Gedankenfäden 003

RoteFadenGeschichte 017

Gedankenfäden 003

-1-

Der rote Faden, der du einst gewesen bist, drohte mich zu strangulieren. Viele Quälgeister habe ich eingeladen und alle Männer waren Vater. Niemand ist mir je Vater gewesen. Ich bin mir über die Jahre Mutter geworden, es wird Zeit mir Vater zu sein. Liebevoll werde ich mich auf den breiten Schultern tragen, mich in die Luft werfen und wieder auffangen. Mit neuen Bildern und Worten werde ich mir die Welt erklären, meine kleine Hand in meine große legen, die mich führen wird – über Abgründe hinweg.

-2-

Nur er, der Ritter mit der blauschwarzen Rüstung, wußte was Leiden war. Nur er kannte Schmerz, er allein ist dem Tod von der Schippe gesprungen. Sie lachte ihr gluckerndes Lachen. Seine Rüstung, ein Narrengewand. Sie hat ihre Angst weggelacht. Verwundert schaut er ihr nach. Sie hat nur einmal Simsalabim geflüstert, da war er zu einem hässlichen Zwerg geschrumpft. Verlust und Schmerz ließ seinen Blick sterben. Sie tanzt jetzt für einen anderen.

-3-

Mitten im Strom hängengeblieben, im Gegenstrudel des Fürundwiders auf der Stelle tretend weitergegangen.

Eine Bewegung, erst klein, die Tür ist geöffnet. Es gibt kein Haus. Ein Bett unter einem trockenem Dach, das Winterholz hinter der Wand, geflüsterte Worte, du bist weit weg, es hat sich nichts geändert.

Bittere Frauen, ein Bänkelsänger, ein zugeklebter Mund, verstopfte Ohren, rollende Räder, weg von brennenden Scheiben, berghohe Feuer, keine Gefahr.

Weg weg, dichtes Dickicht, lose Worte, Los gekauft, Geld los, ein Loch in der Hosentasche. Den Ball eingelocht, schwere Verbrecher erbrechen Kaviar in goldene Schüsseln.

Drei Kammern: Altglas, Altpapier, Restmüll. Der ohne Obdach, am Bahnhof verlor die Mission, lehnt an der dritten Kammer. Toni Restmüll. Eiserne Besen fegen den Winter der Welt. Hitze und Dürre, verirrte Eisbären sterben vor vergoldeteten Türen.

Eiserne Bänder geflochten, bunte Bilder, bemühte Schönheit, gefütterte Freude, kein Prinz, viel Angst, kleine Hände graben nach Liebe.

Die Sonne scheint. Der Nachbar kotzt. Guten Morgen!

Es geht gut – es kann nicht gut gehen – gehen tut gut.

Wir ist auf die Fliesen gekracht. Eine Hand fegt Scherben. Das Herz gehalten. Eisenband. Kein Wagen, kein Heinrich. Flüsse fließen wieder. Steine und Wagen poltern über Kopfstein, Kopf und Stein, Stolperstein, Erinnerungen, Gedenken, an dich denken, Trauer, Frieden, Stille, Meer.

Bierdumpf ist auch so ein Wort. Dumpf überhaupt – Dampf, Qualm, Nebel, Rauch – bald Bahnhof, dann Flugzeug, dann weg.

39 Gedanken zu „Gedankenfäden 003

    • Liebe Soso, das ist eine sehr feine Resonanz auf meine Zeilen. Du nimmst das auf, wie ich es empfinde, alles ist immer da, der Schauder, wie die Freude, das Glück und das Unglück und immer liegt es nur an mir, wem oder was ich Gewicht gebe, was ich wirken lasse oder vorbeiziehen, ohne es zu ignorieren.
      Hab vielen Dank,
      liebe Grüße
      Ulli

      Gefällt 3 Personen

    • Guten Morgen, Tobias, die Fäden aufzunehmen und in sich weiterzuspinnen ist für mich ein großes Geschenk, mehr kann ich mir als Schreibende nicht wünschen.
      Mit dem genießen ist es gerade so eine Sache … sage ich es ganz pragmatisch: ich bemühe mich!
      Herzliche Grüße
      Ulli

      Gefällt 3 Personen

  1. Bei diesem Text möchte ich wieder bei jedem einzelnen Satz stehenbleiben und seine tief in der Seele und Geschichte wurzenden Bildern, seine Melodie, seinen.Rhythmus in mir wirken lassen. Du blätterst eine ganze Welt auf, oder besser; du bringst einen sehr eigenen schönen Gesang hervor, dem möchte ich lauschen, ihn nicht kommentieren. Liebe Grüße und sieh zu, dass es dir gut geht. Züge könnten sonst ohne dich abfahren, Flugzeuge ohne dich starten. Alles Liebe, Gerda

    Gefällt 4 Personen

  2. Ja, auch mir ist das Wort „STARK!“ gleich gekommen. Einmal spüre ich auf deinem Bild 2 2 Kräfte , einmal eine männliche in der Figur, die den Rücken kehrt und im roten Faden, der zur Flamme wird, noch gezügelt, aber schon hoch hinaus. Der Text macht trunken. Es ist ein Füllhorn an Gedankenspielen, Worten, Empfindungen, Erfahrungen, Ideen, inneren Bildern, überhaupt nicht „bierdumpf“ sondern voll lebendig, im Umbruch, tief einprägsam und berührend. Danke, Ulli!🦋🐞🦋

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    • Liebe Petra, nun ist es wieder an mir mich bei dir für diesen schönen Kommentar zu bedanken, für deine Sicht auf das Bild und zu meinem Text. Ich muss lachen, nein, bierdumpf ist dieser Text wahrlich nicht, zumal ich schon seit 4 Wochen keinen Schluck Bier mehr getrunken habe, was mir sehr gut tut. „Im Umbruch“ schreibst du und das trifft es absolut, denn ja, das bin ich, ich habe eine sehr große Entscheidung getroffen, zwar schmerzt sie auch, aber sie befreit mich außerdem.
      Deine blauen Schmetterlinge mit dem Marienkäfer berühren nun mich und auch ich sage noch einmal von Herzen Dank.
      Dir noch einen wunderschönen Abend,
      liebe Grüße
      Ulli

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  3. Ein Geflecht roter Fäden das uns aufrecht hält, liebe Ulli. Du hast sie gut bedacht und ich stürze mich in Deine Gedanken, die so vieles sagen, mutig und nie ängstlich sind, die nach Liebe rufen und dabei so vieles weckten, was sich bisher verbarg. Nicht nur kleine Hände graben nach Liebe, es sind auch die großen, die sich in eine Höhle schmiegen möchten, um hier Geborgenheit zu finden. Manchmal reißen Fäden und es ist mühevoll, Brücken zu bauen, um sich weiter bewegen zu können …

    Ganz herzlich, Bruni

    Gefällt 2 Personen

    • Manchmal will ich vielleicht auch einfach einen Faden baumeln lassen, liebe Bruni, und erst einmal keine Brücke mehr bauen.
      Hab vielen herzlichen Dank für deinen feinen Kommentar.
      Herzliche Grüße am Freitagabend,
      Ulli
      … und ich hatte echt Bammel diese Gedankenfäden zu veröffentlichen, jetzt frage ich mich schon, wieso eigentlich?! 😉

      Gefällt 2 Personen

      • Du bist halt weit nach vorne getreten, liebe Ulli, hast zwar leicht verborgen, aber Du hast uns Einblick gewährt und ich mußte schon ein bissel überlegen, bevor ich meinen Kommi schrieb *schmunzel*
        Liebe Gutenabendgrüße von Bruni

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        • Ich bin mir nicht so sicher, liebe Bruni, ob ich mehr nach vorne getreten bin als sonst, es sind eher die vielen verschiedenen Facetten, die auf die Lesenden einwirken.
          Für mich hat alles einen roten Faden 🙂

          Gefällt 2 Personen

  4. Liebe Ulli,
    Dein Bild und Dein Text dazu sind eine emotionale Achterbahnfahrt, die mich sehr berühren!
    Die Vergangenheit wird allzu oft wieder zur Gegenwart, mit zunehmenden Alter!

    Herzliche Grüße und Dir ein schönes Wochenende!

    Babsi

    Gefällt 2 Personen

    • Liebe Babsi, ich habe festgestellt, dass ich bei den Erinnerungen eine ganze Ära auslasse, wieso ist mir noch nicht klar, es ist keine Absicht, nur ein ist so. Ich bin die meiste Zeit im Hier und Jetzt, gerade auch wenn ich schreibe, dann ist der Start immer genau dort wo ich mich gerade emotional und physisch, gedanklich befinde, mit der Zeit webt sich dann das eine und andere hinein, ein bisschen Gestern, ein bisschen Morgen, denn insgesamt geht es mir ja darum vorwärts zu gehen, was allerdings seit einiger Zeit eine Art Hürdenlauf ist, manchmal ist es auch so.
      Hab vielen herzlichen Dank, dass du dich hast berühren lassen.
      Liebe Grüße
      Ulli

      Gefällt 1 Person

    • Das ist zumnidest meine Ausrichtung, ich will endlich vorwärts gehen und kommen, das hast du wohl gespürt und das freut mich sehr, Tom.
      Haben vielen Dank!
      Beste Grüße
      Ulli

      Gefällt 1 Person

  5. Und Du hattest mal geschrieben, Du könntest keine prächtigen Texte mehr schreiben?!
    Der Bann scheint gebrochen!

    Füllige, volle Worträder, die krachend und knubbend den Weg entlangrollen.

    Sei zu dir selbst wie ein gütiger Vater, ein Satz, der mir einiges bedeutet.

    Bierdumpfheit muß nicht schlecht sein. Ab und an abtauchen in dumpfen angedienten Frohsinn, das kann recht heilsam sein.

    Gefällt 1 Person

    • Genau darüber habe ich vorhin auch sinniert, Gerhard, ja, der Bann scheint gebrochen, aber pssst … lieber nicht so laut tönen 😉
      Toll, wie du den Faden aufgenommen hast: volle Worträder, krachend und knubbend, das sind alles klasse Wörter, die mich erfreuen, du siehst mich breit lächeln.
      Ja, das mit dem Vater bedeutet mir auch sehr viel, das hat auch noch ein Nachspiel, denn manches ist aktueller Prozess, anderes sind Erinnerungen.
      Ich mag schon auch manchmal ein, zwei Bierchen trinken, auch mal drei, nur wenn es dann zu oft hintereinander ist, dann werde ich wirklich dumpf und diesen Zustand mag ich gar nicht. Es ging auch mehr um das Wort …
      Hab herzlichen Dank,
      und noch einen schönen Abend, liebe Grüße
      Ulli

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