All over Heimat

Eine Rezension

all over Heimat ist eine Anthologie, herausgegeben von Matthias Engels, Thomas Kade und Thorsten Trelenberg.

Sie sammelten von 150 Autor*innen und Lyriker*innen auf internationaler Ebene Texte und Gedichte zum Thema Heimat. Ein Begriff, der in den letzten Jahren immer wieder besprochen wurde und wird, zu dem sich auf verschiedensten Ebenen Kunstschaffende, Schreibende, Filmemacher*innen Gedanken gemacht haben und machen.

Heimat ist ein großes Wort.

Meinen herzlichen Dank, nun auch noch einmal von dieser Stelle, an Matthias für das Rezensionsexemplar.

Heute ist Premiere. Die Anthologie wird von den drei Herausgebern im Rahmen der Reihe „Nacht der Bibliotheken“ in der Steinfurter Stadtbücherei vorgestellt.

Es wird ein sehr abwechslungsreicher Abend mit Gästen und internationalen Häppchen- literarischer und kulinarischer Art. Wer in der Nähe weilt oder gern ins nördliche Münsterland fährt- wir freuen uns über Besuch!

Mehr kannst du bei Interesse lesen, wenn du dem Link folgst.

Wie aber soll ich nun diese Anthologie rezensieren? Diese Frage stellte sich mir sehr bald, nachdem sie bei mir angekommen ist. Einhundertfünfzig Autor*innen gerecht zu werden ist schlichtweg unmöglich. Einhundertfünfzig Autor*innen heißt auch einhundertfünfzig unterschiedliche Sicht-, bzw. Herangehensweisen an das Thema in zigfachen Facetten. Und genau das macht diese Anthologie so besonders. Heimat ist, je nach Hintergrund der/des Schreibenden, anders, fühlt sich unterschiedlich an, füllt sich mit unterschiedlichen Inhalten.

Geflüchtete Menschen erleben, beschreiben und empfinden Heimat anders als ausgewanderte, als hiergeborene.

Viele, die in Deutschland geboren wurden, hadern mit ihrem Heimatland, auch dieses findet Raum in der Anthologie und ließ mich streckenweise an das Projekt am Ende des letzten Jahres von Graugans aka Margarete Helminger denken: die Mutmaßungen über das Deutschsein, – ein literarisch/philosophischer Adventskalender …

Doch zurück zu all over Heimat

Seit gut zwei Wochen schlage ich die Anthologie immer wieder auf, um einen Text, ein Gedicht zu lesen, manchmal auch mehrere hintereinander, ich wurde noch nicht einmal enttäuscht. Das Niveau ist hoch.

Einhundertfünfzig Autor*innen, aber weitaus mehr Beiträge haben die drei Herausgeber hier versammelt, manche sind nur mit einem Beitrag vertreten, andere mit mehreren.

Sehr gefallen hat mir die Zusammenarbeit von Klára Hůrková mit Monika Littau und Maria Topali, sie haben drei Sicht- oder Erlebnisweisen in einem Gedicht vereint – ungewöhnlich und erfrischend zugleich.

So, wie mich die vielen Gedanken über und um die Heimat herum bewegen und berühren, mich zum Nachspüren und Weiterdenken inspirieren, so gefällt mir auch die Gestaltung des Buches und die Idee nach den Beiträgen die Autorin/den Autor kurz vorzustellen. Es ist anders, ob ich erst nach hinten blättern und die Schreibenden dort aufspüren muss oder gleich etwas über sie lesen kann –

Mein Fazit lautet: sehr gelungen und sehr empfehlenswert. Für mich ist all over Heimat eine Anthologie aus einem Guss.

Sehr gefreut hat mich auch, dass Pega Mund und Diana, zwei Lyrikerinnen von einhundertfünfzig sind. Meinen herzlichen Glückwunsch ihr Zwei, auch von dieser Stelle!

Um euch nun einen Geschmack zu geben, erlaube ich mir zwei Beiträge zu zitieren*. Ja, ich will euch neugierig auf diese gelungene Anthologie machen, das hat sie verdient.

diss heimatdingl

dörfl mir abhanden fein gefältelt im

erinnern laden schübe ballast viel zu viel

von allem drückt mich schweigend

schimmernd scheint erscheint es lampe

lichtmess auf dem tisch die schüssel

weit geschwungen heller dampf und

duftet nach dem beten hör ich löffel

schaben aus den tellern erdäpfel butter

schmales salz

Pega Mund

Mein Garten im Osten

Es gibt dort eine Feuerstätte

nah an den beiden Lindenbäumen

Am Zaun sind tibetische

Gebetsfahnen gespannt

Flieder blüht dort

Pfingstrosen und Jasmin

Im Kreis geordnet stehen

astrologische Zeichen

 

Im Blumenbeet liegt

ein Hund begraben

daneben eine Katze

Am Abend kommen

viele Insekten

und Bachstelzen und Schwalben

Der Kuckuck fragt

aus dem Wald:

Wo ist mein Heim?

Klára Hůrková

Für mich ist übrigens Heimat ein Apfelbaum im Garten … und eine äußerst fragile Angelegenheit



*sollte ich hiermit gegen das Urheberrecht verstoßen oder solltest du, Pega, und Sie, Frau Hůrková, nicht mit der Veröffentlichung deines, Ihres Gedichtes einverstanden sein, so bitte ich mir dies mitzuteilen, dann nehme ich sie wieder raus. Danke.

Der blaue Weg zum Zweiten

Der blaue Weg ist ein Buch von Kenneth White. Er schrieb es in den 1980er Jahren und beschreibt hier seine Reise nach Labrador. Labrador? Ich hole meinen Atlas zur Hilfe, es ist eine Provinz im Nordosten Kanadas. Kalt ist es dort und auch etwas unwirtlich. Einst Wohngebiet der Inuits und anderer nordamerikanischer Ureinwohner*innen.

Kenneth White, geb. 1936 in Glasgow, studierte französische und deutsche Literatur, Latein und Philosophie. Sein „Reisebericht“ ist philosophisch beobachtend, manchmal auch sarkastisch, wenn es um die Besiedlung und Missionierung/Christianisierung durch die Europäer geht.

Es ist auch ein Buch, das von der eigenen Suche erzählt, der Suche nach Stille, nach Natürlichkeit, dem Lied der eigenen Seele.

Es beginnt mit neun Stelen, dies sind neun Zitate anderer Literaten, hier sind sie:

Reisen scheint mir eine nützliche Übung. Die Seele ist dabei in ständiger Bewegung.

Montaigne

Zu jedem Preis und mit allen Tönen, selbst auf metaphysischen Reisen.

Rimbaud

Unsere Zeit ist besonders dadurch gekennzeichnet, dass sie schal ist – schal wie die Literatur. Vordringen in eine neue Welt und dort Bewegungsfreiheit, Neuheit erleben.

William Carlos Williams

Ich bin Rothaut, blauer Bauch, goldener Kopf … Ich mache mich auf, ich haue ab, ich gehe in den Untergrund … den Untergrund der Seele.

Delteil

Echte Kultur kann nur im Raum gelernt werden … Kultur im Raum heißt Kultur eines Geistes, der unablässig im Raum atmet und sich leben fühlt und der Körper des Raums als Gegenstände seines Denkens zu sich ruft.

Artaud

Er muss immer ein bisschen weiter weg gehen, da ist sein einziges Zuhause.

Bataille

Blaue Seele, dunkles Wandern.

Trakl

Wer fremd ist, wandert vorwärts. Er irrt nicht ohne jede Bestimmung ratlos durch die Welt. Er ist auf der Suche nach dem Ort, wo er eine Bleibe finden kann.

Heidegger

Der Weg vollendet sich. Der Schnee fällt in tausend Flocken. Mehrere Rollen blauer Berge sind gemalt worden.

Shōbōgenzō

Kenneth White selbst schreibt im Vorwort:

Was ist denn ein blauer Weg? wird man fragen. Ich weiß es selbst nicht genau. Da ist natürlich das Blau des weiten Himmels, da ist das Blau des Flusses, des mächtigen Sankt-Lorenz-Stroms, und weiter weg dann das Blau des Eises. Aber all diese Bilder und noch ein paar andere, die mir einfallen, wenn sie zu mir, zu meinen Sinnen und meiner Einbildungskraft, sprechen, reichen bei weitem nicht aus für die Tiefe des „Blaus“.

Ist es also etwas Mystisches?

Ich möchte mich hier nicht auf eine Diskussion über dieses abgedroschene Wort einlassen (etwas viel Lebendigeres ruft uns), aber wenn ich im Geist einen Augenblick in der Sphäre verweile, fällt mir ein, dass in gewissen alten Überlieferungen vom wandernden Mystiker die Rede ist und davon, dass ein Mann, der in „westlicher Verbannung“ lebt und seinen „Orient“ finden will, den Norden passieren muss …

…Der blaue Weg, das ist vielleicht einfach der Weg des Möglichen.

Jedenfalls wollte ich hinaus, dorthin, und sehen.

Und weiter schreibt er:

Seite 11 und 12

Lange Zeit habe ich versucht, mich eines dicken Buches, eines der dicksten, die es gibt, und das mich erdrückte, zu entledigen und der ganzen geistigen Verwirrung, die es gestiftet hat. Ich wollte der Besetzung der Welt durch Jehova und ein paar anderen entfliehen. Das ist vollbracht. Aber ich muss auch weitergehen. Nach Labrador. Ja, dort schließt sich der Kreis, dort kehre ich an meinen Ausgangspunkt zurück, schlucke meine Geburt, entwickle alle Negative meiner Adoleszenz und werf einen ernsthaften Blick auf mein ursprüngliches Gesicht.

Was ich im Moment brauche, ist Raum, ein großer Lebensraum für die letzte Meditation.

Seite 22 und 23

Institutionen und Individuen werden nie dieselbe Wellenlänge haben. Deshalb bin ich Anarchist. Ein lachender Anarchist.

Seite 33

Der Indianer wird nach und nach verdrängt. Der Eindringling wird zum Einwohner, und der Eingeborene wird unerwünscht.

Seite 44

Wir fahren durch den Kenogami Wald, dann den Lac Saint-Jean entlang.

Ich frage mich, wann wir diese ganze biblische Toponymik endlich loswerden. Den indianischen Namen dieses Sees kenne ich nicht, aber ich möchte wetten, dass er schön war und genau. Vielleicht hieß er Blauer-Wellen-See oder Sommerstürme-See oder Viele-Bäume-See. Benannt von Leuten, die ihn wirklich kannten, die mit seiner physischen Realität in Berührung kamen. Aber Lac Saint-Jean, ich bitte Sie! War der heilige Johannes denn hier? Von wegen! Er latschte durch Galiläa. Und die Leute, die den See Lac Saint-Jean getauft haben, waren auch nie wirklich hier. Ihre Hinterköpfe klebten an einem dicken schwarzen Buch. So verpassten sie der Wirklichkeit Namen aus diesem Buch und gingen hin und arbeiteten und vermehrten sich, wie das Gesetz es ihnen befahl. Das ist Kultur, um welches Buch oder Gesetz auch immer es sich handelt. Und das hat nichts zu tun mit all ihrer Schönheit empfundenen Wirklichkeit. Deshalb konnte Flaubert sagen, dass „die Kultur eine Verschwörung gegen die Poesie“ ist.

Seite 57



Dieses Buch hat mich zu einem eigenen Text inspiriert, der dieser Tage folgt.



Kenneth White – Der blaue Weg – Eine Reise ISBN 3-596-25343-8 – das Buch ist nur noch antiquarisch zu bekommen, man muss etwas forschen, damit es erschwinglich ist.

Von Vorstellungen und vom Gehen

In der Vorstellung von Langzeitreisen Zufuß oder per Auto, Bus, Bahn sind Regen- und Winterzeiten an der Peripherie gelagert, Einsamkeit ist nur ein Wort.

Werner Herzog ging vom 23.11.-14.12.1974 von München nach Paris. Lotte Eisner war schwer erkrankt, es hieß sie könne sterben. Herzog ging gegen ihr Sterben an, er wollte sie noch nicht verlieren, persönlich nicht und auch nicht für den Film.

Er ging über die schwäbische Alb, den Schwarzwald, zum Rhein hinunter, durchquerte das Elsass und erreichte nach zweiundzwanzig Tagen Paris. Unwetter, Regen, Schnee, Eis, Hagel, Blizzards ziehen über ihn hinweg und durch ihn hindurch. Nur manchmal blitzte die Sonne auf, das war noch jedes Mal ein Fest.

Zweiundzwanzig Tage an denen er an jedem Abend den vergangenen Tag schreibt, eine Mischung aus Gesehenem, Erlebtem, Gedachtem, Gefühltem, Träumen, Erinnerungen, Geschichten.

Wenn Einer nur geht, nur ab und an eine Gaststätte aufsucht oder eine Pension, kleine Läden betritt für die tägliche Ration, nur wenige Worte wechselt, dann beginnt der Geist eigene, andere Wege zu gehen.

Herzogs Aufzeichnungen gleichen Kurzfilmsequenzen. Seine Sätze höre ich von Bruno Ganz intoniert. Es sind Sätze, die nicht vorüberziehen. Tief, schön und wahr stehen sie fest auf dem Papier, sie lassen sich festhalten. Dieses Mal ist es kein Film ohne Stopp-, Vorwärts- und Rückwärtstaste.

Seit gestern Nachmittag brennen meine Fußsohlen. Als ob sie begonnen hätten zu brennen, weil Werner Herzog zweiundzwanzig Tage über Stock und Stein gegangen ist. Anfangs hatte er Schmerzen und Blasen. Er musste sich eingehen, den Punkt erreichen von dem die Füße und Beine von alleine liefen und den Raum für die Gedanken freigeben konnten.

Während ich lese befinde ich mich immer intensiver in den 1970er Jahren. Ich gehe nicht oft in ihnen spazieren. Jetzt kann ich diese Jahre wieder riechen, sehe Straßendörfer, Dorfstraßen, Feldwege, Kastanienalleen und der Krieg hockte noch überall zwischen den Gemäuern, den Wegen, in Orten, in den Gesichtern, er war noch nah, auch bei Werner Herzog. Jetzt hat sich der Zweite Weltkrieg in die Falten der Geschichte gelegt, er bleibt ein Mahnmal. Wer lässt sich von vergangenen Leiden und Gräuel mahnen, wenn es um Pfründe geht?

In der Vorstellung läuft Einer leichtfüßig von München nach Paris, weil er will, dass Lotte Eisner weiterlebt, weil er alleine sein will. Er denkt nicht an Begegnungen, an Tiere, an Wetter, nicht an Einsamkeit, sie kommen über ihn.

Im Wirtshaus

Als ich aus dem Fenster sah, saß auf dem Dach ein Rabe mit eingezogenem Kopf im Regen und bewegte sich nicht. Viel später saß er immer noch da, reglos und frierend und einsam und still an einem Rabengedanken. Da fuhr ein brüderliches Gefühl in mich hinein und eine Einsamkeit füllte die Brust. (S.23)

Dörfer

Die Dörfer stellen sich beim Näherkommen tot. (S.24)

Weil ich so einsam bin, schenkt mir die rundliche Bedienung über das lauernde Schweigen der Männer hinweg ein fragendes Wort. (S.63)

Mäuse

Mäuse sehe ich so viele. Wir haben alle keine Ahnung mehr davon, wieviele Mäuse es auf der Welt gibt, es ist unvorstellbar. Die Mäuse rascheln ganz leise im niedergedrückten Gras. Nur wer geht sieht die Mäuse. ( … ) Mit Mäusen ist Freundschaft möglich. (S.56)

Vom Gehen

Die Sohlen kochen von dem glühenden Kern im Innern der Erde. Die Vereinsamung ist heute noch tiefer als sonst. Ich entwickle ein dialogisches Verhältnis zu mir selbst. Vom Regen kann man erblinden. (S.75)

Vögel

Vögel habe ich aus einem leeren Acker aufsteigen sehen, es wurden immer mehr, die Luft war schließlich ganz angefüllt mit ihnen, und ich sah, sie kamen aus dem Innern der Erde hervor, von ganz tief innen, wo die Schwerkraft ist. Dort ist auch das Kartoffelbergwerk. (S.86)

Wald

Heute sage ich oft Wald zu mir. Die Wahrheit geht selbst durch Wälder. (S.87)

Weitergehen

In Savieres in der Dorfschule überlegte ich, nach Paris zu fahren. Welchen Sinn hat das. Aber so weit gekommen zu Fuß und dann fahren? Lieber die Sinnlosigkeit, wenn es eine ist, bis zur Neige gekostet. (S.92)

Werner Herzog – Vom Gehen im Eis – Fischer Taschenbuch Verlag F.a.M. 1987 – ISBN 3-596-25198-2


Die 1970er Jahre, der Krieg immer noch nah, Dörfer, die sich tot stellen, lauernde Männer im Wirtshaus – welch eine Enge! Ich spüre sie noch, mitten in meinen damaligen Aufbruch hinein.


Es sind solche schmalen Bändchen, die mich immer mal wieder nachhaltig beschäftigen, die etwas bei mir ins Schwingen bringen und Worte eine eigene Melodie entwickeln.


Dieser Artikel ist Irgendlink gewidmet, dessen Radelreiseberichte ich so schätze …

Nachdenkliches oder über degenerierte Zeiten

Patrul Rinpoche’s few personal belongings. Photo by Matthieu Ricard.

Patrul Rinpoche war ein Yogi, der von 1808 – 1887 lebte. Man spricht von ihm u.a. als Wandermönch, einige seiner Lehren kann man heute in Buchform nachlesen.

Auf dem diesjährigen Sommercamp hörte ich einen Vortrag über seinen Text: Heilsam am Anfang, in der Mitte und am Ende (Bücher s.u.).

In diesem Text spricht er über die degenerierten Zeiten, vielleicht nahm er damals schon Bezug auf seine aktuelle Zeit, vielleicht aber war es auch ein Blick in die Zukunft.

Degeneration wird mit einer vom ursprünglichen Zustand abweichenden negativen Entwicklung erklärt, man spricht von einem körperlichen oder geistigen Verfall, einem Abstieg, z. B. durch Zivilisationsschäden.

Ich spreche oft von dem kranken Zeitalter in dem wir leben, andere von einem dunklen Zeitalter, gleichzeitig stecken genau in diesen Zeiten unglaublich viele Möglichkeiten, die mir Licht schenken.

Wie auch immer noch wir diese Zeit benennen, die Alletage zeigen, dass viele Menschen aus ihrer Verbundenheit herausgefallen sind, da sie sich nicht mehr als Teil der Natur begreifen. Die Natur ist etwas, das man bekämpfen muss, die furchterregend ist, die man zähmen muss, die man ausbeutet, in die man seinen Müll schmeißt. Das gilt für die Wildnis, wie für die in jedem Menschen innewohnende Wildnatur. Macht, Geld und Haben sind für viele wichtiger als Mitmenschlichkeit, Bescheidenheit, Verbundenheit, Solidarität und Teilen.

Patrul Rinpoche sagte:

In Zeiten der Degeneration ist es selbst verwirklichten Meistern und Meisterinnen nicht möglich die Menschen zu erreichen, sie begreifen nicht.

Er fragt sich, ob man überhaupt anderen helfen kann und kommt für sich zu dem Schluss, dass die Menschen „dich“ und „deine“ gute Motivation missverstehen, dass es soweit gehen kann, dass sie „dich“ belächeln, „dich“ nieder machen.

Wenn du die Wahrheit sagst, werden die Menschen wütend, du wirst als Feind behandelt. Sie machen dich schlecht, halten dich für einen Betrüger. Die Allgemeinheit verachtet dich. Viele sind Schwindler und Lügner, trickreiche Gauner, sie benutzen süße Worte, dahinter aber steckt nur Eigennutz. In diesen Zeiten lohnt es nicht, sich über Politik zu unterhalten, weil du in diesen Zeiten nichts ändern kannst; lebe zurückgezogen, allein und sei frei.

Bei all dem, wo wir andere entlarven, geht es auch immer darum sich selbst, das eigene Handeln und die eigene Motivation zu überprüfen.

Patrul Rinpoche empfiehlt alleine in den Bergen zu leben, an der eigenen Entwicklung zu arbeiten, zum Wohle aller. Hierbei muss man allerdings seine Zeit bedenken, sowie, dass er eben in Tibet lebte, sich zurückzog, wanderte und lehrte. In Tibet gehörte es seit Jahrhunderten zur Tradition sich in einer Höhle in den Bergen zurückzuziehen, um zu meditieren und wenn es gut ging, durchaus auch die Erleuchtung zu erfahren.

Ich denke oft in diesen Wochen über diese Worte und Empfehlungen nach. Es ist für mich kein Zweifel, dass die Welt voll von Gaunern, Betrügerinnen und Betrügern ist, dass gelogen wird, sich selbst und den anderen gegenüber, dass Wahrhaftigkeit, liebende Güte und Mitgefühl fast so selten wie vierblättrige Kleeblätter sind.

Schon oft habe ich mich gefragt wen ich erreiche, wenn ich über politische Tagesthemen schreibe, wenn ich mich mit Themen ums Menschsein beschäftige und komme doch meist zu dem Ergebnis, dass mich nur die lesen, die wie ich auf dem Weg sind, die ähnlich bis gleich empfinden. Ich erlebe oft ein Gefühl der Vergeblichkeit, bin zornig oder traurig über das, was in dieser Zeit, auf dieser Welt geschieht, ob nun auf der menschlichen Ebene oder in Bezug auf die Natur. Daneben mache ich aber auch andere Erfahrungen, dass ich mit meinen Bildern und Gedanken inspirierend wirke, dass sich manches von dem, was ich vermittel, bei anderen Menschen fortsetzt, also auf fruchtbaren Boden fällt. Das ist wohl der Grund warum ich mich nach diesem Vortrag fragte, ob es für mich eine Lösung sein kann in die Wildnis zu ziehen, ob ich dort überhaupt alleine überleben könnte und wem dies schlussendlich dienen würde.

Davon einmal ganz abgesehen, dass wahre Wildnis immer rarer wird, ich kenne sie nur aus schwedisch Lappland (zur Erinnernung, ich gehöre nicht zu der Spezies der Weitgereisten) und auch dort wird sie immer begrenzter. Die Profitgier stoppt vor keinem Ort, solange dort etwas zu „ernten“ ist, dort heißt das Objekt der Begierde Erz und Wasser.

Doch zurück zu meiner Frage, hin zu meiner (vorläufigen) Antwort, nein, ich kann und will das nicht, nicht jetzt und nicht für immer. Jetzt will ich weiter Samen streuen, will an mir und meiner Entwicklung arbeiten und weiter von einem Jahr Auszeit in Lappland träumen, von Mittsommer zu Mittsommer, ohne Internet, ohne Handy (nur für Notfälle), ohne Freundinnen und Freunde, mit nur wenigen Büchern, aber vielen Leerbüchern und Stiften.

Die letzten Wochen haben mir eins gezeigt: ich möchte leiser werden, möchte wahrnehmen was ist, ohne übereilte, emotional durchtränkte Beiträge zu schreiben, denn damit ändere ich nun wirklich nichts! Und ich möchte viele Stunden vor der Türe verbringen, in Stille, in der Natur, auch wenn sie kaum noch wild zu nennen ist.



Ich möchte noch auf einen Beitrag auf hikeonart verweisen, den ich gestern las, Heike schreibt auf ihre Art und doch fand ich so viele Parallelen (gedanklich, gefühlsmäßig zu meinem heutigen Beitrag, den ich schon vor einigen Tagen vorbereitet habe →

https://hikeonart.wordpress.com/2018/09/18/beuys-du-fehlst/



Buchempfehlungen

Das Herzjuwel der Erleuchteten: Die Übung von Sicht, Meditation und Verhalten. Eine Abhandlung heilsam am Anfang, in der Mitte und am Ende – mit Texten von Dilgo Khyentse und Patrul Rinpoche – erschienen im Theseus Verlag

Die Worte meines vollendeten Lehrers von Patrul Rinpoche – erschienen im Arbor Verlag

Ein inspirierendes Bilderbuch

Am 16. September 2017 erschien das Bilderbuch LANDTIERE im Eichhörnchenverlag. Die Zeichnungen und Collagen stammen von Susanne Haun, die Texte, von Gerd Knappe, die Fotografien von Thomas Lemnitzer.

Meine Enkeltochter hat mich besucht. Sie kennt alle diese Tiere schon lange (zur Erinnerung, sie ist fünfeinhalb Jahre alt), trotzdem habe ich es mir mit ihr angeschaut, nach dem Motto: was ist gezeichnet, was geklebt? Natürlich las ich auch die Texte vor, über die sie sich amüsierte, aber auch staunte oder erst einmal nachdenken musste.

Ich erlaube mir die Zeilen über die Gans zu zitieren:

VOLLER GLANZ GING KONSTANZE DIE GANS AUFS GANZE ZUM TANZ UM DEN KRANZ.

DIE GANS GING VOR DEM GLANZ AUF DISTANZ, SETZTE SICH IN DEN KRANZ, ZOG FORT ZUM TANZ.

© Gerd Knappe

M. und ich holten die Buntstifte, die Tierzeitungen, die uns die freundliche Nachbarin geschenkt hat, Scheren und Kleber und natürlich ein weißes Blatt und los ging`s.

Mit herzlichen Grüßen und Dank von M & U an Susanne und alle anderen Beteiligten

Das haben wir bestimmt nicht zum letzten Mal gemacht und auch ihr Bruder wird noch einsteigen, aber an diesem Tag war er mit der Mama Skifahren.

Wer also Kinder zwischen 2 und 6 Jahren kennt, dem lege ich dieses schön gestaltete Bilderbuch ans Herz und wünsche viel Spaß beim schnibbeln, kleben und malen.


ISBN 978-3-98 18726-0-6 – Eichhörnchenverlag oder direkt über Susanne Haun

 

zur Freiheit

-Du bist noch ziemlich jung, weißt du. Dies mit den Wegen der Freiheit ist eine Sache, die man ziemlich langsam lernt. Ich verstehe mich eigentlich überhaupt nicht auf das Zeitalter, das dabei ist, deine Schüler zu prägen, ich verstehe mich kaum auf das Zeitalter, das dich geprägt hat. Aber das, welches mich geprägt hat, hatte seine schauderhaften Seiten, und trotzdem war es möglich, auch aus solchen Kindheiten auszubrechen. Du verstehst was ich meine?

Auch du wirst aus der Mausefalle herausfinden, wenn du nur ruhig bleibst, so ruhig, wie du kannst.

-Ich will nicht zu viel sagen, sagte ich, aber soviel ist klar, deine Zeit hatte greifbarere Feinde als meine. Ihr habt euch nicht mit einem Nebel herumgeschlagen, ihr hattet sichtbare Tyrannen, Scheißkaiser, Päpste auf ihren Thronen. Aber wir, wir schlagen uns mit Schemen herum. Ihr hattet die Macht sichtbar auf ihrem Thron, wir haben sie als Schmerz im Hinterkopf, als Spinnwebennetz von Halbwahrheiten rings um uns her.

Lars Gustafsson – Risse in der Mauer

Mut

Manche sagen: „Wie mutig du bist…“, ich frage mich seit Wochen wie mutig ich wirklich bin, bin ich (überhaupt) mutig? Mut braucht eine Portion Angstfreiheit und Entschlossenheit: vielleicht pocht das Herz, aber du tust was du musst und willst, du hast Ideale und Prinzipien, du trittst für sie ein.

Es sind solche Sätze, die mich nachdenklich werden lassen:

Macht haben nicht diejenigen, die über Posten und Gefangenentransporter verfügen, sondern diejenigen, die ihre Angst überwinden.

Nadja Tolokonnikowa

Foto © Igor Mukhin

Nadja Tolokonnikowa hat das Buch >Anleitung für eine Revolution< geschrieben, sie ist Aktivistin in Rußland, ist Mitbegründerin der „Pussy Riot„.

Aus dem Klappentext:

vorne:

Mit zehn Jahren wird Nadja Tolokonnikowa Feministin, mit sechzehn Philosophiestudentin, mit einundzwanzig Mitbegründerin der Pussy Riot. Als Putins Richter sie verurteilen, nutzt sie die Bühne des Gerichts für eine Verteidigung der Freiheit. Und während sich ihr Land patriotisch beseelt der autokratischen Herrschaft ergibt, beharren sie und ihre Mitstreiterinnen darauf, dass Widerstand möglich ist und Kunst eingreifen kann. In Anleitung für eine Revolution erzählt Tolokonnikowa ihre Geschichte, von den ersten Aktionen im Geiste der Riot-Grrrl-Bewegung bis zu den brutalen Erfahrungen im Arbeitslager. Ihr Buch – zart, laut und mitreißend – ist eine Ermutigung zum Eigensinn im Angesicht politischer Gleichgültigkeit. Denn ziviles Engagement ist keine Heldentat, sondern eine Notwendigkeit. Und Menschenrechte sind überall bedroht – nicht nur in Russland.

(Ich habe mir erlaubt die zwei letzten Sätze fett zu drucken)

hinten:

Nadja Tolokonnikowa, geboren 1989 wuchs im sibirischen Norilsk auf. Nach dem Punk-Gebet, mit dem Pussy Riot die enge Verflechtung von Kirche und Staat in Russland kritisierten, wurde sie 2012 zu zwei Jahren Haft im Straflager verurteilt. Seit ihrer Freilassung engagiert sich die Politaktivistin für menschlichere Bedingungen im russischen Strafvollzug. Tolokonnikowa lebt mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Moskau.

In ihrem Buch beschreibt aus ihrer Sicht die russische Realität hier und heute, ihren Weg als Künstlerin, als Performerin und auch ihre Zeit im Strafgefangenenlager; zwischen die Erzählstränge streut sie einzelne Sätze:

Die Macht sind wir.

Russians by birth, Rebels by choice.

Die Frau und den Mann gibt es nicht.

Solche Sachen. Solche Freunde. Solche Verbrechen.

Mach Wasser zu Wein. Sei ein Superheld.

Tue das Unmögliche.

Wie man bei uns in Russland sagt: Man fickt uns – und wir werden stärker. Werde stärker!

Warte nicht bis man dir die Haut abzieht.

Vergiss nie die Geschichte.

Suche Liebe auf öffentlichen Plätzen.

Habt keine Scheiße im Kopf. Stürzt Diktatoren.

Definiere die Erfolgskriterien neu. Geh mit dem Kopf durch die Wand.

Mit Gewalt gewinnst du höchstwahrscheinlich nicht. Wenn du gewinnst, dann nur mit Erfindungsgeist und Nonsense.

Du hast keine 500 Jahre. Lebe mit voller Wucht.

Bewahre dir deine anarchistische, kindliche Freiheit, wohin es dich auch verschlägt: Bewahre sie dir in Gefangenenwaggons, in staubigen Durchgangszellen, auf metallenen Pritschen.

Protestiere lächelnd.

Glaube nicht, fürchte nicht, bitte nicht.

Für die Dummen ist kein Gesetz geschrieben.

Vergiss nicht, deinen Feinden für die erwiesenen Dienste zu danken.

Versuche aus jeder Scheiße Pralinen zu machen.

Die wichtigste Regel für Ratschläge ist: Es kann keine allgemeingültigen Ratschläge geben.

Ziehe ein wie Creme. Dringe in die Poren.

Nasche lieber vom Baum der Erkenntnis, als dass du als seliger Idiot Gott am Hals hängst.

Versuche ein Problem immer zuerst auf dem Weg der Kunst zu lösen – und dann mit allen anderen dir zugänglichen Mitteln. Kunst ist die beste Medizin – für dich persönlich und für die Gesellschaft.

Auf Seite 96 schreibt Nadja Tolokonnikowa:

Schöpferische Arbeit und das Streben nach Erkenntnis sind meine einzigen Leitlinien. Ich verweigere mich einem Leben gemäß den Regeln einer bürokratischen Überwachungsmaschine. Das verschafft mir großes Vergnügen. Und Freiheit. Die Maschine reagiert wütend, sie rächt sich.

Doch indem du die Regeln der Maschine nicht akzeptierst, fügst du ihr größeren Schaden zu als sie dir. Weil allen um dich herum langsam klar wird, dass der König tatsächlich nackt ist.



Nadja Tolokonnikowa – Anleitung für eine Revolution – Hanser Verlg – ISBN 978-3-446-24774-1



„Und Menschenrechte sind überall bedroht – nicht nur in Russland“, zitierte ich oben aus dem Klappentext, ich erweitere den Satz: Menschenrechte und Pressefreiheit sind in vielen Ländern bedroht – nicht nur in Russland und empfehle folgenden Artikel plus Kommentarstrang https://dvwelt.wordpress.com/2017/07/11/unartige-kinder/

Schön hier!

Am Samstag war es soweit, die Anthologie: Schön hier! Lieblingsplätze und Herzensorte in Westfalen, lag in meinem Postkasten.

Herausgeber sind Matthias Engels, Thomas Kade und Thorsten Trelenberg, denen ich an dieser Stelle noch einmal herzlich für ihr Engagement danken möchte.

Ich wurde durch einen Artikel bei Matthias auf das Projekt aufmerksam, schrieb eine Geschichte und sandte sie ihm zu. Ich habe mich sehr gefreut, dass sie einen Platz in dieser Anthologie gefunden hat.

Vielleicht fragt sich jetzt die Eine oder der Andere wie ich dazu komme eine westfälische Geschichte zu schreiben. Das ist einfach, am Rande des Ruhrgebiets geboren und aufgewachsen, hatte ich Verwandte im Pott, bei denen ich mich immer mehr Zuhause fühlte als in meiner Heimatstadt. Später zog die Familie an den Rand des Ruhrgebiets und somit an die Grenze von Pott und Westfalen und so heißt auch meine kleine Geschichte: Ickern// Kindertage zwischen Pott und Westfalen

Matthias schrieb am 19. Juni 2017 in seinem Blog:

…Von da an ging es fix…28 Autorinnen folgten unserem Aufruf und lieferten wunderbare Texte.

Wir hatten nach ganz persönlichen, völlig subjektiven Lieblingsorten in der Region gefragt und jeder der angesprochenen Autoren konnte nach einigem Überlegen letztlich einen oder sogar mehrere solcher Orte benennen. Die Gestaltung der Texte war -bis auf eine gewisse Längenvorgabe- völlig frei: so erhielten wir wunderbare Gedichte, tolle Geschichten und andere interessante Texte.
Genauso breit gefächert wie die Formen sind die regionale Lage und die Art dieser besonderen Orte: von der Bank am Kanal in Münster über den Ostmarkt in Bielefeld bis zum eigenen Bett in Lünen ist alles vertreten. Viele Autoren steuerten außerdem sehr charmante eigene Fotos der ausgewählten Orte bei.

Die offizielle Präsentation des ca. 200 Seiten starken Buches findet am 26.08. im Rahmen der Auftaktveranstaltung des Literaturfestivals hier! des Literaturlandes Westfalen statt.
Erhältlich wird es allerdings schon früher sein. Wir geben Bescheid!

Mit dabei sind und einen herzlichen Dank haben verdient:

Heide Bertram, Thorsten Trelenberg, Marion Gay, Hans- Ulrich Heuser, Patricia Malcher, Artur Nickel, Gottfried Schäfers, Jürgen Flenker, Ulrike Gau, Eva von der Dunk, Peter Gallus, Josef Krug, Antonia Kruse, Maike Frie, Andreas Laugesen, Thomas Kade, H.D. Gölzenleuchter, Matthias Engels, Torsten Reters, Hans Lüttmann, Hermann Borgerding, Annette Gonserowski, Viktor Sons, Sabine Lipan, Anne-Kathrin Koppetsch, Claudia Hummelsheim,
Angelika Ahlmann

Das Cover wie das Layout stammen von Manuela Dörr, der wir ebenfalls zu Dank verpflichtet sind.


Hier folgt nun der erste Teil meiner Geschichte:

Kindertage zwischen Pott und Westfalen

Sechs Kinderbeine mit herunter gerutschten Kniestrümpfen rannten aus der Siedlung hinaus den Bergen entgegen. Es rannten zwei Jungs und ein Mädchen. Abenteueralter. Sie waren Tom Sawyer und Huckleberry Finn, waren Goldmarie und Suleika.

Die Berge, wildzerklüftet, zwischen ihnen gähnten wassergefüllte Abgründe, Frösche quakten. Jungs fingen Frösche, sie sah sich um; Frösche werden nun einmal nicht zu Prinzen, wenn man sie aufbläst. Sie entfernte sich, erklomm die Höhen, schritt durch die Senken, nahm die letzten Felsen, sie schaute von oben auf den Rhein-Herne-Kanal hinab. Schiffe schleppten Frieden von Herne zum Rhein, von der Quelle zur Mündung. Schiffe schlugen Wellen für die Kinder, die in ihnen sprangen und schwammen.

Die Familie zog um. Die Zechen waren jetzt weiter weg, der Garten kleiner. Einen Innenhof gab es nicht mehr, auch keine zwei Schweine mehr im Stall, die an roten Kinderpantoffeln knabberten, keine Hasen, keine Hühner mehr, nur die Tauben waren geblieben und Wellensittich Peterlieb. Noch. Er sollte bald einen Ausflug machen, aber das wusste noch keiner. Keiner wusste, dass er für eine lange Weile aus dem Fenster hinaus, in die weite Welt hinein fliegen und mit dem knallgelben Kanari zurückkommen würde. Es war Peterliebs Geheimnis. Er sollte es auflösen, später…

Die Familie hieß Palewski, so, wie viele Familiennamen hier auf lewski, lawski, lowski endeten. Anfang der Neunzehnhunderterjahre waren sie von Polen in den wachsenden Pott gekommen, um das schwarze Gold aus der Erde zu puhlen. Das schwarze Gold, das dann seinen Wert verlor. Zechen schlossen, Kulturlandschaften wuchsen, Kohlepfennige wischten Augen. Die Law-Lew-Lowskis rauchten, husteten, fütterten gurrend ihre Tauben. Kinder schwammen in den Wellen der vorbeiziehenden Frachtschiffe, fuhren auf zu großen Fahrrädern und fielen sich schwarze Schlackesteinchen in die Knie…


Wer nun neugierig geworden ist und ein Exemplar erwerben möchte, kann sich über den Kommentarstrang gerne bei mir melden oder über meine Mailadresse, zu finden in euren Kommentarsträngen, ansonsten ist das Buch ebenfalls im Handel für 12,50€ erhältlich: ISBN 978-3-945238-17-2 , wir danken…

Das wiedergefundene Licht #2

Zitate aus dem Buch von Jaques Lusseyran „Das wiedergefundene Licht“

nachtlicht

War ich abends im Bett und ganz allein, schloss ich die Augen. Ich ließ die Augenlider sinken, wie ich es einst, als sie noch meine leiblichen Augen bedeckten, getan hatte. Ich redete mir ein, dass ich hinter diesem Schleier das Licht nicht mehr sehen werde. Aber es war immer da, es war ruhiger denn je…

Dennoch gab es Zeiten, in denen das Licht nachließ, ja, fast verschwand. Das war immer dann der Fall, wenn ich Angst hatte (…) Was der Verlust meiner Augen nicht hatte bewirken können, bewirkte meine Angst: sie machte mich blind.

Dieselbe Wirkung hatten Zorn und Ungeduld, sie brachten alles in Verwirrung. (…) Wenn mich beim Spiel mit meinen Kameraden plötzlich die Lust ankam zu gewinnen, um jeden Preis als erster ans Ziel zu gelangen, dann sah ich mit einem Schlag nichts mehr. Ich wurde buchstäblich von Nebel, von Rauch umhüllt.

Die schlimmsten Folgen aber hatte die Boshaftigkeit. Ich konnte es mir nicht mehr leisten, mißgünstig und gereizt zu sein, denn sofort legte sich eine Binde über meine Augen, ich war gefesselt, geknebelt, außer Gefecht gesetzt; augenblicklich tat sich um mich ein schwarzes Loch auf, und ich war hilflos. Wenn ich dagegen glücklich und friedlich war, wenn ich den Menschen Vertrauen entgegenbrachte und von ihnen Gutes dachte, dann wurde ich mit Licht belohnt. Ist es verwunderlich, dass ich schon früh die Freundschaft und Harmonie liebte? (S.22-23)

Wie hatte ich leben können all die Zeit, ohne zu wissen, dass alles auf der Welt eine Stimme hat und sprechen kann? Nicht nur die Dinge, denen man eine Sprache zugesteht, nein, auch die anderen: die Torwege, die Mauern der Häuser, die Balken, die Schatten der Bäume, der Sand und das Schweigen. (S.25)

Die einzige Art, eine vollständige Heilung von der Blindheit zu erreichen – ich meine hier eine soziale Heilung -, ist, sie nie als Verschiedenheit zu behandeln, als Grund zur Absonderung, als Gebrechen, sondern als ein zeitweiliges Hindernis zu betrachten, wohl als Eigenheit, doch als eine vorübergehende, eine Eigenheit, die man heute oder spätestens morgen überwinden wird. Die große Heilung besteht darin, von neuem – und ohne zu zögern – in das wirkliche Leben einzutauchen, in das schwierige Leben, dass heißt hier, in das Leben der anderen. (S.37/38)

Die Musik ist für einen Blinden eine Nahrung, wie es für die, die sehen, die Schönheit ist. Er braucht sie, er muss sie regelmäßig erhalten wie eine Mahlzeit. (S.91)

Hier ende ich, obwohl ich noch vieles mehr notiert habe, aber ich will ja nicht ein Buch abschreiben, sondern euch nur einen Eindruck vermitteln, alles andere liest sich am besten selbst!

Ich frage mich, wie es um mein eigenes inneres Licht bestellt ist und ob nicht auch für mich und alle anderen gilt, was für Jaques Lusseyran galt, dass Angst, falsches Streben und Boshaftigkeit zu Verdunkelungen führen?


Jaques Lusseyran – Das wiedergefundene Licht – Klett-Cotta im Ullstein Taschenbuch – ISBN 3 548 39029 3 Nov. 1983 – 30.-35. Tsd.

Love is an angel

-Es ist nicht so leicht, über nichts zu schreiben. Genau das sagte ein Cowboy, als ich das Bild eines Traumes betrat. (S. 9)

patti-smithSo beginnt das Buch von Patti Smith M Train, das mich nicht mehr loslässt. Nein, es ist nicht einfach über nichts zu schreiben und doch macht Patti Smith genau das. Sie schreibt auf 329 Seiten über nichts und alles ist da. Ich lese tiefe Menschlichkeit in den Facetten von lebensfroh, kreativ, zu melancholisch, traurig, zu nichts. Zu Fred (ihrem Mann), der starb. Zu früh. Zu den verloren gegangenen Dingen, zu den gehorteten Erinnerungsstücken: Bücher, Fotografien, Steine, Dinge in Regalen und Schachteln. Cafés von denen sie träumt, in denen sie sitzt und auf Servietten schreibt. Cafés, die sind, die schließen, sich wandeln oder von einem Hurrikan ins Meer gespült werden.

-Ich grüße dich, Rynuosuke, ich grüße dich, Osamu, sagte ich und trank meine Schale leer.

Verschwende deine Zeit nicht mit uns, scheinen sie zu sagen, wir sind nur Penner.

Ich füllte die kleine Schale auf und trank.

Alle Schriftsteller sind Penner, murmelte ich. Vielleicht zählt man mich eines Tages auch zu euch. (S. 251)

Vielleicht sind alle Schriftsteller Penner, weil sie unter Uhren ohne Zeiger sitzen, trinken, essen, palavern, bis die erste Amsel singt. Morgengold, Schlafenszeit.*

Ich denke daran, dass ich im Frühling wieder Blumen säen werde. Dass ich für meine Reisen weiterhin Listen schreiben und verlegen, und immer noch zu viel dabei haben werde. Reisen, wandern, über Friedhöfe gehen, sitzen, schauen, reden, schreiben, essen, arbeiten, Holz machen, schlafen, lieben, ich werde alles tun und nichts erreichen. Ich werde kein Ziel haben und dennoch ankommen.

Eine Mütze sollte man haben oder eine Kapuze, einen Mantel, einen Schal, eine Ecke zum schreiben, Wege für die Erfahrungen, Orte für die Erinnerungen, Verbündete, Verwandte, WegbegleiterInnen.

Ein Lied lässt sich finden, zwischen Rhythmus und Nichts.

Mein Mantel war fort. (…) Ich suchte ihn überall vergeblich und hoffe, er wird wieder auftauchen, wie von plötzlichem Licht erhellte Staubpartikel. Dann denke ich, beschämt über meine kindliche Trauer, an Bruno Schulz, der gefangen in einem jüdischen Getto in Polen heimlich das einzig Kostbare übergab, dass er der Menschheit noch vermachen konnte: sein Manuskript Der Messias. Die letzten Worte von Bruno Schulz, verloren im Chaos der letzten Tage des Zweiten Weltkriegs. Verlorene Dinge. Sie krallen sich in die Membranen und versuchen unsere Aufmerksamkeit mit einem unentzifferbarem Notruf zu wecken. Worte taumeln in hilfloser Unordnung. Die Totensprache. (S. 211)

Patti Smith also- ihr Blues, ihre Sinfonie, kaum, dass ich mich an ihre Musik erinnere, kaum, dass ich sie wiederhöre, ist alles wieder da. Alles. Die ganze Zeit.

Ich erinnere mich, jemand hatte erzählt, Patti Smith hätte ihren Sohn (und Mann) verlassen, weil sie keine Mutter sein konnte, weil sie in Cafés sitzen wollte, weil sie schreiben, und ihrer Musik folgen wollte. 1979 war das. Im Oktober kam mein Sohn zur Welt und ich, ich fühlte mich so unfähig, ich wusste nichts übers Muttersein. Ich wusste nur etwas darüber wie ich nicht Mutter sein wollte. Nach vier Wochen packte ich einen großen Rucksack. Ich wollte nach Berlin, ich wollte wieder in Cafés sitzen und schreiben, ich wollte wieder Theater spielen, weil ich nicht Mutter sein konnte, weil Patti Smith das auch getan hatte.

Ich packte den Rucksack wieder aus und schwor meinem Sohn mein Bestes zu geben und blieb. Auch Patti Smith hat ihren Sohn nie verlassen. Eine Mär. Erzählt von wem? Ich erinnere mich nicht mehr!

love-is-an-angel

Berlin kam später und noch später bekam ich eine nigelnagelneue Spiegelreflexkamera von meinen Freundinnen und Freunden geschenkt. Mein erster Weg führte mich zum Dorotheenstädtischen Friedhof nach Berlin Mitte. Dort wollte ich Brechts Grab besuchen, das ich fand und nicht fotografierte, aber einen Engel.

„Ich fragte mich, ob Brecht wohl geweint hatte, als er das Herz der Mutter brach, die nicht so herzlos war, wie sie uns glauben machen wollte. (…) Meine Mutter war real und ihr Sohn war real. Als er starb, begrub sie ihn. Jetzt ist sie tot. Mutter Courage und ihre Kinder, meine Mutter und ihr Sohn. Nun sind sie Stoff für Geschichten.“ (S. 76)

Als ob Fäden zueinander hinkommen und Knoten bilden. Mütter und Söhne, Friedhöfe und Engel, Mutter Courage und Brecht, Patti Smith und ich. „Love is an angel“, singt sie in einem ihrer Lieder, ich nicke.

„Ich persönlich halte nicht viel von Symbolismus. Ich verstehe ihn nicht. Warum können Dinge nicht so sein, wie sie sind? Mir kam nie in den Sinn, Seymour Glass zu analysieren oder Desolation Row aufzuschlüsseln. Ich wollte mich nur verlieren, mit etwas anderem eins werden, einen Kranz auf einen Turm stülpen aus dem einzigen Grund, weil ich es wollte.“ (S. 79)

So vieles begegnet mir ihn ihrem Buch, das ich teile, dies ist kein Buch, das ich lese und ins Regal zum Verstauben stelle, dies ist ein Buch, das mich nicht mehr loslässt und mich dazu animierte Geschichten zum Nichts zu schreiben. Drei sind es bislang geworden, sie werden hier folgen, eine nach der anderen … noch haben mich weder Buch, noch Nichts oder verloren gegangene Dinge losgelassen…

Anmerkungen

* Patti Smith erzählt von einem Café in dem sie, zusammen mit ihrem Mann und FreundInnen gesessen und bis zu manchem Morgengold palavert hatten, an der Wand hing eine Uhr ohne Zeiger.

Das Bild vom Dorotheenstädtischen Friedhof habe ich aus dem Buch M Train abfotografiert © Patti Smith