Etüde 016 2019

Die Wortspende zum Etüdenprojekt von Christiane ist dieses Mal von mir. Es ist schon eine Weile her, dass ich Christiane diese drei Wörter zusendete, die mir spontan, inmitten der noch heißen Sommertage, eingefallen sind, nun passen sie sogar in die Jahreszeit.

Ich freue mich über und auf die Etüden, die mit ihnen schon geschrieben wurden und noch geschrieben werden.

Miniatur 013 2019

Von Jahr zu Jahr wird es schlimmer! Er hat es während der letzten Jahre in den absurdesten Situationen an sich beobachtet und jetzt sogar als er dem großen Vogelflug gen Süden hinterher schaut – er wird immer ängstlicher. Erinnerungen an seine Mutter und ihren letzten Besuch steigen auf, als Mutter sämtliche Türschlösser am Abend an der Wohnungstür drehte und sich erst dann beruhigt zurückziehen konnte. Er hatte das damals respektiert, innerlich aber die Mutter ausgelacht. Und jetzt beschleicht ihn Angst bei der Betrachtung der ziehenden Wildgänse vor dem Winter? Er lacht nicht mehr. Er richtet sich auf, entschlossen seinem Vorsatz zu folgen und weiterhin mit allen Jahreszeiten zu schwingen. Der Winter hat mehr als nur die Mühsal des Schneeschippens und Holzhackens zu bieten, er wird es auch dieses Mal schaffen! Langsam begreift er, dass die Angst nicht Winter, Eis und Schnee heißt, sie heißt Menschenwinter, Armut und Einsamkeit.

147 Wörter und ein Bild

36 Gedanken zu „Etüde 016 2019

    • Letztens las ich auf twitter einen Satz von Miku: „Genau betrachtet – Wenn ich es genau betrachte, bestimmt das Unberechenbare unser Leben mehr als alles, was wir so sorgfältig planen.“ Diesem Satz kann ich nur zustimmen und dahinein fällt auch meine Etüde – ja, es ist bedrückend!
      Dank dir und liebe Grüsse
      Ulli

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  1. Dein Wort „Menschenwinter“ für das Alter verpackt so viele Assoziationen, dass es die Beziehung zum Vogelflug ebenfalls mit viel mehr Vergleichen aufzufüllen vermag, als das Wort im eigentlichen Sinne transportiert.

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    • Es gibt ein sehr schönes Büchlein: „Zwei alte Frauen“ heisst es, daran musste ich bei dieser Etüde auch denken und seitdem gibt es für mich das Wort „Menschenwinter“.

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      • Inzwischen habe ich es im Web gesucht und mich erinnert, dass ich es damals, als Heyne-Neuerscheinung gelesen habe. In den Jahren waren archaische Roman-Themen ja gerade beliebt, ob indianische Frühzeit, Steinzeit oder zumindest Frühgeschichtliches. Ich hatte eine ganze Reihe dieser Art.
        Allerdings war dieses mir thematisch 1993 zu fern, da hatte ich gerade mein erstes Kind auf dem Arm.

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        • Das verstehe ich! Ich habe es erst vor ein paar Jahren gelesen und war sehr beeindruckt von der Willenskraft dieser zwei Frauen. Außerdem soll dieser Geschichte ja eine Tatsache unterliegen.

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  2. ich mag vor allem das Bild, die Etüde ist mir an diesem strahlenden Oktobertag zu düster. Ich will nix von Menschenwinter.wissen, puh! Nee, das Alter ist ein wunderbarer Lebensabschnitt, auch wenn es knirscht im Gebälk und das Ende absehbar ist. Oder vielleicht gerade deswegen.Liebe sonnige Grüße!

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    • Nun ja Gerda, du musst dir auch keine Sorgen um Armut und Einsamkeit machen und kannst deinen Menschenwinter geniessen, das ist aber lange nicht bei allen Menschen so!
      Das Bild finde ich im übrigen auch nicht gerade hell.
      Trotzdem gehe auch ich jetzt in die Sonne die Wäsche aufhängen, der Hochnebel lichtet sich laaangsaaam, aber die Wäsche wird dann wieder guuut riechen 🙂
      herzlichst, Ulli

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      • na schön, Wäscheaufhängen klingt gut. Im übrigen: Worum ich mir Sorgen machen muss, liebe Ulli, kannst du gar nicht wissen. Jeder hat seine eigene Sorgenküche. Und zwar in jedem Lebensalter. Der Held deiner Etüde hat für sich ganz richtig beschlossen, „mit allen Jahreszeiten zu schwingen“. Warum wirkt dann die Wendung zu „Lebenswinter“ so beklemmend? Ich wünsche dir einen freudigen Tag! Gerda

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        • Weil dort seine Ängste wohnen! Mensch muss ja erst einmal die Quelle seiner/ihrer Ängste aufspüren, um sich mit den Themen auseinanderzusetzen und vielleicht sogar die Ängste zu verwandeln.
          Nein, ich weiss nicht worüber du dich sorgst, das ist wohl wahr, meins bezog sich aber nur auf den Text und deinen Kommentar!
          Herzlichst, Ulli

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          • Nun ja, ich fand deine Formulierung „Nun ja, Gerda, du musst dir auch keine Sorgen um Armut und Einsamkeit machen und kannst deinen Menschenwinter geniessen, das ist aber lange nicht bei allen Menschen so!“ ein bisschen übergriffig und habe daher angeklopft. Das Bild ist auch nicht hell, das stimmt. aber es gefällt mir, es lässt mir genug Spielraum, um mich in die Spinnenweben-Gedankenwelt des alten Mannes hineinzuversetzen.

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            • Tut mir leid, wenn ich dir zu nahe getreten bin, das war nicht meine Absicht. Mir war dein Kommentar allerdings so wenig einfühlsam und auch nicht wertschätzend gegenüber den Menschen, die solche Ängste hegen.
              Das Bild ist eine Neuauflage, ich machte es schon einmal mit Gedanken an das Buch von Marquez: Hundert Jahre Einsamkeit.

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  3. Gefällt mir sehr, weil es ein Text aus einem Guss ist und nichts an den Haaren herbeigezogen um die Wörter unterzubringen. Ach, und das Bild ist ganz großartig, dieses Spinnennetz mit den zarten Farben *schwärm*

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  4. Einsamkeit ist ein arges Ding!
    Gestern hörte ich jemand (77) im TV davon sprechen, daß es immer noch besser ist, sich täglich ein wenig zu streiten, als völlig allein zu leben.
    Ich meine, er hat recht.
    Wenn es grundsätzlich nicht geht, ist es etwas anderes. Aber sich reiben gehört mit dazu.

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  5. hat nicht jeden seinen eigenen Menschenwinter? Er muß nicht einsam sein, aber die Gefahr besteht und ich denke oft darübrr nach, wie es sein wird – dann, wenn ich mich in meinem Menschenwinter befinde. Noch fühle ich mich im bunten strahlenden Herbst, der aber auch die kühlen Tage hat…
    Deine Etüde ist gut, liebe Ulli. Sie zeigt die Gedanken eines älteren Menschen, der sich mit dem noch Ältersein beschäftigt und überlegt, wie es sein wird und er ist ängstlich, wenn er darüber nachdenkt…

    Liebr Grüße in die Nacht von Bruni an Dich

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    • Ja, liebe Bruni, der Menschenwinter wird bei jeder und jedem Einzug halten, wenn sie/er wirklich alt wird, wie er dann aussehen wird ist von Mensch zu Mensch verschieden, hier wohnen ja auch noch andere Ängste als die benannten.
      Ich danke dir und grüße dich herzlich am Sonntagmorgen,
      Ulli

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  6. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 45.46.19 | Wortspende von „Meine literarische Visitenkarte“ | Irgendwas ist immer

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