Gedankenfäden 001

RoteFadenGeschichte 009

Gedankenfäden 001

Ich habe mich dem Tag geschenkt, ich habe seinem Schnee beim Regnen zugeschaut. Die Werkstatt unter mir brummt und sägt, klopft und redet, manchmal Radiodudel – ich verschwinde hinter den Worten des aktuellen Romans.

Den Tag habe ich mit Literatur beschenkt, sein Himmel strahlt und tröpfelt im Wechsel. Recht und Unrecht – recht und billig – Meinungen bilden sich aus Informationen – das Jahrzehnt meiner ganz persönlichen Informationsüberflutung nähert sich seinem Ende, ein zweites soll es nicht geben. Das Leben ist zu kostbar, um in Flutwellen zu ertrinken! Ein wacher Geist braucht Bewegung und frische Luft, Stille, Wärme, ein Wort ab und an, ein Lächeln, eine Berührung.

Ich habe auch an dich gedacht. Nichts hat sich verändert. Heute Morgen saß eine Krähe und eine Taube auf dem kahlen Lindengeäst. Kein Zeichen, ein Sinnbild, wenn man Bildern einen Sinn geben will.

Selbstvorwürfe gehören in die Rubrik der schlechten Gewohnheiten. Gedanken wollen gesteuert werden, sonst stranden sie beim Ausufern. Logische Ketten ins Kinderhirn geflochten; erwachsen geworden ist es mit Entflechtungen beschäftigt, den roten Faden wiederzufinden, mich aus dem Labyrinth von Fremd und Selbst zu führen. Darüber habe ich mich dem Kind genähert.

Türme fielen, Prophezeiungen bewahrheiteten sich nicht, Verwünschungen und Flüche sind auf fruchtloses Land gefallen. Das Kind hat sich gefürchtet.

Springer zogen weiter. Einer hält sich für immer verborgen. Eine hat keine Telefonnummer hinterlassen – eine Episode mit tragweiter Fläche. Manchmal denken sie aneinander, ohne noch etwas voneinander zu wissen. Abgebrochen, abgeschnitten, durchgetrennt, entschieden an unsichtbarer Wegkreuzung, dort, wo sie sich einst zum ersten Mal begegneten.

Wieder entflieht Einer. Ich heiße das gut. Ich habe vermissen gelernt, nun muss ich nicht mehr warten. Ich habe mich in mir eingerichtet.

48 Gedanken zu „Gedankenfäden 001

  1. Hej Ulli! Dein Text gefällt mir sehr! Aber wie passt er denn zum Bild? Das gefällt mir auch sehr. Aber wie passen beide zusammen? Für mich ist der rote Faden das was mich durch und in meinem leben leitet und begleitet. Sicher auch ganz klassisch der Faden der mich, selbst oder (durch) andere, aus der Höhle wessen? rettet. Ich denke ich würde dein Bild um 90 Grad nach links drehen. Besonders gefiele mir dann das dicke Ende des roten Fadens, in welcher Form auch immer. Herzliche Grüsse aus dem roten Sonnenaufgang in der mit raureifbedeckten Dächern und Grasflächen gepuderten Gegend Ruth

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    • Liebe Ruth, erst einmal herzlichen Dank für deine Gedanken zum rotem Faden – ich sehe das nicht anders, wenn es um den roten Faden in meinem Leben geht, hier aber geht es um „Gedankenfäden“, davon gibt es, wie im Text zu lesen ist, verschiedene Stränge, alle haben aber einen Ursprung, sie kommen aus mir heraus.
      Hab es schön heute,
      Ulli, unter grauem Himmel mit Regen, der hochwillkommen ist, da es schon wieder zu trocken wurde.

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  2. Guten Morgen liebe Ulli! Du hast wundervolle Worte für ein schweres Thema gefunden und doch machen mir die roten Himmelswurzeln Hoffnung sich aus allem befreien zu können. Ich finde deinen Beitrag sehr inspirierend! Dir eine wunderbare Frühlingswoche ❤

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    • Guten Morgen, lieber Arno, Himmelswurzeln nennst du das Knäuel, das gefällt mir, danke dafür 🙂 – und ja, die einzelnen Fäden haben sich daraus befreit, auch wenn sie noch lose im Raum hängen, aber ich bin mir sicher, dass sie sich zu einem Zopf flechten lassen, was ich mit dem Text, der auch aus einzelnen Strängen besteht, versucht habe. Wenn ich dich nun damit inspirieren konnte, dann freut mich das ungemein.
      ❤ liche Grüße
      Ulli

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  3. Dieser erste Gedankenfaden lässt mit der 001 auf weitere hoffen. Liebe Ulli, du kommst meinen eigenen Fäden, die ein nebelgewebe bilden, sehr nahe, bist aber wohl schon ein Stück weiter. Vielleicht ist das auch eine Materialfrage – Wollfilz räumt halt mehr als Nebelfäden? Jedenfalls finde ich deinen roten Faden wunderbar, schön, dynamisch und klug.
    Und recht hast du: „Das Jahrzehnt … (der) Informationsüberflutung … ein zweites soll es nicht geben. Das Leben ist zu kostbar, um in Flutwellen zu ertrinken!“

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    • Ja, liebe Ule, es werden noch andere Gedankenfäden folgen, manche klar, manche sehr filigran und auch noch etwas duffus oder neblig, wie du es nennst, aber immerhin haben sie schon Worte gefunden und Sätze gebildet 🙂
      Danke für dein Lob, ich freue mich sehr darüber.
      Zur Informationsflut, ich habe mein Verhalten am PC schon etwas ändern können, ich lese wirklich nur noch das, was mich wirklich interessiert, auch in Bloghausen, es tut mir gut!
      Liebe Grüße
      Ulli, heute vom Regenberg

      Gefällt 3 Personen

  4. Liebe Ulli, das Jahrzehnt der Informationsüberflutung fühlen wir wohl irgendwie alle. Ich hab vor 12 Jahren meine Uhr abgelegt, aber das hat nicht gereicht, das Chaos findet auch einen anderen Weg. Danke für diesen wunderbaren Text, der wie ein Geschenk in meinen Tag springt. Die Arnoschen Himmelswurzeln müssen wohl kein Zopf werden, sie können auch Tentakel des Spürsinns sein. Hab eine gute Zeit, herzlichst Petra

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    • Liebe Petra, guten Morgen!
      „Tentakeln des Spürsinns“, das gefällt mir aber auch sehr, Herzensdank dafür 🙂
      Es ist wahrlich nicht leicht sich der Informationsflut zu entalten, aber ich habe zumindest damit begonnen nur noch das zu lesen, was mich im Moment anspringt und/oder wirklich interessiert, gegen den Gedankenmüll! Es kann wohl nur jede und jeder für sich selbst sortieren und entschleunigen, der Zeitgeist will rasen und oberflächliche Informationen in die Welt fluten …
      Hab herzlichen Dank für deins.
      Liebe Grüße
      Ulli

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  5. Es ist einigermaßen schwierig, sich der Informationsüberreizung zu entziehen, wenn man nicht in kontemplativer Weltabgeschiedenheit dem weltlichen Rumoren entfliehen will.
    Gut, den eigenen roten Faden zu kennen, ja.
    Im vergangenen Jahr sah ich in der Kunsthalle Bielefeld eine Video-Performance: Eine junge Frau mit einem roten Strickkleid wandert um einen Baum. Während sie um den Baum geht, ribbelt sich ihr rotes Kleid vom Saum her auf und wickelt sich um den Baumstamm. Solange, bis das rote Kleid sich ganz aufgelöst hat. Darunter kommt ein schwarzes Kleid zum Vorschein.
    Du sprichst von Gedankenfäden, noch etwas anders.
    Liebe Grüße von
    Amélie

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    • Oh, diese „Performance“ sehe ich direkt vor mir und erinnert mich an eine „Draußenübung“ während meiner Ausbildung zur Prozessbegleiterin, damals ging es um Schuld, ich verbrannte ein schwarzes Papierkleid, übrig blieb ein weißes …
      was du beschreibst geht aber nochmal in eine andere Richtung, ich denke an die archaische Aufteilung der Frau in drei Phasen, die weiße, die rote und die schwarze Zeit, da wandelt sich das weiße Kleid der Unschuld in das rote Kleid des vollen Lebens hin zu dem schwarzen Kleid des Alters – ich mag dieses Sinnbild, auch wenn ich selbst andere Assoziationen zu meinem Alter habe.
      Gedankenfäden, das sind eben unterschiedliche Gedanken, die ich zu einem Text zusammenfasse, deren Enden aber noch lose im Raum hängen, andere haben schon Gewicht.
      Zur Informationsflut schrieb ich gerade einiges an Ule, vielleicht magst du dort noch lesen?
      Hab Dank für deins,
      herzliche Grüße
      Ulli

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      • Deine Performance klingt auch spannend! Und so unterschiedlich sind die Impulse, die diese Performances in mir selbst auslösen, noch anders als Deine, impressionistischer, weniger auf „die Frau“ bezogen, eher identifizierend mit meinem Leben. Die junge Frau in dem roten Ribbelkleid am Baum hat mich sehr berührt und bewegt. Neben ihr befand sich „Der Schmerz“, eine Skulptur von Auguste Rodin, die ich ebenfalls sehr mag und die mir inzwischen eine liebvertraute Bekannte ist. Um diese Frau herum tobte das Leben in einem Park. Ein Hund bellte, lief um sie herum, Leute gingen vorbei, blieben nicht stehen. Sie lief unbeirrt um ihren Baum und ihr Kleid wurde immer kürzer, verschwand. Ich sah ein Leben: eines, das sich nur um den Stamm dreht und das sich daran fest gebunden hat und wie es vergeht ohne das „Draußen“ wahrzunehmen und ich erkannte den Verlust der Lebenszeit in der Fokussierung auf ein Bestimmtes Detail, sei es nun eine Familie, ein Beruf oder etwas anderes. Das schwarze Kleid erschien mir wie ein Trauerkleid, die Erkenntnis: nun ist mein Leben vorbei und ich hatte nichts Besseres zu tun als meinen roten Lebens-Faden um einen Baumstamm zu wickeln, immer stoisch in die Runde gehend und keinen einzigen Blick verschwendend an das, was es in der Welt noch so gibt. Nun die weitere Frage, die sich mir stellte: Hätte das Kleid sich auch aufgeribbelt, wenn sie den Faden durchtrennt hätte und sich mit dem Kleid in die Welt gewandt hätte? Und warum soll sie kein rotes Kleid als eine alte Frau tragen? Sollte das Kleid des Alters nicht gerade rot sein? Um den versammelten Reichtum gelebten Lebens in einer Farbe zu zeigen, die für das Leben selbst steht?
        Ganz ganz lieben Dank für Deine Gedankenfäden und bitte entschuldige, ich habe gerade selbst ein längeres Fädchen gesponnen und mich etwas ausgebreitet in meinem Kommentar.
        Nun lese ich Dich bei Ule.
        Lieben Gruß und Dank von Amélie

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        • Danke für deinen eigenen Gedankenfaden. Ja, ich finde auch, dass alte Frauen ruhig rote Kleider tragen sollen, ich erinnere mich an die alte Dame im rotem Kostüm im Arp-Museum, ich war ganz vernarrt in ihren Anblick und in ihre stille Art die Werke zu betrachten, einmal lächelten wir uns auch an und da ging die Sonne auf. Das Schwarz der Trauer in unseren Breiten kann immer Raum haben, ob jung oder alt, Trauer ist nicht vom Alter abhängig, so, wie man ja auch im Alter noch mopsfidel sein kann.
          herzliche Grüße zum Zweiten an dich, Ulli

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        • danke, Amelie, für dieine beiden Kommentare. Eine solche Permormance – die jaauch eine Vorphase hat: das Stricken des Kleides! – kann tief therapeutisch auf die Künstlerin wirken und die wirklich Zuschauenden – so wie du – zu sehr wichtigen lebensverändernden Gedanken führen.

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          • Liebe Gerda,
            Du sprichst an, was mir noch so an Fragen durch den Kopf treibt: wer strickte das rote Kleid der Künstlerin?
            Sie selbst oder war es jemand anderes?
            Es würde wiederum die Perspektive entscheidend verändern.
            Verstrickte Angelegenheit, diese Kunst.
            Lieben Dank, sagt Dir Amélie

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  6. Liebe Ulli, wiedereinmal bewundere ich deine Sprachkraft. Sie kommt federleicht daher und geht geradewegs ins Herz. Das ist Poesie pur. Schreib weiter, lass dich nicht ablenken. Das ist D e i n e s. Ganz herzlich grüßt Marie

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    • Ui, danke, liebste Marie für diesen Zuspruch! Ich selbst bin froh, dass ich gerade wieder schreiben kann und mir, wenn ich dann in die wortlosen Zeiten rutsche, auch die Bilder habe!
      Liebe Grüße
      Ulli

      Gefällt 1 Person

  7. Das rote-Faden-Bild, das sehr ausdrucksstark ist, hält mich gefangen. Ich betrachte es, deute es. Dein Text hat soviele Anfänge wie Enden. Ich bleibe bei dem Faden, der mir der dicke rote zu sein scheint: „Gedanken wollen gesteuert werden, sonst stranden sie beim Ausufern. Logische Ketten ins Kinderhirn geflochten; erwachsen geworden ist es mit Entflechtungen beschäftigt, den roten Faden wiederzufinden, mich aus dem Labyrinth von Fremd und Selbst zu führen. Darüber habe ich mich dem Kind genähert.“

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  8. Liebe Ulli, der rote Faden zeigt es so deutlich, scheinbar ein willdes Durcheinander, ein wildes Umeinandergeschlungensein, das doch feine Formen bildet und mir haltbar scheint. Nichts Abgerissenes dabei, manche Fäden sehr dünn und kaum zu sehen, aber sie gehören dazu. Eine Einheit, wenn man genau hinsieht, versucht, hinter den Faden zu sehen und dann am Ende das, was ich vermutete,
    Du schaufelst Dich frei, Dein letzter Absatz, liebe Ulli, die Quintessenz, und der letzte Satz
    *Ich habe mich in mir eingerichtet* und ich reiche Dir meine Hand, weil ich es so gut verstehe

    Ganz herzlich, Bruni aus einem ziemlich trüben Morgen

    Gefällt 3 Personen

  9. Ein wunderbares Bild der Gedanken beschreibst du, eines das lebendig ist und bewegt und sich verändert… was gut ist, denn Starre wäre erdrückend. Und einmalig schön, dein Abschluss: ich habe mich in mir eingerichtet. Ich sehe in Dir die roten Fäden sich setzen und ruhen… Liebe Grüße. Priska

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    • Liebe Priska, mir gefällt, dass du von „den roten Fäden“ sprichst – so ist mein persönliches Empfinden, dass es eben nicht nur einen roten Faden in meinem Leben gibt, dass sich aber die verschiedenen Fäden, mögen es drei oder sieben sein, zu einem dicken Zopf flechten lassen. Damit bin ich schon seit einer Weile beschäftigt.
      Hab Dank für deins,
      liebe Grüße
      Ulli

      Gefällt 1 Person

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