Etüde 003 2019

Ja.

Ja, ich bin eifersüchtig. Hannah sagt es laut. Hannah spürt nach. Das innere Feuer knistert noch, es lodert nicht mehr.

Noch einmal.

Ja.

Ja, ich bin eifersüchtig. Das Feuer ist zu vielen schwarzrot glimmenden Holzkohlestückchen verbrannt.

Noch einmal.

Ja.

Ja, ich bin eifersüchtig. Hannah sieht Asche, sie spürt ihre Restwärme. Gut. Sie verlässt den Platz. Ihren Platz, unter einer Gruppe Birken, auf einer Magerwiese mit Felsen, ohne Vieh.

Jetzt bloß nicht stolpern! Das wäre ein schlechtes Ohmen. Hannah wird jetzt ohne Winterreifen über die zwei Zentimeter Neuschneedecke Nachhause fahren. Sie wird dreißig, dreißig, dreißig singen, ihr Wintereinbruchmantra, mit dem sie noch immer heile hin und her gekommen ist.

Soll er doch laufen oder bei Linda schlafen! Sie ist ja sowas von interessant und klug … zack, Hannah stolpert. Sch-sch-sch … Hannah schreit:

Ja verdammt!

Ja, ich bin eifersüchtig. Unglaublich wie still die Welt sein kann! Hannah gleitet Nachhause.

149 Wörter



geschrieben für das abc Etüden Projekt von Christiane, mit drei Wörtern, die dieses Mal Petra Schuseil gespendet hat → https://365tageasatzaday.wordpress.com/2019/02/03/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-06-07-19-wortspende-von-petra-schuseil/comment-page-1/


Da ich ab heute am späten Nachmittag wieder auf dem alten Berg ohne Internet sein werde, kommen meine Antworten auf spätere Kommentare erst ab Sonntagabend.

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28 Gedanken zu „Etüde 003 2019

  1. Man kann sich auch selbst fertigmachen, und ich bin nicht sicher, ob sie das nicht tut. Aber auch wenn sie es nicht tut, ist es keine Freude zu sehen, dass der geliebte Mensch den eigenen Ansprüchen nicht genügt.
    In so einer Situation das Richtige zu tun ist schwer … gibt es das, das Richtige?
    Komm gut auf den alten Berg und wieder zurück und hab Spaß …
    Liebe Grüße
    Christiane

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    • -M- ich verstehe die Etüde ganz anders, liebe Christiane, sie fußt auf meiner Erfahrung, dass sich Gefühle durch ein JA wandeln können, was nicht passiert, wenn man gegen sie ankämpft – nur scheint hier die Eifersucht sehr groß zu sein, sodass sie erst noch stolpern und schreien muss, bevor wirklich Ruhe einkehrt.
      Wir wissen nichts über die Beziehung an sich und ob er ihren Ansprüchen genügt oder nicht, nur dass sie eifersüchtig auf Linda ist, ob berechtigt oder nicht bleibt auch offen.
      Nun aber zu deiner Frage, ist es denn nicht müßig immer wieder nach Richtig oder Falsch zu fragen? Ich frage mich lieber: fühle ich mich jetzt wohl oder nicht und wenn nicht, warum nicht, kann ich es ändern oder ist es jetzt einfach so?
      Liebe Grüße
      Ulli

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      • Ja, sich selbst zu akzeptieren bringt immer etwas, liebe Ulli, schon klar, aber das habe ich in deiner Etüde nicht entdeckt, irre ich mich?
        Ja, meiner Erfahrung nach sucht jede/r nach dem für ihn/sie „Richtigen“, aber ich bin weit davon entfernt, ein absolutes „Richtiges“ anzunehmen, ich muss das wohl immer wieder dazu schreiben. „Lösung“ wäre neutraler, ich finde das nur so schwammig.
        Ja, ich lese die Etüde anders als du, eindeutig. 😉

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  2. Eifersucht ist eine Erfahrung, die vielleicht manchem noch so vermeintlich beziehungeerfahrenen Menschen zu erleben und vor allem sich einzugestehen noch gefehlt hat, statt dieses Empfinden um des eigenen Selbstwertgefühls willen einfach abzukapseln und zu ignorieren – so liest es sich für mich. Beinahe hätte es auch ein Kind oder Hund sein können, der zum „Sitten“ bei Linda war und auf ihrem Sofa bleiben wollte, so gelungen offen hast du es geschrieben.
    Als ich das erste Mal geheiratet habe, war es gerade eine befremdliche Mode, Paaren das Buch „Die offene Ehe“ von den O’Neills zu schenken. Die somit tabuisierte Eifersucht hat vermutlich einigen Menschen mehr Minderwertigkeitsgefühle wegen ihrer vermeintlichen Kleinlichkeit gebracht, als es ein offenes Eingeständnis von Eifersucht angesichts unüberlegten Verhaltens eines Partners jemals vermocht hätte.

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  3. Toll, was du da aus den drei Stichwörtern gemacht hast, Ulli! Als Lehrer hatte ich oft meinen Schülern ein paar zusammenhanglose Wörter gegeben und sie dann zum Schreiben einer interessanten Geschichte animiert. Da kamen ganz tolle Sachen zustande. Viele liebe Grüße aus dem eiskalten Kanada!

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    • Oh stimmt ja, lieber Peter, ihr habt ja jetzt die Eiseskälte … ich hoffe es ist in der Stube alles gut?!
      Ich mag das „Spiel“ mit den 3 Wörter in einer Geschichte mit maximal 300 Wörtern auch gerne, mir fällt nicht immer etwas ein und ich bin auch anscheinend keine Fortsetzungsgeschichtenfrau, muss ja auch nicht, die lese ich dann bei den anderen Teilnehmer*innen 🙂
      Herzliche Grüße und immer warme Füße wünscht dir
      Ulli

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  4. ich las die Etüde anscheinend noch mal anders : als Infragestellung der Methode der Selbstbeschwörung. Da gibt es Fakten – Hannah ist eifersüchtig, und sie weiß es, und sie leidet darunter. Nun versucht sie eine Selbstbeschwörung, indem sie die Tatsache der Eifersucht anerkennt, aber zugleich den Schmerz, den ihr die vermeintliche Untreue des Mannes bereitet, nicht zu spüren. Sie möchte sich selbst dazu bringen, die emotionale Färbung ihres eigenen Gefühls zu beseitigen. Sie will ihr Gefühl gefühllos machen. Das kann nur zum Stolpern führen, denn es ist ein Widerspruch in sich selbst.
    Hinzu kommt, dass sie zwischen Selbstbeschwörung und Aberglauben schwankt, also sowohl innere als auch äußere Hilfsquellen gegen ihre Eifersuchtsqualen zu Hilfe ruft. Diese Mischung scheint mir wirklich höchst fraglich. Hilft es, 30 30 30 zu singen, dann braucht sie keine Einsicht.

    Gefällt 2 Personen

    • Vielleicht weiß ja Hannah, dass ihre Eifersucht grundlos ist und versucht von daher alleine einen Weg zu finden, dass die Eifersucht nicht sie reitet, sondern sie die Eifersucht! Im Ja, liegt die Anerkennung des Gefühls, nicht das „Wegmachen“. Meine Erfahrung ist, dass ich mit einem Ja zu einem Gefühl ihm die Spitze nehme und dann weiterschauen kann.
      Das Ohmen ist tasächlich eine Art äußere Hilfestellung, ich habe noch darüber nachgedacht es wegzulassen, aber nun steht es eben da und wir können sehen, dass sie unsicher ist. Im Ohmen sucht sie eine Bestätigung, die sie sich selbst anscheinend nicht geben kann. Aber in dem Moment als sie dann wirklich stolpert, kann sie ihren Schmerz rausschreien und dann ist die Welt plötzlich still und sie kann Nachhause schlittern. Klar, ist das leichtsinnig! Da hat sie der Neuschnee überrascht. Aber das habe ich nicht geschrieben -m-
      Danke Gerda, ich sehe durch deinen Kommentar wo ich ungenau geblieben bin, auch wenn ich gerne offene Räume in meinen Geschichten lasse, muss ich also noch schauen, wo sie angebracht sind und wo dann ein bisschen mehr die Lesenden in die Richtung führt, die in mir klar ist.
      herzliche Grüße
      Ulli

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  5. Ich erkenne vor allem die Eifersucht, zu der sie sich endlich bekennt und mit der sie nun klarzukommen sucht.
    Wie ist noch unklar. Ist in Arbeit 🙂 Steckt nicht in manchem, was wir als Omen betrachten wollen, eine Portion Urglaube? Ist das schon Aberglaube? Das Erkennen der Eifersucht ist meiner Meinung das, worum es Dir geht, oder?

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    • Liebe Bruni, mir ging es vor allen Dingen bei diesem Text darum, dass man zu seinen Gefühlen JA sagen soll, statt sie zu negieren. Gerade Eifersucht ist ja relativ verpönt und es kostet Kraft sie bei sich selbst zuzulassen, der Umgang damit ist dann ein weiterer Schritt und allem voraus geht selbstredend die Erkenntnis.
      Was nun ein Ohmen angehet, das kann man in die Ecke des „Aberglaubens“ packen, wohin es auch oft gehört und doch gibt es eben auch manchmal Zeichen, Intuitionen, die dann nicht weggeschoben gehören – also ein sowohl-als-auch.
      Herzliche Grüße
      Ulli

      Gefällt 1 Person

    • Natürlich können Gefühle, die man nicht zu sich nimmt und nicht hinterfragt krank machen, aber zunächst gilt es sie anzunehmen. Vielleicht ist noch wichtig hier zu sagen, dass ich nicht immer nur von mir selbst schreibe oder auch von Prozessen, die lange her sind.
      herzlichst, Ulli

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    • Ich find es wichtig, dass man zu seinen Gefühlen steht, egal was gesellschaftlich gerade kursiert. In meinen jungen Jahren war es verpönt eifersüchtig zu sein, zu dumm, also, wenn man sich dann dabei erwischte.
      Hab herzlichen Dank.
      Liebe Grüße
      Ulli

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  6. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 08.09.19 | Wortspende von wortgeflumselkritzelkram | Irgendwas ist immer

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