass man helferwesen aus vielen schichten der wirklichkeit braucht um das aufeinanderprallen von welten und wirklichkeiten zu überstehen, die erkenntnis dass niederlagen der beginn einer grossen schöpferischen energie, dass ruhm, reichtum und sichtbarkeit der beginn einer zerstörung sein können, dass ohne das eintauchen in die magische wirklichkeitsebene das leben ziemlich anstrengend und langweilig sein kann. Bis heute nähren und lehren mich diese geschichten, weil es eben keine zeit, keine vergangenheit, kein vergehen gibt. Alles entsteht jetzt. Es geht darum das jetzt zu erschaffen, mit der weisheit und dem reichtum von allem.

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Hier geht es jetzt weiter mit V = Vertrauen

Wie gerne ich die kleinen Menschen betrachte und begleite, wenn sie noch voller Vertrauen in die helfende und unterstützende Hand in die Welt gehen! Vertrauen ist ein kostbarer Schatz, den es zu hüten und zu beschützen, den es vor größeren Schäden zu bewahren gilt. So sehe ich meine und die Aufgabe aller Erwachsenen während der Begleitung von Kindern. Dass Vertrauen trotzdem erschüttert wird ist leider so, nicht alles liegt in unserer Hand.

Ein Mensch, dessen Vertrauen nicht in seinen Grundfesten erschüttert wurde, kann die zum Leben dazu gehörenden Enttäuschungen und Vertrauensbrüche verarbeiten, ist in der Lage daraus zu lernen und verliert deswegen nicht das Grundvertrauen in die eigene Kraft, in die Menschen und das Leben und wird deswegen nicht automatisch zu einem misstrauischem Menschen.

Misstrauen hat seine Ursache in schlechten = kränkenden und schmerzhaften Erlebnissen und der Angst vor Wiederholungen. Tief traumatisierte Menschen und Tiere sind misstrauische Wesen, deren Vertrauen zurückzugewinnen geht nur mit sehr viel Empathie, Geduld und Wohlwollen, wenn überhaupt.

das-kind-das-eine-katze-sein-wollte-41o3sjrtzdl-_sx323_bo1204203200_Caroline Eliacheff ist eine französische Psychotherapeutin, die in diesem Buch ihre Erfahrungen u.a. mit Säuglingen teilt, die von ihren Eltern/Müttern nicht gewollt waren und direkt nach der Geburt in die sogenannte „Babyklappe“ gegeben wurden. Caroline Eliacheff fühlt sich ein und spricht mit diesen kleinen Wesen, bestätigt sie in ihrem Leiden und hat dadurch zum Beispiel einen Säugling, der von alleine nicht mehr atmen wollte, dazu gebracht wieder selbständig zu atmen, um nur ein Beispiel zu nennen. Auch Frau Eliacheff weiß, dass es nicht wirklich ihre Worte sind, die das Verhalten der Säuglinge ändert, sondern ihre Haltung, ihr Gefühl und ihre Empathie dahinter.

Ähnliche Erfahrungen machte eine Freundin, die in schwedisch Lappland mit Schlittenhunden arbeitet, mit einem schwer traumatisiertem Hund, den sie in einem der Netzwerke fand, die es sich zur Aufgabe gemacht haben Straßenhunde zu vermitteln. Nur indem sie ihm viel Zeit gab, sich immer wieder zu ihm legte und ihm sagte und zeigte, dass sie sein Misstrauen und seine Traurigkeit versteht, öffnete er sich ihr nach und nach und ist nun einer ihrer treuesten Hunde. Anfangs war es nicht möglich ihn mit den anderen Hunden zusammen zu tun, er blieb bei ihr im Haus, aber auch das hat sich mittlerweile geändert. Letzteres hat allerdings noch sehr viel länger gedauert, als der Aufbau des Vertrauens zwischen ihr und ihm. Und auch hier waren es nicht ihre Worte, sondern ihre Empathie, die der Hund spürte und „verstand“.

Beides sind Beispiele für die Fähigkeit echter Empathie, in der es um das Wohl des Wesens geht und nicht um das eigene Wohlbefinden. Kinder, Hunde, Katzen oder andere Tiere sind nicht dafür da uns das Leben zu versüßen, uns zu trösten oder unserem Leben einen Sinn zu geben. Indem wir uns für sie entscheiden, sollten wir uns gleichzeitig der Verantwortung bewusst sein, die damit einhergeht.

Vertrauen richtet sich natürlich nicht nur auf Kinder und Tiere. Vertrauen in die eigene Kraft und eigenen Fähigkeiten will immer wieder genährt und gestärkt werden, sei es nun bei mir selbst oder bei Freundinnen und Freunden oder bei Menschen mit denen ich arbeite.

Es geht auch um das Vertrauen in den Wandlungsprozess, sei es nun in den eigenen oder in den von anderen.

Auch ich habe einen langen Weg der Vertrauensfindung hinter mir, je mehr Vertrauen ich schöpfen durfte, ob nun in meinen Mann, meine Freundinnen und Freunde und andere Menschen, die mich begleiteten und begleiten, umso trittfester und zielgerichteter wurde mein Schritt. Ich vertraue auch meinen Kindern, aber erst einmal war es meine Aufgabe ihr Urvertrauen in mich nicht zu zerstören. Das hieß für sie da zu sein, wenn sie mich brauchten, für sie einen Ort der Geborgenheit zu schaffen und einen Boden zu bereiten, der sie tragen konnte. Noch heute vertrauen sie mir. Wann immer sie in Not geraten oder sie etwas belastet, suchen sie meinen Rat, ist ihnen meine Meinung wichtig (zugegeben, je älter sie wurden, umso seltener, aber so soll es ja auch sein)- was mich bei aller Fehlerhaftigkeit als Mutter ehrt und mit tiefer Freude erfüllt.

Ein anderes V-Wort für das Alphabet der mutigen Träume wäre Verantwortung gewesen. Verantwortung für mein Fühlen und Denken, für mein Handeln und Wirken in der Welt. Ja, auch ein sehr großes Thema, das aber immerhin hier über den Umgang mit Kindern und Tieren einen Platz fand. Jede und jeder, die/der mit Menschen, Tieren oder in und mit der Natur arbeitet, trägt Verantwortung. Auch hier lautet die Prämisse: Zum Wohle aller und klingt sehr viel einfacher, als es in manchen Momenten ist. Verantwortung ist groß, je älter ich werde, umso mehr begreife ich ihre Tragweite.

T = Träume

Alphabet der mutigen Träume

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(Hier seht ihr Bilder aus einem kleinen Zyklus von 2015, den ich „Traumraum“ nannte – gerne, so ihr mögt, könnt ihr diesen Begriff in die Suchmaschine eingeben, um noch mehr zu finden)

Träume sind keine Schäume! Ich möchte gerne einmal wissen wer diesen Satz in die Welt gesetzt hat und zu welchem Zweck.

Träume sind für mich zweierlei:

  • 1. die Kommunikation meines Unterbewusstseins mit meinem Bewusstsein – Verarbeitung meines Alltags, meiner Gefühle und Hinweise auf meine Seelenzustände
  • 2. Visionen und Vorstellungen, mit deren Hilfe ich mich weiterentwickeln und den Wandel einläuten kann

Zum Thema „Träume“ gehört auch die Traumdeutung und das luzide Träumen, beides aber gehört im Zusammenhang meines Alphabets zwar erwähnt, aber nicht vertieft.

Die mutigen Träume gehören zur zweiten Kategorie. Ich hoffe sehr, dass im Laufe meiner Darstellungen im Alphabet der mutigen Träume der Sinn dahinter verstehbar geworden ist.

Die Methode des mutigen Träumens kann noch ganz andere Wandlungsprozesse in Gang setzen, absichtlich habe ich von der Darstellung und Vermittlung der Übungen abgesehen, da sie diesen Rahmen sprengen würden. Vielleicht komme ich noch einmal später  darauf zu sprechen. Wer jetzt schon mehr erfahren will, dem kann ich nur noch einmal das Buch von Alberto Villoldo „Mutiges Träumen“ ISBN 978-3-442-21857-8 WG 2475 ans Herz legen.

In meinem Alphabet entstand eine Art Lexikon der Tugenden, es hat außerdem versucht Wege hin zu einer freundlicheren, freudigeren und mitfühlenderen Welt zu zeigen. Nichts ändert sich allein durch Gebete oder fromme Wünsche, immer geht es bei dem Wunsch nach Veränderung auch ums Tun. Von nix kommt nix.

Die meisten Träume handeln vom eigenem Glück, von einem Prinzen/einer Prinzessin an der Seite, von Haus, Garten und einem Leben mit allem, was das Herz begehrt, selten gehen sie über den eigenen Gartenzaun hinaus. Und wenn sich dann die Träume erfüllt haben, kommen oft die Ernüchterungen. Der Traumprinz ist eben doch kein Prinz und die Traumprinzessin keine Prinzessin, das Haus braucht Pflege und Reperaturen, der Garten macht Arbeit und die Kinder wollen nicht so, wie man selbst will. Realismus kann beim Träumen nicht schaden, schützt vor bösem Erwachen und stellt die Frage nach dem, was Glück denn wirklich ist.

Ich träume gerne von meinem eigenen kleinem Glück, aber so wirklich glücklich macht es mich, wenn ich mich verbunden fühle und meine Träume ausweiten kann und diese auf fruchtbare Böden fallen, wie ich es hier mit euch von A bis hierher erlebt habe. Danke dafür!

R = Richtungswechsel

Alphabet der mutigen Träume

Kormoran hat zum Thema Kommunikation folgendes gefragt:

K-Frage heisst in Deutschland ja wer wird Kanzler – was würdest Du kommunizieren bei einem Tag als K.

Meine Antwort:

Verehrter Herr K – ormoran, Sie stellen ja Fragen … ich würde auf alle Fälle einen Richtungswechsel ankündigen (da wäre ich doch gleich eine richtige K. 😉 ), das zweite Ziel würde Bruttosozialglück (=B) heißen und die Form des Staates: Demokratie unter Miteinbeziehung des Volkes bei staatstragenden Entscheidungen. Ferner würde ich die Steuern für die Reichen und Superreichen erhöhen, Hartz IV abschaffen und das bedingungslose Grundeinkommen für jede und jeden einführen. Damit hätte ich mir nun schon genug Feinde gemacht, um die Vertrauensfrage gestellt zu bekommen…

…und dann würde ich, wenn ich nicht schon vorher vom Podest geholt worden wäre,  eine Rede über all das halten, was ich von A = Allgemeinwohl bis hierher benannt habe, würde Gedanken von Gerdas griechischem Alphabets des freien Denkens hineinflechten, um den Damen und Herren VolksvertreterInnen und Volk einen Richtungswechsel hin zu einer von Humanität getragenen Gesellschaftsform schmackhaft zu machen. Und natürlich würde ich die Ministerinnen und Minister vorstellen, die in diesem Sinne die Ideen umsetze würden. Denn eine K. allein, das funktioniert nicht. Abgesehen davon, dass ein Mensch eh nie alles weiß und kann und es für einen Richtungswechsel viele kluge Köpfe braucht.

Der Richtungswechsel ist notwendig, weil es so, wie es Zurzeit in der Welt ist, zu noch größeren Katastrophen führen kann. Um negativen Prophezeiungen den Boden zu entziehen, setze ich mutige Träume dagegen.

Gerda hat natürlich Recht, wenn sie (im Kommentarstrang zu Brechts Ballade am Samstag) sagt, dass unsere beiden Alphabete die wirtschaftliche Seite nicht außen vor lassen darf. Ich habe deswegen den einen und anderen Gedanken hier mit eingewebt. Bislang sprach ich von Allgemeinwohl, Bruttosozialglück, von einer Welt des Nehmens und Gebens.

Ich bin nun wahrlich keine Wirtschaftsexpertin, auch habe ich das Kapital von Marx nie gelesen- ich weiß nur, dass der Turbokapitalismus auf Dauer nicht funktionieren kann. Ihr lest es, hier ist eine Fachfrau/ein Fachmann gefragt. Gerda hat auch damit Recht, wenn sie sagt, dass es noch ein drittes Alphabet geben müsste, eins der wirtschaftlichen Fragen… das aber würde ich gerne ihr oder denjenigen überlassen, die in diesem Gebiet firm sind. Ich weiss nur, dass Schluss sein müsste mit der Macht der Banken, der Spekulationen und Korruptionen- ein wahrlich großes Unterfangen!

Um mich dem Ganzen überhaupt zu nähern, kann ich mich nur an kleinen Projekten und Ideen, sowie an ihren Formen orientieren, die mir sinnvoll erscheinen. Dazu gehört für mich das System der Genossenschaften und das der Kollektive = Selbstbestimmung ohne Masterplan, aber mit System und Plan, der sich an dem Moment und seinen speziellen Aufgaben orientiert. Ich habe selbst lange in einem Kollektiv gearbeitet. Ja, manchmal war es nervig, wenn wir ein Thema zum 100sten Male diskutieren mussten, weil Konsens eben Konsens heißt und trotzdem war es in meinem Arbeitsleben mit anderen die beste Form, die gerechteste auch.

Mitspracherecht und Gewinnbeteiligung in der Produktion ist in dem Kontext schon eine Selbstverständlichkeit, Fair-Trade auch. Regionale Vertriebe ist ein weiteres Stichwort. Ich denke auch an eine Landwirtschaft, die den Namen wieder verdient hat- weg von Monokulturen und riesigen Betrieben, weg von Massentierhaltung und Subventionen, weg von genormten Früchten und Gemüse, Gentech sowieso nicht. Wie kann es sein, dass die Landwirtin, der Landwirt immer noch wie ein dummer Bauer behandelt wird? Sie ernähren uns! Es geht also auch immer wieder um einen Richtungswechsel in der Bewertung von unterschiedlichen Arbeitsfeldern. Ihr lest es, jedes Stichwort kann einen eigenen Artikel füllen.

Zurück zu meinen Stichworten: Umverteilung des Kapitals = Steuerrecht. Die Reichen und Superreichen haben ihren Reichtum auf dem Rücken von Tausenden erwirtschaftet und sind nicht bereit sie an diesem Wohlstand teilhaben zu lassen, obwohl sie so viel besitzen, dass sie es nicht in zehn Leben  ausgeben können. Was hindert die meisten von ihnen daran einen Teil ihres Geldes an ihre ArbeiterInnen und Angestellten weiterzugeben, was hindert sie Geld in Kultur und soziale Projekte zu stecken? Geiz ist eine der Antworten, Gier die nächste, Stolz eine andere, Macht die nächste. Und somit erscheint alles als unmöglich, nicht wahr? Denn wer vermag schon den Geizigen, Gierigen, Stolzen, Mächtigen zu einer Umkehr zu bewegen? Und wie komme ich Angesicht dieser Tatsachen dazu ein mutig erträumtes Alphabet zu ersinnen und zu veröffentlichen?

Die Säerin, 1926, v. Wilhelm Schulze Rose – dahme.de

Es heißt immer wieder: „Stetig ist der Wandel“ und „Steter Tropfen höhlt den Stein“- seht mich als steten Tropfen, seht mich als Eine, die weiß, dass ein Richtungswechsel Zeit braucht und über meine eigene Lebensspanne hinausreicht- nicht mir zum Wohle schreibe und träume ich das alles, vor allen Dingen für das Wohl der nachfolgenden Generationen und einem Planeten, der auch für sie noch Früchte trägt und Wasser schenkt. Und ja, seht mich als eine, die Samen streut, die auch nur übt und auf dem Weg ist.

Gestern Abend hörte ich ein feature über einen Amerikaner, der sich Zeit seines Lebens für den Weltfrieden engagierte, er wird nun 80 und sagte sinngemäß: Bislang haben wir den Weltfrieden nicht erreicht und gerade eben sind wir wieder weit von ihm entfernt, aber wir haben uns wenigstens um ihn bemüht. Dann hat er herzlich gelacht. (Leider habe ich nur mit halbem Ohr zugehört und der Name ist mir weggerutscht.) Diese Haltung ist es, die mich dazu bringt mich weiterhin einzusetzen, mich zu bemühen und ist Motor für das Alphabet und einiger meiner Bilder.

Unter O = Offenheit habe ich das Buch von Geseko Lübke – Die Politik des Herzens, vorgestellt, vielleicht hat ja die Eine und der Andere mal geblättert- auch hier werden die einzelnen Kapitel von unterschiedlichen Menschen geschrieben, Geseko Lübke war der Sammler und Initiator, ich habe jetzt entschieden, dass ich mir das Buch kaufen werde, hier finde ich bestimmt noch viel Ergänzendes und Vertiefendes zu meinem Alphabet der mutigen Träume. Eine Buchbesprechung folgt dann…

 in dem Buch blättern →

Nachtrag- nun habe ich doch einmal nachgeschaut, Frau Wildgans hat mich im Kommentarstrang dazu motiviert, wer genau der 80jährige war/ist:  Die Sendung lief auf SWR2 – der Mann Benjamin Ferencz, einer der Chefankläger bei den Nürnberger Prozessen- hier ist der Link, du kannst es nachhören und das werde ich auch machen, weil ich ja eben nur mit halbem Ohr zugehört habe-
http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/feature/benjamin-ferencz-hurra-wir-haben-nicht-versagt/-/id=659934/did=18849784/nid=659934/cqn5dw/index.html

Ich muss mich entschuldigen, Benjamin Ferencz war zu der Zeit, als das feature entstand – 2015 – schon 97 Jahre alt, nun habe ich die Sendung nachgehört!

 

Q = Querdenken

Alphabet der mutigen Träume

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©stepstone.at

In jungen Jahren nannte man mich Querulantin, Querkopf und Quälgeist, weil ich schon früh damit begann Fragen zu stellen und zu hinterfragen. Das war unbequem für die Befragten, also speisten sie mich ab, was weder nährend, noch förderlich war. Später fand ich viele Antworten in den Büchern, soviel wie ich fragte, soviel las ich ab dem Moment als ich es konnte, mit fünf Jahren … weil ich es so wollte. Querkopf eben, Dickkopf auch! Gut so, das hat mich vor größeren Schäden bewahrt. Und wie ich immer wieder einmal in der Literatur lese, nicht nur mich, zuletzt las ich Ähnliches in der wunderbaren Trilogie um Hilda herum, geschrieben von Ulla Hahn.

Je älter ich wurde, umso mehr schätzte ich querdenken und QuerdenkerInnen. In der Schule liebte ich die Lehrerinnen und Lehrer, die uns ermunterten das Gelernte in eigene Worte zu fassen, statt in vorgefertigten Merksätzen runterzurasseln, was bei mir eh nicht funktionierte, ich war keine Auswendiglernerin, außer bei Liedern. Wieder so was Verqueres… Ähnlich verquer, wie ich immer die eigenen Erfahrungen machen muss, bis ich Gelesenes oder Gehörtes zu mir nehmen kann. Noch verquerer war es, als ich vor ewigen Zeiten in einer Töpferwerkstatt ein Praktikum machte, ich konnte ein Gefäß immer erst zeichnen, wenn es durch meine Hände „gelaufen“ ist, zuträglich war meine bildliche Vorstellungskraft, wenn eine Kundin/eine Kunde mir ihre Vorstellung vermittelte, aber üblich war diese Herangehensweise nicht. Was sagt uns das? Dass verschiedene Menschen verschiedene Zugänge zum Lernen und Umsetzen haben.

Quer denken heißt für mich sich auf den Weg zu machen, um erst einmal die eigenen Fähigkeiten kennen und ausloten zu lernen, für sich die Wahrheiten und Lebensformen zu finden, die sich stimmig anfühlen, auch wenn sie quer zur Hauptrichtung der Anderen verlaufen. Querdenken heißt außerdem etwas zu verknüpfen, was bis dato noch nicht verknüpft wurde oder als undenkbar erscheint.

Viele EntdeckerInnen, ForscherInnen, KünstlerInnen und WissenschaftlerInnen sind QuerdenkerInnen. Sie alle trauen und trauten sich quer zur bestehenden Denkrichtung zu denken, unmöglich Erscheinendes möglich zu machen, groß zu denken, mutig zu handeln, die Möglichkeit des Scheiterns miteinbezogen.

Viele trauen sich nicht groß zu denken und mutig zu handeln, weil die Angst vor dem Scheitern groß ist. Nicht jedes Vorhaben gelingt auf Anhieb und ist von Erfolg gekrönt, manches scheitert erst einmal ganz, was dann zwar bedauerlich ist, mich aber nicht davon abhält es erneut zu versuchen. Zuerst aber kommt die Phase des Trauerns, der Zweifel und des Infragestellens, gefolgt von der Phase des Hinterfragens, was ich besser oder anders machen kann, damit es gelingt.

Vielleicht beginnt Scheitern ganz woanders, nämlich bei der Bewertung und bei dem Bild, das uns von gescheiterten Menschen vorgeführt wird. Der Umgang mit sogenannten wirklich gescheiterten Existenzen heute, hier und jetzt, fördert eher die Angst, statt den Mut zu schüren es auf weitere Versuche ankommen zu lassen. Selten hören oder lesen wir von Menschen, die es wieder und wieder probier(t)en, bis sich dann der Erfolg einstellte.

Ich frage mich ob ein Grund für die vorherrschenden Frustrationen, Unzufriedenheiten, der zunehmenden Wut und Gewalt in der Welt der ist, dass die Menschheit eine Welt der Sieger und Verlierer gebaut hat, statt eine Welt in der für jede und jeden Platz ist, weil sie mit ihren Fähigkeiten und Qualitäten ernst genommen und gefördert werden.

Im Alphabet der mutigen Träume geht es immer auch darum die Menschen genau dort abzuholen, dafür stehe ich. Ich stehe auch für das bedingslose Grundeinkommen, um dem Ziel, dass für jede und jeden Platz in dieser Welt ist, näher zu kommen. Freudig schaue ich auf Projekte, die genau dies tun, sei es nun das wunderbare Gartenprojekt bei Gerda in der Nähe oder aber diesem Projekt im Wendland, wie auf  viele andere Projekte auch. Sie alle sind Ergebnis von mutigen Handeln und der Haltung: es ist möglich!

QuerdenkerInnen finden sich nicht einfach mit Gegebenheiten ab, sie denken quer zu allen die sagen:

  • das geht sowieso nicht
  • das kann ich nicht
  • ich habe sowieso nie Glück
  • ich habe nicht genügend Kraft
  • das ist doch langweilig
  • an der Sache liegt mir nichts
  • und eigentlich ist mir das sowieso egal.

Alle diese Statements oder Glaubenssätze verhindern Erfolg und Fortschritt und sind leider sehr verbreitet. So gilt es auch diese Glaubenssätze Schritt für Schritt zu verwandeln:

  • das ist möglich
  • das will und kann ich lernen
  • es wird mir gelingen
  • ich habe die Kraft, die ich brauche, um…

Querdenken heißt eben auch unmöglich Erscheinendes möglich zu machen.

Es gäbe viele QuerdenkerInnen beim Namen zu nennen, ich nenne eine Generation: die sogenannten Altachtundsechziger, denen ich den Artikel von Mutmachern und Hutmacherinnen gewidmet haben, hier gehts lang →

Das Buch zum Link 01-alles

 

O = Offenheit

Alphabet – mutig geträumt

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ruft die Mutter, ruft die Großmutter, ruft der Vater, ruft der Großvater und schon läuft das Kind voller Freude in die weit geöffneten Arme…

Die Offenheit, die ich meine, hat als Zweitüberschrift „Neugierde“ und als Drittüberschrift „Vertrauen“, ihre Verortung liegt im offenen Herzen.

Neugierig zu sein auf die, der, das Andere, auf das Fremde, das Verborgene, das Leben hinter den Fassaden und Masken, auf die Gedanken und Gefühle hinter den Werken, allem Gesagtem und Gezeigtem, dem Menschen hinter seiner äußeren Erscheinungsgestalt, anstelle von Abgrenzung und Misstrauen, das ist eine Haltung, die ich mit dem Alphabet der mutigen Träume versuche darzustellen und selbst zu verinnerlichen. Sie ist für mich auch die Haltung der Kinder, die anfangs offen und neugierig der Welt begegnen.

Wir diskutierten es schon woanders, dass „grenzenlos“ keine Option ist.

Ein Mensch, der sich ehrlich beobachtet und hinterfragt kennt auch die eigenen Grenzen und erkennt sie an. Sie können jederzeit geweitet oder verengt werden, je nachdem, wie die Zusammenhänge sind und die Felder, in denen man sich gerade bewegt. Grenzen sind Selbstschutz.

Das Ich begreife ich als nichts Festes, Starres, auf immer und ewig Festgelegtes, es ist aus meiner Sicht jederzeit wandelbar, wenn man bereit dazu ist und die Mühen, die damit einhergehen (können), nicht scheut. Blinder Glauben, an welch höhere Macht auch immer noch, die schon alles im eigenen Sinne richten wird, hilft da nicht weiter. Vertrauen in die eigene Kraft und helfende Hände schon, sowie die Neugierde und Offenheit  gegenüber dem bevorstehendem Wandlungsprozess.

Offenheit ist eine Haltung, die mit Vorurteilsfreiheit und Wertefreiheit Hand in Hand geht, was nicht heißt, ich kann es nicht oft genug betonen, gutzuheißen was anderen schadet oder, wie es mein Extherapeut immer so drastisch wunderbar formulierte: es geht nicht darum Sahnehäubchen über Scheisshaufen zu sprühen…

Die Fragen, die für mich, meine Haltungen und Handlungen wegweisend wurden, lauten:

  • Womit schade ich mir und/oder den anderen und gilt es von daher zu vermeiden?
  • Was nährt mich und andere und ist somit zu stärken?

Das offene Herz ringt nicht um Mitgefühl, es fühlt mit, es fragt nicht nach Liebe und deren Beschaffenheit, es liebt.

Ja, ich glaube an die eigene Kraft und daran, dass ich mein Herz öffnen kann und die Öffnung weiten- in jedem Augenblick kann ich mich entscheiden, ob ich etwas blockiere, mich verschließe oder mich dem was ist öffne. Das offene Herz weiß, wann es geschützt werden muss, man muss ihm nur lauschen (gar nicht so einfach bei all dem Getöse, das die Welt macht!).

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(Dies war einmal ein Versuch von mir zum einen den Weg des Herzens zu zeigen, sowie all die Facetten des Lebens und der Menschen, die in meinem Platz haben…)

Gerda schrieb in ihrem Artikel: Griechisches Alphabet des freien Denkens: O wie ΟΡΑΜΑ (Vision) ebenfalls über Öffnungen, wenn auch in einem anderen Kontext. Sie schrieb u.a. über die Vulva und das Auge. Das offene Auge nimmt auf und sendet, ebenso die geöffnete Vulva. Was immer wir verschließen oder geschlossen halten blockiert die Lebenskraft und Lebensfreude, das gilt für das Auge, wie für die Vulva, wie für das Herz.

Am Ende dieses Artikels möchte ich euch noch einen mutigen Traum von mir vorstellen, der in weiter Zukunft angesiedelt ist, in sehr weiter:

Ich träume von einer Welt (bzw. Erde) ohne Grenzen- einer Welt, in der Nehmen und Geben eine Selbstverständlichkeit ist, deren Menschen ihr Leben selbstverantwortlich zum Wohle aller und sich selbst gestalten und somit frei von Ausbeutung, Unterdrückung und Herrschaft ist, eine Welt, die das Andere respektiert, statt bekämpft. Ich nenne ihn einen blauen Traum.

In der Kunst, besonders in der Musik gelingt es immer häufiger, dass Menschen aus vollkommen verschiedenen Kulturkreisen und Traditionen stammend miteinander musizieren und neue Harmonien finden.

Statt Mitgefühl unter dem Buchstaben M hätte auch Miteinander stehen können. Miteinander statt gegeneinander öffnet den Weg zu einer Welt der offenen und vielleicht sogar irgendwann einmal vollkommen überflüssigen Grenzen, dann, wenn es Usus geworden ist, dem Verbindenden, statt dem Trennenden zu folgen; dem Fremden nicht mehr mit Angst und Abwehr zu begegnen, sondern mit Neugierde und Offenheit.

Und weil ich nicht missverstanden werden will, das alles sind Samen, die ich streue, in eine Welt hinein, die mich täglich davon überzeugen will, dass sich die Menschheit nicht zur Umkehr bewegen lässt, dass Gier, Neid und Hass weit verbreitet sind und kaum Platz für anderes lässt. Und dann halte ich es mit dem Satz, den auch Christiane im Kommentarstrang schrieb: aufgeben gilt nicht!

Buchempfehlung

Geseko Lübke – Die Politik des Herzens, wenn du dem Pfeil folgst, dann kannst du sogar ein bisschen in dem Buch blättern →